Durch Shopping die Welt verbessern?

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1 NACHHALTIGER KONSUM Durch Shopping die Welt verbessern? Hungerlöhne, Kinderarbeit, lebensgefährliche Arbeitsbedingungen solche unsozialen Geschäftspraktiken sind nicht im Sinne des Kunden. Statt allein auf den Preis zu schauen, kaufen immer mehr Menschen bewusst ein und hinterfragen die Wirtschaftsmoral von Unternehmen. Können wir als Konsumenten die Welt verbessern? Ja, zumindest ein Stück weit. Doch wir brauchen auch sinnvolle Gesetze, sagt Gerd Billen, langjähriger Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv) in Berlin und seit Dezember 2013 Staatssekretär im Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz. Bewusst einkaufen, bewusst transportieren Jutebeutel statt Plastiktüte. Bewusst konsumieren, sinnvoller leben Eine Jeans für 9,99 Euro, eine Schale Erdbeeren oder eine Packung Wurstaufschnitt für 99 Cent: Darf man als Kunde bei solchen Niedrigpreisen unbeschwert zugreifen? Oder unterstützt man damit zumindest indirekt Unternehmen, die ihre Mitarbeiter wissentlich ausbeuten und womöglich sogar gefährden? Wer hat zum Beispiel in langen Schichten Früchte gepflückt oder Schweine zerlegt und zu welchem Stundenlohn? Wie steht es um Arbeits- und Gesundheitsschutz in fernöstlichen Textilfabriken? Auf solche Fragen erwarten immer mehr Kunden nachvollziehbare Antworten. Handelsunternehmen sind gefordert, nicht nur auf Herstellungskosten, sondern auch auf nachhaltige Produktionsbedingungen zu achten. So sind wir als METRO AG im vergangenen Jahr dem Abkommen für mehr Sicherheit in den Textilfabriken Bangladeschs, der Clean Clothes Campaign, beigetreten. Zusammen mit anderen europäischen Handels- und Nichtregierungsorganisationen unterstützen wir aktiv die Gebäudesicherheit in Bangladesch. Neben grünen Aspekten wie Umwelt- und Tierschutz rücken zunehmend rote, soziale Begleiterscheinungen des eigenen Konsums ins Bewusstsein der Verbraucher und beeinflussen ihr Kaufverhalten. Immer mehr Menschen wünschen sich einen nachhaltigen Lebensstil, meint Christoph Harrach, Gründer von KarmaKonsum. Der Trendforscher berät Unternehmen zum Thema soziale Verantwortung. Bewusster Konsum ist für viele ein erster einfacher Weg, sinnvoller zu leben", so Harrach. 1

2 Heutzutage interessieren sich Kunden nicht nur für den Look einer Jeans, sondern auch für ihre Herstellungsbedingungen. Volksentscheid an der Ladenkasse Mit dem Wunsch wächst auch das Bewusstsein, als Verbraucher tatsächlich etwas bewegen zu können. Immer mehr Menschen treffen politisch bewusste Konsumentscheidungen, mit denen sie Einfluss darauf nehmen möchten, wie und unter welchen Bedingungen Produkte hergestellt werden, sagt Gerd Billen, langjähriger Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands in Berlin und seit Dezember 2013 Staatssekretär im Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz. Zusätzlichen Auftrieb erhält das soziale Gewissen durch Tragödien wie den Einsturz der Textilfabrik in Bangladesch, bei dem im April 2013 mehr als Arbeiter ums Leben kamen. In den vergangenen Jahren ist das Entwicklungsland zum drittgrößten Textilexporteur der Welt aufgestiegen. Deutschland gehört neben den USA zu den größten Abnehmern. Der Textilboom beschert zwar vielen Menschen Arbeit, das rasante Wachstum ging allerdings zu Lasten von Sicherheit und Kontrolle. Mehr als vier Millionen Menschen viele davon gering qualifiziert arbeiten mittlerweile in rund Nähfabriken. Der Einsturz des überlasteten Fabrikgebäudes bei Dhaka war keineswegs der erste, bis dato allerdings der schwerste Industrieunfall in der Geschichte des Landes. Ein Großteil der in Europa und den USA angebotenen Textilien wird in Fabriken in Fernost gefertigt. 2

3 Einkauf mit gutem Gewissen T-Shirts und Kleider aus Bangladesch finden sich in den Geschäften vieler internationaler Modeketten und zwar nicht nur im Billigsegment. Auch angesagte, teure Markenprodukte, wie zum Beispiel Smartphones oder Tablets, enthalten Komponenten aus Fernost. Auftragshersteller wie der taiwanesische Elektronikkonzern Foxconn gerieten wegen unsozialer Arbeitsbedingungen bereits mehrfach negativ in die Schlagzeilen. Die meisten Kunden möchten Produkte, für die Arbeiter in Übersee ausgebeutet werden, weder wissentlich kaufen noch besitzen. Allerdings gibt es auch in Deutschland Konsumenten, die zwischen ihrer persönlichen sozialen Situation und der von Menschen in den Produktionsländern abwägen müssen denn der Einkauf mit gutem Gewissen kostet in der Regel mehr Geld. Unternehmen, die mit verzweifelten Wanderarbeitern oder verunglückten Näherinnen in Verbindung gebracht werden, riskieren in jedem Fall schwere Imageschäden. Da sich deutsche Sozialstandards in der globalen Lieferkette nicht per Gesetz durchsetzen lassen, erweitern immer mehr Unternehmen die freiwillige Selbstkontrolle. So dürfen Lieferanten der METRO GROUP sich nicht an Zwangsarbeit, Kinderarbeit oder sonstigen Formen von Ausbeutung beteiligen. Schon seit Jahren sind diese Verbote als fester Bestandteil in unseren Allgemeinen Einkaufsbedingungen verankert. Die Überwachung und Kontrolle der weltweiten Lieferkette wird kontinuierlich optimiert. Als Mitglied der Business Social Compliance Initiative (BSCI) folgt die METRO GROUP außerdem dem Verhaltenskodex Code of Conduct (COC) zum Aufbau einer ethischen Lieferkette. Wegen unsozialer Arbeitsbedingungen ihrer Hersteller in Fernost stehen einige Smartphone-Anbieter in der Kritik. Fairness-Siegel für mehr Durchblick Trotz des freiwilligen Engagements vieler Unternehmen ist es für Verbraucher nicht immer einfach, fair produzierte und gehandelte Produkte zu erkennen. Orientierungshilfe bieten zwar beispielsweise die Fairtrade-Siegel, die allerdings schwerpunktmäßig auf landwirtschaftlichen Importwaren wie Kaffee, Tee, Kakao oder Gewürzen prangen. Rund 80 europäische Bekleidungshersteller haben sich in der Fair Wear Foundation (FWF) zusammengeschlossen und engagieren sich für faire Arbeitsbedingungen entlang der Lieferkette. Die Menschenrechtsorganisation Earthlink informiert mit einer Liste im Internet, ob und wie Unternehmen Kinderarbeit bei ihren Zulieferern verhindern. 3

4 Auch der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv), die Dachorganisation der deutschen Verbraucherzentralen, hat sich dem Thema Nachhaltigkeit verpflichtet. Ob Kunden an der Kasse tatsächlich die Welt verbessern können, darüber sprachen wir mit Gerd Billen, langjähriger Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands in Berlin und seit Dezember 2013 Staatssekretär im Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz. Der Verein TransFair vergibt als unabhängige Organisation das Fairtrade-Siegel für fair gehandelte Produkte. Herr Billen, beim Shoppen die Welt retten ist das realistisch? Gerd Billen: Gleich die ganze Welt zu verändern halte ich für einen völlig überhöhten Anspruch. Damit Verbraucher an der Kasse tatsächlich Einfluss nehmen können, müssen verschiedene Aspekte zusammenkommen: Erstens ein Thema, das viele Menschen mobilisiert; zweitens ein klar fokussiertes Anliegen und drittens die Möglichkeit, als Kunde regelmäßige Konsumentscheidungen zu hinterfragen. Das klappt zum Beispiel gut bei Lebensmitteln, die Sie jeden Tag kaufen Eier aus ökologischer Produktion, Thunfisch, der nicht mit Treibnetzen gefangen wurde. Hier gibt es erfolgreiche Beispiele für Kampagnen, die viel bewegt haben. Ein Auto kaufen Sie dagegen vielleicht nur alle acht bis zehn Jahre. Und ein Haus finanzieren die meisten nur einmal im Leben. Ihren Hauskredit können Sie ja nicht so einfach kündigen, wenn Sie erfahren, dass Ihre Bank unethische Geschäfte finanziert. Ein ungutes Gefühl haben viele Kunden derzeit vor allem bei Kleidung oder Elektronik made in Fernost. Sollte ich hier lieber die Finger von Billigware lassen, um keine unsozialen Geschäftspraktiken zu unterstützen? Gerd Billen: Nein, es gibt hier leider keine eindeutigen Preis-Qualitätssignale. Nur weil etwas billig ist, heißt das nicht automatisch, dass hier Sozialstandards missachtet werden und umgekehrt. Allerdings haben sich viele Unternehmen in den letzten Jahren wie Heuschrecken verhalten, indem sie immer weiter dorthin abgewandert sind, wo es noch ein paar Cent billiger war. Hier möchten wir die Unternehmen zum Umdenken bewegen. 4

5 Wie denn? Wer als Unternehmen mit gutem Beispiel vorangeht, muss vielleicht die Preise erhöhen und riskiert dadurch Wettbewerbsnachteile, oder? Gerd Billen: Ja, aber nur solange sich unsoziale Geschäftspraktiken relativ einfach verbergen lassen. Zusammen mit anderen Organisationen setzt sich der vzbv im Netzwerk für Unternehmensverantwortung CorA deshalb für verbindliche Offenlegungspflichten ein. In Deutschland sind Unternehmen bisher nicht dazu verpflichtet, öffentlich über ökologische und soziale Aspekte und Risiken ihrer Geschäftstätigkeit entlang der Lieferkette zu berichten. Das muss sich ändern. Im grünen Bereich gibt es ja schon verschiedene Bio- und Öko-Siegel, an denen Verbraucher sich orientieren können. Könnten Sie sich künftig auch ein Prüfsiegel für soziale Nachhaltigkeit vorstellen? Gerd Billen: Ein Siegel auf Produktebene wäre zwar schön, ist aber schwierig umzusetzen, denn die Zusammenhänge sind komplex und die Produkte oft zu unterschiedlich. Genügt es zum Beispiel, im Ausland den gesetzlichen Mindestlohn zu zahlen, auch wenn davon eigentlich niemand leben kann? Ist es überhaupt vertretbar, Waren in Staaten produzieren zu lassen, die Menschenrechte missachten? Deutsche Unternehmen, die verbindliche deutsche Sozialstandards einhalten und das durch ein Siegel dokumentieren sollen, stünden dagegen möglicherweise vor dem Problem, mit Selbstverständlichkeiten zu werben. Das ist wettbewerbsrechtlich verboten. Wie sieht Ihr Vorschlag für mehr Transparenz aus? Gerd Billen: Über CorA möchten wir erreichen, dass Unternehmen ihre Kernprozesse konsequent auf soziale Nachhaltigkeit ausrichten und regelmäßig über den erreichten Stand nach verbindlichen Standards berichten müssen. Und was kann ich bis dahin als sozial engagierter Kunde für eine bessere Welt tun? Gerd Billen: Informieren Sie sich auf den Websites der Unternehmen, bei Verbraucherorganisationen oder durch unabhängige Testberichte, wie und wo die Produkte erzeugt werden und welche Standards und Kontrollen dabei greifen. Und fragen Sie sich vielleicht einmal mehr, ob Sie ein Produkt tatsächlich neu brauchen und wie lange Sie es benutzen werden. 5

6 Gerd Billen, langjähriger Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands in Berlin und seit Dezember 2013 Staatssekretär im Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz. 15. Januar 2014 Copyright: METRO AG URL: 6

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