Fachhochschule Hannover Fachbereich Wirtschaft

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1 Fachhochschule Hannover Fachbereich Wirtschaft Andreas Heyer Die Neureichen Russlands Gewinner der russischen Transformation Hrsg. Von Dipl. Volkswirt Prof. Dr. Inse Cornelssen Arbeitspapier Nr.87/03 des Fachbereichs Wirtschaft der FH-Hannover ISSN Nr (print) ISSN Nr (internet)

2 Vorwort der Herausgeberin Mit dieser Arbeit von Andreas Heyer wird eine weitere Publikation aus der Reihe der Deutsch-Russischen Wirtschaftsinitiative (DRWi) am FBW der FHH vorgelegt, die im Rahmen eines VWL-Seminars im Hauptstudium 2001 ihren Anfang nahm und einen langen Weg bis zur Veröffentlichung zurücklegen musste, weil sich inzwischen Urheberrechte geändert hatten und andere Bedenken auf ihre Relevanz hin überprüft und entkräftet werden mussten. Die Thematik erscheint insofern für eine Veröffentlichung geeignet, als die Frage der Differenzierung und Differenzierbarkeit des gesellschaftlichen Ansehens neureicher Russen zwar inzwischen positiv gesehen wird, zu Beginn der Studie aber noch sehr umstritten war und die zwischenzeitliche stufenweise Klärung von A. Heyer sorgsam beobachtet und in die Arbeit aufgenommen wurde. Die Studie stellt damit einen weiteren Beitrag der DRWi zur Information über Entwicklungen in Russland und zu deren Verständnis dar. Hannover, im Dezember 2003 Inse Cornelssen II

3 Inhaltsverzeichnis Vorwort der Herausgeberin II Inhaltsverzeichnis III Abbildungs- und Tabellenverzeichnis IV Einleitung 1 1. Entstehung und Aufstieg der neuen wirtschaftlichen Eliten Gaidars Schocktherapie Privatisierung Ausverkauf des Landes Die Entwicklung von Kapitalgruppen Gesellschaftliche Stellung der neureichen Russen Das Bild der Neureichen in der Gesellschaft Jelzin und die Oligarchen Macht und Einfluss der Wirtschaftsmagnaten 26 Schlusswort 30 Schrifttumsverzeichnis 32 Weiterführende Literatur 36 III

4 Abbildungs- und Tabellenverzeichnis Abbildung 1: Einstellungen der russischen Bevölkerung zu einheimischen Millionären 22 Quelle: Eigene Darstellung unter Verwendung von Haarland, H.P. / Niessen, H-J., 1997, S Tabelle 1: Quelle: Ausgewählte Wirtschaftsindikatoren der Russischen Föderation Eigene Darstellung unter Verwendung von DIW / IfW: Russlands Aufschwung in Gefahr, in: Welfens, P.J.J.: Transformationskrise und neue Wirtschaftsreformen in Russland, 2002, S. 30 f.; Priewe, J., 1 / 2000, S. 67; Höhmann, H-H / Schröder, H-H. (Hrsg.): Russland unter neuer Führung. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft am Beginn des 21. Jahrhunderts, 2001, S Tabelle 2: Die teuersten Aktien-gegen-Kredit Auktionen 12 Quelle: Eigene Darstellung unter Verwendung von Pleines, H., 1998, S. 34 f.; Klebnikow, P., 2001, S IV

5 Einleitung Nach dem Zerfall der Sowjetunion hat Russland das schwere Erbe des einstigen Weltreiches als dessen offizieller Nachfolgestaat angetreten. Vor allem aufgrund seiner geographischen Größe und des enormen Nuklearwaffenbestands genoss Russland ein besonderes Interesse der Weltöffentlichkeit. Allen voran der Westen erhoffte sich durch die Demokratisierung des Landes weitere politische Entspannung sowie eine umfassende Erschließung des russischen Marktes für die Weltwirtschaft. 1 Doch nach nur wenigen Jahren der Radikalreformen ist vor allem über die wirtschaftliche Entwicklung in Russland Ernüchterung eingekehrt. Das Bruttoinlandsprodukt hat sich im Zeitraum halbiert, die Arbeitslosenquote im Jahre 2000 erreichte fast das Doppelte des Niveaus von 1992 (siehe Tabelle1), die Reallöhne sanken 1999 gegenüber 1989 um fast zwei Drittel. 2 Gleichzeitig trat eine kleine Gruppe der neuen russischen Millionäre ins Rampenlicht, die in diesen schweren Zeiten ihren Reichtum öffentlich zur Schau stellten und damit einen großen Unmut in weiten Teilen der Bevölkerung auslösten. Im Volk wurden sie neue Russen genannt und als ungebildete, unzivilisierte, mit krimineller Energie ausgestattete Geschäftemacher abgestempelt und verspottet. Diese Neureichen bereisten die ganze Welt, ließen sich luxuriöse Villen bauen und leisteten sich exklusivste Designerkleidung, während die großen Massen des russischen Volkes in Elend und Armut versanken. Nach Angaben des Moskauer Zentrums für die Untersuchung des Lebensstandards lebten im Jahre % der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze, während sich 57% der Reichtümer des Landes in der Hand von nur 2% der Bevölkerung befanden. 3 Aber nicht nur wirtschaftlich sondern auch politisch verstanden es die Neureichen glänzend, an Gewicht und Macht zu gewinnen. Die Spitzenvertreter des Großen Kapitals schafften es, Einfluss über den russischen Präsidenten Boris Jelzin zu erlangen oder aber selbst hohe Regierungsämter zu bekleiden. Es waren kaum mehr als ein Dutzend Männer, jedoch waren sie zeitweise mächtig genug, die politischen Geschicke eines Landes mit über 150 Millionen Menschen zu ihren Gunsten lenken 1 Vgl.: Russland am Abgrund. Staat und Wirtschaft in der Krise, in Zeitpunkte, 5/98, S Vgl. Priewe, J.: Privatisierung und Transformation Lehren aus Russland, Band 45, 1/2000, S. 2. 1

6 zu können. Schnell machte ein neuer Begriff die Runde, der viel unheimlicher wirkt als neue Russen die Oligarchen. Es stellt sich die Frage, wie es zu einer solchen Divergenz der Vermögens- und Machtverteilung kommen konnte. Welche Fehler wurden in den ersten Phasen des gesellschaftlichen Transformationsprozesses begangen? Wem oder welchen Umständen haben die Neureichen ihren rasanten Aufstieg zu verdanken? Die Beantwortung dieser Fragen stellt das primäre Ziel dieser Arbeit dar. Vor allem im ersten Kapitel werden vor dem Hintergrund des gesamtwirtschaftlichen Niedergangs Russlands die wesentlichen Faktoren für den blitzschnellen Aufstieg der neuen Eliten aufgezeigt. Im zweiten Teil werden die Einstellung der russischen Öffentlichkeit und der Bevölkerung gegenüber den Neureichen sowie die politischen und wirtschaftlichen Einflussmöglichkeiten der russischen Tycoons untersucht. Abschließend erfolgen ein Resümee sowie ein Ausblick über die künftige Rolle der wirtschaftlichen Eliten in Russland. Tabelle 1: Ausgewählte Wirtschaftsindikatoren der Russischen Föderation Bruttoinlandsprodukt (real) Industrieproduktion (real) Bruttoanlageinvestitionen (real) Reallöhne und Realgehälter Verbraucherpreise , ,5-8,7-12,7-4,2-4,9 0,8-4,9 3, ,1-20,9-3, ,2 8, ,1-5 -6,7 4,5-33 0,4-0,8-28 6,4 4,7-13,4-22, , ,4 36,5 Arbeitslosenquote. 5,2 6 7,7 9 9,9 11,2 11,9 11,7 3 Vgl. Roth, J.: Der Oligarch. Vadim Rabinowitsch bricht das Schweigen, Januar 2001, S Quelle: Eigene Darstellung unter Verwendung von DIW / IfW: Russlands Aufschwung in Gefahr, in: Welfens, P.J.J.: Transformationskrise und neue Wirtschaftsreformen in Russland, 2002, S. 30 f.; Priewe, J., 1 / 2000, S. 67; Höhmann, H-H / Schröder, H-H. (Hrsg.): Russland unter neuer Führung. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft am Beginn des 21. Jahrhunderts, 2001, S

7 1. Entstehung und Aufstieg der neuen wirtschaftlichen Eliten Nach der Auflösung der Sowjetunion im Dezember 1991 standen Russland große Veränderungen bevor. Sowohl politisch als auch wirtschaftlich befand sich das Land in einer bedrohlich instabilen Lage. Die Krise konnte nur durch ein umfassendes und ökonomisches Transformationsprogramm bewältigt werden. 5 Die primären grundlegenden Schritte eines solchen Prozesses bilden die Privatisierung des Staatsvermögens sowie die Aufhebung der staatlichen Preisfestsetzung. Unter den führenden Ökonomen und Politikern des Landes entfachte eine kontroverse Debatte über die richtige Reformstrategie. Die Vertreter des sozialistischen Lagers plädierten für einen langsamen, sozial abgefederten Übergang mit einer sukzessiven Privatisierung, beginnend mit Klein- und Mittelbetrieben des Handels und der Leichtindustrie, und einer sich daran anschließenden Preisliberalisierung. Die Gruppe um den angesehenen Ökonomen und Politiker G. Jawlinskij erarbeitete noch in der Gorbatschow-Ära mit dessen Wirtschaftsberater S. Schatallin einen 500-Tage-Plan, der vorsah, zunächst den herrschenden immensen Rubelüberhang zu absorbieren, um anschließend zu weiteren Reformen überzugehen. Durchgesetzt haben sich Reformer um den jungen Wirtschaftswissenschaftler Jegor Gajdar, die den Weg der sogenannten Schocktherapie wählten Gaidars Schocktherapie Die zentrale Maßnahme einer Schocktherapie stellt die sofortige Aufhebung aller staatlichen Preismonopole dar. Mit der Preisliberalisierung sollten nach Meinung des 5 Vgl. von Breska, E.: Die Kreditpolitik des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank gegenüber Russland, 2001, S Vgl. ebd. 3

8 Präsidenten B. Jelzin die ersten Rahmenbedingungen eines freien Marktes geschaffen werden, die zwar soziale Härte zur Folge hätte, dennoch binnen eines Jahres, durch weitere ökonomische Maßnahmen ergänzt, zu einem deutlichen Anstieg des Lebensstandards führen würde. 7 In Wirklichkeit ist dieser Schritt jedoch als eine Entscheidung aus politischem Kalkül zu betrachten. Mit der Schocktherapie wollte B. Jelzin mit einem einzigen Schlag das Land von Ideologie, Parteiherrschaft und Planwirtschaft befreien; er wollte seinem damals größten und gefährlichsten Gegner, dem Kommunismus, einen Todesstoß versetzen. 8 Nach der Ernennung von J. Gaidar zum Ministerpräsidenten wurden im Januar 1992 ungeachtet aller inflationären Tendenzen es herrschte ein immenser Rubelüberhang, den die Sowjetregierung durch eine unbedachte Geldpolitik verursacht hatte die Preise für alle Ware mit Ausnahme einiger strategisch wichtiger Produkte freigegeben. Die Regierung von Gaidar, die von führenden Ökonomen aus Harvard und Chicago sowie vom Internationalen Währungsfonds und der Weltbank beraten wurde, erhoffte sich auf Kosten einer moderaten Preissteigerung eine schnelle Auffüllung der schon längst leer stehenden Ladenregale. Die Preisliberalisierung löste eine Hyperinflation aus, die das Land ruiniert hat. 9 Der Einzelhandel hatte Mühe, mit dem Preisanstieg Schritt zu halten. Besonders schmerzlich empfunden wurde er im Lebensmittelsektor, in der Sowjetunion aufgrund eines tiefen Preisniveaus noch ein Aushängeschild des sozialistischen Systems: bis Ende des Jahres stieg der Preis für Eier um 1.900%, für Brot um 4.300%, für Milch um 4.800%. Der Verbraucherpreisindex schnellte um 2.510% in die Höhe. Den meisten Menschen reichte ihr reguläres Einkommen angesichts dieser dramatischen Preisentwicklung nicht einmal für Lebensmittel aus. Ihre lebenslang angesammelten Ersparnisse wurden aufgrund der geringen Zinsen auf Sparkonten von der Hyperinflation vollständig aufgezehrt. Vor allem die sozial Schwachen, die auch in 7 Vgl. von Breska, E., 2001, S Vgl.: Zeitpunkte, 5 / 98, S Vgl. Klebnikow, P.: Der Pate des Kremls. Boris Beresowski und die Macht der Oligarchen, 2001, S

9 der Sowjet-Zeit am Rande des Existenzminimums gelebt hatten, wie Rentner, Kriegsveteranen, Behinderte, traf es am härtesten. Der schlimmste Alptraum vieler Russen, den Hungertod zu sterben, drohte für Millionen wieder Wirklichkeit zu werden. Und ein Ende dieser Entwicklung war nicht absehbar, denn das politischökonomische Umfeld war alles andere als inflationsfeindlich. Da die Sowjets ihre Industrie rational aufgebaut hatten, d.h. es gab in fast allen Branchen nur wenige Betriebe, um Überscheidungen und Konkurrenzkämpfe zu vermeiden, nutzen diese ihre fast monopolistische Stellung jetzt aus, um den Abnehmern die Preise nach Belieben zu diktieren. Zudem lief die Notenpresse auf Hochtouren, da die Regierung das Haushaltsdefizit über Kredite der Zentralbank finanzierte. Eine Inflationsrate im dreistelligen Bereich trieb noch in den folgenden drei Jahren die Preise in die Höhe (vgl. Tabelle 1). Millionen von lebenslang mühsam aufgebauten Existenzen wurden binnen weniger Monate komplett vernichtet. 10 Chaotische Zustände waren in der gesamten Wirtschaft an der Tagesordnung. Zahlreiche Unternehmen konnten infolge der gewaltigen Preisexplosion die Liquidität nicht aufrechterhalten, so wurden die Geschäfte in Form von Kompensationshandel abgewickelt, dessen Auswirkungen bis heute noch nicht vollständig beseitigt sind. Da die Kaufkraft der Bevölkerung schon nach wenigen Wochen stark abnahm, ging die Binnennachfrage massiv zurück, die Industrieproduktion brach daraufhin bis Ende des Jahres um 18% ein. Das Bruttoinlandsprodukt erlitt 1992 einen Rückgang um fast 15%. Der Rubel verlor gegenüber dem US-Dollar bis Ende des Jahres astronomisch das fache seines Wertes. 11 Das Land fiel in eine tiefe wirtschaftliche Depression. Die Bevölkerung war verarmt und die Wirtschaft versank im Chaos. Dies war die Bilanz aus der übereilten Preisliberalisierung. Mit der Vollziehung dieses Reformschritts wurde der erste Grundstein für die Ausbeutung des Volkes und den wirtschaftlichen Verfall des Landes gelegt. 10 Vgl. Klebnikow, P., 2001, S Vgl. ebd. S

10 1.2. Privatisierung Ausverkauf des Landes Das Kernstück eines jeden Transformationsprozesses stellt die Privatisierung des Staatsvermögens dar, denn nur Privateigentum schafft einen verlässlichen Raum für die Entstehung eines Wettbewerbs, der für das Funktionieren einer Marktwirtschaft unentbehrlich ist. Die russische Regierung hatte bei ihren Privatisierungsplänen andere Prioritäten. Als das primäre Ziel der Privatisierung galt es, die alte sowjetische Nomenklatura in den Branchenministerien und der kommunistischen Partei zu entmachten, indem man ihnen die Vorzüge einer Marktwirtschaft schmackhaft macht. Mit diesem Instrument sollte der zweite entscheidende Schlag gegen den Kommunismus erfolgen. Zudem sollte mit den neuen Privateigentümern eine gesellschaftliche Gruppe geschaffen werden, die ein starkes materielles Interesse an der Fortführung der radikalen Wirtschaftsreformen hat. Und letztlich sollte die Bevölkerung von den gravierenden Fehlschlägen der jüngsten Wirtschaftsreformen abgelenkt werden, indem man sie formell an der Privatisierung teilhaben lässt. Unter diesen Prämissen kam für die Reformer eine Privatisierung westeuropäischer Couleur, ein langwieriger Prozess verbunden mit einer gründlichen Restrukturierung der Unternehmen, nicht in Frage. Eine in einem raschen Tempo vollzogene Insider-Privatisierung war somit von Anfang an unausweichlich. 12 Das Steuerungszentrum für die Privatisierung wurde das Staatskommitee für die Verwaltung staatlicher Vermögenswerte (GKI), dessen Vorsitz ein damals noch relativ unbekannter junger Politiker A. Tschubais übernahm, der später als Privatisierungsarchitekt in die russischen Geschichte eingehen sollte. Das von ihm entworfene Privatisierungsprogramm sah folgende Schritte vor: zunächst sollten kleinere Betriebe der Leicht- und Lebensmittelindustrie, Groß- und Einzelhandelsgeschäfte, Gaststätten und sonstige Dienstleitungsbetriebe bei Auktionen an Privatleute versteigert werden, anschließend war die sogenannte 12 Vgl. Priewe, J., 1 / 2000, S

11 Massenprivatisierung hauptsächlich mittlerer und großer Industrieunternehmen geplant. 13 Für die kleine Privatisierung, die bis Oktober 1992 andauerte, wurde den lokalen Verwaltungen die Verantwortung übertragen. Bereits hier zeichnete sich ein Trend ab, der bei der Massenprivatisierung bestätigt wurde: das russische Volk sollte bei den Reformen leer ausgehen, eine kleine Gruppe von Insidern ging als großer Gewinner aus den stärksten gesellschaftlichen Veränderungen seit über 70 Jahren hervor. Da Nepotismus und Korruption immer noch an der Tagesordnung waren, wurden zahlreiche Industriebetriebe in geschlossene Aktiengesellschaften umgewandelt (deren Aktien nicht an Börsen oder Auktionen gehandelt werden) und deren Anteile unter diversen Umwegen an Mitglieder der alten Nomenklatura (ehemalige Parteifunktionäre, Betriebsdirektoren, Dienststellenleiter) verkauft. Überdies war es unter Einsatz von politischen Verbindungen möglich, das Eigentum an kleineren Unternehmen gegen entsprechende Schmiergeldzahlungen an die zuständigen Staatsbediensteten oft weit unter Wert zu erwerben. Somit konnten jene Personengruppen Vorteile erlangen, die bereits zu Sowjetzeiten zu den Privilegierten gezählt hatten. 14 Die weitaus bedeutendere Rolle im Transformationsprozess stellte die nächste Stufe dar, die Privatisierung mittlerer und großer Industriebetriebe. Das Gesetz sah dabei drei Elemente vor, die in Kombination möglich waren: Vergabe bzw. Verkauf von Anteilen an die Belegschaft und Manager, Verkauf von mindestens 29% eines Betriebes gegen Privatisierungsvoucher in einer öffentlichen Auktion sowie Beibehaltung der restlichen Anteile durch den Staat, die später gegen Bargeld oder Investitionszusage ausgegeben werden sollten. 15 Wie bereits erwähnt, sollte die russische Bevölkerung, den offiziellen Plänen der Regierung zufolge, ebenfalls am Privatisierungsprozess teilhaben. Dies sollte mit Hilfe von Privatisierungsschecks, den sogenannten Voucher, sichergestellt werden. Jedem der rund 151 Millionen Bürger Russlands wurden von Oktober 1992 bis 13 Vgl. Eberwein, W./ Tholen, J.: Zwischen Markt und Mafia. Russische Manager auf dem schwierigen Weg in eine offene Gesellschaft, 1994, S Vgl. Eberwein, W./ Tholen, J., 1994, S Vgl. Priewe, J., 1 / 2000, S

12 Februar 1993 Voucher mit einem Nominalwert von Rubel (ca. zwei monatliche Durchschnittslöhne) gegen eine geringe Gebühr zugeteilt, die vor allem bei den öffentlichen Auktionen zum Erwerb von Unternehmensanteile eingesetzt werden sollten. Ebenso durften die Voucher frei gehandelt, an Scheckfonds gegen Fondsanteile verkauft oder aber zum Erwerb von Wohnungseigentum eingesetzt werden. Das Konzept erwies sich in der Praxis jedoch als absoluter Fehlschlag. 16 Zum einen wurde der Nominalwert eines Vouchers mit Rubel viel zu niedrig angesetzt (hochgerechnet 100 Mrd. US-Dollar für die gesamte Industrie, weniger als die Kapitalmarktausstattung von Honkong oder Mexico 17 ), zumal die Hyperinflation bis Ende 1993 bis zu 91% des ursprünglichen Wertes eines Vouchers aufgezehrt hat. Infolgedessen wurde der ganze Reichtum Russlands an Industrie und Bodenschätzen auf spärliche fünf Milliarden US-Dollar veranschlagt. 18 Zudem blieb vielen Russen infolge der bitteren Armut keine andere Wahl, als die Privatisierungschecks gegen Bargeld zu veräußern, um Konsumgüter erwerben zu können. Weiterhin wurde seitens der Regierung keine wirkungsvolle Aufklärungsarbeit über die Verwendungsmöglichkeiten der Privatisierungsschecks geleistet. So entwickelte sich ein reger Handel auf den Strassen des Landes, wo ausgefuchste Händler die Voucher weit unter dem Nominalwert erwerben konnten. 19 Schließlich degenerierte das ganze Privatisierungsprogramm infolge von permanenten Betrügereien und Manipulationen zu einem Instrument der Volksausbeutung und des Verschwendens von kolossalen Landesressourcen. Viele lukrative russische Firmen wurden von ihren ehemaligen Direktoren aus der Sowjetzeit aufgekauft. Sie hatten sich zuvor an der Unternehmenskasse kräftig bedient und versuchten nun, mit dem unterschlagenen Kapital entweder die an den öffentlichen Auktionen gehandelten Aktien zu erwerben oder der Belegschaft die ihr laut Privatisierungsgesetz zustehenden Anteile abzukaufen. Da viele russische Arbeiter ihre Löhne verspätet ausgezahlt bekamen, haben sie ihre Unternehmensanteile gegen schnelles Bargeld an die Direktoren abtreten müssen, um ihre Existenz sichern zu können Vgl. Klebnikow, P., 2001, S Vgl. ebd. S Vgl. ebd. 19 Vgl. ebd. S Vgl. ebd. S

13 Aufgrund der gewaltigen Zahl privatisierender Betriebe sowie der Tatsachen, dass im Besitz der russischen Bevölkerung ein relativ dünner Kapitalstock akkumuliert und ausländische Investoren zu den Auktionen meist nicht zugelassen worden waren, wurden zahlreiche russische Industriegiganten zu lächerlichen Symbolpreisen verkauft. So entsprach beispielsweise der durchschnittliche Preis, zu dem die Aktien des russischen Erdgasriesen Gasprom verkauft wurden, einem Unternehmenswert von 250 Millionen US-Dollar. Da die Auktion zugunsten der Direktoren und leitenden Angestellten manipuliert worden war, erlangten sie aufgrund des niedrigen Verkaufspreises der Gasprom-Voucher schnell die Mehrheitsanteile. Im August 1997 betrug der Börsenwert dieses Unternehmens satte Millionen Dollar. Nicht anders erging es den übrigen ehemaligen Staatsbetrieben. Der Börsenwert vieler russischer Industriekolosse, darunter eines der inzwischen größten Erdölproduzenten in Europa Lukoil, betrug wenige Jahre später mindestens das 20-fache des Voucherwertes. 21 Überdies war es aufgrund von Bilanzmanipulationen russischer Betriebe nicht immer einfach, den tatsächlichen, in der Regel viel niedrigeren, Wert eines Unternehmens zu ermitteln. Über die detaillierten Informationen zu den Bilanzen eines Betriebes verfügten nur zwei staatliche Stellen: Staaskommitee für die Verwaltung staatlicher Vermögenswerte und der Russische Eigentumsfonds, denen es aber nicht gestattet war, diese Informationen weiterzugeben. Hier erwies sich für einige wenige Investoren persönliche Nähe zu den zuständigen Staatsbediensteten als durchaus vorteilhaft für diese Akteure reichte zum Eigentumserwerb oftmals ein dem einfachen Jahresgewinn des betreffenden Unternehmens entsprechender Betrag aus. 22 Als Ergebnis dieser ersten Privatisierungswelle, in der in den 20 Monaten (von Oktober 1992 bis Juni 1994) der rund Staatsbetriebe vollständig oder teilprivatisiert wurden, ist festzuhalten, dass der industrielle Reichtum Russlands für erschreckend geringe Erlöse an eine relativ kleine Minderheit von Insidern und Angehörigen der ehemaligen privilegierten Gruppen verschleudert wurde Vgl. Klebnikow, P., 2001, S Vgl. ebd. S Vgl. ebd. S

14 1.3. Die Entwicklung von Kapitalgruppen Die Insider-Privatisierung legte zweifelsohne den Grundstein für die Entstehung der neuen wirtschaftlichen Eliten. Es müssen jedoch weitere Faktoren Berücksichtigung finden, wenn die Entwicklung von Kapitalgruppen einer präzisen Untersuchung unterzogen werden soll. Den wohl größten Raum für den raschen Aufstieg der kapitalistischen Räuberbarone bot der russische Finanzmarkt. In der Phase der Reorganisation des staatlichen Bankensektors Ende der achtziger Jahre wurden mit Geldern der kommunistischen Partei auch erste Privatbanken gegründet. Vor allem der kommunistische Jugendverband, Komsomol, wurde für wirtschaftliche Experimente freigegeben und mit den notwendigen finanziellen und personellen Mitteln ausgestattet. 24 Aber erst nach dem Zusammenbruch des alten Systems konnte die Entwicklung des Sektors an Dynamik gewinnen. Bis Mitte der Neunziger nahm die Zahl der Kreditinstitute rasch zu, weil besonders in dieser Phase das Bankengeschäft äußerst lukrativ und einträglich war. 25 Dennoch konnten bei weitem nicht alle Marktteilnehmer Erfolge aufweisen. In der Zeit der Hyperinflation ( ) beschäftigten sich die Banken meist mit Spekulationen an den Devisenbörsen. Da die von Banken angebotene Verzinsung deutlich unter der Preissteigerungsrate lag, konnten sie durch Investition der Kundeneinlagen in inflationssichere Devisen, vor allem in US-Dollar, kurzfristig beträchtliche Erträge erzielen. Zudem erhielten die Geschäftsbanken von der russischen Zentralbank, die eine expansive Geldpolitik betrieb, zinsgünstige Kredite, die ebenfalls gewinnbringend mit hohen Renditen für Devisenspekulationen eingesetzt wurden. Da die Vergabe von Zentralbankkrediten keinen festen Kriterien unterlag, oblag es dem Ermessensspielraum der zuständigen Angestellten, welchen 24 Vgl. Lapina, N.: Die Formierung der neuen rußländischen Elite. Probleme der Übergangsperiode, , S Vgl. Schröder, H-H.: Jelzin und die Oligarchen. Über die Rolle von Kapitalgruppen in der russischen Politik (1993-Juli 1998), , S

15 Banken sie den Vorzug gewährten. Es kamen folglich nur diejenigen in den Genuss niedrig verzinster Darlehen, die gute Beziehungen zur Zentralbank unterhielten. 26 Eine weitere wesentliche Einnahmequelle der Privatbanken stellte die Verwaltung von Staatsgeldern dar. Von 1994 bis 1997 wurden jedes Jahr etwa 50 bis 100 russische Finanzinstitute von der Regierung autorisiert, Gelder aus dem staatlichen Haushalt zu verwalten. Indem staatliche Einrichtungen ihre Gelder über Konten von Geschäftsbanken laufen ließen und diese die Auszahlungen verzögerten, bekamen die Geldinstitute de facto kurzfristige zinslose Kredite, die zur weiteren Kapitalbildung verwendet werden konnten. Insgesamt wurden Mitte % aller Gelder des staatlichen Haushalts von den kommerziellen Banken verwaltet. Dieses Sonderrecht durfte allerdings wiederum nur eine Minderheit genießen, etwa 5% der privaten Kreditanstalten, die mit guten politischen Verbindungen ausgestattet waren. 27 Der größte Coup gelang den Banken jedoch im Rahmen der Aktien-gegen-Kredit-Aktion. Das Konzept wurde im Sommer 1995 von einem Konsortium russischer Großbanken unter der Führung des Bankiers Potanin entworfen und sah vor, der Regierung einen Kredit in Höhe von umgerechnet 2 Mrd. US-Dollar zur Finanzierung des Haushalts bereitzustellen. Als Sicherheit sollte der Staat große Aktienpakete der profitabelsten Industriebetriebe an die Geldinstitute verpfänden. Es handelte sich hauptsächlich um Unternehmen der Energie- und Metallindustrie. Jedes Aktienpaket sollte im Rahmen einer Privatisierungsauktion an die Bank vergeben werden, die das beste Kreditangebot unterbreiten würde. Die Regelung der Auktionen diente den vielfältigen Korruptionsnetzwerken jedoch als wahrer Nährboden. Erstens konnte die mit der Durchführung der Versteigerung beauftragte Bank selbst Gebote abgeben. Zweitens hatte sie als Veranstalter das Recht, Bieter zu disqualifizieren. Außerdem wurden ausländische Finanzinstitute von den meisten Versteigerungen ausgeschlossen, so dass die Anzahl der potenziellen Bieter aufgrund des noch relativ unterentwickelten russischen Bankensektors sehr begrenzt war. 28 Unter diesen Voraussetzungen war der Ausgang der Auktionen bereits vorgegeben. Die organisierende Bank gab ein Gebot ab, das um einen Bruchteil die staatlich vorgegebene Mindestgrenze überstieg und disqualifizierte alle höher bietenden Konkurrenten aus technischen Gründen. War sie am Aktienpaket selbst nicht 26 Vgl. Pleines, H.: Korruption und Kriminalität im russischen Bankensektor, , S Vgl. Schröder, H-H., 1998, S Vgl. Pleines, H., 1998, S

16 interessiert, erhielt eine der befreundeten Banken den Zuschlag. Da die Zahl der Bieter sehr klein war und mindestens zwei Teilnehmer am Versteigerungsverfahren vorgeschrieben waren, traten häufig Tochtergesellschaften ein und desselben Geldinstituts gegeneinander an, so dass es insgesamt bei nur zwei Auktionen zu echtem Wettbewerb kam, bei denen ein ordentlicher Verkaufspreis erzielt werden konnte. 29 Das Programm lief faktisch darauf hinaus, dass die Kredite vom Staat nicht zurückgezahlt wurden und die wenigen von der Regierung begünstigten Großbanken sich billig in die lukrativsten Unternehmen Russlands einkaufen konnten. Zwei Jahre später betrug der Wert derselben Betriebe, nicht selten das 20-fache des Auktionspreises (siehe Tabelle 3). Eine Entwicklung, die bereits bei der Voucherprivatisierung zu verzeichnen war. Die Regierung hatte zum wiederholten Mal dazu beigetragen, dass sich wenige Gruppen, deren finanzielle Kraft und somit das politische Gewicht weiter zunahm, auf Kosten des Staates bereichern konnten. Es entstanden riesige Unternehmenskonglomerate, die in unterschiedlichsten Branchen und Märkten vertreten waren und dort eine Vormachtstellung erlangen konnten. Tab. 2: Die teuersten Aktien-gegen-Kredit-Auktionen (in Mio. US $). 30 Versteigerter Anteil Mindestgebot Auktionspreis (Herbst 1995) Marktwert laut Auktion Börsenwert (Aug. 1997) Lukoil 5% Jukos 45% Surgutneftgas 40% Sidanco 51% Sibneft 51% Norilsk Nikel 51% , , Die Aktien-gegen-Kredit-Aktion beschleunigte die Entwicklung der Finanz-Industrie- Gruppen, so genannter FIG, deren Anfänge in der ersten Phase der Privatisierung liegen und als Versuch alter Wirtschaftseliten zu begreifen sind, hergebrachte 29 Vgl. Pleines, H., 1998, S Quelle: Eigene Darstellung unter Verwendung von Pleines, H., 1998, S. 34 f.; Klebnikow, P., 2001, S

17 industrielle Zusammenhänge aufrechtzuerhalten. 31 FIG sind durch Kapitalverflechtungen und vertragliche Beziehungen entstehende Unternehmensgruppen aus Industriefirmen einerseits und Finanzinstitutionen im weiteren Sinne (Banken, Versicherungen, Handelsgesellschaften etc.) andererseits. 32 Ihre Bildung ist gesetzlich vorgesehen und verfolgte hauptsächlich das Ziel, die ökonomischen Risiken in der unsicheren Phase des Übergangs zu minimieren. In Wirklichkeit waren die Verminderung des Wettbewerbs und der Machtanstieg der wirtschaftlichen Kolosse gegenüber der Regierung die essentiellen Motive für deren Entstehung. Mit dem Aufkommen der Finanz-Industrie-Gruppen setzte ein Prozess der Aushöhlung der einzelnen Wirtschaftszweige durch das Finanzkapital ein. Die Folge dieser Entwicklung war ein nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch enormer Machtzuwachs einiger größerer Unternehmenskonglomerate, die zahlreiche Spitzenmanager in verantwortungsvolle politische Positionen entsendeten und ihre Interessen gegenüber dem Staat wirkungsvoller zur Geltung bringen konnten. 33 Auch andere Faktoren hatten für den Aufstieg der neuen russischen Wirtschaftseliten eine fördernde Wirkung. Im Folgenden seien weitere wesentliche Ursachen für die rasche Bildung von Kapitalgruppen dargelegt. Zum einen ist in diesem Zusammenhang die Zerschlagung des russischen Staatsmonopols auf den Außenhandel anzuführen. Auf Druck des Internationalen Währungsfonds und einiger westlicher Regierungsvertreter zog sich der Staat aus diesem bis dahin sehr intakten und effizient funktionierenden Sektor zurück. Da die Preisliberalisierung die strategisch wichtigen Exportgüter (Öl, Gas, Metalle, Holz, etc.) nicht betraf, herrschte in Russland ein doppeltes Preissystem: man konnte auf dem Binnenmarkt Rohstoffe zu einem Bruchteil des Weltmarktpreises einkaufen und mit beträchtlichen Gewinnen ins Ausland exportieren. Binnen kürzester Zeit verloren die staatlichen Handelsorganisationen 30 Prozent von Russlands Ölexporten und über 70 Prozent der Metallexporte an Privathändler. 34 Im Jahr 1994 betrug der Anteil der privaten Handelsgesellschaften am gesamten russischen Außenhandel über 50%. 35 Am schnellsten erkannten die Direktoren der exportorientierten Unternehmen die 31 Vgl. Schröder, H-H., 1998, S Priewe, J., 1/2000, S Vgl. Schulze, P. W.: Russland: Macht und Einfluss der wirtschaftlichen und politischen Eliten, 1999, Schröder, H-H., 1998, S Vgl. Klebnikow, P., 2000, S

18 Vorzüge der Reform. Sie gründeten im Ausland Handelsgesellschaften und verkauften ihnen zu einem Bruchteil der tatsächlichen Weltmarktpreise die Produkte der von ihnen geleiteten Unternehmen, die dann nicht selten zum zehnfachen Preis weiter veräußert werden konnten. Die Gewinne kamen in der Regel nicht nach Russland zurück, sondern wurden auf ausländischen Privatkonten der Direktoren deponiert. 36 Ebenso verbreitet waren Manipulationen von Exportrechnungen, bei denen hochwertige russische Rohstoffe, wie Nutzholz, Aluminium, Stahl, Nickel, Edelmetallen, etc., als minderwertige Ware deklariert wurden und damit zu einem offiziell weitaus niedrigeren Verkaufserlös exportiert werden durften. Die Differenz zahlte der ausländische Käufer auf die Privatkonten der russischen Händler. 37 Mit einer ohne jegliche Kontrollinstanz begonnenen Liberalisierung des Exporthandels wurde Privathändlern sowie Direktoren von Exportunternehmen ein relativ freier Zugang zur Devisenbeschaffung in gewaltigen Dimensionen gewährt. Weiterhin bedarf das Wirken des sowjetischen Geheimdienstes KGB einer Erörterung. Nachdem sich Ende der Achtziger das Ableben des kommunistischen Regimes abzuzeichnen begann, wurde der KGB damit beauftragt, den Machterhalt der kommunistischen Nomenklatura zu sichern. Zu diesem Zweck wurden mit eigens dafür zugeteilten Parteigeldern etliche Unternehmen im In- und Ausland gegründet, die als Depots für die schwarzen Kassen der Partei dienen und weiteres Kapital bilden sollten, um den hohen Parteifunktionären die Zukunft in der postkommunistischen Ära finanziell abzusichern. Hauptsächlich handelte es sich dabei um Genossenschaften sowie exportorientierte Unternehmen. Die bereits angesprochenen Bankengründungen der jungen Komsomolzen wurden in Rahmen dieses Programms ebenso gefördert. Unter Zuhilfenahme welcher Methoden Banken und Exportfirmen zu Vermögen gelangen konnten, wurde bereits dargelegt. Viele der künftigen russischen Millionäre verschafften sich auf diese Weise und ohne eigene Kapitaleinlage den Grundstock ihres späteren Vermögens. Nach der vom Institut für Soziologie der Russischen Akademie der Wissenschaften durchgeführten Untersuchung machten im Jahre 1996 die Geschäftsleute, die ihre unternehmerische 35 Vgl. Klebnikow, P., 2000, S Vgl. ebd. S Vgl. ebd., S

19 Tätigkeit in den Jahren begonnen hatten, ein Drittel der damaligen Business-Elite aus. 38 Der bekannteste von ihnen ist Michail Chodorkovski, der als Gründer der Menatep-Bank und Chef des Jukos-Erdölkonzerns gegenwärtig als der reichste Mann Russlands gilt. 39 Und schließlich seien hier noch die Tätigkeiten der russischen Investmentfonds in der Phase der Voucher-Privatisierung erwähnt. Die meisten der rund 600 blitzartig entstandenen Investmentfonds lockten die Anleger mit jährlichen Renditen von mehreren Hundert Prozent, bei denen die Banken nicht mithalten konnten. Infolge der Hyperinflation, bei der die meisten Russen ihr gesamtes Vermögen verloren hatten, wollten die Menschen wenigstens den Wert ihrer Voucher retten und legten diese in Investmentfonds an. Viele entpuppten sich jedoch als Schneeballsysteme oder Finanzpyramiden, die entweder zusammenbrachen oder vom Markt verschwanden, sobald sie Tausende von Voucher eingesammelt hatten. 40 Auf diese Weise verschafften sich die Gründer einiger Investmentfonds offenbar die Möglichkeit, weiteres Kapital zu akkumulieren und unter einem anderen Namen größere Unternehmensbeteiligungen einzugehen. Somit wird bei der Betrachtung der russischen Transformation zweierlei deutlich: erfolgreich waren einerseits die Mitglieder der ehemaligen Nomenklatura, die im Zuge der Wirtschaftsreformen ihre berufliche oder gesellschaftliche Stellung und ihre Beziehungsnetzwerke zur persönlichen Bereicherung eingesetzt haben, und andererseits jene jungen, dynamischen Protagonisten der neuen Ära, die es schafften, in den Genuss der staatlichen Privilegien zu gelangen und einen enormen Erfindungsgeist bei Manipulationen und Betrügereien zu entwickeln vermochten. 38 Vgl. Lapina, N., 1996, S Vgl. Der Zar des schwarzen Goldes, in Der Spiegel, Nr.28/8.7.02, S Vgl. Klebnikow, P., 2001, S. 183 f. 15

20 2. Gesellschaftliche Stellung der neureichen Russen Der rapide Aufstieg der neuen Millionäre hat in der russischen Gesellschaft seine sozialen Spuren hinterlassen. Das Volk brachte seine anfängliche Wut zum Ausdruck, indem es die Neureichen verhöhnte und diese in vielen Anekdoten und Witzen als primitive, ungebildete und proletenhafte Ganoven darstellte. 41 Diese setzten ihrerseits den Steilflug nach oben unbeirrt und unvermindert fort, bis sie die höchsten Etagen der Politik erreichten und ihre Macht weiter festigen und ausbauen konnten. 2.1 Das Bild der Neureichen in der Gesellschaft Wie in den Kapiteln 1.2 und 1.3 aufgezeigt wurde, handelt es sich bei den neureichen Russen hauptsächlich um Emporkömmlinge zweier gesellschaftlicher Gruppen: ehemalige Mitglieder der sowjetischen Eliten und junge Vertreter des kapitalistischen Gedankenguts. Es bedarf jedoch einer differenzierten Betrachtungsweise, wenn man Angehörige dieser neuen gesellschaftlichen Schicht charakterisieren will. Denn die Neureichen stellen keineswegs eine Gruppe dar, die als ein homogenes soziales Gebilde aufgefasst werden kann. Dennoch fielen auch sie offensichtlich dem in etlichen Gesellschaften verbreiteten klischeeartigen Meinungsbildungsprozess zum Opfer und fanden zunächst in breiten Teilen der Bevölkerung wenig Akzeptanz. 42 In den ersten Jahren der Jelzinschen Reformen bildete sich in der russischen Gesellschaft schnell der folgende Stereotyp eines Neureichen: er trägt einen himbeerroten Sakko, hat edle Ringe um mindestens drei Finger an jeder Hand, unter dem Sakko ragt eine fette Goldkette heraus; er spricht einen eigenen Jargon, der in seiner Primitivität seinesgleichen sucht; seine Habitate sind Kasinos, Diskotheken 41 Vgl. Schulze, P. W., 1999, 16

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