Louis Toujours! Geschichte(n) von Ludwig XIV (2)

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1 SWR2 MANUSKRIPT ESSAYS FEATURES KOMMENTARE VORTRÄGE SWR2 Musikstunde Louis Toujours! Geschichte(n) von Ludwig XIV (2) Molière muckt auf Von Katharina Eickhoff Sendung: Dienstag 07. Juli Uhr Redaktion: Bettina Winkler Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR. Mitschnitte auf CD von allen Sendungen der Redaktion SWR2 Musik sind beim SWR Mitschnittdienst in Baden-Baden für 12,50 erhältlich. Bestellungen über Telefon: 07221/ Kennen Sie schon das Serviceangebot des Kulturradios SWR2? Mit der kostenlosen SWR2 Kulturkarte können Sie zu ermäßigten Eintrittspreisen Veranstaltungen des SWR2 und seiner vielen Kulturpartner im Sendegebiet besuchen. Mit dem Infoheft SWR2 Kulturservice sind Sie stets über SWR2 und die zahlreichen Veranstaltungen im SWR2-Kulturpartner-Netz informiert. Jetzt anmelden unter 07221/ oder swr2.de 1

2 Musikstunde mit Katharina Eickhoff Louis Toujours! Geschichte(n) von Ludwig XIV II: Molière muckt auf Indikativ Am Ende gewinnt Lully, und Molière ist tot. An Sonnenkönigs Hof hat Jean Baptiste Lully einen beeindruckenden Aufstieg hingelegt: So wunderbar illustriert und unterlegt seine Musik die Pracht und Macht Ludwigs, sie gibt dem tanzfreudigen König immer wieder die Gelegenheit, sich als Mischung aus Gott Apoll und Künstler zu inszenieren, und so hat Lully, der fleißige und herrschsüchtige Italiener, sich unverzichtbar gemacht zwischen Paris und Versailles. Und nachdem er sich schon mehr oder weniger selbst zum Chef von Ludwigs neugegründeter Akademie für Französische Musik gemacht hat, schafft er es im Jahre 1672 auch noch, dem König eine Vergünstigung abzuschwatzen, wie sie vor ihm kein Musiker bei Hof gehabt hat: Lully, und nur er, entscheidet fortan, welche Musik in Versailles gespielt wird, wessen Chaconnen auf den Cembali geklimpert und wessen Motetten in den Kapellen gesungen werden, und er als einziger hat das Privileg, die Opern-, Ballett- und Theatermusiken zu liefern. Kollegen, die mit ihren Opern oder Divertissements erfolgreich zu werden schienen, hat er noch schnell in den Ruin getrieben, und musikalischen Aufführungen, die 2

3 sich erdreisten, ohne Lullys Genehmigung stattzufinden, droht per Dekret ganz Übles: Die Schuldigen müssen damit rechnen, dass ihre Instrumente, Kostüme, Bühnenbilder und vor allem die Einnahmen konfisziert werden. Und an diesem Punkt, auf der Höhe seiner Macht, entledigt Lully sich jenes Menschen, der ihm diese einzigartige Karriere wohl überhaupt erst eröffnet hat: Molière hat mit seinen brillanten, vom König heißgeliebten Theaterstücken über Jahre hinweg den geistreichen Rahmen für Lullys Komposition geliefert ziemlich genau seit diesem legendären Festabend in Schloss Vaux-le-Vicomte, als sich Ludwigs unglückseliger Finanzminister Fouquet mit der prachtvollsten Party des Jahrhunderts um Kopf und Kragen gefeiert hatte, wir sprachen gestern davon... Die Idee des Comédie-Ballet, das in dieser Form damals zum ersten mal aufgeführt wurde, also eine Komödie mit Ballett- und Musikeinlagen, eine Art Musical des 16. Jahrhunderts, ist seinerzeit sozusagen aus der Not geboren worden: Molière hatte für diesen Abend der Superlative nicht genug Schauspieler gehabt, spielte selber diverse verschiedene Rollen und war in Panik, dass es mit den Szenenwechseln und dem Umkleiden nicht klappen würde da verfiel er mit seinem damals sehr guten Freund Lully auf die Idee, Ballette und musikalische Intermedien zwischenzuschalten...diese Form haben die zwei Freunde dann in den kommenden zehn Jahren in zehn gemeinsamen Stücken perfektioniert, aber zuletzt hat Lully sich dabei immer selbstherrlicher aufgeführt. Dann schließlich, bei der gemeinsamen Arbeit an Psyche, bricht er mit Molière. 3

4 Psyche ist sowieso ein Desaster für Molière irgendwie hat er sich zu dem unförmigen Tragödienstoff hinreißen lassen, obwohl er weiß, dass Tragödie ihm nicht liegt, und er wird dann einfach nicht fertig mit dem Getüm: Am Ende müssen die Dichter Philippe Quinault und Pierre Corneille das Fünfstunden-Monster zu Ende schreiben, das vor allem entstanden ist, um die elaborierte neue Bühnenmaschinerie des Königs vorzuführen, und das dann vielleicht vor allem deshalb ein Publikumserfolg wird. Von Molière ist dabei allerdings schon gar nicht mehr die Rede... Gebr. CD T J.B. Lully, Psyche, Prélude pour les trompettes Les Arts Florissants, William Christie Erato Psyche ist das letzte Stück, an dem Molière mit Jean-Baptiste Lully gearbeitet hat. Lully hat zu dem Zeitpunkt schon keine Lust mehr, immer im Schatten eines genialen Dichters zu arbeiten, er will künftig alleine im Rampenlicht stehen und richtige Opern schreiben, also hat er den Bruch mit Molière provoziert. Allein die Geschichte dieser in der Katastrophe endenden Freundschaft wäre mal einen Roman wert, denn Lully und Molière kennen sich tatsächlich schon ewig, weil Lully - den einst ein französischer Adliger als begabten Knaben in Italien von der Straße aufgelesen hat - weil also dieser blutjunge Giovanni Battista Lulli damals als 4

5 Tänzer und Schauspieler in die Lehre des Commedia dell Arte-Stars Tiberio Fiorilli, genannt Scaramouche, gegangen ist. Dort hat er den auch noch ganz jungen Molière kennengelernt, und die zwei waren seitdem Freunde. Jean-Baptiste und Jean- Baptiste. Aber von dieser jahrzehntelangen Beziehung bleibt am Ende nichts mehr übrig - Lully kann sich das leisten, er hat zu der Zeit carte blanche beim König, während Molière sich mit seiner Kritik an der Hofgesellschaft immer wieder in Schwierigkeiten gebracht und Feinde gemacht hat. Und Ludwig 14 hat ihn da, Lieblingsdichter hin oder her, oft genug im Regen stehen lassen, wenn es ihm politisch gerade in den Kram passte. Da war Louis schmerzfrei. Der Krach mit Lully und die damit verbundene Isolation hat Molière dann vermutlich die letzten kaum mehr vorhandenen Kräfte gekostet: In der vierten Vorstellung seines neuen Stücks Le malade imaginaire, Der eingebildete Kranke, merken seine Mitspieler plötzlich, dass den schon lange sehr real kranken Molière in seinem Sessel mitten im Spiel die Lebensgeister verlassen sie lassen hastig den Vorhang fallen und tragen ihn in seine Wohnung, aber die Ärzte, die Molière im besagten Stück sowieso gerade zu den größten Dummköpfen des Planeten erklärt hat, können nichts mehr tun: Molière stirbt 1673 mit 51 Jahren. Und sofort nach seinem Tod sorgt Lully dafür, dass der König seine Theatertruppe aus dem Palais Royal werfen lässt. 5

6 Die bis heute anhaltende Begeisterung für Molière hat Lully aber doch nicht verhindern können: Jenen Ledersessel, in dem ihn auf der Bühne der Tod ereilt hat, kann man heute in der Comédie Francaise besichtigen, die Reliquie eines der größten Theatergenies aller Zeiten. Die Musik zum Malade imaginaire hatte übrigens natürlich schon nicht mehr Lully geschrieben, sondern ein anderer. Einer, den Lully sehr sorgfältig vom Hof ferngehalten hat, - aus gutem Grund, denn Marc-Antoine Charpentier war ein fantastischer Komponist, der aber beim König, dank Lully, nie so recht Gehör gefunden hat und sich mit den Brosamen zufrieden geben musste. Es war sicher nicht so ganz ohne maliziöse Freude, dass Molière ausgerechnet Charpentier, den damals noch ganz unbekannten, um die musikalisch-allegorischen Zwischenspiele für sein letztes Stück gebeten hat. Und es ist vielleicht auch kein Zufall, dass diese Musik dann Jahrhunderte lang verschollen war William Christie hat sie erst in den 1990-er Jahren aus irgend einer verstaubten Archivschublade gerettet und sie mit seinen Arts Florissants aufgeführt. Und spätestens in der Cérémonie des Médécins, in der der eingebildete Kranke Argan ironisch-feierlich mit ganz viel Küchenlatein selber zum Arzt ernannt wird, muss man feststellen, dass Charpentier im ersten Anlauf den Witz und das Tempo Molières viel besser begriffen hat, als es Lully in zehn Stücken gelungen ist... 6

7 CD Disc 2, T. 5 bis 4 23 Molière/Marc-Antoine Charpentier, Le Malade Imaginaire Les Arts Florissants, William Christie Harmonia Mundi HMG Nun haben wir mit dem Ende angefangen und müssen schnell mal ein bisschen Anfang nachreichen: Molière, bürgerlich: Jean- Baptiste Poquelin, geboren 1622, war der Sohn einer ganz guten Pariser Familie, der Vater durfte sich Tapissier du Roy nennen, also Königlicher Dekorateur, und der Sohn sollte eigentlich das Familiengeschäft weiterführen aber die Sehnsucht nach dem Theater war stärker, Jean-Baptiste wurde Schauspieler und ging, bevor er bei Hof Karriere machte, erst mal mit einer Theatertruppe viele Jahre auf Tournee durch ganz Frankreich. Erst Ende der er Jahre ist er, da schon unter dem Künstlernamen Molière, nach Paris zurückgekommen. In den Jahren davor hat er peu à peu angefangen, seine eigenen Stücke zu schreiben, aber von alledem hat Ludwig XIV zunächst gar nichts mitbekommen, weil der ja erst mal genug damit zu tun hatte, unbeschadet von den Unruhen der Fronde erwachsen zu werden und seinen Königsthron in Besitz zu nehmen. Allerdings ist Louis schon immer ein Riesenfan von Molières Lehrer und Vorbild gewesen, eben jenem Commedia-dell arte-könner Fiorilli: In Louis schwieriger Kindheit hat man, um den oft lebensgefährlich erkrankten Buben in harten Zeiten aufzumuntern, regelmäßig nach diesem Scaramouche geschickt, der Louis dann mit seinen Faxen zum Lachen brachte der König hat ihn dafür bis 7

8 an sein Lebensende geliebt und unterstützt. Als Molière wieder zurück ist in Paris, wird er zunächst mal bei Monsieur angestellt, dem Bruder des Königs, Louis selber wird erst um 1660 so richtig aufmerksam auf diesen brillanten Dichter und Schauspieler, der da plötzlich von sich reden macht, und der mit seinen Stücken die Eitelkeiten und Schwächen der verschiedensten konkurrierenden Schichten aufs Korn nimmt. Dass Ludwig XIV Molières Esprit so schätzt, wirft ein besonderes Licht auf den König, denn es spricht ja sehr für seinen Geist und seinen Sinn für Ironie, sein untrügliches Gespür für Qualität und ein bisschen auch für seine Lust am Piesacken, dass er dem Genie Molières freien, oder: fast freien Auslauf gewährt hat. Andererseits hat er sich dann, wenn die von Molière kritisierten Gesellschaftsgruppen zu mächtig waren, auch gern vornehm schweigend zurückgezogen und Molière die Prügel beziehen lassen. Gebr. CD T Nino Rota, Danse du roi aus Le Molière Imaginaire Norrköping Symphony Orchestra, Ole Kristian Ruud BIS CD-1070 Danse du Roi aus Le Molière Imaginaire zu Molières 200. Todestag hat Maurice Béjart 1973 ein großes Comédie-Ballet ganz im Sinne des 17. Jahrhunderts konzipiert, mit gespielten Szenen aus Molières Stücken, mit viel Tanz natürlich, und mit Musik, 8

9 die kam allerdings nicht vom üblichen Verdächtigen Lully, sondern von Nino Rota, und der hatte auf Anklänge an die Barockmusik ganz offenbar keine Lust auch mal ganz erfrischend, schließlich ist Molière nach Shakespeare wohl so ziemlich das Zeitloseste, was man auf einer Bühne spielen kann. Die ersten Feinde, die sich Molière in Paris mit einem seiner Stücke macht, sind noch nicht gar so einflussreich, es sind die empfindsamen Damen der Salons, die sogenannten Précieuses : eine Art frühfeministische Kulturbewegung, angeführt von der Erfolgsschriftstellerin Mademoiselle de Scudéry, teuer gewandete Damen der Oberschicht, die an der männlichen Überlegenheit zweifelten, nackte Männer neben sich im Bett unappetitlich fanden und in ausgesprochen geschraubter Sprache die Möglichkeiten platonischer Liebe erörtert haben bestimmte Worte wurden dabei nicht in den Mund genommen, dafür umso geziertere Metaphern erfunden. Die Nase war bei den enthusiasmierten Damen ein Gesichtsbalkon, statt Setzen Sie sich doch hieß es: Sehen Sie, welch übergroße Lust dieser Sessel hat, Sie zu umfangen und gar nicht wenig Précieuses -Begriffe haben sich bis heute im Französischen gehalten, zum Beispiel die Carte du Tendre eine märchenhafte Landkarte durch das Reich der Zärtlichkeit, eben das Land Tendre, das die Scudéry für einen ihrer Romanwälzer erfunden hatte, oder auch das Billet-Doux... Diese vornehm-gefühligen Salondamen hat Molière dann in dem Stück, das sein Durchbruch in Paris wurde, durch den Kakao gezogen: 9

10 Les Précieuses Ridicules. Magdelon und Cathos, zwei Möchtegern-Précieuses vom Lande, werden vom Vater nach Paris verfrachtet, um dort endlich einen Mann zu finden. Weil die zwei affektierten Landeier aber, angesteckt von der allgemeinen Mode, ein Leben wie aus dem Roman leben wollen, verschmähen sie ihre Freier, weil die die Carte du Tendre nicht kennen. Die Freier rächen sich, indem sie ihre Diener als besonders preziöse Adlige verkleiden und zu den zwei Gänsen schicken. Die natürlich geschmeichelt in Modesprache schnatternd auf die Maskerade hereinfallen, derweil die zwei Herren chargieren, dass die Schwarte kracht... Gebr. CD T. 8 ab 2 00 Kreuzblende mit: Molière, Les Précieuses Ridicules Collection Bibliothèque Nationale de France Gebr. CD T Lully, Les plaisirs de l ile enchantée, Rondeau des flutes La Simphonie du Marais, Hugo Reyne Accord und danach Musik Lullys zu Les plaisirs de l ile enchantée, dem ersten von Ludwigs legendären mehrtägigen Prunkfesten in Versailles, zu dem Molière und Lully anno 1664 gleich mehrere zusammen erarbeitete Comédie-Ballets beisteuern, nachdem 10

11 Molière mit den Précieuses Ridicules den König zum Lachen gebracht und nebenbei schon mal ein paar einflussreiche Leute gegen sich aufgebracht hat. Die Wegstrecke, auf der Molière Ludwig XIV. begleitet, ist vergleichsweise kurz, keine fünfzehn Jahre - aber es sind die Gründerjahre des Mythos von Versailles, die entscheidende Phase, in der Louis sein ganz persönliches und so enorm erfolgreiches Sonnensystem entwickelt. Es ist ja so, dass Ludwigs Hof und das beginnt schon vor Versailles, als alle noch in Paris sind - ein raffiniert sich selbst erhaltendes Herrschaftsmodell darstellt, in dem der sanfte Zwang, unter dem sich alle dort aufhalten, sehr subtil seine Wirkung tut. Allein für dieses System muss man Louis im Nachhinein als brillanten Strategen beglückwünschen, auch wenn die Ur-Idee vielleicht schon von seinem schlauen jesuitischen Erzieher Mazarin stammte: Damit die Granden seines Landes, die Fürsten und der alteingesessene Hochadel, ihm nicht mehr wie zu Zeiten der Fronde aufmuckend in den Rücken fallen oder in entscheidenden operativen Positionen Blödsinn machen konnten, hat Louis sie bei ihren zwei größten Schwächen gepackt: Der Gier nach Geld und Ansehen und der nach Luxus und Unterhaltung. Ein großer Teil des alten französischen Hochadels, also des sogenannten Schwertadels, konnte damals nicht mal lesen und schreiben und war auch sonst herzlich ungebildet. Der Adel war also womöglich ein bisschen dumm, Louis XIV war es nicht, man kann sich also ausrechnen, wer da wen über den Tisch gezogen hat. Louis hat seine Adelsgesellschaft ganz bewusst zum 11

12 Männchenmachen dressiert. Sie wollten Vergünstigungen, Ämter, Glamour? Konnten sie haben, vorausgesetzt, sie waren konstant bei Hof anwesend und wendeten die Augen nicht von ihrem König ab. Dafür gab es dann, damit keiner ins Nachdenken kam, sozusagen in Dauerbeschallung Theater, Musik, Ballette und splendide Feste, zu denen die, die sich wichtig fühlten, sich jedesmal besonders prächtig ausstaffieren mussten noch so ein raffinierter Schachzug, denn dadurch hatte der Adlige dann kein Geld mehr, um es irgendwo auf dem Land in Konterbande zu investieren. Und das ganze Umtata hatte ja so ganz nebenbei noch die angenehme weitergehende Nebenwirkung, dass auch das einfache Volk, die andere Gefahrenquelle für Monarchien, beschäftigt war. Der schlichtere Mensch winkt nun mal gern mit Papierfähnchen, das sieht man auch heute noch, wenn irgendwo die Queen vorbeifährt, und die einfachen Leute waren eben, so, wie sie sich heute vorm Privatfernsehen zur Promi-Shopping-Queen oder den Geissens versammeln, schon damals süchtig nach Unterhaltung und zur Schau gestelltem Luxus,- sie wurden zu begeistert fähnchenschwenkenden Zuschauern bei den unsagbar prachtvollen und kostspieligen Veranstaltungen, die ja, darauf hat Louis geachtet, immer ausgesprochen öffentlich vonstatten gingen. Seine Feste, ob das große Carousel mit Turnier in Paris oder später die Theater-Musik-Ballett-Vergnügungen und Kostümaufmärsche im Park von Versailles, sind immer öffentlich zugänglich in Versailles hat jeder ordentlich angezogene Untertan Zutritt, denn 12

13 was er dort zu sehen bekommt, bestärkt ihn in dem Glauben, dass sein König nicht nur ein König, sondern irgendwie auch ein Gott ist... Gebr. CD T Lully, Les plaisirs de l ile le enchantée, Entrée des quatre saisons La Simphonie du Marais, Hugo Reyne Accord Nochmal Musik für Les plaisirs de l ile enchantée um seinem Hofstaat die Freuden seiner Zauberinsel namens Versailles voll und ganz zukommen zu lassen, hat der König, der von da an auch sein eigener genialer Impresario war, damals ganze sechs Tage Festprogramm veranschlagt: Hauptthema waren, frei nach Ariost, die Zauberin Alcina und ihre Liebesinsel, gewidmet war der Auftrieb offiziell Ludwigs Mutter und seiner Gattin, in Wahrheit aber war die Allegorie wohl eher als galante Verbeugung vor der ersten bedeutenden Mätresse des Königs gemeint, Louise de La Vallière das schöne, unschuldige Mädchen war dem übrigens in jungen Jahren auch ziemlich schmucken Louis untergeschoben worden, weil er sich allzusehr für seine geistreiche Schwägerin Henrietta interessiert hatte, die mit seinem schwulen Bruder, genannt Monsieur, verheiratet worden war. Dann hat man ihm zur Vermeidung großer Verwicklungen also die kleine Hofdame geschickt, und die Liebe war über Jahre weg auf beiden Seiten leidenschaftlich und aufrichtig. Es heißt, 13

14 Louise de la Vallière sei die einzige Frau gewesen, die Louis wirklich noch um seiner selbst willen geliebt hat. Gebr. CD T Lully, Les plaisirs de l ile le enchantée, Marche de Hautbois La Simphonie du Marais, Hugo Reyne Accord Das Insel-Fest also war die Mutter aller Feste in Versailles: Alles begann mit aufwändigen Pferdeballetten, mittendrin der König im da schon etablierten Sonnen-Look mit goldenem, edelsteinbesetztem Harnisch, umgeben von ebenfalls verschwenderisch ausgestatteten Rittern, gefolgt vom Wagen des Apollon, auch wieder Gold und Edelsteine en gros. So zieht man zu diversen Ritterspielen durch den Park, der dann abends von tausenden von Kerzen erleuchtet ist, ein Jahreszeiten- Ballett wird aufgeführt, und maskierte Gestalten servieren im Vorbeifliegen Kapaune, Seezungen und was sonst gut und teuer ist. Am nächsten Abend folgt das erste Molière-Lully- Gemeinschaftswerk im erleuchteten Garten, in den Bosketten singen und spielen allüberall mit Instrumenten bewaffnete Hirtenmädchen und Faune, am dritten Tag wird der Palast der Alcina im großen Bassin mit einem ungeheuer prachtvollen Feuerwerk gestürmt, mit Booten wird die Zauberin unter großem Tamtam an Land begleitet, 14

15 in den nächsten Tagen gibt es noch weitere Pferdeballette, Lotterien und Theateraufführungen, - und zuletzt das neueste Stück von Molière, sein Meisterwerk bis dahin: Le Tartuffe. Und von dem Ärger, den er sich damit einhandelt, wird Molière sich nie mehr richtig erholen. Gebr. CD T. 12 Ab Magnus Lindberg,...de Tartuffe, je crois Endymion Ensemble 2012 Finlandia Records...de Tartuffe, je crois heißt dieses Stück für Klavierquintett, Bühnenmusik zu einem Theaterstück über Molière vom Finnen Magnus Lindberg, in die der schwer zu finden auch ein paar Lully-Zitate und, in den Wind geflüstert, sogar Molières Tod eingeschmuggelt hat. Beim Tartuffe also erlebt Molière zum ersten mal die Macht seiner Gegner und die Unlust des Königs, sich, wenn es hart auf hart kommt, für ihn einzusetzen. Der Tartuffe ist eine der wenigen durch und durch unsympathischen Figuren Molières, ein widerwärtiger, erbschleichender Frömmler aus verarmtem Adel, der sich als Laus in den Pelz einer wohlhabenden Bürgersfamilie setzt. Am Ende hat Hausherr Orgon ihm seinen ganzen Besitz überschrieben und wird dann nur durch einen vom König geschickten Deus ex machina vor der Armut gerettet. 15

16 Dass Tartuffe zum Schluss eine große Verbeugung vor dem allgerechten König macht, hat Molière nicht geholfen, denn sein Bild des religiös-bigotten Heuchlers war einfach viel zu gut gezeichnet, und die Gefahr des Sektierertums, des Missbrauchs und der Verlogenheit, die in aller Religion liegt, war gar zu messerscharf dargestellt. Die Dévots, die älteren, frommen oder auch nur pseudoreligiösen Kreise am Hof, teilweise selber verarmte, erbschleichende Frömmler, haben all ihre noch vorhandene Macht aufgeboten gegen Molière, mit Erfolg: Der König hat den Tartuffe gleich nach der Uraufführung und nach Intervention durch seinen Beichtvater, den Erzbischof von Paris, verboten dabei vermutet man bis heute, dass er Molière das Thema selber vorgegeben hat, weil ihm die mächtige frömmelnde Hofclique um seine alte Mutter auf die Nerven ging, vor allem die Compagnie de Saint-Sacrement, eine katholische Geheimgesellschaft, die genau auf jene Art geheim und selbständig operierte, die Ludwig so gar nicht leiden konnte. Aber egal, Louis ist eingeknickt Molière schrieb das Stück um, es blieb trotzdem verboten, er selbst wurde aufs Übelste öffentlich angegangen, irgendwann, Jahre später, hat er dann eine Aufführungsgenehmigung von Louis bekommen, aber weil der mal eben Lille belagern musste und nicht da war, hat die Geistlichkeit die Erlaubnis schnell wieder kassiert. Wirklich ganz frei und mit oberster Genehmigung aufgeführt wird der Tartuffe dann erst 1669 und ist plötzlich ein rauschender Erfolg, mit dem Molière viel Geld verdient. Denn bei allem Gegenwind, der ihn immer wieder Kraft kostet: 16

17 In den 60-er Jahren hat Molière neben viel Ärger auch viel Erfolg der König lacht über seine Stücke, wird sogar, große Ehre, Pate seines ersten Kindes, und Molière produziert und produziert: Leichtgewichtige Ballettkomödien zusammen mit Lully, aber auch jene reinen Theaterstücke, die ihn zum Klassiker werden lassen, und die unterschwellig immer auch eine Gesellschaftskritik mit im Gesamtpaket haben da muss man dem sonst fast immer allwissenden charmanten Geschichtsschreiber Egon Friedell vielleicht dieses eine mal widersprechen, der nämlich mochte das ganze Versailles-Zeitalter nicht und hat an Molières Figuren nicht gar zuviel gute Haare gelassen, sie seien, schreibt er, gespenstische Automaten, die er von außen in Bewegung setzt...diese überaus wirksamen Rededuelle erinnern an die allbekannten zwei Blechwurstel, die an einer Pumpe ziehen: drückt man den einen hinunter, geht der andere in die Höhe und umgekehrt. Und auch die Handlung gehorcht einer vollkommen mechanischen Kausalität, die phantastisch und grotesk wirkt, gerade weil sie so prompt und exakt funktioniert, wie es die des Lebens nie tut: es ist eine arithmetische, eine abgekartete, eine Schachkausalität. Kein Franzose, soweit er noch seinen Molière kennt, würde das unterschreiben Darius Milhaud zum Beispiel nicht, der hat, ganz im Stil des französischen Barock, aber natürlich mit Augenzwinkern, eine Apothéose de Molière verfasst, die endet in einer Allegresse générale : 17

18 CD T Darius Milhaud, L Apothéose de Molière, Allegresse générale The New London Orchestra, Ronald Corp Helios CDH55168 Keiner hat die bessere und manchmal auch die nicht so gute Gesellschaft Frankreichs, eben jene Welt, wie Ludwig XIV sie geschaffen hat, so gekonnt bespielt und gleichzeitig gespiegelt wie Molière Emporkömmlinge, Labertaschen, Exzentriker und Frömmler, dumme Hühner, kokette Zicken und kluge Frauen sind das unterhaltsame Personal seiner Molière-Welt, und diese Stücke, ihre Situationskomik, ihre brillanten rhetorischen Schlagabtausche, sind erstaunlicherweise bis heute in ihrer Sprache und in ihrer Dramaturgie jung und lebendig geblieben, eben weil Molière das in seiner Zeit so beliebte Schwarzweiß-Denken und die schlichte Figurenzeichnung der Commedia dell arte immer wieder unterläuft: Bei ihm nimmt man auch die lächerlichen Figuren ernst,- mit dem soziophoben Griesgram im Menschenfeind, mit dem Geizigen, dem geltungssüchtigen Aufsteiger im Bürger als Edelmann oder dem genasführten Familienvater im Tartuffe fühlt man mit, gleichzeitig darf man sich aus der Draufsicht aber natürlich auch überlegen fühlen: So schlimm wie Alceste, Oronte, Arnolphe oder Argan, oder wie alle die scheiternden Bruddler bei Molière heißen, bin ich natürlich nicht. Das war ja Molières Raffinesse, er hat die feine Gesellschaft, den Adel und das emporgekommene Bürgertum, vorgeführt, aber indem er sie zu wissenden Zuschauern 18

19 machte, die den in sich selbst gefangenen Charakteren seiner Stücke immer um eine Nasenspitze voraus sind, durften sie sich doch irgendwie noch gut dabei fühlen. Am allerbesten allerdings, und das ist natürlich so gewollt, fühlt sich der König. Der ist ja außen vor, er gehört bei keiner dieser verschiedenen um Ansehen buhlenden Gruppen dazu, und er amüsiert sich ganz prächtig, egal, welche Clique seiner Untertanen Molière gerade auf die Schippe nimmt. Manchmal mischt er sogar ganz aktiv mit, was die Sujets angeht der Bourgeois Gentilhomme zum Beispiel ist aus einer Anregung Louis entstanden, oder besser: aus königlich verletzter Eitelkeit: Frankreich hat damals fast ein Jahrhundert lang mit dem Osmanischen Reich freundschaftliche Beziehungen unterhalten aber Louis hat dann andere Interessen gehabt, das Verhältnis ist abgekühlt, weshalb der Sultan einen Gesandten schickte. Für den seine Majestät sich dann beim Treffen nicht aus seinem Sessel zu erheben geruhten, was den Sultansgesandten ungemein beleidigt hat, so dass er nach dem Besuch überall verbreiten ließ, dieser angeblich prächtigste König der Welt könne mit seinem bisschen Talmi-Plunder ja wohl nicht mit dem Glanz des Sultanspalastes mithalten. Das hat wiederum den Sonnenkönig unsagbar geärgert, so sehr, dass er Molière beauftragt hat, sich bitteschön ein hübsches Türken-Bashing auszudenken. 19

20 CD Disc III, T Lully, Le Bourgeois Gentilhomme, Marche pour la cérémonie des Turcs Capriccio Stravagante Orchestra, Skip Sempé Alpha 961 Der etwas dümmliche nouveau-riche- Geschäftsmann Monsieur Jourdain, der unbedingt in den Adel aufsteigen will, versucht also in Der Bürger als Edelmann, auch gleich seine Tochter möglichst adlig an den Mann zu bringen deren natürlich nicht standesgemäßer Geliebter verkleidet sich drauf in einem raffinierten Komplott als Sohn eines reichen türkischen Gesandten, der Monsieur Jourdain die Erlaubnis zur Hochzeit entlockt und den vor Stolz platzenden Dummerjan in einer Fantasiezeremonie par Ordre de Mufti zum türkischen Edelmann erhebt, zum Mamamouchi ein Amt, das es natürlich gar nicht gibt. Diese Türkenzeremonie im Le bourgeois gentilhomme war dann eine ausführliche und ungemein komische Ballettszene, und Jean- Baptiste Lully hat dafür eine seiner berühmtesten Musiken komponiert. gleiche CD Disc III, Lully, Le Bourgeois Gentilhomme, Reprise de la Marche pour la Cérémonie des Turcs Capriccio Stravagante Orchestra, Skip Sempé s.o. 20

21 ...Monsieur Jourdain, und damit ist er vielen, vielen Aufsteigern aller Jahrhunderte, aber vor allem den aufstrebenden Wichtigtuern zu Molières Zeiten ähnlich, Monsieur Jourdain versucht alles, um zur besseren Gesellschaft zu gehören er gräbt, obwohl eigentlich verheiratet, eine Marquise an (die in Wirklichkeit eine Betrügerin ist), und er versucht krampfhaft, sich mithilfe verschiedener Lehrer auf allen nur erdenklichen Feldern zum Edelmann auszubilden; hier lässt er sich gerade Sprachunterricht erteilen, und falls Sie die Stimme des vokalfreudigen Lehrers an irgendwen erinnert: dochdoch, es ist Louis de Funès... Gebr. CD T. 11 ab 2 20 ausbl. Molière, Le Bourgeois Gentilhomme Louis De Funès, Bernard Blier Frémeaux & Associés FA Zur Zeit des Bourgeois ist Molière schon ziemlich erschöpft. Das liegt nicht nur an den Hofkabalen, mit denen er sich wohl oder übel immer wieder herumschlagen muss, weil er mal den Adel, mal die Noblesse de Robe, also die hochgekommenen, nobilitierten Bürger aufs Korn nimmt, es liegt auch an seinem aufreibenden Privatleben seine Frau Armande, auch Schauspielerin natürlich, ist halb so alt wie er und macht ihm mit Untreue und Unzuverlässigkeit das Leben zur Hölle. Die ganze komplizierte Gemengelage zwischen höfischem und privatem Leben, die ihn so viele Nerven kostete, hat Molière ja 21

22 schon in seinem vielleicht berühmtesten Stück, dem Menschenfeind behandelt, das sozusagen eine autobiographische Momentaufnahme ist, und gleichzeitig eine ziemlich hellsichtige Analyse der Welt Ludwigs XIV: Ein Mensch, der unter den verlogenen Schmeicheleien und Intrigen der Gesellschaft leidet, liebt nun ausgerechnet eine kokette Dame, die sich nirgends lieber als in eben dieser Gesellschaft bewegt. Die Augen tun mir weh, denn Stadt und Hof Die bieten mir nur Dinge, die mir die Galle überlaufen lassen. Das Gemüt verfinstert sich, tief ist mein Kummer, Wenn ich betrachte, wie Menschen umgehn miteinander; Ich finde nichts als feige Schmeichelei, Als Unrecht, Eigennutz, Gemeinheit und Verrat; Ich halt es nicht mehr aus und möcht in meiner Wut Die ganze Menschheit mir zum Feind erklären. So spricht Alceste, der Menschenfeind, - in dieser todernsten und eigentlich todtraurigen Komödie begegnen wir Molière und seiner Sehnsucht nach einem Leben, wie es nun gerade zu seiner Zeit und im Umkreis des Sonnenkönigs jedenfalls nicht zu haben war: Ich will, dass man ein Mensch sei, sagt Alceste im Stück, bei jedweder Begegnung/ Soll sich das Herz in unserer Rede offenbaren./ Das Herz soll sprechen, und unsere Gefühle,/ die sollen niemals sich verbergen hinter leeren Phrasen. Da war Molière wohl in seinem Leben und zu seiner Zeit nicht zu helfen er musste nun mal mit diesem König und seinem Kontrollwahn und seiner teilweise doch ziemlich raffgierigen und 22

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