Erst kam das Fressen. Walther Schumann. SC 036/ Regiebuch IMPULS-THEATER-VERLAG

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1 Walther Schumann Erst kam das Fressen unmittelbar nach Ende des zweiten Weltkrieges in einer (nord)deutschen Stadt Die NS-Zeit ist Dauerthema im TV, doch bekommen wir vor allem Propagandafilmmaterial zu sehen, Aufmärsche, Herrschertypen, Krieg live in Schwarzweiß. Diese Überfütterung - auch die durch unser Bildungssystem es gibt trotz aller Bemühungen heutzutage jede Menge Neonazis - erzeugt Widerwillen, denn sie kommt dem übermächtigen Thema und seinen Ohnmachtsgefühle / Verzweiflung erzeugenden Implikationen nicht bei. Deshalb diese Veröffentlichung, in der ein Zeitzeuge - entlang konkreter Situationen aus dem Alltag unmittelbar nach Kriegsende - sich erinnert, versucht sich auszudrücken. Die Menschen, denen man hier begegnet, wirken weitgehend gefühllos. Der Tod umgibt sie unmittelbar, man sieht die zerstörten Städte. Sie spüren vor allem den Hunger. Jeder scheint sich selbst der Nächste zu sein. Eine Reflektion des verbrecherischen Systems, das soeben zusammenbrach und an dem mehr oder weniger - und sei es nolens volens - alle beteiligt waren (dem nur durch Flucht zu entkommen war), ist ihnen im hier gezeigten Zeitfenster noch nicht möglich. Es hat bis tief in die 1960er Jahre gedauert, bis es langsam dazu kam. Diese Szenencollage vermittelt auch den Eindruck, dass die Angst vor der eignen Schuld als Angst vor den Russen erlebt und verlagert wurde, weswegen man nicht umhin kann anzunehmen: der bald schon beginnende Kalte Krieg inklusive der Teilung Deutschlands war eine instrumentalisierende Kompensation, mitnichten eine begriffene Auseinandersetzung mit und Wertschöpfung aus dem bis heute größten Verbrechen aller Zeiten. Anregung zu selbständigem Denken und eigenverantwortlichem Handeln es wäre toll, könnte diese Veröffentlichung dazu beitragen. SC 036/ Regiebuch IMPULS-THEATER-VERLAG Postfach 1147, Planegg Tel.: 089/ ; Fax: 089/

2 PERSONEN: Diese Szenencollage, gewissermaßen ein Patchwork, macht es wohl erforderlich, dass die Akteure mehrere Rollen übernehmen (siehe Szenenanfänge). Doch wäre auch an die Aufführung als Lesespiel zu denken. Als solches könnte es zwar wie es Helmut Qualtinger mit den Letzten Tagen der Menschheit von Karl Kraus gemacht hat von nur einer Person umgesetzt werden. Doch bietet sich die Zusammenarbeit in einem (kleinen?) Team an. Dabei könnte eine/r als LeserIn der Regieanweisungen fungieren. ORT/ DEKORATION: Siehe Text. Auch die Realisierung in Form einer szenischen Lesung kann durchaus Lichtwechsel vertragen. Sie könnte mit Projektionen visuell erweitert werden. Hierbei können Motive herausgearbeitet werden, wie z.b. das wiederholt auftauchende Thema Sexualität und Gewalt. SPIELALTER: ab ca. 16 Jahren aufwärts SPIELDAUER: ca. 45 Minuten WAS NOCH? Die beiden Lieder Lied vom Hunger und Raucherlied bitte geeignet vertonen. In Zehn ist vom NKWD die Rede: NKWD ist eine Abkürzung für Narodny Komissariat Wnutrennich Del = Volkskommissariat für innere Angelegenheiten eine Geheimorganisation, zuständig für politische Überwachung, Nachrichtendienst, politische Strafjustiz, Verwaltung der Straf- und Verbannungslager sowie den Grenzschutz FEEDBACK? JA! zum Verlag: 2

3 Eins Eingangsmusik oder Klangathmo in fortissimo, dann Das ganze Vierstockgebäude kam runter auf die im Keller. Die waren sofort weg, ausgelöscht - alle. Nein, einer blieb übrig: Der Jude, der auf der Flucht bei der Familie Unterschlupf gefunden hatte. In den Luftschutzkeller dürfen wir Sie leider nicht mitnehmen hatte der Haushaltungsvorstand - so hießen damals die Ehemänner - gesagt. Der Jude war also, als es krachte, zur richtigen Zeit am richtigen Ort, nämlich woanders. Das rettete ihn. Vielleicht treffen wir ihn noch Mal. Aber beginnen wir mit dem Anfang nach dem Ende: Der größte Feldherr aller Zeiten hatte sich nach der Totalniederlage selbst entleibt, unter Mitnahme seiner am Vortag geheirateten Geliebten und Zurücklassung eines besiegten Volkes und respektabler Trümmerberge. Die damals - noch - Alliierten besetzten das Land. Die Deutschen schoben Kohldampf und den Schutt beiseite. Geschah ihnen ganz recht. Sie hatten schließlich mit allem angefangen, mit Krieg, Hass, KZs, Vernichtungslagern, Vergasung von Juden, Sadismus, Völkermord, Rassenidiotie und Perversionen aller Art. Und nun machten sie sich daran, den Dreck, das Blut, die ganze Scheiße, die sie selbst angerichtet hatten, wegzuräumen. So beginnt unser Bericht (Szenenwechsel) Zwei Straße in einer weitgehend zerstörten Stadt. Drei Trümmerfrauen, ein russischer Soldat, ein Mann mit Wassereimern, ein Ehepaar mit Karre, später weitere Personen. Die Frauen sind dabei, Mauersteine zu säubern, Schutt weg zu schieben etc. Der Soldat bewacht sie, eine Kalaschnikow geschultert. Ein schäbig gekleideter Mann, mit zwei Eimern, geht vorbei. Soldat: Stoi! Mann: (hält an) Soldat: Tschto äto? Mann: (hebt Deckel vom Eimer) Soldat: (tippt mit Finger in den Eimer, kostet) Uoda? Karaschó, gutt uoda? Mann: Ja, dada, gutes Wasser - Pumpe (macht die entsprechende Handbewegung) Soldat: Du niex Waasser doma? (zeigt auf die Häuser) Mann: (schüttelt Kopf, hebt die Schultern) Nix, nein, kaputt alles, nix Wasser, nix Gas, nix Lampe, nix zu essen, (macht immer die entsprechenden Gesten) kaputt, kaputt Soldat: (lacht) Da da, Germanski kapuut, Gietler kapuut, Gebels Propaganda kapuut, woina auch kapuut, ponjemaisch? (bietet eine Zigarette an) Mann: (nimmt sie an) Danke. Soldat: (zeigt drei Finger) Tri den - drai Tag, du Waasser in Haus. (er wendet sich ab) Mann: Na, wär ja schön. 3

4 (Er geht von der Bühne, die drei Trümmerfrauen sind immer, wenn auch geruhsam, an der Arbeit. Hinzu kommen ein Mann und eine Frau, er schiebt eine primitive Holzkarre, auf der ein Papierpaket liegt. Die Frau trägt einen Spaten. Beide haben Tücher vor Mund und Nase. Als sie sich nähern, bedecken auch die Trümmerfrauen Münder und Nasen mit ihren Schürzen.) Eine Trümmerfrau: Anni! Isset Irmchen? Frau mit Spaten: (nickt) Zehn Tage hat se unter Trümmern jelegen. Und nu? Kriegst keenen Sarg, bloß ne große Papiertüte... Der Mann:... Und paar Schaufeln Kalk. - Wenigstens ist der Friedhof nich weit. 2. Trümmerfrau: Und Geld für ne Grabstelle sparste ooch. Frau mit Spaten: Bild Dir mal keene Schwachheiten ein. Wenn die Toten alle einjesammelt sind, wird wieder verwaltet. Wir sind in Deutschland. (Seitlich entstehen Geräusche, Schritte, Durcheinandergerede, Rufe: Schneid mal da! - Haste n scharfet Messer? - Fell abziehen - Is noch janz frisch! - Ein Glück, det die Pferde haben - vollkommen ausjeblutet! ) Eine Trümmerfrau: Wat iss n da los? 2. Trümmerfrau: Die sind bei dem toten Pferd. Liegt schon seit jestern da. 3. Trümmerfrau: Da hat so n besoffener Russe mit ner Kalaschnikow rumjeballert, auf de Straßenlaternen, in de Bäume. Da muss den Gaul wohl n Querschläger erwischt haben, jenau durch n Hals. Mann: (erscheint mit Messer und Stück Fleisch) Bruststück! Das reicht für n paar Tage. Eine Trümmerfrau: Haste jut jemacht. Haste der alten Oma auch n Stück abjeschnitten? Mann: (lacht) Ja, hab ick, Die wollte wat Zartes zum Durchdrehen, sagt se. Als ob ick der Schlachter von Kempinski wär. 2. Trümmerfrau: Das muss n paar Tage abjehangen sein, dann zergeht s auf der Zunge. Mann: Zunge? Moment, gleich wieder da. (ab) 3. Trümmerfrau: Die Leute sind wie die Heuschrecken. Eine Trümmerfrau: Wir sollten uns auch mal kümmern. In ner Stunde liegt bloß noch s Jerippe da. 2. Trümmerfrau: Nee, laß man, hab noch den Jeruch von der Toten in der Nase, keen n Appetit uf Fleisch. Eine Trümmerfrau: Ick bring Dir wat mit, heute Abend schiebste wieder Kohldampf. 3. Trümmerfrau: Ick werd dem Iwan mal Bescheid sagen, damit er uns wegläßt. (sie stellt sich vor den Soldaten, deutet auf die anderen Frauen, macht eine Geste des Weggehens) Wir müssen mal tap, tap, tap Soldat: Njät, njät! Rabota, rabota! 4

5 Eine Trümmerfrau: (tut etwas schamhaft, lüftet ein wenig den Rock, deutet Hockstellung an) Wir, äh, psch, psch, psch, verstehn? Soldat: Da, ponjemaio. 3. Trümmerfrau: Zehn Minuten! (hebt beide Hände) Soldat: Galoschi tuda! (deutet auf den Boden) 3. Trümmerfrau: Wat willer? 2. Trümmerfrau: Wir sollen unsere Schuhe hier lassen, damit wir ihm nich verloren jehen. (zum Soldaten) Is jut, Iwan, machen wir. (Alle drei Trümmerfrauen ziehen die Schuhe aus und gehen ab. Auch der Soldat verschwindet. Die Bühne wird kurz dunkel.) Drei Es folgt das Lied vom Hunger. Alle Sänger haben Fleischstücke in den Händen. LIED VOM HUNGER Kann man Blätter essen? Eichenlaub? Birkenlaub? Salat aus Lorbeer von Siegerkränzen? Gras, geschmort, Leder geschnetzelt? Egal, wovon uns schlecht wird. Egal, wie es schmeckt. Hier muss was rein! Hier ist die Not. Wo sind Brot, Wo Butter, Zucker, Mehl, Kohl, Schmalz und Öl? Und Fleisch, Ja, Fleisch! Wir müssen was beißen, schlingen, schlucken, Kartoffeln, Rüben, Wrucken, auch wenn wir danach spucken oder dünner scheißen na, und!? Dann kacken wir auf Hitler, auf Himmler, den Verstümmler, auf Göring, Goebbels Heydrich, Hess, die ganze braune Pest, die kümmert uns ein n feuchten Dreck. Wir haben Hunger, versteht ihr? Nichts versteht ihr! Hunger tut weh, hier, hier, hier! Hunger macht Gier! (Sie gehen suchend und z.t. an den Fleischstücken nagend von der schnell dunkel werdenden Bühne.) Vier Wohnzimmer. Im Hintergrund eine Tür. Unter der Klinke klemmt ein Balken. Vorn ein Tisch, ein paar Stühle. Karla, ca Jahre alt, verteilt auf Tellern Radieschen, schneidet dann von einem kleinen Brotlaib einige Scheiben ab und legt sie auf die Teller. Es klopft an der Tür. Ja? 5

6 Lutz: (außerhalb) Ich bin s (Karla ergreift einen schweren Hammer und schlägt den Balken weg. Lutz und Effi, beide ca Jahre alt, treten ein. Lutz trägt einen halb gefüllten Rucksack, unterm Arm Holzstücke, die nach abgesägtem Treppengeländer aussehen. Effi ist als Mann verkleidet, Windjacke Männerhosen, Stiefel und eine Sonnenbrille. Lutz legt den Rucksack ab, während Effi die Männersachen auszieht und als junges Mädchen im sommerlichen Kleid erscheint. Lutz beäugt die Sachen auf dem Tisch.) Lutz: (ironisch) Drei Radieschen pro Nase, is det nich n bisschen viel? Wenn Du nicht darauf bestanden hättest, in einem Balkonkasten noch Tabak zu ziehen, könnt ich vielleicht jedem vier Radieschen geben. Lutz: Schon jut. (er wühlt im Rucksack, bringt etwa 6 Frikadellen hervor, die er auf einen Teller legt) Was ist das? Lutz: Siehste ja, Bouletten, schon jebraten. Klaust Du etwa? Lutz: Klauen?! Im Grandhotel drüben sitzen die Russen, fressen und saufen Schnaps und Wein und alles durchnander bis sie umfallen. Na und? Lutz: Soll ich warten, bis se in die Vorratskammer pinkeln oder in n Speiseaufzug kotzen? Vielleicht finden sie ja auch die Klos und essen bloß ganz manierlich. Effi: Davon werden wir auch nich satt. (zu Effi) Warst Du etwa mit da drin? Effi: Bin ich verrückt? Hatte eh meine liebe Not, mir so n paar Kerle vom Hals zu halten. Ham die gemerkt, dass Du n verkleidetes Mädchen warst? Effi: Nöö, für die war ich n hübscher Junge. Unter denen gibt s nämlich auch welche, die anders rum sind, gar nich wenig. Lutz: Geil sind sie alle. Wierum isses denn nu schlimmer? (verweisend) Lutz, schäm Dich! Effi: Er meint s nich so, Mutter. Aber ich werd mich auch mal besser vorbereiten, wenn ich rausgeh. Was heißt das? Effi: (zu Lutz) Hör mal weg, Bruderherz! (zu Karla) Viele Frauen machen sich was mit roter Tinte in die Schlüpfer. Als hätten sie ihre Tage? 6

7 Effi: Genauso, man kann nur hoffen, dass es den Burschen den Appetit verdirbt. Lutz: Ick hab Appetit. Wie viel Brot steht mir denn zu? Vier Scheiben, nich zu dick, bis morgen Mittag einschließlich. Lutz: Is ja jewaltig. Aber ne Boulette darf ick ja wohl nehmen? Klar. Effi: Wartet mal, ich hab auch noch was. (Sie sucht in den Manteltaschen und bringt etwas grünes Kraut zum Vorschein, das Karla interessiert betrachtet.) Sieht aus wie Löwenzahn. Effi: Isses auch. Ich sah, wie n Mann die Blätter pflückte, war n Franzose... Lutz: Fremdarbeiter. Effi: Der hat mir erklärt, das gäbe n prima Salat, darf nur noch nich geblüht haben. - Ham wir Essig? Nee, woher wohl? Aber ich hab Molke. Geht alles. Lass mich nur machen. Lutz: Wir werden uns noch überfressen. (Bühne wird dunkel, es erklingt das Lied Würstchen mit Salat gesungen von Bully Buhlan.) Fünf Straße, im Hintergrund Bretterwand mit einer Unmenge von Zetteln. Zwei große Plakate sind zu sehen, eins zeigt ein flirtendes Pärchen und trägt die Aufschrift KENNT IHR EUCH ÜBERHAUPT? Das andere zeigt eine junge Frau in provokant lasziver Pose, Text dazu: BE CAREFUL! VENERAL DISEASE. Es findet viel Klüngelei und Durcheinandergelaufe statt. Jeder hat ein Päckchen, eine Aktenmappe, Einkaufstasche, einen Karton oder Eimer. Gespräche wechselnder Art, wie folgt: Zigaretten, Cigarettes, Papierossi! (dieser Ruf kann sich zwischendurch immer wiederholen) Was ham Sie denn? Zahngold. Kann ich mal sehen? Kein Wunder, wenn die Geschlechtskrankheiten zunehmen, bei den vielen Schiebern Da gibt s doch schon was gegen. Soo? Peni-äh-cillin, oder so ähnlich. Aber wo? Frag mich was Leichteres. I m looking for Main Kampf by Hitlör Kann ick besorgen! But first edition. Mal sehn Eins A Taubenjauche. Iiiii! Die Balkontomaten freun sich, jibt sone Dinger 7

8 Echt Meißen. Für Schinken. Ein Kilo würd ich geben Nicht fürs Dreifache. N ganzer Schinken muss es sein! Was kostet denn ne Nummer mit Dir? Ne Packung Lucky Strike und n doppelten Cognac. Cognac? Bei so nem Typ wie Du muss ick wat nachtrinken. (Szenenwechsel) Da bin ich noch mal. Ich hab überlegt, ob ich mich Ihnen vorstellen soll. Ach, lassen wir s. Sie vergessen s doch. Is auch unwichtig. Wichtig ist aber, dass ich n Zeitzeuge bin. Zeitzeuge, das ist ne Spezies, die eigentlich auf die rote Liste gehört. Aber vorm Aussterben kann uns eh niemand retten. Schon bald gibt s niemanden mehr, der das alles noch direkt erlebt hat. Da gibt s bloß noch Menschen, die das aus zweiter oder dritter Hand kennen. (hübsch, modern und sexy gekleidet, kommt unauffällig hinzu) (fährt fort) Versuch mal, heute, umgeben von Supermärkten und Restaurants der unterschiedlichsten Herkunftsländer, zu erklären, was Hunger ist. - Oder die Angst, morgen nichts mehr auf dem Teller zu haben. Unmöglich! Die sagen bloß; Na und? Is doch ne Gelegenheit, mal n paar Pfunde loszuwerden. - Vollgefressene Generation! (räuspert sich missbilligend.) (bemerkt sie) Die Sorgen hast Du nicht, meine Schöne. Du gehörst zu den Exemplaren, bei deren Anblick ich immer bete: Herr, das Können hast Du mir genommen. Nun, bitte, nimm mir auch noch das Wollen! Wollten wir nicht... wolltest Du nicht der vollgefressenen Generation n paar Denkanstöße geben? Ich wette, viele meiner Altersgenossen haben null Ahnung, was da gelaufen ist, kurz nach Kriegsende. Könnte man s auf die Kurzformel bringen. Die Deutschen wollten was zu essen, die Besatzer wollten Sex? Das ist natürlich sehr kurz. Aber es trifft schon. Bloß die Methoden waren unterschiedlich. Die Methoden? Man kann Sex mit vorgehaltener Pistole erzwingen oder mit ner vorgehaltenen Packung Lucky Strike erkaufen. Für Zigaretten?? Glaub ich nicht. Du weißt nicht, was Sucht ist. Manche Weiber machten s für ein Stäbchen. Oh Gott! In unserem Fall hier liegen die Dinge allerdings anders. (Szenenwechsel) 8

9 Sechs Mondlicht, Bank, Andeutung von Buschwerk. Alice und Rolf treten auf, lassen sich auf der Bank nieder. Ich hab immer für Dich gebetet. Es hat geholfen. Ja, Du bist da. Ich bin so froh. Es war schlimm, als die Nachricht eintraf, dass Du vermisst bist. Ich hatte Glück. Die letzten Gefangenen kamen gar nicht mehr weit weg. Und nach der Kapitulation ging s dann schon los mit Entlassungen. Die hatten ja keine Verpflegung mehr für uns. Nachts lagen wir vor den Zelten und versuchten, aus irgendwelchem Kraut ne Suppe zu kochen. Alles schob Kohldampf. Einmal, als der Mond so halb war, sagte einer: Der hat s gut, der nimmt zu. Heute ist er schön rund und klar Ja, Vollmond. Ne richtige Nacht für Verliebte. (zieht ihre Strickjacke enger um sich) Ist Dir kalt? Nur n bisschen. Komm, ich wärm Dich. (er versucht, sie auf seinen Schoß zu ziehen, sie wehrt sanft ab) Hab mal keine Angst. Hier kommt niemand. (er streichelt sie, nestelt an ihren Blusenknöpfen. Sie wehrt ab, zeigt aber, dass sie nicht schroff sein möchte) Hast Du was? (er versucht, ihren Hals zu küssen, sie zieht die Schulter hoch. Er legt eine Hand auf ihr Knie, sie schiebt sie von sich. Er öffnet die Umarmung und dreht sich übelnehmend weg.) Rolf Was? Ich... ich mag Dich. (spöttisch) Wie schön. Wirklich! Ja, ja, und?... Weiter? Aber ich... ich kann nicht mit Dir... (sie bricht in Tränen aus) Was hast Du? (er zieht ein Taschentuch hervor und trocknet ihre Tränen) Du bist so lieb... bitte... hab Geduld... ich... ich kann nicht... Ich weiß, Du bist enttäuscht... Du kommst aus der Gefangenschaft, und Dein Mädchen verweigert sich Dir. Hast ja vielleicht Gründe... hast Du? Rolf, ich hab was Schlimmes erlebt (sie stockt) Ich hör Dir zu 9

10 Ich war mal mit Sigrid am See. Da gab s Ruderboote. Wir haben auch eins genommen, sind n bisschen gerudert. Auch a- merikanische Soldaten mieteten sich Boote. In einem saßen drei lustige Burschen, ruderten immer neben uns her und redeten was in ihrem Slang, was wir nicht verstehen konnten. Dann flog plötzlich ne Tafel Cadbury zu uns ins Boot. Cadbury? Das ist Schokolade. Haben die Amis haufenweise. Na ja, wir sagten thank you und winkten. Und dann war die Zeit abgelaufen, wir also zurück zum Bootssteg. Plötzlich waren die drei A- mis auch da. Wir redeten mit Händen und Füßen, und so n bisschen Schulenglisch fiel mir auch wieder ein. Dann... Dann? Ich weiß gar nicht genau, wie es dazu kam. Wir machten Unsinn, es gab so n bisschen Flaxerei. Dann saßen Sigrid und ich in so nem Jeep. Du kennst ja diese Dinger mit den breiten Reifen und oben fast rundum offen (nickt) Ja, und dann hielten wir vor nem Tanzlokal. Es tönte tolle Musik raus... So ne Negermusik? Kann sein, jedenfalls drin war große Stimmung. Und Du weißt ja, wie gern ich tanze. Der Eine von den Dreien tanzte traumhaft. Was Du nicht sagst. Rolf, sei nicht ironisch! Mir ist nicht zum Lachen. Bitte, versteh doch! Nach all dem Elend vorher, Hunger, Angst, Luftangriffe, wieder Angst, auch um Dich. Nun endlich mal n bisschen verrückt tanzen, ist das n Verbrechen? Nun komm mal auf den Punkt! Ich geb mir Mühe. Wir kriegten Cocktails und tanzten. Es war heiß, und ich wollte an die Luft. Und dieser, der so gut tanzte, bot mir noch einen drink an und sagte sowas wie get it down, honey, oder so ähnlich. Und Du hast es runtergekippt, he? Ja, ich bin manchmal spontan, besonders wenn ich aufgekratzt bin. Du findest das dann sogar gut... hast Du mal gesagt. Ja, aber... ja. Ich trank, dann begleitete er mich raus. Die frische Luft nach der Hitze da drin... ich merkte plötzlich, dass ich schwankte. Ben hielt... Wer? Der... sie nannten ihn alle Ben. Er führte mich ein Stück... da war so eine Grünanlage, wohl auch Bänke, weiß nicht genau. Es war ja inzwischen auch dunkel geworden... Und weiter? 10

11 Ich weiß danach nichts mehr. - Als ich aufwachte... Aufwachte??? Ich sag Dir, was ich weiß, ehrlich, aber ich war plötzlich weg. Und dann kriegte ich mit, dass ich in einem Taxi saß. Der Fahrer fragte mich, wohin die Reise gehen sollte. Ich hab ihm meine Adresse gegeben, und er hat mich dahin gefahren, sagte noch, das wär alles bezahlt. Dann... (sie bedeckt ihr Gesicht mit den Händen) Dann merkte ich, dass etwas... mit mir vorgegangen war. Mein Rock war eingerissen, meine Bluse... ich blutete... Dieses Schwein!... Diese Drecksau!... das muss angezeigt werden! Nein, nein! Bitte, nicht!... Ich will versuchen, das zu vergessen. Vergessen?! Vergessen kannst Du erst, wenn dieses Vieh gefasst ist. Wir sind doch... unsere Frauen sind doch kein Freiwild! (Szenenwechsel) Der Alte und die Junge. Frauen sind eben doch Freiwild. Ist bloß abhängig von den Umständen, oder? Du hast schon Recht. Männer als Sieger, lange Zeit ohne Frauen, dafür in Dreck, ständiger Bedrohung, nun plötzlich ungestört, die Drüsen angefüllt mit Adrenalin und Testosteron. Mit so n paar Fremdwörtern aus der Mottenkiste entschuldigst Du alles? Ich entschuldige gar nichts. Ich erkläre nur. Vielen Dank, Herr Hobbypsychologe! Fang bloß nicht an, mir unsympathisch zu werden! Würde mir Leid tun. Ich wünsch Dir nur, dass Dir so ein Übergriff erspart bleiben möge. (in höchster Erregung) Mit beiden Daumen würde ich dem Kerl die Augen eindrücken und ihm danach die Eier zertreten. Dann gibt s nen blinden Eunuchen. Na und? Die Bildzeitung jubelt über solche Aufmacher. Und RTL bringt ne Erotic-Doku-Soap mit Fortsetzungen, Mega- Einschaltquoten. Mag sein. Aber wir sind jetzt im Sommer 45. Es gibt keine Bildzeitung... Wie herrlich und kein Fernsehen... Auch schön Wir sind bei Null, und keiner weiß, was der nächste Tag bringen wird. 11

12 (Szenenwechsel) Sieben Straße. Ein Herr, bemüht, in der Kleidung und im Benehmen gepflegt zu erscheinen, geht spazieren und trifft eine ebenfalls gepflegt wirkende Dame. Guten Tag, Herr Dr. Schwindt. (lüftet leicht den rechten Arm) Na, na, das lassen Sie man jetzt! Ach, ach, alte Gewohnheit, bitte um Vergebung (zieht den Hut zum Gruß) Das passt viel besser. Schön, dass Sie noch leben. Ja, ja, aber fragen Sie nicht, wie! Frag ich doch! Also, wie und wo? Uns haben sie ja noch im Endkampf das Haus zusammengeschossen. Ach! Ihnen auch? Erdgeschoß und Keller sind noch heil. Wir wohnten im 4. Stock, nun sehr provisorisch ganz weit unten. Nun, da haben Sie bei allem Gebombe noch Glück gehabt. Übrigens - wollen Sie mein Gast sein heute? Ich habe ein paar Schweineknochen erwischt. Dazu gebe ich eine große Kartoffel, die habe ich vor einer Kellertür aufgelesen. Vom Erdboden? Ja, sicher, na und? Kann man ja schön abwaschen. Da koche ich eine Knochenbrühe draus und reibe die Kartoffel hinein. Das macht schön sämig. Wie? Sämig. Damit meint die Hausfrau: ein bisschen dick. Das füllt mehr. So, nun ja, wenn Sie das sagen füllt - das wäre ja wundervoll. Und mich wollen Sie dazu einladen? Ja, ja, abgemacht. In gut zwei Stunden bei mir, Asternstraße sieben. Das Vorderhaus ist weggebombt. Sie müssen bis hinten durchgehen zur Gartenlaube. Haben Sie eine Taschenlampe? Die ist aus, keine Batterie. Aber meine Petroleumfunzel tut s ja vielleicht auch. Zünden Sie die bloß an, damit Sie nicht über die Trümmer stolpern. Werd ich tun, danke, meine Teure, also dann... 12

13 Gut, gut, ich muss mich noch schnell dort anstellen. Die Schlange ist noch absehbar. Was gibt es denn da? Weiß ich nicht. Aber wo Leute anstehen, gibt s immer was, Tee, Nägel, Süßstoff, Gummiflecken für Schuhsohlen, Hämosil. Wie, bitte? Hämosil. Kennen Sie nicht? Das klingt so medizinisch oder nach Scheuermittel. Nein, nein, das ist Blutwurstaufstrich. - Sie hören richtig, Blutwurst als Pulver. Drei Esslöffel in ein Schüsselchen, eine halbe Tasse Wasser, lauwarm, zugeben, durchrühren, und dann aufs Brot mit dem Brei. Hört sich schrecklich an. Schmeckt annehmbar. Ich lass Sie nachher probieren. (sieht sich um) Oh Himmel, die Schlange wird länger. Ich muss... seh Sie nachher. (geht ab) (zieht seinen Hut, schüttelt den Kopf, geht auch ab) Acht Gartenlokal, sehr provisorisch, Stühle, Tische, ein alter Sonnenschirm. An den Tischen sehr gemischte Gesellschaft, Soldaten, junges Volk, offensichtliche Transvestiten. Man sieht am Verhalten, dass die Leute die neu gewonnene Freiheit genießen. Alte und auch amerikanische Schlager der damaligen Zeit sind zu hören. Gesprächsteile fliegen hin und her. A: Kuck mal, hier war mal n Kino. B: Du spinnst. A: Nee, wirklich. Der letzte Film, den ich gesehen habe, war Der Weg ins Freie. B: Mit Zarah Leander! (singt und ahmt dabei die Vortragsweise der Leander nach) Der Winnnd hat mir ein Liiied erzäählt... A: Den Weg ins Freie haben wir ja nun. (zeigt auf die Trümmer) B: Nimm n andern Stuhl. Der bricht gleich zusammen. (sie setzen sich) A: Haste mal n Kometen? B: Kannst Dir einen drehen. (holt Tabak und Papier aus der Tasche) (Sie drehen sich Zigaretten.) A: B: Is ja wie beim Iwan. Weißt Du noch, der Machorka? Das stank vielleicht. Na ja, die drehten ja auch mit Zeitungspapier. Und immer, wenn die alten Opas husteten, spukten se n Stück PRAWDA aus. (Ein Kellner kommt.) 13

14 Kellner: Tach, die Herren, was soll s denn sein? A: Gegenfrage: Was gibt s denn? B: Ich will bloß was trinken Kellner: Alkolat, heiß oder kalt? B: Was is das denn? Kellner: Das frag ich mich auch manchmal. Ist aber von den Militärbehörden genehmigt. A: Bier? Kellner: Wir haben englisches Lager, ist fast wie n Pils A: Na denn zweimal (Kellner ab) (Junge Frauen kommen, sie haben sich nach Möglichkeit hübsch herausgeputzt:) Die jungen Frauen: Ab fünf soll s hier richtig schicke Musik geben! Kostet aber dann Eintritt. Kommt man, ich zahl für Euch mit! Großzügig! Woher haste die Märker? Frag nicht so viel. Ich hab sie (holt aus der Tasche ein rundes Döschen heraus und verteilt) - Hier, jede n Stück Schokolade? Scho-ka-ko-la??? Mensch, Anke, woher? Wenn Du nicht aufhörst zu fragen, pack ich alles wieder weg. Entschuldige! Ich sag nichts mehr. (Ein junger Mann mit gefüllten Jacketttaschen nähert sich.) Junger Mann: Na, was spricht man denn so in Raucherkreisen? Mann: Haste Papier zum Drehen? Junger Mann: Nischt, nischt, bei mir nur volles Rohr, Amis, Pall Mall, Chesterfield... Mann: Kostet? Junger Mann: (zeigt sechs Finger) Mann: Sechs Em? Junger Mann: Weil Du s bist. Freundschaftspreis. Eine der jungen Frauen: Ich spendier Euch eine. (sie kauft eine Zigarette, zündet sie an und gibt sie weiter) Müsst ihr rumgehen lassen. Mann: Wie den Kelch beim Abendmahl, danke, Süße. Eine der jungen Frauen: (zum jungen Mann) Gib noch eine für den Weibertisch. (Kauf geschieht, junger Mann ab. Die Frauen und Männerrunden rauchen, indem sie sich die Zigaretten weitergeben. Allmählich rücken die Runden zusammen, die Zigaretten wandern kreuz und quer. Musik ertönt lauter. Ein Mädchen steht auf, wiegt sich im Rhythmus, saugt genüsslich an einer Zigarette, fängt an zu singen, in den Gesang stimmen nach und nach alle ein:) 14

15 RAUCHERLIED Aaaaah! Duftender Nebel, blaue Kräusel blau, so blau, so leicht, schweben aufwärts, so leicht, steigen, küssen die Wolken, aaaaaah blau, glücksblau, selig blau, alles löst sich im Rauch ich schwebe, schwebe im Rauch komm! schwebe mit mir im Rauch vergiss Hunger vergiss Wunden, Trümmer, die Toten die Witwen, vergiss, vergiss in einem Wölkchen Tabakrauch, Aaaaaah! (Die Gruppe bewegt sich rhythmisch, die Musik ebbt langsam ab.) (Szenenwechsel) Der Alte und die Junge. Na, sagte ich s nicht? Die Nikotinsklaven tanzen ums goldene Kalb, die Ami-Zigarette. Gesungen haben sie aber ganz schön. Es ging. Die Kehlen sind noch sauber, waren noch. Hat sich auch geändert. Heute kannst Du ja mit fast gar keiner Stimme in die charts kommen. Psst! Ich hör was... (Szenenwechsel) Neun Ein Mann in abgerissener Kleidung, Stock und dunkler Brille. Er bewegt sich langsam tastend, bleibt manchmal stehen, lauscht. Beim Gehen klappt ein Fuß hölzern. Ein junger Mann begegnet dem Blinden, stutzt, geht weiter und verschwindet. Schließlich nähert sich eine Frau mit einer Art Bollerwagen. Der Blinde scheint zu straucheln. Frau: Oh, Vorsicht, warten Sie, (sie geht zu ihm) Das ist hier schon für Leute mit gesunden Gliedern ne Angstpartie. Kommen Sie, ich helfe Ihnen. (sie führt ihn einen gewundenen Weg nach vorn, wobei sie ihm Anweisungen gibt) Jetzt hier lang, Achtung Stufe! Ja, so geht s, und jetzt hier, ja, ja, hier ist alles geräumt. Blinder: Danke! 15

16 Frau: Wohin wollen Sie? Blinder: Ich dachte, ich sei angekommen. Ist hier nicht das Kino? Frau: War mal hier. Alles weg. Blinder: Woher kommt die Musik? Frau: Hier hamse provisorisch so n Tanzschuppen aufjemacht. Wat solln die jungen Leute auch machen? Krieg vorbei, alle Toten begraben. Nu soll wieder jelebt werden. Blinder: Ich hab hier jewohnt, überm Kino. Frau: Oh, oh, warten Sie mal! Bin gleich zurück. (Sie verschwindet nach hinten, der Blinde verharrt wartend, manchmal mit einer Geste, als bete er. Die Frau erscheint wieder.) Frau: Kennen Sie Herta, Gudrun und Fritz? Blinder: Herta ist meine Frau, die andern meine Kinder. Was ist mit ihnen? Frau: Die leben alle, sind in der Schule untergekommen. Kennen Sie die Schule? Blinder: Ja, ich glaube, ich finde... Frau: Kommen Sie mal, steigen Sie ein, ich bringe Sie hin (sie hilft dem Blinden in den Bollerwagen und zieht mit ihm ab) (Die Tanzmusik schwillt wieder an, Paare tanzen nach vorn. Diese Tanzszene steigert sich, wird ausgelassener, schließlich auch schräger. Schwule Pärchen und sich extrem produzierende Tänzer/innen beherrschen schließlich die Bühne bis Musik und Beleuchtung abebben und die Handlung schließt.) - Längere Pause - Der Alte und die Junge. Es ist einige Zeit verstrichen. Man sagt ja, Zeit heilt alle Wunden. Das stimmt wohl oft. Aber manche Wunden schwären statt zu schwinden. Und manche Narben verdecken auch nur Unwiederbringliches, meine ich. Abgeschossene Arme und Beine wachsen nicht mehr nach. Und wer blind wurde, bleibt es. - Ändert sich überhaupt nichts? Doch, doch. Der Schwarzmarkt blüht. Die Menschen fahren in überfüllten Zügen auf s Land und tauschen Wertsachen gegen Lebensmittel. Die Bauern werden reich. Mir fällt dazu n Witz ein. Gewitzelt wurde ja damals über alles. Erzähl! Da kommen hungrige Städter auf n Bauernhof und wollen einen Teppich gegen Kartoffeln eintauschen. Der Bauer kratzt sich am Kopf und besieht das kostbare Stück. Dann ruft er seinen Knecht und sagt: Sieh doch mal nach, ob wir im Schweinestall noch Platz für so n kleinen Teppich haben. 16

17 Sehr komisch. Gibt s deswegen heute fast in jedem Dorf n Antikladen? Gute Frage. Aber grade gute Fragen bleiben oft ohne Antwort. Warum eigentlich? Wieder ne gute Frage. Denk mal an Politiker. Die werden dauernd gefragt, wo s lang geht. Oft wissen sie s selber nicht. Oder sie möchten ihre nächsten Schritte nicht verraten, weil sie schlechte Umfrageergebnisse für sich oder ihre Partei befürchten. Also haben sie ne Technik entwickelt, auf zu direkte Fragen äh... Kulissenantworten zu geben. Kulissenantworten? Deine Wortschöpfung, was? Ja. Ein besseres fällt mir nicht ein für diese Redekünste. Eindrucksvoll, aber nichts dahinter. Macht das nicht jeder Werbefuzzi auch so? Natürlich! Die haben sogar Psychologie studiert, um zu lernen, wie man Leute manipuliert ohne dass sie s merken. Naturtalente darin waren unsere braunen Weltverbesserer. Sieh Dir alte Filme an. Du schüttelst nur noch den Kopf, wenn Du erlebst, wie die Massen hysterisch brüllen, weil der Anstreicher mit der Popelbremse sie besoffen geredet hat. Heil! Heil! Heil! Heil! Heil!... Hör auf! Is ja ekelhaft. Man könnte denken, Du bist von nem tollwütigen Hund gebissen worden. Das sagst Du jetzt. Aber es war so. Damit wären wir ja wohl wieder beim Thema. Ja, ungefähr. Der Umschwung erfolgte ruckartig. Und plötzlich wurde Brechts berühmter Ausspruch Realität: Erst kommt das Fressen, und dann kommt die Moral... Allerdings war die Moral seit der Stalingrad-Katastrophe sowieso im Arsch. Pfui! Ich übertreibe nicht. (Szenenwechsel) Zehn Ein Wohnzimmer mit Tisch und zwei Stühlen sowie zwei Kisten, die auch als Sitzgelegenheiten benutzt werden, dazu einiges Mobiliar - vielleicht Blumenständer (ohne Blumen) - altes Radio, im ganzen Einrichtungsgegenstände der 30er, 40er Jahre. Kaja, ca Jahre alt, kommt mit einer brennenden Kerze herein, entzündet weitere Kerzen, worauf es heller wird. Dann bemüht sie sich, das Zimmer etwas anheimelnder herzurichten, Tischdecke, Möbel umstellen usw. Max, altersmäßig zu Kaja passend, kommt herein. Immer noch kein Strom? Woher wohl? - Haben wir noch irgendwo Stühle? Stühle? - Ja, unten im Luftschutzkeller müssen noch welche sein. 17

18 Kannst Du mal n paar hoch holen? Klar. (Er will gehen, als Sille den Raum betritt. Sie ist etwa 16, hübsch, sehr blass, wirkt scheu, nervös und abweisend.) Ach, Silke, kommste mal mit in n Keller, paar Stühle tragen. Sille: Lass mich in Ruhe. (sie huscht wieder hinaus) Was hat sie denn? - Hä? Du weißt doch. Ach... ja... oh Gott... das hatte ich... aber sie weiß doch, dass i- ch ihr nichts tue. Schon, aber n Keller ist für Sille jetzt wie ne Folterkammer. So was steckst Du als Frau nicht so einfach weg. Und sie ist erst sechzehn. Morgen geht sie zum Arzt. Dieses Schwein! Es waren drei, n Asiat dabei mit nem Säbel in der Hand. Besoffen? Mehr oder weniger - Sieger sind wohl so. Ich hol Stühle. (ab) (Kaja arbeitet weiter, Sille huscht wieder herein.) Sille: Muss ich dabei sein? Du musst nicht. Aber es hilft Dir vielleicht, unter Menschen zu sein, die Du kennst und die es gut mit Dir meinen. Sille: Wer kommt denn alles? Behrendts werden kommen. Die hab ich beim Wasserholen getroffen. Die bringen ihr Abendbrot mit, haben sie gesagt. Sille: Und sonst noch? Du, ich lass mich überraschen. Mal sehen, wer noch da ist und noch krauchen kann. Wird wohl sehr gemischt werden - komm Du man auch! Sille: Ich will aber nichts gefragt werden. Is doch klar. (Sille huscht hinaus, Klopfen an der Tür.) Ja, ist offen! (Herein kommt Arno. Seine Kleidung enthält noch Reste von Uniform. Der rechte Arm fehlt ihm. Der Ärmel ist leer in den Gürtel gesteckt.) Arno! (sie starrt ihn an, dann seine rechte Schulter) Arno: Tach! Schönen Dank für die Einladung - ja, ja, kuck man! (ironisch) Ist ein Führergeschenk. Du Armer - wann ist es passiert? 18

19 Arno: Nicht lange her (mit sehr ironischer Betonung) Beim heldenhaften Endkampf bis zur letzten Patrone. Na ja, politisch war ich ja immer schon links, jetzt geht s so weiter. Rasieren klappt schon ganz gut. Schreiben muss ich noch trainieren. Schwer? Arno: Briefe tipp ich auf der alten Conti, Einfingersuchsystem. - Sag mal: Was zu essen habt ihr wohl auch nicht zufällig? - - Blöde Frage, was? Ich geb Dir ne Scheibe Brot von Sille. Hast Glück, die ist heute nicht so gut drauf. Arno: Krank? Nicht direkt - es ist - äh - ne Frauensache - wir hatten drei Russen im Keller. Arno: Verdammte Scheiße!... Das... au, Mann... tut mir das leid. - A- ber vielleicht hat sie noch Glück gehabt. Manche gehen auf die Frauen und schießen ihnen hinterher ne Kugel in den Kopf. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich zuerst die Kugel wollen. Was danach kommt, kann mir schnuppe sein. (herein mit zwei Stühlen) Was ist Dir schnuppe? Frag nicht! Mensch, Arno! Altes Schlachtross, was für n Glück, dass es Dich noch gibt. Arno: Na, ob s n Glück ist, wird sich noch rausstellen. Da, wo ich herkomme, hieß die letzte Tagesparole Götterdämmerung. Es hat ja den Göttern dann auch jedämmert. Und hier gab s immer den Spruch: Genießt den Krieg, der Frieden wird fürchterlich. Arno: Auf uns kommt noch was zu, wir haben viel Scheiße gebaut. Und Du hast noch zuletzt Deine Knochen eingebüßt. Arno: Uns haben sie beim Rückzug ganz schön zur Sau gemacht. Stalinorgel, Tiefflieger, Granatwerfer... Von meinem Regiment sind nicht mehr viele übrig. (auf seine rechte Seite weisend) Es gibt Schlimmeres. (Es klopft.) ) Immer rein in die gute Stube. (Es treten ein: Herr und Frau Behrendt. Er trägt eine Art Blumenstrauß, mit Papier umwickelt, sie eine Handtasche.) Herr Behrendt: Guten Tag, ich grüße Sie. Tag, Tag, oh, wir brauchen noch Stühle! (ab) Frau Behrendt: Schön, Sie wohlauf zu sehen. Danke für die Einladung. Guten Tag. Wir sahen uns ja gestern an der Pumpe - allmählich kriegt man etwas Übersicht und Gewissheit, wer noch übrig ist. Herr Behrendt: (überreicht den Strauß an Kaja) 19

20 Für mich? Immer noch der Kavalier alter Schule (sie löst das Papier) Tulpen! Herrlich! Danke! Wo kriegt man so was? Frau Behrendt: In unserem Garten. Da, wo der Krieg nicht hingetrampelt hat, sprießt der Frühling. (Allgemeine Begrüßung aller.) Wie tröstlich, dass die Natur sich wieder meldet. (sie befreit den Strauß vom Papier und betrachtet ihn genauer) Was seh ich denn da? Drei Zigaretten? (sie zieht sie heraus) Das ist ja... das ist ja unglaublich... Haben Sie eine Quelle? Frau Behrendt: Unser Harald, siebzehn, hat auf seine Weise entdeckt, wie man kompensiert, wie das so schön heißt. Herr Behrendt: Rauchen Sie denn wenigstens? Ja, schon, hin und wieder. Aber jetzt ist Essen wichtiger. Man kann ja die Stäbchen auch tauschen. Herr Behrendt: Sicher, die Ami-Währung ist stärker als Geld. Machen Sie was draus! Vielen Dank, Sie sind ein Wohltäter! Herr Behrendt: Sie übertreiben, meine Liebe! (Die folgenden Gespräche können sich z.t. überlappen:) Frau Behrendt: Wo ist eigentlich Ihre Tochter Sille? Wie? - Sille... ach, die war heute ein bisschen unpässlich. Ich glaube aber, sie kommt noch. (erscheint mit weiteren Stühlen) Guten Tag, alle zusammen! Der Laden füllt sich ja, wie schön - Kaja, haben wir irgendwo Gläser? Wir haben, aber wofür? Hab im Keller noch ne Flasche Korn entdeckt. Wundervoll! Da können wir unseren Gästen wenigstens etwas anbieten. Frau Behrendt: Aber Vorsicht! Auf leeren Magen wirkt das sehr schnell. Arno: Na, n Schluck kann wohl nicht schaden. (Gläser aus einem Karton werden verteilt. Max öffnet die Flasche und schenkt ein. Reaktion der Gäste:) Halt! Nicht so viel! Danke! Oh, großes Glas, da krieg ich n Doppelten! Wird uns allen gut tun! Prosit! Zum Wohl! Auf Gröfatz! Den größten Feldherrn aller Zeiten! Soll dran verrecken! Is er schon. Na, dann darauf noch einen! (Frau Behrendt wühlt in ihrer Handtasche und bringt ein kleines Päckchen hervor, das sie auswickelt.) 20

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