Ansprache zu Psalm 139 beim ökumenischen Gedenkgottesdienst für Verstorbene ohne Trauerfeier 9. Mai 2014 (St. Laurentius)

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1 Ansprache zu Psalm 139 beim ökumenischen Gedenkgottesdienst für Verstorbene ohne Trauerfeier 9. Mai 2014 (St. Laurentius) Wir sind gedenken heute der Verstorbenen in unserer Stadt, für die es keine Trauerfeier gab. Ich denke an Beerdigungen, bei denen ich als Pfarrerin einen Sarg oder eine Urne auf dem Weg von der Friedhofskapelle zum Grab begleitet habe und niemand sonst war da, der zu dem verstorbenen Menschen gehörte, um eine Trauerfeier mit zu feiern. Das ist ein seltsam berührendes Gefühl. Man fragt sich: War der verstorbene Mensch, der jetzt beerdigt wird, jemandem wichtig? Vermisst ihn jemand? Trauert um ihn irgendwo? Wurde sein Leben von jemandem wahrgenommen? Denkt jetzt jemand an ihn? Manchmal gibt es jemanden. Nur für eine Trauerfeier war niemand da. Manchmal gehen ein paar Menschen mit, aber niemand stand dem Verstorbenen so nahe, dass man eine Trauerfeier hätte veranlassen können oder es fehlte die Möglichkeit dazu. Und manchmal ist einfach niemand da. Was fehlt, wenn niemand den Moment der Beerdigung mit einer Trauerfeier begleitet, den Abschied gestaltet? In unseren christlichen Gemeinden bringen wir im Trauergottesdienst zum Ausdruck, dass der Tod eines Menschen die Gemeinschaft der Gemeinde angeht, über die Familie und Freundinnen und Freunde hinaus. Aber mehr noch: Der Tod eines Menschen betrifft unser Zusammenleben als Menschen in einer Gesellschaft. So wie sein Leben. Mit einer Trauerfeier zeigen wir, sagen wir, dass es für die Gemeinschaft nicht egal ist, wie jemand gelebt hat und dass jemand gestorben ist. Es geht uns alle an. Es hat Gewicht. Es ist ein seltsames Gefühl, wenn niemand mitgeht. Es fehlt etwas, wenn keine Trauerfeier den Abschied einbettet in die Gemeinschaft. Oft ist das ein Spiegel für die Lebenssituation des verstorbenen Menschen. Manchmal ist es so wie wir es in den Psalmworten gehört haben. Ein Mensch hat so gelebt, dass er sich von den anderen entfernt hat, so als wäre er geflohen bis ans äußerste Meer. Jemand ist von anderen Menschen weit weg geraten durch ein schweres Lebensschicksal, vielleicht durch eine Schuld, vielleicht, weil er oder sie nicht zurecht kommt mit sich und dem Leben und den Weg verloren hat. Manchmal ist jemand allein zurückgeblieben, Verwandte, Freundinnen und Freunde sind nicht mehr da wie bei dem alten Mann aus einem Altenheim, den ich beerdigt habe und da war niemand mehr, keine Familie in erreichbarer Nähe. Vielleicht hat sich jemand auch von den anderen zurückgezogen, ist einsam geworden, als wäre wirklich Nacht statt Licht um ihn oder sie. Und manchmal konnte jemand einfach nicht mit den anderen zusammenleben, war nicht mehr verträglich, nicht mehr verständlich für sie. Manchmal hat Streit und Entzweiung einen Menschen isoliert. Manchmal ist das so wie in dem Psalm. Als wäre jemand weit weg geraten von den meisten, von allen, zu denen man gehört. Nicht mehr wahrgenommen, nicht ausgehalten. Oder allein oder mit wenigen zurück geblieben. Menschen, für die es keine Trauerfeier gab. Das ist ein seltsam berührendes Gefühl.

2 Mir ist es so gegangen bei dem einsamen Weg mit einem Sarg zum Grab: Da wiegen plötzlich die Worte aus dem Psalm besonders schwer, bekommen einen ganz anderen Klang: Gott, Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war Du verstehst meine Gedanken von ferne Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege. Deine Augen sahen mich. Sehen mich. Ich werde wahrgenommen. Ich bin nicht vergessen. Für Gott war ich schon von Bedeutung, schon gewollt und bedacht, bevor ich das Licht der Welt erblickt habe. So staunt in diesen Psalmworten ein Mensch über Gott. Sein Staunen ist wie ein Aha-Erlebnis, als gingen ihm die Augen auf, als hätte dieser Mensch das lange nicht gewusst, gefühlt, nicht glauben können, als hätte er es noch nie so bewusst erfahren: Von allen Seiten umgibst du mich; diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen. Das Leben eines Menschen wurde kaum wahrgenommen. Fragt man Nachbarn, entfernte Verwandte, so schütteln sie ernst den Kopf: Nein, sie können kaum etwas zu dem verstorbenen Menschen sagen. Aber alle Tage waren in dein Buch geschrieben. Im Lebensbuch Gottes steht dieses Leben. Das Leben eines jeden Menschen. Ein jeder Name. Beim Propheten Jesaja gibt es sogar das Bild, dass Gott die Menschen, ihre Namen in seine Hände zeichnet. Niemand ist vergessen bei ihm. Aber, das sagen uns die Worte des Psalms mit allem Ernst ja auch: Manchmal geht es uns auch so mit Gott. Man scheint weit weg von ihm zu sein, fühlt sich vielleicht auch von Gott vergessen und allein gelassen. Oder man hat ihn vergessen, wollte vielleicht sogar nichts mit ihm zu tun haben. War enttäuscht, oder hat einfach keinen Zugang zu Gott gefunden. Wie es kam, dass der Beter in diesem alten Psalm damals Gott findet oder sich von ihm finden lässt, das wissen wir nicht. Nur dieses Staunen, sein Staunen erleben wir eindrücklich: Du hast mich gebildet im Mutterleibe. Deine Augen sahen mich. Alle meine Tage sind in deinem Buch. Nein, von Gott ist er nicht und nie vergessen. Von ihm wurde er gebildet, das macht seine Einzigartigkeit aus, seine Würde: Ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin. Du bist ein Gedanke Gottes, so heißt es in einem Lied, Du bist gewollt, kein Kind des Zufalls, keine Laune der Natur, ganz egal ob du dein Lebenslied in Moll singst oder Dur Das gilt von jedem von uns. Das gilt von einem jeden Namen, den wir gleich verlesen werden und dessen wir heute gedenken, stellvertretend für so manchen anderen Namen, dessen nie in einer Trauerfeier gedacht wurde. Oft verstehen wir die Wege Gottes nicht. Das verschweigt der Psalm nicht. War er in einem Leben da? Warum ist ein Mensch dann weit weg geraten von anderen? Warum allein oder fast allein zurück geblieben? Wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken so bekennt der Psalmbeter, aber dann kommt er zu dem Schluss: Am Ende bin ich noch immer bei dir.

3 Am Ende bin ich noch immer bei dir. Dass das wahr ist, erkennen wir an Jesus, dem Sohn Gottes. Er ist selber einen Weg gegangen, auf dem er dann alleine war. Seine Freunde haben es nicht geschafft am tiefsten Tiefpunkt mit ihm auszuhalten. Von Gott fühlte er sich verlassen. Und doch hat er niemanden aufgegeben. Seine Freunde nicht. Seine Feinde nicht. Auch das ist mehr, als wir verstehen. Dass wir in Jesus Gott selbst erleben, der niemanden aufgibt. Der selber in die Tiefe der Verlassenheit geht und sich ihr aussetzt, die die Menschen erleben. Jesus ist stärker als alle Verlassenheit und Vergessenheit. Er ist ganz gewiss auch an der Seite derer, deren Namen wir heute verlesen werden, die wir nicht mit einem Gesicht, einem Lebensweg verbinden mögen. Am Ende bin ich noch immer bei dir. Die Liebe Gottes, die niemanden vergisst, die eines jeden Menschen gedenkt, befiehlt ihre Namen auch unserem Gedenken. Wir sollen, wir dürfen uns von jedem Namen berühren lassen, denn jeder hat Gewicht bei Gott. Und wir sollen, wir dürfen uns durch diese Namen erinnern und auch mahnen lassen: Ein Leben schon im Leben nicht zu vergessen. Es wahrzunehmen. Ernst zu machen damit, dass ein jeder Name gewicht hat und ein jedes Leben in Gottes Buch gezeichnet ist. Amen.

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