Im September 1814 versammelten sich Herrscher, politische Entscheidungsträger und»lobbyisten«aus ganz Europa in Wien, um die Welt nach dem Sturz

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1 Der Wiener Kongress 1814/15 Im September 1814 versammelten sich Herrscher, politische Entscheidungsträger und»lobbyisten«aus ganz Europa in Wien, um die Welt nach dem Sturz Napoleon Bonapartes und den enormen gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen der letzten Jahrzehnte neu zu organisieren. Das»Fürstentreffen«, bei dem man auch den lang ersehnten Frieden feiern wollte, sollte ursprünglich sechs bis acht Wochen dauern. Doch schon bald stellte sich heraus, dass die Bezwinger Napoleons über die politische Zukunft Europas keineswegs einig waren. Vor allem zwei Fragen hatten enormes Konfliktpotential: das Schicksal Polens, dessen Königskrone der russische Zar für sich selbst erlangen wollte, und die Zukunft Sachsens, dessen gesamtes Gebiet der König von Preußen beanspruchte. Der Achse Russland Preußen standen Österreich, England und das wiederhergestellte Königreich Frankreich gegenüber, die den Machtzuwachs der beiden Staaten verhindern wollten. Während man in Konferenzen und Salons, bei Bällen, Festen und Jagden um einen Kompromiss in dieser Frage rang, wurde in unzähligen Komitees über territoriale, gesellschaftliche und politische Themen beraten, die Europa langfristig den Frieden sichern sollten. Das Ergebnis der Schlussakte des Wiener Kongresses, die am 9. Juni 1815 unterzeichnet wurde, war daher in vielerlei Hinsicht richtungsweisend: Neben einer Neuordnung der politischen Landkarte brachte sie auch die Abschaffung des Sklavenhandels in Amerika, die freie Flussschifffahrt und die heute noch gültige Rangordnung diplomatischer Vertretungen nach dem Prinzip der Anciennität.

2 The Congress of Vienna 1814/15 In September 1814 monarchs, policy makers and»lobbyists«from all over Europe gathered in Vienna to reorganize the continent after the fall of Napoleon and the enormous social and political upheavals of the previous decades. Initially planned to last six to eight weeks, this»conference of princes«was also a celebration of the longed-for peace. But it soon transpired that the victors over Napoleon disagreed about Europe s political future. Two questions in particular proved highly contentious: the future of Poland the Russian Czar wanted to secure its crown for himself and the future of Saxony, to which the King of Prussia laid claim. This Prussian-Russian axis was opposed by Austria, England and the re-established kingdom of France, with the latter trying to prevent the former from becoming too powerful. At meetings and in drawing rooms, at balls, parties and hunts, power brokers grappled with this problem, looking for a compromise while countless committees discussed territorial, social and political topics in the hope of securing a long-term peace for Europe. The resulting treaty, the final act of the Congress of Vienna, was signed on June 9, 1815, and it set many a precedent: in addition to a redrawn map of Europe it proclaimed the abolition of slavery in America, free shipping on Europe s rivers, and the still valid order of diplomatic precedence based on seniority.

3 Zweisitziger Reise-Schlafwagen von Kaiser Franz I. (W 51) HOFSATTLEREI (WIEN), UM 1833 Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war es am bequemsten und effizientesten, mit der Kutsche zu reisen. Für längere Reisen benützte man Wägen, in denen sogar, so wie hier, ein Bett eingerichtet werden konnte. Sie waren robust gebaut, da sie den schlechten, meist ungepflasterten Land- und Bergstraßen standhalten mussten. Außerdem hatten sie gusseiserne Bremsschuhe, Bergstützen und am Dach montierte Koffer für das Gepäck. Sie waren daher reine Überland-Fahrzeuge, mit denen elegante Herrschaften keinesfalls in der Stadt unterwegs sein konnten. Zu den vielen logistischen Herausforderungen, mit denen die Stadt aus Anlass des Wiener Kongresses 1814 konfrontiert war, gehörte daher die monatelange Unterbringung von rund 400 Reisekutschen, mit denen die fremden Fürsten und ihr Gefolge angereist waren. Travelling-Sleeping Chariot of Emperor Francis I (W 51) IMPERIAL SADDLERY (VIENNA), C In the early 19 th century the easiest and most comfortable way to travel was by carriage. Travelling vehicles for longer journeys often had a bed that could be made up. They were solidly built as they had to withstand generally bad and frequently unpaved country and mountain roads. In addition, they were fitted with cast-iron brake shoes, mountain checks, and trunks on the roof to hold the luggage. They were designed solely for overland travel, and it was out of the question for elegant travellers to use them in town. One of the many logistical challenges faced by Vienna during the Congress was housing for months on end the around 400 travelling carriages in which the foreign princes and their retinue had journeyed to the Austrian capital.

4 Gala-Coupé des Oberststallmeisters (W 12) WIEN, UM 1790 Der Oberststallmeister, einer der vier höchsten Funktionäre bei Hof, war für den gesamten Fuhrpark und somit auch für die Organisation von repräsentativen Wagenauffahrten zuständig. An solchen Anlässen, von denen es während des Wiener Kongresses besonders viele gab, nahm er auch selbst an prominenter Stelle teil, wobei er diesen um 1790 angefertigten Galawagen benützte. Dress Chariot of the Master of the Horse (W 12) VIENNA, C The Master of the Horse, one of the four highest offices at court, was responsible for the entire fleet of court carriages and for organizing all state carriage processions. In these of which there were many during the Congress of Vienna he was a prominent participant, taking his seat in this dress chariot built around 1790.

5 Die Uniformierung der Hofgesellschaft Zwischen 1792 und 1814 befand sich Europa fast permanent im Kriegszustand, weshalb Militär und Uniform zu selbstverständlichen Bestandteilen des Alltags wurden. Diese Militarisierung der Gesellschaft brachte es mit sich, dass man in vielen Staaten auch die Zivilbevölkerung, von den Beamten bis hin zu Adel und Würdenträgern, uniformierte. Da diese Tendenz stark von Frankreich beeinflusst war, wurde sie vom österreichischen Kaiser zunächst abgelehnt. Nur bei zwei Gruppen machte er eine Ausnahme: Die Diplomaten erhielten 1810 prunkvolle Dienstkleider, da sie seinen Hof im Ausland würdig vertreten sollten, und auch den adeligen Landständen bewilligte er nach und nach elegante Uniformen, um sie für ihre Treue in Kriegszeiten zu belohnen. Erst als 1814 beschlossen wurde, ein großes Fürstentreffen in Wien zu veranstalten, gewährte Kaiser Franz auch den übrigen Beamten und Würdenträgern prächtige Dienstkleider, deren Schönheit bei den geplanten Feierlichkeiten die Bedeutung und Würde seines Reiches widerspiegeln sollte. Alle in der Hofburg untergebrachten Fürsten und Fürstinnen erhielten 1814 einen österreichischen Hofstaat, zu dem je ein Obersthofmeister, zwei oder drei Offiziere (an deren Stelle bei Fürstinnen sogenannte Palastdamen traten), zwei Kämmerer und zwei bis vier Edelknaben aus heimischem Adel gehörten. Bei der Ausübung ihres Dienstes trugen sie die eben eingeführten österreichischen Hofuniformen. Nur wenige Uniformen des frühen 19. Jahrhunderts haben sich bis heute erhalten. Doch auch wesentlich später entstandene Dienstkleider vermitteln ein anschauliches Bild der Kongressgesellschaft, da ihr Design in vielen Fällen bis 1918 weitgehend unverändert beibehalten wurde.

6 The Court Society Between 1792 and 1814 Europe was almost continually at war, turning the army and uniforms into an integral part of every-day life. A result of this militarization of society was that in many countries also the civilian population from public servants to the nobility to high officials and dignitaries began to wear uniforms. As this development had originated in France it was initially rejected by the Austrian Emperor, who permitted only two exceptions: in 1810 his diplomats were issued sumptuous official robes to represent the imperial court in style; and gradually he also permitted the gentry to wear elegant uniforms as a reward for their wartime loyalty. In 1814 it was agreed to hold a large congress of princes in Vienna, and this led Emperor Francis to grant the remaining civil servants and dignitaries of his court the right to wear sumptuous uniforms that would reflect his and his empire s power and authority during the planned festivities. In 1814 each of the princes and princesses put up at Hofburg Palace was assigned an Austrian household comprising a Lord Chamberlain, two or three officers (replaced by ladies-in-waiting for princesses), two chamberlains and two to four pages drawn from the Austrian nobility. While at court they all wore the newly-introduced Austrian court uniforms. Only very few uniforms from the early 19 th century have survived. But as their designs remained mostly unchanged until 1918 uniforms made much later still offer a vivid picture of contemporary society during the Congress of Vienna.

7 GALA-LIVREE EINES KAISERLICHEN KUTSCHERS ODER LAKAIEN KUNSTHISTORISCHES MUSEUM WIEN, MONTURDEPOT, INV.-NR. U Die Hofequipagen erkannte man nicht nur am einheitlichen Dekor der Wägen, sondern auch an den Livreen der mitfahrenden Kutscher und Lakaien, die im Alltag in Beige und bei Gala in den habsburgischen Hausfarben Schwarz-Gelb gehalten waren. Die für den Kongress angeschafften Gala-Livreen wurden noch mehrere Jahrzehnte verwendet und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im gleichen Stil erneuert. STATE LIVERY OF AN IMPERIAL COACHMAN OR FOOTMAN KUNSTHISTORISCHES MUSEUM VIENNA, MONTURDEPOT, INV. NO. U Court carriages were easily identified by their uniform décor and the coachman s or footman s livery, which was beige for every-day use and black and yellow, the Habsburg s heraldic colours, on state occasions. The state liveries commissioned for the Congress of Vienna continued to be used for several decades, and were renewed in similar style in the second half of the 19 th century.

8 UNIFORM DER KÖNIGLICH UNGARISCHEN LEIBGARDE KUNSTHISTORISCHES MUSEUM WIEN, MONTURDEPOT, INV.-NR. U 1012 Die Ungarische Leibgarde war bei allen großen Einzügen und Festen des Kongresses anwesend und begleitete bei der großen Schlittenfahrt zu Pferd die Equipagen der Kaiser und Könige. Mit ihren viel bewunderten, pittoresken Uniformen, zu denen auch echte, silbermontierte Leopardenfelle gehörten, trug sie wesentlich zum prächtigen Erscheinungsbild des Zuges bei. Auch diese Uniformen wurden bis 1918 weitgehend unverändert beibehalten. UNIFORM OF AN OFFICER OF THE ROYAL HUNGARIAN LIFE GUARDS KUNSTHISTORISCHES MUSEUM VIENNA, MONTURDEPOT, INV. NO. U 1012 The Hungarian Life Guards were present at all formal processions and festivities held during the Congress of Vienna; during the Great Sleigh Ride mounted Life Guards accompanied the sleighs of the emperors and kings. Their much admired picturesque uniforms comprising real leopards skins mounted in silver did much to make the procession an unforgettable spectacle. These uniforms were also retained more or less unchanged until 1918.

9 GALA-LIVREE EINES KAISERLICHEN KUTSCHERS ODER LAKAIEN KUNSTHISTORISCHES MUSEUM WIEN, MONTURDEPOT, INV.-NR. U Die Hofequipagen erkannte man nicht nur am einheitlichen Dekor der Wägen, sondern auch an den Livreen der mitfahrenden Kutscher und Lakaien, die im Alltag in Beige und bei Gala in den habsburgischen Hausfarben Schwarz-Gelb gehalten waren. Die für den Kongress angeschafften Gala-Livreen wurden noch mehrere Jahrzehnte verwendet und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im gleichen Stil erneuert. STATE LIVERY OF AN IMPERIAL COACHMAN OR FOOTMAN KUNSTHISTORISCHES MUSEUM VIENNA, MONTURDEPOT, INV. NO. U Court carriages were easily identified by their uniform décor and the coachman s or footman s livery, which was beige for every-day use and black and yellow, the Habsburg s heraldic colours, on state occasions. The state liveries commissioned for the Congress of Vienna continued to be used for several decades, and were renewed in similar style in the second half of the 19 th century.

10 UNIFORM DER KÖNIGLICH UNGARISCHEN LEIBGARDE KUNSTHISTORISCHES MUSEUM WIEN, MONTURDEPOT, INV.-NR. U 1012 Die Ungarische Leibgarde war bei allen großen Einzügen und Festen des Kongresses anwesend und begleitete bei der großen Schlittenfahrt zu Pferd die Equipagen der Kaiser und Könige. Mit ihren viel bewunderten, pittoresken Uniformen, zu denen auch echte, silbermontierte Leopardenfelle gehörten, trug sie wesentlich zum prächtigen Erscheinungsbild des Zuges bei. Auch diese Uniformen wurden bis 1918 weitgehend unverändert beibehalten. UNIFORM OF AN OFFICER OF THE ROYAL HUNGARIAN LIFE GUARDS KUNSTHISTORISCHES MUSEUM VIENNA, MONTURDEPOT, INV. NO. U 1012 The Hungarian Life Guards were present at all formal processions and festivities held during the Congress of Vienna; during the Great Sleigh Ride mounted Life Guards accompanied the sleighs of the emperors and kings. Their much admired picturesque uniforms comprising real leopards skins mounted in silver did much to make the procession an unforgettable spectacle. These uniforms were also retained more or less unchanged until 1918.

11 Eine Meisterleistung der Logistik Für den kaiserlichen Hof und das vom Krieg gezeichnete Wien war der Kongress eine enorme logistische Herausforderung: Nie zuvor und nie danach waren in einer einzigen Stadt so viele Souveräne, Politiker und»lobbyisten«aller Art zusammengekommen und niemals waren sie so lange geblieben. Dreizehn Fürsten und Fürstinnen residierten in der Hofburg, darunter der russische Zar und die Könige von Dänemark, Preußen, Bayern und Württemberg. Um ihnen Platz zu machen, wurde die kaiserliche Familie nach Schönbrunn ausquartiert. Rund 200 Staaten und Interessensgruppen hatten an die 700 Vertreter geschickt, um ihre Wünsche durchzusetzen. Hinzu kam eine Vielzahl von Künstlern, die für die Feiern engagiert worden waren, und eine enorme Menge von Glücksrittern und»kongresstouristen«, die nach Wien reisten, um die einmalige Zusammenkunft der Mächtigen miterleben zu können. Wie viele Fremde in der Stadt waren, ist heute nicht mehr feststellbar Augenzeugen sprechen von bis zu Die Folge war eine Explosion der Preise für Wohnungen, Lebensmittel, Holz und Kerzen, aber auch ein Reigen von Festen und eine»inflation«an Prominenz, mit der selbst der»kleine Mann auf der Straße«täglich in Tuchfühlung kam. Unter der Leitung von Obersthofmeister Fürst Trauttmansdorff hatte der Hof schon im Jänner 1814 begonnen, Quartiere anzumieten, Festsäle und Jagdgehege herzurichten und außergewöhnliche Events zu planen. Darüber hinaus wurden in aller Eile tausende neuer Dienstkleider entworfen und angefertigt, die der Kaiser seinen Hofwürdenträgern, Beamten und Dienern im Hinblick auf den Kongress bewilligt hatte: Sie sollten durch ihr elegantes Design und ihren reichen Dekor die Würde des Hofes darstellen und zugleich verhindern, dass die großteils verarmten Wiener den Kongressfesten fern blieben, weil sie sich keine adäquate Kleidung leisten konnten. Viele dieser Uniformen wurden bis 1918 weitgehend unverändert beibehalten und prägten so für mehr als 100 Jahre das Erscheinungsbild der Wiener Gesellschaft.

12 A Logistical Feat For the imperial court and war-scarred Vienna the Congress was an enormous logistical challenge. Never before or since has a single city welcomed so many sovereigns, politicians and all kinds of»lobbyists«and never have they stayed so long. Thirteen princes and princesses resided at Hofburg Palace, among them the Russian Czar and the kings of Denmark, Prussia, Bavaria and Wurttemberg. To make space for them the imperial family had decamped to Schönbrunn Palace. Around 200 countries and interest groups had sent almost 700 representatives. They were joined by countless artists engaged in connection with the festivities and a mass of adventurers and»congress tourists«who had travelled to Vienna to witness this unique get-together of Europe s leaders. Today it is impossible to determine how many strangers Vienna welcomed contemporaries speak of up to This resulted in an explosion of the prices for lodgings, food, firewood and candles but also in a whirl of festivities and an»inflation«of VIPs who rubbed shoulders with ordinary people on the city s streets every day. Supervised by Prince Trauttmansdorff, the Lord Chamberlain, the imperial court began as early as January 1814 to rent lodgings, decorate ballrooms, stock up deer parks and plan exceptional entertainments. In addition, thousands of new uniforms were designed and tailored almost overnight, which the Emperor had authorized for the dignitaries, civil servants and footmen of the imperial court in preparation for the Congress. Their elegant designs and rich embellishments reflected the splendour of the imperial court and ensured that the generally impoverished Viennese could attend the festivities arranged in connection with the Congress in suitable attire. Many of the uniforms remained more or less unchanged until 1918, dominating the appearance of Viennese society.

13 Der Kongress fährt: die Leihfahrzeuge des Hofes Eine besondere Herausforderung bildete auch der Transport: Die hohen Gäste kamen mit geländegängigen Reisewägen nach Wien, deren Verwendung in der Stadt protokollarisch unmöglich war. Der Wiener Hof musste also einerseits für die Unterbringung der Reisewägen während der Dauer des Kongresses und andererseits für die Beistellung einer ausreichenden Zahl eleganter Kutschen zum Gebrauch in der Stadt sorgen. Im Auftrag des Oberststallmeisters Graf Trauttmansdorff (er war der Sohn des Obersthofmeisters) wurden in nur einem Monat 170 elegante Stadtwägen neu angefertigt. Darüber hinaus mussten 700 Pferde angeschafft und rund 200 zusätzliche Kutscher angestellt werden. Sensationell war nicht nur die große Anzahl und die hohe Qualität der Equipagen, sondern auch ihre Gestaltung: Erstmals in der Geschichte hatten sie ein einheitliches Design und waren daher sofort als Hofwägen erkennbar. Die Kongressteilnehmer konnten die Kutschen mit einem eigens aufgelegten Formular anfordern und dann bei einer von vier Remisen abholen lassen. Dort herrschte 24 Stunden Betrieb, wobei neben den Kutschern auch Personal für die Wartung der Fahrzeuge anwesend war. Für die Kutscher gab es strikte Regeln: So war es ihre Aufgabe, einen zum Dienst in der Stadt angeforderten Wagen binnen 15 Minuten zum Einsatzort zu bringen. Befand sich der Gast in der Vorstadt, musste er innerhalb von 23 Minuten abgeholt werden bei Verspätung drohten Strafen. Das System dürfte reibungslos funktioniert haben: Mit berechtigtem Stolz wurde nach Kongressende berichtet, dass es über Fuhren gegeben hatte, wobei Kutscher, Pferd und Wagen oft bis zu 4 Mal am Tag ausgefahren waren. Obwohl der Oberststallmeister sein Budget mit insgesamt rund , Gulden weit überschritten hatte, lohnte sich die Investition in weiterer Folge: Die unzähligen einheitlich gestalteten Hofkutschen, die überall in der Stadt zu sehen waren, erregten allgemeine Bewunderung, und das am Wiener Kongress entwickelte System der»corporate Identity«eines fürstlichen Fuhrparks wurde in der Folge von allen europäischen Höfen übernommen.

14 Coaching the Congress Along: Imperial Rent-a-Carriages A major challenge was transport: The noble visitors had journeyed to Vienna in overland travelling coaches, but protocol forbade their use in town. So the imperial court needed to find places to park these travelling coaches for the duration of the Congress, while providing enough elegant carriages for use in town. Count Trauttmansdorff, the imperial Master of the Horse and the son of the Lord Chamberlain, commissioned 170 town carriages, which were built in only a month. In addition, he acquired 700 horses and engaged around 200 additional coachmen. The number of carriages was as remarkable as their high quality and design: For the first time in history they were given a uniform appearance and were thus immediately identifiable as imperial coaches. Congress members could order one of these carriages using a specially printed form; it was then collected from one of the four vehicle halls, which were open day and night, with both coachmen and maintenance staff always in attendance. There were strict rules for the coachmen: they had only fifteen minutes to reach an address in town for which a carriage had been ordered. If a guest ordered a carriage for a location outside the city walls, he had to be picked up within twenty-three minutes any delay was penalized. The system seems to have worked extremely well: Documents at the end of the Congress proudly record a total of over drives, with coachmen, horses and carriage clocking up to four outings a day. Although the Master of the Horse had greatly exceeded his original budget of guilders, it proved a worthwhile investment: The fleet of uniform court carriages seen all over town was widely admired, and this new system of a»corporate identity«for a princely fleet of carriages was soon adopted by all the courts of Europe.

15 Ritterorden als Friedensnetzwerke Seit dem Mittelalter scharten die Herrscher Europas die mächtigsten ihrer Untertanen in Ritterorden um sich, deren äußeres Zeichen prunkvolle Ornate waren. Ausländische Souveräne wurden nur selten in diese»hausorden«aufgenommen. Das änderte sich nach dem Sturz Napoleons, als die siegreichen Monarchen ihre Bündnisse auch dadurch bekräftigten, dass sie sich gegenseitig in ihre Ritterorden aufnahmen. So wurde der protestantische Prinzregent von England im Juni 1814 in den katholischen Orden vom Goldenen Vlies aufgenommen, während er selbst Kaiser Franz, dem Zaren und dem König von Preußen den Hosenbandorden verlieh. Nach der endgültigen Niederlage Napoleons benützte auch der Bourbonenkönig Ludwig XVIII. dieses Mittel zur Festigung der Freundschaft und nahm im August 1815 die führenden Herrscher der anti-napoleonischen Allianz in den königlich französischen Orden vom Heiligen Geist auf. Die Ordensgewänder, die er für Kaiser Franz anfertigen ließ, haben sich großteils bis heute erhalten und sind ein eindrucksvolles Zeugnis für Schönheit, Eleganz und Prunk der Garderobe des bourbonischen Hausordens. Knightly Orders as Networks for Peace Since the Middle Ages Europe s rulers had admitted their most powerful subjects to their knightly orders, with magnificent robes documenting membership. Fellow sovereigns were rarely invited to become members of these»house orders«. This changed after the fall of Napoleon when the victors buttressed their alliance by inviting each other to join their respective knightly orders. In June 1814, for example, Britain s Protestant Prince Regent was inducted into the Catholic Order of the Golden Fleece; he, in turn, invested Emperor Francis, the Russian Czar and the King of Prussia with the Order of the Garter. After the final defeat of Napoleon, King Louis XVIII of France also made use of this political tool to cement his new friendships, inviting the leading monarchs of the alliance against Napoleon to join the French royal Order of the Holy Spirit in August Most of the vestments he commissioned for Emperor Francis have survived and document the elegance and splendour of the Bourbon s house order.

16 Berline des Wiener Hofes KAISERLICHE WAGENBURG WIEN, INV.-NR. W 013 Die viersitzige, geschlossene Berline war der eleganteste Fahrzeugtyp der Kongresszeit. Wenn sie rundum verglast war, diente sie als Galawagen für regierende Häuser. War sie hingegen, so wie hier, mit drei Fenstern versehen, konnte sie entweder als elegantes Alltagsfahrzeug für Souveräne oder als Galawagen für den höfischen Adel verwendet werden. So wie alle Fahrzeuge der Kongresszeit hat die dunkelgrün lackierte Berline eine reiche Vergoldung, vergoldete Applikationen, die kaiserliche Wappen und auf Pölstern liegende Kronen zeigen, und einen großen Kutschbock aus schwarzem, goldbordiertem Samt. Berline of the Imperial Court IMPERIAL CARRIAGE MUSEUM VIENNA, INV. NO. W 013 A four-seater covered Berline was the most elegant type of carriage around With wrap-around glazing it served as the state carriage for members of a ruling family. However, fitted with three windows like this example it served either as an elegant every-day carriage for sovereigns or as a state coach for members of the nobility. Like all contemporary carriages, this green Berline features elaborate gilding, gilt applications depicting the imperial arms and crowns resting on cushions, and a large coachman s seat covered with black velvet trimmed in gold.

17 Landauer des Wiener Hofes KAISERLICHE WAGENBURG WIEN, INV.-NR. W 038 Der Landauer war ein beliebtes Modefahrzeug der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts, da man ihn sowohl offen als auch geschlossen verwenden konnte. Auf den ersten Blick scheint sich dieser Wagen nicht von der optisch gleich gestalteten Berline zu unterscheiden. Beim Landauer kann man jedoch die Lederverdecke mit Hilfe der reich ziselierten vergoldeten Spreitstangen zurückklappen und die Fenster in den Türen versenken, wodurch er sich in ein elegantes Schönwetter-Fahrzeug verwandelt. BRUSTGESCHIRR FÜR ZWEI PFERDE EINES SECHSERZUGES DES KAISERLICHEN MARSTALLS KAISERLICHE WAGENBURG WIEN, INV.-NR. G 012 Brustgeschirr aus schwarzem Leder mit reichen, teils heraldischen Applikationen aus vergoldetem Messing. Landau of the Imperial Court IMPERIAL CARRIAGE MUSEUM VIENNA, INV. NO. W 038 In the first half of the 19 th century the landau was a popular and fashionable carriage that was driven with the top either up or folded down. At first glance this carriage does not differ much from a Berline. However, the landau has delicately chiselled gilt sham joints that allow passengers to fold down the collapsible leather top and sink the windows into the doors, turning it into an elegant open carriage for fine weather drives. IMPERIAL HARNESS (FOR TWO HORSES FROM A TEAM OF SIX) IMPERIAL CARRIAGE MUSEUM VIENNA, INV. NO. G 012 Breast collar harness made of black leather with rich applications of gilt brass.

18 »Pirutsche«von Kaiser Franz I. KAISERLICHE WAGENBURG WIEN, INV.-NR. W 065 Die»Pirutsche«(»Barouche«) war eines der beliebtesten Sommerfahrzeuge: ein flotter Zweisitzer mit Klappverdeck, den der Herr selber lenkte. Der Hof veranstaltete während des Kongresses mehrere»pirutschaden«, doch konnte man Kaiser Franz und seine Gemahlin auch bei Ausfahrten im Prater in diesem Wagen sehen. Nur an der vollständigen Vergoldung von Rädern und Fahrgestell erkennt man den Leibwagen des Kaisers ansonsten gleicht sein Dekor zur Gänze jenem der anderen Kongressfahrzeuge.»Pirutsche«(Barouche) of Emperor Francis I IMPERIAL CARRIAGE MUSEUM VIENNA, INV. NO. W 065 The barouche was among the most popular summer carriages. This dashing two-seater with collapsible top was driven by the gentleman himself. During the Congress the imperial court organized a number of outings in barouches but Emperor Francis and his wife used this vehicle also for private drives in the fashionable Prater park. Its completely gilt wheels and undercarriage identify it as the Emperor s carriage; the rest of the décor conforms to that of the other vehicles built for the Congress of Vienna.

19 Die große Schlittenfahrt Als Ende 1814 klar wurde, dass der Kongress bis ins kommende Jahr dauern würde, musste der Hof neue Events erfinden, um Gäste und Volk auch weiterhin adäquat unterhalten zu können. Auf Vorschlag des Oberststallmeisters beschloss man daher, eine Schlittenfahrt nach barockem Muster zu veranstalten. In aller Eile wurden 24 ebenso moderne wie prunkvolle Schlitten gebaut und aus vorhandenen Materialien wurden reiche Pferdegeschirre zusammengestellt. Auch der höfische Adel wurde eingeladen, sich zu beteiligen, sofern er über entsprechend schöne Equipagen verfügte. Als die Schlittenfahrt am stattfand, wurde den Zuschauern eines der spektakulärsten Ereignisse des Kongresses geboten: Begleitet von berittenen Garden, Dienern und Edelknaben fuhren zwei Kaiser, zwei Könige und zahlreiche Fürsten mit ihren Damen zunächst durch die Stadt und dann weiter nach Schönbrunn, wo sie ins Theater gingen und dinierten. Abends kehrte man bei Fackelschein in die Stadt zurück, so dass die Prozession aus der Ferne an einen sich durch den Schnee schlängelnden»feuerfluss«erinnerte. Wiener und Fremde aller Gesellschaftsklassen hatten wochenlang diesem Ereignis entgegengefiebert. Menschenmassen drängten sich auf den Straßen sowie an Fenstern und Balkonen der angrenzenden Häuser, um die Monarchen in ihren wie»elegante Throne«wirkenden prächtigen Gefährten über den Schnee gleiten zu sehen.»es ist schwer, sich ein prachtvolleres Spektakel vorzustellen«, urteilte ein Augenzeuge.»Die Schlitten waren von einem exzessiven Reichtum, ganz vergoldet, mit grünem, goldgestickten Samt ausgelegt und mit goldenen Fransen verbrämt. [ ] Es wäre unmöglich etwas Schöneres zu sehen, als den Anblick dieser Schlitten, wie sie ihre Runden drehen, sich dabei kreuzen und sich auf einmalige Weise auf einem Teppich aus weißem Schnee abheben.«angesichts der eisigen Kälte dürfte das Spektakel den Zusehern mehr Vergnügen bereitet haben als den Teilnehmern. So wunderten sich viele darüber,»dass die Herrscher dieser Welt durch Kälte und Schnee fahren, nur um den Bewohnern der Stadt eine Unterhaltung zu bieten«.

20 The Great Sleigh Ride When it became clear in late 1814 that the Congress would continue into the coming year the court had to come up with new events to entertain both noble visitors and the populace. One of them, suggested by the Master of the Horse, was a sleigh ride in the style of those organised by the court in the 18 th century. In great haste twenty-four modern as well as magnificent sleighs were built, and sumptuous harnesses constructed from available parts. Members of the nobility who owned suitable elegant equipages were invited to participate. The sleigh ride took place on January 22, 1815 and it was surely one of the most magnificent spectacles of the entire Congress: Accompanied by mounted guards, footmen and pages, two emperors, two kings, countless princes and their ladies drove through the city and then out to Schönbrunn Palace, where they attended first a theatre performance and then a dinner. In the evening they returned to town accompanied by torchbearers, and from a distance the procession looked like a»river of fire«winding its way through the snow. Both foreign visitors and Viennese of all ranks had excitedly looked forward to this event for many weeks. Countless spectators crowded the streets, as well as the windows and balconies of houses along the route, to catch a glimpse of the monarchs gliding over the snow in sleighs that were compared to»elegant thrones«.»it is difficult to imagine a more magnificent spectacle«, reported an eye-witness.»the sleighs were sumptuously decorated, gilt all over, appointed with green velvet embroidered in gold and trimmed with gold fringes [ ]. One could not imagine anything more beautiful than these sleighs, driving their rounds, crossing each other s paths, beautifully set off by the carpet of virgin snow«. Considering how cold it was, the spectacle was probably more enjoyable for spectators than for the participants. Many were surprised»that the rulers of this world drive though the cold and the snow to entertain the city s populace«.

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