Ravil' G. Gataullin. Probleme der Übersetzung stilistisch markierter und okkasioneller Wortbildungskonstruktionen

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1 Germanistisches Jahrbuch der GUS Das Wort 2000/2001, S Ravil' G. Gataullin Probleme der Übersetzung stilistisch markierter und okkasioneller Wortbildungskonstruktionen 1. Einleitung Die Wortbildung spielt im Fremdsprachenunterricht eine sehr große Rolle, denn ihre sichere Beherrschung ermöglicht Nicht-Muttersprachlern nicht nur die Erweiterung ihres Wortschatzes, sondern auch das Verständnis von Wörtern, die nicht zum aktiven Wortschatz gehören. Defizite an Wortbildungskenntnissen wirken sich negativ auf den Umgang mit der Lexik aus, da nur dieses Wissen den Lernern ermöglicht, sowohl rezeptiv als auch produktiv kompetent mit der fremden Sprache umzugehen. Beobachtungen an Textanalysen von Studenten des dritten bis fünften Studienjahres zeugen davon, dass die Mehrheit stilistisch markierter und okkasioneller Wortbildungskonstruktionen im Fremdsprachenunterricht Schwierigkeiten hervorruft. Sie sind als Störungen bzw. Hindernisse im Sprachlernprozess zu betrachten; sie gehören zu den brisanten (STRAUSS/HASS 1989: 9), zu den schweren Wörtern (STRAUSS/ZIFONUN 1985), da sie in der Regel im übertragenen, bildlichen Sinne gebraucht werden und in formaler Hinsicht besondere Strukturen aufweisen. Als ungewöhnliche Komposita ziehen sie daher zum einen die Aufmerksamkeit der Studenten auf sich; zum anderen zwingen sie die Studenten zu einer zusätzlichen Gedächtnisarbeit, da sie schwer zu interpretieren sind. Ihr Verständnis ist nicht nur von Sprachkenntnissen, sondern auch von umfangreichem Welt- und Kontextwissen abhängig, denn ein Sachverhalt kann sprachlich auf unterschiedliche Weise gefasst werden. Eben deswegen sind im Sprachunterricht die Vermittlung von Wortbildungskonstruktionen und das Einüben ihrer Übersetzung von großer Bedeutung.

2 50 2. Grundprobleme des Übersetzens R. G. Gataullin Das linguistische Grundproblem des Übersetzens besteht vor allem in der Wahrung des unveränderten Inhalts des Ausgangstextes (KADE 1980: 85) und in der Beibehaltung seiner allgemeinen stilistischen Charakteristika. (BARCHUDAROV 1979: 128) Deswegen wird das Wesen der Übersetzung in der Übertragung (Umwandlung, Umkodieruing, Substitution, Transformation) des mittels einer Ausgangssprache festgelegten Informationsgehalts in eine Zielsprache gesehen: Elemente der Ausgangssprache werden durch Elemente der Zielsprache ersetzt (KOLLER 1972: 69), wobei sich die Zeichenvorkommen beider Texte auf denselben Wirklichkeitsabschnitt beziehen müssen. (STOLZE 1989: 54) Ein Text der Zielsprache erscheint dann als Übersetzung, wenn er dem Original kommunikativ äquivalent ist, d.h. wenn er den gleichen oder zumindest einen weitergehend deckungsgleichen kommunikativen Wert wie der Text in der Ausgangssprache besitzt. (WOTJAK 1982: 113) In diesem Sinne ist jede Übersetzung als transkulturelles Handeln, als Kulturvermittlung zu betrachten, weil sowohl der Text in der Ausgangs- als auch der Zielsprache den verbalisierten Teil einer Soziokultur darstellt. (HONIG/KUSSMAUL 1982: 58; SNELL-HORNBY 1989: 18) In der Übersetzung wird unter neuen funktionalen, kulturellen und sprachlichen Bedingungen in einer neuen Situation über einen Ausgangssachverhalt berichtet. (VERMEER 1986: 39) Das tertium comparationis, der alles entscheidende Bezugspunkt, an dem die informative Äquivalenz beider Texte gemessen wird, ist die Identität des Inhalts bzw. kommunikativen Wertes, die sprachliche Adäquatheit. Diese sprachliche Adäquatheit wird dadurch erreicht, dass die Bestandteile des Textes im Großen und Ganzen deckungsgleich sind und die sprachlichen Gestaltungsmittel in beiden Texten im Wesentlichen übereinstimmen. Obwohl es keine zwei Sprachen gibt, bei denen die bedeutungstragenden Einheiten volle Übereinstimmung in begrifflichen und nichtbegrifflichen Bedeutungskomponenten aufweisen, besteht die Aufgabe des Übersetzers u.a. darin, die Bedeutungsstruktur sprachlicher Einheiten der Ausgangs- in der Zielsprache wiederzugeben. Das bedeutet, dass auch hinsichtlich einzelner Textelemente maximale Äquivalenz angestrebt werden muss. Sind die einzelnen Textsegmente, die einzelnen Textelemente einander äquivalent, so werden sie als Übersetzungsäquivalente, Entsprechungen, Korrespondenzen

3 Übersetzungsprobleme bei Wortbildungskonstruktionen 51 betrachtet. (WOTJAK 1982: 114) Die Übersetzungsäquivalenz als Untergruppe der kommunikativen Äquivalenz ist durch die Beschreibung der zwischen den Textelementen bestehenden Äquivalenzbeziehungen, die zum semantisch-pragmatisch-stilistischen Bereich gehören, zumindest teilweise erfassbar. (WOTJAK 1982: 114) 3. Übersetzungsadäquatheit auf der Wortebene Als die Einheit, die die Übersetzungsäquivalenz sichert, fungiert am häufigsten das Wort. (BARCHUDAROV 1979: 194) Für den Übersetzer stellt sich daher die Aufgabe, systematisch diejenigen Wörter zu finden oder zu bilden, die bei nahezu gleichem semantischen Informationsgehalt, aber in verschiedenen Formen die denotativen und konnotativen Absichten des Ausgangstextes in der Zielsprache realisieren. Aufgrund der Verschiedenheit der Sprachsysteme entsprechen den ausgangssprachlichen Wortbildungskonstruktionen dabei nicht immer einzelne Lexeme, da ihre Bildung von sprachlich-stilistischen Konventionen beeinflusst wird. Die Übersetzung von stilistisch markierten und okkasionellen Wortbildungskonstruktionen, die einen unentbehrlichen Bestandteil der Belletristik-, Publizistik- und Zeitungssprache darstellen, bereitet zusätzliche Schwierigkeiten. Je größer ihre konnotativen Potenzen sind, desto begrenzter ist die Möglichkeit, sie adäquat zu übersetzen, da die Konnotationen nur beschränkt in einer anderen Sprache wiedergegeben werden können. Die Übersetzung verlangt die Berücksichtigung kommunikativer und funktionaler Übereinstimmungen entsprechender Einheiten in beiden Texten, d.h. den System- und Funktionsvergleich, der nach OHNHEISER (1990: 80) als mögliche Vorleistung der vergleichenden Stilistik betrachtet werden kann. Da zwischen dem Ausgangs- und dem Übersetzungstext im Prinzip keine völlige Identität bestehen kann, bedeutet die Übersetzung eines Okkasionalismus stets eine möglichst adäquate Wiedergabe der okkasionellen Struktur und des Inhalts mit den Mitteln der Zielsprache. Sie steht erstens in direkter Beziehung zu den Äußerungen, die den okkasionellen Benennungen zugrunde liegen, zweitens zur Produktivität entsprechender oder ähnlicher Modelle in der Zielsprache und hängt drittens eng mit den Kontrasten zusammen, die durch die unterschiedlichen Wertesysteme beider Kulturen begründet sind. Bei der Übersetzung sollten zudem optimalerweise sowohl

4 52 R. G. Gataullin der denotative Bedeutungskern als auch die Konnotationen übereinstimmen; folglich müssen Bedeutung, Form und Konnotiertheit als untrennbare Einheit behandelt werden. Dabei kann bei der Konfrontation entweder die Bedeutungsseite (Äquivalenz) oder die Formseite (Kongruenz) okkasioneller Einheiten als Ausgangspunkt des Vergleichs gewählt werden. Es muss auch in Betracht gezogen werden, wie Ad-hoc-Bildungen der Ausgangssprache mit Hilfe einer stilistisch adäquaten Übersetzung in der Zielsprache ihren Niederschlag finden können, um die für den muttersprachlichen Rezipienten bestimmten Informationen auch für den Rezipienten in der Zielsprache zugänglich zu machen. Für das richtige Übersetzen okkasioneller Wortbildungskonstruktionen sind somit drei Faktoren relevant: sprachliche Kenntnisse, aus der Textoberfläche nicht immer direkt abzuleitende Hintergrundkenntnisse sowie kulturspezifisches, soziokulturelles, historisches, wirtschaftliches und politisches Weltwissen. 4. Deutsch-russische Übersetzungen Die Übersetzung von deutschen Ad-hoc-Bildungen ins Russische ruft eine Menge von Schwierigkeiten hervor, die sowohl durch die systemhaften Besonderheiten beider Sprachen als auch durch kulturelle Unterschiede zwischen den Sprachgemeinschaften bedingt sind. Im Gegensatz zur russischen Sprache ist die deutsche analytisch angelegt und zeichnet sich durch den Gebrauch grammatischer Hilfselemente, den Verlust der Flexion sowie die Bevorzugung von Nominalisierungen und Mehrfachkomposita aus. Das bedeutet für Deutschlerner, deren Muttersprache wie das Russische synthetisch angelegt ist, mehr Arbeit am Wortbildungssystem. Die Explikation dieser Unterschiede zwischen der deutschen und der russischen Sprache besitzt große Bedeutung für die sprachliche Translation im Besonderen und damit auch für den Fremdsprachenunterricht im Allgemeinen, denn die Übersetzung stilistisch markierter Wortbildungskonstruktionen setzt das Verständnis allgemeiner sprachproduktiver und -rezeptiver Strategien voraus. Es besteht kein Zweifel, dass bei der Feststellung von Äquivalenzbeziehungen außer formalen, semantischen und stilistischen Faktoren auch die Stellung des Wortes in Betracht gezogen werden muss. Daher muss man von einer strukturellsemantischen und einer funktional-normativen Bedeutungsäquivalenz

5 Übersetzungsprobleme bei Wortbildungskonstruktionen 53 sprechen. Die erste umfasst die zwischensprachliche Identität des Komponentenbestandes bei Übereinstimmung der logisch-semantischen Formen der Realisierung, bei der zweiten geht es um die den Einheiten der Ausgangssprache stilistisch adäquate Lösungen. In der Übersetzungstheorie unterscheidet man in der Regel drei Grundtypen der Äquivalenz zwischen lexikalischen Einheiten: totale (vollständige), partielle (teilweise) und fehlende Übereinstimmung (Nulläquivalenz) Äquivalenzformen Als totale Übersetzungsäquivalenz bezeichnet man identische denotative Bedeutungen und totale Identität der pragmatisch-stilistischen Bedeutungskomponenten bei formal-struktureller Gleichheit. Unter Berücksichtigung des Komponentenbestandes der Mehrfachkomposita und ihrer Übersetzungslösungen kann man von formalen Entsprechungen (eine Zusammensetzung der Ausgangssprache wird als Zusammensetzung in der Zielsprache übersetzt, eine Ableitung im Ausgangstext als Ableitung im Zieltest) oder einer formalen Nicht-Entsprechung (eine Zusammensetzung der Ausgangssprache wird als Ableitung, Simplizium oder syntaktische Wortverbindung in der Zielsprache wiedergegeben) sprechen. Dabei bestehen zielsprachliche syntaktische Wortverbindungen aus denselben Komponenten; sie können auch durch andere Wörter erweitert werden. Zum größten Teil entspricht einem Kompositum oder Derivat eine erweiterte Umschreibung mit einem anderen sprachlichen Bild der Zielsprache. Unterschiedliche Kombinationen von formalen und denotativ-konnotativen Aspekten in Übersetzungslösungen ergeben verschiedene Varianten der Äquivalenz. Als absolut gilt dabei im Prinzip nur ein geringer Teil strukturell-semantischer Übersetzungsvarianten, denn nur in wenigen Fällen können auch Bestandteile der Wortbildungskonstruktionen in beiden Sprachen hinsichtlich ihrer konnotativen Qualität verglichen werden, etwa Selbst-tätig-keit: само-деятель-ность Ur-bild: прото-тип. (GOVERDOVSKIJ 1989: 30) Dabei fallen die Träger von Konnotationen (Stamm- oder Derivationsmorphem) in den zu vergleichenden Sprachen nicht immer zusammen: Dünkel (buchsprachliche Konnotation des Stammmorphems): cамо-мне-ние (alle drei Elemente sind markiert) kurabel, akzeptabel, diskutabel (Konnotation der Neuheit): дискутабельный (scherzhafte

6 54 R. G. Gataullin Konnotation durch das fremde Derivationsmorphem). Bei vielen Entsprechungen ist die Äquivalenz nicht vollständig: Man hat mit spezifischen denotativ-signifikativen oder konnotativ-pragmatischen Unterschieden zu rechnen. Außerdem muss bei totaler Äquivalenz die Frage gestellt werden, ob durch solche Einheiten auch schon eine vollständige kommunikativ-situative Äquivalenz erreicht wird. Daher wird von einigen Linguisten das Vorhandensein einer totalen Übersetzungsäquivalenz und damit auch die Möglichkeit einer vollständigen Übersetzbarkeit sprachlicher Einheiten grundsätzlich abgestritten, denn nicht einmal im Rahmen derselben Sprache ist eine vollständige Synonymie sprachlicher Ausdrücke möglich. (DRESSLER 1974: 62) Bei der partiellen Äquivalenz lassen sich vier Formen unterscheiden: erstens die totale denotativ-signifikative Bedeutungsidentität, die totale Referenzidentität, die jedoch keine oder nur partielle Identität in der konnotativen Bedeutung aufweist, zweitens die denotativ-signifikative Bedeutungsidentität mit konnotativer Identität ohne Referenzidentität, drittens die partielle Äquivalenz der denotativ-signifikativen Bedeutung mit pragmatisch-konnotativer Identität sowie viertens die partielle denotative Äquivalenz mit partieller pragmatischer Identität. Am häufigsten tritt die partielle Übereinstimmung auf, bei der einer Einheit der Ausgangssprache gleich mehrere semantische Äquivalente in der Zielsprache zugeordnet werden können, z.b. Schemelreiter: бюрократ, человек-кресло, человек-стуль. Von Nulläquivalenz spricht man, wenn entsprechende lexikalische Einheiten der Ausgangssprache in der Zielsprache fehlen. Als ihre Unterarten kommen referentielle, lexikalisch-semantische und stilistisch-pragmatische Nulläquivalenz vor. Die stilistisch-pragmatische Nulläquivalenz manifestiert sich im Fehlen eines entsprechenden Formativs mit korrelierenden stilistischpragmatischen Charakteristiken. Diese Nulläquivalenzen bereiten gerade Nicht-Muttersprachlern bei der Übersetzung literarischer Kunstwerke große Schwierigkeiten, da sie unterschiedliche Verstehens- und Deutungsmöglichkeiten ermöglichen. (REISS 1989: 75) Als Beispiele lassen sich zahlreiche autorenbezogene Wortbildungen anführen, etwa Backpflaumen-Distribution oder Backpflaumen-Distributor (KANT 1971), für die auch in veröffentlichten Übersetzungen keine befriedigende Lösung gefunden wurde. Es gibt für den Vergleich von Ausgangs- und Übersetzungstexten keine allgemeingültigen Kriterien. Zwischen Sprachen bestehen in der Regel nur

7 Übersetzungsprobleme bei Wortbildungskonstruktionen 55 partiell äquivalente Beziehungen. Deswegen ist das Übersetzen ein Optimierungsprozess, in dem eine möglichst optimale Sinneinheit zwischen den beiden Texten angestrebt wird. (STOLZE 1989: 55) Als verlässlicher Bezugspunkt für die Feststellung von semantischen Äquivalenzen und Entsprechungen kann die propositional-semantische Mikrostruktur in ihrer jeweiligen konkreten Ausprägung, in ihrer idiosynkratischen Auswahl, Anzahl und Anordnung der Seme dienen. (WOTJAK/GINSBURG 1987: 68) Die Korrelierbarkeit (partiell) äquivalenter Mittel berücksichtigt vor allem die Strukturunterschiede in beiden Sprachen. Auf dieser Basis kann man zwischen idealer, d.h. vollständiger, und maximaler, also in einem konkreten Fall höchstmöglicher, Äquivalenz unterscheiden. (JÄGER 1975: 19) 4.2. Übersetzungen von Okkasionalismen Obwohl in der Übersetzungstheorie generell davon ausgegangen wird, dass sich jede sprachliche Einheit in eine andere Sprache übersetzen lässt, gibt es für eine Reihe von okkasionellen Wortbildungskonstruktionen keine befriedigenden Übersetzungslösungen. Okkasionalismen einer Sprache lassen sich äußerst selten durch Okkasionalismen in einer anderen Sprache wiedergeben. In diesem Sinne sind sie ein fester Bestandteil der äquivalenzlosen Lexik: Sie bedürfen einer adaptiven Übersetzung, einer Beschreibung oder Transformation. Bei diesen Übersetzungslösungen können alle Typen wortbildender Äquivalente gebraucht werden: absolute wortbildende Äquivalente, die den gleichen denotativen Bezug und begrifflichen Inhalt, gleiche formale Struktur und übereinstimmende funktional-stilistische und expressiv-emotionale Konnotationen aufweisen; partielle wortbildende Äquivalente mit übereinstimmendem denotativen Bezug und begrifflichem Inhalt sowie mit unterschiedlichen Strukturen und Konnotationen und schließlich Äquivalente, bei denen den ausgangssprachlichen Komposita größere Einheiten als das Wort entsprechen, da die Zielsprache keine adäquaten Mittel zur Verfügung stellen kann. Unter Einbeziehung unterschiedlicher Aspekte der Äquivalenz können für stilistisch gefärbte Wortbildungskonstruktionen der deutschen Sprache sechs qualitative Typen von Äquivalenten festgestellt werden.

8 56 R. G. Gataullin Identität Identität bezeichnet die völlige Entsprechung sowohl der Strukturkomponenten als auch der Gesamtbedeutung: Schreiberling писака (schreiben: писать) 1 Politikaster Die Worte zündeln; die Liturgie schlägt um in dumpfen, biergetränkten Aktionismus. (PZ 69/1992: 32) политикан (Politik: политика)... слова воодушевляют; литургия превращается в... акционизм Eine geschickte Nachgestaltung der Wortbildungskonstruktionen der Ausgangsin der Zielsprache kann zur Wiedergabe der Wortstruktur beitragen, würde aber als wörtliche Übersetzung beim russischsprachigen Leser eher den Eindruck von Effekthascherei hinterlassen: Verschlimmbesserung Dichterei ухулучшение стихарня Bei solcher Wortakrobatik liegt trotz Oberflächenidentität gerade keine Äquivalenz und damit eine potentielle Fehler- und Missverständnisquelle für den nichtmuttersprachlichen Sprachbenutzer vor. Diese Pseudoäquivalenzen bedürfen besonderer Aufmerksamkeit im Fremdsprachenunterricht, um Fehlübersetzungen bzw. -interpretationen vorzubeugen. Nicht zufällig werden ähnliche Wortbildungskonstruktionen von den meisten Studenten durch syntaktische Umschreibungen wiedergegeben, in denen auf leximatische Identitäten verzichtet wird. Dadurch lassen sich bestimmte strukturelle Asymmetrien zwischen Ausgangssprache und Übersetzung erklären. Die vollständige Entsprechung kommt bei Wortbildungen mit internationalen Derivationsmorphemen vor: Die Super-Adler aus Nigeria (Bild, ) Футболисты из Нигерии, называющие себя супер-орлами, превратились в супер-слонов: 1 Soweit nicht anders vermerkt, handelt es sich bei den Übersetzungen um von Studenten verfasste Texte.

9 Übersetzungsprobleme bei Wortbildungskonstruktionen 57 они затоптали команду Аргентины. (Radio Moskau ) Morphematische Variabilität Die zweite Variante ist gekennzeichnet durch morphematische Variabilität im Komponentenbestand bei völliger Gleichheit der Gesamtbedeutung und des Derivationsmodells. Miteinander heißt daher vor dem Hintergrund menschenverachtender Anschläge blinder Radikalinskis eine von uns gestartete... Plakataktion... (Deutsche Welle ) prüde Parteitiere (HTB ) слепые радикалы чванливые партшишки Unvollständige Identität Diese Variante liegt vor, wenn einer Wortbildungskonstruktion eine Wortverbin-dung mit gleichen Komponenten bei totaler denotativ-signifikativer und wertend-pragmatischer Bedeutungs- und Referenzidentität entspricht. Mineralsekretär Schwarz-Weiß-Denken (FAZ, ) минеральный секретарь черно-белое мышление Unvollständige Entsprechung Hierbei handelt es sich um eine unvollständige Entsprechung im Komponentenbestand bei Wahrung der denotativen und konnotativ-pragmatischen Bedeutung.

10 58 R. G. Gataullin Im Parlament sitzen immer noch die alten Parteifürsten, die sich jetzt freilich als kirgisische Patrioten gebärden. (FAZ, ) В парламенте сидят те же самые старые партийные боссы, которые теперь выдают себя за киргизских патриотов. Die Übersetzung verwendet für die Wiedergabe von Wortbildungskonstruktionen synonymische oder kontextuell synonymische Einheiten innerhalb einer Wortver-bindung, beispielsweise: Keine Sektlaune bei Rotkäppchen. 300 Mitarbeiter müssen gehen. (HTB )... daß ihr Land das überregionale Politik- Mahl vorwiegend mit Geschmacksverderben würzte. (HTB, 28/ ) Плохое настроение у производителей шампанского Роткепхен. 300 сотрудников вынуждены уво-литься.... что их земля поставляет надрегиональной политической кухне прежде всего специи, отбивающие аппетит; политическая пища Partielle Übereinstimmung Die Übersetzung zeigt partielle Übereinstimmung im Komponentenbestand bei wesentlichen Abweichungen in der denotativen und konnotativen Gesamtbedeutung, wobei die zusätzlich vorhandenen spezifisch semantischen Merkmale in der Zielsprache verlorengehen. Was planen Sie in Zukunft gegen die vielen Blau-Fahrer? Es gibt täglich in der Stadt Alkohol-Razzien. (BILD ) Что вы намереваетесь делать в будущем против пьяных водителей? В городе проводятся ежедневно облавы против пьяных водителей. Entsprechende Konnotationen können nur außerhalb der Wortgrenze wiedergegeben werden, da im Russischen ähnliche ganzheitliche Konstruktionen nicht möglich sind, vgl. auch:... das Endprodukt dieser Vordermann-Politik... политика всегда быть впереди / политика превосходства

11 Übersetzungsprobleme bei Wortbildungskonstruktionen 59 (BÖLL 1987: 19) / политика ведущей страны Keine Entsprechung In einigen Fällen lassen sich für den Text in der Ausgangssprache keine Entsprechungen in der Zielsprache finden. Dabei können zwei Formen unterschieden werden. Im ersten Fall gibt es keine denotativ-signifikative Übereinstimmung im Komponentenbestand. Die Übersetzungsvariante kann sich in der pragmatischen Funktion und in der stilistischen Färbung unterscheiden. Einer, für den der vorweihnachtliche Einklau-Bummel auf dem Polizeirevier endete, ist M. (AB, ) M. является одним из тех, кто закончил свою предрождественскую вылазку за легкой добычей в полицейском участке. Hier ist besonders die informationelle Redundanz des Russischen zu beachten, die die Gestalt einer Wortverbindung angenommen hat. Das zeugt u.a. davon, dass der informationelle Synkretismus der synthetischen Sprachen prinzipiell der informationellen Diskretheit der analytischen Sprachen gegenübersteht. Im zweiten Fall gibt es keine Entsprechung im Komponentenbestand und keine denotative Äquivalenz; es wird nur der konnotativ-pragmatische Aspekt der Einheit in der Ausgangssprache berücksichtigt: Späth-Zündung 2 (MZ ) новые надежды, возрождение Цейса Solche Übersetzungslösungen kommen bei der Translation von Überschriften und dephraseologischen Einheiten vor, deren phraseologische Basis in der russischen Sprache keine direkten Entsprechungen haben: der Versuch, den Fußballhimmel zu stürmen... быть наверху блаженства после победы на футбольном чем-пионате... 2 Das Wortspiel bezieht sich auf das technische Fachwort Spätzündung und den ehemaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Lothar Späth, der 1991 die Leitung der Jenoptik Carl Zeiss Jena GmbH übernahm und das Unternehmen 1996 an die Börse führte.

12 60 R. G. Gataullin Er ist im siebten Fußballhimmel. Он на футбольном небе. Ähnliche Übersetzungsvarianten kommen auch bei der Übersetzung von remotivierten Einheiten, die in einem Kontext die ursprüngliche Bedeutung ihrer Komponenten aktivieren, und bei der Übersetzung von auf Kontaminationen und Wortspielen beruhenden Strukturen vor: Nachdenken, ihr nach-denken. Der Versuch, man selbst zu sein. So steht es in ihren Tagebüchern, die uns geblieben sind. (WOLF 1986) Lieber ein Glas Gorbatschow als einen Topf voller KOHLsuppe. Размышлять, думать. Эти слова можно найти ее дневниках, оставленных для потомков. Лучше стакан водки Горбачев, чем полные миски щей; лучше иметь дело с Горбачевым, чем получать миску супа от Коля. Am häufigsten tritt die partielle Übereinstimmung auf, wenn einer Wortbildungs-konstruktion der Ausgangssprache gleich mehrere Äquivalente in der Zielsprache zugeordnet werden können. Alle möglichen Arten der partiellen Äquivalenz sind Quasiäquivalente. (STEPHAN 1988: 77) Dass eine vollständige oder partielle Äquivalenz nicht immer erreichbar ist, hängt damit zusammen, dass das wortbildende System der Zielsprache hinsichtlich stilistisch gefärbter Modelle der Ausgangssprache zahlreiche Unterschiede und Lücken aufweist. Die translato-rische Ausfüllung dieser Lücken kann durch unterschiedliche Methoden wie den Gebrauch neutraler Wortbildungsmodelle oder die Anwendung von Wortgruppen erreicht werden. Es ist dabei damit zu rechnen, dass ein Teil der simultan präsenten Eigenschaften in der Übersetzung aufgegeben wird, um den anderen Teil zu bewahren. Es ist nicht immer eindeutig zu entscheiden, welche Informationsanteile der zu übersetzenden sprachlichen Einheiten in den ziel-sprachlichen Texten unbedingt erhalten werden müssen und welche variiert oder gar geopfert werden können: Auftraggeber mit Schnapshinterhalt господин водкодатель

13 Übersetzungsprobleme bei Wortbildungskonstruktionen 61 Knüppelsuppe mit Rutenpfeffer суп из розог да березовая каша Anhand der Beispiele lassen sich außer den Konstruktionsumwandlungen auch andere im Sprachsystem begründete Änderungen illustrieren, etwa die Wahl eines Äquivalents mit veränderter Merkmalsstruktur (Rutenpfeffer березовая каша, wörtlich: Birkenbrei). KADE spricht von obligatorischen und nicht obligatorischen Änderungen im zielsprachlichen Text gegenüber dem Ausgangstext. Nicht-obligatorische Änderungen sind entweder fakultativer oder subjektiver Art, zu den obligatorischen gehören Änderungen als Folge von Unterschieden in der system-immanenten Sprachstruktur, Änderungen als Folge von Unterschieden in der normgerechten Auswahl lexikalischer Einheiten und Änderungen als Folge von Unterschieden in makrotextuellen Eigenschaften. Sie ergeben sich durch verschie-denen grammatischen Aufbau und unterschiedliche stilistische Normen. In diesen Änderungen spiegeln sich kommunikativpragmatische Gepflogenheiten der Texterzeugung wider, die als sprachlicher Usus im Bereich der Sprachver-wendung liegen und die Texterzeugung als sprachlichen Prozess betreffen. (KADE 1980: 175 ff) Hinzu kommen noch national-kulturelle Eigenheiten der Sprach-gemeinschaften, ihre bevorzugten Ausdrucksweisen. Ausgehend von diesen Änderungen kann man von konnotativen, denotativen oder denotativ-konnotativen Verlusten (Entstellungen) sprechen. In allen Fällen geht es darum zu gewähr-leisten, dass die Informationsverluste denotativer wie konnotativer Art so gering wie möglich gehalten werden. denotative Einstellung: Gerechtigkeitsprediger Himmelsspeck dogmatischer Flohknacker konnotative Einstellung: Fressmaschine (grob) Eherevier (scherzhaft) Kautabakbewusstsein работник справедливости небесное достояние догматик крахобор сенодробника (terminologisch) спальня (neutral) обывательская психология denotativ-konnotative Einstellung: Bullert suchte sich Wortblumen für Буллерт срывал цветы для

14 62 R. G. Gataullin den Strauß seiner Rede zusammen. (STRITTMATTER 1973: 230) букета своей речи. Die Verluste konnotativer und denotativer Art können vollständig oder partiell sein. Bei der Übersetzung stilistisch markierter Wortbildungskonstruktionen treten häufig konnotative und denotativ-konnotative Entstellungen auf, da die Unterschiede im Bereich der konnotativen Bedeutungen von lexikalischen Einheiten in beiden Sprachen wesentlich größer sind als im Bereich der denotativen Bedeutungen. Identische lexikalische Einheiten können in ihren begrifflichen Bedeutungen stark auseinandergehen. Die Inkongruenz der konnotativen Bedeutungen der Wörter in der Ausgangs- und in der Zielsprache hat die Unvermeidlichkeit der Verluste (BARCHUDAROV 1979: 126) zur Folge, die sich vor allem in der Wiedergabe stilistisch markierter Wörter der Ausgangssprache durch neutrale Zielsprachenwörter äußert: Als wir Abschied nahmen, sagte sie Gute Nacht!, und ich sagte, glaube ich, Aber sicher! In diesem Wolfston wie jetzt? Schon möglich. (KANT 1971: 321) Что же она сказала? Что же ты сказал, когда прощались? - Она сказала: Спокойной ночи, - а я, кажется сказал: Бесспорно! - Таким же злым голосом, как сейчас? - Вполне возможно. (KANT 1968: 268) Hier repräsentiert die russische Wortverbindung злым голосом zum Teil jedoch unter Verzicht auf die emotionale Bedeutung die begriffliche Komponente des deutschen Wolfston. Die Aufgabe der Übersetzers besteht u.a. darin, diese Verluste zu minimieren: Die literarischen Schönschreiber haben es leichter: die unan-genehme Tatsache wird ver-schwiegen. (REINERS 1991: 38) Литератором, умеющим изображать все в розовом свете, легче: о неприятных фактах они могут умалчивать. literarische Schönschreiber литератор-лакировщик (verächtlich), литератор-краснобай, литературный льстец Die Hauptwörterei ist die Чрезмерное употребление су-

15 Übersetzungsprobleme bei Wortbildungskonstruktionen 63 Mutter der abstrakten Phrase. (REINERS 1991: 113) ществительных основа абстрактной фразы. Am Morgen hinaus zur Arbeit, am Abend hinein ins Drei- Zimmer-Glück. Vom Arbeiterschließfach zur Bauhaus-Siedlung: Ha-Neu soll umgebaut werden. (FAZ-Magazin ) По утрам уезжаешь на работу, по вечерам обратно в свое счастье в виде трехкомнатной квартиры. Die stilistische Charakteristik der Sätze wird vor allem durch die Wörter Schönschreiber, Hauptwörterei, Drei-Zimmer-Glück geprägt, die in der russischen Übersetzung durch neutrale Wörter und Wortgruppen wiedergegeben werden. Die Verluste werden im Satz, im Kontext durch zusätzliche lexikalische Explikationen bzw. Expansionen kompensiert. Solche Einfügungen, die vor-genommen werden, um eine Deckungsgleichheit des Textes in der Ausgangs- und in der Zielsprache zu erreichen, können in der Regel nur den begrifflichen Teil des Verlustes kompensieren, während die konnotativen Elemente voll und ganz verlorengehen. Die diesen Änderungen zugrunde liegenden Regularitäten in den Beziehungen zwischen den beteiligten Sprachen bezeichnet KADE (1980: 176) als mikrotextuelle Äquivalenzbeziehungen, weil sie durch die Eigenschaften von Gliederungseinheiten des Sprachsystems determiniert sind. Von diesen Verlusten sind subjektiv bedingte falsche Übersetzungen wie Schlachthausgeräusche воинственные домашние шумы 3 zu unterscheiden. In manchen Fällen können solche falschen Übersetzungen jedoch zweckmäßig für die Erreichung von bestimmten Assoziationen sein: Einmal hatte eine der Schülerinnen auf seine Frage, wo ihr Vater arbeite, geantwortet, er sei im geistigen Bereich tätig, und Robert hatte dazu gesagt: Он спросил одну школьницу, что делает ее отец, а та ответила, что он человек умственного труда, головой работает. - А, понятно в цирке на голове 3 Als Grundwort der Zusammensetzung wird Hausgeräusche betrachtet: Hausgeräusche wie bei einer Schlacht.

16 64 R. G. Gataullin Ah, da ist er wohl Hutmacher! Seitdem nannte er die Internatsbewohner nur noch Hutmachergören. (KANT 1971: 44) ходит! - воскликнул Роберт. И с тех пор звал интернатских циркачами. (KANT 1968: 40) Das ist ein markantes Beispiel für eine gut gelungene freie Übersetzung, da die spezifischen Assoziationen der Ausgangssprache durch denotatsnahe Entsprech-ungen erreicht werden können. 5. Probleme der Übersetzung von Okkasionalismen Die genannten Übersetzungsschwierigkeiten stehen zum einen mit nationalkulturellen Eigenständigkeiten bildlicher Spracheinheiten in Zusammenhang, denn Bilder werden in verschiedenen Sprachen auf unterschiedliche Weise durch Wörter zum Ausdruck gebracht. Zum anderen sind sie durch Besonderheiten des Sprachsystems, durch die innere Organisation einzelner Wortbildungsmittel zu erklären. Diese Spezifik ist auf Besonderheiten der Nominationsmechanismen und auf den prinzipiell isomorphen Bau des Wortbildungssystems zurückzuführen, da die Fixierung der gesetzmäßigen Beziehungen und der dafür zur Verfügung stehenden Formen in beiden Sprachen unterschiedlich ist. Auf der Ebene der Wortbildungssysteme erweisen sich die Unterschiede als wesentlich, die ganze Teilsysteme und bestimmte semantische Felder betreffen, etwa Umfang oder funktionale Schichtung der Lexik. Für die Übersetzung stilistisch markierter Wortbildungskonstruktionen spielt die expressive Lexik eine zentrale Rolle. Sie befriedigt Bedürfnisse der Sprecher im Bereich der expressiv-wertenden Nomination, d.h. in der Benennung von Sachverhalten vom Standpunkt der subjektiv interessierten Kommunikationsteilnehmer aus. In beiden Sprachen gehören phraseologische und semantische Derivation und Wortbildung, deren Rolle in stilistischer Nomination verschiedenartig repräsentiert ist, zum System der expressivwertenden Nomination. (REJCHŠTEJN 1985: 72 f) Es ist anzunehmen, dass sich ihre einzelnen Arten gegenseitig ergänzen. Deswegen können sich die genannten Arten expressiver Nomination in beiden Sprachen im Einzelnen nicht decken. Es gibt zwar keine Eins-zu-Eins-Entsprechung zwischen den Teilsystemen, dennoch befindet sich das Gesamtsystem im Gleichgewicht, da

17 Übersetzungsprobleme bei Wortbildungskonstruktionen 65 der Mangel des einen Systems durch den Reichtum des anderen kompensiert wird. Beispielsweise ist das System der verbalen expressiven Nominationen der deutschen Sprache viel ärmer als das der russischen. Dagegen ist das System der verbalen Phraseologie im Deutschen viel reicher. (REJCHŠTEJN 1980: 169) Verschiedene Möglichkeiten der stilistischen Nomination sind mit den semantischen Eigenarten der beiden Sprachen verbunden, mit ihrer Fähigkeit, die Welt auf diese oder jene Weise zu strukturieren. Dadurch sind auch die unterschiedliche Produktivität der expressiven Nomination durch die Wortbildung, die Zahl und Struktur expressiv markierter Modelle und die Metaphorisierungsprozesse zu erklären. Die vergleichende Analyse der expressiven Wortbildungssysteme der beiden Sprachen zeigt, dass sie eine tiefe qualitative Ähnlichkeit wichtiger wortbildender Charakteristiken aufweisen. Diese Ähnlichkeit, die das Verständnis und die adäquate Übersetzung erleichtert, betrifft im Wesentlichen folgende Aspekte: die Hauptverfahren der Wortbildung, die semantischen Mechanismen und Derivationsbasen, die thematische Zugehörigkeit des Komponentenbestandes, typische Muster, die Wahl morphologischer Strukturen und ihre Realisierung in der Zusammensetzung und Ableitung. Jedoch verfügt das System der expressiv-wertenden Wortbildung der russischen Sprache im Vergleich zum System der deutschen Sprache über eine bedeutend größere Menge expressiver Affixe, die im Deutschen zum Teil durch das Vorhandensein einer größeren Zahl von Halbaffixen (d.h. frequentierten Komponenten der Zusammensetzung) kompensiert wird. Den etwa 170 expressiven substantivischen, verbalen und adjektivischen Affixen der russischen Sprache stehen etwa 40 deutsche Affixe mit ähnlicher Bedeutung gegenüber, davon 24 Affixe im Bereich der Substantive. Beispiele für russische und deutsche Affixe sind etwa: -ок (голосок), -очек (дружочек), -юш (заюшка), -ишка (воришка), -онк (душонка), -ин (домина), -ун (болтун), -ак (зевака), -ан (критикан), -л (воротила), -яг (скупяга), -як (добряк); -bold (Raufbold, Streitbold), -rich (Gatterich, Senderich), -ian (Liedrian), -i (Kau-Dummi, Neubundi, Alki), -o (Realo, Mollo), -e (Rutsche, Sage), -ling (Dichterling), -ei (Schnüffelei). Vgl. auch die Tabelle: Sprache Redeteile

18 66 R. G. Gataullin Substantiv Verb Adjektiv Affix Halbaffi Affix Halbaffix Affix Halbaffix x Deutsch Russisch Diese Zahlen zeigen lediglich das allgemeine, prinzipielle Verhältnis der wortbildenden expressiven Nomination, sagen jedoch nichts über die Ausdrucksfähigkeit der Sprache aus. Die kleinere Zahl stilistisch gefärbter Affixe wird in der deutschen Sprache durch eine größere Zahl stilistisch gefärbter Halbaffixe kompensiert. (STEPANOVA 1979: 534) Groß sind hingegen die Unterschiede in der Produktivität und in der Funktion der Affixe sowie in ihren Ver-knüpfungsmöglichkeiten. Den praktisch uneingeschränkten Möglichkeiten der deutschen Zusammensetzung, nach dem der größte Teil von expressiv markierten usuellen und okkasionellen Einheiten gebildet wird, stehen nur wenige produktive Modelle des Russischen gegenüber, wodurch die Schwierigkeiten bei der kon-frontativen Behandlung von Zusammensetzungen verursacht werden: Die Komposta der deutschen Sprache erfordern, in eine andere Sprache übersetzt, zuweilen einen ganzen Satz oder wenigstens ein artikuliertes Syntagma als inhaltliche Entsprechung. (ZEPIC 1970: 32) Die im Bereich der Sprachverwen-dung liegenden Unterschiede bei der Auswahl sprachlicher Mittel, welche die Übersetzung okkasioneller Wortbildungskonstruktionen so schwierig gestaltet, sind systemhafter Natur. Literatur Anz, Thomas (Hrsg.) (1991): Es geht nicht um Christa Wolf. Der Literaturstreit im vereinten Deutschland. München. Barchudarov, Leonid S. (1979): Sprache und Übersetzung. Leipzig. Böll, Heinrich (1987): Feindbild und Frieden. Schriften und Reden, München. 4 Nach FLEISCHER/BARZ (1995), STEPANOVA (1979), RIESEL (1975), REJCHŠTEJN (1980). 5 Nach GRAMMATIKA (1970), VINOGRADOVA (1992), VINOKUR (1980).

19 Übersetzungsprobleme bei Wortbildungskonstruktionen 67 Dressler, Wolfgang U. (1974): Der Beitrag der Textlinguistik zur Übersetzungswissenschaft. In: Kapp, Volker (Hrsg.): Übersetzer und Dolmetscher. Heidelberg: Fleischer, Wolfgang; Barz, Irmhild (1995): Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache. Tübingen. Grammatika (1970): Svedova, Natal'ja: Grammatika sovremennogo russkogo literaturnogo jazyka. Moskva. Groeben, Norbert; Christmann, Ursula (1989): Textoptimierung unter Verständlichkeitsperspektive. In: Antos, Gerd; Krings, Hans P. (Hrsg.): Textproduktion. Tübingen: Hönig, Hans G.; Kussmaul, Paul (1982): Strategie der Übersetzung. Ein Lehr- und Arbeitsbuch. Tübingen. Jäger, Gert (1975): Translation und Translationslinguistik. Halle. Kade, Otto (1980): Die Sprachmittlung als gesellschaftliche Erscheinung und Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung. Leipzig. Kant, Germann (1968): Aktovyj zal. Moskva. Kant, Hermann (1971): Die Aula. Berlin. Koller, Werner (1972): Grundprobleme der Übersetzungstheorie. Unter besonderer Berücksichtigung schwedisch-deutscher Übersetzungsfälle. Berlin. Königs, Frank (1989): Übersetzen und Fremdsprachenunterricht. In: Königs, Frank (Hrsg.): Übersetzungswissenschaft und Fremdsprachenunterricht. München: Ohnheiser, Ingeborg (1990): Überlegungen zu Gegenstand und Methoden der Sprachkonfrontation im Bereich der Stilistik. In: Das Wort. Germanistisches Jahrbuch DDR-UdSSR: Rejchštejn, Aleksandr D. (1980): O frazoobrazovatel'nych osobennostjach nemeckogo i russkogo jazykov. Voprosy slovoobrazovanija i frazoobrazovanija v germanskich jazykach. Moskva: Rejchštejn, Aleksandr D. (1985): O mechanizmach ekspressivno-ocenočnoj nominacii v sovremennom nemeckom jazyke. Slovoobrazovanie i problemy nominacii v germanskich jazykach. Gor'kij:

20 68 R. G. Gataullin Reiners, Ludwig (1991): Stilkunst. Ein Lehrbuch deutscher Prosa. München. Reiss, Katharina (1989): Übersetzungstheorie und Praxis der Übersetzungskritik. In: Königs, Frank (Hrsg.): Übersetzungswissenschaft und Fremdsprachenunterricht. München: Riesel, Elise (1975): Deutsche Stilistik. Moskau. Snell-Hornby, Mary (1989): Eine integrierte Übersetzungstheorie für die Praxis des Übersetzens. In: Königs, Frank (Hrsg.): Übersetzungswissenschaft und Fremdsprachenunterricht. München: Snell-Hornby, Mary (1989a): Andere Länder, andere Sitten. Zum Problem der kulturbedingten Interferenz in der Translation. In: Schmidt, Heide (Hrsg.): Interferenz in der Translation. Leipzig: Stepanova, M. D. (1979) (Hrsg): Slovar' slovoobrazovatel'nych elementov nemeckogo jazyka. Moskva. Stephan, Brigitte (1988): Zur kommunikativen Relevanz von phraseologischen Einheiten im Russischen und Deutschen. In: Wissenschaftliche Zeitung der Universität Halle, 37/1: Strauß, Gerhard; Haß, Ulrike; Harras, Gisela (1989): Brisante Wörter. Ein Lexikon zum öffentlichen Sprachgebrauch. Berlin, New York. Strauß, Gerhard; Zifonun, Gisela (1985): Die Semantik schwerer Wörter im Deutschen. Tübingen. Strittmatter, Erwin (1971): Ole Binkop. Moskva. Strittmatter, Erwin (1973): Ole Bienkopp. Berlin. Vermeer, Hans J. (1986): Übersetzen als kultureller Transfer. In: Snell- Hornby, Mary (Hrsg.): Übersetzungswissenschaft Eine Neuorientierung. Zur Integrierung von Theorie und Praxis. Tübingen: Vinogradova, Valentina N. (1992): Stilistika russkogo slovoobrazovanija. Franfurt/M. Vinokur, Tat'jana G. (1980): Zakonomernosti stilističeskogo ispol'zovanija jazykovych edinic. Moskva. Wolf, Christa (1986): Kassandra. Frankfurt/M.

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