Leseprobe aus: Thydell, Entschuldigung, dass man ein bisschen geliebt werden will, ISBN Beltz Verlag, Weinheim Basel

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1 Leseprobe aus: Thydell, Entschuldigung, dass man ein bisschen geliebt werden will, ISBN

2 1. [Intro] Und ich bin Nora. Es geht mir eigentlich, könnte man sagen, ziemlichgut. Ich ritze mir nicht die Arme auf und stecke mir keinen Finger in den Hals. Ich bin weder psychisch krank noch extrem fett, und ich habe nicht das Bedürfnis, fünfmal die Türklinke zu berühren, ehe ich rausgehe. Meine Eltern sind nicht geschieden, haben kein Alkoholproblem, und niemand, den ich kenne,ist gestorben. Ich bin jung. Das ganze Leben liegt vor mir. Ich sollte einen Haufen Träume haben, die ich ums Verrecken erfüllt sehen will; aber ich hab keine. Ich spiele in keiner Band, ich kann nicht zeichnen, und ich bin kein Schachtalent oder was weiß ich. Ich bin also Nora Jonasson. Überhaupt nichts Besonderes [Wäre eigentlich gern ein bisschen mehr so, bin ich aber nicht] TAG:Montag ORT:Schulcafé ZEIT:zufrüh Draußen obertristes Wetter, und mir gegenüber sitzt meine Freundin Jossan. Sie kritzelt irgendwas in ihren

3 8 Kalender, was verflucht Wichtiges offensichtlich, weil sie nicht mal Zeit hat, mich anzusehen. Ich sage:»jossan, du hast Scheiße an der Stirn.«Jossan reagiert nicht. Ich seufze, lasse meinen Blick über alle Last-Minute- Streber, Eckknutscher, Schnorrer und Kontakt suchenden Idioten wandern, die hysterisch zwischen den Tischen herumflippen, immer in panischer Angst, dass irgendwo anders was Spannenderes ohne sie passiert. Die Menschheit beeindruckt mich nicht. Ich beeindrucke mich nicht. Ich bin Nora Jonasson, und ich bin ein Mensch. Ein wütender Mensch, ein junger Mensch, ein Mensch, der mehr denkt, als offenbar gesund für ihn ist, und der seine Ziele nie höhersteckt als die niedrigste Latte. Nach meinem Schulabschluss werde ich die Welt mit winzigen Ameisenschritten umrunden, aber wahrscheinlich komme ich nicht weiter als bis Alingsås, bevor ich tot umkippe, und»aha«werden die Leute sagen und weitergehen, und keiner wird dran denken, eine Todesanzeige in die Zeitung zu setzen. Entschuldigt meine Verbitterung. Aber es ist Montag. Die fingerfettige Cafétür geht auf,und ein tritt sie,und wenn ich sie nicht so lieben würde,würde ich sie wahrscheinlich hassen. Einige Menschen werden mit energischen Schritten geboren, andere mit Ameisenschritten. Norisches sprichwort

4 Lisa Lovely Lind von Durchschnittsgröße, von Normalgewicht, von Fehlerlos. Schön, aber nicht doof, clever, aber nicht langweilig. Irgendwann haben wir mal einen hässlich bestickten Stofflappen verbuddelt, auf dem stand, dass wir Froinde aufewich sein wollten. Ich sehe, wie AB versucht, Lisa zu sich zu winken, ich sehe auch, dass sie so tut, als würde sie es nicht merken. AB liebt Lisa Lovely Lind seit, ich weiß nicht, seit der Entbindungsstation, und Lisa hat schon immer gefallen, dass er das tut.»oh Mann, ist das heute todöde.«lisa setzt sich auf meine Seite des Notausgangstisches, fragt Jossan, was sie da schreibt, die Woche hat doch noch gar nicht richtig angefangen. Jossan antwortet nicht. Lisa sieht mich an und verdreht die Augen, nimmt ihr Handy heraus (neuestes Modell), schreibt eine SMS.Jedes Mal, wenn die Cafétür aufgeht, dreht sie sich um, swisch, swosch, swisch, swosch, ihrehaarewie aus einer Urzeit-Shampoowerbung.»Habt ihr Jake gesehen?«lisa nennt Jacob immer Jake, genau so, wie sie es uns in der ersten Englischstunde beigebracht haben. Here is Dscheik and here is Dschill, there is Ann and there is Bill!, schrien wir wie die Verrückten durchs Klassenzimmer, 9

5 10 und Lisa und ichwaren die Vorlautesten, solange wir zu zweit waren. (Ich kann mich gar nicht so recht erinnern, wo Jossan war,denn obwohl wir alle drei befreundet waren, drehte sich meistens alles um Lisa und mich.) Wie auch immer,jacob ist kein Stück englisch. Gerade als ich Lisa fragen will, ob wir nach der Schule was zusammen unternehmen wollen, entdeckt sie ein Mädchen, für das sie mal auf irgendeiner Party die Toilettentür bewacht hat. Lisa wedelt mit dem Arm, sagt, dass wir uns später bei den Schränken sehen, und ich starre auf mein Handy (Modell von Lisa geerbt). Ich habe eine SMS bekommen und freue mich wie ein Kind. Jemandwillwasvonmir! LISA Scheiße siehst du heute müde und hässlich aus, Bitchie! Ist nur ein Scherz HAHA. KISS KISS! Ich hebe den Blick, Lisa grinst mich an, ich grinse zurück, AB glotzt ewig hinter ihr her, weil sie ihm aus dem Weg geht, bestimmt holt er sich über ihrem letzten Schuljahrbuchfoto, wo sie dieses Tubetop trägt, einen runter. Trotzdem frag ich mich, was das wohl für ein Gefühl ist. So angestarrt zuwerden. Jossan kümmert sich um die interessanteren Dinge im Leben, wie Umweltzerstörung und Menschenrechte und Ökoklamotten und so was eben, und eigentlich

6 wäre ich auch gerne ein bisschen mehr so, aber das bin ich nicht. 3.[Du hast aber schöne rote Haare] Der Auslöser für Jossans und meine Freundschaft: Jossan hat mir am allerersten Schultag ein Kompliment für meine roten Haare gemacht. Peng,war ich geliefert. Am Anfang gab es nur uns. Wenn sich jemand anbot, das andereende des Springseils zu halten, knoteten wir es lieber an einen Pfahl, wir hatten sozusagen alles, was wir brauchten, ich ein Puppenhaus und sie hunderttausend Filme. Aber in den Osterferien in der zweiten Klasse forderte Henke, mein Bruder, uns zum Waffelwettessen heraus, drei gegen drei, wer am meisten essen konnte, also waren wir gezwungen, noch jemanden zu finden. Wir legten uns auf mein Bett und fuhren mit dem Finger über die Gesichter unserer Mitschüler im Jahrbuch und entschieden uns für die Hübsche, die nicht in die Kameraguckte und die,wie wir wussten, zu Hause eine Schlange in einem riesigen Aquarium ohne Wasser hatte. Obwohl ich Unmengen Waffeln in mich reinstopfte, haben wir verloren. Jossan war nicht gut drauf und hing die meiste Zeit über der Kloschüssel, weil sie wirklichfast die ganzezeit das 11

7 12 Gefühl hatte, sich übergeben zu müssen; ich fand ja, dass sie sich anstellte,aber gesagt hab ich nichts. Lisa hat genauso viele Waffeln verdrückt wie Henke. Und am nächsten Taginder Pause war es ganz selbstverständlich, dass Lisa das andere Ende des Springseils halten durfte, und so blieb es, und das war irgendwie echt cool, was Besonderes, ein Gegenbeweis für alle, die behaupteten, dass drei Mädchen nicht zusammen spielen konnten! Na ja, genau genommen war es auch nicht immer ganz einfach. Vorallem beim Sport, wo man immer für alles Zweiergruppen bilden soll. Einmal, als wir Basketballpässe üben sollten, schnappte Lisa sich mich, und Jossan und Kim aus der Parallelklasse blieben übrig. Kim warf den Ball sohart, dass Jossan gegen die Sprossenwand knallte,und Lisa und ich wurden für unser gutes Zusammenspiel gelobt, man könne wirklich sehen, dass wir Freundinnen sind, meinte der Sportlehrer. Ich war scheißstolz, Jossan redete zwei Tage nicht mit uns, bis Lisa und ich einen Brief schrieben, wie schrecklich gerne wir sie mochten. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wie es weiterging, aber auf alle Fälle haben wir uns wieder vertragen.

8 4.[Nach Stallone] In Französisch sitze ich neben Sylvester. Jossan und Lisa lernen Spanisch. Sylvester hat mich gleich in der ersten Stunde adoptiert, wo alle sich aus irgendwelchen anderen neunten Klassen zu kennen schienen und ich mich schon damit abfinden wollte, einsam und alleine unter den Posternmit französischen Rezepten aus den Sechzigern auf meinen Platz zu sinken. Das konnte ich also vergessen. Mein Tischnachbar Sylvester trägt immer eine Mütze. Da muss ichmeinem guten alten Oberstufenlehrer echt recht geben, Mützen im Innern eines Gebäudes sind überflüssig,das sieht total bescheuert aus. Unsere Lehrerin Annakarin Andersson, jung, dynamischund offen für Neues, hat uns gerade aufgefordert, einen Brief an jemanden zu schreiben, gerne aus unserer Vergangenheit. Wir sollen anspruchsvolle Formulierungen wählen, gern unterschiedliche Tempi nutzen und dabei immer den, wie wir bereits wissen, hinterhältigen Unterschied zwischen imparfait und passé composé im Kopf behalten.»weißt du, woran ich heute Nacht vorm Einschlafen gedacht habe?«, sagte Sylvester genau in dem Moment, als ich mich entschieden hatte,einen Brief an ein Mädchen namens Annie zu schreiben, die an unserem ersten Sporttag einfach verschwunden war. 13 Es gibt keine tollen Typen. Norisches sprichwort

9 14 Ein paar Tage später erklärte unsere Lehrerin uns, dass Annie überraschend umgezogen sei, aber dass sie uns allen herzliche Grüße ausrichte. Icherinneremich, dass ich damals schon das Gefühl hatte, dass die Lehrerin viel mehr wusste, als sie sagte, und ich bekam Bauchschmerzen, nicht weil Annie und ich befreundet gewesen wären oder so,aber wir sind einmal zusammen unter einem Schirm zur Schule gelaufen, und sie machte immer so schöne Geschenke. Wie auch immer, jetzt stört Sylvester mich und fragt, ob ichweiß, was er heute NachtvormEinschlafen gedacht hat. Vor meinem inneren Auge das Bild eines mageren, blassen, kurzen nackten Sylvesters mit vielleicht drei Härchen auf der Brust, der in einem gestreiften Jungenzimmer unter von der Decke baumelnden Modellflugzeugen einzuschlafen versucht.»also«, redet Sylvester weiter,»dass Nora Jonasson übersetzt zu Norah Jones wird.hä?na, wie die Sängerin. Und ich heiße Sylvester. Nach Stallone. Irrer Zufall, oder?«sylvester boxt mir gegen den Arm, und mein ChèreAnnie wird ganz schief.»wozu soll man denn Namen übersetzen?«ich radiere genervt.»außerdem bin ich natürlich nicht nach Norah Jones benannt, sondern nach irgendeiner Verwandten,

10 die Norahieß und sich mitsamt ihrer Katze hinter einer Windmühle ertränkt hat.«sylvester kichert männlich.»gut aussehen tut ihr jedenfalls«, sagt er.»egal ob Nora oder Norah.«Sylvester sieht mich an, ich erwidere seinen Blick nicht, schaue stattdessen ganz hinten im Buch die Vokabeln an und frage mich, wann man die jemals benutzen soll (quenelle =Fischklößchen = UND?). Sylvester zieht die Schulternhochund fängt an, an eine Stina zu schreiben, yeah right, er kennt also jemanden, der so heißt, extrem groß schreibt er den Namen, wahrscheinlich damit ich ihn sehe und beeindruckt bin. Aus unerfindlichen Gründen schlägt mein Herz schneller, leider nicht auf die angenehme Weise. Nicht alle Herzschläge sind gut, schlecht ist zum Beispiel der,wenn man mitten in der Nacht im Wald von drei maskierten Männern verfolgt wird, oder der, wenn einen jemand genau so anguckt, wie man schon immer angeguckt werden wollte,und man aber in dem Moment, wenn es passiert, einsieht, dass das nicht bei jedem funktioniert. Als sich vor der Französischklasse unserewege trennen und ich denke,dass mein Brief mit Sicherheit der langweiligste Beitrag aller Zeiten geworden ist, lüpft Sylvester seine Mütze wie die Männer zu jener Zeit, als es noch üblich war,vor Frauen den Hut zu lüpfen. Ich sterbe langsam. 15

11 16 5.[Pontus, äh, nein, danke] Es veränderte sich eine Menge,wenn man mit Lisa zusammen war. Sie war irgendwie ansteckend. Auf unserer Klassenfahrt in der Vierten saßen Lisa und ich im Bus ganz vorne,weil sie meinte,dass da die Coolsten säßen. Jossan war krank, aber wir hatten versprochen, ihr ein schönes Souvenir mitzubringen, was wir am Ende vergessen haben, jaja. Wie auch immer, die ganze Fahrt über gab es ein ewiges Gerenne von dem Jungspulk ganz hinten im Bus. Emil war der Bote und fragte mit hochroter Birne,ob Lisa mit Filip gehen wolle,später mit Leo, dann mit AB oder mit Pontus? Lisa lachte nur,laut und fast ein bisschen höhnisch, sagte»pontus, ÄH, NEIN, DANKE«und stieß mir den Ellenbogen in die Seite. Emil zuckte mit den Schultern, trabte genauso knallrot zurück, während Lisa und ich gemeinsam aus ihrer Fantaflasche tranken. Sie hatte keine Angst vor meiner Spucke und ich nicht vor ihrer. Während wir jede Menge glucksende Kohlensäure in uns reinschlürften, kam Emil noch einmal und fragte, was mit Rasmus wäre.»rasmus «Lisa dachte nach und legte einen Zeigefinger an die lipglossglänzenden Lippen.»Mh, Nora, was meinst du?«

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