Podcast: Piaget. Liebe Studentinnen, liebe Studenten,

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1 Podcast: Piaget Liebe Studentinnen, liebe Studenten, ich möchte mich gerne im Folgenden mit der Theorie von Jean Piaget zum Spiel und zu den Entwicklungsphasen des Spiels auseinandersetzen. Ich beziehe mich dabei in erster Linie auf sein Werk Nachahmung, Spiel und Traum. Intelligenz bedeutet für Piaget ja so etwas wie ein Gleichgewicht oder eine Gleichgewichtsherstellung zwischen Assimilation und Akkomodation. Piaget sieht nun in diesem Werk die Imitation oder die Nachahmung als die Reinform eigentlich einer Akkomodationsleistung, d.h. die Schemata werden an die Welt angepasst, während das Spiel in erster Linie eine Assimilation ist bzw. die Assimilation die Akkomodation überwiegt, d.h. ich passe mir die Welt an meine eigenen Schemata an. Piaget ordnet das Spiel nicht nur allgemein in den Prozess der Anpassung zwischen Individuum und Umwelt ein, er erklärt auch die verschiedenen Formen des Spiels mit ihrer Abfolge über die Kindheit hinweg. Dem folgend bedingen die Strukturen, die das Kind in den einzelnen Phasen der kognitiven Entwicklung herausbildet, auch die Art und Weise, in der es spielt. Um dieses zu verdeutlichen, möchte ich hier die 4 Phasen der kindlichen Entwicklung Piagets noch einmal in Erinnerung rufen. Das war 1. die sensumotorische Phase, 2. die präoperationale Phase des anschaulichen Denkens, 3. die Phase der konkreten Operationen und, 4. die Phase der formalen Operationen. Der ersten Phase ordnet Piaget das Übungsspiel zu, der folgenden das Symbolspiel, der dritten und vierten Phase das Regelspiel. Piaget betont dabei, dass eine Spielform in einer bestimmten Entwicklungsphase vorherrscht und danach in den Hintergrund tritt, jedoch nicht vollständig verschwindet. Die früheste kindliche Spielform ist das so genannte Übungsspiel: Piaget beobachtete es bei seinen Kindern ab dem 1. Lebensmonat. Im Übungsspiel werden sensumotorische Schemata lustvoll und mit Freude wiederholt, die nicht mehr erforscht und gelernt werden müssen, sondern bereits beherrscht werden. Die Freude über die Meisterung der Dinge, das

2 unter Beweis Stellen der eigenen Kraft und Fähigkeiten sind nach Piaget der Motor des Übungsspiels; gleichzusetzen etwa mit der von Karl Bühler so genannten Funktionslust. Diese Spiele sind jedoch direkt an einen auslösenden Gegenstand oder eine auslösende Situation in der Gegenwart gebunden. Die Entwicklungsabfolge des Übungsspiels ist unmittelbar an die der praktischen Intelligenz gebunden: von den primären Kreisreaktionen bis hin zum 6. Stadium der sensumotorischen Phase, in deren Verlauf dann das Symbolspiel aufkommt. Die akkomodatorisch erworbenen Schemata werden spielerisch, assimilatorisch also, angewendet, konsolidiert, kombiniert und zunehmend differenziert. Ich komme jetzt zum Symbolspiel: Den Zeitpunkt für die Bildung der Symbolfunktion allgemein setzt Piaget an, wenn das Kind von der äußeren Nachahmung zur inneren Nachahmung übergeht. D.h. von der Nachahmung im Verhalten zu der Nachahmung mit Verzögerung. Eine Nachahmung mit Verzögerung setzt ja voraus, dass ich irgendwie ein Modell dessen, was ich nachahmen möchte, im Kopf habe, mental habe, konstruiert habe. Dies vollzieht sich radikal im 6. Stadium der sensumotorischen Phase. Vorangegangen sind die Entwicklungen der Objektpermanenz und der Nachahmungshandlung, die schon ohne ein vollständiges Modell und ohne die Wahrnehmung des eigenen Körpers auskommen, jedoch fast ausschließlich von außen ausgelöst werden. Die jetzt beobachtbare, aufgeschobene Nachahmung impliziert also, wie ich gerade schon gesagt habe, innere, geistige Vorstellungsbilder und die innere Auslösung von Handlungen. Piaget weist an diesem Punkt darauf hin, dass das Vorstellungsbild noch im Entstehen begriffen ist, d.h. Kinder müssen die erinnerte Handlung noch äußerlich, sensumotorisch also nachahmen, sie können nicht rein geistlich handeln. War das jüngere Kind noch an die sensumotorische Wahrnehmung eines Gegenstandes oder einer Person gebunden, um ein Verhaltensschema zu aktivieren, so hat das Kind jetzt Stellvertreter in Form von Vorstellungen dafür. Piagets wohl bekanntestes Beispiel für die aufgeschobene Nachahmung ist das seiner Tochter Jacqueline, die im Alter von 1 Jahr und 4 Monaten, den 12 Stunden zuvor beobachteten Wutanfall eines anderen Kindes nachahmt. Als Auslöser kann hier ein Vorstellungsbild angenommen werden, auch die Koordination dieses Verhaltensschemas findet in der Vorstellung statt. Auf diese Weise so kann man mit Piaget sagen befreit die Symbolfunktion das Kind von der unmittelbaren Gegenwart. Das geistige Bild nicht als Abbild der Realität sondern als Eigenkonstruktion des Kindes eröffnet den Weg sowohl zur Nachahmung aus der Erinnerung, als auch zum Spiel mit Symbolen. Hier kommen wir also von der Symbolfunktion, die erst erworben werden muss, zum Symbolspiel.

3 Der qualitative Sprung zwischen beiden liegt in der spielerischen Assimilation, d.h. es ist keine akkomodatorische Anstrengung zur Ausführung des Schemas erforderlich, wie bei der Nachahmung. Der Übergang vom Übungsspiel zum Symbolspiel vollzieht sich wie schon vorhin gesagt vollzieht sich parallel zum Übergang von der sensumotorischen zur anschaulichen Intelligenz und von der einfachen zur aufgeschobenen Nachahmung. Bindeglied zwischen beiden Spielformen sind die symbolischen Schemata, d.h. die symbolisierten, sensumotorischen Schemata: Essen, Trinken, sich schlafen legen, sich waschen. Diese bereits gefestigten Schemata alltäglicher Handlungen werden symbolisiert, indem sie auf andere Kontexte und andere Gegenstände bzw. auch einfach in die Luft hinein angewendet werden. Die Spielsymbole, die Ersatzgegenstände haben eine einfache Ähnlichkeit zu den sie ersetzenden Objekten. So kann ein Kissen z.b. durch einen Stoffzipfel ersetzt werden, nicht aber durch einen Stock. Die Ausführung der Symbolhandlung knüpft an individuelle Gewohnheiten und Rituale des Kindes an. Piaget geht von 3 Stadien des Symbolsspiels aus: Das erste Stadium des Symbolspiels von ungefähr 2 4 Jahren, unterteilt Piaget in 3 aufeinander aufbauende Spieltypen: Typ 1a: Typ 1b: Typ 2a: Typ 2b: Typ 3: das Kind projiziert die genannten symbolischen Schemata auf andere, neue Objekte. Nicht mehr es selbst, sondern z.b. das Spieltier oder das Auto schlafen, essen, oder weinen. Das entspricht der Zuschreibung eigener Handlungen und Gefühle an Objekte und andere Menschen. das Kind projiziert Handlungen, die nicht zum eigenen Verhaltensrepertoire gehören, sondern bei anderen beobachtet wurden, spielerisch auf sich selbst, indem es dazu andere Objekte benutzt als die realen. Mit einem Kartonstück, anstelle einer Bürste, wird z.b. der Fußboden geschrubbt, mit einem Blatt Papier, anstelle des Hörers telefoniert. Daraus entwickeln sich die 2 folgenden Spieltypen. Gegenstände, Menschen oder Tiere werden durch andere Gegenstände ersetzt. D.h., hier findet die Assimilation der Objekte untereinander statt. das Ersetzen von Objekten und Menschen durch die eigene Person. D.h. die Assimilation des Ich an andere. Diese Symbolspiele werden zunehmend sprachlich von Ankündigen, wie z.b. Ich bin jetzt und Erläuterung von Verhaltensweisen begleitet. Sie gehen in ihrer Art in die späteren Symbolspiele ein. des ersten Symbolspielstadiums stellt nach Piaget den Höhepunkt des Symbolspiels dar und entfaltet sich ab dem 3. bzw. 4. Lebensjahr. Die bislang entwickelten Symbolfunktionen ermöglichen jetzt die wirklichen symbolischen Kombinationen mit

4 unbeschränkten Verzweigungen. Das Kind spielt längere und komplexere Szenen und kommt zu immer differenzierteren Darstellungsformen. Das Imitieren anderer Personen, Tiere, Gegenstände, das Erfinden imaginärer Personen darauf gehen wir auch noch ein im Laufe dieses Kurses also das Erfinden imaginärer Personen, um eigene Handlungsweisen darzustellen, das symbolische Handeln und das Fühlen über Puppen oder Figuren, all diese Spielweisen sind ab jetzt in schneller Folge eng ineinander verwoben. Das entspricht dem von neueren Autorinnen und Autoren bezeichnete so genannte Hin- und Herpendeln. Das sagt ja auch Inge Bretherton, also dieses Hin- und Herpendeln von Kindern im Symbolspiel, von Kindergartenkindern im Symbolspiel, die verschiedene Rollen in schneller Folge einnehmen werden bei gleichzeitiger sehr komplex reduzierte Aufgabenstellung. Piaget unterscheidet innerhalb dieses Spieltyps 4 Formen, allerdings weniger nach der Darstellungsart wie bei Typ 1 und 2 vorhin, sondern nach den Funktionen des Symbolspiels für die Psyche oder psychische Entwicklung des Kindes: 1. die so genannten einfachen Kombinationen: in längeren Spielszenen werden mehrer Handlungselemente hier aneinander gereiht. z.b. ein Haus für Tiere mit Betten, Tisch und Stühlen eingerichtet, in dem geschlafen, gegessen und Besuch empfangen wird die so genannten kompensatorischen Kombinationen das Kind verändert im Symbolspiel eine angstvolle oder unbefriedigende Realität, es bewältigt seine Angst, setzt sich über Verbote hinweg, z.b. ein imaginäres Baby herumtragen, nachdem das Tragen der kleinen Schwester verboten wurde oder einen verstorbenen Menschen heilen, so dass er wieder lebendig und zum fiktiven Begleiter wird. Das sind alles Beispiele, die Piaget bei seinen Kindern beobachtet hat. Versuche, mit einer Sache fertig zu werden Hier wird das Kind vom passiv Erduldenden zum aktiv Handelnden. Es durchlebt im Spiel wiederholten Male unangenehme Situationen, um sie durch die symbolische Veränderung und häufige Wiederholung beherrschen zu können. z. B. eine Puppe fallen, sich verletzen und weinen lassen oder auch sich regungslos hinlegen, um die zuvor auf dem Küchentisch gesehene tote Ente zu sein. Das sind auch wieder Beispiele aus Piagets eigenen Beobachtungen an seinen Kindern. die so genannten symbolischen antizipatorischen Kombinationen Das Kind nimmt Konsequenzen vorweg, die auf das Übertreten eines Verbots oder eine

5 Unvorsichtigkeit folgen könnten. Z.B. eine imaginäre Freundin einen Berg hinunter in einen See rollen, sich verletzen, fast ertrinken aber nicht weinen lassen. Ich zitiere Piaget: Diese Spielformen zeigen mit einer einzigartigen Klarheit die Funktionen des Symbolspiels, die darin besteht, die Wirklichkeit an das Ich zu assimilieren und dieses Ich von den Notwendigkeiten der Akkomodation zu befreien. Wenn auch die Imitation von Symbolen und Vorbildern das Symbolspiel bestimmt, so doch in einer deformierenden und verzerrenden Art und Weise, mit dem Zweck, sich die ganze Welt passend zu machen und selbst Herr oder Frau der Lage zu sein. Wie sehr Piaget das Symbolspiel als Bewältigung, Kompensation, ja vielleicht auch Katharsis erlebter Gefühle von Angst oder Wut einordnet, wird nicht nur in seiner auch begrifflichen Nähe zur Psychoanalyse bei diesem Thema deutlich. Die zahlreichen und ausführlich niedergeschriebenen Beobachtungen von Symbolspielszenen seiner Kinder haben fast alle das Erleben von Gefühlen zum Inhalt bzw. demonstrieren die Parallele von kognitiver und affektiver Auseinandersetzung des Kindes mit der Welt. Das zweite Stadium des Symbolspiels ungefähr zwischen 4 und 7 Jahren weist folgende Merkmale auf: die symbolischen Kombinationen sind geordneter und zusammenhängender, die Wirklichkeit wird genauer imitiert, die Kinder entwickeln eine kollektive Symbolik im gemeinsamen Spiel. Obwohl die Symbolspiele nicht der Menge nach weniger werden, vor allem auch nicht in der emotionalen Intensität, spricht Piaget doch von einer beginnenden Rückentwicklung der Symbolspiele. Damit meint er eine tendenzielle Abnahme der Symbolhaftigkeit des Spiels. Die Annäherung an die Realität gewinnt an Bedeutung, ebenso der soziale und emotionale Austausch im gemeinsamen Spiel mehrerer Kinder; die Kommunikation über das Spiel, die Ausgestaltung von Rollen. Dadurch verliert das Spiel an individueller, egozentrischer und deformierender Symbolik. Das Spiel gewinnt damit auch an Konventionalität, an Länge, Ordnung und Differenziertheit. Vergleicht man diesen Verlauf mit dem der emotionalen Entwicklung, wie Piaget ihn sehr grob umreißt, so treten in diesem Alter die interindividuellen Gefühle, die intuitiven moralischen Empfindungen und die Steuerung der Interessen und Werte mehr und mehr in den Vordergrund. Die symbolischen Handlungen vermischen sich zunehmend mit Konstruktionsleistungen und Problemlösungen. Im dritten Stadium des Symbolspiels, das Piaget zwischen ca. 7 und 12 Jahren ansiedelt, geht die individuelle Symbolik fast vollständig zurück zugunsten kollektiver Rollen oder Theaterszenen,

6 Nachstellungen aus dem Familien-, Berufs- oder Schulalltag, wobei das Planen und Absprechen die spontane Improvisation zurückdrängt. Abschließend sei noch auf das Regelspiel zu verweisen: Das Regelspiel hat Piaget im Zusammenhang mit der Entwicklung des moralischen Urteils untersucht und es kann so folgendermaßen charakterisiert werden: Regelspiele sind sensumotorische Kombinationsspiele, also z.b. Laufspiele, Murmel- oder Ballspiele oder intellektuelle Kombinationsspiele wie z.b. Kartenspiele oder Schach usw., die mit einem Wettstreit zwischen Individuen verbunden sind. Im Regelspiel einigen sich mehrere Spielpartner auf überlieferte oder auf selbst gesetzte Regeln. Die Funktion des Spiels besteht in der Unterordnung unter die Regeln sowohl im Handeln als auch im Denken. Jedes Abweichen von der Regel stellt ein Fehlverhalten dar bzw. ein Nichteinhalten einer kollektiven Verpflichtung. Die Fähigkeit zum Regelspiel beginnt laut Piaget zwischen 4 und 7 Jahren. Im mittleren Schulalter herrscht das Regelspiel vor und wird im Jugend- und Erwachsenenalter noch ausdifferenziert. Gebunden ist das Regelspiel an die Überwindung des kindlichen Egozentrismus an die konkret- und formal-operationale Intelligenzentwicklung und die Entwicklung des moralischen Bewusstseins des Kindes, in dem die soziale Gruppe einen zunehmenden Stellenwert erhält. Piaget unterscheidet das Regelspiel von Spielen, in denen das einzelne Individuum sich selbst eine Regel setzt, oder ritualisiert spielt, wie etwa: beim Werfen eines Gegenstandes immer dieselbe Stelle treffen oder beim Laufen nicht auf die Striche zwischen den Pflastersteinen zu treten usw.

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