Jahrgang 22 Nummer 1 / 86 September Jahre Sommerkollegs gelebte Sprachenvielfalt

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1 Jahrgang 22 Nummer 1 / 86 September Jahre Sommerkollegs gelebte Sprachenvielfalt

2 9 INHALT Hubert Dürrstein Editorial Sarra Moneir, Ägypten OeAD-Jubiläumsstipendium Ernst Gesslbauer Europa 2020: New Skills for New Jobs oead.news im Gespräch mit Steve Bainbridge, Cedefop Ernst Gesslbauer We mean business Initiative zur Förderung von Praktika Helmut Spitzer Soziale Arbeit gegen Armut in Ostafrika 3 11 Dossier Sommerkollegs. 20 Jahre gelebte Sprachenvielfalt oead.news im Gespräch mit Othmar Huber: Wie alles begann Jana Kusová & Susanne Christof Erlebte Landeskunde als Motivation zum Lernen der Nachbarsprache. Norbert Conti Brauchbare Erfahrungen. Sommerkollegs aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet Tilmann Reuther & Charlotte Khan Wechselhafte Rahmenbedingungen und Entwicklungen. Michael Meznik Ein Format mit Zukunft. Österreichisch-Bulgarisches Sommerkolleg oead-news im Gespräch mit E. Marinković, E.Philipp & H.Scheu Teilnehmer/innen am ersten Tschechisch-Sommerkolleg Andrea Wernig Sommerkolleg Italienisch-Friulanisch-Slowenisch-Kroatisch-Deutsch Liliana Madelska Was Studierende im Sommer lernen möchten Tatyana Vlasyuk Das österreichische Sommerkolleg Modell als Impuls für Deutschland Erich Prunč Das nachhaltige Flair einer Insel. Sommerkollegs für Literarisches Übersetzen Thomas Stiglbrunner, Johanna Peters & Christiane Fitz Das Tandem Eine Erfolgsgeschichte. Das österreichisch-russische Sommerkolleg Ian Innerhofer Das Sommerkolleg in L viv/ukraine als Einstieg Anatoli Berditchevski & Ludmila Waschak Zu zweit geht es besser. Tandem an den Sommerkollegs Zahlen und Fakten 31 OeAD-Hochschultagung 50 Jahre VWU 32 Impressum

3 3 Hubert Dürrstein Editorial Liebe Leserinnen und Leser, rechtzeitig zu Herbstanfang und Semesterbeginn halten Sie die aktuelle Ausgabe der oead.news in Händen, deren Schwerpunkt sich diesmal einem besonderen, auch jahreszeitlich passenden, Jubiläum widmet: 2012 feiern wir das zwanzigjährige Bestehen der Sommerkollegs, eines Programms, das als beispielhaft für die zahlreichen Initiativen zur kulturellen und wissenschaftlichen Kooperation mit den östlichen Nachbarländern gelten kann, die Österreich sehr rasch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 gesetzt hat. Politischem Weitblick und beherztem Engagement ist es zu verdanken gewesen, dass unmittelbar nach der Ostöffnung nicht nur wirtschaftliche Chancen ergriffen wurden, sondern Österreich sich auch und vor allem für die Wiederaufnahme enger nachbarschaftlicher Beziehungen in Bildung und Wissenschaft, Kunst und Kultur eingesetzt hat. Zahlreiche dieser Initiativen haben den Grundstein für Austauschprogramme und universitäre Netzwerke, aber auch Kunstprojekte, Übersetzungen und nicht zuletzt schulische Zusammenarbeit gelegt. Beispielhaft sind die vom OeAD im Auftrag des BMWF betreuten Sommerkollegs aus vielerlei Gründen, von denen mir zwei besonders am Herzen liegen, weil sie auch wegweisend für die zukünftige Zusammenarbeit mit zahlreichen Partnerländern sind: Von allem Anfang an waren die Sommerkollegs nicht auf Kulturexport, sondern auf gleichberechtigtem Austausch aufgebaut: Studierende aus Österreich und jeweils einem Partnerland lernten in der ganz besonderen Atmosphäre der Kollegs Sprache und Kultur des jeweils anderen Lands kennen und schätzen. Daraus können wir heute, auch für den Aufbau von Kooperationen mit außereuropäischen Ländern, viel lernen. Und zweitens fokussierten die Sommerkollegs von Anfang an auf Spracherwerb als Schlüssel zum Verständnis anderer Länder, ihrer Geschichte und Kultur. Und auch hier bestätigt sich: Mehrsprachigkeit kann in unserer globalisierten Welt gar nicht hoch genug bewertet werden. Lesen Sie also mit so viel Vergnügen wie ich die von Felix Wilcek (OeAD) und Eva Philipp (BMWF) zusammengestellten Berichte und Ergebnisse der verschiedensten Teilnehmer/innen und Organisator/innen aus 20 Jahren Sommerkollegs, die österreichische Studierende von Niznij Novgorod im russischen Osten bis auf die kroatische Insel Premuda, vom tschechischen Liberec bis nach Varna ans Schwarze Meer geführt haben. Eine wesentlich jüngere aber vielleicht ebenso wegweisende Initiative hat die OeAD-GmbH 2011 mit der Ausschreibung des OeAD- Jubiläumsstipendiums zur Unterstützung wissenschaftlicher Arbeit rund um globale Demokratisierungsprozesse gesetzt. Ich freue mich besonders, Ihnen mit Sarra Moneir Ahmed aus Ägypten die erste OeAD-Jubiläumsstipendiatin vorstellen zu können. Mit ihrer Dissertation an der Universität Wien zum Thema Massenbewegungen und Demokratisierung in Ägypten möchte Sarra Moneir einen Beitrag zur Entwicklung einer für den arabischen Raum angemessenen Form von Demokratie leisten und ich freue mich im Namen der OeAD- GmbH, dass wir sie dabei unterstützen können. Die EU-Bildungspolitik hat sich für die nächsten Jahre mit der Strategie Europa 2020 einen für das produktive Zusammenspiel von Bildungsangeboten, Arbeitsmarkt und Wirtschaft ganz wesentlichen Schwerpunkt gesetzt: Mit der Initiative New Skills for New Jobs wird sowohl auf die Schaffung neuer Arbeitsplätze als auch auf das lebensbegleitende Angebot entsprechender (Aus)Bildungsmöglichkeiten abgezielt. Die Nationalagentur Lebenslanges Lernen in der OeAD- GmbH unterstützt diese Initiative mit Veranstaltungen, Projekten und Informationsarbeit die aktuellsten Trends und Entwicklungen in Berufsbildung und Arbeitsmarkt stellen wir Ihnen hier im Interview mit Steve Bainbridge von Cedefop, dem Europäischen Zentrum für die Förderung der Berufsbildung, vor. Auch die neu gestartete EU-Initiative We mean business zur europaweiten Schaffung von Praktikumsplätzen im Rahmen der Programme Erasmus und Leonardo da Vinci unterstützt die Beschäftigungsfähigkeit junger Menschen durch Erhöhung ihrer Mobilität. Zuletzt möchte ich Sie jetzt schon zur OeAD-Hochschultagung am 22. und 23. November 2012 einladen, die heuer ganz im Zeichen des 50. Jubiläums des VWU, des Vorstudienlehrgangs der Wiener Universitäten, steht. Ich freue mich, Sie bei der Tagung mit einem spannenden Programm, internationalen Keynote-Sprecherinnen, aktuellen Workshops und vor allem beim abendlichen Feiern beim Fest der Kulturen begrüßen zu dürfen und wünsche eine spannende Lektüre. Hubert Dürrstein oead, Teresa Zötl

4 4 Sarra Moneir Ahmed OeAD-Jubiläumsstipendium Massenbewegungen und Demokratisierung unter besonderer Berücksichtigung der Situation in Ägypten Aus Anlass ihres 50-jährigen Bestehens initiierte die OeAD-GmbH 2011 ein Jubiläumsstipendium, das einen starken Bezug zur Gründungsgeschichte des OeAD (vormals ÖAD) herstellt. Gegründet als Verein der österreichischen Universitäten, war der ÖAD von Anfang an für die Betreuung internationaler, oftmals auch aus Krisenregionen stammender Studierender in Österreich verantwortlich. Mit dem Jubiläumsstipendium setzt der OeAD einen gesellschaftspolitischen Akzent und bekennt sich zu verantwortungsvollen Internationalisierungsstrategien. Das Stipendium versteht sich als Impuls, die Beteiligung weiterer Institutionen und Akteure an der Finanzierung ist angestrebt. Das OeAD-Jubiläumsstipendium soll außereuropäische Forschende in ausgewählten Ländern unterstützen, die sich mit dem Demokratisierungsprozess wissenschaftlich auseinandersetzen und dadurch einen Beitrag zur Entwicklung und zum Aufbau der Zivilgesellschaft leisten. Der aktuelle regionale Schwerpunkt liegt auf den Ländern des Maghreb, antragsberechtigt sind Postgraduierte und Post-docs sozial-, geistes- und kulturwissenschaftlicher Fachrichtungen aus folgenden Ländern: Algerien, Libyen, Marokko, Syrien, Tunesien, Ägypten. Im Rahmen des OeAD-Jubiläumsstipendiums kann ein vier- bis fünfmonatiger Forschungsaufenthalt mit klarem demokratiepolitischem Schwerpunkt in Österreich absolviert werden. Sowohl das Thema als auch der jeweilige regionale Bezug müssen in der Antragstellung deutlich dargelegt werden. Sarra Moneir Ahmed aus Ägypten ist die erste OeAD-Jubiläumsstipendiatin. Warum ich mich für das OeAD-Jubiläumsstipendium beworben habe? Ich habe im Jahr 2010 mein Magisterstudium in Globalgeschichte an der Universität Wien mit einer Diplomarbeit zum Thema Arab-Islamic Political Philosphy of the 18th and 19th Centuries: The Dialectic between the Religious and the Political in Egypt abgeschlossen. Während meines fünfjährigen Studiums in Wien konnte ich viele wertvolle Kontakte aufbauen, die meine Beziehung zu Österreich gestärkt haben. Nicht nur aufgrund dieser guten Beziehungen zu Österreich, sondern auch aufgrund meiner positiven Erfahrungen an der Universität Wien und der Unterstützung durch meinen Dissertationsbetreuer habe ich mich dazu entschlossen, mich für das Stipendium zu bewerben. Ich betrachte es als großes Glück, für das OeAD-Jubiläumsstipendium ausgewählt worden zu sein. Seit dem Sommersemester 2011 arbeite ich nun an meiner Dissertation am Institut für Internationale Entwicklung der Universität Wien. Auch dank der guten Zusammenarbeit mit meinen Betreuern in Kairo und Wien habe ich mein Exposé zum Thema The Masses: Between the Military Institution, Institutionalisation and Space Transformation in Egypt gerade abgeschlossen und bereite mich für die öffentliche Verteidigung vor. Kurz zu meiner Person: Ich wurde in Kairo in Ägypten geboren und habe dort bis zum siebten Lebensjahr gelebt. Nach Aufenthalten in Berlin, Kopenhagen, Sydney und Wien habe ich meinen Schulabschluss in Sydney absolviert. Ich habe meinen B.Sc. in Politikwissenschaft 2006 an der Universität Kairo erhalten, mein Magisterstudium in Globalgeschichte an der Universität Wien 2010 abgeschlossen. Danach habe ich mich entschlossen in Kairo zu leben, in Hinblick auf mein Forschungsthema und nicht zuletzt auch, um die Revolution Ägyptens miterleben und daran aktiv partizipieren zu dürfen. Seit Oktober 2010 arbeite ich in Kairo als Assistant Lecturer der Politikwissenschaft an der Future University of Egypt (FUE) und organisiere Kurse zu den Themen politische Bewegungen, politische Sozialwissenschaft und politisches System in Afrika und Asien. Darüber hinaus beschäftige ich mich seit Beginn der Revolution in Ägypten mit folgenden Themen: Moderne Kommunikationsmechanismen in der politischen Praxis, die Sichtweise westlicher Medien zur aktuellen ägyptischen Außenpolitik vor allem nach dem Sieg von Mohammed Mursi als Präsident (und die Rolle der Muslimbrüderschaft im Hintergrund), Massenbewegungen und politische Sphären und auch die Rolle der Street Art als Strategie der

5 5 Tahrirplatz in Kairo, Jänner Jahrestag der Ägyptischen Revolution postvonunterwegs.files.wordpress.com Massenmobilisierung. Daneben bin ich an der Universität Kairo als Forschungsmitarbeiterin mit Schwerpunkt Konferenzplanung tätig. Im Rahmen meiner politischen Aktivitäten habe ich mich an Sit-ins im Parlament und bei Protestmärschen gegen das Militär, das ehemalige Regime und seine noch aktiven Institutionen beteiligt. Bisher habe ich zwei Publikationen veröffentlicht: Who is Afraid of Twitter? The Egyptian Revolution going Global (A research paper presented to the Omnibus Volume for Globalisation from an Interdisciplinary Perspective, University of Vienna) und gemeinsam mit Amany Massoud. Revolution, Cyber Culture and new identity : Egyptian Political Changes as a Model. (research paper) im Rahmen der Konferenz Extremely close and incredibly slow an der Universität Amsterdam im März Zusätzlich arbeite ich auch als Freelancerin für das Nachrichten-Portal OnIslam und schreibe kurze Op-Eds (opposite the editorial page) über die politische Lage Ägyptens. Das OeAD-Jubiläumsstipendium hilft mir, meinen Aufenthalt in Wien zu nutzen, um meine Forschungsmethode - vor allem im Bereich der Bewegungssoziologie - weiterzuentwickeln. Darüber hinaus möchte ich zu meinem Dissertationsthema über die Demokratisierungsprozesse im arabischen Raum weiterforschen. Meine Erfahrungen in Ägypten seit der Revolution und meine Tätigkeit an der Universität Kairo haben mich dazu bewegt, zum Thema Massenbewegungen und Demokratisierung unter besonderer Berücksichtigung der Situation in Ägypten zu forschen. Die Präsidentenwahlen unter Husni Mubarak im Jahre 2005 stellten einen Wendepunkt für mich und für meine Sichtweise zu Politik und Massenmobilisierung dar. Es hat mir gezeigt, dass die Existenz von Gruppen und Bewegungen bedeutungslos bleibt, solange keine Demokratie entsteht. Im Zentrum meines Interesses stand immer die Frage: Welche Art von Demokratie passt für uns? Wollen wir eine Demokratie entsprechend dem irakischen Muster seit 2003? Diese Fragen sind auch heute noch nicht beantwortet und werden von den Intellektuellen in Ägypten intensiv diskutiert. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass nur eine Demokratie, die den arabischen Raum repräsentiert, die alle Bevölkerungsschichten involviert und die nicht auf eurozentristische oder sogenannte westliche Werte aufgebaut ist, funktionieren kann. Dementsprechend wichtig ist dieses Stipendium für mich, um einerseits meine Forschungspläne erfüllen zu können, aber auch um mir neue Sichtweisen zu erschließen für mich persönlich, aber auch als Beitrag für den wissenschaftlichen Diskurs in Ägypten. Ich hoffe durch meinen Stipendienaufenthalt in Wien weitere Forschungen auf interdisziplinärer Basis zu entwickeln oder anzuregen, um eine Ägypten angemessene Version der Demokratie zu ermöglichen, in der Bewegungen und Massenmobilisierung dynamisch und frei entstehen und gelebt werden können. infopoint &

6 6 Ernst Gesslbauer Europa 2020: New Skills for New Jobs Ernst Gesslbauer ist Leiter der Nationalagentur Lebenslanges Lernen in der OeAD-GmbH Die Strategie Europa 2020 die Wachstumsstrategie der Europäischen Union für das kommende Jahrzehnt zielt darauf ab, das Entstehen neuer Arbeitsplätze zu fördern und mit Aus- und Weiterbildung individuelle Jobchancen zu stärken. Diese politischen Strategien werden auch durch thematische Schwerpunkte in nationalen und europäischen Bildungsprojekten umgesetzt. Zu den Zielen der Strategie zählen unter anderem der Anstieg der Beschäftigungsquote, die Verringerung der Schulabbrecherquote sowie die Erhöhung des Anteils der Personen mit Hochschulabschluss. Mittels sieben Leitinitiativen, insbesondere Jugend in Bewegung, sowie der Agenda für neue Kompetenzen und Beschäftigungsmöglichkeiten, sollen die gesteckten Ziele erreicht werden. Europa 2020 ergänzt sich mit der österreichischen Strategie für lebensbegleitendes Lernen, die acht Schlüsselkompetenzen ins Zentrum rückt, die durch zehn Aktionslinien verwirklicht werden sollen. Hervorzuheben sind insbesondere Maßnahmen zur besseren Neuorientierung in Bildung und Beruf, Weiterbildung zur Sicherung der Beschäftigungs- und Wettbewerbsfähigkeit und Verfahren zur Anerkennung non-formal und informell erworbener Kenntnisse und Kompetenzen in allen Bildungssektoren. Lebenslanges Lernen unterstützt die Umsetzung bildungspolitischer Strategien auf unterschiedlichen Ebenen. Das Programm hilft, europäische Initiativen und Strategien zusammenzuführen und unterstützt die Mitgliedstaaten, diese mit europäischen Mitteln im eigenen Land umzusetzen. Das geschieht durch die Verbreitung, Nutzung und Verwertung von Projektergebnissen, durch zielgerichtete Veranstaltungen und Publikationen. Aus einem europäischen Netzwerk von Agenturen aus 14 Ländern darunter der Nationalagentur Lebenslanges Lernen Österreich ist die Initiative New Skills for New Jobs entstanden. Sie zielt darauf ab, den künftigen Kompetenzbedarf besser zu antizipieren, das Kompetenzangebot besser auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarkts abzustimmen und die Kluft zwischen Bildungs- und Arbeitswelt zu schließen. Vor diesem Hintergrund organisierte die Nationalagentur Lebenslanges Lernen im Juni 2012 die Follow-up Veranstaltung New Skills: Bildung. Stärken. Chancen. Zentrale Frage war: Wie stärken Bildungsprojekte individuelle Chancen am Arbeitsmarkt? Im Mittelpunkt stand die Wechselwirkung zwischen politischen Strategien und ihrer praktischen Umsetzung in Projekten; im Zentrum standen Projekte, die sich an junge Menschen richten. Nachlese zu New Skills am 27. Juni: Das Netzwerk und seine Aktivitäten: infopoint

7 7 oead.news im Gespräch mit Steve Bainbridge, Cedefop Prognosen über den Bedarf an Arbeitskräften am europäischen Arbeitsmarkt 2020: Steve Bainbridge ist seit 1996 Mitarbeiter im Europäischen Zentrum für die Förderung der Berufsbildung (Cedefop). Davor arbeitete er an europäischen Berufsbildungs- und Trainingsstrategien in der Europäischen Kommission (Abteilung für Bildung und Kultur). Bainbridge und sein Team verhandelten das erste Leonardo da Vinci-Programm und bereiteten das Weißbuch Towards a Learning Society vor. Der Experte für politische Analysen verfasste zwei Berichte zur europäischen Berufsbildungspolitik: An age of learning (1999), Learning for employment (2004), und zeichnet für den Cedefop-Bericht A bridge to the future (2010) verantwortlich. Sein momentaner Arbeitsschwerpunkt liegt bei der Kommunikation mit zentralen Interessenvertretungen der europäischen Berufsbildung. Teresa Zötl, apa-fotoservice oead.news: Was sind die wichtigsten Ergebnisse der Untersuchungen von Cedefop? Steve Bainbridge (SB): Die Bedarfsanalysen von Cedefop gehen davon aus, dass schon eine bescheidene Erholung der Wirtschaft in den Mitgliedstaaten das Jobwachstum ankurbeln wird, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Quer durch die EU (Schweiz und Norwegen eingeschlossen) gehen wir von 83 Millionen neuen Arbeitsplätzen bis 2020 aus. Diese Arbeitsplätze setzen sich aus neu geschaffenen Stellen zusammen und solchen, die frei werden, weil die erwerbstätige Bevölkerung insgesamt schrumpft, in erster Linie durch Pensionierungen. Demographische Entwicklungen spielen überhaupt die entscheidende Rolle am zukünftigen Stellenmarkt. Sie erhöhen das Stellenangebot zehn Mal mehr als die Schaffung zusätzlicher Arbeitsplätze: 2020 sind 43% der europäischen Arbeitskräfte älter als 45 Jahre. Diese Zahlen können aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung erheblichen Schwankungen unterliegen, aber die Prognosen zeigen Trends auf, insbesondere den Wechsel hin zu anspruchsvolleren Arbeitsplätzen, mehr Stellen im Dienstleistungsbereich. Gleichzeitig wird es in der EU auch mehr höher qualifizierte Arbeitskräfte geben. Das sind strukturelle Veränderungen des Arbeitsmarkts, die schlagend werden, egal wie gut oder schlecht sich die Wirtschaft entwickelt. oead.news: Welche Art von Qualifikationen werden benötigt und in welchen Bereichen gehen Sie von echtem Jobwachstum aus? SB: Vermehrte Angebote wird es in allen Bereichen geben, die Verteilung wird jedoch ungleichmäßig sein. In letzter Zeit hat sich der Zuwachs auf höherqualifizierte Berufe konzentriert, oft verbunden mit einem Universitätsabschluss. Techniker/innen und Fachleute in verwandten Bereichen sind 2020 die am stärksten nachgefragte Berufsgruppe, sie deckt 2020 rund 18,1% der Gesamtbeschäftigungsrate in der EU ab. Es ist die Berufsgruppe mit den höchsten Zuwachsraten, das Wachstum liegt zwischen 2012 und 2020 voraussichtlich bei 1,5%. Diese Gruppe umfasst hochqualifizierte Berufe, Fachleute aus den Bereichen Naturwissenschaften und Ingenieurwesen, ebenso aus den Bereichen Biowissenschaften und Gesundheit, Unterricht, Finanz und Wirtschaft, bzw. der öffentlichen Verwaltung. Es wird auch einen Zuwachs an Stellen im Bereich Dienstleistungen und Handel geben, vor allem im Vertrieb und Verkauf, weiters in manchen Berufszweigen, die keine oder nur geringe formale Qualifikationen erfordern. Im Gegensatz dazu wird mit eher weniger Angeboten in den folgenden Bereichen gerechnet: Handwerk und dem damit verbundenen Handel, Bedienung von Anlagen und Maschinen, für Fachkräfte in der Landwirtschaft und Büropersonal. Das heißt es kommt zu einer zunehmenden Polarisierung: Die Jobangebote konzentrieren sich auf hoch- oder niederqualifizierte Bereiche; für mittlere Qualifikationen wird es weniger Stellen geben. Aber aufgrund der notwendigen Nachbesetzung von frei werdenden Jobs wird es Stellen in allen wichtigen Berufsgruppen geben. Für alle Qualifikationsniveaus gilt: Die Stellen werden sich durch das Fehlen von Routinetätigkeiten auszeichnen, Aufgaben, die nicht durch technische oder organisatorische Veränderungen ersetzt werden können, sind gefragt. Die Verbindung zwischen Qualifikationsniveau und Routine besteht indirekt: Unqualifizierte Arbeit am Fließband kann Routine sein, aber das sind auch viele qualifizierte Jobs, einige handwerkliche und Bürotätigkeiten eingeschlossen. Andere elementare Berufe, wie etwa persönliche Betreuung, beinhalten wenig Routinetätigkeiten und sind von technischen und organisatorischen Veränderungen relativ unberührt.

8 8 Teresa Zötl, apa-fotoservice v.l.n.r.: Steve Bainbridge (Cedefop), Ernst Gesslbauer (OeAD - Nationalagentur Lebenslanges Lernen), Ágúst Hjörtur Ingþórsson (LLP Agency Iceland) Bei Dienstleistungen inklusive Tourismus, Gesundheitspflege und IT wird immer noch der größte Zuwachs an Jobs bis 2020 erwartet. In der Landwirtschaftet wird sich die langfristige Abnahme fortsetzen. In der Produktion hängen die Prognosen mit der wirtschaftlichen Entwicklung insgesamt eng zusammen, z.b. werden mehr Autos gekauft, wenn es der Wirtschaft gut geht. Aber erfreulicherweise wird angenommen, dass sich der Rückgang an Jobs in der Herstellung erheblich verlangsamen wird. Außerdem sind in den letzten Jahren weniger Jobs durch die Auslagerung von Produktionsstätten außerhalb der EU verloren gegangen als erwartet wurde. oead.news: Worin liegen die größten Herausforderungen in der Entwicklung des Arbeitsmarkts für Europa? SB: Die Herausforderung für Europa besteht nicht darin, dass es zu wenige hochqualifizierte Personen gibt. Derzeit beenden ca. 40% der jungen Erwachsenen ihre Ausbildung mit einem Universitätsabschluss oder einem Äquivalent. Arbeitgeber/innen weisen auf einen Mangel an Fachkräften hin, da zu wenig junge Menschen Naturwissenschaften, Technik oder Mathematik studieren. Das bedeutet, dass trotz hoher Arbeitslosenraten Fachkräfte fehlen. In der aktuell angespannten Arbeitsmarktsituation übernehmen oft Personen Stellen, für die sie eigentlich überqualifiziert sind und ersetzen damit weniger qualifizierte Personen. Dass Personen Kompetenzen haben, die vom Arbeitsmarkt nicht nachgefragt werden, wird zunehmend zum Problem. Gut ausgebildete Arbeitskräfte sind ein wichtiger, wenn nicht sogar der entscheidende Faktor in der Wettbewerbsfähigkeit Europas und Voraussetzung für eine wirtschaftliche Erholung. Wir müssen die Diskrepanz an Kompetenzangebot und Kompetenzbedarf reduzieren und jungen Arbeitslosen umfassende Möglichkeiten anbieten, sich umzuschulen. oead.news: Was den österreichischen Arbeitsmarkt betrifft, welche Trends sind zu beobachten und was sind die besonderen Herausforderungen für das Bildungssystem? SB: Trotz mancher Besonderheiten hat Österreich dieselbe Art von Problemen wie andere europäische Länder auch. Auch hier besteht der Trend zur Konzen- tration des Jobwachstums auf bestimmte Branchen; der Dienstleistungssektor führt auch hier. Die größte Herausforderung für Österreich liegt in der demographischen Entwicklung. Wie schon erwähnt, werden % der europäischen Arbeitskräfte älter als 45 Jahre sein. Für Österreich liegt die Zahl vielleicht ein bis zwei Prozent niedriger. Das duale Ausbildungssystem hat einen ausgezeichneten Ruf, vor allem auch, weil es jungen Menschen zu Arbeit verhilft. In den nächsten Jahren müssen sich aber Erwachsene, die bereits im Erwerbsleben stehen, neue Kompetenzen aneignen. Österreich muss möglicherweise Wege finden, die Qualität in der Ausbildung für junge Menschen auf Erwachsene auszudehnen und neue flexiblere Ausbildungsformen finden, die es Menschen auf unterschiedlichen Niveaus ermöglicht, sich während ihres Erwerbslebens weiter zu qualifizieren. oead.news: Bei der Veranstaltung wurden Projekte vorgestellt, bei denen junge Menschen im Mittelpunkt stehen: Wie schätzen sie den Nutzen für Individuen ein und was müsste man tun, dass erfolgreiche Projekte vermehrt und nachhaltiger auf dem Arbeitsmarkt wirken? SB: Europäische Bildungsprojekte haben bereits Wirkung gezeigt, mit ihnen wurden gemeinsam Lösungen für Probleme und Antworten auf Herausforderungen gefunden und sie haben die Europäische Integration unterstützt. Derzeit gibt es etwa mehr als 100 Projekte, die sich mit der Entwicklung und Umsetzung eines europäischen Leistungspunktesystems für die berufliche Aus- und Weiterbildung beschäftigen. Wenn sie erfolgreich sind, steigern sie damit die Möglichkeiten junger Menschen einen Teil ihrer Berufsausbildung in einem anderen Mitgliedstaat zu absolvieren. Europass und auch der europäische Computerführerschein (ECDL) sind aus europäischen Bildungsprojekten hervorgegangen und waren für viele von direktem Nutzen; es gibt zahlreiche weitere Beispiele von Lehrplänen und länderübergreifenden gemeinsamen Ausbildungen, die aus europäischen Projekten entstanden sind. Die europäische Zusammenarbeit in der Berufsausbildung hat enorme Fortschritte gemacht: Noch 1999 gab es eine Studie von Cedefop, die belegte, dass es keine europäische Politik in der Berufsausbildung gibt, lediglich das Programm Leonardo da Vinci. Heute haben wir eine gemeinsame politische Strategie in Form des Kopenhagen-Prozesses, der unsere Ziele festlegt. Es gibt nunmehr Berichtsmechanismen und Begutachtungsverfahren, all das wird unterstützt und getragen von Europäischen Projekten und den dementsprechenden Förderungen. Jetzt geht es um den wichtigsten Teil der Strategie, um die Implementierung. Wir haben die Herausforderungen identifiziert, wir haben klare Vorstellungen, was wir tun müssen und wie sich die Ausbildungssysteme weiterentwickeln müssen; sie müssen flexibler werden. Wir haben einen lernergebnisorientierten Zugang entwickelt, aber all diese Ergebnisse müssen jetzt in Umlauf gebracht werden. Das wird der zäheste Teil sein, aber wir haben geeignete Mechanismen - strukturierte Dialogplattformen und Lösungsmöglichkeiten durch den Kopenhagen-Prozess. Trotzdem - wir werden viel Geduld und Entschlusskraft brauchen. Interview & Übersetzung: Lydia Rössler, OeAD-GmbH infopoint forecasting-skill-demand-and-supply/skills-forecasts.aspx

9 9 Ernst Gesslbauer We mean business Initiative zur Förderung von Praktika Die Europäische Kommission hat im April eine neue Initiative zur Förderung von Praktika gestartet: Unter We Mean Business sollen Unternehmen dazu motiviert werden, mehr Praktikumsplätze zu schaffen. In den nächsten zwei Jahren werden Finanzmittel für Praktika im Rahmen von Erasmus und Leonardo da Vinci bereitgestellt. Österreich erhält dadurch knapp 1,5 Millionen Euro zusätzliche Fördermittel für Auszubildende und Studierende. Die berufliche Erstausbildung in Österreich setzt seit vielen Jahren auf Lernen am Arbeitsplatz. Die Europäische Kommission unterstreicht mit ihrer Initiative den Wert der dualen Ausbildung und der Berufspraktika, welche viele Ausbildungen auf oberer Sekundarstufe und in der tertiären Ausbildung verpflichtend vorsehen. Internationale Praktika spielen eine wichtige Rolle: Im Programm für lebenslanges Lernen absolvierten im vergangenen Jahr insgesamt junge Menschen aus Österreich Auslandspraktika. Die Initiative We Mean Business wird für das Jahr 2012 zusätzlich rund Auslandspraktika ermöglichen. Die Europäische Kommission will ferner, dass We Mean Business einen Beitrag zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit in den Mitgliedstaaten leistet. Man möchte den Wert internationaler Praktika stärker ins Bewusstsein rücken. Praktika fördern die Sprachkenntnisse der Praktikantinnen und Praktikanten und verhelfen vielen jungen Menschen zu mehr Selbstvertrauen und einer offenen Einstellung gegenüber Fremdem und Neuem. Die Europäische Kommission hat sich zum Ziel gesetzt, die Zahl der Praktika in den Programmen Leonardo da Vinci und Erasmus für Auszubildende und Studierende um 30 Prozent zu erhöhen. Die Initiative zielt darauf ab, die Kompetenzen junger Menschen und damit ihre Beschäftigungsfähigkeit zu verbessern. Zugleich können Praktika jungen Leuten einen reibungslosen Übergang von der allgemeinen oder beruflichen Bildung zu einer ersten guten Arbeitsstelle erleichtern. Unternehmen bieten Praktika die Chance, potenzielle künftige Spitzenkräf- te zu finden, die mit neuen Ideen im Hinblick auf die künftige Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens möglicherweise eine wichtige Rolle spielen. Studien belegen, dass Praktikantinnen und Praktikanten mit Fremdsprachenkenntnissen Unternehmen bei der Erschließung neuer Märkte des öfteren unterstützen. Die Europäische Kommission informiert am 9. November in Wien über die Aktion. Die Veranstaltung richtet sich vorwiegend an Mittlerorganisationen wie Handelskammern, Ministerien, regionale Entwicklungsagenturen und Unternehmensförderorganisationen. Im Zuge der Kampagne soll bei Unternehmen und Betrieben das Bewusstsein für Leonardo- und Erasmus-Praktikant/ innen gesteigert werden um die Anzahl qualitativ hochwertiger Praktikumsplätze zu erhöhen. Auch im Rahmen der Infotour wird We mean business ein Thema sein: am 25. Oktober in Velden, am 30. Oktober in Innsbruck und am 19. November in Graz. infopoint

10 10 Helmut Spitzer Soziale Arbeit gegen Armut in Ostafrika Helmut Spitzer ist Professor im Studiengang Soziale Arbeit an der FH Kärnten. Er ist Projektleiter des von appear geförderten Projekts PROSOWO. PROSOWO ist ein Projekt im Rahmen des entwicklungspolitischen Hochschulkooperationsprogramms appear. Es setzt sich zum Ziel, soziale Arbeit in Ausbildung und Praxis zu stärken und dadurch einen Beitrag zur Armutsbekämpfung und sozialen Entwicklung in Ostafrika zu leisten. Helmut Spitzer zieht nach der ersten Hälfte der Projektlaufzeit Bilanz. Die Soziale Arbeit ist eine Profession, die in der Öffentlichkeit und im politischen Diskurs vielfach missverstanden und unterschätzt wird. Historisch als Antwort auf negative Begleiterscheinungen der Industrialisierung in Europa entstanden, ist sie heute als maßgeblicher sozialpolitischer Akteur nicht mehr aus dem Konzept des Wohlfahrtsstaats wegzudenken. Im afrikanischen Kontext hingegen entstand Soziale Arbeit als Nebenprodukt des kolonialen Sozial-apparats. Nach den Unabhängigkeitsbewegungen in den 60er-Jahren machten sich europäische und US-amerikanische Sozialarbeitsschulen mit konfessionell motivierten Entwicklungshelfer/innen und Akteur/innen der Vereinten Nationen daran, die Sozialarbeit in Afrika zu forcieren und zwar nach eigenem Vorbild, schließlich hatte der Wohlfahrtsstaat, zumindest in einigen europäischen Ländern, seinen Erfolg unter Beweis gestellt. Kritische Beobachter/innen bezeichneten diese Bestrebungen als eine Art professionellen Imperialismus, im Zuge dessen westliche Theorien und Methoden unhinterfragt exportiert wurden. Sozialarbeit sieht sich demnach mit zwei großen Herausforderungen konfrontiert: Können diese importierten Methoden eine brauchbare Antwort auf die großen sozialen Problemlagen wie Armut, AIDS, Gewalt und soziale Ausgrenzung bieten? Und sind sie mit den jeweiligen kulturellen Rahmenbedingungen kompatibel? Genau in diesem Spannungsfeld setzt das Projekt PROSOWO ein. Das Akronym steht für Promotion of Professional Social Work towards Social Development and Poverty Reduction in East Africa. In diesem Projekt werden empirische Forschung, Lehrplanentwicklung, die politische Förderung Sozialer Arbeit sowie institutionelles und individuelles Capacity Building miteinander kombiniert. In akademischer Hinsicht ist die Herausgabe eines Handbuchs für Soziale Arbeit mit spezifischem Afrika-Bezug geplant. Vier ostafrikanische Hochschulen aus Kenia, Uganda, Ruanda und Tansania sind in das Vorhaben involviert. Als Koordinationsstelle fungiert das Office for Scientific and Educational Cooperation with African Partners (OSECA) an der Fachhochschule Kärnten. Das Motto des Projekts lautet Wissenschaftskooperation, nicht Entwicklungshilfe. Es geht um einen behutsamen, horizontalen Dialog sowie um partnerschaftliche und partizipative Zusammenarbeit, bei der beide Seiten voneinander lernen können. Von der Planung über die Umsetzung bis hin zur Frage der Evaluation und wissenschaftlichen Verwendung der Projektdaten wird den afrikanischen Partnern weitgehende Autonomie zugestanden. Das Vorhaben ist in einen Afrika-Schwerpunkt an der FH Kärnten eingebettet, in dem auch Studierende der Sozialen Arbeit die Chance haben, Erfahrungen in den Partnerländern zu sammeln oder an einer Partnerhochschule ein Auslandssemester zu absolvieren. Im ersten Projektjahr wurde, getragen von einem engagierten interkulturellen Team, eine umfangreiche Forschung durchgeführt, um den Beitrag der Sozialen Arbeit zur Armutsbekämpfung und zur Erreichung der Millenniums-Entwicklungsziele empirisch zu verdeutlichen. Dazu wurden Personen aus den Bereichen Ausbildung, Praxis und Politik mittels quantitativer und qualitativer Interviews befragt. Ergänzt durch Gruppendiskussionen im Forschungsfeld wurde die Perspektive der Zielgruppe Sozialer Arbeit mit einbezogen. Zurzeit werden die umfangreichen Daten analysiert und in nationalen Forschungsberichten publiziert. In einem nächsten Schritt werden die Ergebnisse der Forschung für die Überarbeitung der bestehenden Curricula herangezogen bzw. dienen im Fall der Universität von Nairobi als Grundlage für die Gestaltung eines neuen Master-Studiengangs in Social Work. Eine fundierte, auf adäquaten Konzepten und Handlungskompetenzen beruhende Qualifikation bildet den Grundstein für eine gelingende, Mut machende Praxis für Sozialarbeit in einem Kontext, in dem es vielfach ums nackte Überleben geht. In den ersten 18 Projektmonaten konnten bereits einige Erfolge verbucht werden. Im Juni 2011 wurde in Nairobi im Rahmen des globalen Treffens der International Association of Schools of Social Work ein Symposium organisiert, um PROSOWO einer internationalen Fachöffentlichkeit vorzustellen und das Projekt mit Partnern aus anderen afrikanischen Ländern und Regionen zu vernetzen. Im Juni 2012 fand eine große Fachveranstaltung an der FH Kärnten statt, im Juli wurde von PROSOWO ein Mini-Symposium im Rahmen der Globalen Sozialarbeitskonferenz in Stockholm organisiert. Sabrina Riedl Internationales Projektteam, links im Bild: Helmut Spitzer Die Partnereinrichtungen: ÆÆ University of Nairobi, Kenia ÆÆ Makerere University, Uganda ÆÆ National University of Rwanda ÆÆ Institute of Social Work, Tansania Link zur Projekthomepage: partnerships/prosowo_project26_prep13

11 11 Dossier Sommerkollegs 20 Jahre gelebte Sprachenvielfalt 1992 fanden die ersten drei Sommerkollegs für Ungarisch und Tschechisch statt in Landstejn (CZ), Slapanice (CZ) und in Keszthely (HU). Inzwischen wurden diese bilateralen Sprachkurse, an denen Studierende aus zwei Ländern die jeweils andere Sprache lernen, auf fast alle Sprachen Mittel- und Osteuropas und darüber hinaus ausgedehnt. Die untenstehende Skizze zeigt die Veranstaltungsorte und damit die Entwicklung der Sommerkollegs in Abständen von ca. zehn Jahren. Standorte der Sommerkollegs Europakarte Daniel Dalet / d-maps.com Quelle Standorte: BMWF

12 12 oead.news im Gespräch mit Othmar Huber Wie alles begann Sektionschef i.r. Dr. Othmar Huber war von 1970 bis 1997 im Wissenschaftsministerium maßgeblich für universitäre Auslandsbeziehungen zuständig. Seit 2011 ist er stellvertretender Vorsitzender des Instituts für den Donauraum und Mitteleuropa (IDM). oead, Teres Zötl oead.news: Wie sind Sie auf die Idee gekommen Sommerkollegs zur organisieren bzw. durch das Ministerium finanziell zu unterstützen? Gab es Vorbilder? Othmar Huber (OH): Es gab auch nach der Zeit des Eisernen Vorhangs eine unausgeglichene Bilanz, die Nachfrage nach einem Aufenthalt in Österreich war groß, die Bereitschaft in ein Land Mittel- und Osteuropas zu gehen eher gering. Es ging daher darum, Beziehungen nicht nur aus- sondern sogar aufzubauen. Ich wollte etwas tun, um die Beschäftigung mit diesen Ländern voranzutreiben. Da sind persönliche Kontakte sicher die beste Form und das Lernen der Sprache des anderen eine Voraussetzung. Außerdem war der Wettkampf zwischen Deutsch und Englisch als Verkehrssprache in den Reformstaaten nicht entschieden. Heute ist die Entscheidung, nicht zuletzt wegen des Internets, auf Englisch gefallen. Damals haben viele junge Leute in Osteuropa Deutsch gelernt, das sollte gefördert werden. oead.news: Hätten Sie gedacht, dass diese Initiative auch noch nach 20 Jahren bestehen würde, oder haben Sie sie für eine Einrichtung der damaligen Übergangszeit gehalten? OH: Natürlich habe ich gehofft, dass die Sommerkollegs fortgesetzt werden. Aber das Ministerium kann so etwas nur anregen und finanziell unterstützen. Getragen wird es durch den persönlichen Einsatz der Veranstalter/innen, die auch ermöglicht haben, dass es die Sommerkollegs heute noch gibt. oead.news: Glauben Sie, hat sich in Österreich seitdem die Einstellung zum Erlernen einer mittel- oder osteuropäischensprache geändert? OH: Immer wird es persönliche Gründe geben, eine fremde Sprache zu erlernen. Es gab und gibt viele Initiativen und Angebote so zum Beispiel an den österreichischen Universitäten um den Spracherwerb zu fördern. Aber die Bereitschaft, eine Sprache Mittel- und Osteuropas zu lernen ist sicher nicht eklatant gestiegen. Viele Firmen fördern den Spracherwerb ihrer Mitarbeiter/innen, auch wenn die Verhandlungssprache Englisch ist. Aber der persönliche Kontakt in den Muttersprachen trägt viel zum besseren Klima bei. oead.news: Sie haben gerade das bessere Klima angesprochen. Der Wert der Sommerkollegs liegt ja bewusst nicht nur im Spracherwerb, sondern auch auf dem gegenseitigen Kennenlernen. Studierende sollen die andere Seite sehen, das Verständnis für ihre Nachbarn soll gefördert werden. Ist das Ihrer Meinung nach mit den Sommerkollegs gelungen? OH: Auch wenn das primäre Ziel der gegenseitige Spracherwerb war, sind die Freundschaften, die entstehen, und das gegenseitige Kennenlernen ein wichtiger Nebeneffekt. oead.news: Hat sich in den letzten 20 Jahren dadurch, auch die Sicht auf Österreich verändert? OH: Gerade nach dem sogenannten Fall des Eisernen Vorhangs gab es in den Reformstaaten schon das Bild des ugly Austrian, der glaubte alles zu wissen und alles billig aufkaufen zu können. Die Sichtweise auf ein Land wird massiv von den Berichten in den Medien beeinflusst, auch wenn sich im persönlichen Kontakt dann ein anderes Bild zeigt. oead.news: Glauben Sie, ist es heute 23 Jahre nach der Ostöffnung und nach Aufnahme der meisten Länder in die Europäische Union, noch sinnvoll, Sommerkollegs zu veranstalten? OH: Davon bin ich fest überzeugt! Man kann und soll sich nicht aus der Nachbarschaft wegstehlen. Die Beziehungen müssen ausgebaut werden, aber das ist auch eine Frage der finanziellen Mittel und eine Frage der Politik, welche Schwerpunkte gesetzt werden. Leider ist derzeit Mittel- und Osteuropa nicht unbedingt im Fokus. Derzeit wird gerne auf Grund der wirtschaftlichen Wachstumsraten nach Lateinamerika geschielt. Das macht eine kontinuierliche Arbeit schwer. Natürlich muss man sich nach wirtschaftlichen und politischen Begebenheiten richten, muss auch die Initiativen der Europäischen Union mittragen, aber man sollte die Nachbarschaft nicht vergessen, wo man bekannt ist und wo man sich auch auskennt. oead.news: Sie haben in der Zeit der Ostöffnung an entscheidender Stelle im damaligen Wissenschaftsministerium gearbeitet. Viele Initiativen wurden damals gestartet: Neben der Einführung der Sommerkollegs wurden u.a. die Exotisch waren damals, glaube ich, weniger die Kanarischen Inseln als das Land hinter dem Stacheldraht... Dana Pfeiferová, in: Studien des Instituts für den Donauraum und Mitteleuropa; Nr 1, Sept p. 45

13 13 Jana Kusová Susanne Christof Erlebte Landeskunde Motivation zum Lernen der Nachbarsprache Sommerkolleg České Budějovice / Budweis Aktionen mit der Slowakei, Tschechien und Ungarn, aber auch CEEPUS (Central European Exchange Programme for University Studies) begründet. Wie beurteilen Sie all diese Initiativen? OH: Auch wenn auf den ersten Blick viele Initiativen heute als überholt angesehen werden können, so wurde z.b. CEEPUS ja deshalb gegründet, damit die teilnehmenden Staaten ihren Studierenden einen Auslandsaufenthalt bieten können. Diese Staaten sind heute fast alle in der EU und ihre Studierenden können an den EU-Programmen teilnehmen. Die ungebrochene Nachfrage nach Netzwerken wie CEEPUS zeigt, dass das Interesse vorhanden ist. Hier gilt auch der Dank den Ministerialbeamt/innen, in Zeiten sinkender Budgets diese Initiativen weiter zu unterstützen. Jana Kusová, geboren 1972 in České Budějovice, studierte Germanistik und Geschichte an der Südböhmischen Universität. Seit 1995 arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am dortigen Institut für Germanistik der Pädagogischen Fakultät, wo sie diverse linguistische Fächer (insbesondere die deutsche Morphologie) unterrichtet. Susanne Christof, geboren 1982 in Braunau am Inn, studierte Kunstgeschichte an der Leopold-Franzens-Universität in Innsbruck. Nach Auslandsaufenthalten in Rom, Prag, Budweis, Warschau und Breslau schloss sie ihr Studium am Institut für Kunstgeschichte mit Auszeichnung ab. Zurzeit arbeitet sie als OeAD- Lektorin am Institut für Germanistik der Pädagogischen Fakultät der Südböhmischen Universität in České Budějovice. oead.news: Würden Sie heutigen Studierenden zu einem Sommerkolleg, zu einem Studienaufenthalt in einem mittel- bzw. osteuropäischen Land raten? Wenn ja, warum? OH: Ja selbstverständlich! Als Kleinstaat ist Österreich stark gefordert alle seine Kontakte zu pflegen. Ein Auslandsaufenthalt ist für den Einzelnen eine Bereicherung und gerade die Kontakte und das Verständnis unserer Nachbarn wird in der Zukunft nicht weniger wichtig sein. oead.news: Immer wieder wird in der Diskussion um Stipendien und Förderungen auch der wirtschaftliche Aspekt angesprochen. Aus Ihrer jahrzehntelangen Erfahrung, glauben Sie, dass sich die eingesetzten Fördermittel auch wirtschaftlich lohnen? OH: Gerade der große Verdienst des damaligen Ministers, Dr. Erhard Busek, war es, dass er auch der Wirtschaft den Weg gewiesen hat. Seine Appelle in den Medien wurden aufgenommen, Österreich konnte damals beim Run nach Mittel- und Osteuropa seinen Starvorteil sehr erfolgreich nutzen. Österreich war sehr erfolgreich! Heute werden die damals aufgebauten Kontakte wissenschaftlich und wirtschaftlich immer noch genutzt. Die eingesetzten Fördermittel sind im Vergleich zu anderen Budgets bescheiden. Österreich hat den Umwegnutzen frühzeitig erkannt, so ist z.b. die hohe österreichische Beteiligung am Erasmus-Programm auch der Zusatzfinanzierung zu verdanken. Das eingesetzte Geld ist gut investiert! oead.news: Wir danken für das Gespräch. Das Gespräch führte Felix Wilcek, OeAD Es war der glücklichste Monat meines Lebens, antwortete eine der Teilnehmer/innen des Sommerkollegs auf die Frage, wie es ihr in České Budějovice gefiel, vor allem weil sie hier in einer entspannten Atmosphäre in der gelernten Fremdsprache hemmungslos kommunizieren, viel Neues sprachlich, fachlich und menschlich lernen und im täglichen Kontakt die Nachbarkultur intensiv erleben durfte. Die erfolgreiche Herstellung eines natürlichen und unmittelbaren kommunikativen Milieus ist für eine effiziente Aneignung sprachlicher Kompetenzen besonders fördernd. So ist die großzügige Unterstützung, die die AKTION Österreich Tschechische Republik dem erfolgreich entwickelten Sommerkolleg-Konzept gewährt, langfristig eine zielführende Förderung des Interesses an deutscher Sprache und österreichischer Kultur. Die Freiwilligkeit, die dem Konzept zugrunde liegt, lässt viel Positives entstehen Budweis bei Nacht sowohl von den Veranstalter/innen, als auch von den Teilnehmer/innen. Das Sommerkolleg České Budějovice setzt die Tradition fort, die Dana Pfeiferová mit den Sommerkollegs in Landštejn und Kravsko im Jahre 1992 begründete zog das Sommerkolleg mit Vladimíra Květounová nach České Budějovice um, um im fachlichen und infrastrukturellen Hinterland der Universitätsstadt die inhaltlichen Schwerpunkte und Unterrichtskonzepte effektiver umsetzen zu können. Für die geisteswissenschaftlich orientierten Teilnehmer/ innen der Sommerkollegs bietet die südböhmische Metropole viele Anregungen und Freiheiten. Sandra Luegmayr

14 14... Einblicke ins Alltagsleben der anderen... Gruppenfoto der Teilnehmer und Teilnehmerinnen (2011) im Gebäude der Pädagogischen Fakultät Patricia Broser Seit 2011 wird das Sommerkolleg České Budějovice von Jana Kusová veranstaltet, auch Hana Sodeyfi (Institut für Slawistik der Universität Wien) blieb nach langjähriger Zusammenarbeit als österreichische Projektpartnerin weiter eine wichtige Stütze. Angst hat große Augen, lautet die wortwörtliche Übersetzung eines tschechischen Sprichworts. Wer Angst hat, sieht Probleme und Unterschiede viel größer, als sie in der Wirklichkeit sind. Wer jedoch eine andere Kultur hautnah erlebt und gute Erfahrungen damit macht, kann entspannt genießen, was das Andere zu bieten hat. Verbunden durch eine gemeinsame Geschichte in der habsburgischen Vielvöl- kermonarchie lebten die tschechische und österreichische Kultur jahrhundertelang in einem engen Kontakt und der unterschiedlich ausgeprägte deutschtschechische Bilingualismus war eine Selbstverständlichkeit. Diese Verflochtenheit des mitteleuropäischen Raums im vereinigten Europa ist eine große Chance. Erlebte Landeskunde ist ein produktives Unterrichtskonzept. Die gemeinsame Unterbringung der Teilnehmer/innen des Sommerkollegs in České Budějovice sorgt für reale Einblicke in das Alltagsleben der jeweils anderen Nation es wird gemeinsam gekocht, über den Tagesablauf diskutiert, individuelle und nationale Gewohnheiten werden identifiziert. Während der gemeinsamen Exkursionen und fachlichen Aufbauveranstaltungen, wie Lesungen, Fachvorträgen und Wahlseminaren, erforscht man programmmäßig oder noch öfter spontan die nahe und weitere südböhmische Region und die oberösterreichische Landeshauptstadt Linz. Das interkulturelle Verständnis wird zusätzlich durch den kommunikativ orientierten Unterricht unterstützt, der auf gegenseitiger Unterstützung und Akzeptanz basiert. Die neu entstandenen Kontakte können ausgebaut werden und in der weiteren akademischen, professionellen und privaten Lebenslaufbahn einen Anker im benachbarten Land darstellen. Das Sommerkolleg in České Budějovice bietet einen Einstieg, die Fortsetzung hängt jedoch von den Teilnehmer/innen selbst ab. Die Synergie von Freiwilligkeit, Interesse, gegenseitiger sprachlicher und menschlicher Unterstützung und der gemeinsam intensiv verbrachten Zeit lässt hoffen, dass sich aus den neuen Erfahrungen und Kenntnissen ein Verständnis für die andere Nation entwickelt, das die Teilnehmer/innen zum Weiterlernen und Weiterkennenlernen des Nachbarlands, seiner Sprache und Kultur motiviert.

15 15 Norbert Conti Brauchbare Erfahrungen Sommerkollegs aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet Mag. Norbert Conti leitet seit 2011 das Österreich Institut Brno. Er war davor OeAD-Lektor in der Slowakei und hat an insgesamt neun Sommerkollegs als Teilnehmer, Lehrer und Organisator mitgewirkt. Conti bei einem Vortrag während des Sommerkollegs Norbert Conti Das erste Sommerkolleg führte mich im Sommer 2003 auf die kroatische Insel Premuda, wo wir uns gemeinsam mit Kolleg/innen aus Spanien literarischen Übersetzungen widmeten. Der Rahmen des Sommerkollegs und die Arbeit in Tandems führte zu einer intensiven Beschäftigung mit der Materie und zu hervorragenden Ergebnissen. Im Jahr darauf besuchte ich das Sommerkolleg in Budapest und stellte fest, dass das Tandemkonzept auch für den Sprachunterricht äußerst wertvoll ist, was ich später auch in meiner Tätigkeit als DaF (Deutsch als Fremdpsrache)-Lehrer umzusetzen versuchte. Darüber hinaus ergaben sich aus beiden Sommerkollegs Freundschaften, die bis heute bestehen. Das Kolleg in Budapest war auch die erste echte Kontaktaufnahme mit der ungarischen Sprache, die von vielen ja gerne als unlernbar bezeichnet wird. Daher war ich selbst erstaunt, welche Fortschritte sich nach drei Wochen einstellten. Vieles davon stammt nicht direkt aus dem Unterricht, sondern aus der Verständigung mit dem ungarischen Zimmerpartner, der mich auch immer wieder zu seinen ungarischen Freunden mitnahm, die kein Deutsch oder Englisch sprachen. Gerade das unterscheidet die Sommerkollegs von einem normalen Sommersprachkurs: Das Lernen im Unterricht wird ergänzt durch das aktive Anwenden der Sprachkenntnisse außerhalb des Unterricht. So wird den Teilnehmer/innen ein Eintauchen in die andere Sprache und Kultur ermöglicht, was für einen nachhaltigen Lernerfolg sorgt. In den folgenden Jahren nahm ich noch einmal am Kolleg in Budapest teil, danach folgte das Sommerkolleg in Nitra. Zu dieser Zeit war ich bereits als OeAD-Lektor in der Ostslowakei tätig vom Lektoratsprogramm hatte ich übrigens beim ersten Sommerkolleg in Budapest von der dort tätigen Lektorin erfahren. Kontakte knüpft man ja nicht nur zu den Teilnehmer/innen aus dem Gastland, sondern auch zu den österreichischen Teilnehmer/innen, die sich für Sprache und Kultur des Gastlands interessieren, woraus sich dann später berufliche und private Perspektiven ergeben können. Als OeAD-Lektor hatte ich nun auch die Gelegenheit, in der Gestaltung der Sommerkollegs mitzuwirken von als Lektor in Krakau und in den Jahren 2009 und 2010 als Organisator eines Kollegs in Presov. Die Tätigkeit in Krakau gab Einblick in ein weiteres mitteleuropäisches Land und auch der Unterricht auf den Kollegs ist immer abwechslungsreich und interessant, da die Studierenden sehr motiviert sind. Ein Projekt wie das Sommerkolleg in der Slowakei zu organisieren ist nicht ganz einfach zu den bürokratischen Hürden an den Universitäten kommt auch noch, dass das Interesse, gerade von österreichischer Seite, oft erst geweckt werden muss. Man sammelt so jedoch nicht nur Erfahrungen in der Projektorganisation, man fungiert auch als Reiseführer, Moderator des Rahmenprogramms, Koordinator der Lektor/ innen, Redakteur der Kurszeitung etc. All diese Erfahrungen kann ich im jetzigen Beruf sehr gut brauchen auch aus diesem Grund versuche ich in meiner jetzigen Funktion, die Sommerkollegs sowohl in Tschechien als auch in Österreich zu bewerben und besuche jedes Jahr eines der Kollegs mit einer Präsentation des Österreich Instituts. Es freut mich, dass die Sommerkollegs nun schon seit 20 Jahren ihren Beitrag zur interkulturellen Verständigung leisten und ich hoffe, noch viele Kollegs besuchen zu können.

16 16 Tilmann Reuther Charlotte Khan Wechselhafte Rahmenbedingungen und Entwicklungen Österreichisch-Ukrainisches Sommerkolleg für Russisch und Deutsch Ao.Univ.-Prof. Mag. Dr. Tilmann Reuther ist Vorstand des Instituts für Slawistik an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Er ist Mitglied der Fakultätskonferenz der Fakultät für Kulturwissenschaften. Mag. Charlotte Khan ist wissenschaftliche Beamtin am Institut für Slawische Sprachen der Wirtschaftsunversität Wien. Sie hat die organisatorische Leitung des Russisch- Deutschen Sommerkollegs in Kiev-Charkiv- L viv und Wien-Klagenfurt (Kooperation mit der Universität Klagenfurt sowie der NTU ChPI Charkiv, Ukraine). Sommerkolleg 2011 Innenhof der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt Archiv des Sommerkollegs 2011 Das Sommerkolleg für Russisch und Deutsch wurde anfangs vom Institut für Slawistik der Universität Klagenfurt durchgeführt, seit 1999 wird es gemeinsam mit dem Institut für Slawische Sprachen der Wirtschaftsuniversität Wien organisiert. Während das Sommerkolleg in den ersten Jahren in der Ukraine nur zwei Wochen dauerte, so wurde in den Jahren ein dreiwöchiges, und in den letzten fünf Jahren vierwöchiges Programm gestaltet, wovon zwei Drittel in der Ukraine und ein Drittel in Österreich abgehalten wurden. Mit diesem Österreich-Teil konnte sich das Sommerkolleg eine besondere Stellung sichern, was aufgrund der eingeschränkten Möglichkeiten für ukrainische Studierende nach Österreich zu kommen beibehalten worden ist. Eine Kollegdauer von drei bis vier Wochen erlaubte die Gestaltung eines ausführlichen Rahmenprogramms mit einem Städteprojekt, welches in Kleingruppen von je zwei Studierenden aus Österreich und der Ukraine zu bearbeiten war. Im Laufe der Jahre wurden die Städte Kiev, Charkiv, Odessa und Lemberg sowie Wien und Klagenfurt in das Projekt einbezogen. Bei einer durchschnittlichen Teilnehmer/innenzahl von je 17 Studierenden aus beiden Ländern kamen so an die 700 junge Menschen über einen längeren Zeitraum in persönlichen Kontakt und erarbeiteten sich nachweisliche Sprachkenntnisse in Deutsch und Russisch. Das Kolleg ist mit 4 ECTS-Punkten für österreichische Studierende zertifiziert, die ukrainischen Teilnehmer/innen absolvier- ten ihre Deutschprüfungen nach der österreichischen Prüfungsnorm Deutsch als Fremdsprache, in den letzten zehn Jahren in enger Zusammenarbeit mit dem Prüfungszentrum in Klagenfurt. Gut die Hälfte der Teilnehmenden ist jetzt Jahre alt, und ein Teil von ihnen hat beachtliche Karrieren gemacht. Von den ukrainischen Teilnehmer/innen sind einige an der Partneruniversität (Nationale Technische Universität Charkiv) als Lehrkräfte tätig und unterstützen damit die Partnerschaftsbeziehungen der Universität Klagenfurt. Ein anderer Teil ist in Betrieben und Wirtschaftseinrichtungen der Ukraine tätig. 23 ukrainische Studierende verbrachten nach dem Sommerkolleg auch Studiensemester in Österreich. An der Partneruniversität in Charkiv stiegen das Interesse für Deutsch als Fremdsprache und die Anzahl der Bewerber/innen für das Kolleg kontinuierlich. Das Sommerkolleg spielte eine bedeutende Rolle bei der Unterstützung von österreichischen Studierenden verschiedenster Fachrichtungen: von Russisch über Wirtschaftswissenschaften bis zu technischen und naturwissenschaftlichen Fächern. Die politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen der letzten 20 Jahre waren in der Ukraine, aber auch in Österreich durchaus wechselhaft. Das Sommerkolleg hat fast die ganze Periode des Entstehens einer unabhängigen Ukraine miterlebt, und auch die ukrainischen Studierenden haben unterschiedliche politische Situationen in Österreich vorgefunden. Da unsere beiden Länder nicht gerade im Zentrum der Berichterstattung stehen (die Ukraine in den österreichischen Medien freilich häufiger, als Österreich in ukrainischen Medien), bietet das Sommerkolleg zweifelsohne eine

17 17 Michael Meznik Ein Format mit Zukunft Österreichisch-Bulgarisches Sommerkolleg Mag. Michael Meznik lehrt am Institut für Politikwissenschaft und ist Mitglied der Wiener Osteuropaplattform der Universität Wien. wichtige Möglichkeit, das jeweils andere Land besser kennenzulernen. Es geht jedoch nicht nur um Wirtschaft und Politik, sondern auch um Einblicke in das Alltagsleben der beiden Länder. Dem dienten das Städteprojekt, aber auch Einladungen der österreichischen Studierenden in die Familien ihrer ukrainischen Kolleg/innen, was wegen der Konzentration der ukrainischen Teilnehmer/innen auf die Region Charkiv auch gut durchführbar war. Russisch in der Ukraine? Das war 1992 zu einem Zeitpunkt, als Sommerkollegs in Russland noch nicht möglich waren vor allem in der Ostukraine unproblematisch. Im Jahre 2012, und an einigen Wendepunkten der ukrainischen Sprachpolitik bereits davor, stellte sich die Frage der Einbeziehung von Ukrainisch in das Kollegprogramm immer wieder. Wir sind in den letzten Jahren zu einer Lösung gekommen, die auch einen Besuch von Lemberg in der Westukraine miteinbezieht; eine kurze Einführung in das Ukrainische für Russist/innen ist nunmehr Teil des Programms in Charkiv. Das Österreichisch-Bulgarische Sommerkolleg ist seit Mitte der 1990er Jahre ein Anziehungspunkt für Studierende und junge Graduierte österreichischer Universitäten und Fachhochschulen mit Interesse an Bulgarien und der bulgarischen Sprache. Für zahlreiche bulgarische Studierende ist die Veranstaltung häufig die erste Gelegenheit zum Austausch mit deutschen Muttersprachler/innen und zugleich der Startschuss für eine langfristige Beschäftigung mit der deutschen Sprache. Das Österreichisch-Bulgarische Sommerkolleg erlebt 2012 seine bereits 18. Auflage. Seit 2007 wird die Veranstaltung organisatorisch durch das Institut für den Donauraum und Mitteleuropa (IDM) betreut. Vor Ort in Bulgarien wird seit mehreren Jahren erfolgreich mit der Neofit Rilski Universität Blagoevgrad sowie der Konstantin Preslavski Universität in Schumen kooperiert. Das Sommerkolleg hat in den mehr als eineinhalb Jahrzehnten seines Bestehens schon in fast allen größeren Städten Bulgariens Station gemacht. Neben Sofia waren und sind auch die Schwarzmeermetropole Varna und die historische Hauptstadt Veliko Tarnovo Austragungsorte der Veranstaltung, die alljährlich rund 40 Teilnehmer/innen einen intensiven Bulgarisch-Deutsch-Sprachkurs und ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Exkursionen, kulturellen Veranstaltungen und Gastvorträgen bietet. Gerade die Vorträge namhafter Referent/innen aus dem akademischen Bereich und aus bulgarischen Nichtregierungsorganisationen konnten zur Vermittlung eines realistischen Bilds des Landes und der Probleme der bulgarischen Transformationsgesellschaft beitragen und mitunter intensive Diskussionen unter österreichischen und bulgarischen Teilnehmer/innen auslösen. Fest etabliert hat sich über die Jahre auch der Besuch durch Vertreter/innen der Österreichischen Botschaft in Sofia, die meist einen Überblick über die Beziehungen zwischen Österreich und Bulgarien geben und durch ihre Anwesenheit den Stellenwert des Sommerkollegs zusätzlich unterstreichen. Neben der Chance zur nachhaltigen Verbesserung der eigenen Sprachkenntnisse und zum Erwerb landeskundlicher Kenntnisse bietet das Sommerkolleg auch die Möglichkeit zur Entwicklung interkultureller Kompetenz. Im täglichen Miteinander der Studierenden offenbart sich immer wieder auch der eine oder andere Unterschied, der nicht nur Auslöser von Missverständnissen ist, sondern für beide Seiten auch einen Anlass zur Reflexion eigener Gewohnheiten und kultureller Prägungen darstellt. In manchen Fällen folgt der Teilnahme an der Veranstaltung auch ein längerer (Studien-)aufenthalt im jeweils anderen Land, wobei gerade bei bulgarischen Studierenden durch die Veranstaltung nachhaltig Interesse am Hochschulstandort Österreich geweckt wird. Ein wichtiges Ergebnis der Sommerkollegs sind naturgemäß auch die zahlreichen neuen Kontakte und Freundschaften, die im Social Media-Zeitalter auch lange nach Ende der Veranstaltung intensiv gepflegt werden. Neben regelmäßigen Treffen Ehemaliger in Österreich und Bulgarien haben sich in den letzten Jahren auch immer wieder bulgarische Teilnehmer/innen auf die Reise nach Österreich gemacht, um ihre Kollegen vom Sommerkolleg in ihren Heimat- und Studienorten zu besuchen. Seit 2011 ist das Sommerkolleg schließlich auch selbst auf Facebook präsent: Auf der Facebook-Seite können sich potentielle Interessenten über das Programm informieren und sich in einer der Fotogalerien einen ersten Eindruck von den Veranstaltungsorten verschaffen. Bewerber/innen aus Bulgarien erhalten hier auch laufend Informationen über den Stand des Auswahlverfahrens für die Teilnahme. Die Kombination aus intensivem Sprachkurs und Exkursionsprogramm hat sich eindeutig bewährt, was auch durch die beständig positiven Evaluierungen durch die Teilnehmer/innen am Ende des Kurses belegt wird. Die über die Jahre gleichbleibend hohe Qualität der einzelnen Komponenten der Veranstaltung hat das Österreichisch-Bulgarische Sommerkolleg auch in Bulgarien zu einer fixen Größe in der Weiterbildungslandschaft werden lassen, der noch viele weitere Auflagen zu wünschen sind.

18 18 Die Nachbarschaft kennenlernen Teilnehmer/innen am ersten Tschechisch-Sommerkolleg in Brno-Slapanice oead.news im Gespräch mit Elisabeth Marinković, Leiterin des Kulturforums in Bukarest Eva Philipp, Stellvertretende Leiterin Abt. II/7 im Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung Harald Christian Scheu, Ph.D. Karls Universität Prag, Rechtswissenschaftliche Fakultät oead.news: Wie sind Sie seinerzeit auf das Sommerkolleg aufmerksam geworden? Marinković: Ich war Bohemistikstudentin und da gab es einen Aushang im Institut. Uns Studierende hat das sehr interessiert, wir haben uns zu fünft beworben. Wir wollten unsere Tschechischkenntnisse intensivieren und natürlich auch tschechische Studierende kennenlernen. Philipp: Ich war nach meinem Studium auf Arbeitssuche u.a. hatte ich ein Vorstellungsgespräch im Wissenschaftsministerium. Der damalige Leiter der Abteilung für Stipendien Dr. Huber hat mich auf Grund meiner Tschechischkenntnisse darauf aufmerksam gemacht. oead.news: Was war der Beweggrund gerade an diesem besonderen Sommerkolleg teilzunehmen? Scheu: Die Verbesserung der Sprachkenntnisse, Gelegenheit zum Kennenlernen der Sprache. Marinković: In erster Linie die Sprache, aber auch ein längerer Aufenthalt in dem Land. Ausschlaggebend war aber auch das Konzept der Sommerkollegs: Die Verbesserung der Sprachkenntnisse und die gemeinsamen Aktivitäten mit den tschechischen Kolleginnen und Kollegen. Eine schöne Gelegenheit einander kennenzulernen, es war ja 1992, also drei Jahre nach der Öffnung, es war eine sehr spannende Atmosphäre. Philipp: Bei mir war es klar, da ich ja zweisprachig aufgewachsen bin. Für mich war es eine Gelegenheit, da ich die Sprache ja nie in der Schule gelernt habe, das nachzuholen und sich einmal gründlich mit Grammatik und Hausaufgaben zu beschäftigen. Ich habe zu Hause Tschechisch gesprochen, aber zum Beispiel nie Schreiben gelernt. oead.news: Haben sich damals Ihre Erwartungen erfüllt, oder sind Sie erst später auf den Wert Ihrer Teilnahme gestoßen? Scheu: Der Kurs war hervorragend organisiert. Die Stimmung unter den Teilnehmer/innen war außergewöhnlich gut. Ich empfand meine Teilnahme am Sommerkolleg bereits 1992 als großen Gewinn. Marinković: Die Erwartungen haben sich sicher gleich erfüllt, ich hatte ja schon vier Semester Tschechischunterricht gehabt, es gab aber so viele Kleinigkeiten, die man nicht im Unterricht lernen kann. Mein Beweggrund Tschechisch zu studieren, war ja die Öffnung. Ich bin im 20. Bezirk in die Schule gegangen,nach dem Fall des Eisernen Vorhangs konnte man zwei Tage Elisabeth Marinković & Eva Philipp beim Interview in Prag nicht mit dem Bus in die Schule fahren, weil so viele Tschechen auf den Straßen waren! Es war ein ganz besonderes Ereignis. Ich wusste, es waren alles Tschech/innen, die eine Stunde von Wien enfernt wohnen, über ihr Land habe ich aber selbst sehr wenig gewusst. Ich wollte einfach mehr wissen, zuerst war ich einmal in Znaim, es war eine andere Welt! Beim Sommerkolleg haben wir dann gemerkt, dass in dem Land eine große politische Veränderung stattgefunden hat, das war noch in den Köpfen und Herzen der Menschen. Ganz toll fand ich die Liederabende, bei denen wir die poetischen Dissidentenlieder lernten. Dadurch konnte man die Atmosphäre und das Glücksgefühl besser verstehen. Philipp: Bei mir war das ganz anders, da meine Familie ja aus Tschechien abstammt. Ich hatte immer Kontakt zu den Verwandten, da Felix Wilcek

19 19... die Sache mit dem rohlik... ich dort als Kind Urlaub machte. Der kulturelle Hintergrund hat mir aber auch gefehlt. Es gab ja nicht wie heute tschechische Gastspiele, ich hörte kein tschechisches Radio, keine tschechische Musik. Beim Sommerkolleg gab es die Möglichkeit, das nachzuholen. Da habe ich begonnen mich mit tschechischem Theater und Literatur zu beschäftigen. Wir haben das typische tschechische Lebensgefühl kennengelernt Marinković: Ja zum Beispiel, dass es zum Frühstück Würstel oder Thunfischsalat gab, das habe ich vorher nicht gekannt. Oder die kleinen grünen Paprika, die so unheimlich scharf waren. Oder die Sache mit dem rohlik, den tschechischen Salzstangerln ohne Salz: Die Österreicher haben sie alle aufgeschnitten Butter und Marmelade draufgestrichen und wieder zu gemacht und die Tschechen haben einfach die Butter oben draufgestrichen! Die Tschechen haben zwei gegessen, während wir eines aufgeschnitten haben. Im ersten Jahr konnte man noch an der Kleidung erkennen, wer woher kam. Im zweiten Jahr nicht mehr, da war die Unterscheidung nur mehr durch den Umgang mit dem rohlik möglich. oead.news: Sie haben untereinander noch Kontakt, haben Sie auch Kontakt zu weiteren (tschechischen) Teilnehmer/ innen bzw. wissen Sie, was aus ihnen geworden ist? Scheu: Auch nach Abschluss des Kurses gab es eine Zeit lang noch Kontakte zu einigen Teilnehmer/innen. Heute habe ich keine Kontakte mehr, mit einer Ausnahme Frau Mag. Marinković! Marinković: Mit meiner Zimmerkollegin hatte ich dann noch länger Kontakt. Sie hat mich zu sich nach Hause eingeladen, das war mein erstes intensives Sprachbad, weil ihre Familie nur Tschechisch sprach. Das war sprachlich gesehen ein sehr intensives Wochenende, sie ist dann auch zu mir nach Wien gekommen. Zu einigen österreichischen Teilnehmern habe ich noch Kontakt und weiß, was aus ihnen geworden ist. aufgegeben, Anglistik studiert und ist heute Englischlehrerin. Ihr Kind ist gleich alt wie meines, auch die haben Kontakt, schreiben sich Briefe. oead.news: Gerade in Europa hat es viele Veränderungen in den letzten 20 Jahren gegeben. Glauben Sie, ist die Einrichtung der Sommerkolleg noch zeitgemäß? Scheu: Ich sehe den Zusammenhang nicht. Welchen Einfluss haben Veränderungen in Europa auf die Sinnhaftigkeit eines Sommerkollegs bzw. allgemein auf das Erlernen von Fremdsprachen? Philipp: In sprachlicher Hinsicht ist es heute wahrscheinlich noch wichtiger als vor 20 Jahren, damals standen mehr die Kontakte, das Kennenlernen, das Abbauen der Hemmschwellen im Vordergrund. Was jetzt in der EU auch wichtig ist, ist das Zusammengehören. Wir Nachbarn mit der gleichen Geschichte können das als Basis für gemeinsame Projekte verwenden. Das Tschechisch- Sommerkolleg war eine Pionierleistung, heute gibt es Sommerkollegs in 14 Sprachen. Wichtig ist es, neben Englisch auch eine andere Sprache zu lernen, jede neue Sprache ist eine Horizonterweiterung. Marinković: Ich sehe das genauso wie Eva, dass das heute mindestens so wichtig ist wie damals. Weil wir Nachbarn sind, müssen wir einander kennenlernen. Unser Botschafter vergleicht Österreich und Tschechien immer mit zwei Geschwistern: wir haben gleiche Wurzeln, die gleiche Geschichte und eine gemeinsame Grenze. Einerseits ist Tschechien der wichtigste Handelspartner in Mittel- und Osteuropa, anderseits ist Österreich Haupturlaubsland der Tschechen. Wie bei jedem Nachbarn gibt es auch Reizthemen, hier ist es wichtig miteinander zu sprechen, um einander zu verstehen. Das geht aber nur über die Sprache und wenn man einander kennt. Wie gesagt, vor 20 Jahren war das Beschnuppern wichtig, heute im gemeinsamen Europa sollen wir Synergien finden. Philipp: Wenn man nur ein paar Phrasen in einer Sprache kann, öffnet einem das im Land Tür und Tor, es wird als Anerkennung gesehen, dass man sich mit einer Kultur auseinandergesetzt hat und nicht präpotent durchs Leben geht und auf dem Standpunkt steht, die müssen alle zumindest Englisch können. oead.news: Im zwanzigjährigen Rückblick: Was war das prägendste Ereignis? Spracherwerb, soziale Kontakte, Auslandsaufenthalt, oder? Philipp: Mit meiner damaligen Zimmerkollegin Petra habe ich noch heute Kontakt. Sie lebte damals in Brünn, wo ich sie auch besucht habe. Sie hat Deutsch Impressionen von damals Eva Philipp

20 20 Teilnehmer/innen des ersten Tschechisch- Sommerkollegs 1992 Eva Philipp Scheu: Sowohl Spracherwerb als auch soziale Kontakte spielen eine große Rolle. Das lässt sich meiner Meinung nach nicht hierarchisieren. Philipp: Der Kontakt zum Land, der über meine Zimmerkollegin geführt hat. Noch heute gibt sie mir Tipps zu tschechischen Büchern und Filmen. Das bekommt man nicht mit, wenn man nicht im Land lebt. Auch die Erfahrung, einmal drei Wochen wo anders zu leben, damals hat Erasmus ja erst begonnen, da waren solche Auslandsaufenthalte ja noch nicht üblich. So einen Aufenthalt kann man jedem jungen Mensch nur empfehlen! oead.news: Glauben Sie, hat die Teilnahme am Sommerkolleg Ihre private bzw. berufliche Zukunft beeinflusst? Wenn ja, wie? Scheu: Ja, ich konnte mit Hilfe meiner verbesserten Sprachkenntnisse eine berufliche Laufbahn in Prag beginnen. Marinković: Beim Aufnahmetest ins Außenministerium haben die Tschechischkenntnisse Zusatzpunkte gebracht. Und wenn man sich meine Laufbahn im Außenministerium ansieht, so war ich in Wien, Prag und Zagreb. Zu den sozialen Kontakten: Nach den zwei Tschechisch-Sommerkollegs habe ich dann noch am ersten Kroatischkolleg für Übersetzer teilgenommen, bei dem ich meinen Mann kennengelernt habe. Jetzt sind wir zehn Jahre verheiratet und haben zwei Kinder, die dreisprachig aufwachsen. Philipp: 1992 habe ich das Kolleg gemacht, 1997 bin ich in meine heutige Abteilung im Wissenschaftsministerium gekommen. Ausschlaggebend waren sicher meine Tschechischkenntnisse, Leute mit Ostsprachenkenntnissen wurden dringend gesucht. Jetzt ist Tschechien mein Schwerpunkt im Ministerium, neben der Betreuung der Kollegs bin ich auch für die Aktion Österreich-Tschechien zuständig. oead.news: 1992 das war zeitlich doch recht nahe zur Ostöffnung. Hat die Teilnahme am Sommerkolleg Ihre persönliche Einstellung verändert? Hat sich Ihre Einstellung zum Nachbarland verändert? Scheu: Nicht im politischen Sinn. Aber unabhängig vom konkreten Kontext hat sich mit dem Kennenlernen der Sprache und des Landes die persönliche Einstellung verändert. Marinković: Die Einstellung zum Land nicht, da hatte ich ja schon eine positive Einstellung, aber sicher den Weg zur Sprache eröffnet. Ich war dann noch mit einem zweisemestrigen Stipendium der Aktion Österreich-Tschechien und sechs Monate zum Abfassen meiner Diplomarbeit in Tschechien. oead.news: Aus welchen Gründen würden Sie jungen Studierenden heute die Teilnahme an einem Sommerkolleg empfehlen? Philipp: Beruflich ganz klar zu empfehlen, man weiß nie, wofür man es braucht! In dem Alter kann man ja noch nicht abschätzen, wie es weitergehen wird. Rein menschlich und sozial ist es auf jeden Fall ein Gewinn, den man später auch im Beruf einsetzen kann. Marinković: Gerade jetzt ist es wichtig weiterzumachen, weil wir auf beiden Seiten bemerken, dass das Interesse an den Sprachen der Nachbarn zurückgeht. Mit der Sprache, Gedanken- und Kulturwelt der Nachbarn muss man sich aber auseinandersetzten. Die Globalisierung eröffnet den Zugang zur ganzen Welt, man darf aber auf die Nachbarschaft nicht vergessen. oead.news: Wir danken für das Gespräch. Das Gespräch führte Felix Wilcek, OeAD

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