Binäre Codes und funktionale Differenzierung der modernen Gesellschaft

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1 Binäre Codes und funktionale Differenzierung der modernen Gesellschaft Luhmann geht wie alle anderen dargestellten Differenzierungstheoretiker davon aus, daß die moderne Gesellschaft durch das Vorherrschen funktionaler Differenzierung gekennzeichnet ist. Hatte er zunächst wie Durkheim und Parsons lediglich die zwei Formen der segmentären und der funktionalen Differenzierung unterschieden, so führte er bald noch zwei weitere Formen ein: die stratifikatorische Differenzierung und die Differenzierung in Zentrum und Peripherie (vgl. Luhmann 1977a). Diese Differenzierungsformen unterscheiden sich anhand von zwei Dimensionen. 1 2 Die Differenzierung eines Ganzen - hier: der Gesellschaft - in Teile kann erstens entweder so erfolgen, daß die Teile gleichartig, oder so, daß die Teile ungleichartig beschaffen sind. Zweitens kann die Differenzierung den Teilen entweder einen gleichen oder einen ungleichen Rang zuordnen. 1

2 Aus drei der vier logisch möglichen Kombinationen dieser beiden Dimensionen ergeben sich die real vorfindlichen Differenzierungsformen: Gleichartige und gleichrangige Teile Dies ist die segmentäre Differenzierung in Familien, Clans, Stämme, wie sie in archaischen Gesellschaften vorherrschend war. Ungleichartige und ungleichrangige Teile Dies ist die in hochkulturellen Gesellschaften vorherrschende stratifikatorische Differenzierung von Ober- und Unterschicht, wobei erstere aus den kulturellen, politischen, militärischen und wirtschaftlichen Eliten, letztere aus dem von diesen Eliten beherrschten Gros der Bevölkerung bestand. Teilweise war diese Differenzierungsform durch eine Differenzierung in Zentrum und Peripherie überlagert, wenn städtische Verdichtungsräume auf analoge Weise ihr ländliches Umland beherrschten. 2

3 Ungleichartige und gleichrangige Teile Dies ist die in der modernen Gesellschaft vorherrschende funktionale Differenzierung in Teilsysteme, die jeweils spezialisierte Beiträge zur gesellschaftlichen Reproduktion liefern. Da jedes Teilsystem etwas Unentbehrliches beisteuert und auch von keinem anderen darin ersetzt werden kann, sind alle gleichermaßen wichtig, wodurch zwischen ihnen keine Rangdifferenzen bestehen. Wirtschaft beispielsweise ist nicht bedeutsamer, aber auch nicht bedeutungsloser als Forschung oder Massenkommunikation. Luhmann verbessert hiermit die Typologie von Differenzierungsformen gegenüber Durkheim und Parsons in mehreren Hinsichten. 3

4 gleichartig Kommt real nicht vor Archaische Gesellschaften Familie Clan Stamm segmentär ungleichrangig gleichrangig Stratifikatorisch z.t. Zentrum/Peripherie funktional Hochkulturelle Gesellschaften Familie Moderne Gesellschaften Teilsysteme ungleichartig 4

5 Luhmann stellt schließlich deutlich heraus, daß die vier Differenzierungsformen einander evolutionär nicht ersetzen, sondern lediglich deren Primat wechselt. Schon die archaische Gesellschaft kannte neben der primären segmentären Differenzierung auch die funktionale Differenzierung, etwa als geschlechtliche Arbeitsteilung. Figuren wie Clanchefs und Stammeshäuptlinge könnte man als Vorformen stratifikatorischer Differenzierung auffassen; und manche Siedlungsstrukturen archaischer Gesellschaften wiesen auch bereits eine dauerhafte Differenzierung von Zentrum und Peripherie auf. Für die funktional differenzierte moderne Gesellschaft ist jedenfalls klar, daß in ihr alle drei anderen Differenzierungsformen weiterhin erhebliche Bedeutung besitzen: Segmentäre Differenzierung Differenzierung in Zentrum und Peripherie Stratifikatorische Differenzierung 5

6 Zu beachten ist hier allerdings, daß die moderne Gesellschaft auf segmentäre Differenzierung aus den genannten und noch weiteren Gründen nicht verzichten kann, die anderen beiden Differenzierungsformen hingegen sehr wohl entbehren könnte - aber sie verschwinden nicht einmal, wenn man sich gezielt darum bemüht. Abhängige Peripherien und nicht länger legitimierbare soziale Ungleichheiten sind immer wieder explosive Konfliktpotentiale, also Ursprünge gesellschaftlicher Integrationsprobleme, aber erfüllen - anders als in hochkulturellen Gesellschaften - keine positiven Funktionen mehr. Diese beiden Differenzierungsformen werden also als offenbar kaum oder überhaupt nicht eleminierbare Begleiterscheinungen von funktionaler Differenzierung mitgeschleppt. Der Charakter der funktional differenzierten modernen Gesellschaft erschließt sich von ihren Teilsystemen her. 6

7 Da sich Luhmanns Analysen gesellschaftlicher Differenzierung auf die Ebene der autopoietischen Kommunikationszusammenhänge beschränken, bleibt das von ihnen gezeichnete Bild der modernen Gesellschaft - wie er selbst zugesteht - hochgradig unvollständig. Luhmanns ebenso wie Parsons' Theorie erheben eben, wie schon angesprochen, keinen Totalitätsanspruch. Dementsprechend muß man der Theorie ihren selektiven Zuschnitt zugestehen, solange sie nicht explizit oder implizit mehr zu sagen beansprucht; und dieses Zugeständnis kann man um so bereitwilliger machen, je überzeugender man die Behauptung findet, daß die Theorie sich nicht irgendein, sondern ein zentrales - vielleicht sogar: das zentrale - Merkmal des Differenzierungsprinzips der modernen Gesellschaft herausgreift. 7

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