Die Tage von Stammheim

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1 Ulf G. Stuberger Die Tage von Stammheim Als Augenzeuge beim RAF-Prozess Mit 21 Abbildungen Herbig

2 Bildnachweis Archiv Ulf G. Stuberger: S. 33, 37, 55, 118, 180, 201, 233, 241; Foto Donecker: S. 189, 191, 195; Manfred Rehm, picture-alliance / dpa: S. 97 rechts; picture-alliance / akg-images: S. 101; picture-alliance / dpa: S. 97 links; Stadtarchiv Karlsruhe, 8 / Bildarchiv Schlesiger: S. 161, 204, 215; Ullstein Bild dpa: S. 98, 121. Inhaltsverzeichnis/Leseprobe aus dem Verlagsprogramm der Buchverlage LangenMüller Herbig nymphenburger terra magica Bitte beachten Sie folgende Informationen: Der Inhalt dieser Leseprobe ist urheberrechtlich geschützt, alle Rechte liegen bei der F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München. Die Leseprobe ist nur für den privaten Gebrauch bestimmt und darf nur auf den Internet-Seiten und direkt zum Download angeboten werden. Die Übernahme der Leseprobe ist nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags gestattet. Die Veränderung der digitalen Leseprobe ist nicht zulässig. Für meine Frau Savelia im Gedenken an alle Opfer jeder Art von Terror in der Welt Ohne den Schutz der Karlsruher Polizei hätte ich dieses Buch nie schreiben können! Ich danke allen Beamten, besonders den Mitarbeitern der Abteilung Personen- und Objektschutz (POS), für ihren oft selbstlosen Einsatz, der das Maß ihrer Dienstpflichten überschritten hat. Besuchen Sie uns im Internet unter: by F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: Wolfgang Heinzel Umschlagbild: SV-Bilderdienst, München Redaktion: Dr. Rainer Schöttle (DRSVS), Neufinsing Herstellung und Satz: VerlagsService Dr. Helmut Neuberger & Karl Schaumann GmbH, Heimstetten Gesetzt aus der 11,5/14,5 Punkt Minion Druck und Binden: GGP Media GmbH, Pößneck Printed in Germany ISBN

3 Inhalt Wanzen 134 Blut am Park 140 Weitwurf 9 Kettenhofweg 12 Gretchenfrage 18 Mentaler Krieg 34 Sprachregelung 43 Urteil ohne Ende 167 Mein deutscher Herbst 185 Zum Abschuss freigegeben 212 Alltag zwischen den Waffen 225 Ende des Terrors 262 Bunkerbesichtigung 49 Die Schlacht beginnt 56 Isolation 74 Der Schwabenstreich 89 Augur des Todes 94 Platzwechsel 106 Abgang 127 Anhang Das Mehrzweckgebäude 267 Gnade vor Gewissen 270 Interview mit dem»kronzeugen«gerhard Ernst Müller 288 Anmerkungen 303

4 Der Schwabenstreich Endlich wieder eine Verhandlungspause die Möglichkeit, sich wenigstens in der Vorhalle des Gerichtsgebäudes die Beine zu vertreten. Der Tag war hektisch gewesen, alle waren sehr angespannt, selbst der sonst kühl wirkende Otto Schily war in Rage geraten, hatte sich verhaspelt. Seine Gesichtsfarbe war in Rosa übergegangen. Das fiel auf, weil alle direkt oder indirekt an diesem Verfahren beteiligten Menschen bleich geworden waren nach vielen Monaten im Neonlicht. Als ich meinen Frühtext den Redaktionen per Telefon durchgegeben hatte, streckte ich meine Arme in die Luft. Der leitende Kriminalbeamte D. verstand diese Geste falsch, kam zu mir:»ja, ist was, Herr Stuberger?Nichts, ich habe mich nur ein wenig gereckt, bin müde heute. Gestern war es lang, und ich konnte schlecht schlafen. Die ganze Situation hier macht mich langsam auch körperlich mürbe, aber das geht Ihnen wohl nicht besser, oder? Wa rum fahren Sie bloß von so weit her tägl i ch mit dem Zu g?ich habe keinen Führerschein, will ihn eigentlich auch nicht machen, aber ich bin bald so weit, dass ich mich doch noch dazu überrede. Und warum sch l a fen Sie dann nicht die Woche über in Stammhei m in ei n em Ho tel wie manche Ihrer Ko ll egen und ei n i ge Anw ä l te?ich will täglich zu Hause sein, auch wenn es nur für ein paar Stunden ist und mich das mehr Anstrengung kostet.«kommentarlos hörte mir der Beamte zu. Ich fuhr höflich fort:»sie haben auch nicht den Traumjob. Sicherheit in diesem Betonkasten zu verantworten muss hart sein. Das kostet Sie gewiss manche unruhige Nacht, oder?das weniger, man gewöhnt sich an alles. Wenn nur alles gut geplant gewesen wäre. Die meisten Sorgen machen mir ganz andere Dinge, als Sie hier sehen und sich denken können.was denn?na ja, wir kennen uns ja jetzt schon lange, Ihnen kann ich s ja sagen. Aber schreiben Sie kein Wort darüber, nicht wahr! Es ist auch ein wenig lustig. Kommen Sie.«Ich folgte dem Beamten, der mir beim Gehen erklärte:»man hat Ihnen das ja gezeigt: Wir haben hier eine Vorrichtung, mit der wir versuchen sollen, einen Bombenanschlag im Saal unwirksam zu machen. Wir durchsuchen ja alle, die reinwollen, aber es könnte ja doch einem gelingen, was durchzuschmuggeln, man weiß ja nie! Darum haben wir diese Transportröhre entwickelt, die wir bis zur Delaboriergrube fahren sollen.«ich erinnerte mich an die Presse-Präsentation. Vor dem Gerichtsgebäude hatte man im Erdboden eine Grube ausgehoben, die mit einer Plane oder Folie bedeckt gewesen sein musste. Es gab einen Zugang über eine Rampe, die ins Erdreich führte. Ständig sollten Sprengstoffexperten anwesend sein. Falls es jemandem gelingen sollte, eine selbst gebastelte Bombe oder einen anderen Explosivkörper ins Gelände zu schmuggeln, wollte man in der Lage sein, das Ding sofort zu entschärfen und not falls kontrolliert zur Explosion zu bringen. Das sollte in dieser Grube draußen vor der Gerichtshalle geschehen. Wir Journalisten waren überrascht, solche Weitsichtigkeit vorgeführt zu bekommen. Es imponierte uns und wir fühlten uns persönlich sicherer im Gerichtssaal, schrieben aber kein Wort darüber. Die Bombe hätte irgendwie aus dem Gebäude in die Grube transportiert werden müssen, ohne Personen zu gefährden. Auch das

5 Problem war gelöst worden im pingeligen Tüftlerland Schwaben. Man hatte einen kleinen Handwagen konstruiert, auf dem eine oben und unten offene schwere Stahlröhre befestigt war. Innerhalb dieser Röhre war ein Gitternetz vermutlich ebenfalls aus Stahl befestigt, das locker herunterhing. Im Fall eines Bombenfundes wollte man den gefährlichen Sprengkörper rasch in das Netz werfen. Ein Sprengstoffspezialist musste dann das Wägelchen in Windeseile nach draußen fahren. Eine Explosion während des Transportes hätte nach oben und unten»verpuffen«sollen, man wollte die Gefährdung von etwa in der Nähe stehenden Menschen auch in dieser kurzen Zeitspanne unbedingt ausschließen ausgenommen war sicher der Beamte, welcher den Wagen schieben musste, der aber die Möglichkeit hatte, seinen eigenen Körper mit Spezialkleidung zu schützen. Der freundliche Kriminalbeamte war mit mir an einem Ausgang angekommen, der für Pressevertreter tabu war. Neben der Tür stand das Wunderwerk an Bombentransporter, wie es uns stolz von den Behörden vorgestellt worden war. Der Beamte blickte sich verschwörerisch um. Als er sicher war, dass uns niemand zusehen konnte, nahm er den Handwagen in beide Hände, öffnete durch einen Stoß mit dem linken Fuß die Tür nach draußen und wollte rasch hindurchfahren, nachdem er mir zuvor bedeutet hatte, ihm zu folgen. Der kleine Handwagen blieb beidseitig am Türrahmen hängen! Ich trat dem Mann von hinten in die Füße.»Ein echter Schwabenstreich, oder?«, lachte der Beamte, verschloss hastig die Tür und stellte den Wagen beiseite. Ich glaube, der Mann hatte lange Zeit Angst, ich würde entgegen meiner Verschwiegenheitszusage über diese Geschichte schreiben. Bis heute habe ich mich an die versprochene Vertraulichkeit gehalten. Nur wenige sehr gute Freunde habe ich darüber in launigen Momenten erst einige Jahre nach dem Ende des Prozesses informiert. Falls die schwäbischen Justizbehörden den Missstand bis heute nicht behoben haben sollten, sind sie selbst dafür verantwortlich, wenn aus meiner späten Offenbarung ein neues Risiko entstehen sollte. Es gab noch mehr Ereignisse, die darauf hindeuteten, dass es mit der Sicherheit im RAF-Prozess nicht so weit her war, wie man die Öffentlichkeit glauben machen wollte. Am 8. Septem ber 1976 verk ü n dete der Sen a t s vors i t zen de noch einmal beh a rrl i ch, G en era l bu n de s a nwalt Si egf ri ed Bu b ack werde n i cht als Zeu ge geh ö rt. Bereits vorh er waren en t s prech en de An tr ä- ge der Verteidigung abgel ehnt worden, die den Lei ter der obers ten deut s ch en An k l a gebeh ö rde unter Eid darüber aussagen lassen wo ll te, ob gegen ü ber dem»kron zeu gen«gerh a rd Müll er unges et z l i che Vern eh mu n gs m et h oden angewandt worden waren. D a s Bu n de s ju s ti z m i n i s terium hatte sich in den RA F- Prozess ei n gem i s ch t. Weil Bu b ack ein po l i ti s ch er Be a m ter war, mu s s te er sich den Wei su n gen des Mi n i s teriums fügen. Bu n de s ju s ti z m i n i s ter Ha n s - Joch en Vogel hatte ihm verbo ten, Au s s a gen zu dem Th em a zu mach en, das die Verteidigung am mei s ten intere s s i erte, wei l eine Veru rtei lung der An ge k l a g ten haupt s ä ch l i ch auf M ü ll ers Au s- s a gen gestützt werden würde, wie man sch on damals vora u s s a gen kon n te. Vogel hatte auf die Forderung Bu b acks hin eine Ak te über die Au s s a gen Müll ers mit dem Zei ch en 3 ARP 74/75 I zur geh eim en Staatssache erk l ä rt und selbst der Ju s tiz voren t h a l ten. Di e s e gru n d ge s et z wi d ri ge Ei n m i s chung der Po l i tik in die Geri ch t s b a r- keit wurde niemals vom Bu n de s verf a s su n gsgeri cht gepr ü f t. Am selben Tag erklärte die inzwischen in Italien lebende RAF- Terroristin Carmen Roll schriftlich dem Gericht gegenüber, sie halte auch nach Verbüßung ihrer Haftstrafe die»politik der RAF nach wie vor für richtig«und bedauere, für die Terrorgruppe nicht mehr aktiv tätig sein zu können, weil sie durch»isolationsfolter in deutschen Gefängnissen«so geschädigt worden sei, dass

6 sie das körperlich nicht mehr schaffe. Roll machte zu jener Zeit eine Ausbildung zur Krankenschwester in Italien. Uns Journalisten interessierte an diesem Verhandlungstag ein Vorgang außerhalb der Gerichtshalle mehr als die Ereignisse dort. Zum wiederholten Mal war nämlich ein verschlossenes Pressetelefon während der verhandlungsfreien Zeit aufgebr ochen und benutzt worden. Zweimal zuvor hatte ein Beamter des Bundesgrenzschutzes die Tat gestanden, der den Gerichtsbunker an den Tagen bewachen sollte, an denen nicht verhandelt wurde. Wir regten uns sehr darüber auf, dass sich dieselbe Tat dreimal ereignen konnte, obwohl man angeblich zusätzliche Streifengänge angeordnet hatte. Das war ein Beweis dafür, dass selbst in dem angeblich am besten bewachten Gebäude Deutschlands zu jener Zeit ungesetzliche Handlungen geschehen konnten. Wir spekulierten darüber, ob an den Pressetelefonen nicht Abhöreinrichtungen montiert worden waren, die es etwa Geheimdiensten ermöglichen sollten, über Zeitungstexte informiert zu sein, bevor sie gedruckt werden konnten. Nur kurze Zeit später sollte der baden-württembergische Innenminister offiziell bestätigen, dass in der Haftanstalt Gespräche zwischen Verteidigern und ihren Mandanten illegal abgehört worden waren. Im Nachhinein erscheint die Vermutung von Pressevertretern, unter Verstoß gegen Gesetze im Gerichtsgebäude des RAF-Prozesses belauscht worden zu sein, noch weniger abwegig, konnte aber nie belegt werden. Bis heute wird nicht darüber diskutiert, ob es Staatsbedienstete gewesen sein könnten, die die Waffen zu den Häftlingen geschmuggelt haben, mit denen die sich das Leben nahmen. Der Vorfall mit den Pressetelefonen beweist immerhin, dass es unter den Beamten, die im innersten Kreis des Hochsicherheitskomplexes eingesetzt wurden, Personen gegeben hat, die sich nicht scheuten, kriminelle Handlungen zu begehen.

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