Katharina von Siena. Seminararbeit. von

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1 Universität Regensburg Fakultät für Katholische Theologie Lehrstuhl für Fundamentaltheologie Prof. Dr. Alfons Knoll, Dipl. Theol. Sylvia Schraml Seminar: Ein anderer Blick? Frauen-Theologie zwischen dem vierten und zwanzigsten Jahrhundert WS 2012/13 Seminararbeit Katharina von Siena von Helen Schleicher Master Kulturgeschichtliche Mittelalter-Studien

2 Inhaltsverzeichnis: Seite 1 Das 14. Jahrhundert als Rahmen für das Leben und Wirken der heiligen Katharina von Siena 2 2 Werke und wichtigste Quellen 3 3 Leben und Wirken der Katharina von Siena bis ca Mystische Erfahrungen 8 5 Grundzüge in Theologie und Mystik Katharinas 9 6 Politisches Wirken der Katharina von Siena Einsatz für einen Kreuzzug Engagement für die Rückkehr des Papstes nach Rom und den Frieden zwischen dem Papst und den italienischen Stadtstaaten Ruf nach einer Reform der Kirche Kampf um die Beendigung des Schismas 19 7 Leiden und Tod 21 8 Fazit 23 Literaturverzeichnis 26 a 1

3 1 Das 14. Jahrhundert als Rahmen für das Leben und Wirken der heiligen Katharina von Siena Katharina von Siena, eigentlich Caterina Benincasa Mystikerin, Heilige, Mit-Patronin Roms, Italiens und Europas, Kirchenlehrerin und Politikerin wurde in eine turbulente Zeit hineingeboren. Das von Konflikten, Instabilität und Extremen geprägte 14. Jahrhundert war eine Zeit großen Wandels und vieler Umbrüche: 1 Seit Anfang des Jahrhunderts residierten die Päpste nicht mehr in Rom, sondern in Avignon. Nachdem sich der Machtkampf zwischen der französischen Krone und dem Papsttum mit dem Attentat von Anagni 1303, bei dem man Papst Bonifaz VIII. in seinem Palast in Anagni überfallen, gefoltert und erpresst hatte, zu Ungunsten des Papsttums entschieden hatte, gerieten Kardinäle und Kurie zunehmend bzw. endgültig unter den Einfluss Frankreichs. Schließlich verlegte Clemens V., ein Franzose, den Papstsitz gänzlich nach Avignon, wo er bis 1377 bleiben sollte. 2 Das so entstandene Machtvakuum, das weder die zur Aufrechterhaltung der Herrschaft in Italien und im Kirchenstaat entsandten, landesfremden Kardinallegaten mit ihren Söldnerheeren noch die Kaiser des Heiligen Römischen Reiches 3 ausreichend zu füllen vermochten, führte dazu, dass die italienischen Gebiete in zahllose Stadtstaaten und Fürstentümer zerfielen, die sich gegenseitig bekriegten oder sich gegen den Papst wandten. Die Söldnerbanden zogen bei fehlender Beschäftigung marodierend und plündernd durch das Land und versetzten die Bevölkerung in Angst und Schrecken. Dieser anarchieartige Zustand wurde durch rasche Wechsel der politischen Führung, Familienfehden und die grausamen innerstädtischen Parteikämpfe nochmals gesteigert. 4 Als dann ab 1347 die Pest zu wüten begann, die etwa ein Drittel der Bevölkerung Europas auslöschte und ganze Städte und Dörfer entvölkerte, folgte eine Zeit der inneren und äußeren Orientierungslosigkeit, die sich in gesteigerter Religiosität auf der einen und moralischer Verrohung auf der anderen Seite äußerte. 5 In der dunkelsten Zeit, genau in dem Jahr, als der Schwarze Tod über 1 Vgl. Beckmann-Zöller, Beate, Frauen bewegen die Päpste, Augsburg 2010, ; Caterina von Siena. Gespräch von Gottes Vorsehung, Hg. v. Ellen Sommer-von Seckendorff, Hans Urs von Balthasar und Cornelia Capol (= Lectio Spiritualis 8), Einsiedeln , VI. 2 Vgl. Eder, Manfred, Kirchengeschichte Jahre im Überblick, Düsseldorf 2008, ; 122; Schlosser, Marianne, Katharina von Siena begegnen, Augsburg 2006, Vgl. Beckmann-Zöller, Frauen, Vgl. Schlosser, Katharina, Vgl. Katharina von Siena. Engagiert aus Glauben. Briefe (= Klassiker der Meditation), Hg. v. Ferdinand Strobel, Zürich/ Einsiedeln/ Köln 1979, 9; Schlosser, Katharina,

4 Europa hereinbrach 6, wurde Katharina von Siena geboren, die später mit ihrer Liebe zu Gott, zu ihren Mitmenschen und zum Frieden, mit ihrer Mystik und Lehre, etwas Licht in diese finstere Zeit bringen sollte. Sie ist in erster Linie wegen ihrer Mithilfe an der Rückkehr des Papstes von Avignon nach Rom in die Geschichte eingegangen, doch den Fokus allein auf diesen Aspekt ihres Lebens zu lenken, würde ihr nicht voll gerecht. In der folgenden Arbeit sollen deshalb die faszinierende Persönlichkeit und das bewegte Leben der Heiligen, die als Frau aus dem Volk in einer streng hierarchischen, von Männern dominierten Welt eine große Wirkkraft entfalten konnte, näher beleuchtet werden und dabei auch das Zusammenspiel ihrer mystischen Grundsätze und ihres politischen Wirkens miteinbezogen werden. 2 Werke und wichtigste Quellen Katharinas Leben und ihre Persönlichkeit lassen sich über zahlreiche Lebensbeschreibungen, zeitgenössische Berichte und nicht zuletzt mit Hilfe ihrer eigenen Werke sehr gut erschließen. Nur zehn Jahre nach ihrem Tod (1395) vollendete Raimund von Capua, enger Vertrauter und Beichtvater Katharinas seine umfangreiche Lebensbeschreibung der Heiligen, die Legenda maior. 7 Ein weiterer Zeitgenosse und persönlicher Bekannter Katharinas, Tommaso di Antonio, genannt Caffarini, veröffentlichte die Legenda minor, eine Art Kurzfassung der Legenda Maior, und das Libellus de supplemento, in das er ergänzendes Material aufnahm. Caffarini regte schließlich auch den Prozess von Castello an, bei dem zwischen 1411 und 1416 mit Hilfe von großenteils bis heute erhaltenen Zeugenaussagen über die Heiligkeit Katharinas entschieden wurde. Mit drei weiteren Schriftstücken, die Miracoli von einem unbekannten Florentiner Bürger, die Memorie des Notars Cristofano di Gano Guidini und ein Brief mit einem Bericht über ihr Lebensende, sind uns weitere zeitgenössische Aussagen aus dem Umfeld Katharinas erhalten, die zudem auf- 6 Vgl. Lohrum, Meinolf/ Dörtelmann, Maria Magdalena, Katharina von Siena. Lehrerin der Kirche, Leipzig 1994, Obwohl man davon ausgehen kann, dass Raimund durch Selektion und Überformung die Biographie der Heiligen wohl teilweise modifiziert hat, kann man ihr doch bis zu einem gewissen Punkt Glauben schenken, da sie bereits kurz nach ihrem Tod entstand, als noch zahlreiche ihrer Wegbegleiter am Leben waren, die Unwahrheiten widersprochen hätten. Raimund selbst bemüht sich, die Stichhaltigkeit seiner Aussagen durch die Nennung von Quellen und Zeugen zu beweisen und verbürgt sich mit seiner geistlichen wie geistigen Autorität für deren Wahrheit. Vgl. Schlosser, Katharina, 20; 33 Jahre für Christus. Die Legenda maior. Das Leben der hl. Caterina von Siena (= Caterina von Siena 6), Hg. v. Werner Schmid, Kleinhain 2006,

5 grund ihrer Unabhängigkeit von den oben genannten Werken zusätzlichen Wert besitzen und weitere authentische Einblicke in das Leben der Heiligen bieten. 8 Katharina selbst hinterlässt uns 381 Briefe aus der Zeit von ca.1370 bis 1380, ihr Buch (Il Libro beziehungsweise Dialogus) und zahlreiche Gebete. Dabei ist jedoch zu beachten, dass sie das meiste davon wahrscheinlich nicht eigenhändig geschrieben, sondern diktiert hat. Zu einem großen Teil handelt es sich auch um Aufzeichnungen der Worte, die sie im Zustand der Ekstase von sich gab, durch ihre Sekretäre. 9 Beim Dialogus, der zwischen 1377 und 1378 entstand, handelt es sich um ein Zwiegespräch zwischen Gott und Katharina, einer Seele, bei dem Gott auf deren Fragen und Bitten antwortet 10 und so die Seele teilnehmen [lässt] an seiner göttlichen Sicht auf die Welt, das Menschengeschick, die Kirche. 11 Hierin finden sich all ihre mystischen Anschauungen, die Summe dessen, was Caterina von Gott lernen durfte. 12 Katharinas Briefe, die neben Rückschlüssen auf autobiographische Ereignisse einen guten Einblick in ihr theologisches und politisches Verständnis erlauben, richten sich an Vertreter aller gesellschaftlicher Schichten, Altersgruppen und beider Geschlechts. Neben Päpsten und Königen bzw. Königinnen, Fürsten und Adligen adressierte und kritisierte sie als schreibendes Gewissen ihrer Zeit 13 unter anderem Handwerker, Nonnen, Priester, Prostituierte und Söldnerführer. 14 Dabei achtete sie nicht auf Standesunterschiede und sprach offen und unverblümt Missstände und Verfehlungen an. 15 Die in der Volkssprache, einem toskanischen Dialekt, verfassten Schriften Katharinas, die ein Zeugnis für Gottes Wirken durch Caterina in ihrer Zeit und darüber hinaus 16 sind, wurden früh ins Lateinische übersetzt und wie auch ihre Lebensbeschreibungen durch ihre Anhänger über die Grenzen Italiens hinaus verbreitet Vgl. Schlosser, Katharina, Vgl. Schlosser, Katharina, 10-11, Vgl. Cat., Gespräch (Sommer-von Senckendorff u.a., 10-13). 11 Schlosser, Marianne, ché la Chiesa non è altro, che esso Christo. Zum Kirchenbild in der Spiritualität der Katherina von Siena, in: Prügl, Thomas/Schlosser, Marianne (Hrsg.), Kirchenbild und Spiritualität. Dominikanische Beiträge zur Ekklesiologie und zum kirchlichen Leben im Mittelalter (FS Ulrich Horst), Paderborn 2007, Sommer-von Senckendorff u.a., Caterina von Siena. Gespräch von Gottes Vorsehung, XIX. 13 Strobel, Katharina von Siena. Engagiert aus Glauben. Briefe, Vgl. Schlosser, Katharina, Vgl. Beckmann-Zöller, Frauen, Beckmann-Zöller, Frauen, Vgl. Schlosser, Katharina, 13, 16. 4

6 3 Leben und Wirken der Katharina von Siena bis ca Katharina von Siena wurde am 25. März 1347 als 23. oder 24. Kind des Färbers Jacopo Benincasa und seiner Frau Lapa in Siena im Stadtteil Fontebranda geboren und wuchs in einfachen, aber nicht armen Verhältnissen auf. Katharina galt als aufgewecktes, kluges und phantasievolles Kind, das bei Familie, Freunden und Nachbarn sehr beliebt war. 18 Zwar hat sie wohl keine Schulbildung genossen und war daher vermutlich weder des Schreibens noch des Lesens mächtig, konnte dies aber durch ihre rasche Auffassungsgabe und autodidaktische Fähigkeiten ausgleichen. 19 Schon in ihrer Kindheit, über die sonst nicht allzu viel bekannt ist, wurde deutlich, dass Katharina von ihrer Persönlichkeit her einerseits sehr sanft, warmherzig und hingebungsvoll war, andererseits aber auch überaus willensstark und beharrlich bis stur sein konnte. 20 Unbeirrt verfolgte sie ein Ziel, sobald sie es sich in den Kopf gesetzt hatte. Mit ungefähr sechs Jahren erlebte sie ihre erste Vision, die sich als richtungsweisend für ihr Leben herausstellen sollte: Über der Dominikanerkirche von Siena, die sich ganz in der Nähe ihres Elternhauses befindet, erblickt sie Christus im bischöflichen Ornat, bekrönt von einer Tiara, der ihr zulächelt und sie segnet. Diese einschneidende Erfahrung sollte ihr Leben entscheidend verändern: Sie bewegte das junge Mädchen dazu, ein Gelübde der Jungfräulichkeit abzulegen und ihr Leben allein Gott zu widmen. 21 In der Folgezeit offenbarte sich Katharinas Willensstärke und Hartnäckigkeit: Ihre Entscheidung stieß innerhalb der Familie auf großes Unverständnis, denn ihre Mutter hatte für ihre Tochter, an der sie besonders hing, vielleicht weil sie sie als einziges ihrer Kinder selbst gestillt hatte, eigentlich einen anderen Weg, nämlich den der Heirat, vorgesehen. Um zu zeigen, wie ernst es ihr mit ihrem Vorhaben war, schnitt sie sich als Zwölfjährige sogar das lange Haar ab. 22 Für ihre Mutter waren besonders die harten Bußübungen Katharinas schwer verständlich und ängstigten sie. Trotz großer Widerstände und harter Strafen, mit denen die Mutter ihrer Tochter diese Idee austreiben wollte, wich Katharina nicht von ihrer Entscheidung ab. Sie setzte sich schließlich durch und konnte ihre Mutter überzeugen, die Mantellatinnen von Siena darum zu bitten, sie aufzunehmen. 23 Doch auch hier stieß sie 18 Vgl. Schlosser, Katharina, 26-27; Beckmann-Zöller, 95; Sommer-von Senckendorff u.a., Caterina von Siena. Gespräch von Gottes Vorsehung, VI. 19 Vgl. Brakmann, Thomas, Ein geistlicher Rosengarten. Die Vita der heiligen Katharina von Siena zwischen Ordensreform und Laienfrömmigkeit im 15. Jahrhundert. Untersuchungen und Edition, Frankfurt a.m. 2011, Vgl. Schlosser, Katharina, 27; Borowski, Christiane, Katharina von Siena, in: Meyer, Ursula I. (Hrsg.), Philosophinnen-Lexikon, Leipzig 1997, Vgl. Schlosser, Katharina, Vgl. Schlosser, Katharina, 31; Borowski, Katharina, 316; Beckmann-Zöller, Frauen, Vgl. Borowski, Katharina, 316; Schlosser, Katharina, 33. 5

7 auf Widerstand. Die Schwestern von der Buße, die in Siena aufgrund ihres schwarzen Mantels Mantellatinnen genannt wurden, gehören zum Dritten Orden der Dominikanerinnen, dessen Mitglieder, auch Tertiarinnen genannt, im Gegensatz zum Zweiten Orden nicht in Klausur leben und kein Gelübde ablegen, also keine Nonnen sind, sich aber zu einem christlichen Leben nach dem Muster des Heiligen Dominikus und unter der Anleitung des Ersten Ordens, zu caritativen Tätigkeiten und regelmäßigem Gebet verpflichten. 24 Zur Zeit Katharinas von Siena nahmen die Schwestern von der Buße jedoch nur Witwen, nicht etwa siebzehnjährige Mädchen auf und erteilten der Anfrage deshalb eine Absage. Doch Katharina gab nicht auf und wurde schließlich doch aufgenommen, was wohl durch eine zeitweise Entstellung ihres Gesichts durch Pusteln aufgrund einer Krankheit befördert wurde 25. Nach ihrem Eintritt zog sie sich für etwa drei Jahre fast vollständig in ihr Zimmer im Elternhaus, das sie wie bei den Mantellatinnen üblich weiterhin bewohnte, zurück und widmete sich dem Gebet und der strengen Askese in Form von Schweigen, Fasten oder Nachtwachen. 26 Ihr Ziel ist die Überwindung der Eigenliebe, die aus ihrer Sicht ursächlich für alles Übel ist, die gedankliche Unabhängigkeit und Nächstenliebe verhindert und sich z.b. in Form von Habsucht, Hochmut, Unkeuschheit oder Neid äußert. 27 In dieser Zurückgezogenheit kommen der jungen Frau jedoch auch Zweifel an der gewählten Lebensform. So fragt sie sich zum Beispiel, ob das radikale Fasten schädlich für ihre Gesundheit sein könnte oder ob sie nicht auch als verheiratete Frau ein heiliges Leben führen könnte. Gefühle der Trostlosigkeit und der Angst, Gott könne sich wegen solcher Gedanken von ihr abgekehrt haben, drohen sie zu übermannen. Doch indem sie diese Anfechtungen als von Gott auferlegt, ja als eine Prüfung Gottes, die dazu dient die eigene Schwäche und das eigene Nichtssein ohne Gott zu erkennen, akzeptiert und erkennt, gelingt es ihr, diese Phase zu überwinden und gestärkt daraus hervorzugehen. 28 Diese neugewonnene Stärke und eine weitere Vision, eine mystische Hochzeit mit Christus, die ihr die innere Gewissheit gab, in seinem Sinne zu handeln, gaben ihr die Kraft, ihre Zelle schließlich zu verlassen und sich caritativen Tätigkeiten zu widmen. Die Vermählung mit Christus, die sich wohl im Februar des Jahres 1368 zutrug, verhieß einen ewigen Bund von Christus und seiner Braut Katharina, die folglich am Erlösungswerk Christi mitwirken sollte Vgl. Brakmann, Rosengarten, 19; Schlosser, Katharina, Vgl. Schlosser, Katharina, 33-34; Beckmann-Zöller, Frauen, Vgl. Schlosser, Katharina, Vgl. Schlosser, Katharina, 142; Cat., Gespräch (Sommer-von Senckendorff u.a., 44-46). 28 Vgl. Schlosser, Katharina, Vgl. Schlosser, Katharina,

8 Von da an verknüpfte sie ihre intensive Gebetstätigkeit mit einem Leben im Einsatz für ihre Mitmenschen. Sie kümmerte sich zunächst in Siena und Umgebung um Arme, Kranke und Trostsuchende und wandte sich missionarischen Aufgaben zu. 30 Aufgrund ihres großen Charismas und ihres sich rasch verbreitenden Rufes als Wohltäterin begann sich in dieser Zeit auch ein Kreis an Gleichgesinnten um Katharina zu bilden. Durch eine Beschreibung Raimunds von Capua in der Legnda maior erschließt sich ein ungefähres Bild der unglaublichen Ausstrahlung, die von Katarina ausging: Es war ja nicht nur die Ausstrahlungskraft ihrer lebendigen Stimme, sondern allein schon ihre persönliche Nähe, wodurch sich die Menschen zum Guten hingezogen fühlten und eine solche Freude in Gott empfanden, daß in den Herzen derer, die mit ihr Umgang hatten, jede Traurigkeit sich auflöste, jeglicher innerer Überdruß hinfällig wurde und jede Erinnerung an irgendwelche Not verschwand. Stattdessen folgte ein so großer und ungewohnter Friede, daß man verwundert über sich selbst und die neu empfundene Art der Freude gleichsam in seinem Inneren ausrief: Es ist gut, daß wir hier sind; wir wollen für immer drei Hütten bauen. 31 Die Mitglieder dieses Kreises, der so genannten famiglia, die Katharina als ihre geistliche Mutter bezeichneten, setzten sich aus Frauen und Männern, Verheirateten und Unverheirateten, Laien und Geistlichen, Jungen und Alten zusammen. 32 Die geistliche Mutterschaft bedeutete für Katharina jedoch mehr als eine liebevolle, ehrerbietige Titulierung und ein Beistehen auf ihrem geistlichen Weg. Denn für sie beinhaltete diese Rolle auch ein Gefühl der Verantwortung für die spirituelle Weiterentwicklung ihrer Kinder und ihrer Mitmenschen und ein sich-verantwortlich-fühlen für deren eventuelles Versagen, das sie ihrer eigenen Unvollkommenheit zuschrieb. 33 Ihre Anhänger unterstützen Katharina bei ihren Anstrengungen im Dienste der Nächstenliebe. Neben den oben genannten Tätigkeiten wirkte Katharina auch als Friedensstifterin zwischen zerstrittenen Familien, spendete Gefangenen Trost oder begleitete zum Tode Verurteilte auf ihrem letzten Weg. Sie besaß die Gabe Kranke zu heilen, Besessene zu befreien, Sünder zur Umkehr zu bewegen und konnte sehen, was in den Seelen der Menschen vor sich ging. 34 Dazu schreibt Raimund in der Legenda maior: Ich habe gesehen, wie manchmal Frauen und Männer zu Tausenden oder in noch größerer Zahl gleichzeitig und wie von einer unsichtbaren Posaune gerufen von den Bergregionen und aus anderen Gegenden rund um Siena zusammenströmten, um Caterina zu sehen und zu hören. Nicht nur durch ihr Wort, sondern schon durch ihren Anblick wurden sie sich sogleich ihrer Vergehen bewußt und weinten und trauerten über 30 Vgl. Schlosser, Katharina, Raim., Legenda maior (Schmid, 65-66). 32 Vgl. Schlosser, Katharina, 49-50; Brakmann, Rosengarten, 19; Beckmann-Zöller, Frauen, Vgl. Schlosser, Katharina, Beckmann-Zöller, Frauen,

9 ihre Sünden. Sie eilten zu den Beichtvätern einer davon war auch ich und berichteten mit so großem Schuldbewusstsein, daß keiner an der Gnadenfülle zweifeln konnte, die sich von oben in ihre Herzen ergoß. 35 Als im Jahr 1374 in Siena die Pest ausbrach, kümmerte sich Katharina hingebungsvoll und ohne Scheu und Angst vor Ansteckung um die Pestkranken und verlor auch dann nicht den Mut, als viele Angehörige ihrer leiblichen und auch geistlichen Familie der Epidemie zum Opfer fielen. 36 Neben ihrem caritativen Wirken fand sie noch die Zeit, unerlässlich für das Seelenheil ihrer Mitmenschen zu beten und sich mit Laien wie Geistlichen zur Besprechung theologischer und kirchenpolitischer Themen zu treffen. Aus solchen Gesprächen wie auch durch Unterweisungen oder Diskussionen mit hoch gebildeten Mitgliedern der famiglia oder anderen Freunden wie z.b. dem Mystiker William Flete oder dem Benediktiner Giovanni delle Celle schöpfte Katharina ihr trotz fehlender Schulbildung unglaublich großes theologisches Wissen, das sich in ihren Schriften und Gebeten wiederspiegelt. 37 Einer ihrer wichtigsten Wegbegleiter wurde der gelehrte Dominikaner Raimund von Capua ( ) aus der Familie delle Vigne, der ihr 1374 durch das Generalkapitel der Dominikaner als Beichtvater und Seelenführer zur Seite gestellt wurde. Katharinas Aufenthalt in Florenz zu der Zeit, in der das Generalkapitel hier tagte, ist belegt, unklar ist jedoch ob die weit verbreitete Meinung, dass sie vor das Kapitel bestellt wurde, um sich zu rechtfertigen, der Wahrheit entspricht. 38 Raimund, der nach Katharinas Tod zum Generalmagister der Dominikaner 39 berufen werden sollte, erwies sich als umsichtiger Beichtvater, als treuer Freund und Reisebegleiter sowie als unverzichtbarer Ratgeber, der ihr Verständnis für theologische wie auch politische Sachverhalte und deren Zusammenhänge schulte und wohl einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf Katharinas politisches Wirken ausübte Mystische Erfahrungen Diesem politischen Einsatz gingen seit etwa 1368 in steigender Zahl zahlreiche Visionen voraus. Eine davon ist die des Herzenstausches, bei der Christus ihre Seite öffnet und ihr Herz mit seinem tauscht. Daraufhin wurde sie mehr denn je von glühender Nächsten- 35 Raim., Legenda maior (Schmid, 302). 36 Vgl. Beckmann-Zöller, Frauen, Vgl. Schlosser, Katharina, 50-53; Beckmann-Zöller, Frauen, Vgl. 33 Jahre für Christus. Die Legenda maior. Das Leben der hl. Caterina von Siena, Hg. v. Werner Schmid, Kleinhain 2006, Vgl. Beckmann-Zöller, Frauen, Vgl. Schmid, Legenda maior,

10 liebe und einem Gefühl der Reinheit und der Verjüngung erfasst durcherlebte Katharina dann eine Erfahrung, die ihr Leben nochmals entscheidend verändern sollte: ihren mystischen Tod. Ihre Ekstase war so tief, dass man sie vier Stunden lang für tot hielt, da sie keine Vitalfunktionen mehr aufwies. 41 Katharina sah währenddessen die Geheimnisse Gottes, alles [ ], was es in der anderen, uns unsichtbaren Welt gibt, etwa die Herrlichkeit der Heiligen und die Strafen der Sünder. 42 Die Rückkehr ins Diesseits empfindet sie als qualvoll, doch Christus hat einen Auftrag an sie, für den sie zurückkehren muss: Das Heil vieler Seelen verlangt deine Rückkehr. Du wirst aber nicht mehr ein Leben führen wie bisher, noch wird dir künftig deine kleine Zelle als Wohnort dienen, vielmehr wirst du zum Heil der Seelen sogar deine Heimatstadt verlassen müssen. Ich aber werde immer mit dir sein, ich werde dich führen und zurückführen. Du wirst die Ehre Meines Namens und die heilbringenden Lehren vor die Kleinen und die Großen bringen, vor Laien, Kleriker und Ordensleute, denn Ich werde dir eine Stimme und eine Weisheit geben, der niemand widerstehen kann. Ich werde dich auch zu den Päpsten führen, zu den Lenkern der Kirche und des christlichen Volkes, denn Ich will auf meine gewohnte Art und Weise durch das Schwache den Stolz der Starken zuschanden machen. 43 Diese Vision bildet den Beginn von Katharinas politischem Wirken, wobei politisch in Anführungszeichen zu setzen ist, da ihre Handlungen nicht im eigentlichen Sinne politisch, sondern immer religiös motiviert waren und sich die Politikerin kaum von der Mystikerin trennen lässt erfolgte eine weitere entscheidende mystische Erfahrung, bei der Katharina in der Kirche Santa Cristina in Pisa die Wundmahle Christi, die auf ihre Bitte hin nur für sie selbst wahrnehmbar blieben, empfing Grundzüge in Theologie und Mystik Katharinas Formulierungen in Katharinas Briefen und Schriften wie z.b. Taucht hinein ins Blut des gekreuzigten Christus! 46 oder Ich, Eure arme unwürdige Tochter Caterina, Dienerin und Magd der Diener Jesu Christi, schreibe Euch in seinem kostbaren Blut 47 erscheinen uns heute zunächst eher befremdlich, erschließen sich aber, wenn man Katharinas theologische Vorstellungen kennt. Sie sind außerdem ganz entscheidend, um Katharinas Beweggründe 41 Vgl. Schlosser, Katharina, 71-73; Strobel, Katharina von Siena. Engagiert aus Glauben. Briefe, Raim., Legenda maior (Schmid, ). 43 Raim., Legenda maior (Schmid, 275). 44 Beckmann-Zöller, Frauen, 101; Lohrum/ Dörtelmann, Katharina, Vgl. Schlosser, Katharina, 76; Lohrum/ Dörtelmann, Katharina, Cat., Brief 219 (Schmid I, 147). 47 Cat., Brief 206 (Schmid II, 364). 9

11 für ihre Forderungen wie auch ihre Handlungen selbst zu verstehen, weshalb im Folgenden versucht werden soll, einige zentrale Auffassungen kurz zusammenzufassen. Ausgangspunkt ist, dass der Mensch von Gott aus Liebe erschaffen wurde und der Mensch deswegen selbst zur Liebe gegenüber Gott und seinem Nächsten gezwungen ist. 48 Dieser Berufung zur Gottes- und Nächstenliebe nachzukommen und ein Leben in Nachfolge Christi zu führen, würde zur größten Glücksseligkeit des Menschen führen. Aber in vielen Fällen kommt es hier zu einer grundlegenden Verkehrung und der Mensch wendet sich, anstatt Gott zu lieben und im Gegenzug dessen Liebe, der er bedarf, zu erfahren, sich selbst zu. Er verfällt der Eigenliebe, die wie oben bereits erwähnt, Wurzel allen Übels ist und die Welt vergiftet. Einmal der Eigenliebe verfallen, kann sich der Mensch nur durch Selbsterkenntnis von ihr befreien, durch die Erkenntnis des eigenen Nichtsseins ohne Gott und die Erkenntnis der ihm durch Gott erwiesenen unendlichen Liebe mit deren Hilfe er die Kraft findet, diese Liebe von neuem zu erwidern. Diese Gottesliebe hat sich im Leben und Sterben des menschgewordenen Gottessohnes manifestiert und wurde mit der Öffnung seines Herzens und dem Vergießen seines Blutes sichtbar. 49 Er hat sein Blut aus Liebe zu uns vergossen und es uns geschenkt. Nur durch die Erkenntnis dieser Liebe, durch ein Leben in der Nachfolge Christi, der die Brücke ist, die sich vom Himmel zur Erde hin wölbt 50, und über die heiligen Sakramente der Kirche, in denen die unendliche Liebe Christi gegenwärtig ist, gelangt man zum Ewigen Leben. 51 Da das Blutvergießen Christi für Katharina höchster[r] Akt und Ausdruck seiner erlösenden Liebe ist und in ihm sich das ganze Erlösungswerk zusammenfassen lässt, wird Blut für sie zum Synonym des Heils und der Liebe und zum Element der Gnade und der Erlösung. 52 Die Kirche, in der dieses Blut aufbewahrt wird, bekommt damit eine sakramentale, lebensspendende Dimension 53 und ist daher heilsnotwendig. Durch Verfehlungen der Geistlichen, die zu Dienern des Blutes bestellt sind 54, wird dieser Blutkreislauf jedoch unterbrochen und den Menschen der Zugang zum 48 Vgl. Sommer-von Senckendorff, Caterina von Siena. Gespräch von Gottes Vorsehung, V-VI; siehe auch: Cat., Gespräch, (Sommer-von Senckendorff u.a., 63): Ohne Liebe kann die Seele nicht leben, sie will stets etwas lieben, besteht sie doch aus dem Stoff der Liebe, weil Ich sie aus Liebe erschaffen habe. 49 Weil Meine Sehnsucht nach dem Menschengeschlecht unendlich war, Mein zeitliches Werk des Ertragens von Leiden und Qual aber endlich. Somit konnte Ich durch dieses endliche Geschehen nicht all Meine Liebe zu euch offenbaren, denn sie war ja unendlich. Darum wollte ich, dass ihr das Geheimnis des Herzens sehen solltet, indem Ich es euch geöffnet darbot; hier sollte euch klar werden, dass Meine Liebe größer war, als was Ich euch durch Mein endliches Leiden zeigen konnte. Indem Ich Blut und Wasser vergoss, ließ Ich euch die heilige Taufe im Wasser erkennen, die in der Kraft des Blutes empfangen wird. ; Cat., Gespräch (Sommer-von Senckendorff u.a., 91-92). 50 Cat., Gespräch (Sommer-von Senckendorff u.a., 34). 51 Vgl. Schlosser, Kirchenbild, Schmid, Caterina von Siena. An die Männer der Kirche I, 29*-30*. 53 Schlosser, Kirchenbild, Cat., Brief 291 (Schmid II, 437). 10

12 Heil erschwert. 55 Durch diese Sünder wird der Kirche also so viel Blut ausgesaugt [ ], dass sie ganz bleich geworden ist. 56 Katharina verdeutlicht diese Sichtweise mit Hilfe eines Bildes, indem sie die Kirche mit einem Weinkeller vergleicht, in dem nicht Weinflaschen, sondern das kostbare Blut Christi aufbewahrt wird. Den Schlüssel und damit die Obhut über den Weinkeller hat Christus seinem Stellvertreter auf Erden, dem Papst anvertraut, der damit Kellermeister dieses Blutes 57 und Türhüter zum Weinkeller Gottes 58 ist und die Aufgabe hat, die Gläubigen mit dem Blut zu nähren. 59 Diese Vorstellung findet sich in verdichteter Form im Brief 305 Die Reform beginnt bei uns vom 18. September 1378 an Papst Urban VI.: Welche Wahrheit aber werden wir erkennen, Heiliger Vater? Jene ewige Wahrheit, von der wir geliebt wurden noch ehe wir waren. Und wo erkennen wir sie? In unserer Selbsterkenntnis, indem wir einsehen, dass Gott uns unter dem Zwang seiner Liebe nach seinem Bild und Gleichnis erschuf: Das ist die Wahrheit; denn er schuf uns, damit wir an ihm Anteil hätten und uns so an seinem ewigen Gut erfreuen könnten. Wer aber hat uns diese Wahrheit verkündet und offenbart? Das Blut des demütigen und makellosen Lammes, dessen Stellvertreter und Kellermeister Ihr seid. Ihr habt die Schlüssel zu diesem Blut, in dem wir neu geschaffen wurden zur Gnade. Sooft wir uns von der Todsünde erheben und dieses Blut in der heiligen Beichte empfangen, kann man sagen, dass wir von neuem geboren werden. Wenn wir also die Frucht des Blutes empfangen (in der Beichte), entdecken wir ein ums andere Mal, dass uns diese Wahrheit enthüllt ist im Blut. Und wer erkennt diese Wahrheit? Jene, die sich von der Wolke der Eigenliebe befreit haben und als Pupille ihres geistigen Auges das Licht des heiligsten Glaubens besitzen. Mit diesem Licht (in der Erkenntnis ihrer selbst und der ihnen erwiesenen Güte Gottes) erkennen sie diese Wahrheit, und in glühendem Verlangen verkosten sie dabei ihre Süßigkeit wobei diese Süßigkeit so groß ist, dass alles Bittere dabei vergeht, jede schwere Last leicht wird und die Finsternis schwindet; denn sie bekleidet die Nackten, sie sättigt die Hungernden, und sie vereint und trennt. 60 Mit diesem Hintergrund lässt sich auch leicht verstehen, warum Katharina im Alter von einundzwanzig Jahren in die Öffentlichkeit trat und sich unermüdlich und ohne Rücksicht auf ihre eigene Gesundheit und ihre Bedürfnisse für die Kirche, ihr Oberhaupt und ihre Mitglieder einsetzte. Der desolate Zustand der Kirche, Christen, die sich gegenseitig bekriegten, oder Interdikte über ganze Städte sorgten dafür, dass die Gläubigen von ihrem Zugang vom Heil abgeschnitten wurden. Und Katharina hatte während ihres mystischen Todes gesehen, was dies bedeutete. Weiter oben ist bereits angeklungen, dass Katharina sich für die Schwächen der Mitglieder ihrer famiglia und ihrer Freunde mitverantwortlich 55 Vgl. Beckmann-Zöller, Frauen, Cat., Brief 206 (Schmid II, 367). 57 Cat., Brief 239 (Schmid II, 398). 58 Cat., Brief 270 (Schmid II, 418). 59 Vgl. Schlosser, Kirchenbild, 273; Vgl. z.b. auch Cat., Brief 306 (Schmid II, 455). 60 Cat., Brief 305 (Schmid II, ). 11

13 fühlte. Tatsächlich beziehen sich dieses Verantwortungsgefühl und die Sorge Katharinas aber auf all ihre Mitmenschen. Raimund von Capua schildert dies in seiner Lebensbeschreibung folgendermaßen: Du sollst wissen, daß die Glut der Liebe, die sie in ihrem Herzen zu allen Gläubigen und noch viel mehr zu der Gemeinschaft aller empfand, so groß war, daß all ihre Gedanken, Worte und Handlungen und ihr ganzes Leben und Streben nichts anderes erkennen ließen und ausdrückten als das Mitleiden mit den Nächsten und ihre Liebe zu ihm. 61 Während einer Vision soll sie einmal gesagt haben, es wäre ihr das Liebste, über den Eingang der Hölle gelegt zu werden und sie zu verschließen, so daß niemand mehr dort eintreten könnte. 62 Sie sieht es als ihre Aufgabe, durch ihr Gebet Sünder auf den rechten Weg zu bringen und ist dafür bereit, alles zu opfern und nicht nur ihre Last zu schultern, sondern auch die des Nächsten Politisches Wirken der Katharina von Siena Nach der Erfahrung des mystischen Todes und dem an dieser Stelle erteilten Sendungsauftrag durch Gott begann Katharina den Radius ihres Wirkens zunehmend zu erweitern. Mithilfe zahlloser Briefe und vieler Reisen bemühte sie sich, dem Auftrag gerecht zu werden. 64 Zu ihren wichtigsten politischen Zielen, die sich kaum voneinander trennen lassen, weil sie stark miteinander verknüpft sind, zählen die Durchführung eines Kreuzzuges, die Rückkehr des Papstes von Avignon nach Rom, die Reform der Kirche und die Beilegung der Konflikte zwischen den italienischen Stadtstaaten Einsatz für einen Kreuzzug Eine erste Reise führte sie auf Einladung einiger Nonnen und des Pisaner Ratsherren Piero Gambacorta nach Pisa und auch hier wird ihr glühende Verehrung zuteil. 66 In Pisa traf Katharina auf den Gesandten des Königreichs Zypern, der in der Hafenstadt und später bei der päpstlichen Kurie in Avignon um Hilfe gegen die Türken ersuchte, die das Königreich Zypern bedrohten. Dessen Schilderungen müssen Katharina tief bewegt haben, denn 61 Raim., Legenda maior (Schmid, 47) 62 Raim., Legenda maior (Schmid, 48) 63 Vgl. Schlosser, Katharina, Vgl. Lohrum/ Dörtelmann, Katharina, Vgl. Cat., Brief 206 (Schmid, ). 66 Vgl. Schlosser, Katharina, 75). 12

14 in der Folgezeit begann sie, die sonst so friedfertige und friedensliebende Heilige, mit ganzem Eifer für einen Kreuzzug, den santo passagio 67, zu werben. Die türkische Expansion stellte zur Zeit Katharinas eine ernste Gefahr für das christliche Abendland dar, da sich das Osmanische Reich mit rasender Geschwindigkeit ausdehnte und Mitte des 14. Jahrhunderts auch nach Europa ausgriff. 68 Die Kreuzzugsidee Katharinas kam nicht von ungefähr, schon seit geraumer Zeit wurde der Gedanke in kirchlichen Kreisen propagiert und 1375 waren Dominikaner und Franziskaner mit den Vorbereitungen beauftragt worden. Doch bei der Werbung für einen Kreuzzug hatte Katharina nicht nur die drängende Türkengefahr und die Befreiung der heiligen Stätten vor Augen, sondern auch die Situation in Italien, wo die Söldnerheere ihr Unwesen trieben, also Christen gegen Christen kämpften und so ihr Seelenheil gefährdeten. 69 Indem sie vereinigt gegen die Ungläubigen zögen, würde Italien befreit von Krieg und Spaltung und vielen Sünden. 70 Doch für Katharina spielte auch der missionarische Aspekt eine große Rolle, denn ihr ging es darum, auch die Ungläubigen zu Christus zu bekehren, da Christus für alle Menschen gestorben ist und auch die Ungläubigen deshalb an der Gnade der Erlösung teilhaben sollten. 71 Dies zeigt ihr Gott in einer Vision auf: Und ich sah das Volk Christen und Ungläubige in die Seitenwunde des gekreuzigten Christus einziehen. Voll Sehnsucht und von Liebe erfüllt ging ich in ihrer Mitte und zog mit ihnen in den süßen Christus Jesus hinein, begleitet von meinem Ordensvater Dominikus, dem geliebten Johannes und von allen meinen Kindern. Dann legte er mir das Kreuz auf die Schulter und einen Ölzweig in die Hand, als ob es sein Wunsch wäre (und so bat er mich auch), ihn sowohl den Christen wie auch den Ungläubigen zu überbringen. Und er sprach zu mir: Sage ihnen: Ich verkünde euch eine große Freude! 72 In zahllosen Briefen rief Katharina den Papst, Könige und Königinnen, Fürsten und Söldnerführer dazu auf, sich dem Vorhaben anzuschließen. 73 So schrieb sie beispielsweise an den Söldnerführer Bartolomeo Smeducci: Ich lade Sie ein im Namen des Gekreuzigten, sein Blut mit Ihrem Blut zu bezahlen, sobald der von den Dienern Gottes erwartete Augenblick kommt, um zurückzuholen, was uns genommen ward: das Grabesheiligtum Christi! Und so die Ungläubigen zu unseren Brüdern zu machen, erlöst im Blute Christi wie wir! Den heiligen Ort aus ih- 67 Die heilige Überfahrt; Vgl. van Doornik, Katharina, eroberten die Türken Gallipolis; Vgl. Schlosser, Katharina, 91; Beckmann-Zöller, Frauen, 103; van Doornik, Katharina, 80; Katharina schreibt dazu in einem Brief an Papst Urban VI.: Ihr seht doch deutlich, dass die Ungläubigen schon kommen, um Euch dazu herauszufordern. ; Cat., Brief 291 (Schmid II, 439). 69 Vgl. Schlosser, Katharina, 91; Beckmann-Zöller, Frauen, ; Schlosser, Kirchenbild, Cat., Brief 206 (Schmid II, 367). 71 Vgl. Schlosser, Katharina, Cat., Brief 219 (Schmid I, ). 73 Vgl. Lohrum/ Dörtelmann, Katharina,

15 ren Händen zu befreien und ihre Seelen dem Dämon und dem Unglauben zu entreißen 74 Weitere Briefe gingen z.b. an den gefürchteten Söldnerführer John Hawkwood oder an Bernabò Visconti, an König Karl V. von Frankreich oder Herzog Ludwig von Anjou. Viele der Angesprochenen zeigten anfangs sogar Interesse, wie etwa Königin Johanna von Neapel, doch zu einem Kreuzzug sollte es zum Glück nicht mehr kommen Engagement für die Rückkehr des Papstes nach Rom und den Frieden zwischen dem Papst und den italienischen Stadtstaaten Die ohnehin sehr angespannte Situation in Italien verschärfte sich, als sich im Sommer des Jahres 1375 Florenz und Mailand zu einer antipäpstlichen Liga verbündeten, der sich nach und nach immer mehr Städte, darunter auch Städte des Kirchenstaats, anschlossen. Hauptgründe für die Abfallbewegung von der Kurie waren Auftreten, Maßnahmen und Lebenswandel der landesfremden Legaten, die vom Papst zur Aufrechterhaltung der Herrschaft im Kirchenstaat nach Italien entsandt worden waren. Sie belasteten die Städte mit hohen Steuern, die ins ferne Avignon abgeführt wurden, und schürten mit ihrem ungerechten und lasterhaften Verhalten den Unmut und den Zorn der stolzen Stadtstaaten Italiens, die viel Wert auf ihre bürgerlichen Freiheiten und ihre politische Selbstbestimmung legten, auf die Kurie. Zusätzlich sorgte die Tatsache, dass Papst Gregor XI. fast nur Franzosen zu Kardinälen ernannte, damit das französische Übergewicht im Kardinalskollegium weiter stärkte und die Abhängigkeit der Kurie von Frankreich zementierte, für Verbitterung. 76 Für Katharina war dieser Zustand untragbar, denn für sie blieb der Papst trotz möglicher Verfehlungen der von Gott eingesetzte Stellvertreter Christi auf Erden und das Oberhaupt der Kirche und des Kirchenstaates. 77 In der Folgezeit begann sie sich deshalb unermüdlich für den Frieden zwischen dem Papst und den italienischen Städten und für die Rückkehr des Papstes nach Rom einzusetzen, denn für sie war das Papsttum untrennbar mit der Stadt Rom, Stätte der Apostelgräber und damit des Apostels Petrus, dessen Nachfolge der Papst 74 Cat., Brief 12 (Strobel, 73). 75 Vgl. Lohrum/ Dörtelmann, Katharina, 80; Beckmann-Zöller, Frauen, Vgl. Schlosser, Katharina, 84-85; Lohrum/ Dörtelmann, Katharina, Vgl. Lohrum/ Dörtelmann, Katharina, 85-86; In einem Brief an den Mailänder Despoten Bernabò Visconti, der sich gegen den Papst und dessen Güter gewandt hatte und deshalb von diesem exkommuniziert worden war, drückt Katharina dies folgendermaßen aus: Deshalb ist ein Tor, wer sich vom Stellvertreter, der die Schlüssel des Blutes Jesu Christi, des Gekreuzigten hält, entfernt oder gegen ihn wirkt. Wenn jener selbst ein Teufel wäre, dürfte ich mein Haupt nicht gegen ihn erheben, müßte mich vielmehr stets demütigen und das Blut aus Barmherzigkeit erbitten: denn nur so könnt ihr es erlangen und an der Frucht des Blutes teilhaben. Cat., Brief IV (Gnädinger, 49). 14

16 antritt 78, verbunden. Avignon stand für Katharina sinnbildlich für die Abhängigkeit der Kirche von weltlichen Mächten, ja für die Verweltlichung der Kirche selbst. 79 Die Päpste hatten sich dort gut eingerichtet sie hatten einen prunkvollen Palast errichtet, ein effektives Verwaltungs- und Fiskalsystem aufgebaut und die Stadt schließlich sogar gekauft und zeigten wenig Interesse an einer Rückkehr nach Rom, während sich hier und in ganz Italien die Stimmung zunehmend gegen die Kurie wandelte. 80 Papst Urban V. entschloss sich schließlich 1367 zur Rückkehr nach Rom, doch die Zustände in Italien veranlassten ihn schon 1370 zur Rückkehr nach Avignon, wo sich kurz nach seiner Ankunft die Prophezeiung Birgittas von Schweden seines Todes im Falle einer Rückkehr erfüllte. 81 Diesen Ausgang vor Augen, fasste sein Nachfolger Papst Gregor XI., der Franzose Pierre- Roger de Beaufort, wohl schon am Anfang seiner Amtszeit den Entschluss, dauerhaft nach Rom zurückzukehren, zögerte aufgrund seiner ängstlichen Natur jedoch lange. 82 Bereits in ihrem ersten Brief an Gregor XI. 83 vom Februar 1376 nahm Katharina deshalb kein Blatt vor den Mund und ermahnte den Papst dazu nach Rom zurückzukehren, und gute Hirten und gute Vertreter in ihren Städten zu ernennen, denn durch die schlechten Hirten und Vertreter kam es zur Rebellion. 84 Obwohl sich der Papst Katharinas Apell zum Frieden zu Herzen nahm und eine friedliche Lösung in Italien suchte, sorgten die Vergehen gegen die Kirche 85 und die abweisende und unnachgiebige Haltung von Florenz dafür, dass der Papst am 31. März 1376 das Interdikt über die Stadt verhängte. Daran konnten auch die vermittelnden Bemühungen Katharinas und Raimunds, um die sie einige gemäßigte Florentiner Politiker gebeten hatte, nichts mehr ändern, obwohl Raimund eigens nach Avignon gereist war. 86 Diese Situation war für Katharina untragbar, denn das Interdikt bedeutete, dass keine Gottesdienste mehr stattfanden und keine Sakramente mehr gespendet werden durften. Damit waren die Menschen vom geistlichen Lebensstrom abgeschnitten und ihr Seelenheil war gefährdet. Auch wirtschaftlich traf das Interdikt die Stadt 78 Entsprecht dem Ruf Gottes, der will, daß Ihr kommt, um die Stätte des ruhmreichen Hirten in Besitz zu nehmen, des heiligen Petrus, dessen Stellvertreter Ihr seid, Cat., Brief 206 (Schmid II, 367). 79 Vgl. Schlosser, Katharina, Vgl. Schlosser, Katharina, Vgl. Schlosser, Katharina, Vgl. Schlosser, Katharina, hatte Papst Gregor XI. über den Beichtvater der heiligen Birgitta von Schweden ( 1373) Kontakt zu Katharina aufgenommen und sie um Gebetshilfe für ihn und die Kirche gebeten; Vgl. Beckmann-Zöller, Frauen, Cat., Brief XXV. (Gnädinger, 136); Vgl. Beckmann-Zöller, Frauen, In Florenz kam es laut der päpstlichen Anklagebulle unter anderem zu Plünderungen von Kirchen und Klöstern und zu Gewalttaten gegen Mönche; Vgl. Schlosser, Katharina, Vgl. Schlosser, Katharina, 85-86; Schlosser, Kirchenbild, 263; Lohrum/ Dörtelmann, Katharina,

17 hart, denn anderen Städten waren in der Folge Handelsbeziehungen zu Florenz untersagt. 87 Um den Frieden zu retten hatte Katharina nicht nur an den Papst, sondern auch an verschiedenste Politiker und an die Regierungen der Städte Briefe geschickt, in denen sie zu Frieden aufrief. An die Florentiner Signorie schrieb sie z.b.: versöhnet Euch und schließet Frieden mit ihm und verbleibt nicht länger im Krieg. [ ] Stehet auf und werft euch in die Arme Eures Vaters, und er wird Euch mit Wohlwollen aufnehmen, wenn Ihr dies tut, und Ihr werdet geistlich und zeitlich Frieden und Ruhe haben, Ihr und die ganze Toscana. 88 Dafür ist sie sogar zu drastischen persönlichen Opfern bereit: Wenn sich durch mich irgend etwas zur Ehre Gottes und zu Eurer Einheit mit der heiligen Kirche wirken läßt, bin ich bereit, wenn nötig, das Leben zu geben. 89 Noch 1375 reiste Katharina persönlich nach Pisa und Lucca, um deren Abfall vom Papst zu verhindern und im Mai 1376 nach Florenz, um Frieden zu erwirken erfolglos. 90 Schließlich machte sie sich zusammen mit über zwanzig Mitgliedern ihrer famiglia Ende Mai selbst auf den Weg nach Avignon. Wahrscheinlich wurde sie von einigen gemäßigten Florentiner Politikern sogar um ihre Fürsprache beim Papst gebeten, doch beim Eintreffen der Gesandten in Avignon wollten diese davon nichts mehr wissen und machten durch ihr provozierendes Auftreten alle Hoffnung auf Frieden zunichte. 91 Der Papst war Katharina jedoch wohlgesonnen und empfing sie bereits zwei Tage nach ihrer Ankunft. Bei diesem Treffen trug Katharina ihm in ihrer toskanischen Muttersprache, Raimund übersetzte ihre Worte dem Papst ins Lateinische ihre in den Briefen bereits formulierten Forderungen und Mahnungen persönlich und mit Nachdruck vor: Rückkehr nach Rom, Frieden mit Florenz, Reform der Kirche und Durchführung eines Kreuzzugs. 92 Während der Friede mit Florenz erst unter Gregors Nachfolger zustande kommen sollte 93, konnte Katharina den Papst in seinem Willen zur Rückkehr nach Rom gegen alle Widerstände bestärken. Verwandte des Papstes, Kardinäle und andere Franzosen versuchten dies mit allen Mitteln zu verhindern, doch Katharina konnte ihn mit ihren teils drastischen Worten ( seien Sie nicht ein ängstlicher Säugling, sondern ein Mann! Kosten Sie das Bittere, um zum Süßen zu gelangen! 94 ) und langem Zureden persönlich und in weiteren 87 Vgl. Schlosser, Kirchenbild, 264; Lohrum/ Dörtelmann, Katharina, Cat., Brief XXVIII (Gnädinger, ). 89 Cat., Brief XXVIII (Gnädinger, 150). 90 Vgl. Schlosser, Katharina, 84, Vgl. Schlosser, Katharina, 88-89, Vgl. Schlosser, Katharina, Vgl. Schlosser, Kirchenbild, Cat., Brief 4 (Strobel, 44). 16

18 Briefen schließlich überzeugen, obwohl auch die Situation in Italien nicht gerade einladend erschien. 95 Laßt Euch nicht wegen irgendeines Ärgernisses oder wegen der Rebellion einer Stadt, die Ihr erlebt oder von der Ihr hört, Euer heiliges Verlangen nehmen. Laßt es vielmehr eher ein Ansporn sein und verzögert deshalb nicht Euer Kommen. Glaubt nicht dem Teufel. Er weiß, daß er verliert, und darum versucht er Euch zu ärgern und Euch das Eurige zu rauben. Er möchte Euch die Liebe und Milde verlieren lassen und Eure Rückkehr verhindern. Ich sage Euch, Vater in Christus Jesus, kommt bald wie ein sanftes Lamm! Entsprecht dem Anruf des Heiligen Geistes! Ich sage Euch: Kommt! Kommt! Kommt! Wartet nicht auf die Zeit, denn die Zeit wartet nicht auf Euch! 96 So oder so ähnlich wie in diesem Brief vom März 1376 wird Katharina den fest in Avignon verwurzelten Papst zur Rückkehr und zur Aufgabe der ihn zurückhaltenden Furcht, für Katharina ein Zeichen von Eigenliebe, gedrängt und ihn schließlich überzeugt haben: 97 Am 13. September 1376 brach Papst Gregor XI. aus Avignon auf und erreichte im Januar 1377 Rom. 98 Zwar hatte er nicht den Mut aufgebracht, Katharinas Forderung wie ein sanftes Lamm 99 nach Italien zu kommen, zu entsprechen, sondern ließ sich von einem 2000 Mann starkem Heer beschützen, aber von da an residierte der Papst wieder in Rom, seinem angestammten Sitz. 100 Und auch wenn die Ereignisse nach Gregors Tod, die zur Spaltung der Kirche führen sollten, den Erfolg scheinbar mindern, lässt sich die große Bedeutung dieses Schrittes und Katharinas Einfluss darauf kaum bestreiten. 6.3 Ruf nach einer Reform der Kirche Von den oben beschriebenen Zielen Katharinas kaum zu trennen ist ihre Forderung nach der Reform der Kirche, da sie im anstößigen Verhalten der Kardinäle und im Verlust geistlicher Autorität der Kirche 101 eine der Ursachen für die Missstimmung gegen die Kurie sah. 102 Die Kirche des 14. Jahrhunderts war in einem schlechten Zustand, in Katharinas Verständnis war sie bleich 103 und blass 104 geworden. Doch bei aller Kritik, die sie übte, kritisierte sie nie die Kirche selbst, sondern nur die Zustände in der Kirche und die 95 Vgl. Schlosser, Katharina, 96-98, Cat., Brief 206 (Schmid II, 366). 97 Vgl. Schlosser, Katharina, Vgl. Schlosser, Kirchenbild, Cat., Brief 206 (Schmid, 366). 100 Vgl. Beckmann-Zöller, Frauen, Schlosser, Kirchenbild, Vgl. Lohrum/ Dörtelmann, Katharina, Cat., Brief 206 (Schmid II, 367). 104 Cat., Brief 206 (Schmid II, 364). 17

19 Verfehlungen ihrer Diener. Denn Katharina geht von der Heiligkeit und der Heilsnotwendigkeit der Kirche aus und das Mysterium Kirche ist für sie unantastbar. 105 Dies fasst sie in einzigartiger Weise in ihrem letzten Brief zusammen: ich sah die Notwendigkeit der heiligen Kirche, die Gott meinem Herzen offenbarte. Und ich sah, dass niemand zu Gott zurückkehren kann, um seine Schönheit im Abgrund der Dreieinigkeit zu verkosten, ohne die Hilfe dieser süßen Braut. Denn wir alle müssen durch die Pforte des gekreuzigten Jesus Christus gehen, und diese Pforte steht nur in der heiligen Kirche. Ich sah, dass diese Braut Leben schenkte, da sie eine solche Lebensfülle besitzt. Dass niemand sie töten kann. Und dass sie Kraft und Licht spendet, und dass niemand sie in ihrem Wesen schwächen oder verdunkeln kann. Und ich sah, dass ihre Fruchtbarkeit nie geringer wird, sondern sich ständig vermehrt. 106 Für sie ist die Kirche nichts anderes als Christus. 107 Auch zweifelt sie nie am Papst, denn er ist der von Gott eingesetzte Stellvertreter Christi auf Erden. 108 Sie denkt also nie in einem dogmatisch-revolutionären, reformatorischen Sinne, sondern mahnt lediglich zu einer inneren, geistlichen Reform der Kirche und ihrer Diener. Bei aller Kritik bewegt sie sich immer innerhalb der Lehre der Kirche. 109 Dazu schreibt sie nicht nur an den Papst, sondern auch an Kardinäle, Bischöfe, Priester und andere Geistliche Mahnbriefe, in denen sie kein Blatt vor den Mund nimmt und keine Standesunterschiede macht. 110 Die Hirten und Verwalter der Kirche leben [ ] in weltlichem Luxus und Streben und in anmaßender Eitelkeit 111 und in Unkeuschheit, sie erlangen ihre Ämter durch Simonie, geben sich große[n] Festlichkeiten und Vergnügungen hin, sind Betrüger und ein Beispiel der Erbärmlichkeit. 112 Der Papst, dem der heilige Garten der Kirche anvertraut ist, soll zuallererst die stinkenden Blumen ausrotten, die voll Unreinheit sind, voll Gier und aufgeblasen von Stolz. 113 Bei ihrer ersten Audienz bei Papst Gregor XI. sagte sie unverfroren zu diesem, daß sie in der römischen Kurie, wo doch das Paradies himmlischer Tugenden sein müßte, den Gestank höllischer Laster finde. 114 Seinem Nachfolger, Papst Urban VI. schrieb sie: Auch wenn ich mich zu Euch (nach Rom) wende, so sehe ich an Eurem Amtssitz eine Hölle von Sünden über Sünden, voll vom Gift der Eigenliebe. 115 Es ist die Aufgabe des Papstes, diese Missstände zu be- 105 Vgl. Beckmann-Zöller, Frauen, 94; Lohrum/ Dörtelmann, Katharina, Cat., Brief 371 (Schmid II, 475). 107 Vgl. Schlosser, Katharina, Vgl. Fußnote 77; Cat., Brief IV (Gnädinger, 49). 109 Vgl. Beckmann-Zöller, Frauen, 111; Schlosser, Kirchenbild, 267; van Doornik, Katharina, Vgl. Helbling, Katharina, Cat., Brief 206 (Schmid II, 365). 112 Cat., Brief 305 (Schmid II, 444). 113 Cat., Brief 206 (Schmid II, 364). 114 Raim., Legenda maior (Schmid, 207). 115 Brief 305 (Schmid II, 445). 18

20 seitigen: Reißt dieses Unkraut aus und werft es hinaus, wo sie nichts mehr zu verwalten haben. ( ) Pflanzt duftende Blumen in diesen Garten: Hirten und Verwalter, die wahre Diener des gekreuzigten Jesus Christus sein wollen, die auf nichts anderes bedacht sind als auf die Ehre Gottes und das Heil der Seelen und die den Armen gegenüber väterlich gesinnt sind Kampf um die Beendigung des Schismas Mit der Rückkehr des Papstes nach Rom sollte sich Katharinas Hoffnung auf Frieden und innere Erneuerung noch nicht erfüllen, auch wenn Katharina den Papst stetig zu Milde und Gerechtigkeit aufrief. 117 Im Gegenteil: Die Söldnertruppen, die der Papst für seine Sicherheit und zur Rückgewinnung verlorenen Kirchengutes bei sich behielt, plünderten in alter Manier bis sich die Bürger der Stadt Cesena, vor deren Toren die Truppen ihr Winterquartier aufgeschlagen hatten, wehrten. Daraufhin metzelten die Söldnerheere im Februar 1377 unter der Führung des Kardinals Robert von Genf, dem Schlächter von Cesena, die Stadtbewohner zu Tausenden nieder. Voller Entsetzen über das Verbrechen wandte sich Katharina an den Papst und kritisierte ihn scharf dafür, dass er sich mehr um die weltlichen Güter der Kirche, als um das eigentlich Wertvolle, die geistlichen Reichtümer und die Gläubigen, kümmere. 118 Auch die Friedensverhandlungen mit Florenz sollten unter Gregor XI. zu keinem Abschluss mehr kommen. Katharina geriet bei ihrem unermüdlichen Einsatz für den Frieden sogar selbst ins Kreuzfeuer, als sie 1378 erneut als Vermittlerin in Florenz tätig war. Mit dem Tod Gregors XI. am 27.März 1378 kamen die Friedensverhandlungen zum Erliegen und im Zuge der anschließenden innerparteilichen Kämpfe kam es zu einem Aufruhr, bei dem Katharina bedroht wurde und nur knapp einem Anschlag auf ihr Leben entkam. 119 Als Gregor XI. starb, lag seine Ankunft in Rom gerade mal ein gutes Jahr zurück und das Papsttum hatte sich während dieser kurzen Zeit keineswegs in Rom konsolidieren können. Aus Sorge, der neugewählte Papst könnte sofort wieder nach Avignon zurückkehren, forderten die Römer teils gewaltsam die Wahl eines römischen oder zumindest italienischen Papstes. 120 Unter großem Druck das Konklave wurde sogar gestürmt wählten die 116 Cat., Brief 206 (Schmid II, 365). 117 Vgl. Schlosser, Katharina, 100; Katharina kümmerte sich nach ihrer Rückkehr aus Avignon um ihr neugegründetes Kloster in Belcaro. 118 Vgl. Schlosser, Katharina, 100; Lohrum/ Dörtelmann, Katharina, Vgl. Schlosser, Katharina, Vgl. Schlosser, Katharina,

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