Richard Davidson Sharon Begley. Warum wir fühlen, wie wir fühlen

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1 Richard Davidson Sharon Begley Warum wir fühlen, wie wir fühlen

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3 Richard Davidson mit Sharon Begley Warum wir fühlen, wie wir fühlen Wie die Gehirnstruktur unsere Emotionen bestimmt und wie wir darauf Einfluss nehmen können Aus dem Amerikanischen von Ursula Rahn-Huber

4 Die amerikanische Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel»The emotional life of your brain. How its unique patterns affect the way you think, feel and live and how you can change them«im Verlag Hudson Street Press, New York, USA. Verlagsgruppe Random House fsc-deu-0100 Das für dieses Buch verwendete fsc -zertifizierte Papier EOS lie fert Salzer Papier, St. Pölten, Austria. 1. Auflage Deutsche Erstausgabe 2012 der deutschsprachigen Ausgabe Arkana, München in der Verlagsgruppe Random House GmbH 2012 der Originalausgabe Richard J. Davidson and Sharon Begley This edition published by arrangement with Hudson Street Press, a member of Penguin Group (USA) Inc. All rights reserved including the right of reproduction in whole or in part in any form. Lektorat: Ralf Lay Satz: Buch-Werkstatt, Bad Aibling Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München Umschlagmotiv: FinePic, München Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck Printed in Germany

5 Für Susan, Ame lie und Seth, für eure Lie be und Er dung und die Fül le an Weis heit, die ihr mir gebt.

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7 Inhalt Einleitung Eine wissenschaftliche Entdeckungsreise 9 Kapitel 1 Kein Universalgehirn für jeden 23 Kapitel 2 Die Ent de ckung des emotionalen Stils 40 Kapitel 3 Wie Sie Ihren persönlichen emotionalen Stil ermitteln 83 Kapitel 4 Die neu ron ale Ba sis des emotionalen Stils 116 Kapitel 5 Wie sich der emo tio na le Stil herausbildet 150 Kapitel 6 Die»Geist-Ge hirn-kör per-con nection«und wie sich der emotionale Stil auf die Gesundheit auswirkt 184

8 8 Inhalt Kapitel 7 Nor mal, an omal und ab wann»an ders«pathologisch ist 220 Kapitel 8 Das formbare Gehirn 255 Kapitel 9 Raus aus der De ckung 277 Kapitel 10 Der Mönch in der Ma schi ne 309 Kapitel 11 Neuverschaltung oder neuronal inspirierte Übungen zur Veränderung Ihres emotionalen Stils 347 Dank 388 Anmerkungen 395 Register 408

9 Einleitung Eine wissenschaftliche Entdeckungsreise Die ses Buch be schreibt die per sön li che und be rufli che Entdeckungs rei se, die ich un ter nom men habe, um zu ver ste hen, warum und in wie fern je der Mensch emo tio nal un ter schied lich auf die Wen dun gen des Le bens rea giert. Mein Ziel war da bei, Wege zu einem gesünderen, erfüllteren Leben aufzuzeigen. Im»beruflichen«Aspekt die ser Rei se geht es um die Er kennt nis se der affek tiven Neurowissenschaft. Das ist ein interdisziplinäres Forschungsge biet, das sich mit den neu rona len Me cha nis men be fasst, die den menschlichen Emotionen zugrunde liegen. Davon ausgehend, sucht es nach Möglichkeiten, die Lebensqualität und geistige Einstellung des Ein zel nen po si tiv zu be ein flus sen. Und der»pri va te«er zählstrang hat mit mei ner ei ge nen Ge schich te zu tun. Aus der Über zeugung her aus, dass es im Hin blick auf den mensch li chen Geist und die Art und Wei se, wie die ser von der eta blier ten Psy cho lo gie und Neurowissenschaft gesehen wird,»mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als sich er träu men lässt«wie Ham let so treffend zu Ho ra tio sag te, habe ich mich über die Gren zen die ser Dis zi pli nen hin aus be wegt. So man cher Weg en de te da bei in ei ner Sack gas se, aber ich hoffe, schließ lich doch we nigs tens et was von dem er reicht zu ha ben, was ich mir vor ge nom men hat te: an hand fun dier ter wissenschaftlicher Studien aufzuzeigen, dass Emotionen alles andere sind als der»neu ro lo gi sche Fir le fanz«, als der sie in der psy cholo gi schen Lehr mei nung ge mein hin gal ten. Sie sind viel mehr von

10 10 Einleitung zentra ler Be deu tung für die Funk ti on des mensch li chen Ge hirns und die Lebendigkeit des Geistes. Wäh rend mei ner drei ßig jäh ri gen For schungs tä tig keit auf dem Ge biet der affek ti ven Neuro wis sen schaft 1 habe ich Hun der te von Erkenntnissen gesammelt von den Gehirnmechanismen, die der Empathie zugrunde liegen, und den Unterschieden zwischen einem autistischen und einem normal entwickelten Gehirn bis hin zu dem Phänomen, dass ausgerechnet der Sitz des rationalen Verstands im Gehirn uns in die emotionalen Abgründe der Depression stürzen kann. Ich hoffe, mit die sen Ent de ckun gen zum Ver ständ nis des sen bei ge tra gen zu ha ben, was das Mensch sein aus macht und was es be deu tet, ein Ge fühls le ben zu ha ben. Aber in dem Maße, wie die aus meinen Forschungen gewonnenen Erkenntnisse wuchsen, zog ich mich mehr und mehr aus dem All tags geschäft mei nes La bors an der Uni ver si tät Wis con sin, Madi son, zu rück, das sich im Lauf der Jahre beinah zu einem kleinen Unternehmen entwickelt hat: Im Früh jahr 2011, wäh rend ich diese Zei len schrei be, be schäfti ge ich elf Doktoranden, zehn Postdoktoranden, vier Programmierer und 21 zusätzliche Forschungs- und Verwaltungskräfte, und wir verfügen über ei nen For schungs etat von etwa 20 Mil lio nen US-Dollar, der uns von den National Institutes of Health und anderen Sponsoren zur Verfügung gestellt wird. Da ne ben bin ich seit Mai 2010 Di rek tor des eben falls an der Universität Wisconsin angesiedelten Center for Investigating Healthy Minds, 2 an dem er forscht wird, wie Ei gen schaften, die der Mensch seit An be ginn der Zi vi li sa ti on zu schät zen weiß, im Ge hirn entste hen und wie sie ge för dert wer den kön nen Mit ge fühl, Wohlbefinden, Nächstenliebe, Selbstlosigkeit, Freundlichkeit, Liebe und andere wertvolle menschliche Tugenden. Einer der großen Vorzüge des Zen trums ist, dass wir uns in un se rer Ar beit nicht al lein auf die For schung be schrän ken: Es ist uns sehr dar an ge le gen, die ge won nenen Erkenntnisse in die Welt hinauszutragen, damit die Menschen»da drau ßen«auch kon kret da von pro fi tie ren. Aus die sem Wunsch

11 Eine wissenschaftliche Entdeckungsreise 11 her aus ha ben wir zum Bei spiel ei nen Vor- und Grund schul kurs zur Förderung von Freundlichkeit und Achtsamkeit entwickelt. Derzeit sind wir da bei zu eva lu ie ren, wie sich die dar in ver mit tel ten Lerninhalte auf die schulischen Leistungen und Sozialkompetenzen wie Aufmerksamkeit, Mitgefühl und Teamfähigkeit auswirken. In einem weiteren Projekt erforschen wir, inwiefern ein Atem- und Meditationstraining Kriegsveteranen aus Afghanistan und dem Irak bei der Bewältigung von Stress und Ängsten helfen können. Ich habe gro ße Freu de an die ser Ar beit an der wis sen schaft lichen Grundlagenforschung ebenso wie an der Übertragung unserer Er kennt nis se in das rea le Le ben. Den noch könn ten ei nem die Anforderungen einer solchen Tätigkeit leicht über den Kopf wachsen. (Ich scher ze gern, dass ich meh re re Voll zeit jobs habe: vom Durchboxen von Fördermittelanträgen bis hin zu Verhandlungen mit universitären Bioethikgremien, um mir Studien an freiwilligen Versuchspersonen genehmigen zu lassen.) Ich wollte nicht, dass mir das passiert. Dar um mach te ich mich vor etwa zehn Jah ren an eine Be standsaufnahme und sichtete die bisherigen Studien zur affektiven Neurowis sen schaft, so wohl mei ne ei ge nen als auch die von Kol le gen. Es ging mir nicht in erster Linie um interessante Einzelerkenntnisse, son dern um den grö ße ren Zu sam men hang. Da bei kris tal li sier te sich her aus, dass wir in ei nem Jahr zehnt et was Grund le gen des über die emotionale Seite des Gehirns herausgefunden hatten: dass näm lich je der Mensch über et was ver fügt, was ich als»emo tio na len Stil«bezeichne. Bevor ich dessen Aspekte kurz beschreibe, lassen Sie mich zunächst eine kleine Abgrenzung zu anderen Klassifizierungssystemen vornehmen, mit denen man die unendliche Vielfalt der mensch li chen Ge fühls zu stän de zu er fas sen sucht: emo tio naler Zustand, emotionale Veranlagung, Persönlichkeit und Temperament. 3 Die kleins te, flüch tig ste emo tio na le Ein heit ist der emo tio na le Zustand. Er dau ert in der Re gel nur we ni ge Se kun den und wird

12 12 Einleitung meist un mit tel bar von ei nem Er leb nis aus ge löst: die plötz li che Freu de, die in uns auf steigt, wenn uns un ser Kind am Mut ter tag eine selbstgebastelte Collage aus Makkaroni überreicht; das Erfolgsge fühl, das sich ein stellt, wenn wir in der Fir ma ein grö ße res Projekt zum Ab schluss ge bracht ha ben; die Wut, die in uns auf wallt, wenn man uns er öff net, dass wir an al len drei Ta gen des be vor stehenden verlängerten Wochenendes im Büro zu erscheinen haben; die Trau rig keit, die wir emp fin den, wenn un ser Kind als ein zi ges in der Klasse keine Einladung zur Geburtstagsparty erhalten hat. Emotionale Zustände können sich auch infolge rein geistiger Aktivitäten einstellen, etwa beim Tagträumen, der inneren Selbsterforschung oder der Vor aus schau auf künfti ge Er eig nis se. Doch ob sie nun von realen oder mentalen Ereignissen ausgelöst werden, in der Regel sind sie vorübergehender Natur und lösen einander ab. Hält ein Zu stand län ger an, so dass er uns über Mi nu ten, Stun den oder gar Tage hin weg be glei tet, spre chen wir von ei ner Stimmung oder Laune, etwa wenn wir sa gen:»der hat heu te aber schlech te Lau ne.«und bleibt uns diese nicht tage-, son dern jah re lang er halten, wird sie zur emo tio na len Veranlagung. Hadert jemand dauernd mit der Welt, er le ben wir ihn als mür risch, zürnt er stän dig ge gen al les und je den, nen nen wir ihn ei nen»gries gram«. Eine sol che emotionale Veranlagung (chronische Verärgerung knapp vor dem Überkochen) erhöht die Wahrscheinlichkeit, in einen bestimmten emo tio na len Zu stand (Wut) zu ge ra ten, da sie die Schwel le senkt, ab der wir für die entsprechenden Gefühle empfänglich sind. Der emotionale Stil hingegen bezeichnet eine konsequente Art und Wei se, auf das Le ben zu rea gie ren. 4 Er wird von spe zi fi schen, exakt identifizierbaren neuronalen Netzen gesteuert und kann im Labor mithilfe objektiver Methoden ermittelt werden. Unterschiedli che emo tio na le Sti le ent schei den dar über, mit wel cher Wahrscheinlichkeit bestimmte Emotionen, Launen und Veranlagungen in uns zum Aus druck kom men. Da sie den ih nen zu grun de lie genden neuronalen Systemen wesentlich näher sind als alle emotiona-

13 Eine wissenschaftliche Entdeckungsreise 13 len Zu stän de oder Stim mun gen, könn te man sie als eine Art»atomare Basis«unserer Emotionen bezeichnen als Grundbausteine der Gefühle. Im Ge gen satz dazu ver fügt der häu fig zur Cha rak te ri sie rung von Menschen herangezogene Begriff»Persönlichkeit«weder über eine solch fun da men ta le Be deu tung, noch lässt er sich auf konkrete neurologische Mechanismen zurückführen.»persönlichkeit«beschreibt eine Kombination wesentlicher Merkmale, die sich aus be stimm ten Grund stim mun gen und emo tio na len Sti len zu sammensetzen. Nehmen wir zum Beispiel das gut dokumentierte Persönlichkeitsmerkmal Verträglichkeit. In gängigen psychologischen Tests, eben so wie in der Selbst ein schät zung be zie hungs wei se in Rückmeldungen aus dem persönlichen Umfeld, gilt als extrem verträglich, wer sich empathisch, rücksichtsvoll, freundlich, großzügig und hilfsbereit zeigt emotionale Veranlagungen, die ausnahmslos Produkte bestimmter Aspekte des emotionalen Stils sind. Anders als die Per sön lich keit las sen sich diese je weils auf ganz spe zi fi sche, cha rak te ris ti sche Ak ti vi täts mus ter im Ge hirn zu rück füh ren. Um das neuronale Fundament der Verträglichkeit zu verstehen, müssen wir uns also ein ge hen der mit dem ihr zu grun de lie gen den emo tionalen Stil befassen. In den letz ten Jah ren hat die Psy cho lo gie mit gro ßem Ei fer ein Klas si fi zie rungs sche ma nach dem an de ren her vor ge bracht: Es gäbe vier Temperamente, fünf Persönlichkeitselemente oder weiß Gott wie vie le Cha rak ter ty pen. Das ist al les hoch in ter es sant und manch mal so gar ziem lich un ter halt sam. Für die Mas sen me di en ist es ein gefundenes Fressen zu beschreiben, welche Charaktertypen in Beziehungen am besten miteinander harmonieren, das Zeug zur Führungskraft haben oder Hinweise auf eine psychopathische Veranlagung liefern. Aus wissenschaftlicher Sicht aber stehen solche Zu ord nun gen auf tö ner nen Fü ßen, da sie nie auf ei ner stringenten Analyse der zugrunde liegenden neuronalen Mechanismen basieren. Jegliches menschliche Verhalten, alle Gefühle und Denk-

14 14 Einleitung wei sen ha ben ih ren Ur sprung im Ge hirn, und so kann ein Klassi fi zie rungs sys tem nur dann Gül tig keit ha ben, wenn es auf ei ner neurowissenschaftlichen Grundlage fußt. Womit wir wieder beim emotionalen Stil wären. Das System der emotionalen Stile umfasst sechs Dimensionen, in denen sich die Erkenntnisse der modernen neurowissenschaftlichen For schung wi der spie geln und bei de nen es sich we der um konventionelle Persönlichkeitsmerkmale noch um schlichte emotionale Veranlagungen oder Stimmungen, geschweige denn Diagnosekriterien für mentale Störungen handelt. Es sind im Einzelnen: Resilienz: Wie schnell oder lang sam er ho le ich mich von be lastenden Erlebnissen? Grundeinstellung: Wie lan ge kann ich po si ti ve Emo tio nen halten? Soziale Intuition: Wie emp fäng lich bin ich für die von mei nen Mitmenschen ausgesandten sozialen Signale? Selbstwahrnehmung: Wie präzise erfasse ich körperliche Empfindungen, in denen sich meine emotionale Befindlichkeit äußert? Kontextsensibilität: Wie gut ge lingt es mir, mei ne emo tio na len Reaktionen an den jeweiligen sozialen Zusammenhang anzupassen? Aufmerksamkeit: Wie prä zi se und klar ist mein Fo kus? Wür den wir uns fra gen, in wie fern sich un se re Emo tio nen von de nen an de rer Men schen un ter schei den, kä men uns diese sechs Stil di men sio nen wahr schein lich nicht in den Sinn so wie wir si cher nicht auf An hieb das Bohr sche Atom mo dell aus dem Är mel schüt tel ten, wenn wir uns über die Struk tur der Ma te rie Ge dan ken ma chen. Es liegt mir fern, mei ne Ar beit auf eine Stu fe mit der je nigen der Be grün der der mo der nen Phy sik zu set zen. Viel mehr geht es mir um die all ge mei ne Fest stel lung, dass der mensch li che Verstand den wahren Zusammenhängen der Natur oder seiner eigenen

15 Eine wissenschaftliche Entdeckungsreise 15 Exis tenz nur sel ten al lein auf der Ba sis von In tui ti on und ober flächli cher Be trach tung auf den Grund zu ge hen ver mag. Die sechs Stildimensionen haben sich in über dreißigjähriger Forschungs ar beit her aus kris tal li siert und stüt zen sich zu dem auf die Er kennt nis se von Kol le gen aus al ler Welt. In ih nen spie geln sich die Ei gen schaften und Mus ter des Ge hirns wi der, was die Con ditio sine qua non für jedes Modell des menschlichen Verhaltens und emotionalen Empfindens ist. Sollten sie Ihrem Verständnis von sich selbst und Ih ren Mit men schen nicht ohne Wei te res ent spre chen, hat das wahr schein lich da mit zu tun, dass sie mit un ter auf Ebenen wir ken, die sich nicht auf den ers ten Blick er schlie ßen. So sind wir uns zum Bei spiel meist nicht dar über im Kla ren, wo wir uns persönlich in der Stildimension Resilienz zu verorten haben. Von we ni gen Aus nah men ab ge se hen, ach ten wir in der Re gel ein fach nicht dar auf, wie schnell oder lang sam wir uns von Stress si tua tionen er ho len. (Eine sol che Aus nah me wäre zum Bei spiel ein ex trem trau ma ti sches Er leb nis wie der Tod ei nes Kin des. In ei nem derar ti gen Fall sind sich die Be troffe nen na tür lich nur all zu deut lich be wusst, dass sie mo na te lang kaum an sprech bar sind.) Die Kon sequen zen spü ren wir je doch sehr wohl. Neh men wir ein mal an, wir hät ten uns am Mor gen mit dem wich tigs ten Men schen in un serem Le ben ge strit ten. Dann sind wir wo mög lich den gan zen Tag ge reizt ohne zu mer ken, dass wir bloß des halb auf al les so in digniert und zynisch reagieren, weil wir unser emotionales Gleichgewicht noch nicht wie der ge fun den ha ben, was ein Kenn zei chen des langsamen Regenerationsstils ist. In Kapitel 3 verrate ich Ihnen, wie Sie Ihren persönlichen emotionalen Stil ermitteln und damit den ers ten und wich tigs ten Schritt tun kön nen, um sich ent we der einfach so zu ak zep tie ren, wie Sie sind, oder et was dar an zu ver än dern. Ei ner wis sen schaft li chen Grund re gel zu fol ge muss jede neue Theo rie, die eine an de re ab lö sen will, nicht nur die von ihr plau sibel gemachten Phänomene erklären, sondern darüber hinaus auch ei ni ge neue. Um sich ge gen die Gra vi ta ti ons leh re durch zu set zen,

16 16 Einleitung die Isaac New ton auf stell te, nach dem er den Ap fel vom Baum hat te fallen sehen (oder auch nicht), musste Einsteins allgemeine Relativitätstheorie auf die von Newton beschriebenen Phänomene der Schwer kraft (etwa die Um laufb ahn der Pla ne ten um die Son ne und die Fallgeschwindigkeit von Objekten) ebenso anwendbar sein wie auf eine An zahl wei te rer zum Bei spiel die Licht bie gung im Gra vitationsfeld von großen Sternen. Ich möchte Ihnen darum aufzeigen, wie genau sich alle gängigen Persönlichkeitsmerkmale und Temperamente in das Bild der emotionalen Stile einfügen lassen. Später, ins be son de re in Ka pi tel 4, wer den Sie au ßer dem se hen, dass das System anders als andere Klassifizierungen auf einem soliden neurologischen Fundament basiert. Ich bin da von über zeugt, dass sich alle Per sön lich keits ty pen und Temperamente auf eine jeweils individuelle Kombination der sechs Stildimensionen zurückführen lassen. Nehmen wir die fünf wich tigs ten Per sön lich keits merk ma le, wie sie in der Psy cho lo gie beschrieben werden: O f enheit für neue Erfahrungen: Wer in be son de rem Maße offen für neue Erfahrungen ist, verfügt über eine ausgeprägte soziale Intuition. Zudem besitzt er eine überdurchschnittliche Selbstwahr neh mung und ist in sei nem Auf merk sam keits stil fo kussiert. Ge wis sen haft ig keit: Bei ei nem ge wis sen haften Men schen ist die soziale Intuition gut entwickelt. Er ist fokussiert in seiner Aufmerksamkeit und besitzt eine ausgeprägte Kontextsensibilität. Extraversion: Ein ex tra ver tier ter Mensch kommt über be lasten de Si tua tio nen schnell hin weg. In Hin blick auf die Resi lienz ge hört er da mit zu dem sich schnell re ge ne rie ren den Ty pus. Er lässt sich seine positive Grundeinstellung nicht nehmen. Verträglichkeit: Ein ver träg li cher Mensch ver fügt über eine be sonders ausgeprägte Kontextsensibilität und Resilienz. Gleichzeitig bewahrt er sich seine positive Grundeinstellung.

17 Eine wissenschaftliche Entdeckungsreise 17 Neurotizismus: Ein neu ro tisch ver an lag ter Mensch braucht lange, um sich von be las ten den Si tua tio nen zu er ho len. Er hat eine düs te re, ne ga ti ve Grund ein stel lung und eine re la tiv ge rin ge Kontextsensibilität. Sein Aufmerksamkeitsstil ist eher schwach fokussiert. Zwar las sen sich diese fünf Schlüs sel merk ma le je weils auf eine bestimmte Kombination von Stildimensionen zurückführen, doch es gibt auch Aus nah men. Nicht in je dem Per sön lich keits typ sind zwangsläufig alle Dimensionen angelegt. Eine davon aber weist er immer auf. Gehen wir nun über die fünf Hauptpersönlichkeitsmerkmale hinaus und kom men wir zu an de ren Ei gen schaften, mit de nen wir uns selbst oder ver trau te Men schen gern be schrei ben. Auch sie las sen sich letzt lich auf eine Kom bi na ti on ver schie de ner Di men sio nen zu rück füh ren, ob wohl hier eben falls gilt, dass nicht in je dem, der über die je wei li ge Ei gen schaft ver fügt, au to ma tisch alle be schriebenen Dimensionen angelegt sein müssen. Bei den meisten jedoch sind diese überwiegend vorhanden: Impulsivität: eine Kombination aus schwach fokussierter Aufmerksamkeit und geringer Selbstwahrnehmung. Geduld: eine Kom bi na ti on aus aus ge präg ter Selbst wahr nehmung und hoher Kontextsensibilität. Zu wissen, dass sich mit dem zwangsläufig zu erwartenden Wandel des Kontextes auch manches andere ändern wird, erleichtert es, geduldig zu sein. Schüchternheit: eine Kombination aus langsamer Regeneration und geringer Kontextsensibilität. Fehlt es an Kontextsensibilität, können Schüchternheit und Vorsicht einen Ausprägungsgrad erreichen, der das Normalmaß übersteigt. Ängstlichkeit: eine Kom bi na ti on aus lang sa mer Re ge ne ra ti on, negativer Grundeinstellung, ausgeprägter Selbstwahrnehmung und mangelndem Fokus.

18 18 Einleitung Optimismus: eine Kombination aus schneller Regeneration und positiver Grundeinstellung. Chronisches Unglücklichsein: eine Kombination aus langsamer Regeneration und negativer Grundeinstellung mit dem Ergebnis, dass der Be treffen de po si ti ve Emo tio nen nicht lan ge aufrechterhalten kann und nach jedem Rückschlag in Negativität versinkt. Wie Sie sehen, verbergen sich hinter solch gängigen Adjektiven zur Beschreibung einer Persönlichkeit verschiedene Ausprägungen des emo tio na len Stils. Schau en wir nun, auf wel chem neu rona len Fundament diese beruhen. Beim Le sen von For schungs be rich ten könn te bei manch ei nem leicht der Ein druck ent ste hen, das al les wäre ganz ein fach: als bräuch ten sich bloß ein paar Wis sen schaft ler erst eine Fra ge und dann ein kluges Experiment zu deren Beantwortung auszudenken, um in der an schlie ßen den Stu die zu den ent spre chen den Er gebnis sen zu ge lan gen ohne sich da bei in ir gend wel chen Sack gassen zu verrennen oder auf nennenswerte Hindernisse zu stoßen. Dass dies nicht so sein kann, ist aber evi dent. We ni ger be kannt ist jedoch selbst unter Interessierten, die schon so einiges an populärer Literatur zu wissenschaftlichen Forschungen gelesen haben, wie schwierig es ist, ein einmal aufgestelltes Paradigma infrage zu stellen. Ge nau in die ser Po si ti on be fand ich mich An fang der acht zi ger Jahre. In der akademischen Psychologie waren Forschungen zum The ma»emo tio nen«eher un ter dem Dach der So zi al- und Per sönlichkeitspsychologie angesiedelt als unter dem der Neurobiologie. Anders gesagt: In der psychologischen Wissenschaft bestand kaum Interesse daran, den Ursprung von Emotionen im Gehirn zu erforschen. Und wenn sich doch mal je mand da für in ter es sier te, dann für die sogenannten Emotionszentren im Gehirn, die man damals ausschließlich im limbischen System verortete. Ich hatte jedoch eine

19 Eine wissenschaftliche Entdeckungsreise 19 ganz andere Vermutung: dass die höheren Funktionen der Großhirnrinde, und zwar insbesondere des evolutionär fortschrittlichen präfrontalen Kortex, eine zentrale Rolle im menschlichen Gefühlsleben spielen. Bei mei nen ers ten Ver su chen, mich da hin ge hend öffent lich zu äu ßern, schlug mir eine Wel le von Skep sis ent ge gen: Der prä fronta le Kor tex, so das be harr lich ge äu ßer te Ar gu ment, sei der Sitz der Vernunft, die ja bekanntlich die Antithese zur Emotion sei. Folglich sei mit Sicherheit auszuschließen, dass er im emotionalen Geschehen eine Rol le spie le. Es war eine sehr ein sa me Auf ga be, in ei nem Um feld, in dem der vor herr schen de Wind aus der Ge gen rich tung blies, eine wissenschaftliche Laufb ahn einzuschlagen. Dass ich ausge rech net in dem Ge hirn are al nach der neu rona len Ba sis der Emotio nen su chen woll te, in dem die o f izi el le Lehr mei nung den Sitz der Vernunft verortete, ließ mich gelinde gesagt exotisch erscheinen. Ich galt als so etwas wie das neurowissenschaftliche Äquivalent eines Elefantenjägers in Alaska. Besonders wenn es ums Auftreiben von Förd er mit teln ging, hat te ich in die ser An fangs zeit bis wei len das Gefühl, meine wissenschaftliche Karriere mit meiner Skepsis gegenüber der klassischen Unterteilung zwischen Denken (im hochentwi ckel ten Neo kor tex) und Füh len (im sub kor ti ka len lim bi schen Sys tem) eher zu Fall zu brin gen, als sie vor an zu trei ben. Doch nicht nur meine wissenschaftlichen Standpunkte entpuppten sich als karriereschädlich, einige meiner persönlichen Interessen wa ren es auch. Kurz nach dem ich mich in den sieb zi ger Jahren an der Graduiertenfakultät von Harvard immatrikuliert hatte, lernte ich eine Gruppe bemerkenswerter, überaus freundlicher und mitfühlender Kommilitonen kennen, die, wie ich bald erfuhr, eines gemeinsam hatten: Sie meditierten. Diese Entdeckung weckte mein damals eher rudimentäres Interesse an solchen geistigen Praktiken der art, dass ich nach mei nem ers ten Jahr in Har vard für drei Mo na te nach In di en und Sri Lan ka ging. Ich woll te nicht nur mehr über diese alte Tradition und die Wirkungen von intensiver Meditation

20 20 Einleitung er fah ren, son dern hat te noch ein wei te res Ziel im Sinn: Ich woll te herausfinden, ob sich Meditation als Forschungsgebiet eignete. Sich wis sen schaft lich mit Emo tio nen zu be fas sen war an sich schon um strit ten ge nug. Zu me di tie ren kam bei nah der Hä re sie gleich. Aber sol che Prak ti ken auch noch er for schen zu wol len das war ein wissenschaftlicher Rohrkrepierer! So wie in der akademischen Psychologie und Neurowissenschaft die einhellige Meinung galt, dass es im Ge hirn hier ein Are al für die Ver nunft und dort ein Are al für die Emo tio nen gab und bei de nichts mit ein an der zu tun hätten, so unterschied man vehement zwischen ernstzunehmender empirischer Wissenschaft und übersinnlich abgehobener Meditation und wer Letztere praktizierte, dessen Qualifikation in Ersterer galt als höchst su spekt. Dies war in den Ta gen, da in Bü chern wie Frit jof Ca pras Das Tao der Physik (1975) und Gary Zu kavs Die tan zen den Wu Li Meis ter (1979) bereits argumentiert wurde, dass es starke Übereinstimmungen zwi schen den Er kennt nis sen der mo der nen west li chen Wissenschaft und den Einsichten der alten östlichen Philosophien gab. Für die meis ten aka de mi schen Wis sen schaft ler aber war das reiner Hum bug. Las sen Sie es mich so sa gen: Wenn ei ner in ih ren Rei hen me di tier te, dann be fand er sich da mit nicht un be dingt auf di rek tem Weg zum be rufli chen Er folg. Mei ne Men to ren in Harvard gaben mir unmissverständlich zu verstehen, dass Forschungen zu den Wirkungen von Meditation kein guter Ausgangspunkt für eine erfolgreiche wissenschaftliche Laufb ahn seien. Obwohl ich mich also be reits in die ser An fangs zeit mit dem The ma aus ein andergesetzt hatte, legte ich es angesichts des massiven Widerstands erst ein mal ad acta. Pri vat aber me di tier te ich wei ter. Erst Jah re später mit einer Festanstellung an der Universität von Wisconsin und einer langen Liste wissenschaftlicher Veröffentlichungen und Prei se im Rü cken ent schloss ich mich, es wie der auf zu grei fen und Prak ti ken zur Schu lung des Geis tes zum Ge gen stand mei ner wissenschaftlichen Arbeit zu machen.

21 Eine wissenschaftliche Entdeckungsreise 21 Eine wichtige Rolle bei dieser Entscheidung spielte eine prägende Be geg nung mit dem Da lai-lama im Jahr 1992, die tief grei fen de Auswirkungen sowohl auf den weiteren Verlauf meiner beruflichen Tä tig keit als auch auf mein pri va tes Le ben hat te. Wie Sie in Ka pi tel 9 le sen wer den, war diese Be geg nung die In iti al zün dung, die mich mit meinem Interesse an Meditation und anderen Formen der geisti gen Übung aus der De ckung tre ten ließ. Es ist beeindruckend, mit welch atemberaubender Geschwindigkeit sich die Din ge seit her ver än dert ha ben. In nicht ein mal zwan zig Jahren hat sich die wissenschaftliche und medizinische Gemeinde deutlich für Forschungen zu diesem Thema geöffnet. Inzwischen werden in den wichtigsten Wissenschaftsjournalen Jahr für Jahr Tau sen de neu er Ar ti kel dazu pu bli ziert. Was war es mir bei spielswei se für eine Ge nug tu ung, als im Au gust 2004 in Proceedings of the National Academy of Sciences der erste einschlägige Beitrag erschien, den Kol le gen und ich ver fasst hat ten! In zwi schen stel len die Na tional Institutes of Health erhebliche Fördermittel zur Erforschung der Me di ta ti on zur Ver fü gung. Noch vor zehn Jah ren wäre das un denkbar gewesen. In meinen Augen ist dies eine außerordentlich begrüßenswerte Ent wick lung, und zwar nicht so sehr, weil ich mich da durch per sönlich bestätigt fühle obwohl es mich zugegebenermaßen mit Freude erfüllt zu sehen, dass ein derart ausgegrenztes Gebiet inzwischen die wohl ver dien te Ach tung er fährt. Ich habe dem Da lai-lama 1992 zweierlei versprochen: dass ich mich persönlich der Erforschung der Meditation widmen und dass ich versuchen werde, dabei positi ve Emo tio nen wie Mit ge fühl und Wohl be fin den in den Mit telpunkt zu stel len, wo sich die psy cho lo gi sche For schung doch sonst gemeinhin auf negative Emotionen konzentriert. Mitt ler wei le ist es mir ge lun gen, bei de Ver spre chen auf ei nen ge mein sa men Nen ner zu brin gen und Be stä ti gung für mei ne im Kampf gegen Windmühlen beharrlich hochgehaltene Überzeugung zu fin den, dass der ze re bra le Sitz von Ver nunft und hö he ren ko gni-

22 22 Einleitung tiven Funktionen im emotionalen Geschehen eine ebenso wichtige Rolle spielt wie das limbische System. In Studien an Meditierenden konn te ich den Nach weis er brin gen, dass geis ti ges Üben das Ak ti vitätsmuster im Gehirn so verändern kann, dass Empathie, Mitgefühl, Optimismus und persönliches Wohlgefühl gestärkt werden. Wenn da mit nicht mei ne bei den Ver spre chen an den Da lai-lama er füllt sind! Mit meinen eher im Mainstream angesiedelten Arbeiten zur affektiven Neurowissenschaft konnte ich zudem zeigen, dass die für höhere kognitive Funktionen zuständigen Gehirnareale den Schlüssel zur Veränderung solcher Aktivitätsmuster bergen. Zwar geht es in die sem Buch in ers ter Li nie um mei nen per sönlichen und beruflichen Weg und die dabei gewonnenen Erkenntnis se, ich hoffe je doch sehr, dass Sie dar in auch Ori en tie rungs hil fen für Ihre eigene Weiterentwicklung finden werden. Das Sanskritwort für»me di ta ti on«be deu tet zu gleich»sich ver traut ma chen«. Sich mit dem ei ge nen emo tio na len Stil ver traut zu ma chen ist der ers te und wichtigste Schritt zu seiner Transformation. Und sollte dieses Buch einzig bewirken, Ihnen Ihren eigenen emotionalen Stil und den Ih rer Mit men schen be wusst zu ma chen, wäre das in mei nen Augen bereits ein Erfolg.

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