Ferial-Praktikum im Juli 2012 bei der FAM-ily an der TU Wien Ein Bericht von Lukas Engel, Albert Steiner und Philipp Utz

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1 Ferial-Praktikum im Juli 2012 bei der FAM-ily an der TU Wien Ein Bericht von Lukas Engel, Albert Steiner und Philipp Utz Da wir uns bei der Initiative Rio+20 mit teilweise sehr konkreten Vorstellungen zum Thema Nachhaltigkeit beworben hatten, waren wir etwas überrascht, ein Praktikum an der Technischen Universität Wien im Bereich Mathematik angeboten zu bekommen. Dass gerade dort nachhaltig gearbeitet werden sollte, war nicht unbedingt unsere erste Assoziation beim Gedanken an die TU Wien, und schon gar nicht bei der Forschungsgruppe Finanz- und Versicherungsmathematik (auch FAM genannt Research Group Financial and Actuarial Mathematics ). Da aber allgemein bekannt ist, wie begehrt ein solches Praktikum ist, schauten wir dem geschenkten Gaul ausnahmsweise einmal nicht ins Maul, und Zögern gab es nicht: Bei so einem Angebot MUSSTE zugesagt werden! Philipp und Albert wurden sogar noch für die letzte Schulwoche freigestellt, um aus den weiten Landen jenseits der Alpen (vulgo Steiermark und Salzburg) nach Wien zu kommen und das Praktikum wahrzunehmen. Mit hohen Erwartungen fanden wir uns am 2. Juli im TU- Freihaus ein, und enttäuscht wurden wir wahrlich nicht... Aber dazu später, Fakten haben hier Vorrang. Am ersten Tag wurden uns von der Sekretärin Frau Sandra Trenovatz die Räumlichkeiten der Forschungsgruppe FAM gezeigt (Seminarraum/Küche, Sekretariat, Büro des Forschungsgruppenund Projektleiters Prof. Schmock, eigenes Büro), und wir mussten uns daran gewöhnen, Mitarbeiter, die doppelt so alt waren wie wir, zu duzen, ohne dabei das Gesicht zu verziehen. Zusätzlich gab es noch einen Rundgang durch das Hauptgebäude, durch die Hauptbibliothek und die Mathematik-Bibliothek der TU Wien am Karlsplatz. Schließlich wurden wir mit unserem direkten Betreuer, Herrn Lukas Fabrykowski, und dem Projekt selbst bekannt gemacht. Dass nicht sofort zur Tat geschritten wurde, sondern wir am ersten Tag auf den Naschmarkt zwecks Mittagessen und in die Tuchlauben auf ein Eis entführt wurden, machte uns die ganze Sache auch nicht unsympathisch. Ein guter Anfang! Das Projekt FAM goes public Wie sah das Projekt aus? Im Zuge der Öffentlichkeitsarbeit des Instituts sollten Kinder und speziell Jugendliche an finanzmathematische Fragestellungen und Vorgehensweisen herangeführt werden, um ihr Interesse daran oder an einem Studium an der TU Wien zu wecken und ihnen verantwortliches Handeln am Finanz- und Aktienmarkt näherzubringen. Denn verantwortliches Handeln ist nachhaltiges Handeln, was viel zu viele Spekulanten übersehen und ignorieren. In der übersichtlichen, vereinfachten und geschützten Umgebung einer Reihe von finanzmathematischen Lernspielen (zu finden unter soll

2 ein Gefühl für Wahrscheinlichkeiten, Aktienkurse, Hedging und Optionshandel entwickelt werden, welches bei einem eventuellen Einstieg in ein Studium der Finanz- und Versicherungsmathematik oder beim Amateur -Aktienhandel von großem Nutzen ist. Diese Spiele waren bereits als teilweise ausgearbeitete Konzepte vorhanden, bevor wir unser Praktikum begonnen hatten, jedoch fehlten wesentliche Bestandteile und eine benutzerfreundliche Oberfläche. Außerdem wurden zwei der Spiele ( Investieren in Optionen, Arbitrage- und Hedgingstrategien ) erst im Laufe unseres Praktikums entworfen und programmiert. Was jedoch schon vorhanden war, sollte ausgiebig auf Fehler und Macken getestet und optische Grausamkeiten sollten aufgehübscht werden. Damit stand auch schon unsere erste Aufgabe fest: Mithilfe des Onlinedienstes Bugzilla reichten wir laufend Verbesserungsvorschläge ein, die etwaige Programmfehler, die Bedienbarkeit und vor allem die Benutzerfreundlichkeit betrafen. Heldenhaft nahmen wir den Kampf mit dem Programm auf, probierten jede noch so abwegige Spielweise aus, um sie auf Funktionstüchtigkeit zu überprüfen, und deckten unmenschlich viele Lücken auf. Wir wurden (zumindest virtuell) so oft zu Millionären, dass unser Gesamtvermögen das österreichische BIP überstieg. Wir führten langwierige Streitgespräche darüber, welche Farben am wenigsten dazu neigten, Augenkrebs beim Benutzer zu verursachen, oder unsichtbar blieben (beides ist nicht unbedingt das Beste). Mineralwasser, Eistee und ein gewisses koffeinund phosphorsäurehaltiges Erfrischungsgetränk flossen literweise. Es war grausam, hart und anstrengend, trotzdem empfanden wir eine Art masochistischen Spaß an der Sache. Gefechte mit der deutschen Sprache Erst als die ersten Spiele komplett fehlerfrei funktionierten, wandten wir uns der Umgestaltung der Informationstexte zu: Diese waren zum Teil ungeeignet für Jugendliche, denen man nicht den Duden (samt Fremdwörterteil!) ins Gehirn gekippt hatte. Nicht nur ungeeignet, sondern auch noch langweilig und in keinster Weise ansprechend, also als Anleitung beinahe völlig unbrauchbar. Im Hinblick darauf, dass auch zwölfjährige Schüler die Texte verstehen können sollten, überarbeiteten wir sie komplett: Der Sinn musste zwangsläufig derselbe bleiben (Begründung nicht notwendig), aber die Formulierungen wurden von uns zu verständlichen, ansprechenden Sätzen zurechtgestutzt, und an bestimmten Stellen wurden überflüssige Fachausdrücke durch weitaus einfachere deutsche Begriffe ersetzt. Die Anrede wurde von Sie zu du geändert (Jugendliche bis ungefähr 18 Jahre werden nicht gerne gesiezt, dies wissen wir aus eigener Erfahrung!), und die Texte wurden durch neue Informationen zu neuen Funktionen ergänzt. Kinderuni Nach der Fertigstellung der ersten beiden Spiele lautete unser Auftrag, Vortragsunterlagen für die Aktion Kinderuni zu überarbeiten, was auch mit besonderer Gründlichkeit getan wurde. Um wirklich verstehen zu können, was daran eine Herausforderung war, muss man zunächst wissen,

3 dass sich die Teilnehmer der Kinderuni in der Altersgruppe 11 bis 12 befinden und dass diese arglosen, unschuldigen jungen Menschen ursprünglich mit einem 27 Seiten umfassenden Foliensatz (20 davon finanzmathematische, abstrakte Formeln) förmlich erschlagen werden sollten. Albert Steiner nahm sich der Sache an und erarbeitete eine neue, humanere Version, die nur noch 7 Seiten stark war und fast gänzlich ohne Formeln auskam, während die verbleibenden zwei Drittel der Praktikanten-Gruppe weiter über den Texten des Spiels Investieren am Aktienmarkt saßen und grübelten. Optionshandel, der Erwerb von Kauf- oder Verkaufslizenzen, sollte das Thema eines dritten Spiels werden. Doch was genau Optionen sein sollten, war uns nicht ganz klar, was sich durch eine umfangreiche Erklärung (um nicht zu sagen Schulung ) von Herrn Fabrykowski schnell änderte. Mit diesem Wissen konnten wir einen verständlichen, unkomplizierten Informationstext zu diesem Thema formulieren, der das Spiel und den realen, nackten Optionshandel relativ gut beschreibt. Brot und Spiele Zum besseren Verständnis werden wir hier nun die einzelnen Spiele und ihre Funktionsweise beschreiben, da sich vielleicht nicht jeder die Zeit nehmen kann, sie alle auszuprobieren. Alle Spiele haben eine Sache gemeinsam: Bei allen ist das Startkapital, das in jedem Spiel investiert werden soll, bei 300 Geldeinheiten (je nach Voreinstellungen des Webbrowsers in Dollar, Euro, Schweizer Franken oder britischen Pfund angegeben) festgelegt. Investiert wird je nach Spiel auf unterschiedliche Art und Weise. Beim ersten Spiel, Investieren am Glücksrad, steht das namensgebende Rad zur Verfügung und kann gedreht werden. Es ist in sechs Felder aufgeteilt, von denen zwei blau, eines gelb und drei rot sind, deren Gewinnmultiplikatoren jeweils 2, 6 und 3 sind. Um einen Gewinn zu erzielen, muss man auf eine oder mehrere Farben beliebig viel Geld setzen (so viel, wie man eben setzen kann). Dadurch, dass man verschiedene Kombinationen und Verhältnisse der gesetzten Beträge ausprobiert, soll man eine ideale Strategie erarbeiten, mit der man möglichst schnell viel Gewinn macht. Das Spiel zeigt an, wie viel Drehungen benötigt wurden, um die Bank zu sprengen (Kontostand übersteigt ) oder um pleitezugehen. Testrunden zeigten, dass dieses einfache und sehr bunte Spiel trotz seiner eingeschränkten Möglichkeiten stundenlang bei Laune halten kann, wobei nicht festgestellt werden konnte, warum. Für Interessierte gibt es in einem Untermenü die Statistiken zu Gewinnchancen und dem erwarteten Gewinn zu sehen. Investieren am Aktienmarkt Investieren am Aktienmarkt ist ein relativ simpel gehaltener Börsensimulator, bei dem drei Aktien zur Verfügung stehen, in die investiert werden kann. Bei den Aktien handelt es sich um eine riskante, eine stabile und ein Mittelding aus den ersten beiden. Mit Schiebereglern kann man Aktien erwerben oder verkaufen, wobei sich zunächst nichts zu tun scheint. Betrug!, schreit der

4 Laie, der dabei übersieht, dass die Aktionen mithilfe des Schritt -Knopfes bestätigt werden müssen. Wenn dieser Knopf gedrückt wird, vergeht für die Aktien ein Monat, was natürlich auch entsprechende Wert- und Kursschwankungen hervorruft. Wenn eine Aktie einen Wert von über 500 Geldeinheiten erreicht, findet ein Split statt: Der Wert der Aktie wird halbiert, dafür verdoppelt sich die Anzahl der gehaltenen Exemplare. Im Gegenzug dazu wird eine Aktie vom Markt genommen, wenn ihr Wert unter 0,30 Geldeinheiten sinkt, wodurch man alles Geld, das in dieser Aktie steckt, verliert. Eine neue Aktie nimmt ihren Platz ein. Wie beim Glücksrad ist auch hier bei Geldeinheiten Schluss. Investieren in Optionen Etwas abstrakter erscheint das dritte Spiel, Investieren in Optionen : Ein Aktienkurs steht fest (er orientiert sich an der mittleren Aktie aus dem zweiten Spiel), doch es müssen hier keine Aktien erworben werden, sondern nur die Möglichkeiten, eine Aktie zu kaufen oder zu verkaufen. Dies geschieht mithilfe bunter, gut sichtbarer Knöpfe, die das Auge erfreuen. Die Norm-Laufzeit dieser Optionen ist bei zehn Monaten festgelegt, kann aber mit einem formschönen, himmelblauen Schiebebalken geändert werden, ebenso wie die Anzahl der zu kaufenden Optionen. Da es eher unwahrscheinlich ist, dass man hier das große Geld macht, hat das Spiel kein vorgegebenes Ende: Das eigentliche Ziel ist es, mit den Optionen keine Verluste zu machen und ein Gespür für lohnende Optionen zu entwickeln. Es handelt sich um nackten Optionshandel, bei dem man die Aktien, deren Kauf- und Verkaufslizenzen man erwirbt, nicht tatsächlich besitzt. Arbitrage- und Hedgingstrategien Richtig ernst wird es dann im vierten Spiel, Arbitrage- und Hedgingstrategien, denn hier geht es praktisch ums nackte Überleben! Es gibt ein Wiedersehen mit dem allseits beliebten Aktiengraphen aus den Spielen Nummer zwei und drei, und auch ein himmelblauer Schiebebalken lässt sich wieder blicken. Mit ihm erhöht oder verringert man seinen Anteil am Underlying, der Aktie, die der Graph darstellt. Der Schritt -Knopf zeigt sich ebenfalls ein weiteres Mal, mit unveränderter Funktion. Das Ziel des Spiels ist es diesmal, sich gegen Verluste abzusichern (zu hedgen ). Dies allein ist schon eine schwierige Sache, an der man recht oft scheitern wird. Sobald man das beherrscht, kann man sich der Strategie des risikolosen Gewinns ( Arbitrage ) widmen, die noch ein paar tausend Mal schwieriger ist und dem Laien eher wie eine Art religiöses Ideal erscheinen wird. Die weiteren Spiele befassen sich mit Themen aus der Versicherungsmathematik und waren zum Zeitpunkt, zu dem dieser Bericht verfasst wurde, noch nicht komplett fertiggestellt. Was davon jedoch schon fertig ist, wird nun vorgestellt: Lebenserwartung

5 Das Spiel Berechnen der Lebenserwartung spielt mit einem der Grundgedanken und damit auch mit einer der Urängste des Menschen: Wie lange werde ich leben? Ganz hundertprozentig auf die Sekunde genau kann niemand dies errechnen, doch dieses Spiel kann einen groben Eindruck verschaffen, der auf den statistisch erhobenen Sterbedaten Österreichs basiert. Eingegeben werden das Geburtsdatum und ob man eine Privatpension abgeschlossen hat, denn das hat eine größere Auswirkung, als man vielleicht glauben möchte. Reaktionen? Die Präsentation des Materials im Rahmen der Kinderuni anhand des verhältnismäßig einfachen und einsteigerfreundlichen Spiels Investieren am Glücksrad verlief im Großen und Ganzen so wie geplant und erwünscht: Die Teilnehmer waren interessiert, stellten viele Fragen (die zum Glück auch alle beantwortet werden konnten), wetteiferten begeistert darum, wer die beste Strategie zum Gewinnen hatte, und fanden von selbst neue, kreative Wege, das eigene Vermögen geschickt zu vermehren ( betrügen ist in diesem Spiel nicht möglich, da dies jungen Menschen einen falschen Eindruck vermitteln könnte und deshalb nicht nachhaltig ist). Unsachliche Vorurteile gegenüber angeblich kleinen, hyperaktiven, lästigen oder desinteressierten Kindern, die jeglichen Aufwand, ihnen etwas zu vermitteln, boykottieren, waren zwar vorhanden (aufgrund von Erinnerungen an ebensolche), wurden aber recht bald in den Wind geschlagen. Von allen Projekten, die von der TU Wien angeboten wurden, bot sicher keines einen solchen informativen und anwendbaren Hintergrund wie das unsrige. Unter den Konkurrenzprodukten befanden sich die altbekannten Kinderbespaßungsaktionen betreffend Physikexperimente und sonstigen Tschingbumm, dennoch wird der Eindruck, den Prof. Schmock, der das Glücksrad präsentierte, bei den Kindern hinterlassen hat, einige von ihnen sicher irgendwann wieder zurück zur Finanzmathematik treiben. Ob aus reiner Neugier darauf, zu erfahren, wie solche Modelle konstruiert werden, oder aus tatsächlichem Interesse am Verständnis finanzmathematischer Probleme, sei dahingestellt. Fest steht, dass der Eindruck, Finanzmathematik sei etwas Interessantes und Nützliches, glaubhaft vermittelt wurde, ebenso wie die Botschaft, dass sinnloses Spekulieren großen Schaden anrichten kann, besonders, wenn man keine Ahnung hat. Und diesen Schaden einzudämmen und zu verhindern, ist in unseren Augen eine sehr nachhaltige Tätigkeit.

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