Informationsqualität Definitionen, Dimensionen und Begriffe

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1 Informationsqualität Definitionen, Dimensionen und Begriffe 2 Jan P. Rohweder, Gerhard Kasten, Dirk Malzahn, Andrea Piro und Joachim Schmid 2.1 Einleitung Die Verbesserung und Sicherstellung der Informationsqualität wird in immer mehr Unternehmen als eigenständige Managementaufgabe von großer Wichtigkeit begriffen. IQ-Management ist ein elementarer Baustein in Systemintegrationsprojekten. Aber auch in bestehenden Prozessen mit heterogenen Datenquellen und Informationsnutzern ist eine hohe Informationsqualität die Grundvoraussetzung für funktionierende betriebliche Abläufe. Voraussetzung für ein effektives IQ-Management ist die Bewertung der Informationsqualität (Lee et al. 2006, S. 13 und S. 27). In vielen Unternehmen ist Informationsqualität nur ein gefühlter Wert. Die meisten Anwender bringen ein gewisses Misstrauen den Daten J. P. Rohweder ( ) Roche Diagnostics GmbH, Sandhofer Str. 116, Mannheim, Deutschland G. Kasten Deutsche Post, Postfach , Düsseldorf, Deutschland D. Malzahn ACCEL GmbH, Zum Pier 73 75, Lünen, Deutschland A. Piro Hannover, Deutschland J. Schmid Stuttgart, Deutschland Springer Fachmedien Wiesbaden 2015 K. Hildebrand et al., (Hrsg.), Daten- und Informationsqualität, DOI / _2 25

2 26 J. P. Rohweder et al. gegenüber zum Ausdruck, dies jedoch ohne genaue Angabe der Fehlerart und -häufigkeit. Nicht selten werden kostspielige Projekte angestoßen, um die Informationsqualität zu verbessern, ohne sich vor einer IQ-Maßnahme durch eine Analyse ein genaues Bild über die tatsächlichen Probleme zu verschaffen. Nur auf der Basis einer umfassenden Bewertung der Informationsqualität können die notwendigen Ressourcenentscheidungen herbeigeführt, Ziele gesetzt und der Erfolg des IQ-Management beurteilt werden. Dabei muss die Bewertung der Informationsqualität über Statistiken zur Vollständigkeit und Fehlerfreiheit der Objekte in Datenbanksystemen oder IT-Applikationen hinausgehen. Eigenschaften wie Übersichtlichkeit oder Relevanz beschreiben weitere wichtige Merkmale, die die Qualität von Information bestimmen. Informationsqualität kann in einem umfassenden Sinne definiert werden als der Grad, in dem Merkmale eines Datenproduktes Anforderungen genügen (Hinrichs 2002, S. 26). Mit Merkmalen von Datenprodukten sind z. B. die Übereinstimmung der Daten mit der Realität (Fehlerfreiheit) oder die Übersichtlichkeit der Darstellung gemeint. Die jeweilige Entscheidungssituation und die Ziele bestimmen die Anforderungen an die Information, und entsprechend findet sich eine Vielzahl von Modellen und Konzepten zur Beschreibung und Bewertung von Informationsqualität in der Literatur (Eppler und Wittig 2000; Naumann und Rolker 2000). Die Vielfalt der Konzepte erschwert dabei die Kommunikation über Themen des IQ-Managements durch Mehrdeutigkeiten in der Begrifflichkeit. Eines der meistzitierten Konzepte zur Beschreibung und Bewertung der Informationsqualität basiert auf einer Umfrage unter IT-Nutzern mit dem Ziel, Merkmale der Informationsqualität aus der Sicht der Anwender zu identifizieren (fit for use Konzept) (Wang und Strong 1996). Mit statistischen Methoden wurden aus über 100 Attributen zur Beschreibung der Qualität von Information die 16 wichtigsten Oberbegriffe für Merkmale von Datenprodukten ausgewählt, die sogenannten IQ-Dimensionen. Dieses IQ-Konzept bildet die Basis für eine Reihe von Veröffentlichungen zu Erhebungsmethoden und IQ- Managementkonzepten, allerdings vorwiegend im englischsprachigen Raum. Gestützt auf das Konzept von Wang und Strong wird im Folgenden ein Katalog von IQ- Dimensionen und Definitionen für Merkmale von Datenprodukten in deutscher Sprache aufgeführt. Ziel ist, die Kommunikation über Themen des IQ-Managements durch eindeutige und einheitliche Begrifflichkeiten zu vereinfachen und zu verbessern. Das vorliegende Kapitel, das die Dimensionen der Informationsqualität möglichst umfassend und durch überschneidungsfreie Begriffe beschreibt, ist das Ergebnis der Arbeit einer Projektgruppe in der DGIQ (Deutsche Gesellschaft für Informations- und Datenqualität). Umfassend bedeutet in diesem Zusammenhang, dass alle beobachteten Phänomene, die die Informationsqualität aus Sicht der Anwender beeinflussen, durch einen oder mehrere der vorgestellten Begriffe beschrieben werden können. Überschneidungsfrei sind Begriffe, wenn jede Veränderung der Informationsqualität aus Anwendersicht durch genau eine IQ-Dimension bzw. eine eindeutige Kombination aus IQ-Dimensionen beschrieben werden kann, es also keine Synonyme oder redundanten Begriffsfelder gibt.

3 2 Informationsqualität Definitionen, Dimensionen und Begriffe IQ-Dimensionen und Definitionen Die Informationsqualität wird anhand von 15 Begriffen, den sogenannten IQ-Dimensionen, definiert. Um die Definitionen der IQ-Dimensionen operational und konkret verständlich zu machen, werden zu der jeweiligen IQ-Dimension Beispiele für Stamm- und Bewegungsdaten beschrieben, die jeweils den Grad der Erfüllung der Anforderung an das Datenprodukt bestimmen. Stammdaten sind der Datenbestand, auf dem Geschäftsprozesse aufbauen, und der über einen längeren Zeitraum unverändert gültig ist (Hildebrand 2006, S. 17). Bewegungsdaten entstehen während einer betrieblichen Transaktion der Buchung eines Geschäftsvorfalls (Auftrag, Rechnung) und belegen dieses Ereignis. Die Abstufung der Informationsqualität im Hinblick auf die jeweilige IQ-Dimension kann unendliche viele Ausprägungen annehmen, was insbesondere für Metriken zur Vollständigkeit oder Fehlerfreiheit gilt. Um das relevante Spektrum der Informationsqualität anhand von Beispielen übersichtlich aufzuzeigen, werden deshalb jeweils zwei Ausprägungen je IQ-Dimension betrachtet: brauchbare Information: Die Informationsqualität wird positiv bewertet, wenn der Nutzer sie für seine Zwecke gebrauchen kann. inakzeptable Information: Die Informationsqualität wird negativ bewertet, wenn sie so weit unter der Grenze brauchbar liegt, dass der Nutzer die Informationen für seine Zwecke nicht mehr verwenden kann. Die Beispiele zur Erläuterung der Definition der jeweiligen IQ-Dimension beziehen sich auf digitale Zeichen, die elektronisch vervielfältigt werden können, ohne dass dies eine beabsichtigte oder bindende Einschränkung der Anwendung der vorliegenden IQ-Dimensionen ist. Einige der Wang/Strong schen Begriffe liegen im umgangssprachlichen Gebrauch sehr eng bei einander, so dass die IQ-Dimensionen im gängigen Sprachgebrauch als redundant bzw. sich gegenseitig überschneidend erscheinen. Dieses Problem tritt vor allem bei den Begriffspaaren Hohes Ansehen Glaubwürdigkeit sowie Relevanz Wertschöpfung auf. Das Problem der Redundanz von Begriffen kann jedoch durch eine technische Begriffsbestimmung umgangen werden. In diesem Sinne wird Glaubwürdigkeit technisch definiert als eine Eigenschaft, die von der Aufbereitung der Information bestimmt wird, während hohes Ansehen durch wiederholte positive Erfahrungen mit ähnlichen Informationen (z. B. in einer Zeitreihe) erlangt wird. Bei Relevanz und Wertschöpfung gelingt die Abgrenzung nicht so klar, da einer wertschöpfenden Information schwerlich die Relevanz abgesprochen werden kann. Andersherum ist aber eine relevante Information nicht in jedem Fall wertschöpfend, da z. B. viele Suchergebnisse bei Internetrecherchen zwar relevant sind, aber nicht im betrieblichen Prozess mit klarem Wertschöpfungsbeitrag genutzt werden. Die Menge der wertschöpfenden Informationen ist also eine echte Teilmenge aller relevanten Informationen, wodurch das Prinzip der strengen Überschneidungsfreiheit der IQ-Dimensionen an dieser Stelle nur abgeschwächt gilt.

4 28 J. P. Rohweder et al. Als Änderung gegenüber dem Konzept von Wang und Strong sind 2 Punkte hervorzuheben. Zum ersten wird Sicherheit (access security) nicht als originäre IQ-Dimension angesehen. Diese Eigenschaft von Information(systemen) hat nämlich keinen Einfluss auf die Qualität von Information aus Sicht des Anwenders, die nicht durch die übrigen 15 IQ- Dimensionen beschrieben werden könnte. Etwas überspitzt könnte man diese Argumentationsweise so formulieren, dass es auch bei der Beschreibung der Nutzungseigenschaften von technischen Geräten nicht darauf ankommt, ob diese durch Patente geschützt sind oder nicht. Zum zweiten wird die ursprünglich als überflüssig erachtete IQ-Dimension ease of operation gesondert aufgeführt, da dieser Aspekt der Informationsqualität von Wang und Strong in vielen späteren Veröffentlichungen als ease of manipulation wieder aufgenommen worden ist. Im nachfolgenden Abschn werden die 15 IQ-Dimensionen mit ihren Definitionen aufgelistet. Im Abschn werden die 15 IQ-Dimensionen zu 4 Kategorien zusammengefasst und in einer graphischen Darstellung abgebildet, die es erlaubt, die 15 Dimensionen und 4 Kategorien in ihrem inhaltlichen Zusammenhang zu erfassen. Im Abschn folgen dann 15 deutsche Begriffe jeweils mit der englischen Bezeichnung der IQ-Dimension und Beispiele zur Beschreibung der Informationsqualität Die 15 IQ-Dimensionen im Überblick 1. Zugänglichkeit (accessibility): Informationen sind zugänglich, wenn sie anhand einfacher Verfahren und auf direktem Weg für den Anwender abrufbar sind. 2. Angemessener Umfang (appropriate amount of data): Informationen sind von angemessenem Umfang, wenn die Menge der verfügbaren Information den gestellten Anforderungen genügt. 3. Glaubwürdigkeit (believability): Informationen sind glaubwürdig, wenn Zertifikate einen hohen Qualitätsstandard ausweisen oder die Informationsgewinnung und verbreitung mit hohem Aufwand betrieben werden. 4. Vollständigkeit (completeness): Informationen sind vollständig, wenn sie nicht fehlen und zu den festgelegten Zeitpunkten in den jeweiligen Prozess-Schritten zur Verfügung stehen. 5. Übersichtlichkeit (concise representation): Informationen sind übersichtlich, wenn genau die benötigten Informationen in einem passenden und leicht fassbaren Format dargestellt sind. 6. Einheitliche Darstellung (consistent representation): Informationen sind einheitlich dargestellt, wenn die Informationen fortlaufend auf dieselbe Art und Weise abgebildet werden. 7. Bearbeitbarkeit (ease of manipulation): Informationen sind leicht bearbeitbar, wenn sie leicht zu ändern und für unterschiedliche Zwecke zu verwenden sind. 8. Fehlerfreiheit (free of error): Informationen sind fehlerfrei, wenn sie mit der Realität übereinstimmen.

5 2 Informationsqualität Definitionen, Dimensionen und Begriffe Eindeutige Auslegbarkeit (interpretability): Informationen sind eindeutig auslegbar, wenn sie in gleicher, fachlich korrekter Art und Weise begriffen werden. 10. Objektivität (objectivity): Informationen sind objektiv, wenn sie streng sachlich und wertfrei sind. 11. Relevanz (relevancy): Informationen sind relevant, wenn sie für den Anwender notwendige Informationen liefern. 12. Hohes Ansehen (reputation): Informationen sind hoch angesehen, wenn die Informationsquelle, das Transportmedium und das verarbeitenden System im Ruf einer hohen Vertrauenswürdigkeit und Kompetenz stehen. 13. Aktualität (timeliness): Informationen sind aktuell, wenn sie die tatsächliche Eigenschaft des beschriebenen Objektes zeitnah abbilden. 14. Verständlichkeit (understandability): Informationen sind verständlich, wenn sie unmittelbar von den Anwendern verstanden und für deren Zwecke eingesetzt werden können. 15. Wertschöpfung (value-added): Informationen sind wertschöpfend, wenn ihre Nutzung zu einer quantifizierbaren Steigerung einer monetären Zielfunktion führen kann Graphische Darstellung der 15 IQ-Dimensionen und 4 IQ-Kategorien Die 15 IQ-Dimensionen beschreiben die Informationsqualität umfassend. Jede einzelne IQ-Dimension ist ein kritischer Erfolgsfaktor für das Funktionieren eines Informationssystems, d. h. erst wenn alle IQ-Dimensionen eine hohe oder zumindest ausreichende Qualität aufweisen, ist die Funktionsfähigkeit eines Informationssystems gewährleistet. Z. B. sind vollständige und fehlerfreie Informationen, die jedoch für den Anwender nicht leicht zugänglich sind, ungeeignet für zeitkritische Prozesse. In der Abb. 2.1 wird dies durch die Positionierung der Informationsqualität (IQ) im zentralen Kreis in der Mitte dargestellt: Informationen müssen den vom Nutzer verlangten Zweck erfüllen ( fit for use -Konzept), erst dann sind sie rund. Die vom IQ-Kreis ausgehenden vier Dreiecke beleuchten die 15 Dimensionen der Informationsqualität wie das Licht eines Leuchtturms, das nacheinander in die 4 Himmelsrichtungen scheint. Sie bilden zusammen ein Rechteck. Die geometrische Figur Rechteck weist darauf hin, dass es grundsätzlich keine wichtigen oder weniger wichtigen Dimensionen der Informationsqualität gibt. Mit den 15 Dimensionen können alle denkbaren Qualitätsaspekte von Informationen aus Anwendersicht beschrieben werden. Der Nutzer von Informationen kann die Qualitätsaspekte aus seiner Sicht priorisieren, aber erst, nachdem er über alle 15 Dimensionen nachgedacht hat, also bildlich gesprochen erst, nachdem er sich durch Blicke in alle 4 Himmelsrichtungen orientiert hat. Um die Darstellung übersichtlicher zu gestalten, wurden vier Ordnungsbegriffe für Gruppen von IQ-Dimensionen entwickelt, die sogenannten IQ-Kategorien. In Abb. 2.1 wird dies durch das innere Rechteck dargestellt, welches die 4 Kategorien umschließt,

6 30 J. P. Rohweder et al. Abb. 2.1 IQ-Dimensionen in 4 IQ-Kategorien zu denen sich die 15 Dimensionen der Informationsqualität zusammenfassen lassen. Die Gruppierung der IQ-Dimensionen ist gestützt auf eine Umfrage unter IT-Anwendern, die in 80 % der Fälle dieselben IQ-Dimensionen in Gruppen zusammengefasst haben (Wang und Strong 1996, S. 19). Es gibt die inhärente, systemunterstützte, darstellungsbezogene und zweckabhängige Informationsqualität (siehe Abb. 2.1). Die systemunterstützte IQ-Kategorie umfasst die IQ-Dimensionen Zugänglichkeit und Bearbeitbarkeit. Die IQ-Dimensionen hohes Ansehen, Fehlerfreiheit, Objektivität und Glaubwürdigkeit sind Merkmale, die den Daten bzw. Informationen inhärent sind. Die darstellungsbezogene IQ-Kategorie umfasst die IQ-Dimensionen Verständlichkeit, Übersichtlichkeit, einheitliche Darstellung und eindeutige Auslegbarkeit. Die IQ-Dimensionen Aktualität, Wertschöpfung, Vollständigkeit, Angemessener Umfang und Relevanz beschreiben die Informationsqualität im Hinblick auf die zweckabhängige IQ-Kategorie. Betrachtet man die vier Kategorien, die gebildet wurden, kann man feststellen, dass diese ein Ordnungskonzept repräsentieren die Gruppierung der IQ-Dimensionen erfolgt anhand von inhaltlichen Zusammenhängen in Bezug auf den Untersuchungsgegenstand zur Beurteilung der Qualität von Information bzw. Daten. Der Zusammenhang zwischen den IQ-Kategorien und den Untersuchungsgegenständen ist in Tab. 2.1 dargestellt. Die systemunterstützten IQ-Dimensionen Zugänglichkeit und Bearbeitbarkeit können nur untersucht werden, indem man sich das datenverarbeitende System und seine Benutzeroberfläche anschaut. Untersuchungsgegenstand für die Bewertung der systemunterstützten Informationsqualität ist also das System zur Informations- bzw. Datenverarbeitung. Die dateninhärenten IQ-Dimensionen hohes Ansehen, Fehlerfreiheit, Objektivität und Glaubwürdigkeit können nur mit einer Untersuchung des Inhaltes der Daten/Infor-

7 2 Informationsqualität Definitionen, Dimensionen und Begriffe 31 Tab. 2.1 Jede Kategorie wird einem spezifischen Untersuchungsgegenstand zugeordnet IQ-Kategorie Untersuchungsgegenstand Systemunterstützt System Inhärent Inhalt Darstellungsbezogen Darstellung Zweckabhängig Nutzung mationen eingeschätzt werden. Darstellungsbezogene Dimensionen wie Verständlichkeit, Übersichtlichkeit, einheitliche Darstellung und eindeutige Auslegbarkeit können nur unter Berücksichtigung der eigentlichen Darstellung, zum Beispiel in Form von Grafiken, Statistiken oder Berichten, beurteilt werden. Die zweckabhängigen Dimensionen Aktualität, Wertschöpfung, Vollständigkeit, Angemessener Umfang und Relevanz können nur unter Berücksichtigung der eigentlichen Nutzung in den Unternehmensprozessen geprüft werden. Soll zum Beispiel die IQ-Dimension Fehlerfreiheit untersucht werden, bewertet man den Inhalt der entsprechend relevanten Daten. Bei einer Untersuchung der Übersichtlichkeit hingegen werden die eigentlichen Inhalte der Daten nicht betrachtet, sondern nur ihre Darstellung. Eine Untersuchung der Qualität in diesen beiden Dimensionen erfordert damit eine Betrachtung von zwei unterschiedlichen Gegenständen: Inhalt und Darstellung. Die vier Untersuchungsgegenstände können gemeinsam als die organische Struktur der Informationsverarbeitung eines Unternehmens bezeichnet werden. Abbildung 2.2 zeigt die Zusammenhänge dieser vier Untersuchungsgegenstände in einem Unternehmen. Kern eines jeden Informationssystems sind die Inhalte, die verarbeitet werden. Die Inhalte werden im System bzw. in Systemen verarbeitet und innerhalb des Unternehmens weitergeleitet. Die Inhalte werden mithilfe der Systemfunktionalitäten für die Nutzer in eine Darstellung überführt. Alle Prozesse der Informationsverarbeitung und Bereitstellung laufen im Kontext der Unternehmensprozesse unter Berücksichtigung der Nutzung ab. Die Unternehmensprozesse umfassen damit Systeme, Inhalte und Darstellung. Die Abb. 2.2 soll veranschaulichen, dass die einzelnen gleichwertig zu betrachtenden Untersuchungsgegenstände der Informationsqualität ineinander verschachtelt sind. Gleichzeitig soll die Abb. 2.2 eine Orientierungshilfe für die Entscheidung im Rahmen einer Bewertung von Informationsqualität darstellen Die 15 IQ-Dimensionen: Definitionen und Beispiele Im Folgenden werden die 15 IQ-Dimensionen definiert. Die Abschnitte zu den jeweiligen IQ-Dimensionen folgen dabei immer einem gleichen Aufbau: Nach einem deutschen Begriff mit dem englischen Wort aus der Untersuchung von Wang und Strong (Wang und Strong 1996) folgt eine kurze beschreibende, definitorische Begriffsbestimmung. Daran schließen sich jeweils positive und negative Beispiele zur Bestimmung der IQ-Dimension

8 32 J. P. Rohweder et al. Abb. 2.2 Die Untersuchungsgegenstände der Informationsqualität an. In einzelnen Fällen wird die kurze Definition durch eine erläuternde Anmerkung gegen andere Begriffe abgegrenzt bzw. genauer umschrieben. Informationen sind zugänglich, wenn sie anhand einfacher Verfahren und auf direktem Weg für den Anwender abrufbar sind Zugänglichkeit (accessibility) Stammdaten Nach telefonischem Geschäftsabschluss eines Wertpapierhandelsgeschäfts bearbeitet das Back Office das Geschäft anhand der handgeschriebenen Angaben auf dem Händlerticket. Der Name des Kunden ist nicht lesbar. Nur die Kundennummer steht zur Verfügung. (positiv) Das Kundenstammdaten-System steht dem Back Office zur Verfügung und kann mit einfachem Login aufgerufen werden. (negativ) Das Kundenstammdaten-System steht dem Back Office aufgrund eines Systemfehlers nicht zur Verfügung. Der Name des Kunden kann nur per telefonische Rückfrage im Handel erfragt werden. Bewegungsdaten Nach Geschäftsabschluss im Front Office erstellt der Händler ein sog. Händlerticket mit Informationen zum Kunden und zu den Geschäftsbedingungen, welches an das Back Office zur Abwicklung weitergeleitet wird.

9 2 Informationsqualität Definitionen, Dimensionen und Begriffe 33 (positiv) Das Händlerticket wird auf elektronischem Weg an das Back Office System weitergeleitet und wird vom Back Office Mitarbeiter als neues Geschäft im System identifiziert und bearbeitet. (negativ) Das Händlerticket soll per Fax an das Back Office weitergeleitet werden. Durch einen Defekt der Telekommunikation erhält das Back Office das Fax nicht. Die Informationen sind damit vorhanden, jedoch im nächsten Prozess-Schritt nicht verfügbar Angemessener Umfang (appropriate amount of data) Informationen sind von angemessenem Umfang, wenn die Menge der verfügbaren Information den gestellten Anforderungen genügt. Sowohl die Anzahl der Attribute pro Datensatz als auch die Anzahl der Datensätze selbst sollen für die gestellten Anforderungen einerseits ausreichend, andererseits aber auch nicht überflüssig groß sein. Stammdaten Für eine Rückfrage bei einem Kunden zu einem Auftrag wird ein Kontaktmanagementsystem aufgerufen. (Positiv) Der Mitarbeiter hat die Möglichkeit über die Eingabe der Kundennummer oder des Kundennamens die Telefonnummer angezeigt zu bekommen. (Negativ) Über die Abfrage mit der Kundennummer oder dem Kundennamen erhält der Mitarbeiter alle bislang erfassten Informationen zum Kunden. In der Abteilung für die Vertragerstellung benötigt der Sachbearbeiter umfassende Informationen zum Kunden. (positiv) Im oben genannten Kontaktmanagementsystem stehen alle Informationen zur Verfügung. (negativ) Im Kontaktmanagementsystem fehlen für diesen Prozess wesentliche Informationen zum Kunden. Bewegungsdaten Aus einer Kundendatenbank sollen die Kunden mit besonders hohem Kaufpotential ausgewählt werden. (positiv) Es existieren vergleichsweise viele Kundentransaktionen pro Kunde in der Datenbank, so dass sich aus den Kaufhistorien der einzelnen Kunden Rückschlüsse auf deren Kaufverhalten ziehen lassen. (negativ) Ist das Unternehmen jedoch neu am Markt oder wurden aus anderen Gründen bisher nur einzelne wenige Kundentransaktionen erfasst, dann ist die Anforderung Kaufpotentialeinschätzung aufgrund der Kaufhistorie nicht zu erfüllen. Die Menge der verfügbaren Information ist im Sinne der Anzahl der verfügbaren Datensätze nicht ausreichend.

10 34 J. P. Rohweder et al. Anmerkung: Dies muss nicht notwendigerweise eine Verletzung der IQ Dimension Vollständigkeit bedeuten, weil etwa Pflichtfelder leer sind. Wichtig ist hier, dass die vorhandene Information kein umfassendes Bild des Kunden wiedergibt Glaubwürdigkeit (believability) Informationen sind glaubwürdig, wenn Zertifikate einen hohen Qualitätsstandard ausweisen oder die Informationsgewinnung und verbreitung mit hohem Aufwand betrieben werden. Für die Glaubwürdigkeit ist maßgebend, inwiefern die aktuell vorliegenden Informationen als vertrauenswürdig und zuverlässig angesehen werden also durch eine deduktive Qualitätsbeurteilung. Entscheidend dafür ist die Aufmachung der Daten. Hier geht es im Kern um ein gutes Marketing der Informationen. Stammdaten (positiv) Eine vom Statistischen Bundesamt herausgegebene Informationsbroschüre zur Bevölkerungsentwicklung besitzt eine hohe Glaubwürdigkeit, und zwar unabhängig davon, inwieweit die Daten vollständig, fehlerfrei, eindeutig auslegbar, objektiv richtig, aktuell und verständlich sind. (negativ) Aufzeichnungen von Wetterdaten, deren Herausgeber unbekannt ist, haben dagegen eine niedrigere Glaubwürdigkeit. Bewegungsdaten (positiv) Daten aus einem mit großem Aufwand entwickelten Produktionsplanungs- und Steuerungssystem, die den Nutzern am PC zur Verfügung stehen, sind glaubwürdig. (negativ) Lediglich handschriftliche Aufzeichnungen der Mitarbeiter in der Produktion Vollständigkeit (completeness) Informationen sind vollständig, wenn sie nicht fehlen und zu den festgelegten Zeitpunkten in den jeweiligen Prozess-Schritten zur Verfügung stehen. Informationen sind pünktlich, wenn sie zu einem festgelegten Zeitpunkt in einem bestimmten Prozessschritt zur Verfügung stehen. Durch diese Integration der Zeitdimension in die Definition der Vollständigkeit ist eine eigenständige, zusätzliche Dimension Pünktlichkeit nicht erforderlich. Vollständigkeit lässt sich in unterschiedlichen Ausprägungen beschreiben; so kann die Vollständigkeit z. B. für ein Schema, eine Tabelle oder eine Spalte ermittelt werden. Dabei ist es essentiell festzulegen, gegen welche Menge die Vollständigkeit verprobt wird.

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