Hebamme Sage-femme Levatrice Spendrera

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1 Hebamme Sage-femme Levatrice Spendrera 9/2012 Hebammen und Migrantinnengesundheit La santé des migrantes

2 IFAS2012 Fachmesse für den Gesundheitsmarkt Oktober 2012 Messe Zürich Exhibit & More AG Bruggacherstrasse 26 Postfach 185 CH-8117 Fällanden-Zürich/Schweiz T +41 (0) F +41 (0) und über 300 weitere renommierte Aussteller erwarten Sie.

3 Inhalt Contenu Geschäftsstelle/Secrétariat central Rosenweg 25C, Postfach, CH-3000 Bern 23 Tel. +41 (0) Fax +41 (0) Öffnungszeiten von Montag bis Freitag: Uhr/ Uhr Heures d ouverture: lundi vendredi: 8h15 12h/13h30 17h15 Offizielle Zeitschrift des Schweizerischen Hebammenverbandes Journal officiel de la Fédération suisse des sages-femmes Giornale ufficiale della Federazione svizzera delle levatrici Revista uffiziala da la Federaziun svizra da las spendreras 110. Jahrgang/110 e année Erscheinungsweise: 11 Mal im Jahr (Juli/August Doppelausgabe) Parution: 11 éditions par année (numero double juillet/août) Impressum Herausgeberin/éditeur Schweizerischer Hebammenverband (SHV) Fédération suisse des sages-femmes (FSSF) Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung des SHV wieder. Nachdruck nur mit Genehmigung der Redaktion. Les articles signés ne reflètent pas forcément l opinion de la FSSF. Toute reproduction est soumise à autorisation de la rédaction. Redaktion/rédaction Deutschsprachige Redaktion und verantwortlicher Redaktor: Wolfgang Wettstein, Geschäftsstelle SHV, Rosenweg 25 C, Postfach, CH-3000 Bern 23 Tel. +41 (0) , Fax +41 (0) Rédaction de langue française Josianne Bodart Senn, Chemin du Bochet 4a, CH-1196 Gland, tél. +41 (0) , portable +41 (0) , Redaktioneller Beirat Martina Gisin (mg), Inge Loos (il), Viviane Luisier (vl), Edith de Bock-Antonier (ea), Lorraine Gagnaux (lg), Sébastien Riquet (sr) Fotos Titelseite Flaggen von Nationen, deren Bürgerinnen und Bürger in der Schweiz häufig vertreten sind. Layout/graphisme Tygraline AG, Bern Jahresabonnement/Abonnement annuel Nichtmitglieder/Non-membres CHF 109. inkl. 2,5% MWST/TVA Ausland/Etranger CHF 140. Einzelnummer/Prix du numéro CHF inkl. 2,5% MWST/TVA + Porto Das Abonnement verlängert sich um ein weiteres Jahr, wenn es nicht bis zum 31. Oktober des laufenden Jahres schriftlich beim SHV gekündigt wird. L abonnement est automatiquement renouvéle pour un an s il n est pas résilié par écrit auprès de la FSSF au 31 octobre de l année en cours. Inseratemarketing/Régie d annonces Kömedia AG, Geltenwilenstrasse 8a, CH-9001 St.Gallen, Tel. +41 (0) , Fax +41 (0) , Druck/Impression Vogt-Schild Druck AG, Gutenbergstrasse 1, CH-4552 Derendingen WEMF-beglaubigt ISSN Ausgabe 9 Hebammen und Migratinnengesundheit 2 Aktuell 4 Editorial Paola Origlia Ikhilor, Bern 4 In guter Hoffnung in der Fremde zur geburtshilflichen Betreuung von Frauen mit Migrationshintergrund Barbara Schildberger, Linz 8 Chancengleichheit von Frauen mit Migrationshintergrund im Modell der Hebammengeburt Melanie Gerber und Gabriella Grassi, Bern 10 Mamamundo.ch ein Beitrag zur Integration durch Geburtsvorbereitung Interview mit Anja Hurni, Bern 11 Kommunikation zwischen Hebammen und fremdsprachigen Frauen unter der Geburt Eveline Stupka, Zürich 12 Krank als Sans Papiers wo medizinische Hilfe finden? Interview mit Linda Stoll und Walter Schäppi, Zürich 13 Geburt im interkulturellen Kontext Interview mit Mojgan Kallenbach-Mojgani, Bern 14 Neue Publikation zur Gesundheit der Migrationsbevölkerung 15 Ungleiche Chancen auf ungetrübtes Familienglück 16 Buchtipp 19 Verband 23 Sektionen 24 Fortbildung SHV 38 Stellenangebote Thema der Ausgabe 10/2012: Hebammenforschung Erscheint Anfang Oktober 2012 Édition 9 La santé des migrantes 28 Actualité 30 Editorial Viviane Luisier, Genève 30 Une préparation à la naissance pour femmes migrantes allophones Fabienne Borel Radeff, Genève 33 Expérience et perception de la prise en charge Barbara Kaiser, Genève 35 Un heureux événement en terre étrangère 35 Effets cumulatifs des barrières linguistiques 36 Evolution future de la population suisse 36 Un peu plus du quart des enfants nés en 2008 sont de nationalité étrangère 36 Informations sur la santé à l intention de la population migrante 37 Des sages-femmes impliquées dans le Congrès ISSHP de Genève 19 Fédération 23 Sections 25 Formation FSSF 38 Offres d emploi Thème de l édition 10/2012: La recherche par les sages-femmes Parution: début octobre 2012 Hebamme.ch Sage-femme.ch 9/2012 1

4 Aktuell Präimplantationsdiagnostik: Strenge Rahmenbedingungen statt Verbot Im Fortpflanzungsmedizingesetz soll eine Zulassung unter strengen Rahmenbedingungen das Verbot der Präimplantationsdiagnostik PID ersetzen. Der Bundesrat hat das Eidgenössische Departement des Innern EDI damit beauftragt, bis im Frühjahr 2013 die entsprechenden Gesetzesentwürfe und die Botschaft auszuarbeiten. Die Neuerung bedingt unter anderem eine Änderung von Artikel 119 der Bundesverfassung über Fortpflanzungsmedizin und Gentechnologie im Humanbereich. In der Vernehmlassung stiessen die vorgeschlagenen Anpassungen auf Zustimmung. Sie definieren unter Beachtung des Grundsatzes der Menschenwürde die Rahmenbedingungen, unter denen die PID zugelassen sein soll. Die Anwendung ausserhalb dieses Rahmens wird unter Strafe gestellt. Als PID wird die genetische Untersuchung eines ausserhalb des Körpers erzeugten Embryos vor der Übertragung in die Gebärmutter der Frau bezeichnet. Neu sollen Paare, bei denen aufgrund ihrer genetischen Veranlagung die Gefahr besteht, dass ihr Kind von einer schweren Erbkrankheit betroffen sein könnte, die PID in Anspruch nehmen dürfen. Alle anderen PID-Anwendungsmöglichkeiten bleiben verboten. Dazu gehören unter anderen die Erkennung von Trisomie 21 oder die Auswahl so genannter Retter-Babys zur Gewebespende für kranke Geschwister. Damit im Rahmen von Fortpflanzungsverfahren erblich belastete Paare dieselben Chancen auf einen übertragbaren Embryo erhalten wie unbelastete Paar, wird bei der PID zudem die sogenannte «Dreier- Regel» durch eine «Achter- Regel» ersetzt. Das bedeutet, dass pro Zyklus maximal acht Embryonen in vitro entwickelt werden dürfen. Gleichzeitig wird für alle Fortpflanzungsverfahren das Verbot aufgehoben, Embryonen aufzubewahren, um sie allenfalls später zu übertragen. Quelle: BAG, Juni 2012 Mehr Informationen sind zu finden unter: Bundesamt für Gesundheit (BAG) Weltstillwoche 1. bis 7. Oktober 2012 Im Zentrum der diesjährigen Mottos stehen die positiven Effekte des Stillens für Gesundheit und Umwelt. Die Schweizerische Stiftung zur Förderung des Stillens organisiert zusammen mit ihren Partnerorganiationen verschiedene Veranstaltungen in den Schweizer Städten wie z.b. die Kurztagung für Fachleute und Medien vom 4. Oktober 2012 in Zürich. Die Teilnahme ist kostenlos. Anmeldung bis 30. September 2012 bei der Schweizerischen Stiftung zur Förderung des Stillens. Mehr Informationen unter: Eisenbehandlungen bei Schwangeren Mit welchem Arzneimittel sollen Schwangere gegen Eisenmangel behandelt werden? Und: Kann intravenös verabreichtes Eisen schädlich sein für Mutter und Kind? Diese Fragen werden aktuell in der Öffentlichkeit diskutiert. Leider wurden dabei wichtige Antworten bisweilen nicht geliefert. Eisenmangel ist bei jungen Frauen nicht selten, da sie das Eisen, das im Blutfarbstoff Haemoglobin enthalten ist, bei der Menstruation verlieren. Bei schwererem Eisenmangel kann zuwenig Haemoglobin gebildet werden und es kommt zur Blutarmut. Auch in der Schwangerschaft ist der Eisenbedarf erhöht. Wenn er mit der Nahrung nicht gedeckt werden kann, muss Eisen mit Medikamenten zugeführt werden. Besonderheiten für Schwangere Für die Anwendung der intravenösen Präparate Venofer und Ferinject bei Schwangeren gelten zusätzliche Einschränkungen und Vorsichtsmassnahmen. Diese sind für beide Präparate gleich: In den ersten drei Monaten der Schwangerschaft sollten intravenöse Eisenpräparate aus Vorsicht nicht eingesetzt werden. In diesem Entwicklungsstadium ist das ungeborene Kind besonders empfindlich. Es gibt keine Hinweise, dass es zu Missbildungen beim Menschen kommt, aber die Erfahrungen mit der Anwendung bei Frauen in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft sind ungenügend. Auch ab dem vierten Schwangerschaftsmonat ist mit der Gabe von intravenösem Eisen Vorsicht geboten, da die Erfahrungen mit den beiden erwähnten Präparaten auch in dieser Zeit begrenzt sind. Experten empfehlen, intravenöses Eisen bei Schwangeren nur bei schwererem Eisenmangel (mit Blutarmut) zu geben und natürlich nur dann, wenn Präparate zum Schlucken nicht angewendet werden können. Nutzen und Risiken Der Nutzen muss sorgfältig gegen die Risiken abgewogen werden. Was den Nutzen betrifft, ist wichtig, dass ein Eisenmangel bei der Mutter, der zur Blutarmut führt, für Mutter und Ungeborenes schädlich ist und behoben werden muss. Was die Risiken betrifft, sind beim intravenösen Eisen vor allem die Überempfindlichkeitsreaktionen wichtig. Sie können in seltenen Fällen schwerwiegend sein (z. B. Blutdruckabfall, Atembeschwerden) und die Schwangere und das Ungeborene besonders gefährden. Der Arzt muss auf die Behandlung solcher Reaktionen vorbereitet sein und wird bei der Schwangeren vorsichtig dosieren. Mehr Informationen sind zu finden unter: Schweizerisches Heilmittelinstitut 2 Hebamme.ch 9/2012 Sage-femme.ch

5 Neuigkeiten der DGHWi Die Deutsche Gesellschaft für Hebammenwissenschaft (DGHWi e.v.) gehört seit Juni 2012 zum Kreis der Fachgesellschaften, die vor abschliessenden Entscheidungen des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) stellungnahmeberechtigt sind. Damit wird der DGHWi gemäss SGB V, 92, 7d, ein Mitspracherecht zur Bewertung von Untersuchungs- und Behandlungsmethoden im betreffenden Fachbereich eingeräumt. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) ist unter Aufsicht des Bundesministeriums für Gesundheit und im Rahmen gesetzlicher Bestimmungen das oberste Gremium zur Pädagogische Hochschule Zentralschweiz (Hrsg.) Handbuch zur Information und Reflexion über weibliche Genitalverstümmelung: Ansätze, Herausforderungen und Empfehlungen für Fachpersonen. Das Handbuch betrachtet weibliche Genitalverstümmelungen in ihrem sozialen Kontext unter Berücksichtigung des Gesundheitsbereichs, der Angebote für die betroffenen Frauen, der Asyl- und Integrationsfragen, der rechtlichen Aspekte, des Kinder- und Jugendschutzes und der Prävention. Es versucht, Lösungen Sicherung der gesundheitlichen Versorgung in Deutschland. Durch das SGB V hat er unter anderem den Auftrag zur Bestimmung des Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenversicherungen. Das Gremium setzt sich zusammen aus Mitgliedern der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, der Deutschen Krankenhausgesellschaft, des GKV-Spitzenverbandes (Interessensvertretung der gesetzlichen Krankenkassen) und akkreditierten Patientenverbänden. Der Schweizerische Hebammenverband (SHV) gratuliert dem DGHWi zur Stellungnahmeberechtigung! Handbuch zur weiblichen Genitalverstümmelung......und neuer Videoclip «Terre des Femmes Schweiz» und die «African Mirror Foundation» haben mit finanzieller Unterstützung des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) einen kurzen Präventionsund Sensibilisierungsfilm in Deutsch, Französisch, Englisch, Tigrinya und Somali zum und mögliche Hilfestellungen für die betroffenen Frauen zu erarbeiten, indem es sich auf deren Empfehlungen und Vorschläge stützt. Das Buch, soeben ist es mit Unterstützung des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) in deutscher Sprache erschienen, wird von der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz, Luzern, herausgegeben. zentrum-menschenrechtsbildung/ publikationen Thema weibliche Genitalverstümmelung produziert. Den Videoclip finden Sie unter: Neue Publikation des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums (Obsan) Internet: Nutzungsverhalten von Jugendlichen untersucht Jugendliche und junge Erwachsene in der Schweiz surfen jeden Tag durchschnittlich zwei Stunden im Internet. Nur eine kleine Minderheit zeigt ein exzessives und damit problematisches Nutzungsverhalten. Dies zeigt ein Bericht des Bundesrates. Mit seinem Bericht beantwortet der Bundesrat die Postulate Forster-Vannini ( ) und Schmid-Federer ( ) zum Gefährdungspotenzial von Internet und Online-Games. Das World Wide Web zählt zu den beliebtesten Freizeitaktivitäten der Schweizer Jugend: Jugendliche verbringen an Wochentagen durchschnittlich rund zwei Stunden im Internet, an freien Tagen knapp eine Stunde mehr. Die Nutzungsdauer variiert jedoch stark: Einige sind nur wenige Minuten online, andere surfen täglich mehrere Stunden im Web. Die allermeisten Jugendlichen und jungen Erwachsenen nutzen das Internet indes Christa Vangelooven, Dirk Richter, Petra Metzenthin Zugewandertes Pflegeassistenzpersonal und Brain Waste I. Quantitative Daten zur Soziodemografie, Qualifikation und beruflichen Motivation Obsan Dossier 20 (Bericht auf Deutsch, mit Französischer Zusammenfassung) Von «Brain Waste» wird gesprochen, wenn Migrantinnen und Migranten ihre im Herkunftsland erworbenen beruflichen Qualifikationen im Zuwanderungsland nicht nutzen können. Diese explorative, quantitative Studie geht der Frage nach, wie gross das Ausmass an Brain Waste unter dem in der Schweiz eingewanderten Pflegeassistenzpersonal ist und inwieweit ein Potential für (Re-) Qualifikation besteht. Der Volltext ist zu finden unter: index/05/publikationsdatenbank.html? publicationid=4862 in einem angemessenen zeitlichen Rahmen. Ein problematisches Nutzungsverhalten weisen nur rund 2,3% von ihnen auf. Eine exzessive Internetnutzung geht häufig Hand in Hand mit physischen und psychischen Beschwerden, denn der Kontrollverlust über die Online-Zeiten wirkt sich auf das Ernährungsverhalten, die Bewegung und den Schlafrhythmus aus, und das vermehrte Sitzen vor dem Rechner kann zu Muskelabbau und Haltungsschäden führen. Personen mit exzessiver Internetnutzung neigen zudem eher zum Suchtmittelkonsum und leiden häufiger unter psychischen Problemen wie Angststörungen, Depressivität oder ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) als die Durchschnittsbevölkerung. Quelle: BAG, Bern, August 2012 Mehr Informationen unter: Bundesamt für Gesundheit (BAG) Hebamme.ch Sage-femme.ch 9/2012 3

6 Dossier Editorial In guter Hoffnung in der Betreuung von Frauen m Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett stellen für alle Frauen, besonders Liebe Leserin, liebe Leser Genau zehn Jahre ist es her, seit das Bundesamt für Gesundheit (BAG) die Strategie «Migration und Gesundheit» verabschiedet hat. Damit erteilt das BAG den Anbietern im Gesundheitswesen den Auftrag, verstärkt auf die gesundheitliche Situation und die Bedürfnisse der Migrationsbevölkerung einzugehen. Sich ihr besonders anzunehmen ist nämlich keine blosse Gefälligkeit, sondern ein entscheidender Faktor, um die in dieser Gruppe erhöhten Morbiditäts- und Mortalitätsrisiken zu senken. Gefordert wurden umfassende Schulungen in transkultureller Kompetenz sowie die Schaffung von abgestimmten Strukturen und Angebote im Gesundheitswesen. Wo stehen wir heute? Immer mehr Hebammen sind in der Lage, empathisch auf junge Ausländerfamilien einzugehen oder wissen unter anderem auch, dass die Migrations- bzw. Integrationsgeschichte ihre Gesundheitsressourcen und -stressoren beeinflusst. Aber: Inadäquater Umgang und Konflikte kommen weiterhin vor und geht es hart auf hart, wird schnell auf vorgefasste Meinungen zurückgegriffen und damit sind Missverständnisse vorprogrammiert, der Bedarf an Dolmetschenden ist bei weitem nicht gedeckt, innovative Lösungsmodelle sind unter dem aktuellen Spardruck schwer durchzusetzen und das migrationspolitische Klima ist rau, restriktiv, und es wird zwischen erwünschten und nicht erwünschten Migrationsgruppen unterschieden. Das geht auch an uns Hebammen nicht spurlos vorbei! Es bleibt den Gesundheitsinstitutionen und den auf der politischen Ebene Handelnden noch sehr viel zu tun, um Arbeitsbedingungen und geburtshilfliche Angebote zu schaffen, die uns in die Lage versetzen, die erworbenen Kompetenzen überhaupt umzusetzen. Gerade im Bewusstsein, dass oft die schwierigsten Klientinnen auch die schwächsten sind, müssen wir Hebammen weiterhin genau hinschauen, auf individuelle Besonderheiten eingehen und uns auf eine lebenslange Beziehungsarbeit mit immer wieder anderen Gebärenden, mit anderen Vorstellungen, aus anderen Ländern einlassen. Paola Origlia Ikhilor, Hebamme, Dozentin Berner Fachhochschule Gesundheit, Bern beim ersten Kind, hochsensible und vulnerable Lebensphasen dar. Eingebettet in sozio-kulturelle Lebenswelten und typische Traditionen, Bräuche, Denk- und Wertemuster führen diese Phasen zu einer Veränderung an die Rollenerwartung im Frau- und Mutter-Sein und gelten so als kritische Übergänge in der weiblichen Biographie. Frauen mit Migrationshintergrund erfahren diese Situationen abseits ihrer gewohnten sozio-kulturellen Strukturen und sind somit vor besondere Herausforderungen gestellt. Dieser Artikel beleuchtet einige der Besonderheiten der geburtshilflichen Betreuung von Frauen mit Migrationshintergrund und umreisst die Anforderungen einer migrationssensiblen Versorgung im Sinne eines transkulturellen Kompetenzbegriffes in der Geburtshilfe. Kulturelle Kompetenz Fit im Umgang mit Anderen Die kulturelle und ethnische Heterogenität unserer Gesellschaft bedingt eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie die Begegnung der Kulturen auf gesamtgesellschaftlicher, aber auch individueller Ebene gelingen kann. Je nach Fokussierung fallen die Definitionen eines kulturellen Kompetenzbegriffes unterschiedlich aus und thematisieren einerseits die strukturellen Bedingtheiten des sozialen Kontextes und andererseits die direkten, zwischenmenschlichen Interaktionsformen. Da Menschen in ihrem interaktiven und kommunikativen Handeln sensibel auf unterschiedliche Einflussgrössen des Miteinanders reagieren, ist der kulturelle Kompetenzbegriff nicht als statische Leitlinie Dr. Barbara Schildberger ist Hebamme, studierte Soziologie, Psychologie und Pädagogik und promovierte an der Johannes-Kepler-Universität in Linz am Institut für Soziologie zum Thema «Transkulturelle Kompetenz in der Geburtshilfe». Ihre Doktorarbeit wurde im Jahre 2011 in einer überarbeiteten Version im Mabuse-Verlag aufgelegt. Zurzeit leitet sie den FH Bachelorstudiengang Hebamme an der FH Gesundheitsberufe Oberösterreich in Linz. zu standardisieren, vielmehr muss er die Intentionen und Motivlagen der Interaktionspartner berücksichtigen: «Cultural intelligence means being skilled and flexible about understanding a culture, learning more about it from your ongoing interactions with it, and gradually reshaping your thinking to be more sympathetic to the culture and your behavior to be more skilled and appropriate when interacting with others from the culture.» 1 Als wesentlicher Faktor einer kulturellen Kompetenz gilt das Verstehen, die Abstimmung und Toleranz über die kulturellen Wertesysteme aller an der Interaktion beteiligten Personen. Erst vor diesem Hintergrund kann der jeweiligen Situation entsprechend kulturell kompetent interagiert und kommuniziert werden. 2 4 Hebamme.ch 9/2012 Sage-femme.ch

7 Fremde zur geburtshilflichen it Migrationshintergrund Kulturelle Kompetenz in der Gesundheitsversorgung Kulturelle Kompetenz im Gesundheitswesen bedeutet nun einerseits, kultursensible Versorgungsstrukturen zu schaffen und so z. B. Massnahmen zur störungsfreien Verständigung bei sprachlicher Vielfalt zu implementieren oder die Gestaltung des Speiseplans auf unterschiedliche Essgewohnheiten hin auszurichten. Andererseits gilt es, jegliche Beratungs-, Betreuungs- und Pflegehandlungen auf Normen und Wertvorstellungen der eigenen Kultur hin zu überdenken und, wenn erforderlich, zugunsten neuer migrationssensibler Konzepte und Strategien abzuändern. 3 So umfasst transkulturelle Kompetenz auf individueller Ebene nach Domenig die Komponenten Selbstreflexion, Wissen, Erfahrung und Empathie und «stellt nicht Kulturen ins Zentrum, sondern die Interaktion zwischen Pflegenden und MigrantInnen. Interaktion beinhaltet das Aufeinandertreffen von unterschiedlichen Lebenswelten und Lebenserfahrungen». 4 Aspekte von Transkulturalität in der peripartalen Betreuung Die jeweiligen lebensweltlichen Bedingtheiten und individuellen biographischen Erfahrungen prägen unweigerlich die Wahrnehmungs-, Denk-, Handlungsund Haltungsdispositionen von Menschen sowie deren Kommunikationsund Interaktionsstrukturen. So können für geburtshilfliche Betreuungsprozesse im transkulturellen Kontext vornehmlich acht interdependente und die Betreuungsqualität massgeblich beeinflussende Dimensionen festgemacht werden: 1. Kommunikationsfähigkeit 2. Erwartungen an die Geschlechterrolle bzw. Mutterrolle 3. Erwartungen an die Rolle der Klientinnen/Patientinnen, Rolle der medizinischen Berufe 1 Thomas, Inkson 2004, S Vgl.: Losche, Püttker 2009, S Vgl.: Zielke-Ndkarni 1997, S Domenig 2001, S Vgl.: Schildberger 2011, S. 123ff. 6 Vgl.: Schildberger 2011, S. 125ff 7 Vgl.: schildberger 2011, S. 130ff 8 Vgl.: Zimmermann 2000, S Vgl.: Srivastava 2007, S Kulturell geprägte Einstellungen zu und Erwartungen an Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett 5. Familie und soziales Umfeld 6. Ängste und Unsicherheiten 7. Wissen um sozio-kulturelle Bedingtheiten 8. Spezifische kulturelle Gepflogenheiten in der peripartalen Betreuung 5 Der Kulturbegriff als Synonym für gesellschaftliche Pauschalisierungen Ungeachtet der globalen Vernetzung jeglicher sozialer Systeme wird der Begriff der Kultur nach wie vor mit dem Verständnis begrenzter Nationen bzw. Regionen gleichgesetzt. Ein so angedachter Kulturbegriff ignoriert allerdings die intra- und multikulturelle Heterogenität von Kultursystemen, pauschalisierte Sozialcharaktere und pointiert so soziale Unterschiedlichkeiten. Sensible transkulturelle Betreuungskonzepte im geburtshilflichen Kontext müssen in der Lage sein, die individuellen Bedürfnisse der zu betreuenden Frauen und Familien in den Mittelpunkt zu stellen und dabei die individuell unterschiedlichen Lebenswelten zu berücksichtigen. 6 Verstehen und verstanden werden Gut zu wissen Migration, also die freiwillige oder nicht freiwillige geographische und soziale Wanderung von Menschen ist als Phänomen so alt wie die Menschheit selbst. 14 Der dem Wanderungsprozess vorangehende Entscheidungsprozess beruht auf einem Vergleich von Faktoren (z.b. Arbeitsbedingungen, ökonomische Dimensionen), die eine Region attraktiv erscheinen lassen oder zur Abwanderung veranlassen. Lee bezeichnete in seinen Theorien zur Migration diese Faktoren als Push- und Pull-Faktoren (die nebst persönlichen Faktoren und unterschiedlichen, eventuell vorhandenen Hürden wie z.b. Einwanderungsgesetzen) die Entscheidung zur Migration massgeblich beeinflussen. 15 Diesem Verständnis einer bewussten, rationalen Entscheidung zur Migration ist allerdings entgegenzuhalten, dass im Falle einer Fluchtmigration nur jene Überlegungen greifen, die ein Entkommen aus der Region und ein Überleben ermöglichen. Nach Schätzungen des UN-Flüchtlingshochkommissariats UNHCR befinden sich weltweit 43,7 Millionen Menschen aufgrund von Verfolgung oder gewaltsamer Vertreibung auf der Flucht. 16 Ein spezifisches und quantitativ bedeutendes Phänomen ist die Heiratsmigration, wobei solche Ehen besonderen Herausforderungen ausgesetzt sind, «weil die Ehepartner wegen der sehr unterschiedlichen Herkunfts- und Lebensbedingungen sehr viel grössere Aufgaben der ehelichen Anpassung und der gemeinsamen Ausgestaltung der Partnerschaft zu lösen haben.» 17 Adäquate Kommunikationsfähigkeiten in allen Situationen des Alltags gelten als Voraussetzung der sozialen Partizipation. Sprachbarrieren sind vor allem in nichtalltäglichen Settings für die Betroffenen eine besondere Herausforderung und Belastung. So generiert die Fähigkeit, eigenen Bedürfnissen und Befindlichkeiten ausreichend Ausdruck verleihen zu können, zu einer wesentlichen Grundlage einer gelungenen peripartalen Betreuung. 7 Abgesehen von den syntaktischen Anforderungen jeder Sprache verweisen aber vor allem die semantischen und pragmatischen Aspekte des Sprachgebrauchs auf die Subtilität von Kommunikation. So gilt es demnach nicht nur Informationen auszutauschen, sondern die kulturellen Bezugssysteme und die darin verborgenen Normen- und Wertesysteme der Kommunikations- und Interaktionspartner wahrzunehmen und abzugleichen. 8 Diesem Verständnis folgend kann demnach eine linguistische und eine kulturelle Interpretation unterschieden werden, wobei die Besonderheit des «Cultural Interpreters» im Gegensatz zur Funktion des herkömmlichen Dolmetschers darin liegt, zusätzlich zu dem Gesagten auch die subtilen, nonverbalen Aspekte der Sprache im jeweiligen kulturellen Kontext übersetzen, deuten und vermitteln zu können. 9 Die Verteidigung der Ungestörtheit Die Wahrung der Intimsphäre während der Geburt ist eine Forderung, die abgekoppelt von soziokulturell geprägten Vorstellungen eines Schamgefühls bedacht werden muss. Vielmehr ist die Schaffung einer geschützten, für die Gebärende angenehmen Atmosphäre eine Voraussetzung für eine physiolo- Hebamme.ch Sage-femme.ch 9/2012 5

8 Folgende Tabelle zeigt die ständige Wohnbevölkerung und verdeutlicht die heterogene Demographie der Schweiz. gische Endokrinologie während der Geburt. 10 «Auch wenn mitteleuropäische Frauen gelernt haben, Schamgefühle in manchen Situationen abzubauen und ihre Sexualität aufgeschlossener zu leben, ist der Schutz der Intimsphäre während der Geburt doch ein kulturübergreifendes, allen Frauen gemeinsames Thema.» 11 Die Familie als wichtiges soziales Kapital Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett gelten als besonders vulnerable Phasen im Leben einer Frau, in welchen die Familie und das soziale Netzwerk als überaus wichtige Ressource fungieren. Werden diese Beziehungen durch Migration getrennt, gehen für die Frau und die Familie wichtige Unterstützungsleistungen verloren. Besonders diesen Frauen und Familien gilt es mit niedrigschwelligen Angeboten umfassenden Support zukommen zu lassen. «Das Kennenlernen von anderen Müttern und Kindern, der Erfahrungsaustausch, konkrete Hilfestellungen, emotionaler Beistand und der Aufbau von Freundschaften sind nur einige der überaus wichtigen Komponenten, welche die junge Familie vor Überlastung und Gefahren einer sozialen Deprivation und Isolation schützen.» 12 Unterschiedliche Bedürfnisse erfordern flexible Lösungen Transkulturalität in der Geburtshilfe Mit der Begrifflichkeit einer transkulturellen Betreuungskompetenz sind jene sozial-kommunikativen, personalen, fachlichen und handlungsrelevanten Fertigkeiten, Fähigkeiten und Motivationsstrategien subsumiert, die einen kultursensiblen Umgang im Hinblick auf spezifische Lebenswelten, Traditionen und Bedingtheiten zu arrangieren in der Lage sind. Vor allem muss aber eine transkulturelle Kompetenz in der Geburtshilfe so gefasst sein, «dass die Würde jedes Menschen, die Identität des Individuums geachtet wird.» 13 Fazit In Tausend In % Total Bevölkerung ohne Migrationshintergrund Bevölkerung mit Migrationshintergund* Generation und höhere Generation Personen mit nicht bestimmbaren Migrationsstatus *) inkl. Ausländer der dritten und höheren Generation Tabelle 1: Ständige Wohnbevölkerung ab 15 Jahren nach dem für die Integrationsmessung angepassten Migrationsstatus 18. Durch weltweite Mobilitätsbewegungen wurden tiefgreifende soziale Strukturveränderungen auf gesamtgesellschaftlicher aber auch individueller Ebene initiiert. Davon ausgehend müssen im Gesundheitswesen sowohl intra- als auch extramural Strukturen geschaffen werden, welche die Gesundheitsversorgung für Menschen mit Migrationshintergrund sicherstellen. So wird zukünftig der Grad der Partizipation am Gesundheitswesen zunehmend als Massstab einer gesellschaftlichen Integration gelten. Eine Herausforderung eines auch politisch angestrebten Miteinanders innerhalb ethnischer Vielfalt ist die Sensibilisierung und Motivation der Menschen, einander wertfrei, vorurteilsfrei, respektvoll und empathisch jenseits aller kulturellen Zuschreibungen zu begegnen. Konkretes für die Praxis 1. Bei Sprachbarrieren ist unbedingt zu gewährleisten, dass eine Möglichkeit gegenseitiger Verständigung (z. B. Cultural Interpreter, Dolmetscher) geschaffen wird. 2. Die Frauen und Familien sollen zeitgerecht über die organisatorischen Rahmenbedingungen und geburtshilflichen Betreuungskonzepte der Einrichtung aufgeklärt werden. 3. Die Frauen sollen dazu angehalten werden, ihre Wünsche und Bedürfnisse anzusprechen. Diese gilt es dann in Kooperation mit der Frau mit den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten innerhalb der gegebenen Rahmenbedingungen abzugleichen. 4. Die Würde der Frau, die Identität der Frau ist vor dem Hintergrund ihrer kulturell geprägten Lebenswelt, ihrer kulturell geprägten Denk-, Wahrnehmungs-, Handlungs- und Verhaltensstrukturen zu achten. 5. Die Betreuung von Frauen soll jenseits trennender eigen- und fremdkultureller Zuschreibungen erfolgen. 6. Das Betreuungskonzept soll die sozialen und familiären Bedingtheiten der Frauen beachten, einer Deprivation und Isolation der Frauen ist durch die Schaffung umfassender gesellschaftlicher Partizipationsmöglichkeiten entgegenzuwirken. 7. Um transkulturell kompetent zu betreuen, werden nicht nur umfassendes Wissen um die kulturellen Systeme und die kulturellen Gepflogenheiten zwischenmenschlicher Interaktion und Kommunikation vorausgesetzt, sondern auch jene persönlichen Einstellungen, Menschen mit Migrationshintergrund wertfrei, respektvoll und empathisch begegnen zu wollen. Menschen mit Migrationshintergrund haben einerseits durch den Verlust ihrer Lebenswelt einen Trennungs- und Trauerprozess zu bewältigen 19 und andererseits die Herausforderungen neuer sozialer Rahmenbedingungen zu bestehen. Die mit dem Migrationsprozess verbundenen Gefühle beschreibt Machleidt als «Emotionslogik der Gefühle», die drei Phasen durchlaufen. Die erste Phase des Migrationsprozesses ist geprägt von Gefühlen der Freude und Neugier, aber auch Trauer und Schmerz. Die zweite Phase wird als kritische Phase der Integration bezeichnet, in der Gefühle der Angst in der Auseinandersetzung mit den neuen Aspekten der Aufnahmekultur vorherrschen. Nach Machleidt ist mit dem Aufbau einer 10 Vgl.: Odent 2001, S Schildberger 2011, S Schildberger 2011, S Schildberger 2011, S Vgl.: Han 2006, S Vgl.: Lee 1972, S. 117ff. 16 Vgl.: 17 Sechster Familienbericht. Familien ausländischer Herkunft in Deutschland, Schweizerische Arbeitskräfteerhebung (SAKE) Zuletzt aktualisiert am: 24. Januar /07/blank/dos2/01.html 19 Vgl.: Kürsat-Ahler 2000, S Vgl.: Machleidt 2009, S. 34f. 21 Vgl.: Berry 1997, S Vgl.: Faltermaier 2005, S. 93f. 23 Vgl.: Collatz 1998, S Vgl.: Akbal 1998, S Hebamme.ch 9/2012 Sage-femme.ch

9 Kosovo Portugal Albanien Brasilien Senegal Kontakt Dr. Barbara Schildberger, M.A. Studiengangsleitung Studiengang Hebamme FH Gesundheitsberufe OÖ GmbH Campus Gesundheit an der Landes-Frauen und Kinderklinik Krankenhausstrasse A Linz (Österreich) Tel Internet: bikulturellen Identität ein gelungener Migrationsprozess abgeschlossen, welcher durch Gefühle des Erfolgs und der Befriedigung gekennzeichnet ist. 20 Dieser im Aufnahmeland stattfindende Akkulturationsprozess wird wesentlich unter anderem von unterschiedlichen Vorstellungen, Erwartungen und Orientierungen, den Partizipationszugeständnissen und der Nutzung der Partizipationsmöglichkeiten sowie der Interaktions- und Kommunikationsmodi zwischen der einheimischen und der zugewanderten Bevölkerung geprägt. 21 Im Migrationsprozess sind Menschen spezifischen, gesundheitsgefährdenden Stressoren ausgesetzt, welche zu psychischen und physischen Belastungsstörungen oder Krankheiten führen können. Lebensbedrohliche Erfahrungen, Traumata und Existenzängste sowie unbefriedigende Integrationsprozesse, 22 schlechter sozioökonomischer Status, geringe Bildung und mangelndes Gesundheitsbewusstsein 23 beeinflussen den Gesundheitszustand von Betroffenen nachhaltig. Sprachbarrieren, Analphabetismus, mangelnde Informationen über den Aufbau der Versorgungsstrukturen 24 werden unter anderem als Gründe für eine nicht adäquate Nutzung des Gesundheitssystems genannt. Literatur Akbal Safile (1998): Migrant/innen in Österreich und Europa ihre mangelnde Integration im Gesundheitswesen und Perspektiven. S In: David M., Borde Th., Kentenich H. (Hrsg.) (1998): Migration und Gesundheit: Zustandsbeschreibung und Zukunftsmodelle, Mabuse-Verlag GmbH, Frankfurt/Main. Berry J.W. (1997): Immigration, Acculturation, and Adaptation. International Association of Applied Psychology, Applied Psychology: An International Review, 1997, 46(1). 5 68, Wiley-Blackwell, New Jersey. Collatz J. (1998): Kernprobleme des Krankseins in der Migration Versorgungsstruktur und ethnozentrische Fixiertheit im Gesundheitswesen. S In: David M., Borde Th., Kentenich H. (Hrsg.) (1998): Migration und Gesundheit: Zustandsbeschreibung und Zukunftsmodelle. Mabuse-Verlag GmbH, Frankfurt/Main. Domenig D. (Hrsg.) (2001): Professionelle Transkulturelle Pflege. Verlag Hans Huber, Bern. Faltermaier T. (2005): Migration und Gesundheit: Fragen und Konzepte aus einer salutogenetischen und gesundheitspsychologischen Perspektive. S In: Marschalck P., Wiedl K.H. (Hrsg.) (2005): Migration und Krankheit, V&R unipress GmbH, Göttingen. Han P. (2006): Theorien zur internationalen Migration: Ausgewählte interdisziplinäre Migrationstheorien und deren zentrale Aussagen, UTB für Wissenschaft Uni-Taschenbücher GmbH, Lucius & Lucius, Stuttgart. Kürsat-Ahler E. (2000): Migration als psychischer Prozess. S In: David M., Borde Th., Kentenich H. (Hrsg.) (2000): Migration-Frauen-Gesundheit. Perspektiven im europäischen Kontext, Mabuse-Verlag GmbH, Frankfurt/Main. Lee Everett S. (1972): Eine Theorie der Wanderung. S In: Szell, Gyorgy (Hrsg.) (1972): Regionale Mobilität, Nymphenburger Verlagshandlung GmbH, München. Losche H., Püttker St. (2009): Interkulturelle Kommunikation. Theoretische Einführung und Sammlung praktischer Interaktionsübungen, 5. überarbeitete und erweiterte Auflage, Verlag Ziel Zentrum für interdisziplinäres erfahrungsorientiertes Lernen GmbH, Augsburg. Machleidt W. (2009): Interkulturelle Psychiatrie/Psychotherapie und Integration psychisch kranker MigrantInnen, In: Heinrich-Böll-Stiftung (2009) (Hrsg.): Migration und Gesundheit Dossier, S , Berlin Odent M. (2001): Wie Wurzeln der Liebe. Wie unsere wichtigste Emotion entsteht, Patmos Verlag GmbH & Co.KG, Düsseldorf. Schildberger B. (2011): Transkulturelle Kompetenz in der Geburtshilfe. Ein neues Paradigma der peripartalen Betreuung, Mabuse-Verlag GmbH, Frankfurt/Main. Srivastava R. (2007): The Healthcare Professional s Guide to Clinical Cultural Competence, Elsevier Canada, Toronto. Thomas D.C., Inkson K. (2004): Cultural Intelligence. People Skills for Global Business, Berrett-Koehler Publishers, Inc., San Francisco. Zielke-Nadkarni A. (1997): Theoretische Grundlagen der interkulturellen Pflege. S In: Uzarewicz Ch., Piechotta G. (Hrsg.) (1997): Transkulturelle Pflege. Im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft Ethnomedizin, Curare Sonderband Nr. 10, VWB Verlag für Wissenschaft und Bildung, Berlin. Zimmermann E. (2000): Kulturelle Missverständnisse in der Medizin. Ausländische Patienten besser versorgen, Verlag Hans Huber, Bern. Links Sechster Familienbericht Familien ausländischer Herkunft in Deutschland. Leistungen Belastungen Herausforderungen und Stellungnahme der Bundesregierung 2000, Drucksache 14/4357 download/6_familienbericht.pdf Zugriff am 23. Mai 2012 Schweizerische Arbeitskräfteerhebung (SAKE) Zuletzt aktualisiert am: /07/blank/dos2/01.html Zugriff am 23. Mai 2012 United Nations High Commissioner for Refugees UNHCR Zugriff am 24. Mai 2012 Hebamme.ch Sage-femme.ch 9/2012 7

10 Chancengleichheit von Frauen mit Migrationshintergrund im Modell der Hebammengeburt Die autonome Hebammenarbeit, wie sie im Modell der Hebammengeburt zur Umsetzung kommt, und die Migrationsthematik sind hochaktuelle Themen, die oft unabhängig voneinander diskutiert werden. In einer schweizerischen Klinik, die Hebammengeburten anbietet, zeigte sich, dass fremdsprachige Migrantinnen im Hebammengeburtskollektiv fehlen. So drängte sich die Frage auf, ob anderssprachige Migrantinnen die gleiche Zugangsmöglichkeit zur Hebammengeburt haben wie deutschsprachige Frauen und Schweizerinnen. Wie steht es um die Chancengleichheit? Antworten darauf wurden im Rahmen einer Bachelor-Thesis erarbeitet. Melanie Gerber (links), 1988, dipl. Hebamme BSc, arbeitet im Geburtshaus Storchenäscht, Othmarsingen. Kontakt: Gabriella Grassi (rechts), 1986, dipl. Hebamme BSc, arbeitet im Regionalspital Burgdorf. Kontakt: Ziel unserer Arbeit war es, durch eine Evaluation in der betreffenden Klinik, die Ursachen für das Fehlen fremdsprachiger Migrantinnen bei den Hebammengeburten zu ermitteln und den chancengleichen Zugang zu überprüfen. Dazu wurden semistrukturierte qualitative Interviews mit Hebammen und Ärzten geführt. Die Daten werteten wir nach Mayring (2003) aus. Demographische Daten wurden quantitativ erhoben und mit deskriptiver Statistik ausgewertet. Ein weiteres Ziel war, über die Fachliteratur festzustellen, welche systemischen Ursachen bekannt sind und wie das Problem gelöst werden könnte. Sozialepidemiologische Befunde zur Gesundheitssituation der Migrationsbevölkerung Diverse nationale und internationale Studien (CH, DK, GB) zeigen, dass der Gesundheitszustand der Migrationsbevölkerung im Vergleich zur einheimischen Bevölkerung schlechter ist [5, 7, 9, 12]. Im Kontext der reproduktiven Gesundheit sind bei Migrantinnen 8 Hebamme.ch 9/2012 Sage-femme.ch die Raten der Säuglingssterblichkeit und der perinatalen Mortalität erhöht [1]. Auch perinatale Komplikationen werden bei Migrantinnen häufiger festgestellt als bei einheimischen Frauen [5, 7]. Die Migrationsbevölkerung scheint zudem einen erschwerten Zugang zum Gesundheitssystem zu haben [1]. Die Ursachen dafür sind multifaktoriell, komplex und noch nicht umfassend geklärt [1, 6]. Obwohl Verständigungsschwierigkeiten bei der Betreuung von Migrantinnen das Hauptproblem sind [7], werden professionelle Übersetzungshilfen in der Schweiz bis anhin nicht in nennenswertem Umfang genutzt [12]. Qualität und Kosteneffizienz der autonomen Hebammenarbeit Im Vergleich mit dem konventionellen Arzt-Hebammen-Modell hat die autonome Hebammenarbeit ohne Arzt/Ärztin markante Vorteile. Dazu gehören die verminderte Anzahl an Interventionen und die vermehrten Spontangeburten bei gleichbleibendem maternalem und fetalem Outcome [2, 4, 8, 11]. Daneben führt die Hebammengeburt zu einer sehr guten Betreuungsqualität, Kosteneffizienz und zu zufriedenen Klientinnen [2]. Diese Vorteile könnten auch Migrantinnen zu Gute kommen. Ursachen für das Fehlen von fremdsprachigen Migrantinnen bei den Hebammengeburten Die klinikinterne Evaluation der Hebammengeburt 2009 ergab, dass Migrantinnen allgemein im Hebammengeburtskollektiv proportional stark untervertreten sind. Fremdsprachige Migrantinnen fehlten bei den Hebammengeburten gänzlich [14]. Die Gründe dafür sollten geklärt werden. Auch fragte man sich, ob fremdsprachige Frauen die gleichen Chancen für eine Hebammengeburt haben wie Deutschsprachige und ob dieses Angebot so konzipiert ist, dass Chancengleichheit möglich ist. Die Befragung von Hebammen und Ärzten der untersuchten Klinik ergab, dass die inkonsequente und oder mangelhafte Aufklärung der Frauen der Hauptgrund für das Fehlen von anderssprachigen Migrantinnen bei den Hebammengeburten ist. Man muss annehmen, dass die Migrantinnen das bestehende Angebot nicht kannten. Die Befragten gaben an, dass zu einem grossen Teil der Zeitdruck in der Betreuung und Sparmassnahmen in der Klinik zu diesen Problemen bei der Aufklärung geführt haben. Fremdsprachigen Migrantinnen konnte also aufgrund von Sparmassnahmen nur beschränkt ein Übersetzungsdienst zur Verfügung gestellt werden. In der Analyse wurde auch deutlich, dass die verwendeten Informationskanäle, wie Internet und Broschüren, die Informationsbroschüre über die Hebammengeburt selbst, aber auch das Aufklärungsverfahren zu kompliziert, inadäquat und nicht migrationsgerecht waren. Weitere wichtige Ursachen für das Fehlen anderssprachiger Migrantinnen bei der Hebammengeburt waren neben den Verständigungsproblemen, migrationsspezifische und kulturelle Faktoren, wie bspw. der oft geringere Bildungsstand oder eine kulturell bedingte verminderte Entscheidungskompetenz von Frauen. Fehlende Chancengleichheit? Die befragten Hebammen und Ärzte kommentierten die Chancengleichheit kritisch. Oft wurde geäussert, dass Migran-

11 tinnen die gleiche Chance zur Hebammengeburt hätten, vorausgesetzt diese verfügen über Deutschkenntnisse. Orientiert man sich aber an der Definition der «Chancengleichheit» nach Whitehead (1991) so wird deutlich, dass man diese nicht an Bedingungen oder Voraussetzungen knüpfen darf. Entweder haben alle die gleichen Chancen, oder eben nicht. Spricht eine Person eine andere Sprache und versteht oder erhält deswegen wichtige Informationen nicht, dann besteht keine Chance, die gleiche Versorgung zu erhalten, wie Sprachkundige. Eine weitere grundsätzliche Frage im Zusammenhang mit der Beurteilung der Chancengleichheit ist, ob Migrantinnen überhaupt den Wunsch haben, das Angebot der Hebammengeburt zu nutzen. Die Befragten konnten über deren Bedürfnisse nur vage Vermutungen anstellen, denn sie erleben die Bedürfniserhebung bei Migrantinnen als sehr schwierig. Es ist also unklar, ob bei Migrantinnen der Wunsch nach Hebammengeburten besteht und deshalb konnte auch nicht abschliessend beantwortet werden, ob die unterschiedliche Anzahl fremd- und deutschsprachiger Klientinnen bei den Hebammengeburten mit fehlender Chancengleichheit begründet werden muss. Eine detaillierte Bedürfnisanalyse durch direkte Befragung von Migrantinnen wäre daher notwendig. Aber warum erleben es die Befragten schwierig, die Bedürfnisse von Migrantinnen zu erheben? Um diese wesentliche Frage zu beantworten, wurden die Ressourcen des Personals im Umgang mit Migrantinnen untersucht kurz: Wie steht es um die transkulturelle Kompetenz? Die transkulturelle Kompetenz Schlüssel zum Verstehen Die transkulturelle Kompetenz hat zum Ziel, den unterschiedlichen Lebenswelten und Überzeugungen von Migrantinnen und Migranten gerecht zu werden und dadurch eine erfolgreiche Zusammenarbeit zu ermöglichen. Sie basiert auf den drei Grundpfeilern «Selbstreflexion» der Fachpersonen, deren «Hintergrundwissen» über die Betreuungsanforderungen nach der Migration sowie ihre Fähigkeit «Erfahrung und Empathie» in der Zusammenarbeit umzusetzen [3]. In der Befragung zeigte sich, dass die Hebammen nur ungenügende Kenntnisse über das Konzept der transkulturellen Kompetenz haben. Nur zwei von neun befragten Hebammen gaben an, zu diesem Thema eine Fortbildung besucht zu haben, wovon nur eine Hebamme dieses Konzept auch anwendet. Letzteres könnte darauf hindeuten, dass dieses Konzept zu abstrakt und zu theoretisch vermittelt wurde und deshalb in der Praxis nicht umgesetzt wird. Fazit und Empfehlungen Die Ursachen für das Fehlen anderssprachiger Migrantinnen bei den Hebammengeburten sind komplex, weil migrationsspezifische, institutionelle und persönliche Faktoren zusammenwirken. Damit in Zukunft auch fremdsprachige Migrantinnen das Angebot der Hebammengeburt uneingeschränkt nutzen können, wurden basierend auf den Befragungsergebnissen Empfehlungen für die untersuchte Klinik erarbeitet. Um Verständigungsprobleme zu lösen scheint es grundlegend, die bisherige Finanzierung und Organisation des Übersetzungsdienstes zu überdenken und allfällige Alternativen zu prüfen. Die Informationsmaterialien über die Hebammengeburt sollten angepasst werden. Sie sollten in mehrere Sprachen übersetzt und das Layout migrationsgerecht adaptiert werden. Zudem ist sehr zu empfehlen, eine Zusammenarbeit mit Migrationsnetzwerken und interkulturellen Vermittlungsdiensten aufzubauen, um auch die zielgruppenspezifische Verbreitung dieser Informationen zu verbessern. Ein weiteres Element für die Verbesserung der Betreuung von Migrantinnen liegt darin, das Personal in transkultureller Kompetenz zu schulen. Dadurch werden nicht nur zeitraubende Missverständnisse verhindert, sondern die gesamte Betreuung adäquater gestaltet und auch die Bedürfnisse besser erhoben. In diesem Zusammenhang soll die Ablösung des konventionellen Anamneseverfahrens durch eine transkulturell ausgerichtete Anamnese in Betracht gezogen werden, damit die individuelle Gesundheitsgeschichte und die Lebensbedingungen erfasst werden können. Die Schaffung eines klinikinternen, interdisziplinären Gremiums für Migrationsfragen stellt eine Möglichkeit dar, die Thematik auf verschiedenen Ebenen der Institution zu verankern und das gesamte Personal dafür zu sensibilisieren. Zur vollständigen Beurteilung der Chancengleichheit ist eine Bedürfnisanalyse bei Migrantinnen bezüglich der Hebammengeburt erforderlich. Dieser Artikel beruht auf der Bachelor-Thesis «Chancengleichheit im Modell der Hebammengeburt Frauen mit Migrationshintergrund im Fokus», 2011, die zum Abschluss des Hebammenstudiums an der Berner Fachhochschule (BFH) geschrieben wurde. Verfügbar unter (Pfad): > Hebamme > Publikationen. Bibliografie Gerber, M. & Grassi, G. (2011). Chancengleichheit im Modell der Hebammengeburt. Frauen mit Migrationshintergrund im Fokus. Wie kann Chancengleichheit für die hebammengeleitete Geburt erreicht werden? Bedürfnisanalyse bei fremdsprachigen Migrantinnen Finanzierung professioneller Übersetzungsdienste Migrationsspezifische Anpassung der Informationsbroschüren Schulungen des Personals in transkultureller Kompetenz Einführung der transkulturellen Anamnese Gremium für Migrationsfragen einsetzen Eigenreflexivität und Zeitmanagement des Personals mit Fallbesprechungen und Supervision fördern Interdisziplinärer Fachaustausch und Teambildungs-Events Literatur [1] Bundesamt für Gesundheit BAG (2007). Strategie Migration und Gesundheit (Phase II: ). Bern: BAG. [2] Detzel P. & Künzi K. (2007). Innovation in der ambulanten Grundversorgung durch vermehrten Einbezug nichtärztlicher Berufsleute. Literaturübersicht und Einschätzung von Berufsvertreter/innen [Electronic version]. Schweizerisches Gesundheitsobservatorium (Obsan). Arbeitsdokument 27. [3] Domenig D. (2007). Transkulturelle Kompetenz. Lehrbuch für Pflege-, Gesundheits und Sozialberufe (2. Aufl.). Bern: Huber. [4] Eide B.I., Vika Nilsen A.B., Rasmussen S. (2009). Births in two different delivery units in the same clinic A prospective study of healthy primiparous women. BMC Pregnancy and Childbirth, 9: 25. [5] Gissler M., Alexander S., Macfarlane A., Small R., Stray-Pedersen B., Zeitlin J., et al. (2009). Stillbirths and infant deaths among migrants in industrialized countries. Acta Obstetrica et Gynecologica, 88, [6] Graham H., Kelly M.P. (2004). Health Inequalities: Concepts, Frameworks and Policy. 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12 Mamamundo.ch ein Beitrag zur Integration durch Geburtsvorbereitung Anja Hurni (links), Projektleiterin von Mamamundo, Hebamme MSc (Reproductive and Sexual Health Research), Kursleiterin für Geburtsvorbereitung Methode Menne-Heller, Arbeitseinsätze mit Médecins sans frontières in der Demokratischen Republik Kongo und in Kenia, somalisches Flüchtlingslager). Anja Hurni ist Dozentin an der Berner Fachhochschule (BFH) und frei praktizierende Hebamme. Doris Wyssmüller (rechts), stellvertretende Projektleiterin von Mamamundo, Hebamme MSc (Midwifery, Schwerpunkt Migration), langjährige Tätigkeit als Hebamme auf der Geburtsstation der Frauenklinik des Inselspitals in Bern, Weiterbildung in transkultureller Pflege, Schwerpunkt «Female Genital Mutilation» (FGM). Frau Hurni, mamamundo.ch bietet Migrantinnen, die nicht oder wenig Deutsch sprechen, Geburtsvorbereitungskurse an. Welche Gruppe von Frauen möchten Sie mit Ihrem Angebot besonders ansprechen? Grundsätzlich steht das Angebot allen Frauen/Paare der ausgewählten Sprachgruppen offen. Insbesondere möchten wir Frauen erreichen, die sozial benachteiligt sind und solche, die erst seit kurzem in der Schweiz leben. Welche Ziele verfolgt mamamundo.ch und hatten Sie Vorbilder für Ihr Projekt? Als «Mentorinnen» konnten wir die Hebammen Evelyne Roulet und Monika Maag vom Verein «Pan-milar» gewinnen. Ähnlich ihrem erfolgreichen Projekt im Kanton Waadt wollen wir die Gesundheitskompetenz von Frauen und Paaren mit Migrationshintergrund stärken. Wir möchten ihnen einen Raum bieten, um Fragen zu stellen, sich auszutauschen, Informationen zu Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett in ihrer Sprache zu erhalten dies alles sensitiv auf ihre Lebenswelten angepasst. Auch sollen sie sich in entspanntem Rahmen mit Körperübungen auf die Geburt vorbereiten können. Seit wann bieten Sie die Kurse an und wer finanziert bzw. unterstützt Ihr Angebot? Die Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern (GEF), Abteilung Gesundheitsförderung und Sucht, finanziert unser Projekt und die Krankenkassen bezahlen pro Frau CHF 100. aus der Grundversicherung. Den Kurs bieten wir seit März 2012 an. Wie viele Frauen haben bis anhin von Ihrem Angebot Gebrauch gemacht und aus welchen Kulturen stammen Sie? Von März bis Juni dieses Jahres waren es sieben Frauen aus Eritrea, eine Frau aus Äthiopien, sieben Somalierinnen, eine Nigerianerin, eine Tamilin, eine Chinesin und eine Vietnamesin, die unseren Kurs besucht haben. Auf welche Zeit ist Ihr Pilotprojekt angelegt und wie realistisch sind die Chancen, dass Sie es nach Ende dieses Jahres weiterführen können? Das Projekt dauert 17 Monate bis Februar 2013 (5 Monate Aufbau 10 Monate Druchführungsphase plus 2 Monate Evaluation). Ob es weitergeführt wird, hängt von quantitativen und qualitativen Variablen ab. Die GEF ist grundsätzlich daran interessiert, längerfristige Projekte finanziell zu unterstützen. Im Moment schätzen wir die Chancen gut ein, denn wir konnten die Kurse gemäss Projektplan durchführen und haben von den Frauen erfreuliche Rückmeldungen erhalten. Wer unterstützt Sie bei der Bekanntmachung Ihres Angebotes? Zentrale Schlüsselpersonen sind die interkulturellen Übersetzerinnen und die Teilnehmerinnen. Sie sorgen für Mundzu-Mund-Propaganda. Wir vernetzen uns zudem mit Organisationen und Institutionen des Asyl- oder Migrationsbereich, mit Sozialdiensten, Mütter-Väterberatung und mit MigrantInnenvereinen. Sehr wichtig sind auch die Hebammen der ambulanten Hebammensprechstunde der Frauenklinik am Inselspital in Bern, zudem Privatspitäler und GynäkologInnen der Region. Die Bekanntmachung und Sensibilisierung des Angebots ist eine zeitaufwändige Tätigkeit. Mit welchen Schwierigkeiten und Herausforderungen bezüglich der Schwangerschaft/Geburt sind Frauen, die ihre Kurse besuchen, konfrontiert und wie reagieren Sie darauf? Oft sind dies Fragen zu medizinischen Interventionen oder Befunden, welche die Frauen verunsichern. Wir erklären und geben Grundlagenwissen zur Anatomie und Physiologie weiter, dies kann beruhigen. Oftmals wissen sie nicht, wie viel sie unter der Geburt selber bestimmen können. Im Kurs lernen sie beispielsweise, dass sie bei physiologischem Verlauf die Geburtspositionen selber wählen dürfen und üben dieselben. Die Frauen fühlen sich dadurch in ihrer Autonomie gestärkt. Welche Aspekte liegen Ihnen und Doris Wyssmüller in diesem Projekt besonders am Herzen? Für die Frauen: Dass sie sich körperlich und emotional auf die Geburt und die Zeit danach gut vorbereitet und sicherer fühlen. Sozialpolitisch: Einen Beitrag zur Chancengleichheit im Gesundheitswesen für Familien mit Migrationshintergrund und deren Integration zu leisten. Das Interview mit Anja Hurni führte Wolfgang Wettstein, Redaktor Hebamme.ch Mamamundo Geburtsvorbereitungskurse in Ihrer Sprache Frauen und Paare mit Migrationshintergrund und geringen Deutschkenntnissen besuchen selten Geburtsvorbereitungskurse. Mamamundo bietet neu in der Region Bern Kurse in Albanisch, Tamilisch, Tigrinya, Somalisch, Französisch und Englisch an. Sie werden von einer Hebamme und einer interkulturellen Übersetzerin geleitet. Die Kurssequenzen finden 5 Mal vor und 1 Mal nach der Geburt statt. Mehr Informationen unter: 10 Hebamme.ch 9/2012 Sage-femme.ch

13 Kommunikation zwischen Hebammen und fremdsprachigen Frauen unter der Geburt Eine qualitative Studie zur Interaktion zwischen Hebammen und fremdsprachigen gebärenden Frauen, kombiniert mit der Entwicklung eines Kommunikationshilfsmittels. Fokus Eveline Stupka, 1957, dipl. Hebamme, Sozialarbeiterin BSc, Doktorandin bei Prof. Dr. J. Behrens am Institut für Gesundheitsund Pflegewissenschaft an der Universität Halle Saale, Deutschland. Kontakt: Ziele In der Literatur existieren keine wissenschaftlich belegten Empfehlungen zu Kommunikation und Interaktion zwischen Hebammen und fremdsprachigen Frauen unter der Geburt. Eine grundlegende Voraussetzung für ein befriedigendes Geburtserlebnis ist das Vertrauen zwischen der Hebamme und der fremdsprachigen gebärenden Frau. Aufgrund der diskordanten Gesprächssituationen ist Partizipation nur schwer möglich. Ein Ziel meiner Studie war die Exploration der subjektiven Einschätzungen der fremdsprachigen Frauen mit ihren Geburtserlebnissen in der Schweiz. Weitere Ziele waren die Entwicklung von Literatur zu Ritualen, Bräuchen und pflegerelevanten kulturellen Bedürfnissen rund um die Mutterschaft und die Entwicklung von Kommunikationsmedien, die in der Praxis einfach angewandt und zum Beziehungsaufbau wie auch unter der Geburt effektiv eingesetzt werden können. Methoden Evaluation des Piktogrammbüchleins und des Buches über Rituale, Bräuche und pflegerelevante religiöse Bedürfnisse durch Hebammen Die Validität des Hilfsmittels soll durch Einbezug der Hebammen überprüft werden. Aktuell werden die Büchlein in drei Spitälern der Schweiz und in zwei in Österreich angewendet. Der nächste Schritt wäre eine Studie zum Outcome der Geburten bei fremdsprachigen Frauen nach Anwendung der Piktogramme. Laut einigen Aussagen von Hebammen, die aktuell die Piktogramme mit fremdsprachigen Frauen unter der Geburt anwenden, sind die Reaktionen auf die Piktogrammbüchlein allgemein sehr positiv. Sie seien ansprechend und handlich, laut Aussage von Angelika Sams, der Leiterin Hebammen des Salzburger Universitätsklinikums (SALK) mit 2000 Geburten pro Jahr, davon mind. 550 Geburten, fast 30%, fremdsprachiger Frauen, werden die Unterlagen immer mehr beansprucht. Die Erfahrungen damit seien sehr gut. Es sei eine grosse Hilfe, wenn Frauen ein paar «heimatliche» Wörter hörten oder sich durch Zeigen auf die Bilder verständlich machen könnten. Vor allem das Buch über die Bräuche, Sitten und Religionen der Frauen komme sehr gut an. Das sei Für diese qualitativ-ethnographische Studie wurden als Zielpopulation fremdsprachige Frauen, die in der Schweiz geboren haben, gewählt. Die subjektiven Einschätzungen von fremdsprachigen gebärenden Frauen sind in der Schweiz bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht in die Beurteilung der Qualität von Geburtsbegleitung einbezogen worden. Um dem Anspruch des Evidence-based-Nursings zu entsprechen, basiert die aktuelle Studie unter Verwendung eines Auswertungsleitfadens auf 18 Einzelinterviews und 28 Interviews in Fokusgruppengesprächen. Im Kontext dieser Interviews wurde mit den fremdsprachigen Frauen ein Buch zu Ritualen, Bräuchen und pflegerelevanten Bedürfnissen rund um die Mutterschaft in 18 Kulturkreisen erarbeitet und ein Instrument zum Vertrauensaufbau und zur Kommunikation zwischen Hebammen und fremdsprachigen gebärenden Frauen entwickelt (participatory action research). Ergebnisse Das Kommunikationshilfsmittel beinhaltet Zeichnungen, Bilder und Fotos zu verschiedenen unter der Geburt wichtigen Handlungen. Das Hauptmerkmal des Hilfsmittels liegt darin, dem Anspruch auf Partizipation und Chancengleichheit von fremdsprachigen Frauen unter der Geburt näherzukommen. Aus der Analyse der Interviews mit den fremdsprachigen Frauen wurde deutlich, wie wichtig Kommunikation und Interaktion unter der Geburt sind. Das entwickelte Kommunikationshilfsmittel wurde in 18 Sprachen übersetzt und beinhaltet 30 einfache Sätze, die nur fragmentierte, doch informative Kommunikation zwischen Hebammen und fremdsprachigen gebärenden Frauen möglich machen. Vermutet wird, dass dank dieser einfachen Kommunikation eine individuelle Geburtsbegleitung möglich wird eine grosse Bereicherung und werde von den Gynäkologie-Ambulanzfachfrauen und Ärzten ausgeborgt. Neu werden die Büchlein auch in Wien im Hanusch-Krankenhaus angewendet. Die Aussagen von Hebammen aus der Universitätsfrauenklinik in Bern mit 1300 Geburten pro Jahr, 50% davon mit fremdsprachigen Frauen, über den Einsatz der Piktogramme zeigen, dass Verständigungsprobleme alltäglich sind und deshalb die Relevanz gegeben ist. Die Büchlein ermöglichen eine wohlwollende, freundliche Begegnung. Die Hebammen beschreiben freudige Reaktionen der Frauen. Die bildlichen Illustrationen gefallen sehr und werten die Büchlein im Gegensatz zu «reinen» Wörterbüchern auf. Die Büchlein ersetzen aber keinesfalls ein Gespräch mit Dolmetscherinnen. Vor allem die Sprachen, welche typischerweise von Frauen mit sehr schlechten Deutschkenntnissen gesprochen werden, etwa von Frauen aus Somalia und Eritrea, werden benutzt. Das Konzept wird von der leitenden Hebamme begrüsst und als bestehendes Arbeitsinstrument anerkannt. und dies letztendlich allen Beteiligten zu einem positiven Geburtserlebnis verhilft. Schlussfolgerungen Mit den Interviews wurden erstmals retrospektiv die subjektiven Erfahrungen von fremd-sprachigen Frauen zu ihren in der Schweiz erlebten Geburten in eine Studie einbezogen. Das in dieser Studie entwickelte, einfache Instrument ermöglicht eine einfache Kommunikation und das Buch über Rituale und pflegerelevante Bedürfnisse hilft bei der Vermeidung von kulturellen Irritationen. Die Weiterentwicklung des Instrumentes für den Einsatz bei der Befragung post partum beziehungsweise beim Nachgespräch der Geburt durch die Hebamme wird angestrebt. Stupka Eveline: Kommunikation zwischen Hebammen und fremdsprachigen Frauen unter der Geburt eine qualitative Studie zur Interaktion zwischen Hebammen und fremdsprachigen gebärenden Frauen, kombiniert mit der Entwicklung eines Kommunikationshilfsmittels. Halle, Univ., Med. Fak., Diss., 80 Seiten, Hebamme.ch Sage-femme.ch 9/

14 Krank als Sans Papiers wo medizinische Hilfe finden? Ein Interview mit Linda Stoll und Walter Schäppi, Meditrina, Medizinische Anlaufstelle für Sans-Papiers, SRK Kanton Zürich Linda Stoll, Pflegefachfrau mit 15 Jahren Berufserfahrung in diversen Fachgebieten, seit neun Jahren mit dem Schwerpunkt professionelle humanitäre Arbeit, Auslandeinsätze mit Médecins sans Frontières (MSF) und dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), begleitet von Studium in Internationaler Gesundheit. Seit März 2012 ist Linda Stoll bei Meditrina tätig. Walter Schäppi, Dr. med. FMH Allgemeine Medizin. Nach 29 Jahren Tätigkeit als Familienarzt im Zürcher Weinland seit 2008 bei Meditrina. Während 20 Jahren Mitarbeit in Kooperationsprojekten in der Republik Belarus (Weissrussland) im Zusammenhang mit Folgen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im Jahr Meditrina ist eine medizinische Anlaufstelle für Menschen deren Aufenthaltsstatus in der Schweiz nicht geregelt ist und denen dadurch der Zugang zum öffentlichen Gesundheitswesen erschwert oder verwehrt ist. Liebe Frau Stoll, lieber Herr Schäppi, Meditrina wurde im Jahr 2006 von Médecins sans Frontières gegründet und im Jahr 2010 vom SRK übernommen. Wer beansprucht Ihr Hilfsangebot? Es handelt sich um Personen ohne geregelten Aufenthalt in der Schweiz, sogenannte Sans-Papiers, sowie ArbeitsmigrantInnen aus Niedriglohnländern, Armutsflüchtlinge und abgewiesene Asylsuchende. Die meist unregelmässigen und niedrigen Einkünfte stellen neben der Angst vor Denunziation ein grosses Hindernis dar, einen Vertrag mit einer Krankenkasse abzuschliessen und somit Zugang zu dem öffentlichen Gesundheitswesen zu erhalten. Oftmals fehlt es auch an Informationen. Abgewiesene Asylsuchende haben nur für medizinische Notfälle Versicherungsschutz, in einigen Kantonen wird er komplett sistiert. Aus welchen Ländern kommen die Menschen, die Ihre Hilfe benötigen? Vor allem aus Lateinamerika und der Karibik, aber auch aus europäischen Ländern, aus Subsahara-Afrika, aus Nordafrika, aus 12 Hebamme.ch 9/2012 Sage-femme.ch dem Nahen und Mittleren Osten, aus den Republiken der ehemaligen Sowjetunion sowie aus Asien. Welche Hilfe bieten Sie an und welche Angebote werden am häufigsten beansprucht? Die medizinische Grundversorgung steht oftmals im Vordergrund. Die Basis bildet eine sorgfältige Erstabklärung möglichst in der Sprache der Hilfesuchenden. Dabei kommen oft auch soziale, finanzielle und psychische Probleme zur Sprache. Je nach Problematik werden die Hilfesuchenden an andere Stellen weitergewiesen. Auch generelle Informationen bezüglich des schweizerischen Gesundheitssystems sind ein wichtiges Thema. Wie gross ist der Anteil der Frauen in der Gruppe der Hilfesuchenden? Frauen bilden rund 54 Prozent der Hilfesuchenden von Meditrina Welches sind die häufigsten Gründe, weshalb Frauen zu Ihnen kommen? Zahnbeschwerden, gynäkologische Beschwerden, diverse Infektionskrankheiten, psychische Problematiken sowie Beschwerden des Bewegungsapparates sind die häufigsten Gründe für Frauen, Meditrina aufzusuchen. Sind Schwangerschaft und Geburt ein Thema bei Ihren Beratungen? Nein, eher selten. Das Angebot für den kostenlosen Schwangerschaftstest wird teilweise genutzt, eine allfällige Schwangerschaftsbetreuung wird von Meditrina organisiert und von externen Stellen übernommen. Hat sich die Struktur Ihrer Klientinnen und Klienten in den vergangenen Jahren verändert, und wenn ja, wie? Seit Mitte 2011 stellen wir eine Zunahme von Hilfesuchenden aus dem osteuropäischen Raum fest. Seit Frühjahr 2012 ist auch der südliche EU-Raum zunehmend vertreten. Es handelt sich dabei um Arbeitssuchende, die mehrheitlich bereits im Herkunftsland von Arbeitslosigkeit betroffen waren und seit längerer Zeit keinen Zugang zu adäquater medizinischer Versorgung hatten. Mit welchen Organisationen und Institutionen arbeiten Sie bei medizinischen Fragen, die sie vor Ort nicht lösen können, zusammen? Wir verfügen über ein Netzwerk von mehr als fünfzig allgemeinen sowie spezialisierten Ärztinnen und Ärzten. Diese ermöglichen in ihren Praxen, gegen einen Minimalbetrag, weitere medizinische Abklärungen und Betreuung. Eine enge Zusammenarbeit besteht mit der gynäkologischen Sprechstunde der Stadt Zürich, der «Lunge Zürich» (ehemals Lungenliga) sowie der Zürcher Aidshilfe. Bei einer Hospitalisation bestehen besondere Vereinbarungen mit den öffentlichen Spitälern. Von wem wird Meditrina finanziert? Meditrina wird mit Stiftungsgeldern und Eigenmitteln finanziert. Prävention ist in der Arbeit von Meditrina ein wichtiger Aspekt. Warum ist dem so? In den generell sehr schwierigen Lebenssituationen der Hilfesuchenden steht die Gesundheit meist nicht an erster Stelle. Entsprechend wird erst in einem späten Stadium einer Krankheit um Hilfe ersucht. Deshalb kommt der Prävention eine besondere Bedeutung zu. Grundlegende gesundheitsrelevante Elemente wie Ernährung und Hygiene sowie Vorsorgeuntersuchungen sind regelmässig Themen in Gesprächen. Was liegt Ihnen bei Ihrer Arbeit mit den Menschen, die Ihre Hilfe brauchen, besonders am Herzen? Linda Stoll: Für mich ist es wichtig, eines der humanitären Rechte, das Recht auf Gesundheitsversorgung, umsetzen zu können. Die Bildung eines Vertrauensverhältnisses zu den Hilfesuchenden ist mir ein grosses Anliegen. Dies ist die Grundlage jeglicher Beratung und kann somit einen wichtigen Teil zur Selbsthilfe beitragen. Walter Schäppi: Die empathische Begleitung in schweren, oft nicht optimal lösbaren Lebenssituationen der Hilfesuchenden ist mir ein grosses Anliegen. Das Interview führte Wolfgang Wettstein, Redaktor Hebamme.ch

15 Geburt im interkulturellen Kontext Ein Interview mit Mojgan Kallenbach-Mojgani, «comprendi?», Berner Vermittlungsstelle für interkulturelle Übersetzerinnen und Übersetzer, ein Angebot der Caritas Bern. Frau Kallenbach, aus welchen Überlegungen wurde «comprendi?» im Jahr 2006 gegründet und zu welchem Zweck? Die Gründung von «comprendi?» ermöglichte es, die Ressourcen der verschiedenen Anbieter im Bereich der interkulturellen Verständigung zu bündeln. Auch aufgrund der steigenden Nachfrage wurde so eine kundenfreundliche, zentrale Ansprechstelle im Kanton Bern geschaffen. Die Dienstleistung konnte in der Folge professionalisiert werden. Wer steht hinter «comprendi?», also wer finanziert Ihre Vermittlungsstelle und mit wem arbeiten Sie regelmässig zusammen? «comprendi?» finanziert sich mehrheitlich durch die Erträge der Dienstleistung selber, also durch Aufträge von Institutionen aus dem Gesundheits-, Sozial- und Bildungsbereich. Im Rahmen der Gewährleistung der spezifischen Integrationsförderung leistet der Bund einen Beitrag zur Finanzierung. Mit den Städten Bern, Biel und Thun bestehen Leistungsvereinbarungen. Die Dienstleistung kann somit für deren Stadtverwaltungen sowie ihnen angegliederten Institutionen zu einem reduzierten Tarif genutzt werden. «comprendi?» ist im Kanton Bern sehr gut vernetzt. Dies sowohl mit diversen Auftraggebenden, insbesondere dem Inselspital und den Spitälern der Spital-Netz Bern AG, als auch mit verschiedenen Therapieeinrichtungen, den Sozialdiensten, Schulen und Bildungsinstitutionen. Eine weitere Zusammenarbeit besteht mit intercultura, die mit Ausbildungsangeboten und Schulungen für die Professionalisierung des interkulturellen Übersetzens zuständig ist sowie mit der schweizerischen Interessensgemeinschaft für interkulturelles Übersetzen und Vermitteln INTERPRET. «comprendi?» vermittelt interkulturelle Übersetzerinnen und Übersetzer. Was ist unter dem Begriff «interkulturelles Übersetzen» zu verstehen? Interkulturelles Übersetzen ermöglicht die gegenseitige Verständigung zwischen Gesprächspartnerinnen und -partnern unterschiedlicher sprachlicher und kultureller Herkunft. Interkulturelle Übersetzerinnen und Übersetzer kennen situationsbedingte Probleme oder Konflikte und können angemessen auf Missverständnisse reagieren. Ein Beispiel: Im Iran wird eine Frau nach der Geburt 40 Tage lang nie allein gelassen. Deshalb kann für eine iranische Frau der Wochenbettaufenthalt ohne Angehörige in einem Spital in der Schweiz problematisch sein. Hier besteht die Aufgabe einer interkulturellen Übersetzerin darin, nebst der rein sprachlichen Übersetzung, auch diesen herkunftsspezifischen Aspekt zu klären. Inwiefern unterscheidet sich «interkulturelles Übersetzen» vom «traditionellen Übersetzen»? In traditionellen Übersetzungsschulen fehlt es an der Vielfalt der Sprachen und der Schwerpunkt der Ausbildung liegt bei den rein sprachlichen Aspekten der Kommunikation. Interkulturelle Übersetzerinnen und Übersetzer hingegen übersetzen nicht nur die Sprache, sondern berücksichtigen den kulturellen Hintergrund der jeweiligen Herkunftssysteme. Sie kennen sich im schweizerischen Gesundheits-, Sozial- und Bildungsbereich aus und können eine Brücke zwischen unterschiedlichen Lebenswelten schlagen. Welche Dienstleistungen bieten Sie an und in welchen Bereichen der Gesellschaft werden Ihre Dienstleistungen gebraucht? Die Dienstleistung von «comprendi?» wird von rund 2200 Kundinnen und Kunden im Gesundheits-, Sozial- und im Bildungsbereich des Kantons Bern genutzt. Der Pool von rund 300 interkulturellen Übersetzerinnen und Übersetzern in über 50 Sprachen ermöglicht eine hohe Flexibilität bei der Einsatzdisposition. Ein weiterer wichtiger Bestandteil des Angebotes ist die Sensibilisierung der Mitarbeitenden der Institutionen, die interkulturelle Übersetzerinnen und Übersetzer in Gesprächen und Beratungen einsetzen. «comprendi?» führt Schulungen durch, in denen über inhaltliche (z.b. Entscheid zum Einsatz einer interkulturellen Übersetzung, Rollenverhalten, trialoge Gesprächsführung) und administrative Themen (z. B. Auftragsabwicklung) informiert wird. «comprendi?» nimmt auch Dokumente, Urkunden, Informationsblätter zur schriftlichen Übersetzung entgegen und bietet für Vertragskunden Telefondolmetschdienste an. Nach welchen Kriterien werden die Übersetzerinnen und Übersetzer ausgewählt und eingesetzt? Hier gelten spezifische Anforderungskriterien, die eine qualifizierte Übersetzungsarbeit ermöglichen. Diese umfassen Aspekte aus dem sprachlichen Bereich (differenzierter Ausdruck in der hochdeutschen Sprache, Sensibilität für kommunikationsspezifische Aspekte), dem kulturellen Bereich (Kenntnisse der Wertvorstellungen der eigenen sowie der schweizerischen Kultur, eigene Integrationserfahrungen) und dem persönlichen Bereich (Vertrauenswürdigkeit, Bewusstsein der eigenen Migrationsgeschichte, Allgemeinbildung, Bereitschaft zur Weiterbildung). Durch unser Angebot an Aus- und Weiterbildungen sowie der Supervision können die interkulturellen Übersetzerinnen und Übersetzer ihr Wissen erweitern sowie ihre professionelle Berufspraxis reflektieren. Die interkulturellen Übersetzerinnen und Übersetzer werden je nach Gesprächskontext, ihren individuellen Weiterbildungen und teils auch auf Wunsch der Auftraggebenden eingesetzt. Welche Sprachen bzw. Übersetzungen in welche Sprachen werden bei «comprendi?» am häufigsten verlangt? Die meistgefragten Sprachen sind Tigrinya (Eritrea), gefolgt von Tamil und Albanisch. Das Interview führte Wolfgang Wettstein, Redaktor Hebamme.ch. «comprendi?» ist ein Angebot von Caritas Bern. Leitung Mojgan Kallenbach-Mojgani, geboren im Iran, lebt seit 27 Jahren im Ausland. Mutter zweier in der Schweiz geborener Kinder. Ausbildung als dipl. Sozialarbeiterin und Weiterbildung in Erwachsenenbildung, zusätzlich auch tätig als Lehrbeauftragte an der Fachhochschule Soziale Arbeit in Bern. Kontakt «comprendi?» Berner Vermittlungsstelle für interkulturelles Übersetzen Länggassstrasse 23, Postfach Bern 9 Tel Hebamme.ch Sage-femme.ch 9/

16 Aktivitäten des Bundesamtes für Gesundheit Neue Publikation zur Gesundheit der Migrationsbevölkerung Das zweite Gesundheitsmonitoring der Migrationsbevölkerung in der Schweiz gibt Aufschluss über den Gesundheitszustand, das Gesundheitsverhalten, die Gesundheitskompetenz und die Inanspruchnahme medizinischer Leistungen von Personen ausgewählter Nationalitäten. Jetzt ist eine Kurzfassung der Studienergebnisse in Deutsch und Französisch als Broschüre erhältlich. Um in der Schweiz gesundheitliche Ungleichheiten zwischen Personen mit und ohne Migrationshintergrund beobachten und dokumentieren zu können, ist 2004 im Rahmen des Nationalen Programms «Migration und Gesundheit» zum ersten Mal eine Gesundheitsbefragung in der Migrationsbevölkerung durchgeführt worden (GMM I) hat diese Befragung ein zweites Mal stattgefunden (GMM II): 3000 Personen ausländischer Nationalität sowie kürzlich Eingebürgerte gaben Auskunft zu verschiedenen Aspekten ihrer Gesundheit. Die Fragen waren mehrheitlich identisch mit jenen der Schweizerischen Gesundheitsbefragung. Ältere und Frauen besonders belastet Die Ergebnisse zeigen, dass Migranten und Migrantinnen, die erst seit kurzem in der Schweiz leben, weniger oft von dauerhaften Gesundheitsproblemen betroffen sind als die gleichaltrige einheimische Bevölkerung. Dies ist ein Hinweis auf den so genannten «healthy migrant effect», der darin besteht, dass vor allem gesunde Personen das Wagnis einer Migration in Angriff nehmen. Mit zunehmendem Alter und längerer Aufenthaltsdauer in der Schweiz geht die Schere zwischen Migrationsbevölkerung und Einheimischen jedoch auseinander: das heisst, die Migrationsbevölkerung weist verglichen mit der gleichaltrigen einheimischen Bevölkerung einen schlechteren Gesundheitszustand auf. Ältere Migrantinnen und Migranten leiden häufiger an psychischen und/oder körperlichen Problemen (beispielsweise Depression, Migräne, Bluthochdruck, Arthrose, Nieren- oder Lungenkrankheiten). Auch die subjektive Einschätzung der eigenen Gesundheit fällt deutlich schlechter aus als bei der einheimischen Bevölkerung. Frauen mit Migrationshintergrund sind von gesundheitlichen Problemen stärker betroffen als Männer. Vielschichtige Ursachen Ausbildungsniveau, Erwerbstätigkeit, Sprachkompetenz, Diskriminierungserfahrungen in der Schweiz und Erfahrungen mit Gewalt im Herkunftsland können einen Teil der Unterschiede erklären. Bei Migranten und Migrantinnen, die seit längerem in der Schweiz wohnen oder hier geboren worden sind, greifen Erklärungen anhand dieser Faktoren jedoch oft zu kurz. Möglicherweise sieht die Lage im Alter auch deshalb so prekär aus, weil ältere Migranten und Migrantinnen bei guter Gesundheit eher in ihr Herkunftsland zurückkehren, während jene mit gesundheitlichen Problemen eher in der Schweiz bleiben. Vermutlich führen aber auch langjährige schwierige Arbeitsbedingungen und belastende Lebensumstände dazu, dass Migrantinnen und Migranten mit zunehmendem Alter mehr gesundheitliche Probleme haben als die einheimische Bevölkerung. Mehr Zigaretten, weniger Alkohol Beim Gesundheitsverhalten zeigen sich ebenfalls verschiedene Unterschiede zwischen einheimischer Bevölkerung und Migranten bzw. Migrantinnen. Während der Tabakkonsum bei den befragten Migrantengruppen höher ist als bei den Einheimischen, ist der Alkoholkonsum tiefer. Bei der Ernährung und Bewegung zeigt die Migrationsbevölkerung ein etwas weniger gesundheitsförderliches Verhalten als die einheimische Bevölkerung und es sind auch mehr Personen von starkem Übergewicht betroffen. Bei der Inanspruchnahme von medizinischen Leistungen unterscheidet sich die Migrationsbevölkerung hingegen kaum von den Einheimischen. Insgesamt weisen Migranten und Migrantinnen eher weniger Arztbesuche auf wenn sie zum Arzt gehen, dann jedoch öfter zum Hausarzt oder zur Hausärztin. Einige der befragten Migrantengruppen nehmen Notfalldienste, Polikliniken und Spitalambulatorien häufiger in Anspruch als die einheimische Bevölkerung. Insgesamt zeigen die Ergebnisse des GMM II, dass in der Schweiz nach wie vor gesundheitliche Ungleichheiten zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund existieren. Für eine gezielte Prävention und Gesundheitsförderung sowie für Massnahmen zur Ermöglichung eines chancengleichen Zugangs zum Gesundheitswesen sind diese Daten eine wichtige Grundlage. Verschiedene Themen werden in diesem Jahr anhand des GMM-Datensatzes vertiefter analysiert. Der Datensatz steht interessierten Forscherinnen und Forschern auf Anfrage zur Verfügung. Link zum Forschungsbericht: (> Forschung) Dort kann auch die Kurzfassung der Studienergebnisse (auf Deutsch oder Französisch) bestellt oder heruntergeladen werden. Kontakt Karin Gasser, Projektleiterin Forschung, Nationales Programm Migration und Gesundheit, Nachdruck aus: Newsletter Swiss Public Health, 2/ Zusammenfassung Den in der Schweiz lebenden Migrantinnen und Migranten geht es gesundheitlich oftmals weniger gut als der einheimischen Bevölkerung. Dies belegt das zweite Gesundheitsmonitoring der Migrationsbevölkerung (GMM II), das im Herbst 2010 im Rahmen des Nationalen Programms «Migration und Gesundheit» durchgeführt wurde. Eine Kurzfassung der Studienergebnisse ist soeben als Broschüre erschienen. Anlässlich des GMM II gaben Zugewanderte aus der Türkei, Portugal, Serbien, dem Kosovo, Somalia und Sri Lanka Auskunft über ihren Gesundheitszustand, ihr Gesundheitsverhalten, ihre Inanspruchnahme medizinischer Dienstleistungen und ihre Gesundheitskompetenz. Link zum Forschungsbericht und zur Broschüre mit den wichtigsten Studienergebnissen: 14 Hebamme.ch 9/2012 Sage-femme.ch

17 Ungleiche Chancen auf ungetrübtes Familienglück Reproduktive Gesundheit von Migrantinnen in der Schweiz. Mütter und Neugeborene mit Migrationshintergrund sind deutlich weniger gesund als Schweizer Mütter und ihre Babys. Was die genauen Gründe dafür sind, bleibt zu klären. Im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit haben Paola Bollini, Philippe Wanner, Sandro Pampallona und Sarah Fall 2006 und 2010 zwei Forschungsprojekte zur reproduktiven Gesundheit der Migrationsbevölkerung durchgeführt. Der neuere Bericht bestätigt die Ergebnisse des ersten Berichts: Bestimmte Gruppen der in der Schweiz lebenden Migrationsbevölkerung sind im Bereich der reproduktiven Gesundheit erhöhten Risiken ausgesetzt. Schlechterer Start ins Leben Wie die Forschenden bereits 2006 feststellten, ist der Schwangerschaftsverlauf bei Migrantinnen prekärer als bei Schweizer Frauen. Eine Folge davon ist, dass bestimmte Nationalitäten bei den meisten verfügbaren Indikatoren zur Gesundheit von Neugeborenen schlecht abschneiden. So beträgt der Anteil der Babys mit einem tiefen Geburtsgewicht (unter 2500 Gramm) bei den portugiesischen und spanischen Neugeborenen 7,1 Prozent, bei den srilankischen und somalischen Neugeborenen 8,1 Prozent und bei angolanischen Neugeborenen 10,1 Prozent. Zum Vergleich: Bei den Schweizer Neugeborenen sind etwa 6,5 Prozent untergewichtig (Durchschnitt 2001 bis 2007). Ähnliche Differenzen gibt es bei der Kindersterblichkeitsrate. Bei Schweizer Kindern beträgt sie 5,19 pro 1000 Kinder (1987 bis 2007), bei Kindern aus Ex-Jugoslawien 5,59, bei spanischen Kindern 5,56, bei türkischen 7,19, bei vietnamesischen 8,18 und bei somalischen 8,37. Diese Unterschiede werden auch deutlich bei einer Analyse der Datenbank «Baby Friendly Health Facilities», die einen Drittel aller Geburten in der Schweiz abdeckt. Diese Daten ermöglichen auch statistische Analysen von Frühgeburten, Kaiserschnitten und Einlieferungen auf die Intensivpflegestation der Neonatologie. Diese Analysen zeigen, dass bei afrikanischen, lateinamerikanischen und asiatischen Frauen sowie bei Frauen aus anderen europäischen Ländern deutlich häufiger ein Kaiserschnitt vorgenommen wird. Die Überweisung von Neugeborenen auf die Intensivpflegestation ist höher bei afrikanischen und asiatischen Frauen sowie bei Frauen aus den Balkanländern und der Türkei. Höhere Müttersterblichkeit Eine Analyse der Zivilstandsdaten aus den Jahren 2000 bis 2006 zeigt, dass das Sterberisiko für gebärende Migrantinnen deutlich höher ist als für Schweizerinnen. Die Müttersterblichkeitsrate (Maternal mortality ratio MMR) lag bei den Schweizerinnen in diesem Zeitraum bei 2,9. Das heisst, 2,9 von Geburten endeten für die Mutter tödlich. Bei den ausländischen Frauen betrug die MMR im selben Zeitraum 12,7. Die MMR-Schere zwischen Schweizerinnen und Migrantinnen hat sich in den letzten vierzig Jahren stark geöffnet. Bei den Schweizerinnen ist die MMR von 19,2 (1969 bis 1979) kontinuierlich auf die besagten 2,9 (2000 bis 2006) gefallen. Bei den Migrantinnen ist die MMR von 15,0 (1969 bis 1979) auf 8,3 (1990 bis 1999) gesunken und anschliessend wieder auf 12,7 (2000 bis 2006) angestiegen. In absoluten Zahlen ausgedrückt sind in der Schweiz zwischen 1969 und 2006 total 204 Schweizerinnen und 75 Migrantinnen während oder kurz nach der Geburt gestorben. Verglichen mit Ländern in Afrika und Asien sind das sehr tiefe Zahlen; sie zeugen von einem generell guten Gesundheitszustand der Bevölkerung und einem guten Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen in Industrieländern. Trotzdem: Eine tiefe Müttersterblichkeitsrate und ein guter Schwangerschaftsverlauf sind wichtige Errungenschaften, die es unbedingt zu erhalten gilt. Der Anstieg des MMR bei den Migrantinnen und der generell schlechtere Gesundheitszustand der Neugeborenen von Migrantinnen in der Schweiz ist ein Warnzeichen. Insbesondere deshalb, weil die Müttersterblichkeitsrate als wichtiger Indikator für die Qualität des gesamten Gesundheitssystems gilt. Es sollten also Massnahmen ergriffen werden, um die Gesundheitsrisiken für die Migrationsbevölkerung zu vermindern. Die Studien Ein integriertes Indikatorensystem zur Erfassung der Gesundheit von Müttern und Kindern mit Migrationshintergrund in der Schweiz (Paola Bollini, Sarah Fall, Philippe Wanner 2010). Reproduktive Gesundheit von Migrantengruppen. Risikoungleichheit und Interventionsmöglichkeiten (Paola Bollini, Philippe Wanner et al. 2006). Link zu den Studien (nur Französisch) und ihren Kurzversionen (D/F/I/E): > Forschung > Projekte > Reproduktive Gesundheit von Migrantinnen Wissenslücken schliessen Die Autorinnen der Studie empfehlen, in erster Linie die Frage zu klären, weshalb der Gesundheitszustand der Mütter und Kinder aus ausländischen Gemeinschaften schlechter ist. Die Informationen über den Verlauf der Schwangerschaften der in der Schweiz lebenden Ausländerinnen (sowie der Schweizerinnen) beschränken sich heute auf die Zivilstandsstatistiken. Diese sind oft zu wenig informativ und erlaubten bis 2011 nicht, einen Bezug zu den sozioökonomischen Daten der Volkszählung herzustellen, da Angaben zum Geburtsdatum der Mutter fehlten. Grundsätzlich gibt es in der Schweiz keine systematische Untersuchung der Müttersterblichkeit, wie dies in anderen europäischen Ländern der Fall ist. Sie würde ermöglichen, die Ursachen besser zu verstehen und die Prävention zu verbessern. Bekannte Ursachen für den generell schlechteren Gesundheitszustand von Migrantinnen und Migranten sind Verständnis- und Verständigungsprobleme, unterprivilegierte Arbeits- und Lebensbedingungen oder gar illegaler Aufenthaltsstatus. Trotz Krankenversicherungsobligatorium kann es vorkommen, dass Migrantinnen unterversichert oder nicht versichert sind und Gesundheitsleistungen nicht in Anspruch zu nehmen wagen. Gemäss der Studie von 2010 haben zum Beispiel viele der schwange- Hebamme.ch Sage-femme.ch 9/

18 ren Migrantinnen Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren oder ausgeschafft zu werden. Bund ist aktiv Gegen die Zugangsbarrieren zum Gesundheitswesen hat der Bund im Rahmen des Nationalen Programms Migration und Gesundheit bereits Massnahmen ergriffen. Das sind zum Beispiel die in 18 Sprachen erhältliche Broschüre «Gesundheitswegweiser Schweiz» und die Plattform für Gesundheitsratgeber die das Schweizer Gesundheitswesen erklären und auch spezifische Informationen zur Versorgung bei Schwangerschaft und Geburt enthalten. Zudem fördert der Bund das interkulturelle Übersetzen (persönlich anwesende Übersetzende sowie Nationaler Telefondolmetschdienst) und unterstützt im Rahmen des Projekts «Migrant Friendly Hospitals» die Spitäler bei der Konzeption und Umsetzung von migrantenfreundlichen Aktionsprogrammen. Die Empfehlungen der Studie, gewisse Da- Nationales Programm Migration und Gesundheit Das Nationalen Programm Migration und Gesundheit wurde unter Einbezug des Bundesamts für Migration, der Eidgenössischen Kommission für Migrationsfragen, der Schweizerischen Gesundheitsdirektorenkonferenz, der Integrationsdelegierten der Kantone und Städte sowie des nationalen Forums für die Integration der Migrantinnen und Migranten erarbeitet. Es wird seit 2002 im Auftrag des Bundesrats umgesetzt und kommt vor allem Migrantinnen und Migranten mit niederem sozialem Status, wenig Gesundheitskompetenz und den entsprechenden gesundheitlichen Problemen zugute. Schwerpunkte sind nebst verschiedenen Forschungsvorhaben die Ausbildung von interkulturellen Übersetzerinnen und Übersetzern, die im Gesundheits- und Sozialwesen zu Einsatz kommen, ein nationaler Telefondolmetschdienst für den Gesundheitsbereich, ein E-Learning-Tool für Fachleute aus Medizin und Pflege sowie das Schweizer Netzwerk «Migrant Friendly Hospitals», das sich nach europäischem Vorbild formierte. Ein für Hebammen besonders interessantes Projekt ist das nationale Kompetenzzentrum für die Herstellung und Verbreitung von Gesundheitsinformationen in den geläufigsten Sprachen der Migrationsbevölkerung. Dort sind in der Rubrik Publikationen auch zahlreiche Broschüren zu Sexualität, Schwangerschaft und Säuglingspflege zu finden, die an Migrantinnen abgegeben werden können. Link zum Programm: tenlücken zu schliessen, um die Gesundheit von Müttern und Neugeborenen besser beobachten und analysieren zu können, nimmt der Bund ernst. Die Zuständigen beim Bundesamt für Gesundheit und beim Bundesamt für Statistik prüfen zurzeit, wie die Datengrundlage verbessert werden kann, um die Gesundheit von Müttern und Neugeborenen inskünftig besser zu analysieren und wirksame Präventionsmassnahmen zu entwickeln. Kontakt: Karin Gasser, Projektleiterin Forschung, Nationales Programm Migration und Gesundheit, Buchtipp Irena Brežná Die undankbare Fremde Roman Galiani Verlag Berlin, Berlin 2012 Gebunden, 140 Seiten, 16,99 EUR Dieser Roman besteht aus zwei ineinander geflochtenen Strängen. Zum einen erzählt die Autorin wie sie es erlebte als Flüchtling im Jahr 1968 aus der Tschechoslowakei in der Schweiz anzukommen und zum anderen ergänzt sie ihre Geschichte mit vielen Kurzgeschichten aus ihrer Tätigkeit als Dolmetscherin. Durch Irina Brežnàs persönliche Erfahrungen, aber auch die eingeflochtenen Geschichten, bekommt das Wort Migration eine neue Bedeutung. Von Anfang an taucht man in die Welt der Autorin ein. Sie zeichnet ein Bild der Schweiz, das einen zuerst schmunzeln lässt, dann aber auch nachdenklich stimmt. Von der jungen Frau wird Dankbarkeit erwartet als sie in der Schweiz ankommt. Doch sie sträubt sich dagegen, denn sie vermisst vor allem ihre Heimat. Sie hat eine Diktatur verlassen und kommt in ein Land, dass für ihre Eltern Freiheit bedeutet. Sie hingegen fühlt sich hier eingeengt, möchte sich nicht anpassen. Sie versteht die mitleidvollen Mienen der Schweizer nicht, wenn diese feststellen, dass sie aus ihrem Land geflohen ist. Schwierigkeiten im Umgang mit Gefühlen und mit damit, sich korrekt auszudrücken, führen zu grossen persönlichen Konflikten. Hier liegt auch der Grund dafür, dass ihre persönliche Integration lange nicht klappen will. Sie vermisst das Überschwängliche und das Verspielte, kann mit den für sie kalten, starren Gefühlsäusserungen und den unbekannten Umgangsformen nichts anfangen. Ich finde diesen Roman sehr lesenswert, da er so viele Facetten der Migration und Integration anspricht, die durch die Autorin persönlich geprägt sind. Durch die Geschichten, die sie als Dolmetscherin erlebt, zeigen einem auch wie unterschiedlich dieses Thema für jeden Einzelnen aussieht. Besonders spannend finde ich dies für unseren Beruf, da Schwangerschaft, Geburt und Familie so stark von der eigenen Kultur geprägt sind und getragen werden. Irina Brežnà brachte mich mit ihrem Roman dazu, bei Selbstverständlichkeiten aus dem Alltag wieder nach dem Warum und Wieso zu fragen und dabei auf interessante Antworten zu stossen. Béatrice Aellen, Hebamme, Universitätsspital Basel 16 Hebamme.ch 9/2012 Sage-femme.ch

19 Burgerstein Schwangerschaft & Stillzeit: Für einen guten Start ins Leben! Burgerstein Schwangerschaft & Stillzeit deckt den erhöhten Bedarf der Mutter an Mikronährstoffen während der Schwangerschaft und Stillzeit und unterstützt damit die gesunde Entwicklung des Kindes. Tut gut. Burgerstein Vitamine Erhältlich in Ihrer Apotheke oder Drogerie. voted byreaders T Vertrauenswürdigste Vitamin-Marke La marque des vitamines la plus digne de confiance 212 Reader s Digest Antistress AG, Gesellschaft für Gesundheitsschutz, CH-8640 Rapperswil-Jona Short Courses in International Health The Swiss Tropical and Public Health Institute (Swiss TPH), an associated institute of the University of Basel, offers a range of academic accredited courses for health professionals who wish to prepare themselves to work in global / international health. All courses encourage a student-centred learning approach. The courses are taught in English. Upcoming Health Care and Management in Tropical Countries (HCMTC) March 11 June 14, 2013 at Swiss TPH, Basel/Switzerland The course aims at introducing a range of skills and knowledge needed to work as public health professionals in resource poor settings taking into consideration the national, international and global policies and strategies. The course is accredited by the University of Basel and the European Network for Education in International Health as core module for the Master in International Health. Contents: Social science concepts and methods, epidemiology, statistic, reproductive and child health, tropical medicine, laboratory practice, intercultural communication, management strategies. Course fee: CHF For information and application forms: Swiss TPH Tel Course Secretariat Fax P.O. Box CH-4002 Basel Switzerland For further courses and detailed information

20 PR-WERBUNG Neutra-Medica Der verlässliche Versicherungspartner im Medizinalbereich Jede Berufsgattung ist anders, besonders in Versicherungsfragen. Um den versicherungstechnischen Ansprüchen der medizinischen und paramedizinischen Berufsgruppen gerecht zu werden, hat die Neutrass Versicherungs-Partner AG mit Sitz in Rotkreuz vor über 10 Jahren den Verein Neutra-Medica gegründet. Seit Beginn können die Vereinsmitglieder im Privatund Geschäftsbereich von attraktiven Rahmenverträgen profitieren. Dabei wird nebst den günstigen Tarifen auch sehr genau auf die passende Versicherungsdeckung geachtet. Denn jede Versicherung ist nur gut, wenn sie auch zu den Bedürfnissen des Kunden passt! Dank unserem nationalen Netzwerk an qualifizierten Neutra-Medica-Beratern können Versicherungs- und Vorsorgelösungen beim Kunden vor Ort besprochen und ausgearbeitet werden. Denn nur wer seine Kunden kennt, kann Ihnen auch die richtigen Empfehlungen abgeben. Ist die passende Lösung für das Vereinsmitglied gefunden, bietet das Neutra- Medica-Team den Vereinsmitgliedern zusätzlichen Support. Ob Unterstützung im Schadenfall oder Support bei der Versicherungsadministration, wir helfen gerne weiter. Lassen Sie sich die Vorteile der Mitgliedschaft Neutra-Medica nicht entgehen und fordern Sie noch heute Ihr persönliches Angebot an. Besuchen Sie unsere Homepage und bestellen Sie bequem von zu Hause aus Ihre Offerte oder finden die Kontaktangaben zu Ihrem nächstgelegenen Neutra-Medica-Berater! Neutra-Medica eine Mitgliedschaft, die sich lohnt! / neutra-medica, c/o neutrass versicherungs-partner ag schöngrund 26, 6343 rotkreuz tel Geburt die Tür zum Zauber des Lebens Sita Kleinert Hinter allem Leben steckt ein Zauber, etwas Wundervolles, das sich mit Worten nicht wiedergeben lässt. Es ist das persönliche Erleben eines Menschen, seine unteilbare Wahrheit, die stets unberührt bleibt, auch wenn wir uns in ihn einfühlen. Diese Wahrheit ist unser innerer Reichtum. Wir können ihn nur mit dem Herzen verstehen. Ich erinnere mich, dass meine Welt lebendig und zauberhaft war bis ich vier Jahre alt war. Dann schloss sich die Tür zu dieser Welt. Einige Jahre später konnte ich sie wieder öffnen. Vielen Menschen gelingt das erst spät oder gar nicht, sie unterdrücken unbewusst ihre innere Wahrheit. Für schwangere Frauen und Mütter ist es heilsam, über das Wundervolle zu sprechen, denn ihr Baby bringt diese Welt wieder in ihr Leben. Kinder haben eine natürliche Verbindung zum Göttlichen im Leben. Heranzuwachsen bedeutet oft, den Erwartungen anderer zu folgen und so die Verbindung zu verlieren. Aus lebendiger Freude wird Angst und Druck, sich und anderen gerecht zu werden. Wer später im Leben dieses Muster aufheben möchte, benötigt Mut und Kraft. Die Geburt ist ein heiliger Augenblick, in dem sich viel für das Leben entscheidet. Wir können den Kindern entlang ihres Geburts- und Lebensweges die Tür zu ihrer zauberhaften Göttlichen Welt offen halten. So helfen wir ihnen selbstbewusste Menschen zu werden, die sich nicht anpassen, wenn es ihrer inneren Wahrheit widerspricht. Spirituelle Geburtsbegleiterinnen unterstützen Eltern und Kinder in diesem Prozess. Homöopathie für Mutter und Kind eine sanfte und wirksame Therapieform Die Homöopathie bietet eine grosse Auswahl an Arzneimitteln, die mithelfen, die Zeit während der Schwangerschaft und auch das Geburtserlebnis möglichst positiv zu erfahren. Auch nach der Geburt ist die Homöopathie eine ideale Therapieform, mit der sich viele Beschwerden bei Mutter und Kind sanft und wirksam behandeln lassen. Viele Frauen kommen erstmals in der Schwangerschaft mit Homöopathie in Kontakt, wenn sie ihre gewohnten Arzneimittel nicht mehr einnehmen dürfen. Eine natürliche Behandlungsmethode ist gefragt. Hier ist die Homöopathie prädestiniert. Grundsätzlich lassen sich mit homöopathischen Arzneimitteln die meisten Beschwerden während der Schwangerschaft wie Übelkeit, psychische Beschwerden, Schlafprobleme etc. wirksam behandeln. Auch während der Geburt können homöopathische Mittel wertvolle Unterstützung bieten. Stress oder Ängste bei der Mutter werden reduziert und abgebaut, Erschöpfung und Ermüdung oder depressive Zustände der Mutter nach der Geburt positiv beeinflusst. Aber auch für die neuen Erdenbürger ist die Homöopathie eine ideale Therapieform. Säuglinge und Kleinkinder sind für feine Impulse besonders ansprechbar, denn ihre Reaktionsfähigkeit und ihr Selbstheilungspotential sind gross und unbeeinträchtigt. Wer bei sich selber und seinen Kleinen positive Erfahrungen mit der sanften Heilmethode gemacht hat, wird so schnell nicht mehr in die Chemie-Kiste greifen. 18 Hebamme.ch 9/2012 Sage-femme.ch

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