Predigt anlässlich der Andacht zum Kirchweihgedenken der Schlosskirche zu Torgau am 5. Oktober 2010

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1 Liebe Schwestern und Brüder, Am 5. Oktober 1544 wurde die Schlosskirche zu Torgau eingeweiht. Wir sind heute hier zusammen gekommen, um daran zu erinnern. Und was können wir zur Erinnerung besseres tun als uns hier, an diesem besonderen Ort, zu versammeln. Also nicht zu Hause zu sitzen und zu denken, es ist gut, dass es die Torgauer Schlosskirche gibt und dass da viele Touristen hinein gehen. Nein, Sie alle fanden es wichtiger, selber an diesen Ort zu kommen. Und sie haben sich damit die besondere Zeit dieses Gedenkens genommen. Mitten in der Woche, mitten in dem, was sonst zu tun ist, wird die Zeit unterbrochen für die besondere Zeit in der Schlosskirche. Und was können wir besseres tun, als an diesem besonderen Ort zu dieser besonderen Zeit zu singen, zu beten, zu hören. Schon damals, am 17. Sonntag nach Trinitatis 1544 haben sie bei der Einweihung gesungen, gehört, gebetet. Und Luther war da und Johann Walther mit seiner Kantorei. Und heute machen wir es ebenso: Wir singen und hören und beten und der Psalm 84 wird lebendig: Wie lieb sind mir deine Wohnungen, HERR Zebaoth! Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des HERRN; mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott. Der Vogel hat ein Haus gefunden und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen - deine Altäre, HERR Zebaoth, mein König und mein Gott. 5 Wohl denen, die in deinem Hause wohnen; die loben dich immerdar. Was also können Sie besseres tun als das, was Sie hier tun: Auf den Prediger hören zu besonderer Zeit an besonderem Ort. Wenn da nicht das Bild auf dem Altar in der Wittenberger Stadtkirche wäre! Drei Jahre nach der Einweihung der Torgauer Schlosskirche hat es Lucas Cranach gemalt. Auf dem Bild ist die Torgauer Schlosskirche zu sehen. Da sitzt die Gemeinde - ganz klein. Gegenüber predigt Martin Luther ganz klein. Und in der Mitte ganz groß das Kreuz mit Jesus Christus, dem Gekreuzigten. Das ist die Mitte! Diesem Kreuz gehört die Aufmerksamkeit Und wir hier? Sie haben mich auf diese Kanzel gebeten. Ihre ganze Aufmerksamkeit gilt mir, der ich hier oben weit über ihnen throne. Das Cranachbild aber schärft uns ein: Nicht die Menschen sind die Mitte Christus ist die Mitte!!! Und das Bild fragt uns: Wie wichtig sind euch eigentlich die wichtigen Menschen und wie frei seid ihr von ihnen? Und wie wichtig ist euch der Gekreuzigte? Was ist eure Mitte?

2 Und dann ist da die Predigt, die Luther damals gehalten hat. Wir sind hier extra zu dieser besonderen Zeit zusammengekommen, weil es das besondere Datum war damals. Und wir kommen sonntags zu festen Zeiten zusammen und es ist immer schwierig, wenn diese Zeiten einmal geändert werden wollen. Luther aber predigt in Torgau: Und wir, die wir im Reich unseres Herrn Jesus Christus sind, sind nicht (an die Zeiten des Sabbats) gebunden, sondern wir sind alle Priester, dass wir alle zu aller Zeit und an allen Orten Gottes Wort und Werk verkündigen sollen. Denn der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. So sind alle, die an Christus glauben, auch Herren über den Sabbat. Wir haben die Freiheit, wenn uns der Sabbat oder auch der Sonntag (!) nicht gefällt, so können wir den Montag oder auch einen anderen Tag in der Woche nehmen und einen Sonntag daraus machen. Genauso ist es mit den Orten: Wir sind extra in die Schlosskirche gekommen, weil sie ein besonderer Ort ist. Weil Luther sie geweiht hat. Weil sie so wichtig für Torgau ist und für die Reformationsdekade. Luther aber predigt über die Orte, wo man Gottesdienst feiern sollte: Kann es nicht unter einem Dach oder in einer Kirche geschehen, so geschehe es auf einem freien Platz unter dem Himmel. oder wo Raum dazu ist. Es muss also nicht der besondere Ort, es muss noch nicht einmal eine Kirche sein. Liebe Gemeinde, Drei Dinge sind wichtig für unser heutiges Zusammensein: Hier hat Luther gepredigt und heute steht der Propst auf dieser historischen Kanzel Heute ist die besondere Zeit es ist Kirchweihtermin Und hier ist der besondere Ort die berühmte Schlosskirche Wenn wir aber auf den Beginn damals sehen auf das Wittenberger Altarbild und auf die Torgauer Predigt von Martin Luther, dann ist ganz klar. Nicht einzelne wichtige Menschen sind die Mitte. Nicht besondere Zeiten sind wichtig. Nicht heilige Orte sind entscheidend, sondern, wie Luther es sagt: als dass unser Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort Und wir umgekehrt mit ihm reden durch unser Gebet und Lobgesang. Aha, könnte jetzt jemand sagen und damit wären wir bei einem weit verbreiteten evangelischen Missverständnis:

3 Aha, nicht die Zeiten und nicht die Orte sind wichtig Also heißt evangelisch sein: Ich brauche nicht. Ich brauche nicht in die Kirche gehen Ich brauche nicht in den Gottesdienst zu gehen Ich kann das alles irgendwie für mich machen Ich habe auch meinen Gott und im Wald ist es auch heilig. Das kann man denken nur ist das nicht evangelisch. Es hat auch mit christlichem Glauben nichts zu tun. Luther betont in seiner Einweihungspredigt ganz klar im Blick auf die Zeiten und Orte, sie seien zwar nicht das wichtigste, doch soll es so sein, dass es ordentlich dabei zugehe und es ein Tag oder eine Zeit sei, die uns allen gelegen ist und dass es nicht in eines jeden Gewalt stehe, für sich etwas besonderes zu machen. Und dass es eine ordentliche, allgemeine und öffentliche Versammlung sei, weil man nicht für jeden einen besonderen Ort bestellen kann und auch nicht in heimliche Winkel gehen soll, auf dass man sich dort verstecke. Also: Christlicher Glaube ist nicht an besondere Zeiten und Orte gebunden, aber ein Glaube, bei dem die Menschen nicht zusammenkommen, um Gott zu loben. ihr Leben vor ihn zu bringen und Orientierung für das Leben in der Gemeinschaft zu finden, ist nicht christlicher Glaube. Ja, wir haben die Freiheit. Nicht einzelne wichtige Menschen stehen im Mittelpunkt. Sondern das Wort Gottes. Und das Wort Gottes heißt: Alle Menschen sind wichtig. Und da ist es gut, dass wir zusammenkommen, um innerlich frei zu werden. Frei zu werden von den ganz wichtigen Menschen, die unser Leben sonst so in Familie, Arbeit, Politik und Kirche dominieren. Frei zu werden von allem, was uns bedrückt. Im Singen und beten und im Hören Da ist es gut, einen freien Blick bekommen auf die Menschen, die uns brauchen. Seien es die Armen in unserem Lande, über die kaum jemand spricht und die sich schämen, die eigene Situation anzusprechen seien es sie Schüler, die in unmenschlicher Weise in Stuttgart auch noch im Namen der Demokratie mit Wasserwerfern und und Tränengas angegriffen wurden seien es die Kinder und Enkel und Urenkel, die noch keine Stimme haben, die wir aber mit unserer Art zu leben und mit dem,

4 was wir hinterlassen, belasten. Nicht einzelne Menschen sind ganz wichtig, sondern das Wort vom menschenliebenden Gott ist die Mitte und damit sind alle Menschen wichtig. Damit wir das nicht vergessen, brauchen wir Zeiten und Orte, um Gottesdienst zu feiern. Ja wir haben die Freiheit, um der Menschen willen auch einmal den Sonntag zu verändern, um der Menschen willen auch die Gottesdienstzeiten zu ändern Besonders aber: Wir haben die Freiheit, uns um der Menschen willen besondere Zeiten zu nehmen, Zeiten für die Musik, Zeiten für anregende Worte, Zeiten zum Gebet - Zeiten für Seele und Körper also. Wir brauchen diese besonderen Zeiten, in denen der Terror unseres Kalenders, der Druck des Alltags einmal unterbrochen wird. Wir brauchen besondere Zeiten, damit Gottes Zeit in den Blick kommt, Seine Zeit, in der er alle Tränen abwischen wird und der Tod wird nicht mehr sein. Und haben wir die Freiheit, die Orte zu wechseln oder auch besondere Orte zu pflegen. Die Orte sind aber nicht der Mittelpunkt. Das muss man allen sagen, die sich für die Sanierung von alten Kirchen einsetzen, die sich darum kümmern, dass die Gebäude wieder in guten Zustand sind. Es ist in den letzten Jahrzehnten unglaublich viel geschehen, damit Kirchen wieder hergestellt werden und in ihrer Schönheit erstrahlen und den vielen, die hier mitgeholfen haben auch in dieser Schlosskirche kann man nicht genug danken. Wer dann, wenn die Kirche fertig ist, aber nicht in die Kirche geht, um an diesen besonderen Orten zu singen und zu beten oder einfach um Stille zu haben und zu hören, wer die Gelegenheit nicht ergreift, den Alltag heilsam zu unterbrechen, der hat nicht verstanden, wozu so ein Gebäude da ist. Das Gebäude ist kein Selbstzweck und nicht die Mitte! Was heißt das für uns heute, hier an diesem Abend? Ja es ist gut, dass wir diese besondere Zeit der Erinnerung an die Einweihung haben und damit die Zeit der Erinnerung an das Wort Gottes, an die Mitte aller Gottesdienste, an Gottes Zeit. Ja es ist gut, dass wir an diesem besonderen Ort zusammen sind. Nicht weil es der besondere Ort ist, sondern weil diese Schlosskirche uns hilft, zu singen und zu hören und zu beten und Innerlich frei zu werden und zu begreifen, was der Sinn von Reformation ist. Es ist gut, wenn wir durch den Chor und durch die Predigt,

5 durch Wort und Musik aufmerksam gemacht werden auf den menschliebenden Gott. Denn nicht die Chorsänger oder der Kantor oder der Prediger sind die Mitte, sondern wichtig ist, dass unser Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort Und wir umgekehrt mit ihm reden durch unser Gebet und Lobgesang. In diesem Sinne sollten wir hier in der Schlosskirche in Torgau nicht nur zum Kirchweihfest aus ganzem Herzen einstimmen: Wie lieb sind mir deine Wohnungen, HERR Zebaoth! mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott. Der Vogel hat ein Haus gefunden und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen - deine Altäre, HERR Zebaoth, mein König und mein Gott. Wohl denen, die in deinem Hause wohnen; die loben dich immerdar. Amen. (Lesungen in der Andacht: Psalm 84 und Offenbarung 21, 1-4)

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