Morphologie II. Morphologische Grundbegriffe Typen der Wortbildung Wortstruktur Wortbildungsregeln. Morphologie II 1

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1 Morphologie II Morphologische Grundbegriffe Typen der Wortbildung Wortstruktur Wortbildungsregeln Morphologie II 1

2 Terminologie Morphem: kleinste bedeutungstragende Einheit: Haus, auf, rot. Silbe: Silben werden gerne mit Morphemen verwechselt. Sie haben allerdings keine eigene Bedeutung. Silben sind Untersuchungsgegenstand der Phonologie, Morpheme die der Morphologie. Lehrer Morpheme: Lehr-er; Silben: Leh-rer. Es gibt allerdings auch Morpheme, die keine wirkliche lexikalische Eigenbedeutung haben, z.b. -en, es, zu, etc. Deshalb sagt man auch, dass Morpheme außer den phonologischen Eigenschaften noch zumindest syntaktische oder semantische Eigenschaften haben. Morphologie II 2

3 Terminologie Wurzeln: unverzichtbare lexikalische Kerne von Wörtern, die normalerweise frei vorkommen. Jedes Wort hat mindestens ein Wurzelmorphem. Bspe: rot, Haus. Aber auch: trag- (in tragen) Vorsicht bei Verben! Affixe: gebundene Morpheme, kommen nur in Kombination mit freien Morphemen vor. Präfixe sind Affixe, die vor der Wurzel stehen, Suffixe stehen danach. Ver-treib-en Affixe können der Flexion oder der Derivation dienen. geh-t, geh-en, Geh-er, Ge-lauf-e. Derivation ist genau wie Komposition ein Wortbildungsprozess. Haustür, Elch-test. Bei letzterer werden freie Morpheme kombiniert. Bei ersterer ein freies und ein oder mehrere gebundene Morpheme (Un-tier). Morphologie II 3

4 AUFGABE Im Kursbuch auf Seite 30 wird eine ganze Liste von nativen (heimischen) und nicht-nativen (fremden) Derivationsaffixen im Deutschen gegeben. Hier einige Auszüge: un-, anti-, -keit, -wärts Geben Sie für jedes der Affixe an (natürlich ohne im Buch zu schauen), ) ob es nativ oder nicht-nativ ist...2) ob es sich um ein Präfix oder Suffix handelt...3) mit welcher Wortart es verwendet werden kann und was die neue, abgeleitete Wortart ist....4) welche Bedeutung es trägt Morphologie II 4

5 Präfixe vs. Suffixe Manche Morpheme wie -wesen, -werk sind umstritten in ihrem Suffixstatus; andere, wie -(ifiz)ier in ihrer Herkunft. Präfixe können meist vor verschiedene Wortarten angeschlossen werden (erz- N, A), wohin Suffixe oft genau bzw. hauptsächlich auf eine Wortart spezialisiert sind (-ung V zu N). Präfixe lassen die Wortart ihrer Wurzel unberührt, wohingegen Suffixe die Wortart verändern (können). Schön Un-schön, Leit- Leitung. Aber: Schnitt-chen Morphologie II 5

6 Konfixe Konfixe: Fanat-, bio-, geo-, stief-, schwieger-, aero-, -naut, etc. Sie stammen oft aus Fremdsprachen, aber einige sind auch nativ. Sie sind insofern speziell, als sie keine richtigen Wurzeln sind und nicht frei vorkommen. Andererseits sind sie keine richtigen Affixe, da diese nicht allein an andere Affixe anschließbar sind *Un-ung.Bei konfixen ist dies jedoch möglich: Fanat-ismus; Naut-ik. Oft sind sie mit einem Lexem aus dem Deutschen übersetzbar. gr. naútes: Seefahrer, àstron: Stern Morphologie II 6

7 Andere wortbildungsrelevante Einheiten Den Konfixen ähnlich in ihrem Status sind unikale Morpheme: Him-beere, Brom-beere, Schorn-stein, Nacht-igall, Bräut-igam, etc. Allerdings kommen sie nur mit einer anderen Komponente vor. Zirkumfixe sind Affixe, die die Basis umschließen. Beide Teile hängen hierbei voneinander ab. Ge-renn-e. KEIN Beispiel für ein Zirkumfix wäre so etwas wie Ab-leit-ung. (Ab-: Präfix; -ung: Suffix; beide hängen nicht zusammen.) Morphemvarianten oder Allomorphie bezeichnet mehrere Formen ein und desselben Morphems. > Schule, schul-isch, Auge, Äug-lein, Aug-apfel. Diese kommen durch Phonemtilgung oder Vokalalternation zustande. Fugenelemente: sind Verbindungselemente, die keine Bedeutung haben, sondern nur der Aussprache dienen. Staat-s-feind, Herz-ens-wunsch. Sie sehen oft aus wie Flexionselemente. Morphologie II 7

8 Stamm Wurzel Basis Stamm: Einfaches oder komplexes Wort, das aus dem Lexikon entnommen, in die Syntax eingesetzt und dort mit Flexionsmorphemen versehen wird (Faustregel: Wort Flexion = Stamm). Zerstörung-en; Schuh-e; verdräng-st; groß-e Wurzeln hingegen sind immer Simplexwörter und können zur Wortbildung verwendet werden. Schuh im Beispiel oben ist also eine Wurzel, die auch ein Stamm sein kann. Zerstörung jedoch ist keine Wurzel, aber ein Stamm. Wenn es nicht darauf ankommt, ob etwas Stamm oder Wurzel ist, spricht man von der Basis einer Affigierung. Morphologie II 8

9 AUFGABE Bestimmen Sie in den unterstrichenen Wörtern alle Morpheme. Beschreiben Sie, ob es sich um Wurzeln oder Affixe handelt. Wo ist jeweils der Stamm? a- Mir vergeht da echt die Freude am Spiel. b- Die Logenbesucher nerven. c- Die Fans sollen nicht mehr mit Großfahnen und Schals schwenken. Morphologie II 9

10 Wortbildungstypen Es gibt mehrere Typen von Wortbildung: Bei der Komposition werden zwei oder mehrere freie Morpheme (oder -konstruktionen) zu einem zusammengefügt. Spiel-automat, Steuererhöhung, tief-blau. Bei der Derivation wird ein freies Morphem mit einem Derivationsaffix zusammengeschweißt. An-pfiff, Lehr-er. Ein drittes Wortbildungsverfahren ist die Konversion. Hierbei wird einfach die Wortart gewechselt, ohne dass das Wort derivationsmorphologisch komplexer wird: schauen > Schau, Fisch > Fischen, werfen > Wurf (Stammalternation) Morphologie II 10

11 Wortstruktur Komplexe Wörter haben eine Struktur. Wurzel und Affixe, genauso wie freie Morpheme können meist nur in einer bestimmten Reihenfolge auftreten: Kind-lich-keit, *Keit-kind-lich, *Lich-keit-kind, etc. Außerdem scheint es, dass manche Elemente näher zusammengehören als andere. Diese Zusammengehörigkeit kann durch Klammerschreibweise ausgedrückt werden. [Kind-lich]-keit, *Kind-[lich-keit]. Abfolge und Zusammengehörigkeit können allerdings auch in Baumstrukturen dargestellt werden. Morphologie II 11

12 Wortstruktur N N N A N N N Sx/A Sx/N N N N N N N Kind lich keit // Mädchen handels schule // Mädchen handels schule Mit Baumdiagrammen kann man Doppeldeutigkeiten von Wörtern erfassen (Ambiguitäten). Morphologie II 12

13 Baumstrukturen Im Allgemeinen werden Baumstrukturen in folgenden Konfigurationen dargestellt und folgendermaßen beschrieben: C A B A und B sind Schwestern. Ihre Mutter ist C, welche A & B dominiert. A, B, D, E sind D E strukturelle Bauteile von C, oder auch Konstituenten. A & B sind unmittelbare, D& E mittelbare Konstitutenten. Die verschiedenen Konstitutenten werden zu Knoten zusammengeschlossen. Wortstrukturen sind meist binär. Ternäre Verzweigungen können aber in manchen Fällen (Zirkumfixe) nicht ausgeschlossen werden. Morphologie II 13

14 AUFGABE Fertigen Sie Strukturbäume von diesen Wortbildungen an: a. Eiercremeschnittchen b. Ausnahmespielerinnen c. (du) verkaufst Morphologie II 14

15 Wortbildungsregeln Baumdiagramme werden nach bestimmten Regeln der Wortbildung angefertigt. Eine solche wäre: N N + N : Handels+schule. Der Pfeil ist zu lesen als besteht aus. Wenn man die Regel auf sich selbst anwendet, erhält man eine rekursive Struktur. (Kampf+hund)+ (wesens+test). Rekursive Strukturen können auf beide unmittelbaren Konstituenten angewendet werden oder nur auf eine. Folgende andere Regeln existieren u.a. zur Bildung von Nomen: N A+N : Rotlicht N V+N: Drehgriff N P+N: Aufwind Das rechte Element der Bildung wird Kopf genannt. Es bestimmt über die Wortklasse des neuen komplexen Worts. Morphologie II 15

16 Wortbildungsregeln Semantisch gesehen, kann man von Determinativkomposita sprechen: die Bedeutung des Kopfs wird durch die Bedeutung des linken Elements determiniert oder modifiziert: Computertisch ist eine Art von Tisch, Tischcomputer eine Art von Computer. Rhabarbarbarbara Das Gegenstück sind die Kopulativkomposita. Hier sind Erst- und Zweitglied semantisch gleichberechtigt: Spieler- Trainer, süß-sauer, Schleswig-Holstein. Morphologie II 16

17 Kopf Der morphologische Kopf bestimmt die Kategorie einer Wortbildung. Suffixe sind Köpfe: Zieh-ung Außerdem bestimmt er das Genus und die Flexionseigenschaften: der Fleisch-er, Liebesbrief/Liebesbrief-e Präfixe sind keine Köpfe, da keine der o.g. Eigenschaften auf sie zutrifft. Offensichtlich ist der Kopf immer das rechte Element: Kopfrechts-Prinzip in der deutschen Morphologie. Ausnahmen: Gerenn-e Morphologie II 17

18 Analogiebildung Wortbildungsregeln sind zugleich analytisch & synthetisch: man kann durch sie schon vorhandene Wörter analysieren, aber auch neue bilden. Nicht alle neuen Wörter werden aber aufgrund einer Regel gebildet: Hausmann, Diplomkauffrau, entmieten, Flexibelchen. Diese Wörter werden in Bezug auf eine schon existierende Wortbildung geformt. Die Bedeutung von Hausmann definiert sich hauptsächlich ggü. Hausfrau. Morphologie II 18

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