Technologischer Totalitarismus

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1 Suhrkamp Verlag Leseprobe Schirrmacher, Frank Technologischer Totalitarismus Eine Debatte Suhrkamp Verlag edition suhrkamp

2 SV Sonderdruck edition suhrkamp

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4 Technologischer Totalitarismus Eine Debatte Herausgegeben von Frank Schirrmacher Suhrkamp

5 Die hier abgedruckten Beiträge erschienen zuerst zwischen Februar und Juli 2014 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Der Text von Markus Engels wurde speziell für diesen Band verfasst. Erste Auflage 2015 edition suhrkamp Sonderdruck Suhrkamp Verlag Berlin 2015 Originalausgabe Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Satz: Satz-Offizin Hümmer GmbH, Waldbüttelbrunn Druck: CPI Ebner & Spiegel, Ulm Umschlag gestaltet nach einem Entwurf von Willy Fleckhaus: Rolf Staudt Printed in Germany ISBN

6 Inhalt Vorwort von Martin Schulz 9 Martin Schulz Warum wir jetzt kämpfen müssen 15 Evgeny Morozov Wider digitales Wunschdenken 23 Juli Zeh Schützt den Datenkörper! 29 Shoshana Zuboff Die neuen Massenausforschungswaffen 38 Michael Ignatieff Volksherrschaft ist keine Menüleiste 50 Gerhart Baum Auf dem Weg zum Weltüberwachungsmarkt 54 Frank Schirrmacher Das Armband der Neelie Kroes 62 Hans Magnus Enzensberger Wehrt Euch! 70

7 Christian Lindner Eine Machtfrage, keine Sachfrage 75 Ranga Yogeshwar Ein gefährlicher Pakt 80 Christiane Benner Wer schützt die Clickworker? 90 Neelie Kroes Ich bin nicht naiv, und Europa darf es auch nicht sein 96 Sascha Lobo Daten, die das Leben kosten 107 Robert M. Maier Angst vor Google 118 Eric Schmidt Die Chancen des Wachstums 130 Katrin Göring-Eckardt Das dionysische Moment des Netzes 135 Mathias Döpfner Lieber Eric Schmidt 143 Jaron Lanier Wer die Daten hat, bestimmt unser Schicksal 158 Shoshana Zuboff Schürfrechte am Leben 168

8 Guy Verhofstadt Big Data beherrschen! 183 Juli Zeh Letzte Ausfahrt Europa 190 Joaquín Almunia Ich diszipliniere Google 196 Sigmar Gabriel Die Politik eines neuen Betriebssystems 205 Max Otte Je größer die Mythen vom Netz, desto kleiner die Menschen 217 Monique Goyens Türhüter des Netzes 224 Francisco Pinto Balsemão Der Wettbewerbskommissar irrt 231 Gabor Steingart Unsere Waffen im digitalen Freiheitskampf 238 Wolfgang Streeck Kunde oder Terrorist? 247 John Kornblum Mehr Mut, Europa! 257

9 Shoshana Zuboff Der menschliche Faktor 262 Markus Engels Die Rückkehr der Eindimensionalität 274 Die Autorinnen und Autoren 279

10 Vorwort Die digitale Revolution verändert unsere Gesellschaft so tiefgreifend wie vermutlich keine andere Entwicklung seit der industriellen Revolution. Fast jederzeit und überall können wir Informationen abrufen und mit anderen kommunizieren. Algorithmen versprechen, die Partnersuche zu optimieren, sie lösen gigantische Finanztransaktionen aus, die ganze Volkswirtschaften ins Wanken bringen können, und kalkulieren unsere Kreditwürdigkeit. Im nächsten Schritt werden möglicherweise unsere Kühlschränke automatisch befüllt, vielleicht begegnen uns auf den Straßen bald fahrerlose Autos, auch dass unsere Gesundheitsdaten überwacht werden, ist keineswegs ausgeschlossen. Dieser radikale und rapide Wandel unserer Lebenswirklichkeit fordert unsere Gesellschaft in ihrer Gesamtheit heraus: unsere sozialen Beziehungen, unsere Art des Wirtschaftens, unsere Arbeitswelt, unsere Werte, unsere Kultur und unser Denken. Die Digitalisierung der Welt birgt ungeahnte Chancen: mehr Transparenz und größere Partizipation, leichterer Zugang zu Wissen und Informationen, wirkungsvollere Medikamente und bessere Dienstleistungen. Wenn sie das Leben von Menschen verbessern können, gilt es, diese Innovationen auf jeden Fall zu nutzen. Zu lange jedoch haben wir die Gefahren ignoriert, die angesichts der Monopolansprüche globaler Konzerne und Massenüberwachung durch die Geheimdienste drohen. Nun wird darüber endlich auch in Europa eine grundsätzliche Debatte geführt. 9

11 Zu verdanken ist dies insbesondere Frank Schirrmacher, durch dessen tragischen und viel zu frühen Tod wir einen großen Visionär und Humanisten verloren haben. Der herausragende, der europäischen Tradition des kritischen Denkens entstammende Zeitdiagnostiker Schirrmacher hat früher als andere erkannt, vor welch fundamentale Herausforderungen uns die digitale Kultur stellt. Sein 2009 erschienenes Buch Payback war eine der ersten intellektuellen Auseinandersetzungen mit den Gefahren der digitalen Revolution. Schon damals brachte er es wie immer prägnant auf den Punkt:»Wir erleben gerade in Echtzeit, wie eine Gesellschaft die Fundamente ihres Weltbilds ändert.«schirrmacher hat diese hochkomplexe Thematik nicht auf Fragen der Technik oder Infrastruktur reduziert, er hat im besten Sinne des Wortes Technikfolgenabschätzung betrieben. Und er hat erkannt, dass wir die Debatte über die digitale Kultur als politische Debatte führen müssen. Daher hat er das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in ein Forum verwandelt, in dem Schriftstellerinnen, Wissenschaftler, Philosophen, Politikerinnen, Journalisten und Unternehmer über die Chancen und Risiken der Digitalisierung streiten konnten (die Liste der Beiträgerinnen und Beiträger am Ende dieses Buches zeigt dabei nur einen Ausschnitt jenes beeindruckenden Netzwerks, das dieser wirkmächtige Humanist über Ländergrenzen hinweg geknüpft hat). In dieser»arena«haben mit Mathias Döpfner und Eric Schmidt zwei Konzernmanager die Klingen gekreuzt, die in Fragen der Digitalisierung sehr unterschiedliche Positionen vertreten; Joaquín Almunia hat die Position der EU-Kommission dargelegt; kritische Geister wie Evgeny Morozov, Jaron Lanier 10

12 und Juli Zeh kamen ebenso zu Wort wie nationale und europäische Politikerinnen und Politiker unterschiedlichster Couleur. Mit der ihm eigenen intellektuellen Verve gelang es Frank Schirrmacher so einmal mehr, eine große Feuilletondebatte anzustoßen, die unsere Republik bewegte. Jetzt erscheint diese Debatte auch in Buchform, und es stimmt mich nachdenklich, gleichzeitig aber auch froh, dass wir diese kritische Auseinandersetzung mit der Digitalisierung nicht auf einer schicken Onlineplattform führen, sondern in klassischen Printmedien. Zeitungen und Bücher sind als Medien des kritischen Denkens unverzichtbar, und wir müssen dafür Sorge tragen, dass sie uns erhalten bleiben. Frank Schirrmacher hat diesen Diskurs aus der Netz- Community in die Mitte der Gesellschaft geholt. Und genau da gehört er auch hin. Aktuell werden Weichenstellungen vorgenommen, die sehr großen Einfluss darauf haben werden, in was für einer Gesellschaft wir in Zukunft leben werden. Diese Entscheidungen dürfen wir nicht allein den Nerds und Programmierern aus dem Silicon Valley überlassen. Die Folgen der Digitalisierung betreffen uns alle, und daher sind wir alle aufgerufen, uns damit auseinanderzusetzen. Ob wir die Digitalisierung wollen oder nicht, ist heute nicht mehr die Frage sie ist längst da, und wir können uns ihren Auswirkungen nicht entziehen. Wer sich der Digitalisierung verweigern wollte, dürfte keine s schreiben, nicht googeln, kein Navi oder Smartphone kaufen, kein Bankkonto führen, keinen Kredit beantragen und schon gar nicht fliegen. Ein Internetzugang ist in vielen Bereichen die Voraussetzung, um überhaupt an der Gesellschaft teilhaben zu können. Wir müssen uns von dem Gedanken 11

13 verabschieden, dass man die technologische Revolution kollektiv aufhalten oder sich ihr individuell entziehen kann. Und von dem Irrglauben, es handele sich um so etwas wie»reinen«technischen Fortschritt ohne politische und soziale Implikationen. Um eines klarzustellen: Ich möchte hier keine Technologiefeindlichkeit predigen. Technologie ist nie gut oder schlecht, sie eröffnet uns Optionen, hält Möglichkeiten für uns bereit. Was daraus wird, liegt an uns. Mir geht es darum, dass wir darüber nachdenken, was diese Entwicklung für unsere Gesellschaft, unsere Demokratie, unsere Arbeitswelt und unser Menschsein bedeutet; darum, dass wir eine politische Debatte darüber führen, was wir tun müssen, damit aus technologischen Innovationen auch ein gesellschaftlicher und sozialer Fortschritt wird. Eine solche Diskussion beginnt mit kritischem Hinterfragen. Wer darf von uns warum was wissen? Welche Grenzen müssen bei der Datenspeicherung auf jeden Fall respektiert werden? Wie weit dürfen Staaten im Namen der Sicherheit gehen, und wann wird Überwachung zum Selbstzweck? Wie können wir in Zeiten kommerzieller Datenverwertung unser Recht auf informationelle Selbstbestimmung wahren, Urheberrechte schützen und sicherstellen, dass Menschen für ihre Arbeit gerecht entlohnt werden? Ab welchem Punkt riskieren wir im Namen der Effizienz unsere Bürgerrechte und die Errungenschaften der aufgeklärten Demokratie? Auf diese und viele weitere Fragen müssen wir in den kommenden Jahren Antworten finden. Wir brauchen Regeln für die digitale Welt, Regeln, die sich an unseren Wertvorstellungen orientieren. Und eine Charta der digitalen Grundrechte, die festlegt, was erlaubt ist und was verbo- 12

14 ten. Zwei Jahrhunderte nach der industriellen Revolution steht die Politik erneut vor der Aufgabe, den technologischen Fortschritt zu humanisieren. Nur wenn uns das gelingt, werden alle von den großen Chancen profitieren, welche die Digitalisierung uns eröffnet; nur dann wird sie ihr enormes Potenzial zum Wohl der Gesellschaft entfalten. Weil die einzelnen Nationalstaaten mit den digitalen Großmächten ob nun Konzernen oder anderen Staaten nicht länger auf Augenhöhe agieren, sehe ich darin eine wichtige Aufgabe für die Europäische Union. Allein mit und durch Europa können wir es schaffen, eine effiziente digitale Infrastruktur aufzubauen und die digitale Revolution zu zähmen. Dieses Buch ist ein unverzichtbarer Beitrag zu der Debatte über eine der spannendsten, aber auch größten Herausforderungen, vor der Politik und Gesellschaft heute stehen. Wir müssen darüber diskutieren, wie wir die Demokratie sowie unsere hart erkämpften Grund- und Freiheitsrechte angesichts der technologischen und damit auch sozialen Zeitenwende verteidigen können. Martin Schulz 13

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16 Warum wir jetzt kämpfen müssen Von Martin Schulz (6. Februar 2014) Anfang der achtziger Jahre prognostizierte Ralf Dahrendorf in einem berühmt gewordenen Essay das bevorstehende Ende der Sozialdemokratie. Schon damals formulierte er die These, dass die politische Linke ihre historische Aufgabe erfüllt habe, weil in den OECD-Staaten die sozialdemokratischen Ziele von Freiheit, Gleichheit und Solidarität weitgehend verwirklicht seien.»mission accomplished«, könnte man sagen, historische Mission erfüllt. Und tatsächlich: Im Vergleich zum Industrieproletariat, das im 19. Jahrhundert noch unter den Bedingungen des Manchester-Kapitalismus arbeiten musste, muten die heutigen Arbeitsbedingungen der meisten Arbeitnehmer in Europa vergleichsweise paradiesisch an: Das Verbot von Kinderarbeit, Arbeitszeiten unter vierzig Stunden in der Woche, bezahlter Urlaub, wirkungsvolle Arbeitsschutzmaßnahmen und Arbeitnehmerrechte sind weitgehend durchgesetzt. Auch im Bereich der Freiheitsrechte und beim komplizierten Grundwert der Solidarität sind wir in Europa weit gekommen. Weltweit werden wir für unser europäisches Gesellschaftsmodell bewundert. Muss sich also nach ihrem 150-jährigen Kampf die Sozialdemokratie auf ihren Ruhestand einstellen, weil sie alles erreicht hat? Ich halte diese These für falsch, weil unsere Gesellschaft nicht allein wegen, aber sicher in besonderer Weise durch die Digitalisierung und massenhafte Datenerfassung im jungen 21. Jahrhundert vor mindestens ebenso 15

17 epochalen Umwälzungen steht wie unsere Urahnen vor 150 Jahren. Der Aufstieg der Sozialdemokratie ist verbunden mit einer technischen Revolution im 19. Jahrhundert. Nach der Entwicklung der Dampfmaschine entstanden moderne Fabriken und mächtige Konzerne,»Big Player«, die wir teilweise noch heute kennen. Diese Revolution hat vielen Menschen Wohlstand gebracht und zu epochalen Veränderungen geführt. Vordergründig krempelte sie zunächst nur die damalige Arbeitswelt komplett um. Aber die neue Technologie revolutionierte die alte Gesellschaftsordnung tiefgreifender: Großstädte und neue soziale Schichten entstanden; es bildeten sich bis dahin unbekannte soziale Bewegungen und Parteien; eine neue Kunst, Philosophie und ein neues Denken kamen auf. Es war eine Zeit des Umbruchs, in der alte Werte durch neue ersetzt wurden. Diese Entwicklung verlief aber nicht nur linear in eine Richtung. Denn die Industrialisierung führte gleichzeitig zu einer Prekarisierung breiter Schichten, zu neuen Krankheiten und zu Umweltzerstörung. Als sich im Zeitalter der Industrialisierung die Maschinisierung und die mit dem Namen Henry Ford verbundene Arbeitsteilung durchsetzten, bedeutete dies eine bemerkenswerte Umkehr in der Subjekt-Objekt-Beziehung, auch wenn es bereits im vorindustriellen Zeitalter brutale Formen der Sklaverei und entwürdigenden Arbeitens gegeben hatte. Aber der Arbeiter, der an der Akkordmaschine in der Fabrikhalle stand, hatte sich den Regeln, dem Tempo, ja den Bedürfnissen der Maschine anzupassen, die seinen Arbeitsprozess und Takt unerbittlich vorgab. Selten ist diese Maschine-Mensch-Beziehung in beeindruckenderen Bildern dargestellt worden als in den zwanziger Jahren in 16

18 dem legendären Film Metropolis von Fritz Lang. Neuer Wohlstand und neues Elend lagen oft auch räumlich nah beieinander. Der Wohlstand und die Freiheit der einen waren zunächst einmal die Armut und Unfreiheit der anderen. Dass dieser Prozess letztlich auf unserem Kontinent zu einem gesellschaftlichen Fortschritt führte, der Wohlstand und Freiheit für viele brachte, war das Ergebnis eines langen politischen Kampfes. Dieser Fortschritt kam nicht automatisch, war nicht das Ergebnis einer unsichtbaren Hand. So wie die sozialen Bewegungen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert die entstehende Industriegesellschaft und den neuen radikalen Kapitalismus zähmen und humanisieren mussten, stellt sich heute wieder eine vergleichbare Aufgabe. Denn die Digitalisierung der Welt hat bislang nur das Potential, um Wohlstand und große Innovation hervorzubringen. Denn genauso wie damals wird durch die rasante technische Entwicklung nicht zuallererst unsere Arbeitswelt herausgefordert, sondern unsere Gesellschaft und unser Denken werden in ihrer Gesamtheit revolutioniert. Ich habe keine kulturpessimistische Sicht auf diese technologische Entwicklung. Im Gegenteil, es geht mir um ein Nachdenken darüber, wie diese atemberaubende Technik zum Nutzen der vielen und nicht der wenigen in unsere Gesellschaft integriert werden kann. Meine Frage ist, ob und wie es uns gelingt, zu einer Zivilisierung und Humanisierung dieser neuen technischen Revolution zu kommen. Denn bislang steht nicht fest, ob die neuen Entwicklungen mehr Gutes oder mehr Schlechtes bringen werden. Viele Fragen sind noch offen: Bedeutet es ein Mehr an Unabhängigkeit und Flexibilität, wenn immer mehr Menschen ihre s jederzeit auf ihrem 17

19 Smartphone lesen und wenn Vorgesetzte per elektronischem Kalender noch kurz vor dem Schlafengehen zu einer Teambesprechung am nächsten Morgen einladen? Oder führt dies zu einer Entgrenzung von Arbeit, wodurch wir das lang erstrittene Recht auf Freizeit, ohne es zu merken, einfach aufgeben? Macht das Speichern von Bewegungsbildern und Kommunikationsdaten unsere Welt wirklich sicherer, wie das seit 9/11 behauptet wird, oder wird damit der Staat, der ein neues»super-grundrecht Sicherheit«schützen will, nicht vielmehr selbst zum Sicherheitsrisiko für seine Bürger? Bringt permanentes Online-Voting eine direktere Demokratie hervor, oder führt es eher zu einer Trivialisierung von komplexen Problemen? Das sind Fragen, die unsere Gesellschaft beantworten muss, wenn es nicht zu fatalen Fehlentwicklungen kommen soll. Denn es klingt zwar verführerisch, wenn ein online-überwachtes Auto automatisch bremst, sobald die Höchstgeschwindigkeit überschritten ist; oder wenn herzinfarktgefährdete Menschen im Alltag rund um die Uhr medizinisch überwacht werden, weil diese Überwachung individuelle und kollektive Vorteile zu bringen scheint. Schon jetzt versprechen Versicherungen Beitragsermäßigungen für dieses»vernünftige Verhalten«, in einem nächsten Schritt werden von denjenigen Risikoaufschläge verlangt werden, die sich dieser»freiwilligen«kontrolle ihres Verhaltens entziehen. Es ist absehbar, dass am Ende aus dem Risikoaufschlag ein Zwang zur Kontrolle werden wird, natürlich immer mit dem fürsorglichen Argument, dass vernünftiges Verhalten gut für den Einzelnen und billiger für die Allgemeinheit sei. Eine solche Entwicklung wird schlussendlich aber zum»am Netz hängenden Men- 18

20 schen«führen, der in allen Lebenssituationen überwacht wird. Und ein weiterer bedrückender Trend zeichnet sich ab: Wenn wir Menschen durch diese Vernetzung nur noch die Summe unserer Daten sind, in unseren Gewohnheiten und Vorlieben komplett abgebildet und ausgerechnet, dann ist der gläserne Konsumbürger der neue Archetyp des Menschen. Schon heute ist es das Geschäftsmodell von Facebook und anderen, unsere emotionalen Regungen und sozialen Beziehungen in ein ökonomisches Verwertungsmodell zu überführen und unsere Daten gewinnbringend zu nutzen. Wenn die Messung unseres Augenzwinkerns oder die Beschleunigung unseres Pulses beim Ansehen bestimmter Produkte in Echtzeit in die Datenbank von multinationalen Konzernen fließen, ist der neue Mensch nur noch die Summe seiner Reflexe, und er wird biologistisch komplett determiniert. Am Ende könnte eine solche Entwicklung dazu führen, dass wir nur noch über jene Kaufangebote informiert werden, die vermeintlich zu uns passen. Und der Schritt, bis wir dann auch nur noch die politischen und kulturellen Informationen erhalten, die unseren vermuteten Interessen entsprechen, ist ein kleiner. Damit wäre dann die Vorstellung vom Menschen, der sich frei entwickeln und der es durch Bildung und harte Arbeit nach»ganz oben schaffen«kann, endgültig erledigt. Ein neuer Mensch würde entstehen: der determinierte Mensch. Denn die»vermuteten Interessen«, die angeblichen»präferenzen«eines Menschen, sind vielleicht gut und schön, wenn ein Online-Händler unsere Absichten vorwegnimmt und, wie wir unlängst erfahren haben, das Paket schon losschickt, ehe wir überhaupt wissen, dass wir etwas kaufen 19

21 wollten. Wie steht es aber mit dieser Entschlüsselung angeblicher Absichten, wenn Menschen sich um einen Beruf, einen Kredit, eine Ausbildung bewerben? Was bedeutet es, wenn wir bald nicht nur im Büro, sondern auch im Haushalt, im Auto, überall gelesen werden und ein Abbild von uns erstellt wird, das der Bundespräsident den»digitalen Zwilling«nennt und von dem wir nicht wissen, wer ihn wie zusammensetzt. Wie aktuell diese Fragen sind, zeigte sich unlängst beim BGH-Urteil zu der Frage, ob Kreditscoring-Unternehmen wie die Schufa den Menschen mitteilen müssen, wie sie zu ihren Schlussfolgerungen kommen. Der quantifizierte Mensch wird uns künftig wie ein Schatten begleiten: zusammengesetzt aus den Signalen und Daten, die wir und alle anderen senden. Das wird, wie jeder heute schon bemerkt, dem Einzelnen durchaus enorme Vorteile bringen. Aber es wird ihn auch zum Bestandteil einer Rechnung machen. Es kann nicht sein, dass diese Rechnung ohne unsere Kenntnis, unser Zutun und unsere Interventionsmöglichkeiten gemacht wird. Um das zu verhindern, müssen wir handeln. Denn von allein wird nichts gut werden. So wie die»unsichtbare Hand«eines sich selbst regulierenden Marktes in der Vergangenheit ein Trugschluss war, ist die heute so populäre Annahme, dass durch die Digitalisierung aller Lebensbereiche automatisch ein Mehr an Lebensqualität, Demokratie, Freiheit, Sicherheit und Effizienz erreicht werden wird, eine naive Fehleinschätzung. Denn die täglichen Berichte über völlig enthemmte Geheimdienste offenbaren ein zunehmend paranoides Staatsverständnis, und deshalb scheint die Prognose, dass es zu einem freiheitlichen Rückschritt kommen wird, wenn die Datensammelwut und die Digitalisierung aller Lebensbereiche unreguliert fortge- 20

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