EINLEITUNG STUDIENAUFBAU STUDIENMETHODIK STUDIENZIEL

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3 EINLEITUNG STUDIENAUFBAU STUDIENMETHODIK STUDIENZIEL THEORETISCHER HINTERGRUND RISIKOWAHRNEHMUNG DER MFI S RISIKOEINSCHÄTZUNG UND RISIKOVERHALTEN DER MFI S THEORETISCHER HINTERGRUND ANSÄTZE IN DER GESCHÄFTSPRAXIS DER MFI S IN DEUTSCHLAND ANGEWANDTE METHODEN QUANTITATIVE FAKTOREN QUALITATIVE FAKTOREN THEORETISCHE GRUNDLAGEN KREDITRATINGSYSTEME AUßERHALB DEUTSCHLANDS ANFORDERUNGSPROFIL EINES RATING / SCORING MODELL FÜR MFI S BEURTEILUNG DER DEUTSCHEN BEWERTUNGSMODELLE THEORETISCHE GRUNDLAGEN BEURTEILUNGSSYSTEM UND CoGC ERGEBNIS MIKROKREDITSCORING KRITISCHER AUSBLICK

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5 1 Zur Erstellung dieser Ministudie wurde folgende relevante Fachliteratur und folgende relevante Quellen herangezogen: FACHLITERATUR Bücher: Adrian, R. / Heidorn, T. (Hrsg.): Der Bankbetrieb: Lehrbuch und Aufgaben, 15., überarbeitete Auflage, Gabler, Wiesbaden, Borst, H. / Dahmen, A. / Lippmann, I.: Corporate Banking - Zukunftsorientierte Strategien im Firmenkundengeschäft, 6., überarbeitete Auflage, Frankfurt School, Burger, A. / Buchhard, A.: Risiko-Controlling, Oldenbourg, München, Eller, R. / Gruber, W. / Reif, M. (Hrsg.): Handbuch des Risikomanagements - Analyse, Quantifizierung und Steuerung von Markt-, Kredit- und operationellen Risiken, 2. Auflage, Schäffer Poeschel, Everling, o.: Certified Rating Analyst, Oldenbourg, Kossack, E.: Die Regulierung von multinationalen Geschäftsbanken Ineffizienzen und Optimierungspotenziale, Diplomika, Paul, S. / Horsch, A. / Stein, S.: Wertorientierte Banksteuerung I: Renditemanagement, 1. Auflage, Frankfurt School, Schulte, M. / Horsch, A.: Wertorientierte Banksteuerung II: Risikomanagement, 3. Auflage, Frankfurt School, Frankfurt am Main, Wiedemann, A.: Risikotriade, Zins-, Kredit, und operationell Risiken, Bankakademie, Internetquellen: Bundesbank (Hrsg.): Monatsbericht September 2003, elektronisch veröffentlicht. URL:http://www.bundesbank.de/download/volkswirtschaft/monatsberichte/2003/200309mb.pdf (Zugriff am ). The Aspen Institute (Hrsg.): Credit Evaluation Grids for Microlenders a tool for enhancing scale and efficiency, elektronisch veröffentlicht. URL: (Zugriff am ). 5

6 Microfinance Risk Management, L.L.C. (Hrsg.): Scoring for Mircofinance, elektronisch veröffentlicht. URL: (Zugriff am ). Microfinance Risk Management, L.L.C. (Hrsg.): Do it yourself scoring tree, elektronisch veröffentlicht. URL: (Zugriff am ). GLS Gemeinschaftsbank eg (Hrsg.): Wie arbeitet ein mfi, elektronisch veröffentlicht. URL: (Zugriff am ). GLS Gemeinschaftsbank eg (Hrsg.): Für mif entscheiden, elektronisch veröffentlicht. (Zugriff am ). Unabhängiges Landeszentrum für Datenschutz Schleswig-Holstein (Hrsg.): Studie Scoringsysteme, elektronisch veröffentlicht. URL: https://www.datenschutzzentrum.de/scoring/2005-studie-scoringsysteme-uld-bmvel.pdf (Zugriff am ). Europäische Kommission (Hrsg.): Veröffentlichungen European code of good conduct for microcredit provision, elektronisch veröffentlicht. URL: item_id=5479&tk= (Zugriff am ). Europäische Kommission (Hrsg.): European code of good conduct for microcredit provision, elektronisch veröffentlicht. URL: (Zugriff am ). 6

7 QUELLEN DER DATENERHEBUNG Zur Datenerhebung für die Ergebnisse in der deutschen Mikrofinanzlandschaft wurden folgende Stichproben benutzt: Korrespondenzen: Oliver Förster: Persönliches Gespräch (Telefonat) mit Herrn Oliver Förster, Deutsches Mikrofinanzinstitut e.v. (DMI), DMI-Akademie, Akkreditierung von Mikrofinanzinstituten, am Stichprobe 1: Telefonbefragung Mikrofinanzinstitute Datenerhebung durch telefonische Befragung im Zeitraum vom bis garage Mikrofinanz GmbH 2. Gondorf & Gondorf GbR 3. Henzgen & Schommer Consult GmbH 4. KIZ Finanzkontor GmbH & Co. KG 5. Kapitalinstitut Deutschland GmbH & Co. KG 6. Mikrofinanzwerk GbR 7. MONEX e.v. 8. NordHand eg 9. Smart Mikrokredite GmbH 10. VS Finance GmbH Stichprobe 2: Internetpräsenzen von Mikrofinanzinstituten Datenerhebung auf den Internetseiten der folgenden Mikrofinanzinstitute (38 aus den 45 von der GLS Bank bereitgestellte Liste von Mikrofinanzinstituten, Stand: ) durch mehrmaligen Zugriff auf die Internetpräsenz im Zeitraum vom bis Artel GmbH / DAVW 2. Auftragsfinanz 3. Cofinas Mikrokredit Institut GmbH 4. Dut mikrofinanz GmbH 5..garage Mikrofinanz GmbH 6. GFA Consulting Group GmbH 7

8 7. GLC Glücksburg Consulting AG 8. Goldrausch Frauennetzwerk e.v. 9. Gondorf & Gondorf GbR 10. Gründungsmanager GmbH 11. GMU mbh 12. GUBI e.v. 13. Henzgen & Schommers GmbH 14. IHBD Limited 15. Indaro Mikrofinanz GmbH & Co. KG 16. IMF e.v. 17. Iq consult GmbH 18. KIZ Finanzkontor GmbH & Co. KG 19. Kapitalinstitut Deutschland GmbH & Co. KG 20. KMG e.g. 21. McFinance / NETTork GmbH & Co. KG 22. Mikrofinanzagentur Tühringen 23. Mikrofinanzwerk GbR 24. Mikrokredit Schleswig-Holstein GmbH 25. Minerva Mikrokredite GmbH 26. MOBIL Mikrokredit GmbH 27. MONEX e.v. 28. MOZIAK eg 29. NordHand eg 30. Objektiv Mikrofinanz AG 31. Pro Unicus AG 32. Pst Mikrofinanz GmbH 33. Raritas e.v. 34. Regios eg 35. RKW Thüringen GmbH 36. Smart Mikrokredit GmbH 37. Sobanco AG 38. VS Finance GmbH 8

9 AG Aktiengesellschaft Bafin Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht BMAS Bundesministerium für Arbeit und Soziales BMWi Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie BWA betriebswirtschaftliche Auswertung bzw. beziehungsweise CoGC Code of Good Conduct Co. KG Compagnie Kommanditgesellschaft COPIE Community of practice on inclusive entrepreneurship DE Deutschland DMI Deutsches Mikrofinanzinstitut eg eingetragene Genossenschaft e.v. eingetragener Verein EIF Europäischer Investmentfonds ESF Europäischer Sozialfond etc. etcetera EU Europäische Union evtl. eventuell f. folgende GbR Gesellschaft des bürgerlichen Rechts GmbH Gesellschaft mit beschränkter Haftung HH Hansestadt Hamburg HRSE. Herausgeber http hypertext transfer protocol KWG Gesetz über das Kreditwesen LLC Limited Liability Company M.A. Master of Arts MFI Mikrofinanzinstitut MFI s Mikrofinanzinstitute NRW Nordrheinwestfalen pdf portable document format RLP Rheinlandpfalz S. Seite USA United States of America u.ä. und ähnliches vgl. vergleiche www world wide web z.b. zum Beispiel 9

10 3.1 EINLEITUNG Das Ausfallrisiko gilt als das größte aller Risiken im Kreditwesen. Kreditausfälle im Privatkundenbereich stellen im Vergleich zu Ausfällen von Firmenkunden wegen der meist viel größeren Dimension der Kredite, beispielsweise Großkredite, einen erheblichen Schaden dar. Neben weiteren Teilrisiken von Krediten wie der möglichen Herabstufung der Bonität eines Schuldners (Bonitätsrisiko) und der möglichen Ausweitung des Risikoaufschlags (Spread Risiko) gliedert sich das Ausfallrisiko. 1 Bezogen auf das Einzelgeschäfte wird das Ausfallrisiko gewöhnlich als das Risiko bezeichnet das besteht, wenn vollständig oder teilweise Zins- und Tilgungsleistungen im Kreditgeschäft bestehen und der Schuldner den vertragsgemäßen Zahlungsverpflichtungen nicht länger nachkommen kann. 2 Grundsätzlich bestimmen die Kreditwürdigkeit, bedingt durch das Bonitätsrisiko, und die Sicherheiten, bedingt durch das ausfallgefährdete Volumen, die Höhe des Ausfallrisikos. Die Kreditwürdigkeit bezieht sich hier auf verschiede Unterarten von Risiken. Zu nennen sind hier beispielsweise Geschäftsrisiken die sich auf Produkte, Technologien, Marketingaktivitäten und ähnliches beziehen sowie finanzielle Risiken die durch die Ertragslage und die Vermögenslage determiniert werden. Sicherheiten beschreiben Vermögensgegenstände die im Falle des Zahlungsausfalls zur Absicherung des Kreditvolumens liquidiert werden, um somit Verluste ausgleichen zu können. Bestimmt werden die Sicherheiten durch deren Qualität wie Werthaltigkeit, Liquidierbarkeit sowie deren Umfang, wie z.b. vollständige oder teilweise Absicherung des Kredits. 3 Neben den Ursachen der Finanzkrise in 2007 sind grundsätzlich die Hauptursachen für Kreditausfälle unvollkommene oder falsche Informationen über Kreditnehmer sowie Fehleinschätzungen der Kreditgeber bezüglich der längerfristigen Bonität. 4 Ursachen von Kreditausfällen auf Seite des Privatkundengeschäfts sind Änderungen der 1 Vgl.: Wiedemann, A.: Risikotriade, Zins-, Kredit, und operationell Risiken, S, Vgl.: Schulte, M. / Horsch, A.: Wertorientierte Banksteuerung II: Risikomanagement, 3. Auflage, Frankfurt School, Frankfurt am Main, 2003, S Vgl.: Schulte, M. / Horsch, A.: Wertorientierte Banksteuerung II: Risikomanagement, 3. Auflage, Frankfurt School, Frankfurt am Main, 2003, S. 81 ff. 4 Vgl.: Adrian, R. / Heidorn, T. (Hrsg.): Der Bankbetrieb: Lehrbuch und Aufgaben, 15., überarbeitete Auflage, Gabler, Wiesbaden, 2000, S

11 Beschäftigungsverhältnisse, soziale Problemstellungen, falsch eingeschätzte finanzielle Belastbarkeit sowie die Zweckentfremdung des Kredits. Auf Seiten des Firmenkundengeschäfts finden sich mehrere und vielfältiger verflechtete Faktoren die einen möglichen Kreditausfall verursachen. Interne Faktoren sind hierbei etwa eine unzureichenden Ausstattung des Unternehmens mit Eigenkapital, eine fehlende oder mangelhafte Organisationsstruktur oder Fehler im Management und in der Unternehmereigenschaft. Externe Faktoren wie Preisänderungen auf der Beschaffungsseite, Zahlungsausfälle oder Zahlungsverzüge von Kunden und weitere Gegebenheiten wie politische Ereignisse und Naturkatastrophen beeinflussen ebenso das Ausfallrisiko. 5 Des Weiteren können auch Risiken in den Sicherheiten die eine Bank einfordert enthalten sein. Faktoren hierbei sind eine nicht ausreichenden Werthaltigkeit und ein möglicher Preisverfall der Sicherheit, bestehende Eigentumsvorbehalte, bzw. die Wertminderung durch nicht vertragsgemäßen Umgang des Gläubigers. 6 Werden die ersten Indikatoren eines Kreditausfalls wie ausbleibende regelmäßig eintreffende Gutschriften von Gehältern oder Tilgungsleistungen sowie das dauernde Ausnutzen von Kreditlimits nicht erkannt, ist ein Kreditausfall wahrscheinlich und der Kredit muss restrukturiert oder abgeschrieben werden. Dieser beschriebene Prozess ist nicht nur in der Bankenwelt von Relevanz sondern ist gleicher Maßen für die Mikrofinanzwelt wichtig und gestaltet sich nahezu identisch. Dementsprechend sieht sich die Gesamtheit aller MFI s im deutschen System gleichermaßen (in Abhängigkeit ihrer strategischen Ausrichtung) mit Kreditausfallrisiken und deren Auswirkungen auf Risikoportfolien und deren Ertragslage konfrontiert. Dem zufolge müssen auch MFI s Maßnahmen ergreifen um das Ausfallrisiko zu erkennen und es möglichst bestens einzuschätzen. Die Studie liefert in diesem Zusammenhang Erkenntnisse über diese Thematik. 5 Vgl.: Adrian, R. / Heidorn, T. (Hrsg.): Der Bankbetrieb: Lehrbuch und Aufgaben, 15., überarbeitete Auflage, Gabler, Wiesbaden, 2000, S Vgl.: Adrian, R. / Heidorn, T. (Hrsg.): Der Bankbetrieb: Lehrbuch und Aufgaben, 15., überarbeitete Auflage, Gabler, Wiesbaden, 2000, S. 537 f. 11

12 3.2 STUDIENAUFBAU Die einzelnen Kapitel der Studie sind zumeist in mehrere Teile zerlegt. Im Teil Hintergrundwissen wird jeweils die grundlegende Theorie dargestellt und erläutert. Teil Mikrofinanzpraxis stellt die Forschungs- und Studienergebnisse in Bezug auf die theoretischen Grundlagen näher dar. Diese werden dann im Teil Studienergebnisse kritisch bewertet. Ein weiterer Teil der Studie bildet Praxiserkenntnisse ab. Dieser stellt gewonnene praxisrelevante Themenfelder abweichend von dem eigentlichen Studienauftrag als interessante Zusatzinformationen dar. Neben dem Studienaufbau, der Studienmethodik und dem Studienziel wird in Kapital 3 Einleitung die zugrundliegende Situation von Mikrofinanzinstituten in Bezug auf die Problemstellung (existierende Kreditausfallrisiken) näher betrachtet und kurz beschrieben warum eine Quantifizierung von Ausfallrisiken auch für Mikrofinanzinstitute notwendig ist. Des Weiteren werden in der Einleitung elementare Fachtermini hinsichtlich des Studieninhalts und der Mikrofinanzwelt kurz erläutert. Kapitel 4 Zusammenfassung der wesentlichen Ergebnisse stellt die wesentlichen Eckpfeiler und Forschungsergebnisse der Studie in einem kurzen Überblick dar. In Kapitel 5 Risiken im Mikrofinanzgeschäft wird die Risikolandschaft und die Einschätzung der MFI s kurz dargestellt und erläutert. 12

13 In Kapitel 6 Gestaltung des Kreditvergabeprozesses wird zunächst dargestellt, wie sich der Vergabeprozess von Mikrokrediten in der Mikrofinanzpraxis im allgemeinen gestaltet. Kapitel 7 Arten und Gestaltung der Kreditwürdigkeitsbeurteilung beschäftigt sich mit der Gestaltung und dem Einsatz der eigentlichen Kreditwürdigkeitsbeurteilung. Hier werden zunächst die theoretischen Methoden näher ausgeführt. Danach erfolgt die Darstellung der Forschungsergebnisse. Konkret wird dargestellt, welche Methoden zur Kreditwürdigkeitsbeurteilung von den MFI s genutzt werden. Weiterhin wird dargestellt, welchen Umfang die Beurteilung gemessen an der geforderten Datenmenge hat und welche Dokumente in der Gesamtheit zur Beurteilung herangezogen werden. In Kapitel 8 Rating / Scoring Modelle wird das Themengebiet der Kreditrating Methode näher theoretische erklärt und dargestellt welche Beschaffenheit ein Kreditrating Modell aufweisen sollte. Hierzu wird eine speziell zur Bewertung von Kreditrating Modellen entwickelte Validierungsbenchmark vorgestellt und erläutert. Im Nachgang werden die Forschungsergebnisse dargestellt. Im 9. Kapitel Anforderungen des CoGC wird untersucht, in wie weit die von den MFI s verwendeten Beurteilungsmethoden den Anforderungen des European Code of Good Conduct for Microkredit Provision gerecht werden. Die kritische Auseinandersetzung mit den Ergebnissen sowie einen Ausblick auf die potenzielle Entwicklung der Thematik wird in Kapitel 10 Ergebnis und Ausblick gegeben und danach wird die Studie abgeschlossen. 3.3 STUDIENMETHODIK Zur Gewinnung der Daten wurden zum einen ausgiebige Internetrecherche durch Kontaktaufnahme und persönliche Kommunikation (Befragung) mit einer zufälligen aber repräsentativen Stichprobe (10 MFI s, Unterscheidung durch die Merkmale: Größe, Rechtsform, Standort, Zielgruppen) aus Mikrofinanzinstituten durchgeführt. Zur Auswahl der repräsentativen Stichprobe wurde unter anderem die Expertenmeinung des verantwortlichen Leiters der Akkreditierung / Reakkreditierung des DMI e.v. 13

14 herangezogen. Folgende Abbildung zeigt welche MFI s durch telefonische Kontaktaufnahme befragt wurden: Abbildung 1: Stichprobe aus der Grundgesamtheit der MFI s. Für die Durchführung der Befragung wurde folgender Fragebogen konzeptioniert: Abbildung 2: Fragebogen zur telefonischen Befragung der Stichprobe. Die Analyse und Darstellung basiert auf üblichen statistischen Methoden, Konzepten (deskriptive statistische Maße wie, absolute und relative Häufigkeiten, Mittelwerte, Schwankungsmaße, Korrelationsanalyse) sowie deren Berechnungsmethoden, sind durch Forschungserkenntnisse aus der Wirtschaft angereichert und anonymisiert dargestellt. Nach Analyse und Auswertung der Forschungsergebnisse wurden diese in dieser Studie zusammengefasst und veröffentlicht. Durchgeführt und erstellt wurde die Studie von: Jochen Weber, M.A., Geschäftsführer der Mikrofinanzwerk GbR, Günter Gröbel, Sparkassenfinanzwirt, Geschäftsführer der Mikrofinanzwerk GbR, 14

15 Karl Geistlich, Student der Betriebswirtschaftslehre mit der Fachrichtung Finanzdienstleistungen, Schwerpunkt Corporate Finance, Unternehmensbewertung und Rating an der Fachhochschule Kaiserslautern am Standort Zweibrücken. 3.4 STUDIENZIEL Ziel der Studie ist es, praxisorientierte und anwendungsbezogene Daten bezüglich der Bewertung von Ausfallrisiken / Beurteilung der Kreditwürdigkeit von potenziellen Mikrokreditnehmern zu erlangen. Hierzu wurden zwei Leitfragen definiert und weiter in Schwerpunkte untergliedert. Die Leitfragen lauten: Hierzu soll die schrittweise Beantwortung folgender Schwerpunktfragen zu den oben dargestellten Antworten führen: 15

16 Die Ergebnisse der Studie sind auf den ersten Blick wenig überraschend und neu. Die Analyse der Thematik hat gezeigt, dass im Mikrofinanzsektor Deutschland die Beurteilung der Kreditwürdigkeit von potenziellen Mikrokreditnehmern typischerweise ein relevantes Thema ist. Klassische Ratingsysteme oder Scoring Methoden werden in der deutschen Mikrofinanzlandschaft nicht verwendet. Der Kreditbericht (in verschiedenartigen Ausführungen) ist die vorherrschende und etablierte Methode. Hierbei stellt die einzelgeschäftsbezogene verbal-qualitative Methode, wie aus der klassischen Bankbetriebswirtschaft bekannt ist (Kreditbericht (Dokumentenanalyse und Einschätzung)) die vorherrschend genutzte Methode dar. Etwaige quantitative oder mathematisch-statistische Verfahren wie Kreditratings, Kredit Scorings oder verschiedenartige mathematisch-statistische Verfahren wie beispielsweise die Diskriminanzanalyse werden nicht herangezogen. Abweichend vom eigentlichen Auftrag der Studie kristallisierte sich auf den zweiten Blick ein weiterer Themenkomplex der als relevant anzusehen ist mit wachsender Bedeutung heraus. Zwar stellt auf klassische Weise das Kreditausfallrisiko die größte Gefahr dar welcher MFI s in der Regel ausgesetzt sind, dennoch gewinnen andere Gefahrenpotenziale, äquivalent zur Bankenlandschaft, mit zunehmender Geschwindigkeit an Bedeutung. 16

17 5.1 THEORETISCHER HINTERGRUND Jedes Unternehmen, egal welcher Größe, Rechtsform oder Geschäftsmodell ist vielen verschiedenen Risiken ausgesetzt die kontinuierlich das Fortbestehen des Unternehmens auf verschiedenste Arten und Weisen bedrohen. So sehen sich auch MFI s ständig vielen, geschäftstypischen Risiken aus dem Finanzbereich und aus dem operativen Bereich ausgesetzt. Der Begriff des Risikos in Bezug auf die Geschäftstätigkeit von Finanzdienstleistern 7 unterscheidet sich vor allem durch die Art der betriebenen Geschäfte in Form von Transaktionen jeglicher Art. Risiko bedeutet im allgemeinen Sprachgebrauch, dass ein Verlust- oder Schadenpotenzial besteht das mit verschiedenen Handlungen einhergeht. 8 Risiko im Sinne der Finanzdienstleistungen ist weniger aus entscheidungstheoretischer Sicht zu sehen sondern beschreibt das Verlustpotenzial das von einer Aktivität ausgeht. 9 Weiterhin ist der Begriff des Risikos anhand von zwei Grundrichtungen klassifizierbar. Auf der einen Seite steht der Ansatz der entscheidungsorientierten Risikotheorie. Sie besagt dass Risiken ursachenbezogen auf Unsicherheiten bezüglich zukünftiger Ereignisse sowie durch das Fehlen von Informationen zurückzuführen sind. Hier ist festzuhalten, dass durch verschiedene Methoden versucht wird Ereignissen bestimmte Eintrittswahrscheinlichkeiten zu zuordnen um deren operative Auswirkung deutlich zu machen. Auf der anderen Seite stehen die wirkungsbezogenen Risiken. Dieser Ansatz stellt die Wirkung einer möglichen negativen Zieleverfehlung, die von einem Risiko ausgeht in den Vordergrund. 10 Dieser ursachen- und wirkungsbezogene Zusammenhang zwischen den Bestimmungsgrößen von Risiken kann durch die Systematisierung der Risiken verdeutlicht 7 In dieser Arbeit unter Ausschluss von Versicherungsunternehmen verwendeter Begriff. 8 Vgl.: Burger, A. / Buchhard, A.: Risiko-Controlling, Oldenbourg, München, 2002, S Vgl.: Eller, R. / Gruber, W. / Reif, M. (Hrsg.): Handbuch des Risikomanagements - Analyse, Quantifizierung und Steuerung von Markt-, Kredit- und operationellen Risiken, 2. Auflage, Schäffer Poeschel, 2002, S Vgl.: Schulte, M. / Horsch, A.: Wertorientierte Banksteuerung II: Risikomanagement, 3. Auflage, Frankfurt School, Frankfurt am Main 2003, S

18 werden. Hier wird zwischen Risiken resultierend aus Ursachen sowie als Auswirkungen differenziert. Auf der Seite des Ursachenbezugs werden strategische und operative Risiken voneinander getrennt. Strategische Risiken sind in Bezug auf ihre Auswirkungen gesamtbankbezogen und weisen einen bestimmten Grundsatzcharakter auf. Weiterhin sind die strategischen Risiken und deren Auswirkungen grundsätzlich mit einem langen zeitlichen Aspekt behaftet. 11 Eigentümer- und Managementrisiken sind Gefahren die aus der Eigenkapitalausstattung durch die Eigentümer bestehen. Hierbei ist zu unterscheiden das entweder die Eigentümer nicht in der Lage sind die Bank weiterhin mit genügend Eeigenkapital auszustatten oder aus den verschiedensten Gründen nicht bereit sind dies zu tun. Risiken aus strategischen Entscheidungen beinhalten z.b. Organisationsrisiken, Systemrisiken, Geschäftsrisiken, Betriebsgrößenrisiken, Beteiligungsrisiken und Technologierisiken. 12 Abschließend sind noch externe Risiken zu nennen die als externe, strategische Risiken klassifiziert werden können. Hierzu gehören beispielsweise Gefahren die aus der Veränderung von Wettbewerbsverhältnissen, die Veränderung der politischen Einflussnahme, die Veränderung des Verhaltens der Marktteilnehmer oder Überregulierung des Marktes, entstehen. In Abgrenzung zu den oben beschriebenen strategischen Risiken gliedern sich die der operativen Risiken in die Dimensionen Finanzbereich und Betriebsbereich. Im Finanzbereich finden sich Kreditausfallrisiken sowie Preisrisiken. Das Kreditausfallrisiko, oft auch als Adressenausfallrisiko bezeichnet beschreibt die Gefahr dass im Kreditgeschäft Schuldner ihren Zins- und Tilgungsverpflichtungen nicht fristgereicht oder überhaupt nicht nachkommen können. Das Ausfallrisiko welches ein Mikrofinanzinstitutes ausgesetzt ist kann im weiteren Sinne als Kreditausfallrisiko definiert werden. Äquivalent zum Ausfallrisiko welches beispielsweise Banken unterliegen, die diese Kreditrestforderungen im ungünstigsten Falle komplett abschreiben müssen und diese als Verlust in der Gewinn- und Verlust- 11 Vgl.: Schulte, M. / Horsch, A.: Wertorientierte Banksteuerung II: Risikomanagement, 3. Auflage, Frankfurt School, Frankfurt am Main 2003, S Vgl.: Schulte, M. / Horsch, A.: Wertorientierte Banksteuerung II: Risikomanagement, 3. Auflage, Frankfurt School, 2004, S. 24 ff. 18

19 rechnung buchen und das Eigenkapital aufgezehrt wird, leidet ein Mikrofinanzinstitut ebenfalls bei Kreditausfall. Im engeren Sinne kann das Ausfallrisiko für ein Mikrokreditinstitut als die Gefahr aufgefasst werden, dass durch ausbleiende vertragsgemäßer Zins- und Tilgungsleistungen sich auf der operativen Ebene als Opportunitätskosten in Form von verminderter Gratifikation auswirkt und dadurch das MFI eine Verschlechterung der Operational und / oder der Financial Sustainability Ratio erleidet. 13 Die Preisrisiken stellen die Gefahren von allgemeinen Preisänderungen wie Zinsen, Wechselkurse, Aktienkurse oder anderer Wertpapiere und Vermögensgegenständen dar. 14 In der Praxis wird für die Preisrisiken oft auch der Begriff des Marktpreisrisikos verwendet. Ergänzend ist dieser Begriff definiert als das Risiko von Verlusten die aus der Veränderung von Marktpreisen wie Zinsen und Kursen etc. her rühren und Verluste aus bilanzwirksamen und außerbilanziellen Positionen generieren. Die Risiken im Betriebsbereich, auch operationelle Risiken genannt sind zum einen Abwicklungsrisiken und zum anderen Betriebskostenrisiken. Als Abwicklungsrisiken sind Risiken die aus personeller, sachlich-technischer und organisatorischer Art des Geschäftsbetriebs her rühren. Die Betriebskostenrisiken hingegen beschreiben mögliche Risiken die aus Veränderungen der Kostenstruktur her rühren. 15 Die letzte Risikodimension wird durch die Risiken die sich durch einen Wirkungsbezug charakterisieren abgeleitet. Hier finden sich einerseits Liquiditätsrisiken und andererseits Erfolgsrisiken auf der Ebene des Gesamtvermögens wieder. Die Auswirkungen von beispielsweise aus strategischen Entscheidungen entstehenden Liquiditätsrisiken haben somit ebenfalls Auswirkungen auf der operativen Ebene und schlagen sich dort entsprechend ebenso nieder. Bei MFI s können daher beispielsweise Effekte aus einer risikoaffineren Kreditvergabe sich in einer Schwächung der Ertragslage äußern. 13 Vgl: (Zugriff am ); Vgl.: (Zugriff am ). 14 Vgl.: Schulte, M. / Horsch, A.: Wertorientierte Banksteuerung II: Risikomanagement, 3. Auflage, Frankfurt School, 2004, S. 26 ff. 15 Vgl.: Vgl.: Schulte, M. / Horsch, A.: Wertorientierte Banksteuerung II: Risikomanagement, 3. Auflage, Frankfurt School, 2004, S. 24 ff. 19

20 5.2 RISIKOWAHRNEHMUNG DER MFI S Um den Umfang beziehungsweise die Relevanz bezüglich des Themas der Studie einzuleiten wurden stichprobenhaft MFI s nach den Risiken befragt welche sie für die derzeit bedeutendsten ansehen. Folgende Grafik zeigt, welche Risiken als relevant beziehungsweise bedrohend angesehen werden. Abbildung 3: Relevante Risiken für MFI s (n=10). 16 Neben dem geschäftsspezifischen Ausfallrisiko, das von der Mehrheit der MFI s als das größte angesehen wird, werden aber noch weitere Gefahren als relevant angesehen. Von steigender Bedeutung sind hier die externen Risiken, die das MFI von außerhalb bedrohen. Hier werden neben Wettbewerbsrisiken (Konkurrenzen zwischen MFI s, Markteintritt neuer MFI s), Systemrisiken und politische Risiken rele- 16 Eigene Datenrecherche und Darstellung. 20

21 vant. Hierzu werden Veränderungen bezüglich des Verhaltens der Marktteilnehmer (Europäischer Investmentfond, Preisentwicklungen wie Stückentgelt, Abwicklungsund Kommunikationsprozesse mit der GLS Bank) als inneffizient und als Risiko angesehen welche sich in letzter Instanz auf die Ertragslage der jeweiligen MFI s auswirken können. Weiherhin werden auch gewisse Bedrohungen durch die Informationssysteme und deren Güte, Qualität und Verlässlichkeit der dort bereitgestellten Daten und zeitnaher Informationsbereitstellung gesehen. Die oben beschriebenen Gefahren lassen sich als Systemrisiken im weitesten Sinne zusammenfassen. Äquivalent verhält sich diese Thematik zu der in der klassischen Bankenwelt. Auch hier stellt die Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit durch seine Kernelemente sowie die Funktionsfähigkeit der Finanzintermediation durch das System auch bei MFI s einen erheblichen Faktor dar. 17 Gemäß ihrer social mission und dem Ziel der Mikrofinanzierung (Versorgung von Unternehmen ohne Zugang zum Geld- und Kapitalmarkt mit Krediten) erfüllen MFI s einen nicht zu vernachlässigenden volkswirtschaftlichen Nutzen (Schaffung und Sicherung von Arbeitsplätzen, nachhaltige Stärkung der Wirtschaft, etc.). 5.3 RISIKOEINSCHÄTZUNG UND RISIKOVERHALTEN DER MFI S Interessant ist auch die folgende Beobachtung bezüglich der eigenen Einschätzung der MFI s über ihr eigenes Risikoverhalten bzw. -neigung. Die Risikoneigung wird regelmäßig durch die drei Zustände Risikoneutralität 18, Risikoaffinität (Risikofreudigkeit) und durch Risikoaversion (Risikoscheue) definiert. Ergebnis hierbei ist überraschend. Innerhalb der Stichprobe schätzen sich 70 Prozent der MFI s als eher risikoavers ein. Rund 30 Prozent gaben an, eher Risikoaffin ihr Geschäft zu betreiben. Bemerkenswert ist, das die MFI s welche ein risikoaverses Geschäft verfolgen mit einem mittleren Risiko 19 von rund 2,6 Prozent rund 0,8 Prozentpunkte mehr Risiko aufweisen als die Institute die angaben eher 17 Vgl.: Kossack, E.: Die Regulierung von multinationalen Geschäftsbanken Ineffizienzen und Optimierungspotenziale, Diplomika, Auf die Risikoneutralität wird in dieser Studie nicht näher eingegangen. 19 Hier: Bisheriges Ausfallvolumen als Quote des gesamten ausgegebenen Kreditvolumens. 21

22 risikoaffin zu handeln. Zwar berücksichtigen die Ergebnisse keine strategischen Effekte (z.b. Änderung der Zielgruppe, Änderung der Kreditvergabetechnik und Prüfprozess, und Dauer der Geschäftstätigkeit), können aber als Indikatoren dienen. Folgende Abbildung stellt dieses Ergebnis zur Verdeutlichung dar. Abbildung 4: Eigene Risikoeinschätzung der MFI s; (n=10) Eigene Berechnung. 22

23 Im Mittelpunkt dieses Teils der Studie steht die Frage: Wie gestaltet sich die Mikrokreditvergabe / Kreditwürdigkeitsbeurteilungsprozess / Kreditratingprozess in der Mikrofinanzpraxis in Deutschland?. Hierzu wurde der Prozess genauer betrachtet und ausgewertet. Als Ergebnis ist der folgende Prozess als Standard in der Mikrofinanzpraxis festzuhalten und wird durch die Abbildung veranschaulicht. Abbildung 5: Prozess der Mikrokreditvergabe; (n=38) Erstkontakt: Es kommt regelmäßig über verschiedene Kommunikationskanäle zu einem Erstkontakt zwischen potenziellen Kreditnehmern und MFI s. Hierbei werden alle notwendigen Informationen bezüglich des Prozesses ausgetauscht. 2. Erste Analyse: In der Erstanalyse werden die vom potenziellen Kreditnehmer eingereichten Dokumente analysiert und auf dessen Grundlage vorzeitig der Vergabeprozess abgebrochen oder weitergeführt. 3. Zweite Analyse: Bei positiver Erster Analyse wird der potenzielle Kreditnehmer zum persönlichen Gespräch geladen. In diesem Gespräch werden weitere entscheidungsrelevante Informationen in Bezug auf den potenziellen Kreditnehmer eingeholt, das Gesamtbild analysiert und die Kreditwürdigkeit beurteilt. 21 Eigene Auswertung und Darstellung. 23

24 4. Entscheidung: Im letzten Schritt werden alle entscheidungsrelevanten Faktoren zu einer Kreditentscheidung zusammengefasst und die Kreditentscheidung durch die verantwortlichen Gremien oder Personen getroffen. 24

25 7.1 THEORETISCHER HINTERGRUND Die Beantwortung der Schwerpunktfrage: Welche Arten / Methoden werden in welchem Umfang von den Mikrofinanzinstituten zur Beurteilung der Kreditwürdigkeit genutzt? bildet den Kern dieses Abschnitts. Zur Beurteilung der Kreditwürdigkeit eines potenziellen Kreditnehmers stehen in der Kreditwirtschaft typischerweise drei verschiedene Arten von so genannten einzelgeschäftsbezogenen Analysemethoden (Kreditwürdigkeitsanalyse) zur Verfügung. Diese Analysemethoden gliedern sich in verbal-qualitative, quantitative und mathematischstatistische Methoden. Die verbal-qualitative Methode, auch Kreditbericht, wurde vor allem früher im Bankgeschäft eingesetzt. Gleichzeitig charakterisiert sich diese Methode durch ihren Aufbau und die Art und Weise der Analysemethode durch einen sehr hohen Subjektivitätsgrad. Hier werden beispielsweise im Hinblick auf die Bonität des Kunden sämtliche entscheidungsrelevanten Kriterien festgelegt, die Kriterien gewichtet, die verfügbare Datenmenge herangezogen und ausgewertet und die Kreditentscheidung durch den zuständigen Kreditbearbeiter getroffen. Da die Auswahl der Kriterien und die Bestimmung der Gewichtung der Kriterien maßgeblich von der Einschätzung des Kreditbearbeiters abhängig ist, weist diese Methode einen relativ hohen Subjektivitätsgrad auf. 22 Dieser Ansatz entspricht auch dem vorgegebenen der GLS Bank. Entsprechend ihren Finanzierungsangeboten können die MFI s die Kreditwürdigkeitsanalyse etwa durch ein Vor-Ort-Gespräch mit der Durchsicht von Kontoauszügen, durch einen Businessplan oder durch die Prüfung eines vorzufinanzierenden Auftrages vornehmen. 23 Quantitative Verfahren, auch Rating - und Scoring Modelle, sind heute zur Beurteilung von Bonität etabliert. Diese Modelle sind Punktbewertungsverfahren bei der ein 22 Vgl.: Schulte, M. / Horsch, A.: Wertorientierte Banksteuerung II: Risikomanagement, 3. Auflage, Frankfurt School, Frankfurt am Main, 2003, S. 77 f. 23 Vgl.: (Zugriff am ). 25

26 Gesamtpunktewert bezüglich der Bonität durch ein strukturiertes und Entscheidungsverfahren ermittelt wird. Im Gegensatz zu der verbal-qualitativen Methode ist diese sowohl von subjektiven als auch objektive Einflüssen gekennzeichnet. Der Kreditbearbeiter ordnet den jeweiligen Kriterien einen Punktewert nach einer objektiven und subjektiven Einschätzung zu. 24 Bei den mathematisch-statistischen Verfahren sind sämtliche subjektiven Einflüsse weitgehend ausgeschaltet. Solche Modelle basieren auf wissenschaftlichen statistischen Untersuchungen. Weiterhin überprüfen diese auf computergestützte Systeme beispielsweise etwaige Korrelationen zwischen den Untersuchungen und den vorhandenen Werten des Unternehmens sowie deren Zusammenhänge. Als Ergebnis dieser Analyse wird ähnlich wie beim Rating ein Wert (Ausfallwahrscheinlichkeit) gegeben, der die Bonität des Kunden einschätzt. 7.2 ANSÄTZE IN DER GESCHÄFTSPRAXIS DER MFI S IN DEUTSCHLAND ANGEWANDTE METHODEN In der Mikrofinanzpraxis ist bisher, ähnlich wie in der Bankenpraxis das Rating / Scoring Verfahren, Ausprägungen des verbal-qualitativen Verfahrens (Kreditbericht) etabliert. Während in Theorie und Praxis bisher kein Einheitliches System zur Bonitätsbeurteilung von KMU etabliert ist verhält es sich in der Mikrofinanzpraxis ähnlich. Die Methodik der Kreditvergabe folgt bei den MFI s in der Gesamtheit einem Muster. Dieses besteht aus einer ausgiebigen Analyse etwaiger quantitativer Faktoren (Kennzahlen-, Dokumenten- oder Unternehmensanalyse) und einer qualitativen Analyse (persönliches Gespräch). Die Kombination der Beurteilung der qualitativen und quantitativen Faktoren stellt in diesem Rahmen den internen Beurteilungsansatz dar. Die Einstufung erfolgt anhand von Kreditberichten beziehungsweise vorgefertigten Bearbeitungsbögen mittels denen die Faktoren transparent dargestellt werden. Als Ergänzung werden von der Mehrheit der MFI s auch externe Ratings herangezogen, die zum einen bei der internen Analyse der quantitativen Daten einfließen und zum anderen zur Überprüfung der qualitativen Faktoren dienen. 24 Vgl.: Schulte, M. / Horsch, A.: Wertorientierte Banksteuerung II: Risikomanagement, 3. Auflage, Frankfurt School, Frankfurt am Main, 2003, S. 77 f. 26

27 Abbildung 6: Aufbau Kreditwürdigkeitsbeurteilungsmethode von MFI s; (n=10; n=38) QUANTITATIVE FAKTOREN Die Beurteilung der quantitativen Faktoren bildet den ersten Baustein des Analyseprozesses. Dazu wird eine Vielzahl an Daten herangezogen. Folgende Abbildung veranschaulicht, welches Datenmaterial im ersten Moment (grundsätzlich immer) von den MFI s standardmäßig zur Beurteilung herangezogen wird. Das hierbei wichtigste und auch von allen MFI s in jedem Fall geforderte Dokument ist trivialerweise das Antragsformular welches vollständig und richtig bearbeitet sein muss. Hier werden bereits Informationen die über die üblichen Formalien, wie Personalien und ähnliches hinausgehen, die durch andere Dokumente auch gegeben werden, abgefragt. Dazu gehören beispielsweise die Erläuterung der Geschäftsidee, aktuelle Ertragslage oder auch eine Auflistung noch bestehender Verbindlichkeiten und Darlehen und ähnliches. Von mittlerer Bedeutung sind hier Businesspläne, Geschäftskonzepte, Jahresabschlüsse u.ä. sowie operative Unternehmensplanungen. Die restlichen Faktoren werden nur von einer Minderheit der MFI s herangezogen. Relativiert wird die Analyse dennoch dadurch, dass nahezu alle MFI s bei Bedarf weitere Dokumente, anfordern die eventuell bei näherer Analyse von Entscheidungsrelevanz sein könnten. Folgende Abbildung veranschaulicht die Ergebnisse deutlich. 25 Eigene Auswertung und Darstellung. 27

28 weitere nach Bedarf Rückzahlungskonzept Investitionsplan Ertrags- und Liquiditätsvorschau Auftragslage / Referenzen Debitoren / Kreditoren Selbstauskunft Infoscore Schufa Auskunft Kontoauszüge BWA, Jahresabschlüsse / Bilanzen Einnahmenüberschussrechnung Tragfähigkeitsanalys/-gutachten schlüssiges Geschäftskonzept Businessplan vollständig ausgefüllte Antragsformulare 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90%100% Abbildung 7: Quantitative Faktoren; (n=38) QUALITATIVE FAKTOREN Die Beurteilung der qualitativen Faktoren stellt bei Gesamtheit der MFI s einer mittleren Gewichtung von rund 50Prozent den anderen Teil der entscheidungsrelevanten Faktoren dar. Beziehungsweise ist das persönliche Gespräch als qualitativer Bewertungsprozess der maßgebliche Entscheidungsfaktor. Die Faktoren werden dann im persönlichen Gespräch ermittelt, sind zu einem großen Teil nicht unabhängig voneinander zu betrachten und ergänzen sich in der Gesamtheit. Die am häufigsten und entscheidungsrelevantesten Faktoren im Kreditgespräch sind: 26 Die Abbildung veranschaulicht wie viel Prozent der MFI s standardmäßig die einzelnen Dokumente zur Beurteilung der Kreditwürdigkeit heranziehen. 28

29 Abbildung 8: Die häufigsten entscheidungsrelevanten qualitativen Faktoren; (n=10). 27 Unternehmereigenschaft / Expertise: Dieser Faktor zielt auf die beim Mikrokreditnehmer vorhandene und ausreichend ausgeprägte Unternehmereigenschaft, welche ihn zum Führen eines Unternehmens oder zur Umsetzung seiner Idee befähigt ab. Damit verbunden ist die Expertise, also die Fachkenntnis über seine angestrebte Tätigkeit. Dieser Faktor ist vor allem im Bereich von Unternehmensgründungen von entscheidender Bedeutung. Sympathie des Kreditnehmers: Hier wird der Gesamteindruck, bezüglich der Persönlichkeit, den der potenzielle Mikrokreditnehmer auf die Entscheiderperson (mit hohem Subjektivitätsgrad) macht, bewertet. Überzeugungskraft und Motivation: Dieser Faktor drückt sich durch den Willen des potenziellen Kreditnehmers aus, seine Idee zielgerichtet und mit Engagement voranzutreiben sowie den zuständigen Kreditbeurteiler von seinem Vorhaben zu überzeugen. Zuverlässigkeit: Die Zuverlässigkeit drückt sich hier durch Termintreue (Einhaltung von Zusagen) sowie durch eine im Vorfeld angegebene Datengüte bezüglich der eingereichten Dokumente aus. 27 Eigene Auswertung und Darstellung. 29

30 Ehrlichkeit / Vertrauen / Glaubwürdigkeit: Bewertet wird in diesem Zusammenhang die Glaubwürdigkeit der Aussagen im persönlichen Gespräch sowie in Bezug auf den Abgleich der Aussagen mit den eingereichten Dokumenten und den im Vorfeld bereits getroffenen Aussagen. 30

31 8.1 THEORETISCHE GRUNDLAGEN Ratings oder Scorings stellen bei der Bonitätsprüfung im Privatkreditgeschäft sowie im Firmenkreditgeschäft gefestigte Instrumente dar. Grundsätzlich lassen sich interne und externe Ratings zur Kreditwürdigkeitsprüfung unterscheiden. Beim internen Rating schätzt der Kreditgeber selbst die Ausfallwahrscheinlichkeit des Schuldners ein. Externe Ratings werden von Dritten Dienstleistern erstellt. In der Kreditwirtschaft wird zwischen Scoring und Rating differenziert. Für die Einschätzung von Personen wird eher der Begriff des Scoring und für die Einschätzung von Unternehmen der Begriff Rating benutzt. 28 Scoring Modelle sind Punktbewertungsverfahren mit denen Entscheidungen anhand von qualitativen und quantitativen Daten über die Bonität eines Kreditbewerbers erstellt werden. Dabei werden Bewertungskriterien festgelegt, die mit unterschiedlichen Faktoren gewichtet werden. Die gewichteten Einzelwerte werden dann summiert und ergeben einen Scoring Wert. Mit einer vordefinierten Bewertungsskala wird dann der Punktewert verglichen und so die Bonität eingeschätzt. 29 Ratings stellen eine systematische, qualitative und quantitative Einschätzung von Schuldnern oder Finanztiteln hinsichtlich ihrer Bonität dar. Ratings sind Meinungen über die wirtschaftliche Fähigkeit des Schuldners seinen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen. Ratingagenturen erstellen auf Basis umfangreicher und komplexer Scoring- oder Rating-Modelle Bonitätsanalysen von Schuldtiteln. Anhand von Ratingtabellen kann die Bonitätseinschätzung dann Auskunft über die Wahrscheinlichkeit des Ausfalls liefern und die Kreditentscheidung beeinflussen Vgl.: https://www.datenschutzzentrum.de/scoring/2005-studie-scoringsysteme-uld-bmvel.pdf (Zugriff am ). 29 Vgl.: Schulte, M. / Horsch, A.: Wertorientierte Banksteuerung II: Risikomanagement, 3. Auflage, Frankfurt School, Frankfurt am Main, 2003, S Vgl. Schulte, M. / Horsch, A.: Wertorientierte Banksteuerung II: Risikomanagement, 3. Auflage, Frankfurt School, Frankfurt am Main, 2003, S. 92 f. 31

32 Ziel eines Ratings oder Scorings ist es die Kreditentscheidung positiv zu beeinflussen und somit Kosten zu sparen. Die Kosten drücken sich durch Fehler der ersten Art aus. Das bedeutet einem Schuldner mit angenommener guter Bonität und tatsächlicher schlechter Bonität wird ein Kredit gewährt, der den Ausfall und im Extremfall die Kreditabschreibung zur Folge hat. Bei der zweiten Fehlerart (angenommene schlechte aber tatsächlich gute Bonität), sind lediglich die Opportunitätskosten zu nennen die durch die falsche Einschätzung eines Schuldners entstehen und somit entgangene Zinseinnahmen oder entgangene Erträge repräsentieren. 31 Somit kommen Ratings zwei Bedeutungen zu. Erstens ist das Rating von Krediten notwendig, um die damit verbundene notwendige Eigenkapitalunterlegung gemäß den aufsichtsbehördlichen Anforderungen gerecht zu werden. 32 Zweitens vermeiden Scorings die Kreditausfälle vor Vertragsschluss und vermindern das Risiko durch Begrenzung des Kreditvolumens. Die Kosteneinsparung etabliert somit die Nutzung von Ratings und Scorings im Risikomanagement. 8.2 KREDITRATINGSYSTEME AUßERHALB DEUTSCHLANDS Zur Einschätzung der Rückzahlungsfähigkeit von Mikrokreditnehmern existieren weltweit einige Ansätze die der verbal-qualitativen Methode und dem klassischen Bankrating oder Scoring System ähneln. Credit Evaluation Grid 33 und Credit Scorecards 34 : Kreditbewertungsraster, Kreditwürdigkeitsbewertungsraster oder auch Kreditpunktekarten bezeichnete Mischmethoden der verbale-qualitativen und quantitativen Methoden. Sie basieren auf einem vorgefertigten Bewertungsbogen auf dem entscheidungsrelevante qualitative und quantitative Faktoren aufgeführt sind. Des Weiteren bestehen die- 31 Vgl.: Schulte, M. / Horsch, A.: Wertorientierte Banksteuerung II: Risikomanagement, 3. Auflage, Frankfurt School, Frankfurt am Main, 2003, S. 86ff. 32 Vgl.: Borst, H. / Dahmen, A. / Lippmann, I.: Corporate Banking - Zukunftsorientierte Strategien im Firmenkundengeschäft, 6., überarbeitete Auflage, Frankfurt School, 2008, S Kreditbewertungsraster, Kreditwürdigkeitsbewertungsraster. 34 Kreditpunktekarten. 32

33 se Systeme aus einer ebenfalls vordefinierten Einstufungsskala. 35 Im Unterschied zu denen in der Bankenpraxis verwendeten Systemen, die auch mit statistischen Datenmaterial arbeiten, verwendeten diese Systeme nicht notwendiger Weise Erkenntnisse aus statistischer Datenmenge. Solche Systeme werden bereits seit 2002 Mikrofinanzinstituten in den USA genutzt. Vorteile ergeben sich hauptsächlich durch die Standardisiertheit, durch die Konsistenz und Effizienzsteigerung. 36 Abbildung 9: Beispielaufbau eines Credit Evaluation Grids. 37 Die erste Spalte führt die jeweiligen qualitativen und quantitativen Kriterien, die zur Bewertung herangezogen werden sollen auf. In der oberen Zeile ist die Bewertungsskala. Hier kann der Kreditbeurteiler für jedes Kriterium die Einschätzung treffen und in das Raster eintragen. Am Ende werden alle getroffenen Einzeleinschätzungen zu einem Gesamtbeurteilung zusammengefasst. Credit Trees 38 : Entscheidungsbäume verknüpfen wie andere Rating oder Scoring Methoden Vergangenheitsdaten miteinander und unterstellen, dass diese Erkenntnisse (unter gegebenen Umständen) auch für die Zukunft Gültigkeit haben. Dabei nutzen diese Bäume quantitative, messbare Daten. Praktische Tests die an dem Mikrofinanzinstitut Women s World Banking in Kolumbien durchgeführt 35 Vgl.: (Zugriff am ); Vgl: (Zugriff am ). 36 Vgl.: (Zugriff am ) 37 Vgl.: (Zugriff am ) ; Eigene Berechnung und Darstellung. 38 Entscheidungsbäume. 33

34 worden sind lieferten Ergebnisse das Zeit, Aufwand generell und vor allem Kosten verursacht durch Kreditausfälle reduziert werden konnten. 39 Abbildung 10: Beispiel eines Credit Trees. 40 Die Abbildung zeigt einen exemplarisch und vereinfacht dargestellten Tree. Hier wird die Ausfallwahrscheinlichkeit durch das Heranziehen von statistischen Daten, genauer anhand von den historischen Daten bezüglich der Ausfälle von Neuen und Folgekrediten (erste Entscheidungsebene) und zwischen den weiteren Merkmalen Branche (Handel / Dienstleistungen) getroffen. Als Ergebnis werden Ausfallwahrscheinlichkeiten gegeben anhand dessen der Kreditentscheider weitere Entscheidungen treffen kann. 8.3 ANFORDERUNGSPROFIL EINES RATING / SCORING MODELL FÜR MFI S Um die von dem Studienziel geforderten Ergebnisse zu erlangen ist es zunächst notwendig, eine Basis zum Vergleich der existierenden Bewertungssysteme zu erarbeiten. Zu diesem Zweck wurde zunächst eine Validierungsbenchmark entwickelt. Die Validierungsbenchmark stellt ein Anforderungsprofil sowie eine strukturierte Übersicht über die notwendigen Gütekriterien eines Ratingsystems speziell für Mikrofinanzinstitute dar. Die Validierungsbenchmark ist in drei Teilbereiche zerlegbar. Folgende Abbildung veranschaulicht die Zusammensetzung. 39 Vgl.: (Zugriff am ). 40 Vgl.: (Zugriff am ); Eigene Berechnung und Darstellung. 34

35 Abbildung 11: Anforderungsprofil und Gütekriterien eines Rating / Scoring Modells für MFI s. 41 Die theoriebezogenen Basiskriterien stellen die allgemein Anforderungen / Gütekriterien eines Ratingsystems dar und gliedern sich in: Trennschärfe (Treffsicherheit): Unter der Trennschärfe eines Ratingsystems wird die Fähigkeit verstanden, im Voraus zwischen nicht ausfallgefährdeten und ausfallgefährdeten Krediten differenzieren zu können, so dass demnach ein maximal trennscharfes Ratingsystem in der Lage wäre, alle zu einem späteren Zeitpunkt ausgefallenen Kredite bereits vorher zu erkennen. Stabilität: Die Stabilität eines Ratingsystems drückt sich durch die adäquate Modellierung der Ursachen-Wirkung-Beziehungen von Risikofaktoren und Bonität aus. Genauigkeit der Kalibrierung: Hierunter wird die Fähigkeit verstanden unter mindesten 7 Ratingklassen zu unterscheiden und diesen glaubwürdige Ausfallwahrscheinlichkeiten zuzuordnen, die dann im Nachgang mit den tatsächlichen Ausfallwahrscheinlichkeiten verglichen werden können. Es sollte im Idealfall nur wenig Abweichung vorhanden sein. 42 Die praxisbezogenen Zusatzkriterien stellen allgemeine Anforderungen an Beurteilungssysteme hinsichtlich ihrer praktischen Anwendung im Geschäftsverkehr: 41 Eigene Darstellung. 42 Vgl.: (Zugriff am ). 35

36 Wirtschaftlichkeit: Hierunter wird verstanden, ob das System den Anforderungen der Wirtschaftlichkeit hinsichtlich der Kosten-Nutzen-Relation (z.b. Prozesskosten) gerecht wird. Weiter ist hierunter zu verstehen ob das System auch fähig ist die Ausfallkosten durch erkennen von guten und schlechten Risiken vorzunehmen. 43 Praktikabilität: Dieses Kriterium vereint mehrere einzelne Kriterien (Übersichtlichkeit, selbsterklärend, routinemäßige Durchführbarkeit) in sich. Zusammengefasst ist relevant ob das System in der Geschäftspraxis einsetzbar ist. 44 Akzeptanz: Das System soll von allen Beteiligten im Prozess (potenzieller Kreditnehmer sowie Kreditgebern und deren Investoren) akzeptiert sein. 45 Die Geschäftsspezifischen Zusatzkriterien bilden den dritten Teil der Validierungsbenchmark. Sie repräsentieren den eigentlichen Mikrofinanzcharakter durch: Zielgruppencharakteristika: Bei der Beurteilung sollen Zielgruppenspezifische Merkmale berücksichtigt werden. Nachhaltige Fundamentaldaten und Growth Options: Hierunter ist zu verstehen, das zur Beurteilung der Bonität ausreichend nachhaltige quantitative und qualitative Faktoren herangezogen werden die vor allem die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens bewerten. 8.4 BEURTEILUNG DER DEUTSCHEN BEWERTUNGSMODELLE Die Beurteilung der in der deutschen Mikrofinanzlandschaft verwendeten Systeme gestaltet sich hinsichtlich der Ergebnisse der Studie lediglich durch Gegenüberstellung. Da die entwickelte Validierungsbenchmark ein Vergleichskonstrukt darstellen soll mit dem die Rating Modelle bewertet werden sollen ist 43 Vgl.: Everling, O.: Certified Rating Analyse, Oldenbourg, München, 2008, S Vgl.: Paul, S. / Horsch, A.: Wertorientierte Banksteuerung I: Renditemanagement, 1. Auflage, Frankfurt School, 2005, S. 56 ff. 45 Vgl.: Paul, S. / Horsch, A.: Wertorientierte Banksteuerung I: Renditemanagement, 1. Auflage, Frankfurt School, 2005, S. 56 ff. 36

37 ein direkter Vergleich der verbale-qualitativen Methode im eigentlichen Sinne nicht möglich. Wird dennoch ein Vergleich der Benchmark mit einer durchschnittlichen verbalen-qualitativen Methode durchgeführt, lassen sich einige Erkenntnisse hinsichtlich der Erfüllung der Anforderungen ziehen. Abbildung 12: Beurteilungsauswertung des verwendeten Modells. 46 Die obige Abbildung zeigt welche Kriterien der Benchmark von der eingesetzten Methode erfüllt werden. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die verwendete Methode die Mehrzahl der Anforderungen eines Ratingsystems mit einem Grad von rund 68 Prozent 47 erfüllt. Sowohl die praxisbezogenen Zusatzkriterien als auch die Geschäftsbezogenen Spezialkriterien werden wie die vorangehenden Kapitel zeigen erfüllt. Weiterhin begründet sich die Erfüllung der Kriterien durch den erfolgreichen Einsatz der Methode in der Geschäftspraxis. Wird der Einsatz der Methode den Ausfallraten gegenübergestellt wir auch ersichtlich, dass sogar eine gewisse Trennschärfe im System vorhanden ist. Lediglich die zwei Kriterien Stabilität und die Genauigkeit der Kalibrierung der Kategorie Theoriebezogene Basiskriterien werden von der Methode nicht erfüllt. Weder werden Ratingklassen abgebildet, Ausfallwahrscheinlichkeiten zugeordnet, noch wird die Bonität mit Ursache-Wirkungsmechanismen bezüglich der Risikofaktoren abgebildet. 46 Eigene Auswertung und Darstellung. 47 Eigene Berechnung ohne qualitative Wertung: Anzahl der erfüllten Kriterien / Anzahl aller Kriterien; 5,5/8 = 68%; wobei die Trennschärfe mit 0,5 in die Wertung einfließt. 37

38 9.1 THEORETISCHE GRUNDLAGEN Der CoGC ist ein Verhaltenskodex für die Mikrokreditvergabe innerhalb der Europäischen Union und wurde von der europäischen Kommission unter enger Zusammenarbeit von Repräsentanten aus der Kreditwirtschaft und der Mikrokreditwirtschaft entwickelt. Der CoGC stellt eine Leitlinie dar um das Mikrokreditgeschäft aus Sicht der Kreditnehmer, der Verbraucher, der Investoren und Aufsichtsbehörden erfassen zu können und dadurch nachhaltiger gestalten zu können. Der Kodex gibt Empfehlungen und Standards vor um diese Nachhaltigkeit in der Mikrofinanzpraxis umsetzen zu können. Hierbei fügt der CoGC eine Fülle an Leitlinien aus fünf Bereichen: Kunden- und Investorenbeziehungen (Customer and Investor Relations), Unternehmensführung (Governance), Risikomanagement (Risk Management), Rechnungslegungsstandards (Reporting Standards) und Managementinformationssysteme (Management Information Systems), in sich zusammen. Bezüglich der Thematik der Studie fordert der CoGC von den Mikrofinanzinstituten eine Reihe von Maßnahmen zu ergreifen, die maßgeblich dafür sind die nachhaltige Stärkung einerseits der Mikrofinanzinstitute selbst und zum anderen für die Mikrofinanzierung generell zu sorgen. Die Anforderungen hierzu finden sich im weiteren Sinne in allen Bereichen des CoGC wieder. Zum Handling von Risiken die ein MFI bedrohen finden sich hauptsächlich Leitlinien im Bereich Reporting Standards, Risikomanagement und Management Information Systems. In Bereich Reporting Standards werden die grundlegenden Rechnungslegungs- und Berichterstattungsleitlinien definiert. Im Bereich Risikomanagement werden die grundsätzlichen Standards des Risikomanagementprozesses und dessen Ausgestaltung aufgeführt. Im Teilbereich MIS werden die Anforderungen an ein Reporting System erläutert Vgl.: item_id=5479&tk= (Zugriff am ); Vgl.: (Zugriff am ). 38

39 9.2 BEURTEILUNGSSYSTEM UND CoGC Speziell aber zum Thema der Studie (Methoden der Kreditwürdigkeitsbeurteilung) finden sich weniger Leitlinien die dessen Ausgestaltung definierten. Abgesehen von Allgemeinformuliertem aus den oben genannten Bereichen findet sich lediglich eine Leitlinie die auf die Beurteilungsmethode eingeht. Aus dem Bereich Customer & Investor Relations (Kunden- und Investorenbeziehung) unter dem Teilabschnitt Avoiding over-indebtnesses of customer (Vermeidung der Überschuldung von Kunden) wird unter dem Punkt 1.10 angeführt: Mikrokreditinstitute sollen die Rückzahlungskapazität (Bonität) des Mikrokreditnehmers unter Verwendung einer ausreichenden Datenbasis bewerten. (!). 49 Eine genauere Ausführung bezüglich der Art, des Umfangs oder eine genauere Beschreibung der zu verwendenden Methode zur Einschätzung oder gar Kreditwürdigkeitsprüfung ist nicht gegeben. Offen ist dementsprechend die komplette Ausgestaltung der Beurteilungssystems und unterliegt keinem Handlungsrahmen. Werden nun die Erkenntnisse der Studie hiermit abgeglichen überrascht wenig, das zum einen die Institute durch die Verwendung einer individuellen Ausgestaltung der verbalenqualitativen Methode und zum anderen durch die Verwendung von einer Vielzahl von Dokumenten diese Anforderung des CoGC bereits jetzt in vollem Maße erfüllen. 49 Vgl.: (Zugriff am ); Im englischen Original: Microcredit providers will assess repayment capacity and loan affordability on the base of sufficient information from the applicant, database and/or competitors.. 39

40 10.1 ERGEBNIS Eine strukturierte und konsistente Beurteilung bei der Vergabe von Mikrokrediten ist für das einzelne Mikrofinanzinstitut ein klarer Wettbewerbsfaktor. In welchem Umfang die Beurteilung der Bonität und des Ausfallrisikos geschieht hängt im wesentlichem nicht nur von der Qualifikation der Kreditbetreuer ab, sondern viel mehr von der Social Mission in Verbindung mit der Zielgruppendynamik- und Eigenschaften der potenziellen Mikrokreditnehmern ab. Wird die verbal-qualitative Methode anhand der Ausfallquoten der einzelnen MFI s und der des Gesamtsystems gemessen, ist abschließend festzuhalten, dass die Qualität der genutzten Methoden in Abhängigkeit der Risiken die eingegangen werden mit rund 5 % Ausfallquote in 2010 in einem guten Verhältnis steht. 50 Abbildung 13: Ausfallrisiken der MFI s zum Stichprobendurchschnitt; (n=10) Zahlen entnommen aus: (Zugriff am ). 51 Eigene Berechnung und Darstellung. 40

41 Aus der Analyse lassen sich keine eindeutigen Daten bezüglich der Qualität der Kreditwürdigkeitsbeurteilung ableiten oder Korrelationen feststellen. Dies gilt für Faktoren wie beispielsweise die Rechtsform, Zielgruppe oder strategische Ausrichtung. MFI s die als Kapitalgesellschaft in Form einer GmbH, GmbH Mischformen, AG oder sonstigen Arten firmiert sind hedgen 52 ihr Risiko alleine schon durch die Beschränkung der Haftung. MFI s die als Personengesellschaften, eingetragene Vereine oder eingetragene Genossenschaften firmieren, können sich nicht durch den Effekt, den die Kapitalgesellschaften nutzen, schützen. Es ist aber festzustellen, dass sowohl Personengesellschaften als auch Kapitalgesellschaften durch ihren Prozess im Mittel ihre Ausfallrisiken gleichermaßen im Griff halten und diese nur wenig differieren. Folgende Abbildung dient annäherungsweise als Versuch eine Korrelation zwischen den Faktoren Akkreditierung in Jahren (als Indikator für den Erfahrungswert des Institutes) und dem Risiko abzubilden. Die Stichprobe weist eine Korrelation von rund 0,18 auf. Somit ist kein relevanter Zusammenhang der Merkmale zu sehen. Abbildung 14: Korrelation zwischen Akkreditierungsjahren und Risiko; (n=10). 53 Sicherlich ist ein hochkomplexes Rating und Scoring Modell wie es die Großbanken, Geschäftsbanken, Sparkassen, Genossenschaftsbanken oder auch verschiedene 52 Hier: absichern. 53 Eigene Berechnung und Darstellung. 41

42 Ratingagenturen und andere Dienstleister wie die Schufa, Infoscore oder Creditreform anwenden, für den Gebrauch im Mikrofinanzgeschäft nicht sachgerecht. Im wesentlichem sollte ein Rating und Scoring System im Mikrofinanzsektor die wesentlichen Gütekriterien mit hoher Qualität erfüllen, um nachhaltig die Kreditvergabe weiter voranzutreiben und das Niveau des Ausfallrisikos minimal zu halten. Im Gegensatz zu der quantitativen und der mathematisch statistischen Methode bietet das verbal-qualitative Modell neben einigen Nachteilen auch mehrere Vorteile in Bezug auf die Philosophie und den Charakter der Mikrofinanzierung und die geforderte Nachhaltigkeit, Konsistenz und Transparenz des Code of Good Conducts. Die wird eindeutig auch durch die in der Praxis bewiesenen niedrigen Ausfallquoten bewiesen. Das folgende oberste Ziel sollte allen vorangestellt sein: Durch den Einsatz einer Kreditwürdigkeitsbeurteilung nicht allein die Risikokennzahlen der MFI s zu verbessern sondern die Kreditvergabe so zu gestalten, dass die Idee der Mikrofinanzierung eben mit geringstmöglichen Ausfallraten sowie einer effektiven und effizienten Verwendung der Geldmittel zu gestalten ist und den volkswirtschaftlichen Effekt positiv voranzutreiben in der Lage ist MIKROKREDITSCORING Eine Mischform (auch aus den drei Methoden der Theorie und der in der Praxis verwendeten Modelle) zur Einschätzung der Kreditwürdigkeit und Kreditrückzahlungskapazität könnte trotz der relativ guten Ausfallraten im deutsche Mikrofinanzsektor durch Integration in den Risikomanagementprozess der MFI s folgenden Nutzen mit sich bringen: Optimierung des Arbeitsaufwands zur Kreditanalyse durch ein standardisiertes System, Minimierung der Prozesskosten und Verschlankung der Kostenstruktur, Generierung von Systemstabilität durch Zugriff auf umfangreiches statistisches Datenmaterial und Nutzung eines einheitlichen Prozesses Siehe auch nächstes Kapitel. 42

43 Folgende Abbildung zeigt exemplarisch den Aufbau eines solchen Modells: Abbildung 15: Beispielaufbau eines Mikrokreditratingsystems (oder Credit Rating Grid). 55 Eine entsprechende Mischform könnte gemäß der obigen stehenden Abbildung aufgebaut sein und durch folgenden Prozess hergestellt werden. 1. Erarbeitung der relevanten qualitativen und quantitativen Faktoren, 2. Erarbeitung des statistischen Datenmaterials durch vollständige Datenerhebung und Auswertung und Untersuchung der Merkmalsausprägungen, 3. Festlegung der Kriteriengewichtung, 4. Definition der Bewertungsskala, 5. Praxis-Testing und Auswertung. 55 Eigene Darstellung. 43

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