DIALOG. Partner im Netz. Das Magazin der Otto Bock HealthCare. Ausgabe 04/Juni 2007

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1 Ausgabe 04/Juni DIALOG Das Magazin der Otto Bock HealthCare Partner im Netz

2 2 DIALOG 04 INHALT Inhaltsverzeichnis EDITORIAL Unsere Welt der Ideen... 3 MOMENT MAL... 4 TITELSTORY Ohne Barrieren im Web: Die neue Internetpräsenz von Otto Bock... 6 EVENT Anfassen, Staunen und Mitmachen: Zukunftstag in Duderstadt... 8 MENSCHEN Laufen ist sein schönstes Geschenk: Richie aus Indonesien... 9 WHAT S ON IN... BULGARIEN Starke Frau: Daniela Dantcheva tanzt für Hollywood FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG Prof. Klaus-Peter Hoffmann: Stand und Chancen der Neurobionik INNOVATION Das Leben geht weiter: Das Neuroimplantat ActiGait...14 WHAT`S ON IN... UNGARN Das Ziel vor Augen: Otto Bock Mitarbeiter beim Ironman PRODUKTWELT Auszeichnung für Design und Funktion: SuperFour und red dot award Kontakt Unternehmenskommunikation: Rüdiger Herzog (Corporate Publishing): Christina Hermann (Corporate Publishing): Christin Gunkel (Assistant to Director Corporate Communication): Impressum Herausgeber: Otto Bock HealthCare GmbH Unternehmenskommunikation Max-Näder-Straße Duderstadt Konzeption: Otto Bock HealthCare GmbH Unternehmenskommunikation V.i.S.d.P.: Joachim F. Hamacher Chefredaktion: Rüdiger Herzog Redaktion: Christina Hermann Layout/technische Realisierung: Studio1 Werbeagentur GmbH Heilbad Hei li gen stadt Druck: PR Druckerei GmbH, Göttingen 2007 Otto Bock HealthCare GmbH Duderstadt

3 Prof. Hans Georg Näder EDITORIAL DIALOG 04 3 Unsere Welt der Ideen Liebe Leserinnen und Leser, würden Sie auf gut strukturierte Zeitungen und Magazine verzichten wollen? Haben Sie sich auch schon mal im Internet darüber geärgert, dass Sie vieles gefunden haben, nur nicht das, was Sie suchten? Die unerschöpfliche Vielfalt hat eine Kehrseite: Man kann sich im weltweiten Netz verheddern. In diesem Dialog stellen wir Ihnen unsere neue Homepage vor, die zielgenaue Information erleichtert und gleichzeitig den heutigen Möglichkeiten einer behindertengerechten Programmierung folgt. Von der Startseite aus ist es nur ein einziger Klick, um zu den Bereichen für Anwender & Patienten, Ärzte & Therapeuten sowie Fachhändler & Techniker zu gelangen. Je nach Interessenslage. Über das Unternehmen, seine Forschung und Entwicklung, Geschichte und Globalität finden Sie neue Inhalte. Besuchen Sie uns im Netz! Ferner informieren wir Sie in diesem DIALOG über die Markteinführung des ActiGait. Unser erstes Neuroimplantat wurde nach der EU-Zulassung jetzt in Deutschland bei zwei Patienten eingesetzt. Schlaganfallpatienten mit Fußheberschwäche. Wie sich ihr Gangbild verbessert, weil das Implantat intakte Nervenbahnen zur Reaktivierung der Muskulatur nutzt, wird zurzeit filmisch dokumentiert. Die Zukunft der Medizintechnik hat begonnen. Wohin sie uns führen wird, beschreibt in einem DIALOG-Gastbeitrag Professor Dr. Klaus-Peter Hoffmann, der am Fraunhofer Institut für Biomedizinische Technik in St. Ingbert die Abteilung für Medizintechnik und Neuroprothetik leitet. Sie lernen in diesem DIALOG Menschen aus aller Welt kennen. Etwa Daniela Dantcheva, die sich in Bulgarien in bewundernswerter Weise für Patienten mit Behinderungen einsetzt. Oder Richie aus Sulawesi, Terroropfer von 15 Jahren, der unsere Techniker damit beeindruckte, wie schnell und wie gut er mit seiner ersten Unterschenkelprothese zurecht kam. In solchen Momenten wird uns immer wieder bewusst, wie motivierend Technologie für Menschen ist. Für Anwender, Techniker und Therapeuten. Aber ebenso für uns als Hersteller. Als große Anerkennung empfinden wir, nun vom deutschen Bundespräsidenten Horst Köhler zum ausgewählten Ort im Land der Ideen ernannt worden zu sein. Bei unserem Zukunftstag am 13. Juli 2007 in Duderstadt werden wir einer breiten Öffentlichkeit zeigen, wie ein internationales Unternehmen auch in den lokalen und regionalen Netzwerken kooperiert. Hightech zum Anfassen und Ökologie in der Produktion sind weitere Schwerpunkte. Und danach folgt zum krönenden Ausklang das Open Air am Dom mit Peter Maffay und Band. Ich wünsche Ihnen eine unterhaltsame und informative Lektüre. Prof. Hans Georg Näder Geschäftsführender Gesellschafter der Otto Bock HealthCare GmbH

4 4 DIALOG 04 MOMENT MAL Deniz-Julian Ranalli Wer ist der Junge, der ganz genau weiß, was er will? Er heißt Deniz-Julian Ranalli, ist drei Jahre alt und trotzdem schon ein erprobtes Model. Im 230 Seiten starken Katalog Otto Bock Kids beginnt mit seinem Foto das Kapitel über Reha-Kinderwagen. Die Aufnahme zeigt den aufgeweckten Jungen im Kimba Spring beim Einkaufen mit seiner Mutter Alexandra. Deniz hat seine helle Freude an diesem Süßwaren-Sortiment. Verständlich. Außerdem: Schwester Julia ist ja auch noch da und wird sich über die Gummibärchen freuen, die er von seinem ersten Foto- Shooting mit nach Hause bringt.

5 Deniz-Julian Ranalli MOMENT MAL DIALOG 04 5

6 6 DIALOG 04 TITELSTORY Klare Struktur im Internet Ohne Barrieren im Netz Auf einen Klick alles im Blick: Für immer mehr Menschen ist das Internet die erste und wichtigste Informationsquelle auch und gerade, wenn es um die medizinische Versorgung von Menschen mit Handicap geht. Um deren speziellen Ansprüchen und Bedürfnissen noch besser gerecht zu werden, hat die Otto Bock HealthCare ihre Homepage komplett neu und nahezu barrierefrei gestaltet. Behindertengerechte Wohnungen und barrierefreie Innenstädte sind seit langem ein Thema. Ein Ort, an dem sich in ihrer Mobilität eingeschränkte Menschen besonders häufig aufhalten, wird dagegen noch immer stark vernachlässigt: das Internet. Ein barrierefreier Zugang zu Informationen sollte so selbstverständlich sein wie ein Behindertenparkplatz, sagt Thomas Grabe, Leiter der Abteilung Neue Medien. Deshalb wurden die Internetseiten und so aufgebaut, dass sie unabhängig von körperlichen und technischen Einschränkungen in vollem Umfang genutzt werden können. Die Barrierefreiheit hilft nicht nur gehandicapten und älteren Menschen, sondern verschafft allen Nutzern mehr Klarheit und Übersicht (siehe Interview unten). Bei der Beseitigung der Barrieren hat sich Otto Bock an den Richtlinien des World Wide Web Consortium orientiert. Und sich Unterstützung bei der Bielefelder Das Layout wächst mit Oliver Gliß (32) arbeitet seit Februar 2006 als Web-Redakteur in der Abteilung Neue Medien und E-Commerce. Er hat seine Diplomarbeit über das Thema Barrierefreies Internet geschrieben und die neuen Homepages von Otto Bock mit aufgebaut. Herr Gliß, warum ist Barrierefreiheit im Internet so wichtig? Gerade für Menschen mit Handicap bedeutet das Internet ein Mehr an Unabhängigkeit und damit an Lebensqualität. Unsere Internetseite wurde unter anderem so konzipiert, dass Besucher die Navigation auch ohne Maus und nur mithilfe der Tastatur bedienen können. Diese Funktion ist vor allem für Nutzer mit motorischen Einschränkungen sehr wichtig. Blinde Menschen können unsere Internetseite mithilfe einer Braille-Zeile lesen und ältere User können auf unserer Website die Schriftgröße an ihre Bedürfnisse anpassen, ohne dabei komplizierte Einstellungen im System vornehmen zu müssen. Das Layout wächst quasi mit. Auf was muss beim Thema Barrierefreiheit noch geachtet werden? Blinde Menschen oder Analphabeten nutzen ein so genanntes Screenreader-Programm, um sich die Inhalte einer Website vorlesen zu lassen. Häufig werden Textund Grafikelemente einer Internetpräsentation mithilfe unsichtbarer Tabellenstrukturen aufgebaut. Diese Vorgehensweise wird von vielen Web-Agenturen umgesetzt, ohne an die Folgen für Menschen mit Handicap zu denken. Das führt dazu, dass Inhalte nicht in logischer Reihenfolge vorgelesen werden und der Nutzer die Orientierung verliert. Bei den Internetseiten von Otto Bock wurde daher komplett auf die Verwendung von so genannten Layouttabellen verzichtet. Ein weiterer wichtiger Faktor ist, dass weltweit viele Menschen an einer Sehschwäche leiden oder farbenblind sind (z. B. Rot-/ Grün-Schwäche). Dieses Handicap kann dazu führen, dass Inhalte nicht gesehen werden, wenn der Kontrast zwischen Vorder- und Hintergrundfarbe nicht ausreichend ist. Aus diesem Grund müssen wir sicherstellen, dass alle Grafiken und Textpassagen entsprechend gestaltet werden. Wie erreichen Sie, dass die Internetseiten aller Auslandsgesellschaften barrierefrei werden? Durch die Verwendung eines Web-Redaktionssystems stellen wir sicher, dass die Programmierung der Internetseiten weitestgehend barrierefrei ist. Inhaltlich bieten wir unseren OBAs die Möglichkeit, auf barrierefrei gestaltete Seiten der Redaktion Duderstadt zurückzugreifen. Unser firmenweites Redaktionssystem ermöglicht den Niederlassungen, durch die Bereitstellung zentraler Vorlagen, eigene Inhalte unter Berücksichtigung der Barrierefreiheit einzubinden. Schulungen und umfassende Beratungen der nationalen Redakteure stellen die Otto Bock Qualitätsstandards für unsere Websites weltweit sicher.

7 Klare Struktur im Internet TITELSTORY DIALOG 04 7 Mit den Fingern lesen: Braille-Leiste für Blinde Agentur Comspace geholt. Diese zeichnet unter anderem auch für die barrierefreie Umsetzung des Internetauftritts des Bundesministeriums für Gesundheit verantwortlich. Laut Andreas Kämmer, Geschäftsführer von Comspace, sprechen einige handfeste Gründe für die Barrierefreiheit im Web: deutlich verkürzte Ladezeiten, erhöhte Reichweiten und ein positiver Image-Transfer für das Unternehmen. Angesichts der Tatsache, dass in Deutschland rund zehn Prozent aller Menschen als behindert erfasst sind, begünstige ein barrierefreier Internetauftritt zudem eine hohe Zahl von Seiten-Besuchern. Drei Rubriken, drei Zielgruppen Auch inhaltlich wurde der Internetauftritt überarbeitet: Für einen noch besseren und schnelleren Überblick wurden die Rubriken Anwender und Patienten, Ärzte und Therapeuten sowie Fachhändler und Techniker eingeführt. So können die Texte speziell auf die Bedürfnisse und Interessen der jeweiligen Zielgruppe ausgerichtet werden. Die Fachhändler finden zu den Produkten mehr technische Hintergrundinformationen, während die Inhalte für die Patienten auf das für sie Wesentliche abgestimmt werden. Zudem sind auf der Homepage nicht nur das komplette Produktportfolio, sondern auch Patientenstories, Informationen zum Unternehmen, Pressemitteilungen sowie Hinweise auf aktuelle Messen und andere Events zu finden. Darüber hinaus stehen Bestellformulare und Produktbroschüren zum Download bereit. Neben den Internetseiten für Großbritannien und Österreich wurden auch die Seiten für Australien und Indien bereits überarbeitet. Weitere werden folgen. Künftig geben die Homepages von Otto Bock in einheitlichem Design und nach den Richtlinien der Barrierefreiheit einen umfassenden Einblick in die Welt von Otto Bock. Thomas Grabe, Leiter der Abteilung Neue Medien und sein Mitarbeiter Sebastian Krellmann

8 8 DIALOG 04 EVENT Zukunftstag in Duderstadt Anfassen, Staunen und Mitmachen Innovationsfreude, Kreativität und visionäres Denken: Die Initiative Deutschland Land der Ideen will zeigen, wie viel Potenzial in unserem Land steckt. Die Otto Bock HealthCare wurde als Ort im Land der Ideen ausgewählt und erhielt dafür am 30. April 2007 die offizielle Auszeichnung in der Firmenzentrale in Duderstadt. Beim Zukunftstag am Freitag, 13. Juli 2007, präsentiert Otto Bock der Öffentlichkeit nun Medizintechnik zum Anfassen, Staunen und Mitmachen. Ebenso wie in der Forschung und Entwicklung von Otto Bock steht auch beim Zukunftstag der Mensch im Mittelpunkt. Zu den drei großen Themenkreisen Mensch, Technologie und Umwelt sind verschiedene Aktionen und Aktivitäten geplant. Unter anderem geht es dabei um die demografische Entwicklung, die Zukunft der Medizintechnik, den schonenden Umgang mit Ressourcen und um das Paralympische Engagement von Otto Bock. Beim Zukunftstag sind zudem die Fahnen der 40 Länder zu sehen, in denen Otto Bock mit einer Auslandsgesellschaft vertreten ist. Neu dazu gekommen ist die OBA Slowakei. Bei Führungen durch die Produktion oder die Entwicklungswerkstatt können die Besucher den Technikern von Otto Bock über die Schulter schauen. Und sogar selbst einmal ausprobieren, wie eine Armprothese eigentlich funktioniert. So wird die Faszination von Hightech zum Erlebnis und für jedermann verständlich. Anschließend können die Besucher selbst Visionen entwickeln und als Mitarbeiter für einen Tag an der Ideenwand ihre eigenen Vorstellungen und Konzepte formulieren. Festakt mit Gästen von Bundes- bis Lokalpolitik: Im Auftrag des Bundespräsidenten Horst Köhler, Schirmherr und Mitinitiator der Standortinitiative Deutschland ein Land der Ideen, überreicht Walter Flecken (links) von der Deutsche Bank AG die Urkunde an Prof. Hans Georg Näder, Geschäftsführender Gesellschafter der Firmengruppe Otto Bock. Die Geschichte des MedTech- Unternehmens wird in speziellen Zeit-Räumen dargestellt. So können die Besucher die Atmosphäre der jeweiligen Epoche nachempfinden. Auf der großen Aktionsfläche werden sie dazu motiviert, selbst aktiv zu werden. Für die Kinder gibt es eine Hüpfburg, eine Kletterwand sowie Geschicklichkeitsspiele, zudem ist ein Rahmenprogramm mit Tanz und Musik geplant. Im Globalen Dorf werden landestypische Speisen und Getränke aus fünf Kontinenten serviert, in denen Otto Bock mit einer Niederlassung vertreten ist. Die Otto Bock HealthCare exportiert ihre Produkte in mehr als 140 Länder der Erde. Vom Hauptsitz in Duderstadt aus werden die Aktivitäten der Vertriebs- und Servicegesellschaften in aller Welt koordiniert. Dennoch bekennt sich Professor Hans Georg Näder, Geschäftsführender Gesellschafter des Global Players, zu Qualität made in Germany : Der Wirtschaftsstandort Deutschland ist viel besser als sein Ruf. Beim Tag der Ideen wollen wir die Zukunftsfähigkeit und die Leistungs- und Innovationskraft unseres Landes und unserer Region zeigen. Dabei setzt Otto Bock auch auf das Engagement und die Kooperation mit regionalen Partnern. Wie eng das Unternehmen in die regionalen Netzwerke eingebunden ist, zeigen diese Partner, indem sie das Programm durch eigene Präsentationen aktiv mitgestalten. Den krönenden Abschluss des Zukunftstages bildet das Open-Air-Konzert des auch nach 30 Jahren Bühnen-Erfahrung noch immer meist gefragten deutsch-sprachigen Rock-Musikers Peter Maffay, das am Abend des 13. Juli 2007 in der Duderstädter Fußgängerzone stattfindet.

9 Richie aus Indonesien MENSCHEN DIALOG 04 9 Laufen ist sein schönstes Geschenk Mühsam stützt sich Richie Samaputra auf seine Krücken. Die Reise von Indonesien nach Duderstadt war lang und beschwerlich. Doch für seinen großen Wunsch hat er die Strapazen gern auf sich genommen: Er möchte endlich wieder Fußball spielen. Am 31. Dezember 2005 hat Richie seinen linken Unterschenkel verloren. Bei einem Bombenanschlag auf dem Marktplatz seiner Heimatstadt Palu. Acht Menschen wurden dabei getötet und mehr als 50 verletzt. Ein gutes Jahr nach dem Attentat reist Richie mit seiner Mutter nach Duderstadt, wo schon mehrfach Patienten aus Ländern versorgt wurden, in denen Otto Bock keine eigene Auslandsgesellschaft hat. In Duderstadt bekommt er eine moderne Unterschenkelprothese, möglich machte dies eine gemeinsame Hilfsaktion der Childwatch Foundation in Hannover, der Katarina Witt-Stiftung und der Bild- Zeitung. Bei seiner Ankunft wirkt Richie ein wenig schüchtern. Ihm ist kalt und er weiß nicht, was mit ihm geschehen wird. Doch die Versorgung seines Unterschenkels verläuft schnell und problemlos. Die Techniker von Otto Bock freuen sich, dass der Junge mit der neuen Prothese sofort sicher gehen kann. Nach einigen Übungen am Barren steigt Richie sogar schon die Treppe im Ganglabor hinunter und zeigt Karl Becker, Leiter des Technischen Kundenservice, wie schnell er auf dem Trimmrad fahren kann. Ein besonderer Tag Richie ist der älteste von drei Geschwistern. Er besucht die 10. Klasse eines Gymnasiums und hilft nach der Schule im Laden seiner Eltern mit. Da er noch im Wachstum ist, muss seine Unterschenkel- Erste Übungen am Barren: Richie zeigt Karl Becker, Leiter des Technischen Kundenservice, wie gut er mit der neuen Prothese gehen kann. Darüber freuen sich auch Richies Mutter, Johanna Stengel von der Childwatch Foundation sowie Dolmetscherin René Klie. prothese daheim in Indonesien weiter versorgt werden. Ich freue mich darauf, bald wieder auf Bäume zu klettern und mit meinen Freunden herumtoben zu können, sagt Richie. Doch noch aus einem anderen Grund ist dieser Tag für ihn ein ganz besonderer. Das bemerkt Mechthild Rittmeier von der Patientenannahme, als sie seine Akte studiert: Der Junge wird an diesem Tag 15 Jahre alt. Kurzerhand organisieren die Mitarbeiter von Otto Bock eine kleine Geburtstagsfeier für Richie. Innerhalb von 30 Minuten besorgen sie eine Aprikosen-Sahne-Torte mit der Aufschrift Happy Birthday Richie sowie eine Jacke mit der Aufschrift Duderstadt. Sie soll Richie nach seiner Rückkehr an den zweiwöchigen Aufenthalt im Eichsfeld erinnern. Mechthild Rittmeier pustet noch schnell ein paar Luftballons auf und dekoriert den Tisch mit Kerzen und Gummibärchen. Johanna Stengel von der Childwatch Foundation legt ein Geschenkpaket mit Turnschuhen dazu. Als Richie mit seiner neuen Prothese das Zimmer betritt, schaut er ungläubig in die Runde und lächelt schüchtern. So eine Torte hat er noch nie gesehen. Und die hellblaue Jacke passt dem schlaksigen 15-Jährigen wie angegossen. Vielen Dank, sagt er leise terima kasih.

10 10 DIALOG 04 WHAT S ON IN Bulgarien Daniela Dantcheva tanzt für Hollywood Die Ärztin Dr. Daniela Dantcheva ist für die Medien in Bulgarien eine sehr gefragte Ansprechpartnerin, wann immer es um die Belange von Menschen mit körperlichen Handicaps geht. Dass sie nun auch im Kino eine Rolle spielen wird, hatte sie sich selbst nicht träumen lassen. Mitte bis Ende 2007 kommt die Polit-Satire Brand Hauser auf die Leinwände, mit Co-Produzent und Hauptdarsteller John Cusack, weiteren Hollywood erprobten Darstellern wie Ben Kingsley ( Gandhi ) und Daniela Dantcheva, die für eine Tanz-Szene engagiert wurde. Eines Tages klingelte mein Handy und ich wurde gebeten, für den Film sechs beinamputierte Prothesenträgerinnen zwischen 20 und 25 Jahren zu finden, die tanzen sollen. Keine leichte Aufgabe, erzählt Daniela Dantcheva. Der Anruf kam von der bulgarischen Produktionsfima Nu Image, eine Tochtergesellschaft der Nu Image/Millenium Films in Los Angeles. Allerdings entschied das Team um Regisseur Joshua Seftel nach den Probeaufnahmen, dass nur eine einzige Frau für den Film in Frage komme: Daniela Dantcheva selbst. Sollte ihr Ausflug in die Kinowelt eine Episode bleiben, so ist ihr Engagement für Menschen mit Behinderung längst zum festen Lebensinhalt geworden erreichte Daniela Dantcheva dabei ein wichtiges Etappen-Ziel. Zum ersten Mal wurde das Thema Prothesenversorgung in Bulgarien auf einem so hohen Niveau diskutiert, stellte sie nach einer Orthopädie-Konferenz in Sofia fest. Bei einem durchschnittlichen Monatsverdienst von 180 Euro können die wenigsten eine gute Versorgung selbst bezahlen, erklärt Daniela Dantcheva. Also macht sich die freiberufliche Ärztin mit ihren Patienten gemeinsam auf den Weg, Sponsoren zu finden. Im Gesundheits- und im Sozialministerium in Sofia geht sie ein und aus. Nach einem Zugunfall 1984 vierfach amputiert, wurde Daniela Dantcheva bei Otto Bock in Duderstadt versorgt, finanziert durch das bulgarische Gesundheitsministerium. Heute trägt sie zwei Unterschenkelprothesen, seit 2006 mit dem Carbon-Fuß Trias, und myoelektrische Unterarmprothesen mit Hoffnung auf Fortschritt In Bulgarien gibt es rund Amputierte. Das starke Echo auf den Orthopädie-Kongress in Sofia im Sommer 2006 in Presse, Funk und Fernsehen verbanden viele von ihnen mit der Hoffnung, dass nach dem EU-Beitritt Anfang 2007 in Bulgarien bald dieselben Versorgungsstandards wie in West-Europa erreicht werden. Um zu zeigen, was moderne Technik heute ermöglicht, war die Otto Bock HealthCare eingeladen worden. Die im Bereich Sales Export zuständigen Mitarbeiter Uwe Rabanda, Torsten Lange und Ramona Große unterstützten den Kongress-Veranstalter Mincho Koralsky, Leiter der Agentur für Menschen mit Behinderungen, bei der Gestaltung des Programms und der Präsentation der Produkte. Bis zur Chancengleichheit der Patienten bleibt es aber noch ein langer Weg, muss Daniela Dantcheva feststellen. Die neu eingeführte Mehrwertsteuer von 20 Prozent für Hilfsmittel für Menschen mit Behinderung sind auch für Prothesen nicht auf 7 Prozent reduziert worden, obwohl dies in einigen Nachbarstaaten bereits üblich ist. Und die Erstattungspreise blieben bisher so niedrig wie zuvor, weil der Staat den finanziellen Spielraum des Kostenträgers nicht erhöht hat.

11 Südafrika WHAT S ON IN DIALOG der SensorHand Speed. Mit einer solchen Hand füllt sie zum Beispiel an ihrem Schreibtisch für Patienten Formulare aus. Sie pflegt ihren 93-jährigen Vater, führt völlig unabhängig ihren Haushalt, fährt Auto und ist im Rallye- Sport erfolgreich so im vergangenen Jahr mit einem prominenten Beifahrer, Sofias Bürgermeister Boiko Borissov hat sie einen Verband gegründet, der sich für die Interessen von Autofahrern mit Behinderung einsetzt. Und jetzt das Kino-Debüt. Mit 53! wie Dr. Daniela Dantcheva mit einem hellen Lachen feststellt. Aber warum nicht auch mal Hollywood unterstützen? Außerdem gehört ja Tanzen ohnehin zu ihren Lieblingsaktivitäten. Starkes Medienecho: Daniela Dantcheva in der Berichterstattung über den Kongress Sport bewegt Südafrika Simon strahlt 52 Prozent aller Europäer mit Behinderung haben einen Arbeitsplatz. In Südafrika: 0,93 Prozent! Mit diesen Zahlen umriss Sprecherin Kim Krynauw das Kernthema der Orthopädiemesse Disability 2006 in Johannesburg. Solche Prozentangaben schwanken, je nach Berechnungsgrundlage. Die EU nennt für 2003 einen Beschäftigungsgrad von 40 Prozent. Trotzdem wird die enorme Diskrepanz zwischen den Chancen eines Behinderten in westlichen Industrienationen und Südafrika deutlich. Hochwertige Orthopädietechnik kann den Teufelskreis aus Behinderung, Arbeitslosigkeit und Armut durchbrechen. Wir haben der Kostenseite den therapeutischen Nutzen von Prothesen und Orthesen gegenüber gestellt, sagt Klaus Frölich, der mit Gerhard Nolte für Otto Bock Konferenz und Messe besuchte. Außerdem seien Prothesen, die wegen geringer Qualität die Gesundheit beeinträchtigen oder häufig erneuert werden müssen, auf Dauer nicht billiger. Dafür kosten sie das Wesentliche: die Chance zur Integration. Die Paralympics waren ein idealer Einstieg für Klaus Frölichs Vortrag. Südafrika ist ein sportbegeistertes Land, das mit Weltrekord-Sprinter Oscar Pistorius, Profigolfer Anthony Netto und anderen im Behindertensport herausragende Athleten hervorgebracht hat. An den Spitzensport anknüpfend ging Frölich auf die Chancen im Reha- und Breitensport ein, Mobilität und Leistungsfähigkeit zu erhöhen. Das kam in der Tagespresse gut an: Sport macht stark betitelte die North Eastern Tribune ihren Bericht über die Disability Mit Gesundheitsministerin Lizzy Nomsa Jajula (2.v.r.) und ihrer Delegation trafen sich Klaus Frölich (ganz rechts) und Gerhard Nolte (2.v.l.) am Rande der Fachmesse Disability. Nosimo Balindlela, Ministerpräsidentin von Eastern Cape, stellte Anfang 2006 im Haushalt 1 Million Rand (knapp Euro) zugunsten Amputierter in besonders abgelegenen Landesteilen ein. Der Amputee Club wurde beauftragt, die Versorgungen zu realisieren. Auf Oscar verdächtige Weise hat diese Selbsthilfeeinrichtung weitere Rand für Orthopädietechnik mobilisiert: Sie hat Warner Brothers 28 Statisten für den Film Blood Diamond vermittelt Amputierte, die dann bei den Dreharbeiten in Südafrika mit Leonardo di Caprio vor der Kamera standen. Für Simon, mit neun Jahren der jüngste der Laiendarsteller, sammelte das Filmteam bei Dreharbeiten an der Wild Coast spontan zusätzliche Rand ein Geld für seine erste Prothese. Simon strahlte: Jetzt werde ich meine Krücken los.

12 12 DIALOG 04 FORSCHUNG Gastbeitrag: Prof. Klaus-Peter Hoffmann Stand und Chancen der Neurobionik am Beispiel bionischer Handprothetik Ziel und Methoden der Neurobionik beinhalten auch die technische Realisierung von Sinnesfunktionen. Damit werden Handprothesen möglich, die neben der Kompensation des Verlustes der Motorik auch die Möglichkeit der partiellen Wiederherstellung sensorischer Funktionen zulassen. Voraussetzung dafür ist die Integration von Aktoren und Sensoren in der Prothese und eine bidirektionale Schnittstelle zum peripheren Nerv. Prof. Klaus-Peter Hoffmann leitet am Fraunhofer Institut für Biomedizinische Technik in St. Ingbert die Abteilung für Medizintechnik und Neuroprothetik Bei der Kompensation des Verlustes einer Hand sind sowohl kosmetische als auch funktionelle Aspekte von Bedeutung. Dabei stand lange Zeit die Herstellung der motorischen Funktionalität im Mittelpunkt. Oft wurden zur Steuerung der Prothese bioelektrische Potenzialdifferenzen eingesetzt, die mittels Oberflächenelektroden am Unterarm erfassbar sind. Die auf dieser Grundlage entwickelten myoelektrischen Handprothesen haben sich in vielen alltäglichen Anwendungen bewährt [3]. Andere Ansätze nutzen zur Steuerung der Prothesen die neuronalen Signale des motorischen Kortex bzw. der peripheren Nerven. Diese innervieren die für die jeweilige Handbewegung erforderlichen Muskeln. Dabei bietet der Zugang über den peripheren Nerv den Vorteil, dass durch seine afferenten und efferenten Bahnen sowohl motorische als auch sensorische Fasern erreichbar sind. Damit eröffnen sich neue Möglichkeiten. Neben der Motorik kann es so gelingen, auch sensorische Funktionen wiederherzustellen und damit der natürlichen Funktionsweise einer Hand einen Schritt näher zu kommen [2, 3]. Die Abbildung 1 zeigt ein stark vereinfachtes Blockschaltbild einer derartigen Handprothese. Eine wesentliche Voraussetzung ist es, die Methoden und Prinzipien der Bionik konsequent für die Entwicklung der Handprothesen umzusetzen. Die Bionik verknüpft in wissenschaftlicher Weise die Biologie mit der Technik. Ihr Ziel ist die technische Umsetzung von Konstruktions-, Verfahrens- und Entwicklungsprinzipien biologischer Systeme. Die Nachahmung natürlicher Bewegungsabläufe und die Steuerung von Prothesen ist Gegenstand der biologischen Robotik. Die Wiederherstellung von Sinnesfunktionen ist eines der wesentlichen Ziele der Neurobionik. Die Prinzipien der Sensorik und der Signalverarbeitung werden dabei aus der Natur entliehen und nachgebildet. Die so entstehenden bionischen Prothesen gehören zu einer neuen Generation von Prothesen. Ein wichtiger Gegenstand der derzeitigen Forschung ist die direkte Interaktion von Mensch und Maschine insbesondere an der Schnittstelle zwischen dem biologischen Gewebe und dem technischen System. Die eigentliche Schnittstelle muss bidirektional sein, d. h. afferente und efferente Bahnen mit einschließen. Dies ist derzeit über verschiedene implantierbare Mikro-

13 Gastbeitrag: Prof. Klaus-Peter Hoffmann FORSCHUNG DIALOG elektroden möglich, die den direkten Kontakt zum peripheren Nerv herstellen. Zu den derzeit eingesetzten Bauformen gehören: a) die Cuff-Elektrode, die wie eine Manschette um den Nerv gelegt wird, b) die Schaft-Elektrode, die in den Nerv eingeführt wird, c) die Sieb-Elektrode, die zwischen zwei Nervenstümpfe gebracht wird und durch deren Sieb die regenerierenden Fasern aussprossen werden [5] und d) die Fadenelektrode, die longitudinal und interfaszikulär wie ein Faden durch den Nerv gezogen [1, 2, 4] wird. Allen Elektrodenformen ist gemeinsam, dass sie sowohl zur Ableitung bioelektrischer Potenziale als auch zur Stimulation der Nervenfasern eingesetzt werden. Abbildung 2: Aufbau und Möglichkeiten der Applikation von Faden-Elektroden (tf-life, thin film longitudinal interfascicular electrode) Die für einen humanen Einsatz derzeit favorisierte Bauform ist die Fadenelektrode (tf-life). Gründe dafür sind die vergleichsweise unkomplizierte Applikation, der unmittelbare Kontakt zu den einzelnen Nervenfasern und damit die hervorragende Selektivität, der erreichbare Grad an Miniaturisierung, die Möglichkeiten der Fixation am Nerv und damit außerordentlich geringe mechanische Beanspruchung des Nervs sowie nicht zuletzt ihre Biokompatibilität und Langzeitstabilität (s. Abb. 2). Ihr erster klinischer Einsatz wird derzeit vorbereitet. Die zugehörige Handprothese muss neben einer Vielzahl von Aktoren und intelligenten Steuermechanismen auch mit Sensoren ausgestattet sein. Es sind sowohl propriozeptive Sensoren zur Erfassung der Handposition und Handbewegung als auch exterozeptive Sensoren zur Realisierung der Sensibilität der Hand erforderlich. Vorstellbar sind Sensoren zur Erfassung der Bewegung und Stellung der einzelnen Finger und der mit ihnen aufgebrachten Kraft. Diese Signale sind Abbildung 1: Prinzipielles Blockschaltbild einer bionischen Handprothese auch für die unmittelbare Steuerung der Greifbewegung von Bedeutung. Mittels miniaturisierter Berührungssensoren kann der Tastsinn simuliert werden. Weitere Sensoren können der Erfassung der Temperatur, der mechanischen Beschaffenheit von Oberflächen usw. dienen [4]. Eine wesentliche Schnittstelle zwischen dem biologisch-technischen Interface und den in der eigentlichen Prothese integrierten Aktoren und Sensoren stellt die telemetrische Datenübertragung dar. Nur so ist die Interaktion zwischen dem Implantat und der externen Handprothese möglich. Dies bedeutet, dass Elektrode und Elektronik zur Signalvorverarbeitung unmittelbar verbunden sein müssen [5]. All diese Einzelkomponenten bestimmen in einem wesentlichen Maße die Möglichkeiten und insbesondere die Akzeptanz bionischer Handprothesen. Literatur: [1] Bossi, S., A. Menciassi, K.P. Koch, K.-P. Hoffmann, K. Yoshida, P. Dario, S. Micera: Shape Memory Alloy Microactuation of tf-lifes: Preliminary Results: IEEE Transactions on Biomedical Engineering, VOL. 54, NO. 6, (2007) [2] Citi, L., J. Carpaneto, K. Yoshida, K.-P. Hoffmann, K.P. Koch, P. Dario, S. Micera: Characterization of tflife: Neural Response for the Control of a Cybernetic Hand. Proceedings BioRob Pisa (2006) [3] Hoffmann K.-P., J. Dehm (Hrsg.): VDE-Studie zum Anwendungsfeld Neuroprothetik, VDE, Frankfurt (2005). [4] Hoffmann, K.-P., M. C. Carrozza, S. Micera, R. Ruff, K. Yoshida: Interfaces and Sensors in a Cybernetic Hand Prosthesis. IEEE EMBC07 (submitted) [5] Ramachandran, A., M. Schuettler, N. Lago, T. Doerge, K.P. Koch, X. Navarro, K.-P. Hoffmann, T. Stieglitz: Design, in vitro and in vivo assessment of a multi-channel sieve electrode with integrated multiplexer. J. Neural Eng (2006)

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