Einflüsse der internationalen Finanzkrise auf den Finanzsektor Russlands

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1 Number 58 / 2010 Working Paper Series by the University of Applied Sciences bfi Vienna Einflüsse der internationalen Finanzkrise auf den Finanzsektor Russlands Februar 2010 Dr. Dr. Grigori Feiguine Universität für Wirtschaft und Finanzen St. Petersburg ISSN

2 Hinweis des Herausgebers: Die in der Working Paper Serie der Fachhochschule des bfi Wien veröffentlichten Beiträge enthalten die persönlichen Ansichten der AutorInnen und reflektieren nicht notwendigerweise den Standpunkt der Fachhochschule des bfi Wien.

3 Inhaltsverzeichnis 1. Problemstellung Entwicklung des russischen Finanzsektors Einflüsse der internationalen Finanzkrise Regierungsmaßnahmen gegen die Krisentendenzen im Finanzsektor Russlands Entwicklung des Finanzsektors in Russland längerfristige Perspektiven Schlussbemerkungen Problemstellung Die Jahrzehnte seit 1970 waren durch die Globalisierung der Finanzmärkte gekennzeichnet. Dabei waren die Globalisierungstendenzen im Finanzbereich oft deutlicher und schneller als im realen Sektor. Die finanzielle Globalisierung ist schon seit langem ein Gegenstand von zahlreichen Diskussionen, wobei ihre Vorteile und Nachteile gegenübergestellt werden. Als Vorteile gelten u.a. Impulse für die weltwirtschaftliche Integration, neue Ressourcen für die kapitalimportierenden Länder, neue Möglichkeiten für Finanzinvestoren sowie gewisse Anstöße für die Disziplinierung von Politik und Unternehmensmanagement. Als Nachteile sind u.a. negative Effekte durch Spekulationen (adverse Selektion, Moral Hazard-Verhalten, Herdenverhalten) bzw. weitgehend unkontrollierbare Prozesse auf den internationalen Finanzmärkten anzusehen (vgl. Duwendag, 2006, S ). Es ist auch zu berücksichtigen, dass die finanzielle Globalisierung immer wieder durch Finanzkrisen begleitet wurde ( in Mexico, ab 1997 in Südostasien, ab 1998 in Russland, in Brasilien, ab 2001 in Argentinien). In den letzten zwei Jahren sind negative Aspekte der finanziellen Globalisierung deutlicher geworden. Es kam zunächst zur Hypothekenkrise in den USA. Da aber die nationalen Finanzsektoren eng miteinander verbunden sind, wurden dadurch die Finanzinstitute praktisch in der ganzen Welt betroffen. So hat sich eine Hypothekenkrise in den USA ziemlich schnell zur internationen Finanzkrise bzw. zur Weltwirtschaftskrise entwickelt. Jedoch haben die Entwicklungstendenzen in einzelnen Finanzsektoren bzw. in einzelnen Volkswirtschaften durchaus auch nationale Spezifika. Dies ist auf verschiedene Faktoren Working Paper Series No. 58 3

4 wie bisheriger Stand der Entwicklung, Spezifika der nationalen Wirtschaftspolitik (u.a. auch im Finanzbereich) zurückzuführen. Dementprechend sind die gegenwärtigen Folgen der Finanzkrise bzw. die gegen die Krise getroffenen Maßnahmen ebenfalls von Land zu Land unterschiedlich. Die Spezifika Russlands bestehen in erster Linie darin, dass der nationale Finanzsektor auch vor der Krise weitgehend unterentwickelt war. Dabei war eine gewisse Krisenanfälligkeit immer typisch. Damit sind die schon vorher bestehenden Probleme durch die internationale Finanzkrise (bzw. durch die Weltwirtschaftskrise) noch schärfer geworden. Es ist auch zu berücksichtigen, dass die Volkwirtschaft Russlands von den Preisen auf den internationalen Märkten von Rohstoffen stark abhängig ist. Die Weltwirtschaftskrise hat zur Verschlechterung der Finanzlage von vielen Wirtschaftssubjekten geführt, was die Finanzlage auf den internationalen Rohstoffmärkten negativ beeinflusst hat. So kostete 1 Barrel Öl noch im Juli 2008 etwa 140 US-$, im Herbst 2008 sank der Preis bis etwa 40 US-$. Diese Tatsache war sowohl für die allgemeine Entwicklung der russischen Volkswirtschaft als auch speziell für die Entwicklung im Finanzsektor von großer Bedeutung. Im vorliegenden Beitrag wird die Entwicklung des russischen Finanzsektors insgesamt seit Sommer 2008 analysiert. Im Anschluss daran folgt ein Überblick über die Regierungsmaßnahmen, die zur Überwindung der negativen Folgen der Finanzkrise in Russland Ende 2008 getroffen wurden. 2. Entwicklung des russischen Finanzsektors Einflüsse der internationalen Finanzkrise Der zur Zeit existierende russische Finanzsektor wurde in den 1990er Jahren aufgebaut. Vor der Wende war das Finanzsystem stark zentralisert und diente generell als Element der planwirtschaftlichen Wirtschaftsordnung. Es bestand aus den vier Institutionen Notenbank (Gosbank), Investitionsbank (Strojbank), Sparkassen (Sberkassi) und Außenhandelsbank. Die Funktion der Zentralbank bestand in der Ausführung der von der Gosplan (zentrale Planungsbehörde) vorgegebenen Geldemission sowie in der Kontrolle bei der Vergabe von Krediten. Die Sparkassen waren die einzigen Institute, welche die Ersparnisse von privaten Personen als Einlagen annehmen konnten. Sie waren aber dazu verpflichtet, diese Einlagen dem Staat zur Verfügung zu stellen. Die Abwicklung des Zahlungsverkehrs mit dem Ausland war Aufgabe der Außenhandelsbank. Das Hauptziel 4 University of Applied Sciences bfi Vienna

5 der Geldpolitik bestand darin, ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Geldmenge und Gütermenge zu gewährleisten(lemmingson, 1997, S. 3-4). Die Geldpolitik wurde nicht von der Zenralbank, sondern vom Staat betrieben, da er für die Erstellung der Produktionspläne zuständig war und über das Währungsmonopol verfügte. Die Gestaltung eines marktorientierten Finanzsektors erfolgte Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre. Die wichtigsten Schritte dabei waren die Verabschiedung der Gesetze Über die Banken und Banktätigkeit vom , Über die Zentralbank der Russischen Föderation vom (neue Version v ) sowie des Wertpapiergesetzes vom und des Gesetzes Über die Devisenregelung und Kontrolle vom (neue Version v ). Anfang der 90er Jahre wurde das zweistufige Bankensystem eingeführt. Die staatliche Notenbank wurde in die Zentralbank Russlands (ZBR) transformiert. Weiters kam es zu zahlreichen Gründungen von Geschäftsbanken. Schon 1992 wurden mehr als 1500 Banken registriert, seit 1994 gab es schon über Später wurde die Zahl der registrierten Banken deutlich reduziert (Anfang Januar 2006 gab es 1356 Banken) 1. Der russische Wertpapiermarkt entstand Anfang der 90er Jahre durch die Voucherprivatisierung, wobei die staatlichen Betriebe in Aktiengesellschaften umgewandelt wurden. Später hat der Wertpapierhandel einen gewissen Beitrag zur Gestaltung der heutigen Eigentumsverhältnisse geleistet (Abramov/Radigin, 2007, 30-35). In den Jahren kam es zu einer gewissen Steigerung der Kapitalisierung des russischen Wertpapiermarktes, was auch durch die ständige Steigerung des Aktienindices (RTS) mitverursacht wurde. Dies war jedoch darauf zurückzuführen, dass insbesondere die Aktien von 10 bis12 Unternehmungen an den Börsen gehandelt wurden. Damit war die obengenannte Steigerung der Kapitalisierung des russischen Wertpapiermarktes weitgehend mit den während einer langen Zeitperiode niedrigen Zinssätzen in den USA, Westeuropa und Japan bzw. mit einer ständigen Steigerung der Preise auf den internationalen Rohstoffmärkten verbunden. Ebenfalls Anfang der 90er Jahre entstand der russische Devisenmarkt. Vor der Wende konnte die russische Währung (Rubel) gegen Fremdwährung nicht getauscht werden. Es gab zwei Abrechnungssysteme (für Staatsbürger der UDSSR und für Ausländer). Seit 1993 wurde der Umtausch (Rub. gegen Fremdwährungen) erlaubt. Seit erfolgen alle Abrechnungen in Russland nur in Rubel. In den 90er Jahren gab es große Steigerungen der Handelsvolumina am 1 Diese Zahl ist deutlich niedriger im Vergleich zu mehreren Industrieländern (insbesondere bezüglich der Zahl der Banken pro Kopf). Jedoch sind viele Experten der Meinung, dass auch diese Zahl zu hoch sei (vgl. Zrashevskij, 2006, ). Einige Banken bleiben weiterhin praktisch nicht solvabilitätsfähig, so dass es immer wieder zu Lizenzentziehungen kommt. Working Paper Series No. 58 5

6 russischen Devisenmarkt von 100 Mrd. US-$ im Jahr 1993 bis 350 Mrd. US-$ im Jahr 1997 (Naumova/Krasikov, 2000, S. 11). Jedoch blieben diese Volumina weiterhin zu niedrig, um eine bedeutende Rolle in der Entwicklung des russischen Finanzsektors spielen zu können. Das gleiche gilt auch für die Entwicklung des russischen Marktes für derivative Finanzinstrumente. Obwohl in den 1990er Jahren die Einführung des marktorientierten Finanzsektors erfolgte, sind für diesen Sektor weiterhin gewisse Schwächen typisch, die bei der finanziellen Globalisierung generell und speziell unter den Bedingungen der gegenwärtigen Finanzkrise zusätzliche Probleme schaffen. Dabei geht es um folgende Faktoren: - Unzureichende Finanzintermediation durch die Geschäftsbanken Eine der wichtigsten Funktionen der Geschäftsbanken besteht gerade in der Finanzintermediation (Transformation der Ersparnisse in Investitionen). Aber in Russland wird diese Funktion in ungenügendem Ausmaß erfüllt. Dies ist sowohl auf die relativ niedrigen Volumina der Ersparnisse als auch auf das mangelnde Vertrauen in das heimische Bankensystem zurückzuführen. Anfang der 90er Jahre wurden die Ersparnisse der russischen Bevölkerung durch riesige Inflationsraten entwertet. Nach den ersten 7 bis 8 Jahren der Marktreformen verfügten nur noch etwa 27% der russischen Bevölkerung über Ersparnisse (Akindinova, 2000, S. 83) stiegen die Einkommen jährlich um 12-14%, dementsprechend stiegen auch die Erparnisse etwa um 20 Mrd. US-$ pro Jahr (Worldbank, 2007, S ; Sarkisjanz, 2006, S. 101). Die Ersparnisse wurden jedoch zum größten Teil (ewa zwei Drittel) nicht bei den Banken angelegt. Gegenwärtig werden von der russischen Bevölkerung etwa 100 Mrd. US-$ privat aufbewahrt (Sarkisjanz, 2006, S. 103). - Probleme bei der Finanzierung der russischen Unternehmungen (insbesondere im realen Sektor) Diese Problematik ist mit der Finanzintermediation stark verbunden. Die Kredite stellen eine wichtige Quelle für die Investitionen dar. Nach der Finanzkrise im Jahr 1998 war eine deutliche Tendenz zur Steigerung der Kreditvolumina zu beobachten wurden etwa 15% des BIP in Form von Krediten an die Unternehmungen im realen Sektor vergeben ( nur 10%) (Sarkisjanz, 2006, S. 99). Jedoch sind die gegenwärtigen Kreditvolumina deutlich ungenügend, um die realen Kreditbedürfnisse des realen Sektors zu befriedigen. Zum größten Teil werden die Investitionen aus eigenen Mitteln finanziert. 6 University of Applied Sciences bfi Vienna

7 Es ist auch zu bemerken, dass ein gewisser Teil der Kredite an die exportorientierten Unternehmungen vergeben wird. Da diese Unternehmungen weitgehend von den Preisen auf den internationalen Rohstoffmärkten abhängig sind, werden etwa 30% der vergebenen Kredite als riskante Kredite bezeichnet. Die oben genannten Probleme sind weitgehend auf ungenügende Eigenkapitalausstattung der Unternehmungen, auf mangelnde Transparenz ihrer Finanzlage bzw. auf unterentwickelte Verfahren der Unternehmensanalyse zurückzuführen. - Defizit der Kreditressourcen von Geschäftsbanken Obwohl nach der Finanzkrise im Jahr 1998 eine deutliche Entwicklung des Finanzsystems Russlands zu beobachten war, bleiben die Ressourcen der Geschäftsbanken weiterhin stark beschränkt. So belief sich das Verhältnis Aktiva der Geschäftsbanken/BIP im Jahr 2006 etwa auf 45%, während es in Brasilien und in der Türkei 60-70% und in Tailand und Malaysia über 100% beträgt. Die durchschnittlichen Aktiva einer Geschäftsbank betrugen etwa Mio. US-$, im Vergleich dazu in Südkorea und in Großbritannien 4-5 Mrd. US-$. (Zrashevskij, 2006, S. 111) Die Refinanzierungsmöglichkeiten der russischen Geschäftsbanken sind ebenfalls sehr beschränkt. Sie können sich praktisch nur über die ZBR (Zentralbank Russlands) refinanzieren. Die Entwicklung der Krisentendenzen seit Herbst 2008 hat die Liquiditätslage von vielen Banken weiter verschlechtert. - Ineffiziente Struktur des Bankensystems Bezogen auf die Zahl der registrierten Banken hält Russland Platz 3 (nach USA und Deutschland). Aber die Struktur des Bankensystems ist stark monopolisiert haben die 5 größten Banken etwa 64% der Aktiva konzentriert. Mehr als 80-90% aller Aktiva gehörten den 200 größten Banken (Sarkisjanz, 2006, S.100). Bei einer solchen Struktur können viele kleinere Banken kaum eine Rolle in der Volkswirtschaft spielen. Für diese Banken sind oft Schwächen wie stark eingeschränkter Kundenkreis, Mangel an finanziellen und technologischen Ressourcen, niedrige Diversifikation der Aktiva typisch. Dies hat oft eine destabilisierende Auswirkung auf die Volkswirtschaft. Gewisse Disproportionen sind auch in der regionalen Verteilung der Banken in Russland zu beobachten. In der Region von Moskau haben etwa 50% aller Geschäftsbanken ihren Sitz. In anderen Regionen ist ein richtiger Mangel an Geschäftsbanken spürbar. In Russland Working Paper Series No. 58 7

8 gibt es nur 0,3-0,8 Bankstellen pro Personen (in der Schweiz- eine Bankstelle pro Personen, in Deutschland eine pro 2.000) 2. - Unterentwicklung des russischen Wertpapiermarktes Der russische Wertpapiermarkt ist nach wie vor unterentwickelt. Er konnte noch nie als substanzielle Quelle für die Finanzierung der unternehmerischen Investitionen dienen. In den 90er Jahren entstand nur etwa 1% des unternehmerischen Kapitals durch die Emmission von Aktien (Erschov/Zubov, 2005, S ). Die 2000er Jahre (bis zum Sommer 2008) sind durch ein Wachstum der Kapitalisierung des russischen Aktienmarktes gekennzeichnet. Dies war aber generell auf eine günstige Entwicklung der Preise auf den internationalen Rohstoffmärkten bzw. auf die lange Zeit existierenden Liquiditätsüberschüsse auf den internationalen Finanzmärkten zurückzuführen. Diese Entwicklung wurde im Herbst 2008 unterbrochen. Für den russischen Wertpapiermarkt sind nach wie vor institutionelle Schwächen, hohe Risiken bzw. ungenügender Schutz von Eigentumsrechten typisch. Dementsprechend kann er bis jetzt keinen richtigen Beitrag zur Erreichung einer effizienten Ressourcenallokation leisten. Die Anlagen in russische Aktien dienen nicht den längerfristigen Investitionszwecken, sondern eher spekulativen Zwecken. Bei der Existenz der oben genannten Schwächen ist die Entwicklung des russischen Finanzsektors unter den Globalsierungsbedingungen mit bestimmten Problemen verbunden. Der russische Finanzsektor ist für die ausländischen Inestoren kaum attraktiv. Dies ergibt sich in erster Linie aus seiner chronischen Liquiditätsschwäche. Auch die Rechnungslegung der Banken, die manchmal vor Insolvenzverfahren stehen, ist nicht immer zuverlässig. Ähnliches gilt auch für den russischen Aktienmarkt. Die instabile Finanzlage der russischen Unternehmungen, eine unzureichende Umsetzung von Corporate Governance, der eingeschränkte Rechtsschutz für Aktionäre und die westlichen Standards weitgehend nicht entsprechende Rechungslegung alle diese Faktoren haben dazu geführt, dass die Portfolioinvestitionen in Russland im Laufe der ganzen Transformationsphase ziemlich niedrig waren. Von der Globalisierung der Finanzmärkte konnte die wirtschaftliche Entwicklung Russlands daher bislang kaum profitieren. Vielmehr ist damit zu rechnen, dass die wirtschaftlich stärksten Unternehmungen wegen des geringen Vertrauens in das heimische Bankensystem verstärkt auf ausländische Kredite zurückgreifen werden. Die russischen Banken könnten dadurch ihre bedeutendsten Kunden verlieren, was sich 2 Vgl. dazu Sarkisjanz, 2006, S , Schatkovskaja, 2007, S University of Applied Sciences bfi Vienna

9 wiederum auf ihre Funktionsfähigkeit und Effizienz negativ auswirken würde. Die beschriebenen negativen Effekte werden durch die Krisenanfälligkeit des russischen Finanzsektors verstärkt. In einer Schwächephase des Finanzsektors besteht z. B. die Gefahr, dass die ausländischen Banken ihre Marktanteile unerwartet erhöhen oder die russischen Banken übernehmen, wodurch die Stabilität des Bankensystems gefährdet werden könnte. Andererseits ist es auch möglich, dass ausländische Banken ihre Kredite bzw. investierten Mittel abziehen, wodurch ebenfalls die Krisenanfälligkeit des russischen Finanzsektors erhöht würde. Diese Überlegungen sind von theoretischer Natur und gelten eher als Hypothese. Jedoch finden sie immer wieder Bestätigung in der Praxis. Die ganze Transformationsphase seit 1992 ist durch ständige Krisenimpulse im russischen Finanzsektor gekennzeichnet. Die gegenwärtigen Probleme des russischen Finanzsystems sind von außen gekommen. Die internationale Finanzkrise, die später zur Weltwirtschaftskrise geworden ist, ist die größte Krise in den letzten Jahrzehnten. Sie ist auf mehrere Ursachen zurückzuführen. Die wichtigsten davon beziehen sich auf die Liquiditätspolitik des Federale Reserve System (zu niedrige Zinsen in den 2000er Jahren) bzw. auf Entwicklungstendenzen am Hypothekenmarkt in den USA. Ein großes Problem ist mit der Entwicklung der derivativen Finanzinstrumente verbunden. Ein großer Anteil dieser Instrumente betraf ebenfalls den Hypothekenmarkt. So führten die massiven Preissenkungen zu riesigen Verlusten bei mehreren Kreditinstituten, die solche Finanzinstrumente hielten. Es ist auch zu berücksichtigen, dass das moderne Finanzsystem durch einen hohen Grad der internationalen Verflechtung gekennzeichnet ist. Dementsprechend wurde die Krisenwelle von Land zu Land schnell übertragen. Weiters sind die Verbindungen zwischen dem realen Sektor und dem Finanzsektor heutzutage sehr eng. Die Krisentendenzen kamen ganz schnell über den Finanzsektor hinaus. Es kam zu einer drastischen Senkung der Nachfrage, die viele Branchen in vielen Ländern betroffen hat. Dies hatte einen Produktionsrückgang bzw. eine Verschlechterung der Finanzlage von zahlreichen Unternehmungen zur Folge. Im Finanzsektor Russlands kamen die Krisentendenzen in erster Linie durch folgende Faktoren zum Ausdruck: - Verschärfung des Problems der mangelnden Liquidität Das Problem der mangelnden Liquidität war für den Finanzsektor Russlands im Laufe der ganzen bisherigen Transformationsphase typisch. Jedoch waren die letzten Working Paper Series No. 58 9

10 Wachstumsjahre (insbesondere ) durch eine weiche Geldpolitik der Zentralbank Russlands bzw. eine gewisse Ausweitung der Kreditvergaben gekennzeichnet. Der Produktionsrückgang im Jahr 2008 hat die Eigenkapitalbasis von vielen Unternehmungen deutlich verschlechtert. Dementsprechend waren sie oft nicht mehr in der Lage, die Kredite zurückzuzahlen. Eine gewisse Verschärfung der Konkurrenz hat zu einer Steigerung der Zinssätze geführt, wodurch zusätzliche Refinanzierungsprobleme entstanden sind. Damit ist das schon vorher existierende Liquiditätsproblem in der zweiten Hälfte des Jahres 2008 noch schärfer geworden. - Steigende Auslandsverschuldung und Kapitalflucht Die obengenannte Ausweitung der Kreditvergaben in den letzten Jahren wurde durch eine steigende Auslandsverschuldung finanziert. Deutliche Refinanzierungsprobleme innerhalb des Landes haben dazu geführt, dass die russischen Banken sich immer mehr über Auslandsverschuldung refinanzierten (Abb. 1). Abb. 1: Auslandsverschuldung (Mrd. US-$) млрд.долл Januar.2004 Juli 2004 Januar.2005 Juli.2005 Januar.2006 Juli.2006 Januar.2007 Juli.2007 Januar.2008 Juli 2008 Banken Andere Unternehmungen (nicht aus dem finanziellen Bereich) Quelle: Kudrin, (2009), S. 16 Was die Kapitalflucht betrifft, war sie auch in den 1990er Jahren stark verbreitet. In den 2000er Jahren wurde die eigene Volkwirtschaft etwas attraktiver für Kapitalanlagen. Aber in der zweiten Hälfte des Jahres 2008 wurden wegen einer Verschärfung der Instabilität wieder mehrere Mrd. US-$ aus Russland abgezogen. Dies schafft zusätzliche Hürden auf dem Wege zur Modernisierung der russischen Wirtschaft, da zusätzliche Investitionen erforderlich sind. 10 University of Applied Sciences bfi Vienna

11 - Zusammenbruch des Wertpapiermarktes Die Entwicklung des Wertpapiermarktes Russlands nach der Finanzkrise 1998 war eindeutig mit einer günstigen Preisentwicklung auf den internationalen Rohstoffmärkten verbunden. Auf diesem Markt sind nur wenige Emittenten vertreten. Das sind riesige Unternehmungen aus der Öl- und Gasindustrie. Die Senkung der Preise im Juli 2008 ist als Hauptgrund für den Zusammenbruch des russischen Wertpapiermarktes in der zweiten Hälfte des Jahres 2008 zu betrachten (Abb. 2; Abb. 3). Abb. 2: Index des russischen Wertpapiermarktes und der Ölpreise Index RTS Oelpreise (US-Dollars per Barrel) Mai 2008 Aug Sept.2008 Okt Nov.2008 Dez Index RTS Oelpreise Quelle: Zamoraev/Kiuzevskaja/Nazarova/Suchanov, (2009), S. 6. Abb. 3: Kapitalisierung des Wertpapiermarktes Mlrd. US-$ Oelpreise (US-$ per Barrel ) Mai 2008 Aug Sept.2008 Okt Nov.2008 Dez Kaptalisierung des russischen Wertpapiermarktes (Mio US- $) US-Dollars per Barrel Quelle: Zamoraev/Kiuzevskaja/Nazarova/Suchanov, 2009, S. 7 Working Paper Series No

12 Die letzte gravierende Krise erlebte der russische Finanzsektor im Jahr Deshalb werden die Krisenmerkmale 1998 und 2008 in mehreren Studien gegenübergestellt. Die Zusammenfassung dieser Gegenüberstellungen ist in Tabelle 1 enthalten. Tabelle 1: Krise 1998 und Krise 2008 ein Vergleich der Auswirkungen bei ausgewählten Faktoren Krise 1998 Krise 2008 Es gab freie Produktionsanlagen, die durch Die Produktionsanlagen sind stark ausgelastet Importsubstitution nach der Rubelabwertung und veraltet. Der Erneuerungsgrad in den letzten 5-6 Jahren lag nicht über 2%. Es gibt wieder genutzt werden konnten. keine freien Produktionskapazitäten als Gewisse Dominanz der Industrie in der Wirtschaftsstruktur. Viele Betriebe hatten noch ein hochqualifiziertes Personal. Starke Position der russischen Unternehmungen in der Nahrungsmittelindustrie. Massive Entnahmen der Bankeinlagen und Verlust des Vertrauens in die Kreditinstitute, was im Ergebnis zur drastischen Rubelabwertung führte. Starke Devisenkontrolle, gewisse Hürden für die Kapitalflucht aus Russland. Relativ niedrige Auslandsverschuldung (etwa 22,3 Mrd. US-$ insgesamt) Drastische Rubelabwertung hat den Zahlungsbilanzsaldo stark korrigiert. Die Importe sind stark gesunken. Potential für das Wirtschaftswachstum. Starke Strukturänderungen, Dominanz der Dienstleistungen, höhere Steigerung der Löhne (25-30% pro Jahr von 2005 bis 2007) im Vergleich zur Steigerung der Arbeitsproduktivität (etwa 5 % pro Jahr von 2005 bis 2007). Deutliche Verschlechterung der demographischen Situation, jährliche Verluste der hochqualifizierten Fachleute wegen des Erreichens des Renteneintrittsalters, hohe Sterberate bei Erwerbstätigen (700 Tsd. pro Jahr ) Dominierende Position der ausländischen Unternehmungen am russischen Nahrungsmittelmarkt, deutliche Steigerungen der Importe von Produktionsanlagen (im Vergeich zu 1998). Stärkere Abhängigkeit der russischen Bevölkerung von ausländischen Importen. Steigerung der Passiva der Banken (in erster Linie durch Exporterlöse der Kunden). Jedoch wurden die Aktiva meistens in spekulative Geschäfte veranlagt und nicht zur Vergabe von langfristigen Krediten verwendet. Ebenfalls wurden zahlreiche Kredite zum Kauf von importierten Gütern vergeben. Damit ist das Bankensystem heute durch Beteiligung an hochriskanten Geschäften und durch mangelnde Liquidität gekennzeichnet. Deutliche Abschwächung der Devisenkontrolle, massive Kapitalflucht aus Russland. Sehr hohe Auslandsverschuldung (nur im privaten Sektor am Mrd.US-$ ). Das Verhältnis Exporte/Außenverschuldung ist viel niedriger als Keine drastische Rubelabwertung und keine deutliche Absenkung der Importe. Auf einige Importgüter (wie Arzneimittel) kann nicht verzichtet werden. Quelle: Navoj, (2009), S , eigene Interpretation. 12 University of Applied Sciences bfi Vienna

13 Damit ist die neue Krise als Systemkrise zu bezeichnen. Probleme im Finanzsektor sind mit Problemen im realen Sektor eng verbunden. Die Weltwirtschaftskrise ist nur als Beschleunigungsfaktor, nicht aber als Hauptgrund für die Krisentendenzen in Russland (u.a. im russischen Finanzsektor) zu betrachten. 3. Regierungsmaßnahmen gegen die Krisentendenzen im Finanzsektor Russlands In der zweiten Hälfte 2008 und im Jahr 2009 wurden einige Maßnahmen zur Verbesserung der Situation im russischen Finanzsektor und der gesamten Wirtschaft unternommen. Dabei geht es in erster Linie um folgende Maßnahmen: - Unterstützung der Banken mit zusätzlicher Liquidität - Steigerung des Kapitals der größten Banken zur Vergabe langfristiger Kredite - Erhöhung der staatlichen Garantiesummen für Bankeinlagen (bis Rub.) - Vermeidung des Konkursverfahrens bei mehreren Kreditinstituten durch Fusionen, Reorganisation und Sanierungen - Sukzessive Rubelabwertung - Zulassung einer zeitlich beschränkten Unterbewertung der Aktiva der Banken (keine Aufwertung auf höheren Marktwert) - Änderung der Anforderungen an die Kreditportfolios von Banken - Stärkung des Rechtsschutzes für Kreditgeber. In Tabelle 2 sind einige Formen der staatlichen Unterstützung des Finanzsektors zusammengefasst. Working Paper Series No

14 Tabelle 2: Formen der staatlichen Unterstützung des Finanzsektors (Mrd.Rub) Institutionen Finanzministerium Zentralbank der RF Bank für Außenwirtschaftsbeziehungen Formen der Unterstützung Auktionen Mittel der staatlichen Fonds Senkung der Mindestreserven Kreditgewährung Weitere Refinanzierungen Refinanzierung der Auslandsverschuldung Kredite an die Geschäftsbanken Summe Soll Ist Agentur für Versicherung der Bankguthaben AG Hypothek Staatliche Unternehmungen Direktanlagen Sanierung der Banken 431,5 314,5 Ankauf der Kredite Unterstützung des Hypothekenmarktes Erneuerung der Wohnbauinfrastruktur Weitere Investitionen Bank für Landwirtschaft Bank für Außenwirtschaftsbeziehungen Bank für Außenhandel Garantien 298 Banken mit Lizenzen Gesamtsumme der Ausgaben 13220,5 6920,2 (% d. Bruttoinlandsprodukts) (31,7) (16,6) Das wichtigste Ergebnis der unternommenen Maßnahmen besteht darin, dass es nicht zu einem Zusammenbruch des gesamten Finanzsystems und nicht zu einer unkontrollierbaren Steigerung der Zahlungsverzögerungen gekommen ist. Jedoch wurden einige Maßnahmen nicht folgerichtig und zum Teil widerspruchsvoll umgesetzt. So wurden die günstigen Kredite nur an ausgewählte Kreditinstitute (grundsätzlich die größten Banken) gewährt. Was die mittleren und kleinen Banken (insbesondere in den Regionen) betrifft, reichen die Mittel der Zentralbank Russlands für ihre Unterstützung nicht aus. Dabei bleiben die Zinssätze weiterhin ziemlich hoch, sodass eine neue Liquiditätskrise nach wie vor nicht ausgeschlossen ist. Es wird versucht, einige Kreditinstitute zu sanieren. Jedoch hat die ZBR keine klaren Kriterien, nach denen die Kreditinstitute ausgewählt werden, die zu sanieren sind. So scheinen einige Entscheidungen willkürlich zu sein. Dabei tragen die Eigentümer und Manager der Geschäftsbanken weitgehend keine Verantwortung für ihre Fehler. Die staatliche Unterstützung führt immer mehr dazu, dass 14 University of Applied Sciences bfi Vienna

15 ihre Risiken weitgehend die Steuerzahler übernehmen. Es ist auch zu berücksichtigen, dass die staatlichen Eingriffe in den Bankensektor nur als auf bestimmte Zeit beschränkte Maßnahmen zu betrachten sind. Dies ist jedoch kein langfristiges Instrument zur Steigerung der Effizienz des Finanzsektors. Es besteht immer die Gefahr, dass die Mittel der Steuerzahler zur Bereicherung eines eingeschränkten Kreises verwendet werden. Weiterhin scheint auch das System der staatlichen Garantien für die Bankguthaben ziemlich widerspruchsvoll zu sein. In Russland betrifft dieses System nur die privaten Einlagen. In den Industrieländern betreffen solche Garantien auch die Einlagen der juristischen Personen und gelten für erhöhte Garantiebeträge nur für eine bestimmte Zeit während der Krise. Dagegen sind diese Garantien in Russland zeitlich nicht begrenzt. Es ist damit nicht auszuschließen, dass die Banken dadurch zusätzliche Anreize zu riskanten Geschäften bekommen, die das ganze Finanzsystem destabilisieren können. Im Jahr 2009 wurden die Anforderungen an die Kreditportfolios der Geschäftsbanken etwas weicher. Dies ließ die meisten Banken das Geschäftsjahr 2008 mit Gewinnen abschließen. Das war in bezug auf das Vertrauen in das Bankensystem im Herbst 2008 ziemlich wichtig. Jedoch kann auch diese Maßnahme mittel- und langfristig zu negativen Folgen führen. So werden viele Banken früher oder später die versteckten Verluste aufdecken müssen. Dies könnte zu einer massiven Abwertung der Aktiva führen, die sich als eine mögliche Ursache für eine zweite Krisenwelle auswirkt. Weiche Anforderungen an die Kreditportfolios können in mehrerer Hinsicht für den russischen Finanzsektor negativ sein. So können einige Banken mit den für sie wichtigen Kunden trotz überfälliger Kredite weiter arbeiten. Dabei sind die Volumina der überfälligen Kredite nicht bekannt, wobei ihre rasche Steigerung in der Zukunft nicht ausgeschlossen werden kann. Auch aus diesem Grund können die weicheren Anforderungen der Banken zu einer neuen Welle der Finanzkrise in Russland führen 3. Ein spezielles Problem im heutigen Finanzsektor stellt die Verschuldung dar. Dabei steht die sog. schlechte Verschuldung im Vordergrund, d.h. Schulden, die kaum zurückgezahlt werden können. Nach der Einschätzung von Standard & Poor s belief sich der Anteil der schlechten Verschuldung im März 2009 auf 20% und könnte Ende % erreichen. Es wird diskutiert, ob man dieses Problem durch die Einrichtung eines speziellen Fonds zum Ankauf der schlechten Verschuldung (= Kredite) lösen sollte. Die offizielle Position 3 Einige Experten sind der Meinung, dass formal die Maßnahmen der russischen Regierung gegen die Krise ähnlich denen in den Industrieländern sind. Aber ihre Umsetzung in der Praxis enthält Voraussetzungen für eine neue Krisenwelle. Als wichtigste Gründe dafür werden falsche Diagnostik der Krisentiefe, deutliche Präferenzen der Darstellung einer zusätzlichen Liquidität, Fehlen der Prioritäten der Wirtschaftspolitik bzw. nicht transparente Ausgaben der zur Verfügung gestellten Mittel genannt. (vgl. Andrujschkin, Kuznetzova, 2009, S. 22). Working Paper Series No

16 des Finanzministeriums besteht darin, dass sich eine Restrukturierung der schlechten Verschuldungen nicht lohnt. Man sollte sie eher abschreiben. Dabei wird von der Notwendigkeit einer individuellen Arbeit mit jeder einzelnen Bank ausgegangen. Generell gibt es drei Wege zur Lösung des Problems von schlechten Verschuldungen (= Krediten): - Rekapitalisierung der Banken - Schaffung eines speziellen Instituts zum Ankauf der schlechten Schulden - Bereitstellung von staatlichen Garantien für die Bankenaktiva (dieses Instrument wird teilweise in den USA und in Großbritannien umgesetzt). In der Tat wurde das Gesamtkapital des Bankensystems um 300 Mrd. US-$ erhöht. Solche Unterstützung hat jedoch wenig Sinn, wenn die Bilanzen nicht bereinigt werden. Nach einigen Einschätzungen würde das Bankensystem etwa 900 Mrd. US-$ benötigen, wenn die schlechten Schulden auf 20% steigen (Andrujschkin/ Kuznetzova, 2009, S.24). Zur Bereinigung der Bankenbilanzen sollte eine spezielle Agentur für Aktivaverwaltung geschaffen werden. Zur Zeit ist die Aktivaverwaltung weitgehend dezentralisiert, wodurch die Prüfung der Kreditfähigkeit der Kreditnehmer erschwert wird. Viele Banken prüfen die Kreditfähigkeit ihrer Kunden weitgehend auf eigene Gefahr. Eine Agentur zur Überprüfung dieser Kreditfähigkeitsprüfungen der Banken fehlt. Dies führt immer wieder zur Entstehung und Steigerung der schlechten Verschuldung. Bei Gründung einer solchen Agentur sollte diese folgende Aufgaben erfüllen: - Sammlung der genauen Daten über die Volumina der überfälligen Kredite - Kontrolle über die versteckte Restrukturierung der Kreditverträge - Zeitgemäße Diagnose der finanziellen Probleme der Kreditgeber. Es ist zu berücksichtigen, dass die Einrichtung einer solchen Agentur große Investitionen voraussetzt. Jedoch zeigt die Erfahrung in anderen Ländern wie China, dass solche Investitionen ziemlich vorteilhaft sind. Ebenfalls steigt damit die gesamte Effizienz der Finanzvermittlung. 16 University of Applied Sciences bfi Vienna

17 4. Entwicklung des Finanzsektors in Russland längerfristige Perspektiven Ende 2008 und 2009 wurden Maßnahmen der russischen Regierung zur Unterstützung des Finanzsektors gesetzt. Ihre Ergebnisse können unterschiedlich interpretiert werden. Einerseits wurde ein möglicher Zusammenbruch des Finanzsystems verhindert. Zur Zeit verfügt der Finanzsektor Russlands über eine gewisse Stabilität. Jedoch bleiben viele Probleme weitgehend ungelöst, so dass eine weitere Entwicklung und Verschärfung der Krisentendenzen nicht auszuschließen ist. U. E. ist in erster Linie eine weitere Reformierung des Finanzsektors zur Beseitigung der oben genannten Schwächen erforderlich. Die heutige Praxis zeigt, dass die Krisentendenzen auch die hochentwickelten Finanzsektoren betreffen. Jedoch ist davon auszugehen, dass die Finanzsektoren der Industrieländer bessere Chancen zur Überwindung der negativen Folgen der Finanzkrise haben. Die bisherige Erfahrung der Tätigkeit unter Marktbedingungen und die Finanzkraft sprechen dafür. Damit ist die Reformierung des Finanzsektors als eine wichtige Voraussetzung für seine relativ stabile Entwicklung in der Zukunft zu betrachten. In der Tabelle 3 sind die notwendigen Reformmaßnahmen zusammengefasst. Tabelle 3: Maßnahmen zur Reformierung des Finanzsektors in Russland Erforderliche Reformmaßnahmen Einführung der neuen Lizenzregelungen im Bankenbereich Konsequente Umsetzung des Lizenzentzugsverfahrens Aufbau einer unabhängigen Bankenaufsicht Modernisierung der rechtlichen Grundlagen für die Entwicklung des Hypothekenmarktes Einführung von Corporate Governance- Regelungen Einführung der internationalen Standards der Finanzbuchhaltung inkl. Bilanzierung Reformziele bzw. mögliche Ergebnisse Restrukturierung des Bankensystems. Es bleiben nur die funktionsfähigen Banken bestehen. Auch das gesamte Verfahren der Lizenzvergabe gewinnt an Bedeutung. Auflösung der funktionsunfähigen Banken, Steigerung der Konkurrenz im Bankenbereich Es kommt zur Steigerung der Effizienz des Bankensystems. Steigerung der Disziplin und Transparenz im Finanzsektor Entwicklung des Hypothekenmarktes und des gesamten Kreditmarktes Steigerung der Transparenz der Eigentumsverhältnisse, insbesondere der Verhältnisse zwischen Management und Aktionäre Steigerung der Attraktivität der russischen Unternehmungen für ausländische Investoren, Entwicklung des Wertpapiermarktes Quelle: Eigene Interpretation Working Paper Series No

18 Obwohl einige Schritte zur Umsetzung der oben genannten Reformen immer wieder unternommen werden, sind sie bei weitem noch nicht abgeschlossen. Deshalb bleiben die oben genannten Schwächen des russischen Finanzsektors, weshalb seine Krisenanfälligkeit ziemlich hoch ist. Heutzutage sind in erster Linie Reformen auf der regionalen Ebene erforderlich. Derzeit haben in russischen Regionen etwa 65 Mio. Menschen keinen Zugang zur Kreditvergabe. Aus diesem Grunde sollten in Zukunft größere Regionalbanken bzw. Zentren für die Finanzierung einzelner Branchen gegründet werden. Zur Entwicklung des Finanzsektors in den russischen Regionen sind in der nächsten Zukunft folgende Maßnahmen erforderlich: - Abschaffung der Einschränkung für die Emissionen regionaler Wertpapiere - Bereitstellung der Finanzmittel zur Gründung regionaler Banken bzw. regionaler Finanzzentren - Spezielle Unterstützung der Finanzierung innovativer Projekte auf der regionalen Ebene - Abschaffung der Einschränkungen für die Beteiligung der staatlichen Gewaltsorgane (Gebietskörperschaften) am Kapital der Regionalbanken - Spezielle Unterstützung einzelner Bankaktivitäten auf der regionalen Ebene (durch Einführung der neuen Regelungen bei Lizenzvergabe). 4 Die Entwicklung des Finanzsektors auf der regionalen Ebene ist als wichtige Voraussetzung zur allgemeinen Stärkung des Finanzsektors zu betrachten. Dies ist zur Überwindung der Finanzkrise von großer Bedeutung. 5. Schlussbemerkungen Die Einflüsse der Weltwirtschaftskrise sind bei der Entwicklung des russischen Finanzsektors in den Jahren deutlich spürbar. Obwohl die globale Finanzkrise auch die Finanzsektoren der Industriestaaten stark betroffen hat, haben ihre Einflüsse in Russland besondere Spezifika. Diese Spezifika sind auf die Schwächen des Finanzsektors in Russland zurückzuführen, die u.a. auch globale Bedeutung haben. Die Einflüsse der Finanzkrise kamen in Russland in erster Linie durch den Zusammenbruch 4 Zur Übersicht einzelner Probleme des Fianzsektors auf der Regionalebene vgl. Andrujschkin/Kuznetzova, 2009, S University of Applied Sciences bfi Vienna

19 des Wertpapiermarktes, die Verschärfung des Problems der Auslandsverschuldung, die Kapitalflucht und große Liquiditätsprobleme zum Ausdruck. Im Herbst 2008 und im Jahr 2009 haben die russische Regierung und die ZBR einige Schritte zur Überwindung der Folgen der Weltwirtschaftskrise im russischen Finanzsektor unternommen. Obwohl diese Schritte gewisse Ergebnisse gebracht haben, ist eine neue Krisenwelle nicht auszuschließen. Zur Gewährleistung einer relativ stabilen Entwicklung des russischen Finanzsektors in der Zukunft ist seine radikale Reformierung erforderlich. In den nächsten Jahren geht es um die Umsetzung der in Tabelle 3 dargestellten Maßnahmen sowie um die Durchführung der Reformen auf der regionalen Ebene. Literaturverzeichnis Abramow A., Radygin A. (2007): Finanzmarkt in Russland unter Bedingungen des Kapitalismus ((Finansovij rinor Rossii v uslovijach gosudarstvennogo kapitalisma), In: Wirtschaftsfragen (Voprosi ekonomiki) 2007 N6, S Andrujschkin, S., Kuznetzova, W. (2009): Bankensektor Russlands und seine Reformierung (Bankovskij sektor Rossii i puti ego reformirovanija), In: in Wirtschaftsfragen (Voprosi ekonomiki), N7, S Duwendag, D. (2006): Globalisierung im Kreuzfeld der Kritik, Baden-Baden Erschov, M., Zubov A. (2005): Möglichkeiten und Risiken der Finanzintegration, (Vosmoschnosti i riski finansovoj integrazii), In: Wirtschaftsfragen (Voprosi ekonomiki), N7, S Gref, G., Judaeva, K. (2009): Russisches Bankensystem unter Bedingungen einer globalen Krise (Rossijskaja bankovskaja sistema v uslovijach globalnogo krisisa), In: Wirtschaftsfragen (Voprosi ekonomiki), N7, S Kudrin, A. (2009): Globale Finanzkrise und ihre Einflüsse auf Russland (Mirovoj finansovij krisis i ego vlijanie na Rossiju) In: Wirtschaftsfragen (Voprosi ekonomiki), N1, S Naumova, L., Krasikov, S. (2000): Devisenmarkt in Russland, Lehrbuch, Moskau Navoj A. (2009): Russische Krisen in 1998 und Unterschiede (Rossijskije krisisi 1998 und 2008-naidi 10 raslitschij), In: Wirtschaftsfragen (Voprosi ekonomiki), N2, S Sarkisjanz, A. (2006): Laufende Tendenzen in der Entwicklung des rusischen Bankensektors (tekuschie tendenzii v rasvitii rossijskogo finansovogo sektora), In: Wirtschaftsfragen (Voprosi ekonomiki), N10, S Schatkovskaja, T. (2007): Entwicklung des regionalen Marktes der Bankdienstleistungen in (Rasvitije regionalnich rinkov bankovskich uslug v ) In: Bankwesen (Bankovskoje delo) N 12, S Working Paper Series No

20 Zamoraev, A., Kiuzevskaja, A., Nazarova, A., Suchanov, E. (2009): Wirtschaftlicher Überblick von 2008 bis zum Ende der goldenen Jahre (Ekonomitscheskije itogi konez tutschich let), In: Wirtschaftsfragen (Voprosi ekonomiki), N3, S Zrashevskij, W. (2006): Heute und Morgen für das russische Bankensystem (Segodnja i zavtra rossijskoj bankovskoj sistemi), In: Wirtschaftsfragen (Voprosi ekonomiki), N10, S Abbildungsverzeichnis Abb. 1: Auslandsverschuldung (Mrd. US-$)...10 Abb. 2: Index des russischen Wertpapiermarktes und der Ölpreise...11 Abb. 3: Kapitalisierung des Wertpapiermarktes...11 Tabellenverzeichnis Tabelle 1: Krise 1998 und Krise 2008 ein Vergleich der Auswirkungen bei ausgewählten Faktoren...12 Tabelle 2: Formen der staatlichen Unterstützung des Finanzsektors (Mrd.Rub)...14 Tabelle 3: Maßnahmen zur Reformierung des Finanzsektors in Russland University of Applied Sciences bfi Vienna

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