Dossier Die Leipziger Schule der Übersetzungswissenschaft

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1 Dossier Die Leipziger Schule der Übersetzungswissenschaft 1. Einleitung 2. Gesetzmäßigkeiten in der Übersetzung (Otto Kade) 3. Translation und Translationslinguistik (Gert Jäger) 4. Pragmatische Aspekte der Übersetzung (Albrecht Neubert) 5. Zusammenfassung 6. Bibliographie 1

2 1. Einleitung Vor mehr als 50 Jahren nahm die so genannte "Leipziger Schule" ihren Anfang in der Messestadt. Als bedeutsame Ausbildungsstätte für Dolmetscher und Übersetzer, aber auch als eines der Zentren für Fachsprachenforschung machte sich die damalige Karl-Marx-Universität schnell einen Namen und gab ab 1965 sowohl auf der alle fünf Jahre stattfindenden Tagung zu den "Grundfragen der Übersetzungswissenschaft" als auch in diversen Fachzeitschriften Antworten auf Fragen im Bereich der Übersetzungswissenschaft. Als entscheidende Vertreter dieser Leipziger Schule werden heute vor allem Gert Jäger, Albrecht Neubert und Otto Kade angesehen. So wurde sich in Leipzig mit verschiedenen Themen zur Problematik der Übersetzung auseinander gesetzt. Dazu gehörten u.a. Gesetzmäßigkeiten in der Übersetzung, das Prinzip der Sprachmittlung, Äquivalenzbeziehungen oder auch pragmatische Aspekte, die beim Übersetzen eine Rolle spielen. In der universitären Ausbildung gab es dabei vier Hauptsprachen: Englisch, Französisch, Russisch und Spanisch, wobei zu sagen ist, dass vor allem bei Jäger und Kade viele Erklärungen anhand von Beispielen aus dem Russischen gegeben wurden, wohingegen Neubert sich in seinen Untersuchungen zur Pragmatik auch aufs Englische bezieht. In den Schriften der Leipziger wird den externen Umständen bzw. den extratextuellen Faktoren der Übersetzung zwar eine gewisse Rolle zugesprochen, jedoch wird vor allem die Bedeutung der als Verstehensvoraussetzungen bezeichneten Faktoren sowie die kommunikative Äquivalenz hervorgehoben, wobei die Suche nach Gesetzmäßigkeiten und die Betonung linguistischer Aspekte nicht weniger entscheidend waren. Im Folgenden soll ein kurzer Überblick über einige der wichtigsten Schriften von Otto Kade, Gert Jäger und Albrecht Neubert. Dabei kann hier jedoch nur eine kleine Auswahl getroffen werden. 2. Gesetzmäßigkeiten in der Übersetzung (Otto Kade) In seiner Schrift Zufall und Gesetzmäßigkeit der Übersetzung" (1968) unternahm Otto Kade den Versuch, herauszufinden, ob die Lösung von Übersetzungsproblemen einer gewissen Gesetzmäßigkeit unterliegt oder ausschließlich als individuelle Leistung zu betrachten ist" (ebd. 1968:7). Sein Ziel war es, den Vorgang des Übersetzens als Prozess zu beschreiben, wobei sich für ihn auch die Frage stellte, inwiefern individuelle Einflüsse des Übersetzers als 2

3 Faktor eine Rolle spielen und welche nicht und ob diese subjektiven Faktoren zufällig sind oder ob man sie anhand von Gesetzmäßigkeiten festmachen kann (vgl. ebd. 1968:7). Aus linguistischer Sicht ist Translation für Kade keine Erscheinung der Sprache (langue), sondern der Rede (parole). Eine Translation stellt für ihn einen konkreten, nicht zu verallgemeinernden Kommunikationsakt dar, bei dem die Mitteilung mithilfe bestimmter Kodes vom Sender zum Empfänger geleitet wird (vgl. Kade 1968: 51). Dabei wird auch betont, dass sprachliche Äußerungen immer unter Beachtung der jeweiligen Situation bzw. vor dem kulturellen Hintergrund zu betrachten sind und dass dieser Umstand auch zur Auswahl der sprachlichen Mittel beiträgt (vlg. Kade 1968:52). Für die Beschreibung der linguistischen Faktoren, die bei der Übersetzung von der Ausgangs- in die Zielsprache eine Rolle spielen, nennt Kade zwei Untersuchungsmethoden: die empirisch-induktive Methode und die hypothetisch-deduktive Methode" (ebd. 1968:95). Erstere spielt sich dabei auf der Beobachtungsebene ab, was bedeutet, dass Ausgangsund Zieltext einander gegenüber gestellt werden und eine Beschreibung dessen erfolgt, was wie übersetzt wurde. Als mangelhaft es sieht Kade hier an, dass der subjektive Einfluss des Übersetzers entscheidend sein kann und das verfügbare Material nur stellvertretend für einen kleinen Teil der möglichen Texte steht (vgl. ebd.: 1968:96). Bei der hypothetisch-deduktiven Methode wiederum geht es nicht um eine bloße Beschreibung von Äquivalenzbeziehungen, sondern um das Erkennen der Struktur in den Relationen zwischen einer L1-Einheit N und sämtlichen L2-Einheiten" (Kade 1968:96), welche mögliche Äquivalente sein können. Damit werden zwar keine Angaben über die Anordnung der Äquivalente gemacht, jedoch wird die Gesamtheit aller theoretisch möglichen Äquivalente gegeben. Wichtig ist anzumerken, dass für jedes Sprachenpaar eine Beschreibung der Äquivalenzbeziehungen in beide Richtungen (L1 L2 sowie L2 L1) notwendig ist. Die Anzahl der potentiellen Äquivalenzbeziehungen betrachtet Kade als endlich und sieht sie aus diesem Grund auch als objektivierbar an (vgl. Kade 1968:97ff.). Abschließend ist an dieser Stelle zu sagen, dass für Kade Translation ein Komplex interlingualer Substitutionen (im 1:1) Bereich und interlingualer Transformationen (im Nicht- 1:1-Bereich)" darstellt, woraufhin es möglich sein sollte, ein Modell zu formulieren, das AS- Einheiten automatisch bestimmte[n] ZS-Einheiten" zuordnet (Kade 1968:100). 3

4 3. Translation und Translationslinguistik (Gert Jäger) Gemeinhin wird Jäger, gerade im Vergleich zu Otto Kade, als abstrakter und theoriebewusster wahrgenommen. Es ist vor allem die durch ihn vorgenommene Betonung der Notwendigkeit linguistischer Kompetenzen, die dazu beitrug, dass die Leipziger Schule besonders mit dieser linguistischen Herangehensweise in Verbindung gebracht wurde (vgl. Gläser in Wotjak 2006:XIV). Aus der Sicht von Jäger handelt es sich aus dem Grund um eine linguistische Disziplin, da die Translationslinguistik insgesamt semiotische, kybernetische, soziolinguistische und psycholinguistische Aspekte aufweist, deren Auftreten nicht primär durch den spezifischen Gegenstand der Translationslinguistik bedingt ist, sondern mit der Sprache und sprachlichen Tätigkeiten (Prozessen) überhaupt zusammenhängt" (ebd. 1975:193, Hervorhebung im Original). Auch wenn die Sprachmittlung, also die übersetzerische Tätigkeit, für Jäger etwas ist, was immer auch unter der Bedingung bzw. im Rahmen bestimmter gesellschaftlicher Gesetzmäßigkeiten auftritt (vgl. ebd.: 1975:64), so stellt die Translation für ihn doch in erster Linie eine spezifische sprachliche Tätigkeit dar und damit sieht er sie auch als eher in der Nähe der kontrastiven Linguistik angesiedelt an, auch wenn bei letzterer alle möglichen Ebenen abgebildet werden sollen, wohingegen bei der Translationslinguistik nur die Teile der entsprechenden Sprache verglichen werden, "die hinsichtlich der als Invarianten 1 bestimmten Bedeutungen relevant sind" (Jäger 1975:198). Für Jäger befindet sich die Translationslinguistik demnach auf einer Ebene mit den vergleichenden Sprachwissenschaften, deren Ziel es ist, die zwischen den Sprachen bestehenden Äquivalenzbeziehungen zu untersuchen und zu beschreiben (vgl. ebd. 1975:194ff.). 4. Pragmatische Aspekte der Übersetzung (Albrecht Neubert) Albrecht Neubert schrieb der Pragmatik bei der Übersetzung eine wesentliche Bedeutung zu. So könne die Übersetzung immer nur dann ihren Zweck erfüllen, wenn sie an die Konventionen der Zielsprache angepasst ist (vgl. Gerzymisch-Arbogast 2009:11). Jede sprachliche Äußerung hat für Neubert auch stets einen pragmatischen Aspekt, es sei denn, der Text hat einen ausschließlich informierenden Wert. Generell ergibt sich die 1 Mit Invarianten sind all diejenigen Elemente gemeint, die zwischen AT und ZT nicht verändert werden sollten. 4

5 Pragmatik jedoch aus den jeweiligen gesellschaftlichen und auch individuellen Bedürfnissen. An dieser Stelle wird vor allem betont, dass bei der Verfassung des Ausgangstextes (AT) das Zielpublikum, welches für eine eventuelle spätere Übersetzung entscheidend ist, nicht mit bedacht wurde bzw. der Text auf das Publikum der ausgangssprachlichen (AS) Kultur gerichtet ist und für ebendieses produziert wurde (Neubert 1968:242f.) Der neue Zieltext (ZT) stellt dann also im gewissen Sinne eine weitere Variante des Originals dar und mit seiner Entstehung erweitert sich auch die Pragmatik des AT. Für den Übersetzer besteht die Schwierigkeit darin, wenn auch Grammatik und Semantik der zielsprachlichen (ZS) Norm entsprechen müssen, den Effekt des Originals zu bewahren und dies bezieht sich eben auf die Pragmatik (vgl. Neubert 1968: 244). Dass "Weglassungen, Ergänzungen, Umstellungen, Schwerpunktverlagerungen usw." (Neubert 1968:246) damit gezwungenermaßen einhergehen, auch wenn sich das Autor des AT daran stören würde, lässt sich nicht vermeiden, denn der Übersetzer muss sicherstellen, dass der neue Text für die Person der ZS-Kultur den gleichen Wert bzw. Effekt hat. Als Beispiel bringt er hier die Bedienungsanweisungen für Maschinen, die für den neuen Nutzer ebenso verständlich und demnach eben auf die ZS-Kultur ausgerichtet sein muss. Interessant ist, dass Neubert an dieser Stelle betont, dass der Übersetzer sich immer im Klaren darüber sein muss, "was mit einer Übersetzung beabsichtigt ist, wem sie dient", dass er sich also am Zweck der Übersetzung zu orientieren hat (Neubert 1968:247). Danach gibt es für ihn vier verschiedene Übersetzungstypen, die jeweils einen unterschiedlichen Zweck erfüllen: Typ I beinhaltet Texte, die in der AS- und in der ZS-Kultur denselben Zweck haben (z.b. technische Literatur); Typ II umfasst Texte, die zunächst keinen konkreten Bezugspunkt zur ZS-Kultur aufweisen, wie z.b. Gesetzestexte; Texte des III. Typs sind z.b. literarische Texte, die zwar für eine AS-Kultur verfasst werden, aber nicht ausschließlich auf diese ausgerichtet sind; als letzten Typ IV nennt Neubert Texte, deren Zweck die Übersetzung selbst ist, z.b. Propagandatexte für das Ausland. Alle Typen weisen dabei eine unterschiedliche Übersetzbarkeit auf. (vgl. Neubert 1968:248f.). Abschließend lässt sich Neuberts Auffassung mit seinen eigenen Worten zusammen fassen, nämlich, dass eine adäquate Übersetzung "die Wahrung der Pragmatik eines Textes A in der Übersetzung B" voraussetzt (ebd.: 1968:244). 5

6 5. Zusammenfassung Die Leipziger Schule gilt gemeinhin als eine Schule stark linguistischer Prägung, die sich den Fragen und Problemen des Übersetzungsprozesses vor allem aus linguistischer Sicht zu nähern scheint. Dabei wurde versucht, Regeln für eine Übersetzung aufzustellen, die möglichst objektiv ist, das heißt, die eine bestmögliche Übersetzung, im besten Falle ohne jeglichen subjektiven Einfluss des Übersetzers, gewährleisten sollte. Gerade Gert Jäger ordnet die Translation in eine eigens dafür geschaffene Disziplin, die Translationslinguistik, ein, da es für ihn vornehmlich ein sprachlicher Prozess ist. Doch es finden sich auch schon in den frühen Werken von Neubert oder Kade Aussagen darüber, dass die sprachliche Tätigkeit allein für die Betrachtung nicht ausreicht. So betont vor allem Neubert die pragmatischen Aspekte und, was aus heutiger Sicht besonders interessant ist, erkennt er bereits die Bedeutung des Übersetzungszweckes an und hebt diese auch hervor. 6

7 6. Bibliographie Gerzymisch-Arbogast, Heidrun (2009): Zur Übersetzungswissenschaft im deutschsprachigen Raum Grundlegende Fragestellungen zur Leipziger Schule. dex.html ( ) Jäger, Gert (1975): Translation und Translationslinguistik. Halle/Saale: VEB Max Niemeyer Verlag. Kade, Otto (1968): Zufall und Gesetzmäßigkeiten in der Übersetzung. Leipzig: VEB Enzyklopädie. Neubert, Albrecht (1968): Pragmatische Aspekte der Übersetzung. Wotjak (2006): Wotjak, Gerd (Hrsg.) (2006): 50 Jahre Leipziger übersetzungswissenschaftliche Schule. Frankfurt am Main: Lang. 7

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