Christian Friedrich Daniel Schubart -- Journalist, Musiker und Dichter der Freiheit

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1 Aus der Neuen Solidarität Nr. 51/1999 Christian Friedrich Daniel Schubart -- Journalist, Musiker und Dichter der Freiheit Von Alexander Hartmann Wohl kaum traf das Wort vom Land der Dichter und Denker so sehr auf Deutschland zu wie im 18. Jahrhundert. Aber während man sich in diesem Jahr in Deutschland daran erinnerte, daß Goethe vor 250 Jahren geboren wurde, und manche auch der "runden" Geburtstage von Lessing und Schiller gedachten, blieb ein vierter Jubilar aus jenem Jahrhundert vergessen: der Journalist, Dichter, Musiker und Komponist Christian Friedrich Daniel Schubart. Schubart war zehn Jahre jünger als Lessing und zehn Jahre älter als Goethe; und wenn Goethe, Lessing und Schiller heute berühmter sind als Schubart, so war nicht zuletzt er es, der durch seine Zeitschrift die anderen bekannt machte. Und wer weiß, ob der junge Schiller nicht ohne das Beispiel und den Einfluß Schubarts gar nur ein Mediziner geblieben wäre? Wenn man sich heute noch an Schubart erinnert, so in erster Linie, weil er der berühmteste politische Gefangene seiner Zeit war. Mehr als zehn Jahre lang wurde er -- ohne Verhör und Urteil -- auf dem Hohenasperg bei Ludwigsburg gefangen gehalten, und man kann ihn in dieser Hinsicht ohne Zweifel einem Sacharow oder Mandela vergleichen. Aber man sollte sich an ihn nicht nur wegen der Verbrechen erinnern, die man ihm antat, sondern auch wegen seiner eigenen Leistungen. "...teutsch und deutsch zugleich..." Schubart wurde am 26. März 1739 in Obersontheim in der damaligen Grafschaft Limpurg geboren. Ein Jahr später nahm sein Vater eine Stellung als Präzeptor (an der Universität ausgebildeter Lehrer) und Musikdirektor in der -- damals freilich sehr kleinen -- freien Reichsstadt Aalen an. Die Aalener Jahre prägten Schubarts Charakter nachhaltig, wie er in seinen Lebenserinnerungen schreibt: "In dieser Stadt, die, verkannt wie die redliche Einfalt, schon viele Jahrhunderte im Kochertale genügsame Bürger nährt -- Bürger von altdeutscher Sitte, bieder, geschäftig, wild und stark wie ihre Eichen, Verächter des Auslands, trotzige Verteidiger ihres Kittels, ihrer Misthäufen und ihrer donnernden Mundart, wurd' ich erzogen. Hier bekam ich die ersten Eindrücke, die hernach durch alle Veränderungen meines Lebens nicht ausgetilgt werden konnten. Was in Aalen gewöhnlicher Ton ist, scheint in anderen Städten trotziger Aufschrei und am Hofe Raserei zu sein. Von diesen ersten Grundzügen schreibt sich mein derber deutscher Ton, aber auch mancher Unfall, der mir hernach in meinem Leben aufstieß." Das Wort "deutsch" hatte für ihn eine besondere Bedeutung. Als er seine Zeitschrift 1776 von Deutsche Chronik in Teutsche Chronik umbenannte, erläuterte er, warum: "Fulda hat mich gelehrt, daß teutsch unsere Nation und deutsch soviel wie Deutlichkeit anzeige. Ich werde also in Zukunft eine Teutsche Chronik schreiben, und an Gesinnung und Vortrag mich bemühen, teutsch und deutsch zugleich zu sein."

2 An seinem impulsiven Charakter scheiterte auch der Versuch, aus dem jungen Schubart einen Theologen zu machen. Ursprünglich sollte er in Jena studieren, aber der Ausbruch des Siebenjährigen Krieges bewog ihn, statt dessen die Universität Erlangen zu beziehen. Das Studentenleben zog ihn jedoch mehr an als das Studium. Als er Schulden machte und sogar vier Wochen lang ins Gefängnis kam, wurde er nach drei Semestern vom Vater zurückbeordert. Es folgten drei Jahre, in denen der junge Mann bei seinen Eltern wohnte. Er hatte keine feste Stelle, half manchmal als evangelischer Prediger oder als Hauslehrer aus und lebte vor allem der Musik. Auch einige poetische Auftragsarbeiten verfaßte er, was ihm aber außer wenigen Dukaten und einem lobenden Diplom nichts einbrachte. Später schrieb er darüber: Der Wanderer und Pegasus W. Du, Flügelpferd, wo trabst du her Mit unbeschlagnen Hufen? P. Ein Deutscher hat mich übers Meer zu sich ins Haus gerufen. W. Allein in London, Rom, Athen Hast du viel besser ausgesehn; Dir muß der Haber fehlen. P. Mein deutscher Herr hat selbst kein Brot; Drum muß er in der Hungersnot Mir oft den Haber stehlen. Der Schulmeister Schließlich nahm Schubart, um endlich ein regelmäßiges Einkommen zu haben und so von seinem Vater unabhängig zu werden, eine Stellung als Lehrer in der zur freien Reichsstadt Ulm gehörigen Ortschaft Geislingen an. Jahre später veröffentlichte er in der Deutschen Chronik die folgende -- nicht ganz scherzhafte -- "Nachricht": "Welcher Magister hat Lust, Schulmann in * zu werden? - Er muß gut Latein, Griechisch und Hebräisch verstehen, auch etwas Französisch und Italienisch. Im Christentum, Rechnen, Schreiben, Zeichnen, Historie, Geographie, Feldmessen muß er Meister sein. Informieren darf er nicht mehr als tags 12 Stunden, darneben kann er sich noch mit Privatstunden was verdienen. Da man den Organisten mit ihm einsparen möchte, so wär's gut, wenn er die Orgel spielen, gut geigen und den Zinken aufm Turm blasen könnte. Den Geistlichen assistiert er zuweilen im Predigen und Katechisieren. Weil er die Leichen hinaussingen muß, so muß er eine sehr gute Stimm' haben. Seine Besoldung besteht aus 100 Gulden an Geld, etwas Naturalien, freie Wohnung, 6 Ellen Krautland, freie Eichelnmast und eine Miststätte vor seinem Haus. Den Rang hat er gleich nach dem Burgerstädtmeister, der gegenwärtig ein Gerber ist; außerdem soll's den Buben nicht erlaubt sein, ihn mit Erbsen zu schießen. Es wäre dem Magistrat sehr lieb, wenn der Kandidat ledig wäre. Der Vorjahr im Amt hat eine sehr häusliche und gottsfürchtige Witwe hinterlassen. Sie ist zwar schon eine Funfzgerin, kann aber doch noch lang leben, weil sie die körperlichen Unreinigkeiten mit Fontanelle ausführt."

3 Tatsächlich mußte der Schulmeister Schubart seinem dienstunfähig gewordenen Vorgänger von seinem Gehalt Unterhalt zahlen. Im Geislinger "Schulkerker", wie er ihn nannte, unterrichtete er täglich neun Stunden lang Schüler in der deutschen und der Lateinschule, und er übernahm die Kirchenmusik des 1500-Seelen-Dorfes. Aus jener Zeit sind einige Texte überliefert, die er seinen Schülern ins Heft diktierte: "Lieber Herr Schulmeister! Ich glaube, ihr seid ein Narr. Ihr wollt gewiß meinen Buben so lang in der Schule behalten, bis er einen Bart kriegt wie ein Kutscher. Was braucht mein Jörg solch närrisches Zeug da, solch Firlefanz zu lernen? Mein Sohn soll einmal ein Weber werden und damit Gott befohlen... Daß Ihr's wißt, Herr Schulmeister! Keinen Häspel laß ich aus meinem Buben nicht ziehen, ob er die Mortographie versteht oder nicht..." Schubart diktierte auch gleich die Antwort: "Obiger Brief ist so dumm und brutal geschrieben, daß er kaum Antwort verdient... Ihr mögt Schuster, Schneider, Seiler, Weber, Bäcker, Kupferschmied oder Drechsler werden, so wird euch allezeit wohl anstehen, wenn ihr klug seid und nicht so dumm in den Tag hinein räsonniert wie Meister Fikker, Michel Schwermaul und Jakel Schurzfell..." Auch wenn er die Stellung als Lehrer nur aus Verlegenheit angenommen hatte und überliefert ist, daß er sich aus Verzweiflung über die Dummheit der ungebärdigen Rüpel mehrere Tage im Wald herumtrieb, statt zu unterrichten, nahm Schubart seine Arbeit ernst. Dummheit und Unbildung waren ihm zeitlebens ein Greuel, und der Kampf gegen sie blieb Leitmotiv -- und Ursache -- seines unsteten Lebens, denn er traf sie bei seinen Vorgesetzten noch öfter als unter den "kleinen Leuten", die er liebte. Er heiratete die Tochter des örtlichen Oberzollmeisters, Helene Bühler. Aber seine lose Zunge und Feder, sein unkonventioneller Unterrichtsstil und seine Neigung, mit Freunden zu zechen, führten bald zum Zerwürfnis mit dem Schwiegervater, der sich sogar bei Schubarts Vorgesetzten über dessen Betragen beschwerte und dessen Disziplinierung forderte. Seine Zechtouren hätte man ihm dabei wohl noch eher verziehen als die Tatsache, daß er sein Geld auch für Bücher "verschwendete", besonders für solch "neumodische" Autoren wie Wieland, Lessing und Klopstock... Der unerreichbare Musiker Nach fünf Jahren ergab sich schließlich eine Gelegenheit, dem engen Geislinger "Schulkerker" zu entkommen: In Ludwigsburg war die Stelle des Organisten und Musikdirektors frei geworden. Schon als Kind hatte sich Schubart als äußerst talentiert erwiesen: "Sonderlich äußerte sich in mir ein so glückliches musikalisches Genie, daß ich einer der größten Musiker geworden wäre, wenn ich diesem Naturhange allein gefolgt wäre. Im achten Jahre übertraf ich meinen Vater schon im Clavier, sang mit Gefühl, spielte die Violin, unterwies meine Brüder in der Musik und setzte im neunten oder zehnten Jahre Galanterie- und Kirchenstücke auf, ohne in allen diesen Stücken mehr als eine flüchtige Unterweisung bekommen zu haben." Inzwischen war aus dem begabten Kind ein vielbeachteter Musiker geworden:

4 "Ich spielte zu dieser Zeit mit geflügelter Geschwindigkeit, las sehr schwere Stücke, für's Klavier oder ein anderes Instrument gesetzt, mit und ohne Baß, vom Blatte weg, spielte in allen Tönen mit gleicher Fertigkeit, phantasierte mit feuriger Empfindungskraft und zeigte die volle Anlage zu einem großen Organisten. Ich konnte mich so ins Feuer spielen, daß alles um mich herum schwand und ich nur noch in den Tönen lebte, die meine Einbildungskraft schuf. Meine Spielart war ganz und gar von mir geschaffen." Immerhin erinnert sich Goethe sogar noch 1817 in seinem Bericht über die Italienische Reise, also lange nach Schubarts Tod, daß dieser in den 80er Jahren des 18. Jahrhunderts als größter Klavierund Orgelvirtuose seiner Zeit galt: "Und damit der musikalische Geschichtskenner sogleich wisse, wovon die Rede sei, bemerke ich, daß zu jener Zeit Schubart für unerreichbar gehalten, sodann auch, daß als Probe eines geübten Klavierspielers die Ausführungen von Variationen geachtet wurde, wo ein einfaches Thema, auf die künstlichste Weise durchgeführt, endlich durch sein natürliches Wiedererscheinen den Hörer zu Atem kommen ließ." Schubart erhielt die Stelle, nachdem der Herzog entschieden hatte, daß das Nominierungsrecht für den Posten beim Magistrat und dem die weltliche Behörde vertretenden Oberamtmann Kerner (der Vater von Justinus Kerner) lag und nicht bei dem "Spezial" Zilling, der einen anderen Kandidaten durchsetzen wollte. Zillings Position war vergleichbar mit der eines Dekans; er war der höchste kirchliche Würdenträger in Ludwigsburg. Er war ein fanatischer Pietist, der mit geradezu messianischer Überzeugung versuchte, jeden den pietistischen Lehren zu unterwerfen. Friedrich Schiller wurde unter Zilling konfirmiert, und man kann davon ausgehen, daß er u.a. durch Zilling zu seinem Gedicht An die Proselytenmacher inspiriert wurde. Zilling hegte seit jener verloren Machtprobe mit den weltlichen Behörden einen Groll gegen Schubart. Und die Tatsache, daß viele Kirchenbesucher nicht wegen Zillings Predigten, sondern wegen Schubarts Orgelspiel kamen, war ebensowenig geeignet, den Kirchenmann zu besänftigen, wie Schubarts Spötteleien über das pharisäerhafte Pfaffentum: Der exemplarische Prediger Pathetisch predigt Stax: "Ihr Leute, stehlet nicht, Laßt jedem, was er hat, wie es die Schrift befohlen." Doch was er geistreich sagt, das tut er selber nicht; Die ganze Predigt war gestohlen. Palinodie Wie? Staxens Predigt wär gestohlen? Verleumdung ist's! Ich sag es frei! Er ließ, ich selber stund dabei, Für bares Geld sie aus dem Laden holen. Zilling wurde so etwas wie Schubarts böser Geist: Immer wieder wurde Schubart Opfer des Zillingschen Fanatismus.

5 Schubart als Hofmann Ludwigsburg war seit 1764 Residenz des württembergischen Herzogs Carl Eugen. Wie viele andere Duodezfürsten eiferte er dem Vorbild des französischen "Sonnenkönigs" nach. Er ließ großartige Bauten ausführen, hielt sich Jagdequipagen und Gestüte. "Mehr als alles andere aber kosteten ihn seine Theater und seine Mätressen. Er hatte französische Komödie, italienische ernste und komische Oper und zwanzig italienische Tänzer, von denen jeder auf einem der ersten italienischen Theater eine erste Rolle bekleidet hatte. Noverre war sein Choreograph und Balletdirektor; er verwendete zuweilen bis zu 100 Figuranten", berichtet Casanova. Die Ludwigsburger Oper war die größte in ganz Deutschland, und die Theater verschlangen etwa ein Fünftel des Staatshaushaltes! Von den etwa Einwohnern der Stadt gehörten 1800 zum Hofstaat. Schubart macht sich in einem Brief über das Leben am Hofe lustig: "Ich bin nunmehro ein Hofmann! Stolz, windicht, unwissend, vornehm, ohne Geld und trage samtne Hosen, die, so Gott will, noch vor meinem seligen Ende bezahlt werden sollen... Meine Studierstube hat sich in ein Puzzimmer verwandelt, mein Pult in eine Toilette... Ich freue mich von Herzen über das Privilegium: dumm und vornehm zu sein, und lache über euch Autoren mit der papierenen Unsterblichkeit. Gott verzeih mirs! daß ich ein Narr war und den Messias auswendig lernte. Ich kann nun etwas französisch und italienisch stottern." Er spielte die Orgel, gab Musikunterricht und Konzerte und rezitierte Literatur in den Salons des Hofadels. Aber schon bald gab es wieder Ärger mit Spezial Zilling: "Ich bin mir keiner Ausschreitung bewußt als einiger Dinge, die man hier zu Lande für Staatsfehler hält. Erstlich habe ich in der Post eine Pfeife Tabak geraucht. 2tens im Concert mit einem Fernglas herumgesehen und 3tens legt man mir zur Last, daß ich mit zu viel Feuer in Gesellschaft rede und mich erfreche zu urteilen." Hinzu kamen noch einige amouröse Abenteuer. Schließlich wurde er von Zilling exkommuniziert, was seinen weiteren Dienst als Kirchenmusiker unmöglich machte. Im Mai 1773 wurde Schubart seines Postens enthoben und des Landes verwiesen. Während seine Frau mit den Kindern bei ihren Eltern unterkam, ging er selbst -- nur mit seinem musikalischen Fähigkeiten versehen -- auf Wanderschaft. Heilbronn, Mannheim, Heidelberg und Schwetzingen waren die Stationen. Wieder gab es Ärger mit Akademikern und Jesuiten. Er zog weiter nach München, aber aus der ersehnten Anstellung am kurfürstlichen Hofe wurde nichts, als man aus Ludwigsburg wissen ließ, Schubart glaube "nicht den Heiligen Geist". Schubart plante sogar, zum Schrecken seiner Frau, nach Stockholm, Petersburg oder Wien auszuwandern. Aber als ihm ein Augsburger Drucker den Vorschlag macht, eine Zeitschrift herauszugeben, griff er die Gelegenheit beim Schopfe und wurde Journalist.

6 Die Deutsche Chronik Nun war Schubart endlich in seinem Element: Die Deutsche Chronik wurde seine Waffe für Freiheit und Vaterland, gegen Ignoranz und Unbildung. Sie erschien ab März 1774 zweimal wöchentlich im Umfang von jeweils acht Seiten. Schubart bestritt den Inhalt fast ausschließlich selbst. Vieles wurde ihm zugetragen, aber er bezog auch Zeitungen, deren Meldungen er -- in den ihm eigenen, an Hans Sachs erinnernden Stil, der die Chronik ungemein populär machte -- umformte und kommentierte. Oft diktierte er seine Texte im Wirtshaus. Die Deutsche Chronik erreichte eine Auflage von etwa 4000 Exemplaren. Damit war sie eine der meistgelesenen Zeitungen ihrer Zeit. Anders als Claudius' berühmter Wandsbeker Bote, dessen 200 Exemplare vor allem unter Intellektuellen kursierten -- auch Schubart las ihn --, wurde die Chronik auch von vielen "kleinen Leuten" gelesen: Kammerdiener, Friseure, Lehrer und sogar Bauern lasen die Chronik, gaben sie von Hand zu Hand und lernten ganze Artikel auswendig. Das Programm der Chronik war -- obwohl Schubart sie weitgehend alleine produzierte -- erstaunlich umfassend. Der rote Faden war jedoch, daß er sie als Instrument der Bildung betrachtete -- der politischen Bildung, der ökonomischen Bildung, der kulturellen Bildung und der Herzensbildung. Auch die Form der Beiträge variierte stark: Die Chronik enthielt neben Artikeln über aktuelle politische Ereignisse kleine Aufsätze über Musik, Besprechungen der aktuellen Literatur, Fabeln, Kurzgeschichten und Gedichte. Schubart nutzte die Chronik, um den "kleinen Mann" auf die großen Köpfe seiner Zeit aufmerksam zu machen. So schrieb er im Mai 1774: "Außerordentlich hab' ich mich gefreut, als ich vernahm, daß Götz von Berlichingen, dieses Schauspiel, welches hundert französische und die meisten deutschen aufwiegt, in Berlin, diesem Tempel des guten Geschmacks, nicht nur 3mal nacheinander mit dem größten Erfolg aufgeführt worden, sondern auch auf Verlangen wiederholt werden mußte. Wie patriotisch klopft mein Herz bei dieser Nachricht! Sollte nicht einmal das deutsche Publikum an komischen Opern, an Tragikomödien, diesen Mißgeburten des Auslandes, und an leeren Farcen satt haben und unsere ersten Genies Klopstock, Goethe und Lessing bitten, uns mehr patronymische Stücke zu liefern, wie Die Herrmannsschlacht, Götz und Minna? -- Alle gebrechlichen Seelen aber, die am Götz von Berlichingen keinen Geschmack finden, empfehl' ich hiemit dem Lazarette des Cervantes unten am Fuß des Parnasses." Schubart setzte noch die Fußnote hinzu: "Man erlaube mir, eine Anekdote hieher zu setzen, die mir beim Götz einfiel. Der Graf Schm... am kurpfälzischen Hofe, der sich durch sein Herz, seinen Geschmack und seine Erfahrungen vor Tausenden auszeichnet, sprach, als man ihm den Götz von Berlichingen vorlas: Ich weiß nicht, ob ich lieber den ganzen Voltaire oder dieses einzige Lustspiel gemacht haben möchte." In ähnlicher Form empfahl Schubart seinen Lesern u.a. auch Leibniz, Wieland, Abbt, Mendelssohn, Nikolai, Voss, Möser, Forster und Schiller. Auch den musikalischen Geschmack seiner Leser versuchte er zu bilden: "Es gibt keine Orgelspieler mehr! Da leiren sie das ganze Jahr ein erbärmliches Präludium daher; spielen ihre Choräle ohne Empfindung; schlagen Dragonermärsche aus der Kirche; entweihen die

7 Kommunion mit Vorspielen im Tone Ach schläft denn alles schon und die Tochter soll ins Kloster gehn; wissen kein anderes Zwischenspiel als Himmel, was wird's noch werden? Unsterblicher Geist des großen Sebastian Bach, auf welchem Planeten bist du? und setzest die Mitgenossen deiner Seligkeit durch Himmelsakkorde in Erstaunen? -- Nur Geduld! Noch ist nicht alles verloren. Sein großer Sohn Friedemann lebt noch und hat sich neulich mit dem ausnehmendsten Beifalle der Kenner und des ganzen Publikums in Berlin hören lassen. Reiche Phantasie, kühne, überraschende Ausweichung, Registerkenntnis und Riesenstärke am Pedal ist sein Charakter. -- Ihr kraftlose Organisten des H. Röm. Reichs, die ihr eure Einfälle ohne Verstand und Geschmack herunterstampft, legt die Hand aufs Herz und erkennt, wenn euer musikalisches Gewissen aufpocht, daß ihr Sünder seid!" Auch auf die anderen Bachsöhne, auf Gluck, Zumsteeg und andere Musiker machte er in der Chronik aufmerksam. Immer wieder wies er auch auf Versuche hin, das Bildungssystem zu verbessern, etwa auf das von Basedow gegründete Philanthropin in Dessau, an dem der Lehrer der Gebrüder Humboldt, Campe, wirkte. Ein Lieblingsthema Schubarts war der Kampf gegen den Aberglauben. Als er in der Chronik die Behörden aufforderte, gegen den Scharlatan Gaßner vorzugehen -- einen katholischen Pfarrer, der vorgab, Krankheiten durch Handauflegung heilen zu können und so ganze Pilgerzüge auslöste --, erwirkten seine Gegner Anfang 1775 seine Ausweisung aus Augsburg. Nun hatte Schubart es nicht nur mit den pietistischen, sondern auch mit den katholischen Fanatikern verdorben. Kaiser Joseph II. aber ließ Gaßners Auftritte untersagen. Wieder einmal heimatlos, ging Schubart nach Ulm. Die Veränderung erwies sich als Vorteil, denn die beiden folgenden Jahre waren die glücklichsten seines Lebens: Endlich konnte er auch seine Frau und seine Kinder zu sich holen, und -- geschützt von der freien Reichsstadt Ulm -- seine Chronik schreiben, deren Auflage immer stärker wurde. Dementsprechend stieg auch sein Einkommen. Der politische Chronist Hätte sich Schubart auf Literatur und Musik beschränkt, wäre ihm wohl manches erspart geblieben. Aber er berichtete und kommentierte auch aktuelle politische Ereignisse und verhehlte nicht, daß er ein entschiedener Gegner landesherrlicher Willkür war. Daß dies gefährlich war, war ihm bewußt, und er ließ es auch in der Chronik durchblicken: "Der Fanatismus fängt an, wieder seine alte Rolle zu spielen und seine Götzen auf die Altäre der Wahrheit zu stellen. -- Die herrlichen Erziehungsanstalten, die das Herz des Patrioten mit mancher süßen Ahnung erfüllen, sind in Gefahr, wieder in der Geburt zu ersticken. -- Die wahre Gelehrsamkeit wird von falschem Witze verdrungen. Man darbt an wahren Gelehrten und macht Schulknaben zu Professoren. -- Unsere Kameralisten sind nicht weise Verwalter des Staatsschatzes, sondern Plusmacher geworden...

8 Der Verdienst wird nicht mehr nach Kopf, Herz und Taten, sondern nach der Biegsamkeit unseres Rückgrats bestimmt. -- Die Polizei -- o mir kocht das Herz, eine vaterländische Träne stürzt, und ich schließe vor Unmut, weil ich nicht alles sagen darf, was ich wollte, diesen tragischen Monolog." Oft gab er seiner politischen Propaganda die Form von Visionen, oder er kleidete sie in Märchen oder Fabeln: "In Libyen starb einmal ein Löwe. Ein Fuchs war sein Parentator: Traurt ihr Wälder, fing er an, eure Zierde ist dahin! Heule, erhabne Tierversammlung, dein Haupt ist nicht mehr! Tierliebe war die Stütze seines Throns. Ordnung begleitete ihn im weiten Gebiete seines Reichs. Er war ein Freund der Wissenschaften und Künste und -- ach! er ist nicht mehr! Klaget, ihr Eichen! jammert, ihr Felsen! heulet, ihr Tiere! -- Was der Kerl lügt, sagte der Luchs zum Hunde. -- Des Löwen Thron waren Knochen zerrissener Tiere! Im Walde herrschte die schrecklichste Unordnung -- der Schwache war immer ein Raub des Starken. Unter seiner Regierung flohen die weisen Elefanten in Wüsteneien; der häusliche Biber zerstörte seine Wohnung und starb im Flußsande; und der Pavian Matz, der größte Maler an seinem Hofe, der ihn wohl 20mal abkonterfeite und seine Höhle mit Fresken bemalte, krepierte vorgestern vor Hunger. Und das wundert dich, Luchs? sagte der Hund. Man sieht's wohl, bist noch niemal unter den Menschen gewesen." Ein anderes mal schreibt er: An den Hutmacher Städele in Memmingen Hans Marx von hochgebornem Blut Bestellt bei dir 'n neuen Hut, Recht fein gestutzt, klein, flüchtig, süß, Nach Geckenmode in Paris; O Städele, sei doch so gut, Mach ihm den Kopf gleich mit dem Hut. Propagandist der amerikanischen Revolution Zu den politischen Themen, die Schubart regelmäßig behandelte, gehörte auch die Lage in Amerika. Fast wöchentlich berichtete er über die zunehmenden Spannungen zwischen den Kolonien und dem englischen Mutterland, so schon 1774: "Der Geist der Freiheit wird in diesen Gegenden immer lebendiger; aber nicht der ungestüme Geist, der in Zügellosigkeit ausartet, sondern ein Geist, der von Weisheit, Mäßigung und Standhaftigkeit gelenkt wird. Philadelphia ist schon seit vielen Jahren ein Zusammenschluß von verschiedenen Nationen; insbesondere befinden sich daselbst sehr viele Deutsche, die mit deutschem Fleiße das dasige Land bearbeiten, sodaß es an nichts einen Mangel hat, was zur Erhaltung und Gemächlichkeit der Menschen gehört. Sie haben also nicht nötig, fremde Produkte herbeizuschaffen: denn ihr Land bietet ihnen alles selbsten. Alle diese Umstände sind starke Reize zur Freiheit, und es wird viel sein, wenn sie nicht itzt oder in kurzem einen Freistaat bilden werden,

9 der selbst dem Mute und der Weisheit der Briten trotzen kann. In Boston bilden sich bereits Gesellschaften, um Manufakturen und in denselbigen ihr Geld anzulegen. Man verschließt den dasigen Hafen und legt dadurch den Grund zu künftiger Erhöhung dieser Stadt... Man rechne in den englischen Kolonien 4 bis 5 Millionen Einwohner und über in den Waffen geübte Männer. Wenn diese Leute fortfahren, sich im Geiste der Einigkeit regieren zu lassen, so sind sie gegen die Anfälle einer jedweden Macht unüberwindlich." Ein Jahr später konnte man in der Chronik lesen: "Den mutigen Freiheitskämpfern in Amerika ist nun auch förmlich der Krieg angekündigt. Aber sie fechten unterm Flammenschilde der heiligen Freiheit. Männer und Weiber, Greise und Knaben wollen lieber den letzten Tropfen Bluts verspritzen als ihren Nacken dem Joch des Despotismus leihen. Nach sicheren Berichten haben sie ein Heer von Mann auf den Beinen, das mir lieber ist als unsre um ein paar Groschen Taggeld gedungne Sklaven in Europa. Nicht Enthusiasmus, sondern der Stock ist's, der unsre europäische Soldaten furchtbar macht." Besonders empörte Schubart die Praxis vieler deutscher Landesherren, Soldaten zu verkaufen: "Hier ist eine Probe der neusten Menschenschatzung! -- Der Landgraf von Hessen-Kassel bekommt jährlich Taler für seine tapfere Hessen, die größtenteils in Amerika ihr Grab finden werden. Der Herzog von Braunschweig erhält Taler für 3964 Mann Fußvolks und 360 Mann leichter Reiterei, wovon ohnfehlbar sehr wenige ihr Vaterland sehen werden. Der Erbprinz von Hessen-Kassel gibt ebenfalls ein Regiment Fußvolk ab um den Preis von Taler Hannoveraner sind bekanntlich schon nach Amerika bestimmt und 3000 Mecklenburger für Taler auch. Nun sagt man, der Kurfürst von Bayern werde ebenfalls 4000 Mann in englischen Sold geben. -- Ein furchtbarer Text zum Predigen für Patrioten, denen's Herz pocht, wenn Mitbürger das Schicksal der Negersklaven haben und als Schlachtopfer in fremde Welten verschickt werden." Wenige Tage darauf erschien unter der Überschrift "Eine Sage" die Meldung: "Der Herzog von Württemberg soll 3000 Mann an England überlassen, und dies soll die Ursache seines gegenwärtigen Aufenthaltes in London sein!!!" In die Falle gelockt Es mußte den absolutistischen Duodezfürsten in Deutschland äußerst unangenehm sein, daß ihre Untertanen wöchentlich zweimal über den Fortgang einer erfolgreichen Rebellion gegen einen der mächtigsten Fürsten Europas informiert wurden. Da die meisten der verkauften Soldaten zwangsrekrutiert waren, herrschte in der Bevölkerung entsprechender Unmut über die Fürsten, und man fürchtete offenbar, daß sich der Funke der Rebellion auch in Deutschland ausbreiten könnte. Und Schubart mußte als potentieller Rädelsführer gelten: Er war ein bekannter Mann, und er sprach und schrieb mit dem Feuer eines Volkstribunen. Karl Eugen von Württemberg brachte schließlich die unerwünschte Stimme Schubarts zum Schweigen. Am 18. Januar erließ er eine Order an den Kloster-Oberamtmann Scholl in Blaubeuren bei Ulm:

10 "Dem Klosters Oberamtmann Scholl zu Blaubeuren wird nicht unbewußt sein, wie vor einigen Jahren der in Ludwigsburg angestellt gewesne Stadtorganist Schubart teils um seiner schlechten und ärgerlichen Aufführung willen, teils wegen seiner bösen und sogar Gotteslästerlichen Schreibart, auf untertänigsten Antrag des Herzoglichen Geheimen Rats und Consistorii seines Amts entsetzt und von dort weggejagt worden. Dieser sich nunmehr zu Ulm aufhaltende Mann fährt bekanntlich in seinem Gleise fort und hat es bereits in der Unverschämtheit soweit gebracht, daß fast kein gekröntes Haupte und kein Fürst auf dem Erdboden ist, so nicht von ihm angetastet worden, welches Se. Herzogl. Durchl. schon seit geraumer zeit auf den Entschluß gebracht, dessen habhaft zu werden, um durch sichere Verwahrung seiner Person die menschliche Gesellschaft von diesem unwürdigen und ansteckenden Gliede zu reinigen. Sich dieserwegen an den Magistrat zu Ulm zu wenden, halten Höchstdieselben für zu weitläufig und dürfte vielleicht den vorgesetzten Endzweck gänzlich verfehlen machen: wohingegen solcher am besten dadurch zu erreichen wäre, wenn Schubart unter einem scheinbaren oder seinen Sitten und Leidenschaften anpassenden Vorwande auf unstreitig Herzogl. Württembergischen Grund und Boden gelockt und daselbst sofort gefänglich niedergeworfen werden könnte." Dem Oberamtmann, Vater von elf Kindern, blieb nichts anderes übrig, als den schändlichen Auftrag zu übernehmen -- und es gelang ihm tatsächlich, Schubart nach Blaubeuren zu locken. Schubart wurde verhaftet und unverzüglich auf die Festung Hohenasperg gebracht, wo ihm der Herzog persönlich ein Verließ auswählte, das man noch heute besichtigen kann. Schubarts Gedicht Die Forelle ist heute vor allem durch Franz Schuberts Vertonung bekannt. Die wenigsten denken heute beim Hören des Liedes daran, daß es Schubarts eigenes Schicksal darstellt (auch wenn die von Schubert nicht vertonte vierte Strophe dies verschleiern soll). Für Schubarts Zeitgenossen war es zweifellos leichter, die Anspielungen zu erkennen. Die Forelle In einem Bächlein helle, Da schoß in froher Eil Die launische Forelle Vorüber wie ein Pfeil. Ich stand an dem Gestade Und sah in süßer Ruh Des muntern Fisches Bade im klaren Bächlein zu. Ein Fischer mit der Rute Wohl an dem Ufer stand Und sah's mit kaltem Blute, Wie sich das Fischlein wand. So lang dem Wasser Helle, So dacht ich, nicht gebricht, So fängt er die Forelle Mit seiner Angel nicht. Doch plötzlich war dem Diebe Die Zeit zu lang. Er macht Das Bächlein tückisch trübe, Und eh ich es gedacht, - So zuckte seine Rute, das Fischlein zappelt dran, Und ich mit regem Blute Sah die Betrogne an. Die ihr am goldnen Quelle Der sichern Jugend weilt, Denkt doch an die Forelle; Seht ihr Gefahr, so eilt! Meist fehlt ihr nur aus Mangel Der Klugheit, Mädchen, seht Verführer mit der Angel! Sonst blutet ihr zu spät.

11 Die Fürstengruft Da liegen sie, die stolzen Fürstentrümmer, Ehmals die Götzen unsrer Welt! Da liegen sie, vom fürchterlichen Schimmer Des blassen Tags erhellt! Die alten Särge leuchten in der dunkeln Verwesungsgruft wie faules Holz; Wie matt die großen Silberschilde funkeln, Der Fürsten letzter Stolz! Entsetzen packt den Wandrer hier am Haare, Geußt Schauer über seine Haut, Wo Eitelkeit, gelehnt an eine Bahre, Aus hohlen Augen schaut. Wie fürchterlich ist hier des Nachhalls Stimme! Ein Zehentritt stört seine Ruh. Kein Wetter Gottes spricht mit lautrem Grimme: O Mensch, wie klein bist du! Denn ach! hier liegt der edle Fürst, der Gute! zum Völkersegen einst gesandt, Wie der, den Gott zur Nationenrute Im Zorn zusammenband. An ihren Urnen weinen Marmorgeister, Doch kalte Tränen nur, von Stein, Und lachend grub -- vielleicht ein welscher Meister -- Sie einst dem Marmor ein. Da liegen Schädel mit verloschnen Blicken, Die ehmals hoch hinabgedroht, Der Menschheit Schrecken! -- Denn an ihrem Nicken Hing Leben oder Tod. Nun ist die Hand herabgefault zum Knochen, Die oft mit kaltem Federzug Den Weisen, der am Thron zu laut gesprochen, In harte Fesseln schlug.... Sprecht, Höflinge, mit Ehrfurcht auf der Lippe, Nun Schmeichelein ins taube Ohr! Beräuchert das durchlauchtige Gerippe Mit Weihrauch wie zuvor! Er steht nicht auf, euch Beifall zuzulächeln, Und wiehert keine Zoten mehr, Damit geschminkte Zofen ihn befächeln, Schamlos und geil wie er.... Die liegen nun in dieser Schauergrotte, Mit Staub und Würmern zugedeckt, So stumm! so ruhmlos! noch von keinem Gotte Ins Leben aufgeschreckt. Weckt sie nur nicht mit eurem bangen Ächzen, Ihr Scharen, die sie arm gemacht, Verscheucht die Raben, daß von ihrem Krächzten Kein Wütrich hier erwacht! Hier klatsche nicht des armen Landsmanns Peitsche, Die nachts das Wild vom Acker scheucht! An diesem Gitter weile nicht der Deutsche, Der sich vorüberkeucht! Hier heule nicht der bleiche Waisenknabe, Dem der Tyrann den Vater nahm; Nie fluche hier der Krüppel an dem Stabe, Von fremdem Solde lahm. Damit die Quäler nicht zu früh erwachen, Seid menschlicher, erweckt sie nicht. Ha! früh genug wird über ihnen krachen Der Donner am Gericht, Wo Todesengel nach Tyrannen greifen, Wenn sie im Grimm der Richter weckt, Und ihre Greul zu einem Berge häufen, Der flammend sie bedeckt. Schubart diktierte dieses Gedicht 1780 einem Fourier in die Feder. Es gelangte aus der Festung, wurde im Frankfurter Musenalmanach für das Jahr 1781 und im Deutschen Museum 1781 veröffentlicht. Auch der Herzog hörte davon und ließ es sich vorlesen. "Dieser Umstand hat, wie ich gewiß weiß, vieles zur Verlängerung seines Arrests beigetragen", schreibt Schubarts Sohn Ludwig in Schubarts Charakter. Für die spätere Ausgabe seiner Gedichte, die mit Genehmigung des Herzogs erfolgte, fügte er noch vier versöhnlichere Strophen über die guten Fürsten an.

12 Der Gefangene auf dem Hohenasperg Schubart wurde weder verhört noch vor Gericht gestellt, sondern einfach nur weggesperrt. Das ganze Verfahren war selbst nach damaligen Maßstäben völlig widerrechtlich: Schubart war kein Württemberger, er hatte seine Chronik nicht in Württemberg verfaßt oder gedruckt -- sie war nicht einmal verboten --, und er lebte nicht in Württemberg. Wäre Schubart Untertan des Herzogs gewesen, hätte er das Recht auf ein Gerichtsverfahren gehabt. Selbst sein ihm sonst feindlich gesonnener Schwiegervater war über das Vorgehen des Herzogs empört. Viele Geistesgrößen, unter anderem Lavater und Nikolai, verwendeten sich beim Herzog für Schubart -- ohne Erfolg. Ein volles Jahr lang blieb Schubart in einem schlecht belüfteten, feuchten und kalten Kerker, in dem ihm die Kleider auf dem Leib faulten. Aber dem Herzog ging es nicht darum, ihn physisch zu vernichten. Er wollte ein noch grausameres Exempel statuieren: Unter der Aufsicht seines Intimfeinds Zilling wurde an Schubart ein pietistisches Umerziehungsprogramm durchexerziert, das von mehreren modernen Kommentatoren zu recht als Gehirnwäsche bezeichnet wurde: Der gesellige Musiker wurde von allen Menschen isoliert, der Vielleser auf wenige ausgewählte Schriften verwiesen und dem Schriftsteller jedes Schreibgerät verweigert. Trotz wiederholter Bitten wurde ihm zwei Jahre lang die Kommunion verwehrt. Erst Ende 1780, also nach mehr als drei Jahren Haft, durfte er seiner Frau Briefe schreiben. Schillers Schilderung der Haft der Maria Stuart gibt einen Eindruck von den Bedingungen, denen Schubart unterworfen wurde. Erst als Schubart körperlich und geistig am Ende war und die Gefahr bestand, daß er -- wie ein anderer Gefangener, der vor ihm in der Zelle verwahrt wurde -- sterben würde, verlegte man ihn in eine erträglichere Zelle. Jede Verbesserung der Haftbedingungen wurde von den sog. "Fortschritten" des Gefangenen abhängig gemacht. Wiederholt enttäuschte der Herzog ihn durch leere Versprechungen, um ihn zu demoralisieren. In seiner Wut darüber, daß ein Termin, für den der Herzog ihm die Freilassung in Aussicht gestellt hatte, verstrichen war, verfaßte Schubart das Gedicht Die Fürstengruft, in dem sich ganz der alte Rebellengeist zeigt. Wer die zerknirschten Lebenserinnerungen liest, die Schubart durch ein Ofenrohr seinem, bereits seit 19 Jahren inhaftierten, Zellennachbarn diktierte, merkt, daß der Geistesterror wirkte; oder war es nur berechnende Taktik Schubarts, um Hafterleichterungen zu erhalten? Jedenfalls fand er bald wieder zum alten Kampfgeist zurück. Ein Jahr später besuchte der Berliner Schriftsteller Nikolai den Gefangenen, und auch dem jungen Friedrich Schiller wurde Schubart vorgeführt -- vielleicht in der Hoffnung, ihn durch das abschreckende Beispiel zu zähmen. Schubarts Frau jedoch durfte ihren Mann erst nach acht Jahren Haft! -- besuchen. Seine Kinder wurden in herzoglichen Erziehungsanstalten untergebracht. So kam Ludwig Schubart in die Karlsschule -- die gleiche "Sklavenplantage", unter der auch Friedrich Schiller zu leiden hatte. Schubart und Schiller Schubarts Vorbild wirkte stark auf Schiller. Das Grundgerüst der Räuber -- die Geschichte eines Grafen mit zwei ungleichen Söhnen, der den gutherzigen Sohn aufgrund einer Intrige des anderen

13 Sohnes verstößt, aber von dem Verstoßenen gerettet wird, als ihn der ungeduldige Erbe aus dem Weg räumen will -- entnahm Schiller einem Beitrag Schubarts im Schwäbischen Magazin. Auch die Kammerdiener-Szene in Kabale und Liebe, in der das Verschachern der Untertanen in fremde Kriegsdienste angegriffen wird, war ganz in Schubarts Sinne. Besonders aber war Schiller von der Fürstengruft beeindruckt. Sein Fluchtgenosse Andreas Streicher berichtet: "Schiller... zog sogleich ein Heft ungedruckter Gedichte von Schubart hervor, von denen er die bedeutendsten seinem Gefährten vorlas. Das merkwürdigste darunter war die Fürstengruft, welches Schubart in den Monaten seiner engen Gefangenschaft mit der Ecke einer Beinkleiderschnalle in die nassen Wände seines Kerkers eingegraben hatte. Damals, 1782, war Schubart noch in der Festung, wo er aber jetzt sehr leidlich gehalten wurde. In manchen der Gedichte fanden sich Anspielungen, die nicht schwer zu deuten waren und die keine nahe Befreiung des Verfassers erwarten ließen. -- Schiller hatte für die dichterischen Talente des Gefangenen sehr viel Hochachtung. Auch hatte er ihn einige Male auf dem Asperg besucht." Es war sicherlich nicht zuletzt das Beispiel der Gefangenschaft Schubarts, das Schiller zur Flucht aus Stuttgart veranlaßte. Auch wenn Schiller später den "Sturm und Drang" überwand und mit Goethe zum Bannerträger der Weimarer Klassik wurde: Die politischen Ideale, die Schubart ihm in seiner Jugend vermittelte, gab er nie auf; wie Schubart verstand Schiller sich in erster Linie als Volkserzieher, der am "Bau des größten aller Kunstwerke -- der wahren politischen Freiheit" mitwirkt. Endlich frei Nach und nach wurden Schubarts Haftbedingungen so weit erleichtert, daß er sich innerhalb der Festung frei bewegen konnte. Er durfte Gedichte schreiben und den Töchtern des Festungskommandanten Musikunterricht erteilen, und man ließ ihn als Dichter und Musiker die in der Festung stationierten Soldaten bei Laune halten. Als ein Teil der Besatzung vom Herzog an die Niederländische Ostindien-Kompagnie "vermietet" wurde, verfaßte Schubart zwei Lieder -- das Kaplied und Für den Trupp -- die sofort ungeheuer populär wurden. Das Kaplied wurde 30 Jahre später als Volkslied in die Sammlung Des Knaben Wunderhorn aufgenommen. Schließlich kam ihm auch die Geldgier des Herzogs zugute: 1785 erschien in der Schweiz eine Ausgabe von Schubarts Gedichten. Man wies den Herzog darauf hin, daß er einen schönen Profit machen könne, wenn die Gedichte von der Herzoglichen Druckerei verlegt würden. Dieses Argument überzeugte den Herzog. Mit herzoglichem Privileg wurde zur Subskription aufgerufen -- und etwa 3000 Personen meldeten sich, darunter 14 regierende Fürsten! Auf 20 Seiten waren sie am Ende des Büchleins aufgelistet. Der Herzog verdiente 2000 Gulden -- Schubart nur Aber nun nahm der Druck auf den Herzog, Schubart freizulassen, gewaltig zu. Als dann bei den Trauerfeierlichkeiten für Friedrich II. von Preußen ein gedichteter Nachruf Schubarts in 6000 Exemplaren gratis verteilt wurde -- Schubarts Sohn war inzwischen als Diplomat in preußischen Diensten --, setzte sich auch der neue Preußenkönig für Schubart ein. Der Herzog mußte nachgeben. Im Frühjahr 1787 war Schubarts Gefangenschaft nach mehr als zehn Jahren endlich beendet.

14 Die letzten vier Jahre Schubart wurde vom Herzog zum Leiter des -- inzwischen längst nicht mehr so bedeutenden -- Hoftheaters ernannt und erhielt sogar die Erlaubnis, wieder seine Chronik -- erst unter dem Titel Vaterländische Chronik, dann Vaterlandschronik -- zu schreiben. Später nannte er die Zeitschrift nur noch Chronik, mit der Begründung, es gebe mehr über das Ausland zu schreiben als über Deutschland. Der Herzog befreite ihn sogar von der Zensur (aber nicht von der Verantwortung für den Inhalt). Natürlich machten sich die Jahre auf dem Asperg in Schubarts Stil bemerkbar. Auf eine Kritik Bürgers, der Stil der Zeitschrift sei "strotzend und aufgedunsen", antwortete Schubart nur: "Ich wills glauben. Der Asperg gähnt daraus hervor." Das Programm der Chronik blieb das gleiche wie vor seiner Inhaftierung: Seine Mitbürger politisch und kulturell zu bilden. Als es 1789 zur Französischen Revolution kam, war Schubart begeistert. Wer kann dies einem Mann verdenken, der so schwer unter der Fürstenwillkür gelitten hatte? Daß das französische Volk den König einer Verfassung unterwarf und Rechenschaft von ihm forderte, versöhnte ihn mit Frankreich, dessen Sitten -- die er nur durch das Spiegelbild der gallophilen Fürsten kannte -- er früher so energisch verurteilt hatte. Es ist nicht zu klären, ob sich Schubart wie Georg Forster der Revolution angeschlossen hätte, oder ob er sich wie Schiller, nach den Massakern der Jakobiner, die er nicht mehr erlebte, von ihr distanziert hätte. Er starb am 10. Oktober 1791 an einem Lungenleiden, das er sich während der Kerkerhaft zugezogen hatte.

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