Unterschiede zwischen Schweizerdeutsch und Hochdeutsch. zbl Vernetzungstreffen 22. Mai 2013 Sandra Widmer

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1 Unterschiede zwischen Schweizerdeutsch und Hochdeutsch zbl Vernetzungstreffen 22. Mai 2013 Sandra Widmer

2 Ablauf Bezug zur Logopädie Deutschschweizer SprachsituaGon in Zahlen Verschiedene Sichtweisen auf die Deutschschweizer SprachsituaGon Unterschiede Schweizerdeutsch Hochdeutsch aus sprachstruktureller Sicht PhoneGsch Phonologisch Morphologisch SyntakGsch SemanGsch Lexikalisch 2

3 Bezug zur Logopädie Kinder und Erwachsenenbereich: Tests werden häufig aus dem Hochdeutschen übernommen Therapiematerialen basieren ebenfalls häufig auf der SchriTsprache Ziel: Bewusstsein für die Schweizer SprachsituaGon schärfen, um in der Praxis besser auf Probleme von Kindern und Erwachsenen eingehen zu können.

4 Aufgabe 4

5 Schweizersprachsitua9on Zahlen Verteilung der Hauptsprachen für die gesamte Wohnbevölkerung HD und CHD als Familiensprache für Schweizerinnen & Schweizer Werlen,

6 Au<eilung der Kontexte für HD und CHD in Anlehnung an Rash (2002) Hochdeutsch: Höhere Schulbildung Reden im Parlament Nachrichtensendungen im Radio & Fernsehen Private Korrespondenz Fast alle Literatur CHD: Informelle Gespräche Radio und Fernsehsendungen (ausser Nachrichten) Vorlesen von Büchern (Eltern à Kind), wird für das Kind übersetzt Chats, SMS 6

7 Besonderheit Deutschsprachige Schweiz Oralität Literalität Hochfrequenter Gebrauch in der Schweiz Dialekt Hochdeutsch Niederfrequenter Gebrauch in der Schweiz Hochdeutsch Dialekt 7

8 Schweizersprachsitua9on Zahlen soziolinguis9sche Perspek9ve HD und CHD als Umgangssprache in der Ausbildung im deutschen Sprachgebiet Werlen,

9 Fragen in diesem Kontext Ist Schweizerdeutsch eine eigene Sprache? Ja? Ist dann Hochdeutsch eine Fremdsprache? Nein? Wie erklären sich dann die Unterschiede? 9

10 Umgang mit der Deutschschweizer Sprachsitua9on: Wie soll die SituaGon in der Schweiz bezeichnet werden? Verschiedene Konzepte: Mehrsprachigkeit? (Baur, 1983) Einsprachigkeit? (Sieber & Sika, 1986) Asymmetrische Zweisprachigkeit? (Werlen, 1998) Diglossie? (Kolde, 1981; Berthele, 2004) Sekundärsprache? (Hägi & Scharloth, 2005) 10

11 Schweizerdeutsch als Sekundärsprache, Hägi & Scharloth, 2005 Umfrage zum Sprachbewusstsein von Schweizerinnen und Schweizern: Ist Hochdeutsch für Schweizer die erste Fremdsprache? Ja Nein 79% 21% Hochdeutsch ist für mich eine Fremdsprache? Ja Nein 30% 70% Allgemeine Lage unterscheidet sich vom der individuellen Einschätzung 11

12 Schweizerdeutsch als Sekundärsprache, Hägi & Scharloth, 2005 Sprachbewusstsein: à Hochdeutsch wird von 49% der Befragten (n=98) nicht gerne gesprochen à Es fehlt die Selbstverständlichkeit einer Mukersprache à Schweizerhochdeutsch wird in der Regel nicht als eigene nagonale Varietät angesehen à HelveGsmen à Aussprache wird als Diskrepanz zum deutschen Hochdeutsch erlebt à Die Befragten finden Standard im Hinblick auf die Berufsausübung wichgg 12

13 Schweizerdeutsch als Sekundärsprache, Hägi & Scharloth, 2005 Erwerb des Standarddeutschen: à Kinder lernen zuerst Dialekt à In Morphologie und Syntax sind Transferprozesse nögg à Einführung des HD erfolgt in der Schule (tw. Kindergarten) à Erwerb erfolgt hauptsächlich ungesteuert à Weder Erwerbsalter noch Erwerbsart lassen eine klare Einteilung in eine Fremdsprache zu, es ist allerdings auch kein typischer Erstspracherwerb 13

14 Unterschiede aus sprachstruktureller Sicht PhoneGk/Phonologie Morphologie Syntax SemanGk/Lexik à Durch zunehmende Mobilität und internagonale Einflüsse, gleichen sich die Dialekte immer mehr gegenseigg an und werden vom HD Vokabular und der Syntax beeinflusst (Schobinger, 2011 & Reese, 2007) 14

15 Phonologische/PhoneGsche Unterschiede zwischen CHD & HD 15

16 Phonologische Abweichungen des Zürichdeutschen vom Standarddeutschen 1 Zusätzliche Diphthonge (/ie/, /ue/, /üe/) mit einheitlicher Übersetzungsregel ins HD 2 Uneinheitliche MonophthongDiphthongEntsprechung (/wii/ /wein/) 3 Nur sgmmlose, häufig unaspirierte Plosive 4 Ausschliesslich achlaut Verwendung /ch2/ 5 Verschiebung von /k/ zu /ch2/ am Wortanfang, z.b. «Kopf» (Gallmann, 2010) 6 Affrizierung von /k/ im Dialekt zu /kch2/ 7 SGmmlose /s/ 8 VielfälGges Vokalsystem Gallmann, 2010, & Schneider,

17 Diphthongierung und Monophthongierung à Monophthonge können zu Diphthongen werden und umgekehrt à z.b. ie à i, ue à u CHD Monophthonge werden im HD zu Diphthongen Z.B. Ziit à Zeit CHD Diphthonge werden im HD zu Monophthongen Z.B. Liäbi à Liebe à Regel ist nicht einheitlich, z.b. Spiil * Speil ABER z.b. Wii à Wein Landert,

18 Morphologische Unterschiede zwischen CHD & HD 18

19 Zusammenfassung morphologischer Unterschied zwischen CHD und HD Keine nominale Markierung von AkkusaGv und NominaGv KliGsierung von Pronomina Fehlen des IndikaGvs des Präteritums KonjugaGon Pluralbildung Landert,

20 Kli9ka CHD KliGka gömmer (gehen wir), wämmer (wollen wir), Er hät ems gäh. (er hat es ihm gegeben) à Kein Äquivalent im HD HD KliGka ins Haus, zum Wald und auf m Dach à auf m hat kein Äquivalent im CHD 20

21 go und tun Konstruk9on Verb gehen wird innerhalb eines Satzes verdoppelt: z.b. Ich gang go ässe. HD: Ich gehe PARTIKEL essen. à Kinder mit zunehmendem Alter erkennen, dass diese KonstrukGon im HD nicht exisgert tue hat verschiedene FunkGonen: z.b. Bildung der Dauerform: Er tuet schlafe. ; HD: Er ist am Schlafen. z.b. Hervorhebung: Tue nöd schtriite! HD: Streite nicht! / Hör auf zu streiten! z.b. Vermeidung komplizierterer Formen: Tuesch läsä? ; HD: Liest Du? 21

22 Deklina9on GeniGvbildung CHD: DaGv + PräposiGon à De Sonja ihres Huus (HD: Sonjas Haus) NominaGv und AkkusaGv werden weder im Sg. noch im Pl. unterschieden Dies bereitet Kindern zwischen 4 und 7 Jahren Mühe NominaGv wird übergeneralisiert Untersuchung von Landert (2007) mit Kindergarten Kindern zeigt, dass der NominaGv auch stak des DaGvs verwendet wird: Z.B. Was ist das für ein Spiel? mit ein baloon à Mehrsprachige Kinder haben besonders Mühe mit den Unterschieden der Kasussysteme 22

23 Pluralbildung im Hochdeutschen Singular Plural Beschreibung Morphem 1 Der Wagen Die Wagen Nullmorphem 2 Der Apfel Die Äpfel Vokaländerung 3 Der Hund Die Hunde Suffix e 4 Der Hof Die Höfe Vokaländerung + Suffix e 5 Das Auge Die Augen Suffix n 6 Die Frau Die Frauen Suffix en 7 Das Feld Die Felder Sufffix er 8 Der Wald Die Wälder Vokaländerung + Suffix er 9 Das Auto Die Autos Suffix s Landert

24 Pluralbildung im Schweizerdeutschen Singular Plural Beschreibung des Morphems 1 Aug Auge Suffix e 2 Mueter Müetere Vokaländerung + Suffix e 3 Teppich Teppich Nullmorphem 4 Hund Hünd Vokaländerung 5 Bild Bilder Suffix er 6 Dorf Dörfer Vokaländerung + Suffix er 7 Chuchi Chuchene Suffix ene Landert

25 SyntakGsche Unterschiede zwischen CHD & HD 25

26 Überblick Unterschiede Syntax 1. RelaGvsatzbildung mit wo 2. Stellung des modalen Auxiliar CHD: Das isch de Huusbsitzer, dem wo Tulpe so gfalled. HD: Das ist der Hausbesitzer, dem die Tulpen so gefallen. 26

27 Stellung des modalen Auxilars Übersetzen den folgenden Satz ins Hochdeutsche: Er hät nöd wele cho. à Er wollte nicht kommen. Stellung des Modalverbs im Nebensatz: Er hät gmeint, er het nöd wele cho. Er hät gmeint, er het nöd cho wele. à Er meinte, er wolle nicht kommen. Voegeli,

28 Standard Unterschiede Syntax nach Siebenhaar & Voegeli, 1997 Infini9vsatz: Dieses Gestell ist gut, um die Schuhe zu versorgen. Feste Verbfolge bei mehrteiligen Prädikaten: Sie hat nicht kommen wollen. Sie hat ihn gehen lassen. Zürich und Berndeutsch Substan9vierter Infinitv: Das Gschtell isch guet zum d Schue Versorge. Grössere Freiheit in der Stellung der Verben bei mehrteiligen Verben: Sie hät nöd wele choo. /Sie hät nöd choo wele. Sie hät en gaa laa/ Sie hät en la gaa. Sie hät en la gaa la. Tendenz zur Verbklammer Er steht nie vor 9 Uhr auf. Zwei Verneinungen im selben Satz heben sich auf: Es hat niemand etwas gesagt. Nicht möglich: Es hat niemand nichts gesagt. Tendenz zur Ausklammerung: Er staat nie uuf vor de nüüne. Möglichkeit der doppelten und dreifachen Verneinung: Es hät niermert nüt gsäit. (Es hät nie niemert nüt gsäit) 28

29 SemanGsch/Lexikalische Unterschiede zwischen CHD & HD 29

30 Lexikoneinteilung nach Burger 1994 und Landert Dialektlexikon gumpe (springen), täderle (verpetzen), Lööli (Trokel) 2. Gemeinsames Lexikon Nuss, Öl, Rad, Wii (Wein), Buech (Buch) à Hier lassen sich für die meisten Wörter sog. TransformaGonsregeln formulieren 3. Standardlexikon nun (CHD: jetzt), verpetzen (CHD: täderle) à Klare Abgrenzung der Lexika ist nicht möglich 30

31 Lexikalische Aspekte, Burger 1994 Phonologisch Ähnliche Wörter (Diphthongierung, Endsilbenschwächung) CHD: uufgstande; HD: aufgestanden CHD: Füür; HD: Feuer CHD: prügle HD: prügeln Lexikalisch verschiedene Wörter: CHD: abe; HD: runter CHD: Säuli HD: Ferkel CHD: gumpe HD: springen (à springe im CHD bedeutet etwas anderes) 31

32 Das Schweizerdeutsche Heterogenität des Dialekts 32

33 Einfluss der romanischen Sprachen auf das CHD Wörter werden adapgert und ins CHD übernommen, z.b. Kondiktör vom franz. conducteur (HD Schaffner) z.b. Billek vom franz. billet (HD Fahrkarte) Prosodische Merkmale der romanischen Sprachen werden übernommen 33

34 Tendenzen zur Vereinfachung und Vielfalt (Siebenhaar & Voegeli, 1997) Vereinfachung Vielfalt Professur für Logopädie Sandra Widmer Beierlein 34

35 Helve9smen sind Besonderheiten des Schweizer Hochdeutschen Bsp.: Müesli (HD Müsli) grillieren (grillen), parkieren (parken) Cüpli (Glas Sekt/Champagner) Güggeli (Grillhähnchen) Zvieri (Zwischenmahlzeit am Nachmikag) Parterre (Erdgeschoss) Ausführliche Liste: hkps://de.wikipedia.org/wiki/liste_von_helvegsmen, Professur für Logopädie Sandra Widmer Beierlein 35

36 Literatur Gallmann, Heinz. (Ed.) (2010). Zürich: Verlage Neue Zürcher Zeitung. Häcki Buhofer, Annelies, & Burger, Harald. (1998). Wie Deutschschweizer Kinder Hochdeutsch lernen : der ungesteuerte Erwerb des gesprochenen Hochdeutschen durch Deutschschweizer Kinder zwischen sechs und acht Jahren. Stukgart: Franz Steiner Verlag. Hägi, Sara, & Scharloth, Joachim. (2005). Ist Standarddeutsch für Deutschschweizer eine Fremdsprache? Untersuchungen zu einem Topos des sprachreflexiven Diskurses. from: hkp://www.linguisgkonline.de/24_05/haegischarloth.html Landert, Karin. (2007). Hochdeutsch Im Kindergarten?: Eine Empirische Studie Zum Frühen Hochdeutscherwerb in der Deutschschweiz. Bern: Peter Lang. Rash, Felicity. (2002). Die deutsche Sprache in der Schweiz: Mehrsprachigkeit, Diglossie und Veränderung. Bern: Peter Lang. Scharloth, Joachim. (2005). Zwischen Fremdsprache und nagonaler Varietät. Untersuchungen zum Plurizentrizitätsbewusstsein der Deutschschweizer. In R. Muhr (Ed.), StandardvariaGonen und Sprachideologien in verschiedenen Sprachkulturen der Welt (pp. 2144). Frankfurt am Main: Lang. Siebenhaar, Beat (1997 unveröffentlicht): vollständig überarbeitete Neuauflage von Walter Vögeli: Mundart und Hochdeutsch im Vergleich. In: Mundart und Hochdeutsch im Unterricht. OrienGerungshilfen für Lehrer. Hg. von Peter Sieber und Horst Sika. Aarau, Frankfurt am Main, Salzburg: Sauerländer (Studienbücher SprachlandschaT 1), 2. Auflage. Suter Tufekovic, Carol. (2004). Wie Mehrsprachige Kinder in Der Deutschschweiz Mit Schweizerdeutsch Und Hochdeutsch Umgehen: Eine Empirische Studie. Bern: Peter Lang, Werlen, Iwar. (1998). Mediale Diglossie oder asymmetrische Zweisprachigkeit? Mundart und Hochsprache in der deutschen Schweiz (Vol. Babylonia 1). Werlen, Iwar. (2004). Zur SprachsituaGon der Schweiz mit besonderer BerücksichGgung der Diglossie in der Deutschschweiz. BulleGn VALSASLA (Vereinigung für angewandte LinguisGk in der Schweiz) 79, 130, 2004, 79.

37 Vielen Dank und einen schönen Abend 37

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