Die erste ipad-klasse für hörgeschädigte und gehörlose Schüler in Österreich am LSZHS Linz

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1 Die erste ipad-klasse für hörgeschädigte und gehörlose Schüler in Österreich am LSZHS Linz unter der Leitung von Herrn Prof. Dipl. Päd. Jochen Reischl, M.A. BEd. Dissertant an der Exzellenzuniversität TU-Dresden unter Prof. Dr. Köhler und Prof. Dr. Weber 1. Einführung Seit der Einführung der ersten Tablet PCs im April 2010 durch die Firma Apple, haben diese Computer die Welt der neuen Medien revolutioniert. Tablet PCs, kurz Tablets, sind äußerst flache, in der Form und Größe ähnlich einer Schreibtafel aufgebaute Personal Computer (PC), weswegen sie auch als Tafel-PC bezeichnet werden. Sie sind drahtlos, batteriebetrieben und über WLANs, UMTS und/oder Bluetooth mit dem Internet verbunden. Tablets haben weder Maus noch Tastatur, die Bedienung erfolgt mit den Fingern oder einem Stift über das berührungsempfindliche Display. Bei Bedarf erscheint eine virtuelle Tastatur am Bildschirm, dem sogenannten Touchscreen. 1 Benötigte man bis dato noch Bildschirm, Tastatur, Maus und diverse Verkabelungen (Netzkabel, Bildschirmanschlusskabel, Maus- und Tastaturkabel,...) schaffte es das ipad von Apple als erster Tablet PC, alle für den Normalbenutzer (in Folge auch als User bezeichnet) relevanten Programme einfach und unkompliziert zu bedienen. Die einfache Art der Bedienung der Tablet PCs eröffnet für den Einsatz im Unterreicht allgemein und für gehörlose Schüler im Besonderen neue didaktische Möglichkeiten, die im Rahmen einer empirischen Untersuchung an einer Versuchsund Vergleichsgruppe analysiert werden. 1 vgl. Datacom IT Lexikon ipad-klasse Seite 1

2 Auf Grund der Einfachheit der Nutzung durch den Anwender und der Vielzahl der kleinen Anwenderprogramme, genannt Apps (Applications), sowie der kompakten Bauweise und der in Großstädten beinahe flächendeckenden kostenlosen Nutzung des Internets über Hotspots haben die Tablets in sehr kurzer Zeit einen sehr hohen Verbreitungsgrad erreicht. Bereits 2012, nur 2 Jahre nach der Einführung nutzen bereits 8,9% der Österreicher einen Tablet PC 2. So helfen Tablets durch ihre kompakte Bauweise und Verwendung nur einer Hardware völlig in die flachen Geräte integriert sie leicht in den Alltag zu integrieren, ob in Schule, Beruf oder Freizeit. Den Anwendungsmöglichkeiten dieser Geräte sind kaum Grenzen gesetzt und sie werden laufend erweitert. So wurden etwa Milliarden Apps weltweit von Benutzern auf ihre Geräte geladen, im September 2013 waren es bereits 102 Milliarden 3. Das Format der ipads scheint bereits über Jahrhunderte bewährt. Die im Unterricht verwendeten Schiefertafeln der Schüler des 18., 19. und frühen 20. Jahrhunderts und das Apple Tablet haben annähernd die gleichen Abmessungen, wie auf Abbildung 1 ersichtlich ist. Die noch heute erhältliche Schiefertafeln haben z.b. ein Format von 29,5 x 21,8cm 4, das ipad 24, 1 x 18,4 cm 5. 2 vgl. Statistik Austria vgl. Wüthrich (2013) Downloads_aus_mobilen_App_Stores_uebersteigt_2013_100_Milliarden.html vgl. Amazon Deutschland 29/dp/B002UKGYRQ/ref=sr_1_2/ ?ie=UTF8&qid= &sr=8-2&keywords=schiefertafeln, vgl. Apple Inc ipad-klasse Seite 2

3 Abbildung 1: Schüler mit Schiefertafeln und ipads. Quellen: Polnisches Schulportal Interklasna, ipad-schulprojekte Wiesbaden. 1.1 Medienkompetenz Sowohl Pädagogen als auch Schüler sehen in den neuen Medien und der dafür geschaffenen Software eine große Erleichterung für einen schnelleren Zugang zu weltweitem Wissen. Grundlage für die sinnhafte Nutzung ist dabei die Medienkompetenz. Grundlage dafür ist der Begriff der Kompetenz. Dieser kommt aus der Sprachwissenschaft, er wird von Noam Chomsky in den späten 1960ern geprägt. Chomsky unterscheidet Kompetenz und Performanz. Er geht davon aus, dass die Kompetenz bereits angeboren ist, diese aber nur durch die Performanz sichtbar gemacht werden kann, sprich durch konkretes Anwenden ipad-klasse Seite 3

4 Der Begriff Medienkompetenz wird erstmals durch den Erziehungswissenschaften und Medienpädagogen Dieter Baacke ( ) erwähnt: Medienkompetenz meint grundlegend nichts anderes als die Fähigkeit, in die Welt aktiv aneignender Weise auch alle Arten von Medien für das Kommunikations- und Handlungsrepertoire von Menschen einzusetzen." 7 Baacke unterscheidet vier Dimensionen von Medienkompetenz: Medienkritik, Medienkunde, Mediennutzung und Mediengestaltung. 8 Medienkompetenz umfasst einen Teil der allgemeinen Bildung, der eine Reihe medienspezifischer Elemente enthält: 9 Lesekompetenz Fertigkeiten im Umgang mit Software Fragen der Ästhetik Wertefragen Fragen der Medienkritik das Wissen über die Vielfalt der zur Verfügung stehenden Medien Die aktuelle Generation der Schüler wurde überwiegend bereits seit früher Kindheit mit digitalen Medien konfrontiert. So kann hinsichtlich eines grundlegenden Umganges mit den Technologien eine ausreichende Medienkompetenz vorausgesetzt werden. Über diese Fähigkeiten hinaus ist es jedoch im Unterricht erforderlich, mediale Informationen z.b. via Internet zu recherchieren, zu bewerten und daraus eigene Inhalte zu generieren. Diese Fähigkeit wird als Media Literacy bezeichnet. Die Kompetenz erfasst die kritischen, selbstbestimmten und verantwortlichen Fähigkeiten, die für das Verstehen medialer Botschaften erforderlich sind. Dazu gehört über das kritische Reflektieren hinaus die Fähigkeit, die Medien im sozialen Handeln sinnvoll einsetzen zu können. Dies soll auch vor allem bei Jugendlichen die Fähigkeit mit einschließen, sich von desorientierenden Medieninhalten zu distanzieren vgl. Müller https://cupcakekaja.wordpress.com/2012/12/18/lernen-geschieht-ein-leben-langmedienkompetenz/, vgl. Priessmann vgl. Groeben & Hurrelmann 2002, S. 139f 10 vgl. Schorr 2009, S. 403 ipad-klasse Seite 4

5 Bei Kindern und Jugendlichen erfolgt die Mediennutzung in der Praxis in Multitasking -Weise, es werdend also mehrere Medien parallel genutzt. Dies unterstreicht die Bedeutung der medienübergreifenden Definition der Medienkompetenz. Sie soll dazu beitragen, die immer dichtere Informationslandschaft mit ihren machtvollen Postprintmedien in einer Kultur voller suggestiver Bilder, Worte und Geräusche zu verstehen. Die Schüler sollen im Rahmen der Medienkompetenz die Fähigkeit erhalten, Print- wie elektronische Medien zu dekodieren, evaluieren, analysieren und herzustellen. 11 In der immer schnelleren Mediatisierung des täglichen Lebens kommt folglich in der Schule eine wachsende Bedeutung zu. Medienkompetenz als eigenständiges Schulfach scheint hierbei ein gangbarer Weg zu sein, wurde aber bis dato noch nicht realisiert. Trotz den damit verbundenen negativen Auswirkungen auf viele Bereiche des täglichen Lebens Stichwort gläserner Mensch überwiegen die Vorteile neuer Medien und sind heute kaum mehr wegzudenken. Sie erfolgen die Mehrzahl der menschlichen Dialoge nicht mehr im direkten persönlichen Kontakt, sondern immer mehr technisch-medial mit Hilfe von mobilen Kommunikationsgeräten, verbal wie auch elektronisch bzw. schriftlich per Das Thema Sicherheit gewinnt dabei an Bedeutung. Steigende visuelle als auch technische Überwachung durch Kameras und eigens dafür geschaffene Programme (Bsp.: Prism, Xkeyscore) erfordern es zunehmend, auf die Sensibilität im Umgang mit elektronischen Daten im Internet und den sozialen Netzwerken (Facebook, Instagramm, Twitter, etc.) noch stärker als bisher einzugehen und die Schüler zu aufmerksamen Nutzern zu erziehen Einsatz von Tablets für hörgeschädigte Schüler Wurden Tablet PCs zu Beginn allgemein eher belächelt und als etwas für die Jungen und als kein vollwertiger Computer gesehen, so werden sie zunehmend von einer breiten Allgemeinheit akzeptiert und in vielen Bereichen des täglichen Lebens 11 vgl. Schorr 2009, S. 402f 12 vgl. Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen vgl. Der Spiegel ipad-klasse Seite 5

6 eingesetzt: Für Präsentationen, Steuerung von Systemabläufen, Kontrolle täglicher Umsätze, im medizinischen Bereich bei den täglichen Visiten, Videokonferenzen, einfach nur zum Spielen oder wie bereits dargestellt in der Schule. 14 So hat auch die Gruppe der hörgeschädigten Menschen die Tablets für sich entdeckt und ist nach anfänglicher Skepsis in zunehmendem Maße begeistert über die Möglichkeiten des Geräts: Es hilft nicht, nur die Defizite dieser Personengruppe über die Visualisierung auditiver Inhalte zu kompensieren, es ermöglicht erstmals, Segregation und Diversität, der dieser Gruppe von Menschen seitens der Gesellschaft ausgesetzt ist, entgegenzuwirken sie im Idealfall zu egalisieren und im besonderen Fällen darüber hinaus umzukehren. 15 Das große Handicap der Gruppe der Hörgeschädigten ist nicht primär ihre Behinderung, sondern es sind ihre damit verbundenen Identitätsprobleme und das Leben in zwei Welten : Dinge des täglichen Bedarfs, Behördengänge, Arbeitsstätten das gesamte Leben außerhalb der eigenen vier Wände spielt sich in einer hörenden Welt ab. Innerhalb des eigenen Lebensbereichs hingegen gleicht das Leben einem Mikrokosmos und vor allem ist es ein Leben in Stille. Es wird ausschließlich in der Gebärdensprache kommuniziert, gestikuliert, diskutiert, gelebt Der Unterricht mit den ipads in der 2.HHS2b In der Kleinklasse 2.HHS2b am LSZHS Linz, sind seit Oktober 2012 fünf ipad 2 in Verwendung für 5 Schüler, von denen vier nach dem Gehörlosen-Lehrplan und ein Schüler nach dem Schwerhörigen-Lehrplan unterrichtet werden. Das ipad alleine macht noch keinen guten Unterricht, soviel vorweg. Ganz im Gegenteil, es bedarf einer guten Vorbereitung, klarer Regeln und einer guten Mischung aus Freizeitnutzung und der zweckgebunden Nutzung für den Unterricht, die den Einsatz der ipads auch rechtfertigen. 14 vgl. Private Pädagogische Hochschule der Diözese Linz vgl. Österr. Gehörlosenbund vgl. Barmherzige Brüder Österreich Fehler! Hyperlink-Referenz ungültig ipad-klasse Seite 6

7 Vor allem zu Beginn musste eine intensive Spielephase in die Einführung des Tablets miteingeplant werden. Diese Phase tritt aber mit den vielen Möglichkeiten, die das ipad bietet, immer mehr in den Hintergrund und ist jetzt, nach 1,5 Jahren intensiver Nutzung zu vernachlässigen. Vielmehr ist die Barrierefreiheit des ipads durch die vielen Möglichkeiten, besonders für Schüler mit auditiver Wahrnehmungsstörung ein großer Vorteil, gemeinsam mit der permanenten Verfügbarkeit des Internets und den vielen Apps (siehe Kapitel1, S.2) bietet dieses Tablet eine große Unterstützung für den Unterricht mit gehörlosen und/oder scherhörigen Schülern. Abb.2: Schüler der 2.HHS2b bei Recherchen. Quelle: Reischl Jochen Der Einsatz des ipads findet in allen Gegenständen statt: In den Schularbeitsgegenständen Deutsch, Mathematik, Englisch, wie auch in den Realiengegenständen wie Geografie, Biologie, Physik, Ernährung und Haushalt, Werken, Geschichte, Begriffe für die es keine Gebärde gibt oder die trotz der Gebärdensprache scher verständlich sind (z.b.: Gravitation (PH), ) werden von den Schülern selber im Internet auf dem Tablet gegoogelt oder auf YouTube gesucht, die Ergebnisse mittels oder der App Papierflieger oder anderen Möglichkeiten an die anderen Schüler weitergeleitet, um das beste Ergebnis schließlich zu finden. Der schriftliche Ertrag beziehungsweise die handschriftlichen Aufzeichnungen ersetzt des ipad nicht und es ist auch nicht dazu gedacht. ipad-klasse Seite 7

8 Wichtig hingegen ist, ein Kommunikationsmittel zu haben in einer hörenden Welt, das einem die Angst nimmt bei Behördengängen, bei Gesprächen in einer hörenden Umgebung, und auch zu wissen Wo finde ich was im Internet? und aus der Flut an Informationen das Wichtigste herauszufiltern. Dafür ist aber eine Begleitung durch die Pädagogen der Schule, die speziell für diese Kinder ausgebildet sind, unabdingbar. Abb.3: Gehörloser Schüler bei der Suche im Web für seinen Arbeitsauftrag. Quelle: Reischl Jochen 1.4 Aus der Praxis im Unterricht in der 2.HHS2b Die Ideen der Schüler der 2.HHS2b im Umgang mit dem ipad sind dynamisch und überraschen die Pädagogen und den Initiator der ipad-klasse immer wieder: Cloudcomputing (abspeichern von Daten in der icloud, nicht mehr direkt am ipad), Dropbox (Cloudcomputing in der Daten, Fotos, Videos, Präsentationen vom PC zu Hause oder in der Schule gespeichert werden (z.b.: Referate) und die dann über die App Dropbox am ipad überall auf der Welt abgerufen werden können. Voiceover (Jedes Wort, jedes App, jedes Bild über das der Schüler mit dem Finger streicht wird ihm auch von eine Stimme vorgelesen. ipad-klasse Seite 8

9 Tafelbilder, die erstellt werden, werden mit dem ipad fotografiert und zu Hause ins Heft eingeschrieben. Referate werden nur noch am ipad vorgetragen. Kleine Filme werden gedreht und für Referate oder andere Projekte verwendet. Der Spaß im Unterricht und die Schulfreude ist leider nicht messbar, hat aber subjektiv zugenommen. Besonders in den Realiengegenständen werden Kurzfilme auf dem Internetportal YouTube (www.youtube.com) für komplizierte Vorgänge oder Versuche eingesetzt um diese besser zu veranschaulichen. Die Erkenntnisse werden umgehend ins Heft eingetragen und sind auch Basis für Wiederholungen und schriftliche Arbeiten. Abb.4: Schüler der 2.HHS2b im Unterricht mit dem ipad. Quelle: Jochen Reischl 1.5 Finanzierung und Ausstattung Die fünf ipads 2 in der 2.HHS2b und zwei weitere ipads 2, die KollegInnen zur Verfügung gestellt wurden, sowie ein Airprintdrucker (spezielle Software für Apple- Produkte) und zwei von fünf WLAN Accesspoints (Zugang für das Internet ohne Kabel) sind privatfinanziert durch Herrn Prof. Dipl. Päd. Jochen Reischl, M.A. BEd.. Die restlichen drei Accesspoints wurden dankenswerter Weise durch die Schule - ipad-klasse Seite 9

10 unter Herrn Direktor OSTR Helmuth Nitsch (2) und durch Frau HOL Dipl. Päd. Asböck Ingeborg, Pädagogin für Ernährung und Haushalt (1) finanziert. 1.6 Zusammenfassung Vernetzte Welt, neue Medien, Begriffe die in der Gebärdensprache kaum oder gar nicht übersetzt werden, gehören für die Schüler zum Alltag. Ziel ist es, den gehörlosen und hörgeschädigten Schülern in der Klasse eine Möglichkeit zu bieten, ihre auditiven Defizite etwas zu kompensieren, den Umgang mit neuen Medien zu sensibilisieren und vielleicht auch die Chancen nach der Schule am Arbeitsmarkt zu verbessern. Mit Sicherheit aber mehr Spaß am Lernen zu haben und Talente und Fähigkeiten zu entdecken und zu fördern. Eine Umfrage unter den PädagogInnen (Juli 2013) bestätigt dies eindrucksvoll. Der Dank gilt allen PädagogInnen am LSZHS, die sich bereiterklärt haben, mit den ipads zu arbeiten und den Unterstützern diese Projekts. Abb.5: Klassenfoto 2013/2014 der 2.HHS2b. Quelle: Jochen Reischl ipad-klasse Seite 10

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