Los Angeles: Stadt, Kulisse - und Filmstar?

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1 Los Angeles: Stadt, Kulisse - und Filmstar? Die Gesellschaft des 20. Jahrhunderts ist durch einen hohen Grad der Visualisierung gekennzeichnet und kann als eine visual, cinematic culture 1 bezeichnet werden. Der französische Theoretiker Jean Baudrillard ist sogar der Meinung, dass die gegenwärtige Gesellschaft sich nur durch Reflexionen, welche durch das Kameraauge vermittelt werden, erkennt. 2 Das von Baudrillard angedeutete Spiel der Zeichen hat für Kulturwissenschaftler Norman Denzin Auswirkungen auf die Individuen in einer solchen Gesellschaft: The postmodern self has become a sign of itself, a double dramaturgical reflection anchored in media representations on the one side, and everyday-life on the other. 3 Ausgehend von Denzins Aussage kann Realität als inszenierte, soziale Produktion interpretiert werden. Diesem Gedanken folgend ließe sich die Vermutung aufstellen, dass die Realität an ihrem cineastischen Gegenstück gemessen wird. Somit wird die Metapher der Gesellschaft zur gelebten Realität. 4 Die Hauptstadt dieser visual, cinematic culture ist zweifelsfrei Los Angeles. Das Phänomen der Suburbanisation Amerikas lässt sich anhand der Metropole Los Angeles aufzeigen und in den Kontext von Realität und cineastisches Gegenstück einbetten. Besonderes Augenmerk wird hierbei auf die Fragmentierung bzw. Dezentralisierung der Stadt Los Angeles gelegt. In gebotener Kürze soll hier auch auf die Rolle von Los Angeles als Filmstadt eingegangen und gleichzeitig die Tradition der Stadtpräsentation im Medium Film gesprochen werden. Die Stadt Im Zuge des Wandels von der Moderne zur Postmoderne veränderte sich während der 1950er und 1960er Jahre auch das geographische Gesicht der USA. 5 Vorangetrieben durch den Ausbau des Verkehrsnetzes entstand die Suburbanisation Amerikas. In einer 1990 durchgeführten Volkszählung wurde der fortgeschrittene Verfall amerikanischer Städte aufgedeckt: Erstmals in der Geschichte der USA lebten mehr Menschen in Vororten, Satellitenstädten und in ländlichen Regionen als in der Stadt. 6 1 Stuart C. Aitkin und Leon E. Zonn, Re-Presenting the Place Pastiche, Place, Power, Situation, and Spectacle. A Geography of Film, eds. Stuart C. Aitkin und Leon E. Zonn (Lanham: Rowman & Littlefield, 1994) 7. 2 Vgl. Aitkin und Zonn 7f. 3 Norman Denzin, introduction, Images of Postmodern Society: Social Theory and Contemporary Society (Newbury Park: Sage Publications, 1991) viii. 4 Vgl. Aitkin und Zonn 7. 5 Vgl. Paula Geyh, Fred G. Leebrou und Andrew Levy, eds. Introduction, Postmodern American Fiction. A Norton Anthology (New York: Norton, 1998) xivff lebten mehr als 45% der amerikanischen Bevölkerung in Vororten. Vgl. Robert Fishman, Megalopolis Unbound", Metropolis: Center and Symbol of Our Times, ed. Philip Kasinitz (New York: New York UP, 1995)

2 Im folgenden soll nun dieses Phänomen anhand der Westküstenmetropole Los Angeles vorgestellt werden. Besonderes Augenmerk wird hierbei auf die Fragmentierung bzw. Dezentralisierung der Stadt Los Angeles gelegt. In ihrer Rolle als Weltfilmstadt, in der eine Industrie Filme hervorbringt, die aber auch gleichermaßen Kulisse und Filmdarsteller in einem ist. Stadt ohne Mitte Städteplaner und Kulturwissenschaftler übernahmen zu Beginn der 1990er Jahre literaturwissenschaftliche Terminologien und beschreiben Städte als Texte und Collagen. 7 Es ist somit möglich, eine Stadt wie einen Text zu lesen. Wie mit jedem Text, so wird auch das Phänomen Stadt von unterschiedlichen Individuen anders wahrgenommen. Die Stadt bekommt multiple Bedeutungen, weshalb man nicht mehr von einem allgemeingültigen Stadtverständnis sprechen kann. Vielmehr existieren parallel mehrere sich im Dialog miteinander befindende Bedeutungen von Stadt. 8 Los Angeles kann als einer der Schrittmacher dieser suburbanen Entwicklung bezeichnet werden. So wurden bereits mit dem Abklingen des ersten Baubooms Ende des 19. Jahrhunderts die Weichen für die Zukunft gestellt, wonach Los Angeles nach dem städteplanerischen Ideal eines suburbian home for all 9 weiterentwickelt wurde. Wichtige Instrumente, um dieses Ziel zu erreichen, waren das Automobil und der fortschreitende Ausbau des Highwaysystems, die als new tools to achieve a suburban vision 10 angesehen wurden. 11 Diese Suburbanisation und die gleichzeitige Existenz einer Vielzahl unterschiedlicher ethnischer Gruppen 12 innerhalb verschiedener Sub-divisionen kann als städtische Fragmentierung bezeichnet werden. Somit lässt sich Los Angeles als ein postmodernistischer Text identifizieren. Dies wird manifest in der Aufgabe des klassischen Stadtkonzepts mit einem Stadtzentrum zugunsten des pluricentrality -Konzepts. 13 In kaum einer anderen Stadt ist diese Erscheinung deutlicher auszumachen als in Los Angeles. Die Situation der Stadt Los Angeles in den 1990er Jahren ist geprägt durch Gewalt und 7 Vgl. Nan Ellin, Postmodern Urbanism (Cambridge: Blackwell, 1996) Vgl. Ellin Robert Fishman, Burgeois Utopias: A Vision of Suburbia", Urban Theory, eds. Susan Fainstein und Scott Campbell (Cambridge: Blackwell, 1996) Ibid. 11 Das Schicksal des Stadtzentrums von Los Angeles ist zweifelsohne stark mit dem Automobil verbunden. In einem 1926 durchgeführten Referendum entschied sich die Mehrheit der Bevölkerung für den Ausbau des Straßennetzes und somit gegen das bereits bestehende, sehr gute öffentliche Verkehrssystem. Vgl. Fishman, Megalopolis Unbound" 403. Bereits in den 1920 und 1930er Jahre verteilt sich die vormals im Stadtkern ansässige Industrie über das gesamte Stadtgebiet, und Ende der 1930er Jahre war Los Angeles eine sprawling metropolitan region". Fishman, Burgeois Utopias: A Vision of Suburbia" Nach einer zu Beginn der 1990er Jahre in Los Angeles durchgeführten Erhebung, gibt es 86 Muttersprachen unter den Schulkindern. Vgl. Mike Davis, City of Quartz, trans. Jan Reise (Berlin/Göttingen: Verlag der Buchläden Schwarze Risse, 1994) Ibid. 258, Auch der französische Literaturwissenschaftler Roland Barthes teilt diese Sichtweise der Stadt, wenn er sagt: the city is a discourse and this discourse is truly a language". Roland Barthes, The Pleasure of Text, trans. Richard Miller (New York: Hill & Wang, 1975) 92. 2

3 Rassenunruhen, 14 das dadurch gestiegene Sicherheitsbedürfnis der Bewohner und den hohen Dezentralisierungsgrad. Die dicht bewohnten Zentren der Stadt sind Settlement[s] of socially hetergeneous individuals" 15 und Ausdruck eines postmodernistischen Verständnisses von Urbanität. Robert Fishman bezeichnet Los Angeles als suburban metropolis of the twentieth century. 16 Wer es sich leisten kann, wohnt nicht mehr im Stadtzentrum, sondern, geschützt durch Hightech-Sicherheitssysteme, in einem der zahlreichen Vororte: 17 As soon as they can afford to do so, most Americans head for the single-family house and the quasi-primary way of life of the low-density neighborhood, in the outer city or the suburbs. 18 Vormals sozialer, kultureller und geschäftlicher Mittelpunkt der Stadt, ist der Innenstadt heute eine andere Bedeutung zuteil geworden. Nicht mehr das Stadtzentrum ist die Basiseinheit der Stadt, sondern die dezentralen Vorstädte an der Peripherie. Besonders Los Angeles gilt als Wegbereiter dieser alternate, decentralized form for the American city based on the automobile and the single-family house" 19 In den 1990er Jahren wurde im Stadtzentrum von Los Angeles das neue Staatsgefängnis fertiggestellt, welches viele Touristen, wegen seiner ansprechenden Architektur, für ein Hotel halten. 20 In amerikanischen Großstädten, allen voran Los Angeles, verschmelzen somit Architektur und Polizei in einem nie dagewesenen Ausmaß. Mike Davis sieht dies als ein Indiz für den Zustand vieler U.S. Metropolen, die sich an der hard edge of postmodernity" 21 befinden. Kriminalität wurde besonders von Hollywood, der fiktiven, irrealen Seite von Los Angeles, thematisiert und als Handlungsmotiv in Filmen eingesetzt. Hollywood befindet sich somit gewissermaßen näher an der Wirklichkeit amerikanischer Städte als die vor der Realität fliehenden.reichen und Schönen': Indeed, the pop apocalypticism of Hollywood movies and pulp science fiction has been more realistic and politically perspective in representing the hardening of the urban landscape. 22 Filmische Beispiele für dieses Phänomen sind LA. Confidential, Pulp Fiction, Bladerunner, Die Hard l-lll und Leathel Weapon l-iv. Mike Davis ist im Übrigen der Meinung, dass Filme dieser Art keine bloßen Phantasien sind, sondern es sich vielmehr um merely 14 Als ein Beispiel möchte ich auf die polizeilichen Übergriff gegen den Afroamerikaner Rodney King und die 1992 mit der Urteilsverkündung verbundenen Unruhen verweisen. Vgl. Marc Lacey und Shawn Hubler, Rioters Set Fires, Loot Stores; 4 Reported Dead", LA Times 30. April 1992, 26. Juni 1999 <http://www.latimes.com/home/news/reports/riots/0430loot.htm>. 15 Herbert J. Gans, Urbanism and Suburbanism as Ways of Life: A Reevaluation of Definitions", Metropolis: Center and Symbol of Our Times, ed. Philip Kasinitz (New York: New York UP, 1995) Fishman, Burgeois Utopias: A Vision of Suburbia" Vgl. Mike Davis, Fortress Los Angeles: The Militarization of Urban Space", Metropolis: Center and Symbol of Our Times, ed. Philip Kasinitz (New York: New York UP, 1995) Gans Fishman, Megalopolis Unbound Vgl. Davis Davis Ibid

4 extrapolations from the present" 23 handelt. Die Kulisse Der Mangel eines Zentrums, die Weitläufigkeit der Stadt und die Unterteilung in viele Subdivisionen identifizieren Los Angeles als fragmentierte postmoderne Stadt. Hollywood, als wesentlicher Teil der Stadt mit seinen Filmstudios, stellt die stärksten Präsentationsmedien der Scheinwelt Los Angeles bereit. Dies sind nach wie vor die Leinwand und der Bildschirm, die für die anhaltende Vielfalt der Vorstädte, der ethnischen Gruppierungen und Visionen stehen. 24 Die Darstellung von Städten im Medium Film hat eine lange Tradition, deren würdige Beschreibung einer eigenen Arbeit bedürfte. 25 Es ist jedoch für die Betrachtung sowohl der Romane als auch der Filme LA. Confidential 26 und Get Shorty 27 von Bedeutung darauf hinzuweisen, dass Los Angeles als Stadt zentraler Schauplatz vieler Filme war und zudem mit Hollywood auch der Ort deren Produktion ist. James Ellroys LA. Confidential und Elmore Leonards Get Shorty sind zwei Romane, die in unterschiedliche Genres fallen: LA. Confidential wird als Kriminalroman der Los-Angeles- Noir 28 bezeichnet, da er Attribute des Genres Film-Noir literarisch umsetzt. Die Verfilmung fällt dementsprechend in die Kategorie Film-Noir. Der Roman Get Shorty hingegen ist am ehesten in das Genre Film-Novel einzuordnen, dessen action and events take place around movies or movie culture". 29 Die gleichnamige Verfilmung lässt sich in die Kategorie Komödie einordnen. Sowohl beide Romane als auch die Filme beschreiben Los Angeles als Filmstadt und thematisieren zwei weitere Aspekte der Stadt: Gewalt und Kriminalität. Jedoch geschieht die Präsentationen der Stadt in den jeweiligen Romanen und den entsprechenden filmischen Umsetzungen ganz unterschiedlich. Viele Filme der Noir-Serie spielten in der Westküstenmetropole, die sich sowohl als krisengeschüttelte Großstadt der 1930er Jahre als auch als entwurzelte städtische Hölle" 30 der 1940er und 1950er präsentierte. Thematisiert wurden klassische Film Noir- Motive wie Kriminalität, Gewalt und der entfremdende Charakter in einer immer stärker unterteilten Gesellschaft, die ihr Spiegelbild in einer sich weiter ausbreitenden Stadtlandschaft fand. 31 Aufgrund des hohen Grades an städtischer und gesellschaftlicher 23 Ibid Vgl. Mike Davis, City of Quartz, trans. Jan Reise (Berlin/Göttingen: Verlag der Buchläden Schwarze Risse, 1994) Vgl. David B. Clarke, ed., The Cinematic City (New York: Routledge, 1997). 26 James Elroy, L.A. Confidential (New York: Warner Books, 1990) und L.A. Confidential, Drehbuch von Brian Helgeland und Curtis Hanson, Regie Curtis Hanson, Darsteller Kevin Spacey, Russel Crowe, Guy Pearce, James Cromwell, Kim Bassinger und Danny DeVito, Warner Brothers, Elmore Leonard, Get Shorty (New York: Delta Book, 1995) und Get Shorty, Drehbuch von Scott Frank, Regie Barry Sonnenfeld, Darsteller John Travolta, Gene Hackman, Rene Russo und Danny DeVito, MGM, Vgl. Davis City of Quartz Timothy Corrigan, Film and Literature: An Introduction and Reader (New Jersey: Prentice-Hall, 1999) Davis City of Quartz Vgl. Nicholas Christopher, Somewhere in the Night. Film Noir and the American City (New York: Simon & Schuster, 1997)

5 Dezentralisation, der steigenden Mobilität und Anonymität blieb der Einzelne orientierungslos und sich selbst überlassen zurück in der Stadt, einem labyrinth of human construction". 32 Eine solch zweifellos modernistische, düstere Sicht des kriminellen und korrupten Los Angeles war jedoch nicht das einzige Motiv innerhalb der Darstellung von Stadt. Filme aus dieser Zeit thematisieren auch die Scheinwelt Hollywoods in unterschiedlichster Art und Weise, und in Nathanael Wests Day of the Locust wird Hollywood gar zur Müllhalde der Träume (...) am Rande der Apokalypse". 33 Das Einbeziehen und Thematisieren von Los Angeles in Filmen hat bis heute angehalten und beschränkt sich nun nicht mehr auf die bloße Darstellung von Gewalt. Bezeichnete Rollen entsprechen nicht mehr dem traditionell Bezeichneten, und als Kulisse für das Spiel mit unterschiedlichen Rollen scheint Los Angeles als Filmmetropole schon seit jeher prädestiniert. So beschrieb Erich Maria Remarque in seinem Buch Schatten im Paradies Hollywood nach der Rückkehr aus dem Exil: Wirklichkeit und Schein vermischten sich hier so vollkommen, dass sie zu einer neuen Substanz wurden - so Kupfer und Zink zu Messing, das aussah wie Gold. Es hatte nichts damit zu tun, dass Hollywood voll war von Schwärmern, von Sektierern und Schwindlern. Alle nahm es auf, und wer sich nicht beizeiten rettete, verlor seine Identität, er mochte es glauben oder nicht Ibid Davis City of Quartz Zitiert in Davis City of Quartz 70. 5

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