Entscheidungshandeln im Fußball Von der Theorie zur Praxis 1

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1 Collegium generale der Universität Bern Am Ball die Euro 08 im Spiegel der Wissenschaften Vorlesungsreihe im Frühjahrssemester 2008 Prof. Dr. Oliver Höner Tübingen, März 2008 Institut für Sportwissenschaft Eberhard Karls Universität Tübingen Entscheidungshandeln im Fußball Von der Theorie zur Praxis 1 (Redemanuskript zum gleichnamigen Vortrag am 9. April 2008 im Rahmen der interdisziplinären Vorlesungsreihe Am Ball - die Euro 08 im Spiegel der Wissenschaften des Collegium generale der Universität Bern) 1 Dieses Redemanuskript wurde bereits in vergleichbarer Form an anderer Stelle publiziert: Höner, O. (2007). Entscheidungshandeln im Fußball Von der Theorie zur Praxis. In F. Hänsel (Hrsg.), Sportpsychologie zwischen Fußballweltmeisterschaft und Olympischen Spielen (S ). Darmstadt: IfS.

2 1. Einleitung Alltagsbeobachtungen von Fußballspielen zeigen es immer wieder: Neben technischen Fertigkeiten und konditionellen Fähigkeiten sind im Fußball kognitive Fähigkeiten im Rahmen individualtaktischer Entscheidungshandlungen leistungsrelevant und häufig sogar spielentscheidend. Die Fähigkeit, unter dem hohen Zeitdruck des Fußballspiels im richtigen Moment die richtige Entscheidung zu treffen, ist zweifellos eine unabdingbare Eigenschaft eines herausragenden Fußballspielers. Offensichtlich besitzt nicht jeder Spieler diese Eigenschaft. So lassen sich im Fußball häufig Situationen beobachten, die sowohl beim Zuschauer als auch bei den Mitspielern Ärger und Unverständnis hervorrufen: Wer kennt nicht die Situationen, in denen ein Spieler nach einem Dribbling erfolglos auf das Tor schießt, obwohl zum Zeitpunkt des Torschusses ein Mitspieler deutlich besser postiert war? Diese und vergleichbare Unzulänglichkeiten im taktischen Entscheidungshandeln eines Spielers lassen sich häufig aus dem praktischen Alltagswissen heraus erklären, z.b. könnte ein übertriebener Egoismus des Spielers oder seine (technische) Überforderung in der komplexen Spielsituation eine Ursache für das Verhalten sein. Ziel des vorliegenden Beitrags ist die wissenschaftliche Analyse des Entscheidungshandelns im Fußball auf Basis theoretischen Wissens. Diese Perspektive soll nicht zum wissenschaftlichen Selbstzweck, sondern mit der Zielsetzung der späteren Übertragbarkeit in die Praxisperspektive eingenommen werden. Vor diesem Hintergrund gilt es, zunächst das hier problematisierte Entscheidungshandeln als Teilaspekt der Spielleistung im Fußball einzuordnen. Den in Sportspielhandlungen gezeigten Leistungen liegen nur indirekt beobachtbare Faktoren der Spielfähigkeit zu Grunde. Die Spielfähigkeit ist die komplexe Fähigkeit, eine Vielzahl psychischer und physischer Fähigkeiten sowie Fertigkeiten unter taktischen Aspekten so zu verbinden, dass die Wettspielaufgaben optimal gelöst werden (Hohmann, 1985, S. 72f.). Sie basiert auf den Komponenten Technik, Kondition und Taktik, von denen im Folgenden explizit die individualtaktischen Verhaltensweisen von Spielern analysiert werden. Diese Analyse wird anhand einer Beispielhandlung veranschaulicht, bei der ein Spieler mit dem Ball aus halbseitlicher Position in den Strafraum dribbelt und eine möglichst erfolgreiche Spielfortsetzung anstrebt. Der Spieler hat verschiedene Optionen, v.a. den weiteren Alleingang mit Torabschluss oder den Pass in die Mitte zu einem mitgelaufenen Angreifer. Für das im Beispiel gezeigte Verhalten Alleingang mit Torabschluss (vgl. Abb. 1) hat der Spieler im Vorfeld seiner motorischen Aktion eine individualtaktische Entscheidungshandlung zu vollziehen, die als kurzfristiger, situationsbedingter 1

3 Problemlöseprozess zur optimalen Nutzung der eigenen motorischen und psychischen Voraussetzungen verstanden wird (Roth, 1991). Auf einer tieferen Erklärungsebene liegen einer Entscheidungshandlung kognitive Faktoren wie Antizipation, Wahrnehmung und Gedächtnis zu Grunde, die vor allem die Prozesse der Informationsaufnahme und -verarbeitung in Sportspielhandlungen beeinflussen. Da in Sportspielen die visuelle Information den größten Einfluss auf das Entscheidungshandeln besitzt, konzentriert sich die kognitionspsychologisch orientierte Sportspielforschung auf die Untersuchung visueller Prozesse (z.b. Williams, Janelle & Davids, 2004). Dies gilt auch für diesen Beitrag, wobei zu berücksichtigen ist, dass in der Praxis auch non-visuelle Informationen (z.b. Zurufe) das Entscheidungshandeln beeinflussen. Wie die paralympischen IBSA- Spielsportarten 2 Goalball oder Five-a-side Football zeigen, können Sportspiele von Menschen mit Sehschädigung sogar völlig ohne visuelle Informationen gespielt werden. Diese Änderung des handlungsregulierenden Informationskanals ist nicht nur für die Praxis, in der an die Informationsaufnahme angepasste taktische Verhaltensweisen einstudiert werden, sondern auch für die Forschung zur Entwicklung einer visuo- bzw. audiomotorischen Leistungsdiagnostik von grundlegender Relevanz (Hermann, Höner & Ritter, 2006). Den Entscheidungshandlungen sowie den damit einhergehenden kognitiven Prozessen wird insbesondere bei technisch und konditionell bestens ausgebildeten Spielern im Spitzensport eine hohe Bedeutung für die Spielfähigkeit im Fußball zugemessen (Abernethy, 1999, S. 132). In der Praxis wird die Schulung dieser für die Taktik grundlegenden Fähigkeiten allerdings vernachlässigt bzw. nicht explizit in der Trainingsplanung berücksichtigt. So resümiert Konzag (1997, S. 57f.): Kognitive Komponenten bestimmen in Verbindung mit der Aufmerksamkeit ganz wesentlich die psychische Regulation der Handlungen des Sportspielers und damit auch seiner Spieltätigkeit und Leistung. [...] Die Entwicklung solcher leistungsbestimmender Funktionen wie Wahrnehmungsfähigkeit, Antizipation, taktische Entscheidungsfähigkeit, Aufmerksamkeitsverteilung und -konzentration, die Entwicklung der Geschwindigkeit und Exaktheit dieser Prozesse wird mehr oder weniger dem Selbstlauf, dem Zufall, überlassen. Als Konsequenz daraus sind dem taktischen Entscheidungshandeln gegenüber den bereits gut erforschten konditionellen und technischen Bereichen sowohl in der Theorie als auch in der Praxis besondere Entwicklungsmöglichkeiten zuzuschreiben und ist seine weitere Erforschung zu fordern. Eine solche Erforschung erfolgt in der Sportwissenschaft auf Basis von Theorien, die der Sportpraxis ein differenzierteres Wissen zur Verfügung stellen sollen. Von den 2 International Blind Sports Federation (www.ibsa.es) 2

4 Theorien erhofft sich die Wissenschaft eine Integration und Systematisierung vorhandener Erkenntnisse, eine Vereinfachung der Komplexität der Praxis und die Schärfung des Blicks auf bestimmte Details des untersuchten Gegenstands, während andere Aspekte bewusst oder unbewusst außer Acht gelassen werden (vgl. Willimczik, 2003). Diese spezifische Perspektive wird in einer interdisziplinären Sportwissenschaft zunächst durch die beteiligte Mutterdisziplin geprägt. In diesem Beitrag wird eine psychologische Perspektive zur theoretischen Rekonstruktion von Entscheidungshandlungen im Fußball eingenommen. Hierzu werden aktuelle Forschungsansätze im Lichte eines Grundmodells psychologischer Verhaltenserklärung eingeordnet (vgl. 2). Danach wird konkreter einem Teilproblem des Entscheidungshandelns nachgegangen, das sich auf die Bereitschaft zur Informationsaufnahme bezieht. Für die Informationsaufnahme im Entscheidungsprozess eines Spielers lässt sich ein Abschirmungs-Unterbrechungs- Dilemma (Goschke, 1997; Höner, 2006) feststellen, da Spieler einerseits offen für Situationsveränderungen sein sollen, aber andererseits ihre Aufmerksamkeit auch auf die aktuelle Handlungsausführung konzentrieren müssen. Vor dem Hintergrund dieses Dilemmas werden theoretische Annahmen und eine empirische Studie skizziert, die Informationen über den Verlauf und Möglichkeiten der Manipulation der Informationsaufnahmebereitschaft bieten (vgl. 3). Auch wenn mit diesen neuen Erkenntnissen keine endgültigen Problemlösungen für die Praxis generiert werden können, soll daran anschließend mit Hilfe des erzeugten theoretischen Hintergrundwissens der Theorie-Praxis-Transfer über exemplarische Trainingsformen hergestellt werden (vgl. 4). 2. Rekonstruktionen von Entscheidungshandlungen im Fußball über psychologische Theorien 2.1 Ein Grundmodell psychologischer Verhaltenserklärung Für eine sportpsychologische Betrachtung des relevanten Leistungsfaktors Entscheidungshandeln im Fußball kann zunächst festgestellt werden, dass die Sportpsychologie im Vergleich zu früheren Jahrzehnten in der Sportpraxis an Bedeutung gewonnen hat. Speziell in der Sportart Fußball ist die Sportpsychologie derzeit en vogue : Als ein äußeres Zeichen hierfür kann die positive Resonanz der sportpsychologischen Betreuung der Fußball-Nationalmannschaft nach der WM angesehen werden. Andersherum ist auch die Sportart Fußball für die Sportpsychologie derzeit von großem Interesse; so widmete z.b. die Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie (asp) ihre Jahrestagung im WM-Jahr

5 explizit sportpsychologischen Fragestellungen im Fußball (Tagungsthema Elf Freunde sollt Ihr sein! ; vgl. Halberschmidt & Strauß, 2006). Der Gegenstandsbereich der Sportpsychologie im Fußball bezieht sich auf Ursachen und Wirkungen der psychischen Prozesse, die sich in einem Spieler vor, während oder nach dem Fußballspiel abspielen. Typische Fragestellungen hierzu lauten (vgl. allgemein für die Sportpsychologie Nitsch, Gabler & Singer, 2000): Was geht eigentlich in uns vor, wenn wir Fußball spielen? Warum verhält sich ein Spieler in einer bestimmten Art und Weise? Wie handelt ein Spieler auf dem Feld? Wie wirken sich das Fußball spielen oder einzelne Handlungen im Fußballspiel auf ein Individuum aus? Wie kann man ein Geschehen im Fußball systematisch beeinflussen? Zur Bearbeitung solcher und weiterer Fragestellungen werden in der Psychologie zahlreiche Theorien angewendet, die nicht immer miteinander kompatibel sind. Ein bezüglich der spezifischen psychologischen Theorien neutrales Ordnungsraster haben Nolting und Paulus (1999) vorgelegt. Es kann als ein Grundmodell psychologischer Verhaltenserklärung angesehen werden und lässt sich sehr anschaulich auf sportspezifische Handlungen wie das Entscheidungshandeln im Fußball übertragen. Abbildung 1 stellt das Modell für die Beispielhandlung dar: Der Spieler im hellen Trikot ist im Ballbesitz, dribbelt aus halbseitlicher Position in den Strafraum hinein und strebt eine möglichst erfolgreiche Spielfortsetzung an. Hierzu kann er zwischen verschiedenen Optionen auswählen, z.b. dem weiteren Alleingang mit Torabschluss oder dem Pass in die Mitte zu einem mitgelaufenen Angreifer. In der dargestellten Abbildung entscheidet sich der Spieler für den eigenen Torabschluss. 4

6 Verhalten Personale Dispositionen (z.b. Expertise im Entscheiden) Aktuelle innere Prozesse (z.b. Wahrnehmungs- und Entscheidungsprozesse) Situative Bedingungen (z.b. Zuruf eines Mitspielers) Veränderungsprozesse (z.b. Entwicklungsbedingungen als Straßenfußballer) Abb. 1: Das Verhalten eigener Torabschluss nach Dribbling in den Strafraum aus halbseitlicher Position und eine interpretative Anwendung des psychologischen Grundmodells zur Erklärung des Verhaltens sowie des vorausgehenden Entscheidungsprozesses (stark vereinfacht nach Nolting & Paulus, 1999, S. 99) 3 Es stellt sich die Frage, welche psychologischen Aspekte zu diesem Verhalten geführt haben können. Hierzu zeigt das Grundmodell mit vier Aspekten des psychischen Systems die Grundkomponenten einer psychologischen Verhaltenserklärung auf: Zunächst sind aktuelle innere Prozesse wie die Wahrnehmung, das Denken, das Entscheiden oder die Motivation und Volition zu beachten. In der Beispielhandlung interessieren v.a. die Wahrnehmungs- und Entscheidungsprozesse des Spielers während seines vorangegangenen Dribblings. Diese aktuellen inneren Prozesse sind eingebettet in einen Person-Situation-Bezug, so dass die situativen Bedingungen und die personalen Faktoren ebenfalls als wichtige Aspekte der psychologischen Verhaltenserklärung anzusehen sind. In dem Beispiel können die situativen Bedingungen z.b. durch das Abwehrverhalten der Gegenspieler, durch das Freilaufverhalten der Mitspieler oder auch durch einen Zuruf 3 Bildanachweis: (Sreenshot der SWR-Sendung ODYSSO Wissen entdecken vom ) 5

7 eines anspielbereiten Mitspielers geprägt sein. Die individuellen Persönlichkeitseigenschaften können zwischen Spielern stark variieren. So unterscheiden sich die Spieler hinsichtlich ihres Leistungsmotivs und ihres Selbstkonzepts, aber auch hinsichtlich ihrer Expertise im Entscheidungshandeln. Schließlich sind die bisherigen Entwicklungsbedingungen zu berücksichtigen, die über Veränderungsprozesse wie Lernen, Entwicklung, Altern und Reifung die aktuellen personalen Faktoren des psychischen Systems beeinflusst haben. Hier sind für das Beispiel sowohl langfristige Entwicklungsprozesse wie die Sportspielsozialisation ( Ist der Spieler unter Straßenfußballerbedingungen aufgewachsen? ) als auch kurzfristige Veränderungsprozesse wie das bisherige Spielgeschehen ( Ist der Spieler konditionell bereits sehr beansprucht? Hatte er bereits einige Misserfolgserlebnisse in diesem Spiel? ) von Interesse. Aufbauend auf dem Ordnungsrahmen des Grundmodells lassen sich Forschungsparadigmen heranziehen, die für die sportpsychologische Forschung der letzten Jahre prägend waren. So lässt sich für die vertikale Dimension des Ordnungsrahmens (Veränderungsprozesse der Persönlichkeitsentwicklung) die Entwicklungspsychologie der Lebensspanne mit ihren Leitorientierungen nach Baltes (1990) heranziehen. Für die horizontale Dimension, die die aktuellen inneren Prozesse im Person-Situation-Bezug betrachtet, kann als forschungsleitendes Paradigma die sportpsychologische Handlungstheorie nach Nitsch (2004) eingesetzt werden. Mit der handlungspsychologischen Betrachtung und dem darin enthaltenen Intentionalitäts- und Systempostulat werden Verhaltensweisen, wie sie in Abbildung 1 dargestellt sind, als Handlungen interpretiert, denen eine intentionale (aber nicht zwingend bewusste) Absicht zu Grunde liegt. Diese Handlung vollzieht sich in einem situativen Kontext des Spielgeschehens, dessen Dynamik eine prozesshafte Betrachtung der Entscheidungshandlungen bedingt. Weiterführende Präzisierungen des Entscheidungshandelns vollziehen sich auf Basis konkreter (sport-)psychologischer Theorien, die zur Lösung inhaltlicher Fragestellungen herangezogen werden. Die folgende Skizzierung aktueller Forschungsfragen und exemplarischer Lösungsansätze soll einen Eindruck vermitteln, welche im Lichte des Grundmodells unterschiedlichen Aspekte des Entscheidungshandelns sportpsychologisch untersucht werden. 2.2 Einordnung aktueller sportpsychologischer Forschungsfragen zum Entscheidungshandeln im Fußball Erwerb von Entscheidungskompetenz Im Zentrum des sportpsychologischen Interesses der Sportspielforschung zu den Veränderungsprozessen stehen die Fragen, wie Entscheidungskompetenz erworben 6

8 wird und welche Entwicklungsbedingungen für Kinder und Jugendliche geschaffen werden müssen, um Entscheidungsverhalten auf lange Sicht gewinnbringend zu fördern. Exemplarisch kann hierzu auf zwei bereits weit verbreitete Ansätze der (Sport-)Psychologie hingewiesen werden. Das der Heidelberger Ballschule zugrunde liegende Modell der inzidentellen Inkubation besagt (z.b. Roth, 2000), dass ein Spieler im Sinne des impliziten Lernens beiläufig wie es früher bei Straßenfußballern der Fall war Spielsituationen kennenlernt, sie bewältigt und darauf aufbauend sich eine hohe Entscheidungskompetenz aneignet. Als zweites Beispiel sei auf das Konzept der deliberate practice im Rahmen des Expert- Performance-Approach der Expertiseforschung hingewiesen, das auf ähnlichen Prinzipien beruht (z.b. Ericsson & Hagemann, 2007). Hier geht es darum, dass junge Spieler intensive und langjährige Erfahrung sammeln müssen, um Experte werden zu können. Wichtige Erkenntnisse der Kognitionspsychologie zum Erwerb von Expertise beziehen sich darauf, wie lange Menschen in ihrer Domäne (z.b. Musik, Schach, Sport) trainieren müssen, um überhaupt Expertise erlangen zu können und wann Experten mit dem intensiven Training begonnen haben. So besagt die 10- Year-Rule of Necessary Preparation, dass Menschen mindestens 10 Jahre intensiv trainiert haben müssen, um bereichspezifische Expertise erwerben zu können (Ericsson, 1996, S. 10). Dabei haben nach Ericsson und Crutcher (1990) die meisten Experten auf internationalem Niveau bereits vor Vollendung des sechsten Lebensjahrs mit der intensiven Auseinandersetzung in ihrer Domäne begonnen. Expertise und Handlungskontrolle im Entscheiden Weitere aktuelle Fragestellungen der Sportpsychologie zum Entscheidungshandeln im Sportspiel beziehen sich auf die personalen Dispositionen als psychischem Aspekt der Verhaltenserklärung. Neben den begünstigenden Entwicklungsbedingungen ist z.b. eine zentrale Fragestellung der Expertiseforschung im Sportspiel, wodurch sich perzeptuelle (wahrnehmungsbezogene) Expertise auszeichnet. Was können die Experten (z.b. Nationalspieler) besser als Amateur-Fußballspieler oder Novizen? Auf Basis des Informationsverarbeitungsparadigmas wird in der Expertiseforschung traditionellerweise angenommen, dass kognitive Entscheidungsleistungen durch aufgabenspezifisches Wissen bestimmt werden, welches auf Basis intensiver und langjähriger Praxiserfahrung im Langzeitgedächtnis gespeichert ist. Die Expertiseforschung hat hierzu hauptsächlich in Laboruntersuchungen herausgefunden, dass Experten im Vergleich zu Novizen strukturierte Spielszenen schneller und besser erkennen, spielrelevante Objekte schneller und genauer lokalisieren, gegnerische Aktionen besser antizipieren sowie die Weiterentwicklung 7

9 von Spielsituationen besser voraussagen können. Diese Fähigkeiten führen dazu, dass Experten in Leistungstests bessere Antizipations- und Entscheidungsleistungen im Sportspiel aufweisen (im Überblick Cañal-Bruland, Hagemann & Strauß, 2006; Starkes & Ericsson, 2003; Williams, Davids & Williams, 1999). Neben der Expertise stellt die Handlungskontrolldisposition eine häufig untersuchte psychische Eigenschaft in der Sportspielforschung dar. Die Handlungskontrolltheorie Kuhls (2001; Kuhl & Beckmann, 1994) unterscheidet die psychischen Zustände der Handlungs- und Lageorientierung, die den Einsatz volitionaler Kontrollprozesse (u.a. Aufmerksamkeitskontrolle) eines Spielers mitbestimmen und sicherstellen, dass eine Handlungsabsicht tatsächlich in eine Handlung umgesetzt wird. Der Zustand der Handlungsorientierung unterstützt den Einsatz dieser Prozesse und lenkt die Aufmerksamkeit auf handlungsrelevante Aspekte, so dass die Handlungsinitiierung und -durchführung erleichtert werden. Lageorientierung ist dagegen auf die Analyse einer vergangenen, gegenwärtigen oder zukünftigen Lage des Individuums ausgerichtet (Beckmann & Strang, 1991, S. 6) und steht dem Einsatz der volitionalen Kontrollprozesse entgegen. Die Bedeutung der allgemeinen, nicht sportspezifischen Persönlichkeitsdisposition der Handlungs-/Lageorientierung konnte in der Sportspielforschung in Untersuchungen zum Entscheidungshandeln, zur Spielleistung unter psychischer sowie psychisch-physischer Beanspruchung und zur Eignung für bestimmte Spielpositionen aufgezeigt werden. Roth (1991) konnte zeigen, dass der lageorientierte Typ eine Tendenz zur Überanpassung und Instabilität im Entscheidungsprozess bei situationsbedingten Druckbedingungen aufweisen. In Laborstudien zum Entscheidungshandeln im Fußball vernachlässigten die Lageorientierten bei Zeitdruckbedingungen die Entscheidungsqualität und bei Qualitätsdruckbedingungen die Entscheidungszeit. Raab und Johnson (2002) fanden in einem Labortest, dass sich Handlungsorientierte bei Risikoentscheidungen im Basketball häufiger für den eigenen Korbwurf entschieden und seltener den Sicherheitspass zum Aufbauspieler wählten. Zudem entschieden sich handlungsorientierte schneller als lageorientierte Spieler. Eine weitere Eigenschaft handlungsorientierter Spieler ist nach Heckhausen und Strang (1988), dass sie bei der Durchsetzung der eigenen Spielleistung gegenüber den spieltypischen Störfaktoren weniger anfällig sind. In einem Feldexperiment konnten Handlungsorientierte unter (durch Rekordinstruktionen ausgelöste) psychischen Belastungen ihre Leistungen durch eine optimale Anstrengungsregulation verbessern, während Lageorientierte bei Rekordbedingungen offensichtlich übermotiviert waren. Eine Spielbeobachtung Sahres (1991) von Landesligaspielen im Basketball ergab ergänzend dazu, dass Handlungsorientierte ihre Trefferquote auch in psychisch-physischen Beanspruchungssituationen steigern konnten, während diese bei Lageorientierten 8

10 rapide abfiel. Lageorientierte waren aber nicht generell die schlechteren Spieler, da sie im Vergleich zu Handlungsorientierten auch unter Beanspruchungssituationen durch mehr positive Angriffs- und Abwehraktionen zur Mannschaftsleistung beitrugen. Auf Grund solcher Ergebnisse scheinen hinsichtlich der Eignung für bestimmte Positionen handlungsorientierte Spieler eher den Torjägertypen, der zielgerichtet den Torabschluss anstrebt, und Lageorientierte den Spielmachertypen zu verkörpern, der ausreichende Sensibilität für die jeweiligen Situationsbedingungen aufweist. Diese Vermutung konnten Beckmann und Trux (1991) für das Basketballspiel bestätigen. Sie fanden in einer Untersuchung von 46 Erst- und Zweitligaspielern der Basketballbundesliga, dass 64% der Center handlungs- und 58% der Aufbauspieler lageorientiert sind. Höner (2005) konnte in einer Studie mit 65 DFB-Jugendnationalspielern allerdings keine Zusammenhänge zwischen der Handlungs- und Lageorientierung und der Spielposition (Spielmacher vs. Torjäger) nachweisen. Parameter einer Entscheidung und Verlauf der Informationsaufnahmebereitschaft Hinsichtlich der aktuellen inneren Prozesse des Grundmodells psychologischer Verhaltenserklärung analysiert die Sportspielforschung, welche Parameter einer Entscheidung zu Grunde liegen und z.b. beeinflussen, ob sich ein Spieler in einer bestimmten Spielsituation für einen Torschuss oder aber für ein Abspiel entscheidet. Im Sinne der handlungstheoretischen Konzeption von Nitsch (2004) lassen sich diese Entscheidungsparameter der Antizipationsphase einer Handlung zuordnen, in der die subjektive Situationsanalyse der handelnden Person im Mittelpunkt steht. Die Situationsanalyse eines Spielers im Vorfeld einer Sportspielhandlung wie dem Torschuss umfasst Kalkulationsprozesse, die sich auf die Grundkomponenten einer Handlungssituation beziehen (Person, Umwelt, Aufgabe; vgl. Abb. 2). Das Ergebnis dieser Kalkulationsprozesse ist eine Kompetenz-Valenz-Relation, in der die eigenen Handlungskompetenzen (subjektive Erwartung, dass sich die jeweilige Option realisieren lässt) zur Valenz (subjektive Einschätzung der Wertigkeit) der einzelnen Handlungsalternativen in Beziehung gesetzt werden. 9

11 Abb. 2: Grundaspekte subjektiver Situationsdefinitionen in der Situations-Handlungs- Kopplung (aus Nitsch, 2004, S. 16) Mit Bezug zur Beispielsituation in Abbildung 1 lassen sich die Valenzen der Handlungsoptionen Pass zu einem mitgelaufenen Spieler oder Dribbling mit eigenem Torabschluss hinsichtlich der individuellen Motive des Spielers (z.b. Egoismus), der intrinsischen Anreize der Aufgabe und die sich aus der Umwelt ergebenden extrinsischen Anreize ausdifferenzieren. Die Einschätzung der Handlungskompetenz resultiert aus der Einschätzung der eigenen Fähigkeiten, der geforderten Fähigkeiten für die jeweilige Aufgabe und des durch die Umwelt bedingten Gestaltungsspielraumes. In ihrer Gesamtheit wird im Entscheidungsprozess die Handlungsoption mit der günstigsten Kompetenz-Valenz- Relation ausgewählt (für den Spieler in Abb. 1 offensichtlich der eigene Torabschluss). Diese Annahme basiert auf dem klassischen Erwartung-mal-Wert- Ansatz der Motivationspsychologie. In Übertragung auf Sportspielhandlungen werden Handlungsoptionen bevorzugt, die als persönlich wertvoll und gleichzeitig als realisierbar eingeschätzt werden (Roth, 1991). Kritisch einzuwenden gegen den Erwartung-mal-Wert-Ansatz ist, dass dieser zumeist statische Modellierungen liefert und außer Wahrscheinlichkeiten und Wertfunktionen kaum weitere Parameter des Entscheidungsprozesses berücksichtigt. Raab (2001) entwickelte daraufhin das sportspielübergreifende SMART-Modell ( Situation Model of Anticipated Responce-consequences in Tactical decisions ). Für die Modellierung der hier interessierenden taktischen Entscheidungsprozesse bezieht sich Raab vor allem auf die Decision-Field-Theory (DFT; Busemeyer & Townsend, 1993). Die DFT kann als eine Erweiterung des Erwartung-mal-Wert-Ansatzes angesehen werden, bei der durch das Hinzufügen von sieben Parametern eine dynamische Modellierung von Entscheidungsprozessen ermöglicht wird. Zusätzlich ergänzt Raab (2001, S. 51ff.) die Wert- und Wahrscheinlichkeitsparameter mit Merkmalen der 10

12 Entscheidungssituation (Zeitdruckbedingungen, Anzahl und Ähnlichkeit von Optionen sowie Anzahl der Attribute), die dem Entscheidungsprozess zu Grunde liegen. Im Sinne der subjektiven Situationsdefinition (Abb. 2) beinhaltet die Spielsituation, in der sich ein Spieler befindet, wichtige Informationen (v.a. Parameter wie Valenz und Kompetenz, die durch elaborierte Theorien wie die DFT noch weiter ausdifferenziert werden können). In der Konsequenz spielt die Bereitschaft zur Informationsaufnahme als aktueller innerer psychischer Prozess eine wichtige Rolle für das Entscheidungshandeln. Für die Bestimmung einer möglichst günstigen Informationsaufnahmebereitschaft lässt sich ein Abschirmungs-Unterbrechungs- Dilemma (Goschke, 1997, S. 387) konstatieren, da die Kognitionen der Spieler für eine optimale Handlungssteuerung zwei gegenläufige Funktionen gewährleisten müssen. Auf der einen Seite muss der Spieler seine Informationsaufnahmebereitschaft auf die Handlungsrealisierung fokussieren, um gefasste Handlungsabsichten gegenüber anderen Einflüssen abzuschirmen und in die Tat umzusetzen (z.b. Torschuss). Auf der anderen Seite ist es aber aufgrund der schnellen Situationsveränderungen im Fußball auch notwendig, offen für neue Informationen und damit bereit für eine Neuformulierung der gefassten Absicht zu sein (z.b. Umentscheidung vom eigenen Torschuss zum Anspiel des Mitspielers). Höner (2005; 2006) hat dieses Dilemma mit einer prozesshaften Analyse des Entscheidungshandelns im Fußball im Lichte der Rubikontheorie der Handlungsphasen (Achtziger & Gollwitzer, 2006) untersucht. Abschnitt 3 erläutert hierzu die theoretischen Annahmen und skizziert die Überprüfung dieser Annahmen in einer Laborstudie mit DFB-Jugendspielern Verlauf der Informationsaufnahmebereitschaft im Entscheidungsprozess 3.1 Theoretische Aussagen zur Informationsaufnahmebereitschaft Die Rubikontheorie unterteilt mit einer kognitiv-handlungspsychologischen Betrachtung menschliche Handlungen in vier Phasen. Sie orientiert sich an den funktionalen Aufgaben, die eine handelnde Person für eine erfolgreiche Handlungsdurchführung im Sportspiel häufig sehr schnell und unbewusst zu bewältigen hat. Die der Beispielhandlung in Abbildung 1 vorangehenden Prozesse lassen sich im Lichte der Rubikontheorie in folgende Phasen einteilen (Höner, 2005, S. 37ff.): In der prädezisionalen Phase wägt der Spieler während des Dribblings in den Strafraum ab, welche der ihm zur Verfügung stehenden Handlungsalternativen er durchführen möchte. Der Spieler hat auf Basis der subjektiven 4 Diese Studie wurde mit Forschungsmitteln des Bundesinstituts für Sportwissenschaft unter dem Geschäftszeichen VF 0407/10/10/ gefördert. 11

13 Situationsdefinition und ihrer Parameter Handlungsvalenz und -kompetenz (vgl. Abb. 2) zu entscheiden, was er als nächstes tun möchte. In der Beispielsituation bieten sich als Handlungsalternativen z.b. der eigene Torschuss oder ein Anspiel eines mitgelaufenen Mitspielers an. Mit dem Fassen einer Absicht ( Ich will auf das Tor schießen! ) überschreitet der Spieler den Rubikon. Der Spieler ist nun in der präaktionalen Phase auf die Vorbereitung und Realisierung des eigenen Torschusses ausgerichtet. Er hat sich auf die Modalitäten der Handlungsinitiierung und -ausführung festzulegen, indem er Entscheidungen über das Wie, Wann und Wo seiner Handlung trifft. Mit der Initiierung seiner Zielintention (eigener Torschuss) geht der Spieler in die aktionale Phase über und führt die motorische Aktion Torschuss aus. Nach dem Torschuss und der Aktionsdeaktivierung bewertet der Spieler in der postdezisionalen Phase das Handlungsergebnis und den Handlungsverlauf. Weit gefasste IAB Eng gefasste IAB Abb. 3: Die namensgebende Metapher der Rubikontheorie: Caesar überschreitet den Fluss Rubikon und trifft damit eine unumstößliche Entscheidung (Während er prädesizional mit einer weiten Informationsaufnahmebereitschaft IAB abwägt, fokussiert er seine IAB in der postdezisionalen Phase zum Planen seiner Handlungsausführung) (aus Höner & Willimczik, 1998, S. 60) Für die theoretische Einordnung des Abschirmungs-Unterbrechungs-Dilemmas des Entscheidungshandelns sind die kognitiven Orientierungen des Spielers in den ersten beiden Handlungsphasen bedeutsam. In der Rubikontheorie wird zwischen einer abwägenden und einer planenden kognitiven Orientierung unterschieden, die die Bereitschaft des Spielers zur Aufnahme neuer Informationen beeinflussen. Die abwägende kognitive Orientierung führt zu einer weit gefassten Informationsaufnahmebereitschaft, mit der ein Spieler möglichst viele Informationen aufnehmen kann, um die optimale Zielalternative als Handlungsabsicht auszuwählen. Mit der Entscheidung für eine Handlungsabsicht ( Überquerung des Rubikons ; vgl. Abb. 3) ändert sich die kognitive Orientierung grundlegend, und es kommt zu einem rapiden Abbruch des Abwägens (Gollwitzer, 1996, S. 541). Eine planende kognitive Orientierung führt in der präaktionalen Phase zu einer Einengung der Informationsaufnahmebereitschaft: Im Sinne einer Abschirmung seiner 12

14 Handlungsabsicht fokussiert der Spieler seine Aufmerksamkeit auf zielrealisierende Aspekte der Spielsituation (z.b. auf die Distanz bis zum Torhüter und den daraus ableitbaren günstigsten Zeitpunkt des Torschusses). Das Konzept der Realisierungsintentionen ( Wenn-dann-Vorsätze ) ist ein weiteres Konzept der Rubikontheorie, das in der psychologischen Grundlagenforschung bereits seit Jahren Gegenstand intensiver Forschungsbemühungen ist (im Überblick Gollwitzer & Sheeran, 2006). Dieses Konzept besagt, dass man über Vorsätze ( Wenn die Situation X eintritt, dann handle ich mit der Option Y! ) die Informationsaufnahmebereitschaft beeinflussen und die Wahrnehmung des spezifizierten Hinweisreizes X begünstigen kann. Somit kann ein Spieler über Vorsätze die Informationsaufnahmebereitschaft auf relevante Reize der situativen Bedingungen fokussieren und so eine beabsichtigte Handlung schneller und effektiver gestalten. Für die Informationsaufnahmebereitschaft während des Entscheidungshandelns im Fußball lassen sich mit der Rubikontheorie demnach zwei Aussagen treffen: 1. Der Verlauf der Bereitschaft zur Aufnahme neuer Informationen ist durch eine rapide Einengung des Aufmerksamkeitsspektrums mit der Bildung einer konkreten Handlungsabsicht verbunden (Konzept der kognitiven Orientierungen). 2. Die Informationsaufnahmebereitschaft lässt sich durch Wenn-Dann-Vorsätze auf die im Vorsatz spezifizierten Hinweisreize fokussieren (Konzept der Realisierungsintentionen). 3.2 Empirische Überprüfung der theoretischen Aussagen Zur empirischen Überprüfung der Anwendung der beiden rubikontheoretischen Aussagen auf das Entscheidungshandeln im Fußball wurde eine Laborstudie mit 65 DFB-Jugendnationalspielern durchgeführt (ausführlich Höner, 2005). Den Versuchspersonen wurden auf einer Videoleinwand kleingruppentaktische Angriffssituationen aus der Perspektive eines ballführenden Mittelfeldspielers gezeigt, der zusammen mit zwei weiteren Angreifern gegen zwei oder drei Verteidiger einen Angriff initiieren soll (Abb. 4). Aufgabe der Versuchspersonen war es, sich möglichst schnell und richtig zu entscheiden, welchen Angreifer (links oder rechts) sie wie (Pass in den Fuß bzw. Pass in den Lauf) anspielen würden. Sobald sich die Versuchspersonen für einen Angreifer entschieden hatten, sollten sie möglichst schnell ein Fußpad betätigen (Wer-Entscheidung). Danach wurden sie aufgefordert, verbal ihre Entscheidung für die Passart mitzuteilen (Wie- Entscheidung). Während die Versuchspersonen die Entscheidungsaufgaben mit den insgesamt 24 Videoszenen bearbeiteten, wurden ihre Blickbewegungen über ein Eye-Tracking-System registriert. Die Aufzeichnung der Blickbewegungen diente der 13

15 Analyse der Weite der Informationsaufnahmebereitschaft der Versuchspersonen während ihres Entscheidungsprozesses. Dabei wurde ein weit ausgerichtetes Blickverhalten mit einem hohen Anteil an langen Blicksprüngen ( Abwägesakkaden ) als Indikator für eine weite Informationsaufnahmebereitschaft angesehen. Abb. 4: Darstellung des Untersuchungssettings der Laborstudie zum Entscheidungshandeln im Fußball von Höner (2005) Abbildung 5 stellt den Verlauf der Weite der Informationsaufnahmebereitschaft während des Entscheidungsprozesses gemittelt über insgesamt 1560 Entscheidungshandlungen dar (65 Vpn! 24 Entscheidungen). Die Abbildung veranschaulicht, dass unabhängig von der Spielposition der Versuchspersonen in ihrem Heimatverein (Angriff, Mittelfeld, Abwehr, Torwart) die Informationsaufnahmebereitschaft in den ersten Sekunden des Entscheidungsprozesses sehr weit ausgerichtet war. Danach sank die Weite der Informationsaufnahmebereitschaft rapide ab und blieb anschließend auf einem niedrigen Niveau. Dieser Verlauf der Informationsaufnahmebereitschaft kann als Bestätigung der Aussage der Rubikontheorie angesehen werden, dass in einer ersten Phase des Entscheidungsprozesses eine abwägende kognitive Orientierung mit weiter Informationsaufnahmebereitschaft vorherrscht, die dann nicht allmählich, sondern sehr abrupt durch eine planende kognitive Orientierung des Spielers mit einer fokussierten Informationsaufnahmebereitschaft abgelöst wird. 14

16 Weite der IAB (rel. Anteil an Abwägesakkaden) relative Zeit zum Tastendruck in s Angriff Mittelfeld Abwehr Torhüter Abb. 5: Zeitlicher Verlauf der Weite der Informationsaufnahmebereitschaft IAB (relativer Anteil an Abwägesakkaden) in Relation zum individuellen Tastendruck (eingeteilt in Zeitkategorien von 200 ms; z.b. entspricht die Kategorie -0.2 s der Zeitspanne von 300 ms bis 100 ms vor und 0.2 s der entsprechenden Zeitspanne nach dem jeweiligen Tastendruck für die Wer-Entscheidung) Zur Überprüfung der zweiten Aussage (Beeinflussung der Informationsaufnahmebereitschaft durch Realisierungsintentionen) wurde der Entscheidungstest in zwei unterschiedlichen Testbedingungen durchgeführt. Während die Versuchspersonen die Videoszenen zunächst ohne eine Vorsatzbildung bearbeiteten, wurden die Versuchspersonen danach aufgefordert, einen Vorsatz Wenn mir ein Mitspieler ein Handzeichen gibt, dann spiele ich ihn so schnell wie möglich an! zu bilden. Mit diesem Vorsatz sollte erreicht werden, dass die Versuchspersonen in Spielszenen, in denen ein Angreifer ein Handzeichen gibt (vgl. Abb. 6 links), dieses Handzeichen schneller erkennen und dann die richtige Entscheidung treffen. Die über das Eye-Tracking-System erhobene Wahrnehmungsbereitschaft für das Handzeichen in verschiedenen Videoszenen wird auf der rechten Seite der Abbildung 6 vergleichend gegenübergestellt. Die Versuchspersonen hatten in der Testbedingung mit Vorsatzbildung einen größeren prozentualen Blickanteil in die Region des Handzeichens als in der Testbedingung ohne Vorsatzbildung. Dieser Vorsatzeffekt auf die Wahrnehmungsbereitschaft für das im Vorsatz spezifizierte Handzeichen lässt sich statistisch als hochsignifikant absichern (im Detail Höner, 2005). 15

17 Blickanteil zur "Hand" in % PKO1 PKO2 PKO4 PKO6 PKO7 Mit Vorsatz 34,5 31,2 14,3 28,4 22,6 Ohne Vorsatz 19,4 17,6 9,4 20,4 17,0 Abb. 6: Prozentualer Blickanteil auf das im Vorsatz spezifizierte Handzeichen (links: hell markierter Bereich in der Spielszene) in den Testbedingungen mit und ohne Vorsatz in ausgewählten Spielsituationen PKO (rechts) Die Analyse der Blickbewegungsdaten führte damit zu einer Bestätigung des Konzepts der Realisierungsintentionen hinsichtlich der Beeinflussbarkeit der Informationsaufnahme eines Spielers. Dagegen konnte keine Verbesserung der Entscheidungsqualität gefunden werden, weil die Versuchspersonen auch in Spielsituationen, in denen gar kein Handzeichen von einem der beiden Angreifer gegeben wurde, nach einem Handzeichen suchten und damit Zeit im Entscheidungsprozess verloren. Dieses Phänomen lässt sich als Rigidität im Verhalten interpretieren, bei der stur nach Vorsatz gehandelt wird, auch wenn der entsprechende Hinweisreiz (hier das Handzeichen) ausbleibt. Abb. 7: Entscheidungssituation aus der Volleyballstudie mit Hervorhebung des im Vorsatz zu spezifizierenden Hinweisreizes Lobsicherung der Position 6 (Höner & Sudeck, 2004) Die Vorsatzbildung muss allerdings nicht immer zu einer solchen Rigidität des Verhaltens führen. So konnte in einer Studie zum Entscheidungshandeln im Volleyball gezeigt werden, dass mit der Vorsatzbildung neben der Fokussierung der Informationsaufnahmebereitschaft auch eine Steigerung der Qualität des Entscheidungshandelns erzielt werden kann (Höner & Sudeck, 2004). Weiter zu 16

18 erforschen ist, unter welchen Bedingungen die Vorsatzbildung eher Rigidität bewirkt und unter welchen Bedingungen positive Vorsatzeffekte gefunden werden können, die nicht zu Lasten anderer Handlungsoptionen gehen. Die Volleyballstudie zeichnete sich dadurch aus, dass der im Vorsatz spezifizierte Hinweisreiz (in diesem Fall das Fehlverhalten eines konkreten Abwehrspielers; vgl. Abb. 7) genau zu lokalisieren war, während in der Fußballstudie den Versuchspersonen weder klar war, ob überhaupt ein Handzeichen in der Situation gezeigt wird, noch welcher der beiden Angreifer das Handzeichen geben würde. Diese Ungewissheit regte offensichtlich einen Suchprozess an, der bei Ausbleiben des Hinweisreizes zu Leistungseinbußen führte. 4. Übergang zur Praxis: Beispiele für theoriegeprägte Trainingsformen Zielsetzung der Abschnitte 2 und 3 war es, aus sportpsychologischer Perspektive den Realitätsbereich Taktische Entscheidungshandlungen im Sportspiel einzuordnen und das konkrete Sachproblem Verlauf der Informationsaufnahmebereitschaft während des Entscheidungsprozesses angemessen theoretisch zu beschreiben und zu erklären. Für die Bearbeitung der Teilfragestellung zum Abschirmungs-Unterbrechungs-Dilemma der Informationsaufnahmebereitschaft wurde über die Rubikontheorie eine kognitivhandlungstheoretische Betrachtungsweise eingenommen. Diese Betrachtung erlaubt mit dem Konzept der kognitiven Orientierungen eine genauere Analyse des Dilemmas und offeriert zudem mit dem Konzept der Realisierungsintentionen Einflussmöglichkeiten auf die Weite der Informationsaufnahmebereitschaft. Zusammenfassend kann für die theoretische Betrachtung festgestellt werden, dass die Sportspielforschung zu den typischen Fragestellungen der Psychologie im Fußball und zu den diversen Aspekten des psychischen Systems elaborierte Forschungsansätze mit einer Vielzahl von Befunden bereitgestellt hat, die hier nur exemplarisch skizziert werden konnten. Kritisch anzumerken ist, dass eine praxisorientierte Integration dieser Erkenntnisse bisher kaum vollzogen wurde. Neben allgemeinen metatheoretischen Problemen der Integration grundlagen- und anwendungswissenschaftlicher Theorien und dem damit verbundenen Problem der wissenschaftlichen Fundierung der Sportpraxis (Höner, i.d.) resultiert der mangelnde Theorie-Praxis-Transfer aus der häufig beklagten Kluft zwischen Wissenschaft und Praxis (z.b. Roth, 1996a; Roth & Hossner, 1997). Diese Kluft ist u.a. mit den höchst unterschiedlichen Arbeitsweisen eines Wissenschaftlers und eines Praktikers bzw. Trainers zu begründen (vgl. Abb. 8). Der Wissenschaftler führt wie in der in Abschnitt 3 dargestellten Studie isolierte 17

19 Betrachtungen seines Gegenstandes durch, um möglichst detailgetreue Beschreibungen und Erklärungen zu finden. Der Praktiker hingegen ist wie bei der Konzeption der im Folgenden dargestellten Trainingsformen von Natur aus mit der gesamten Komplexität der Praxis konfrontiert. Er kann es sich nicht erlauben, nur isolierte Betrachtungen durchzuführen. Darauf aufbauend werden die Leistungen von Wissenschaftlern und Trainern nach unterschiedlichen Kriterien beurteilt. Der Wissenschaftler wird vor allen Dingen nach der Einhaltung wissenschaftlicher Methoden beurteilt und weniger nach seiner praktischen Effizienz. Nach dem Motto der Erfolg heiligt die Mittel zählt demgegenüber für den Praktiker hauptsächlich die praktische Effizienz, wohingegen die eingesetzten Methoden im Erfolgsfall nur eine untergeordnete Rolle spielen. Die Gegenüberstellung der mit den Arbeitsweisen des Theoretikers zu gewinnenden wissenschaftlichen Erkenntnisse und der für den Trainer konkret existierenden Praxisprobleme pointiert Roth (1996a, S. 17) mit einem Zitat von Heuer (1993, S. 29): Die einen haben Antworten ohne vernünftige Fragen, die anderen vernünftige Fragen ohne Antworten. Abb. 8: Pointierende Gegenüberstellung der Arbeitsweisen des Wissenschaftlers und des Trainer/Praktikers (aus Roth & Hossner, 1997, S. 13; vgl. auch Roth, 1996a) Vor dem Hintergrund des Theorie-Praxis-Grabens und einer hier nicht weiter zu erörternden metatheoretischen Position zur Vereinbarkeit grundlagen- und anwendungswissenschaftlicher Theorien (hierzu Höner, i.d.) wurde der Versuch unternommen, auf Basis des theoretischen Grundlagenwissens konkrete Trainingsformen zu entwickeln 5. Da Trainingsformen zwar nicht direkte Ableitungen theoretischer Erkenntnisse sein können, diese aber für die Konzeption der Trainingsformen prägend waren, werden die folgenden Beispiele als theoriegeprägte Trainingsformen bezeichnet. Die Grundannahme für die Konzeption dieser Beispiele bestand darin, dass angesichts des Abschirmungs- 5 Initiiert wurde dies in einem Workshop mit den Stützpunktkoordinatoren des DFB- Talentförderprogramms unter der Leitung von J. Daniel und U. Schott. In diesem Workshop wurde versucht, das Expertenwissen der Stützpunkttrainer und die hier in den Abschnitten 2 und 3 dargestellten theoretischen Erkenntnisse zu vereinen, um für die Schulung des individualtaktischen Entscheidungshandelns Trainingsformen zu entwickeln. 18

20 Unterbrechungs-Dilemmas die Spieler (insbesondere schon die Kinder und Jugendlichen) im Fußballtraining möglichst häufig und intensiv mit Entscheidungsanforderungen zu konfrontieren sind, um den Umgang mit diesem Dilemma und mit den damit verbundenen Anforderungen an die Informationsaufnahmebereitschaft zu schulen. Hierzu sollen ohne das Rad neu erfinden zu wollen bereits bekannte Übungs- und Spielformen verwendet und durch gezielte Parameter- bzw. Regelveränderungen auf die Schulung des Entscheidungshandelns hin ausgerichtet werden. Vor dem dargestellten theoretischen Hintergrund wird besonderer Wert auf die Variation von Entscheidungsparametern gelegt (z.b. Einschätzungen der Kompetenzen und Valenzen bzgl. der vorhandenen Handlungsoptionen, der Anzahl und des Ausmaßes an Anreizunterschieden dieser Optionen und des Zeitdrucks für die Entscheidungshandlung). Darauf aufbauend können allgemeine Vorgaben (z.b. Spieleranzahl, die Raumgröße und -anordnung) und Zusatzregeln (z.b. Anzahl der erlaubten Ballkontakte) variiert werden, um die Anforderungen der Trainingsformen dem Leistungsniveau der Spieler anzupassen. Abbildungen 9 und 10 skizzieren exemplarisch einfache und komplexe Spielformen. 19

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