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1 ARMUT UND VERSCHULDUNG VON KINDERN UND JUGEND- LICHEN AM BEISPIEL VON HANDYS UND MARKENKLEIDUNG LEHRERINFORMATION von Dr. Volker Teichert Heidelberg, im April 2005

2 IMPRESSUM Autor Dr. Volker Teichert Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft Institut für interdisziplinäre Forschung Schmeilweg Heidelberg Tel.: , -32 (Sekr.) Fax: Internet: Auftraggeber Klaus Waldmann Evangelische Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung Auguststraße Berlin Tel.: Fax: Internet: Martin Huhn Industrie- und Sozialpfarramt Nordbaden Nietzschestraße Mannheim Tel.: Fax: Die Erstellung der Unterrichtsmaterialien wurde durch Mittel des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend finanziell gefördert. 2

3 INHALT 1 Begründung des Themas 2 Lernziele 3 Zielgruppen 4 Arbeit von Kindern und Jugendlichen 4.1 Hintergrundinformationen (Welche rechtlichen Rahmenbedingungen bestimmen die Arbeit von Kindern und Jugendlichen?) 4.2 Arbeitsbereiche von Kindern und Jugendlichen (In welchen Bereichen arbeiten Kinder und Jugendliche?) 4.3 Lohneinkommen von Kindern und Jugendlichen (Wie viel Geld bekommen sie für ihre Arbeit?) 4.4 Geldtransfer von Eltern an ihre Kinder und Jugendlichen (Wie viel Geld erhalten sie von ihren Eltern?) 4.5 Ausgabenstruktur der Kinder und Jugendlichen (Für was geben sie ihr Geld aus?) 5 Verschuldung und Armut von Kindern und Jugendlichen 5.1 Hintergrundinformationen (Was bedeutet Verschuldung und Überschuldung?) 5.2 Zur Verschuldung und Überschuldung von privaten Haushalten (Wer ist in Deutschland verschuldet?) 5.3 Zur besonderen Schuldensituation von Kindern und Jugendlichen (Wie hoch sind deren Schulden?) 5.4 Armut in Deutschland (Wer ist von Armut besonders betroffen?) 5.5 Armut von Kindern und Jugendlichen (Was heißt Infantilisierung von Armut?) 5.6 Auswirkungen und Folgen von Armut auf Kinder und Jugendliche (Wie wirkt sich Armut auf deren psycho-soziale Situation aus? 6 Kauf und Nutzung von Handys als Besonderheit 6.1 Entwicklung der Handynutzung (Wie viele Handy-Besitzer gibt es?) 6.2 Handy-Anbieter und ihre Vertragsstruktur (Was kostet ein Handy? Wie sehen die Verträge aus?) 6.3 Schulden durch das Telefonieren mit dem Handy (Wie hoch sind die Handyschulden von Jugendlichen?) 3

4 7 Markenkleidung als Besonderheit 7.1 Bedürfnisse des Verbrauchers (Was sind Bedürfnisse?) 7.2 Anbieter von Markenkleidung und ihre Preisstruktur (Warum ist Markenkleidung teurer als normale Kleidung? Wie sind die Preisunterschiede zwischen Markenund normaler Kleidung? Worin unterscheidet sich Markenkleidung von normaler Kleidung?) 7.3 Bedeutung von Markenkleidung (Warum sind Marken wichtig? Dient Markenkleidung zur Abgrenzung gegenüber anderen Gruppen von Jugendlichen?) Verwendete Literatur Unterrichtsmaterialien Internetadressen 4

5 KAPITEL 1 BEGRÜNDUNG DES THEMAS Seit den 90er Jahren ist Armut in Deutschland wieder zu einem öffentlich diskutierten Thema geworden. Hier nur einige Überschriften aus Zeitungsartikeln der letzten Monate: Tief in der Kreide. Allein Erziehende geraten besonders häufig in Armut (Frankfurter Rundschau vom 19. Juni 2004) Die neue Unterschicht. Die einen sind tief gefallen, die anderen nie aufgestiegen: Die Armut in Deutschland breitet sich aus. Sie erfasst Arbeitslose genauso wie Niedriglöhner und gescheiterte Unternehmer (DIE ZEIT vom 10. März 2005) Immer mehr Kinder und Jugendliche leben in Armut (Die Welt vom 23. Dezember 2004) Rund 1,1 Mio. Kinder unter 18 Jahren bezogen 2003 in Deutschland Sozialhilfe. Die Sozialhilfequote von Kindern ist umso höher, je jünger die Kinder sind: Die höchste Sozialhilfequote mit 11,1 Prozent wies 2003 die Gruppe der unter dreijährigen Kinder auf, während die der 15- bis 17-Jährigen nur 5 Prozent betrug. Betrachtet man die Armutshaushalte mit Kindern hinsichtlich ihrer Arbeitsverhältnisse, so leben arme Kinder vornehmlich in nichterwerbstätigen Haushalten (Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger), differenziert man sie in Bezug auf die familiären Lebensformen, so finden sich Kinder vorrangig in Haushalten von allein erziehenden Müttern. Daneben sind Haushalte von Zuwanderern und mit mehreren Kindern statistisch stärker von Armut betroffen. Dem steht die direkte Kaufkraft von Kindern zwischen 6 und 13 Jahren gegenüber, die 2004 nach Angaben der Kids Verbraucher Analyse (2004) in Deutschland bei rund 6 Mrd. jährlich lag. Damit eng zusammenhängend sind Berichte über Konsum-Kinder, die mit Markenprodukten von Nike, Puma, Adidas, Hilfiger, Lacoste und Nokia aufwachsen. Was solche Berichte indes verdecken, ist die soziale Polarisierung, die mit der Gesamtgesellschaft auch ihre jüngsten Mitglieder in unterschiedliche Lager spaltet. Denn daneben gibt es auch immer mehr Jugendliche, die sich schon frühzeitig verschulden: In der Altersgruppe der 13- bis 17- Jährigen sind 6 Prozent, unter den 18- bis 20-Jährigen 13 Prozent und unter den 21- bis 24- Jährigen bereits 16 Prozent überschuldet. Vor allem die Zahl der überschuldeten 20- bis 24- Jährigen hat sich dramatisch vergrößert: 1999 waren noch Jugendliche mit einem ersten Negativmerkmal aus der Branche der Mobilfunkunternehmen gemeldet, so stieg die Zahl bis 2003 auf Jugendliche. Als Negativmerkmal wird eine Zahlungsstörung, d.h. 5

6 eine offen, ausreichend gemahnte und nicht bestrittene Forderung, oder die Abgabe einer eidesstattlichen Versicherung bzw. die Eröffnung eines Privatinsolvenzverfahrens angesehen. Die vorliegende Lehrerinformation widmet sich schwerpunktmäßig der Arbeit von Kindern und Jugendlichen (Kapitel 4), die zur Erfüllung ihrer diversen Konsumwünsche vermehrt jobben, denn einer Untersuchung des Instituts für Jugendforschung zufolge haben die 6- bis 12- Jährigen 2004 im Schnitt 95 weniger zur Verfügung. Das Minus resultiert vor allen Dingen aus dem Rückgang bei den unregelmäßigen Geldzuwendungen. In Kapitel 5 wird die Verschuldung und Armut von Kindern und Jugendlichen behandelt, deren Situation sich in den zurückliegenden Jahren entscheidend verändert hat. Teils hat es auch mit dem gewandelten Selbstverständnis der Jugendlichen zu tun: Nach einer Studie der Universität Oldenburg war nur noch ein Viertel der befragten Jugendlichen bereit, auf Konsum zu verzichten, wenn das eigene Taschengeld hierfür nicht ausreicht. Zwei Drittel hingegen wür- 6

7 den sich in diesem Fall das notwendige Geld leihen. Hieran wird deutlich, wie schnell junge Menschen in die Schuldenfalle geraten können, wenn sie über ihre Verhältnisse leben, um sich ihre kostspieligen Produktwünsche erfüllen zu können. Der besonderen Situation durch den Kauf und die Nutzung von Handys und dem Wunsch nach Markenkleidung widmen sich die Kapitel 6 und 7. So banal es klingen mag: Der Umgang mit Geld muss gelernt werden und zwar möglichst in jungen Jahren. Deshalb wurde diese Lehrerinformation erstellt. Wenn Jugendliche sich schon in jungen Jahren Geld leihen, so geschieht dies zum überwiegenden Teil aus dem Familien- und Bekanntenkreis. Schon jetzt sollte der junge Schuldner mit den Konsequenzen der privaten Kreditaufnahme konfrontiert werden, indem zwischen ihm und den Eltern (oder Bekannten) ein konkretes Rückzahlungsziel vereinbart wird. Wichtig ist auf jeden Fall, dass Jugendliche die Verpflichtung, die aus dem Entleihen von Geld entsteht, erkennen und sich durch frühe Einübung ins Bewusstsein rufen. Abschließend informiert die Broschüre über geeignete Unterrichtsmaterialien und Internetadressen, die der Lehrerin oder dem Lehrer weitere Details zur Thematik vermitteln. 7

8 KAPITEL 2 LERNZIELE RICHTZIELE Mit dieser Lehrerinformation (inklusive Foliensatz) soll der Lernende zum einen die Armutsprozesse in Deutschland durchschauen und erkennen lernen; zum anderen sollen Hintergründe für die Verschuldung besonders am Beispiel von Handys und Markenkleidung dargestellt und interpretiert werden. Der Lernende soll erkennen, dass die Nutzung von Handys und der Konsum von Markenkleidung in die Verschuldung führen können. Nach einer Studie des Instituts für Jugendforschung hat mehr als jeder zehnte 13- bis 17jährige in Deutschland Schulden. Zehn Prozent davon fallen durch Handys an. Beträge von mehreren hundert Euro monatlich sind keine Seltenheit. Das Handy und Kleidung bestimmter Marken sind für viele Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren ein entscheidendes Statussymbol. Gefragt und analysiert werden soll mit diesen Unterrichtsmaterialien auch nach den Ursachen, warum Handy und Markenkleidung für die heutige Generation von Kindern und Jugendlichen eine solche Bedeutung haben. Behandelt werden soll zudem auch die Frage, was zu tun ist, um die Verschuldung von Jugendlichen zu überwinden. GROBZIELE Die Lernenden erkennen, dass in diesem kapitalistischen Wirtschaftssystem Bedürfnisse durch Werbung geweckt werden, die bei ständiger Befriedigung leicht zur Verschuldung beitragen können, der Konsum von Markenprodukten im Vergleich zu normalen Produkten mit höheren Kosten verbunden sein kann, der Gebrauch von Markenkleidung nur bedingt den Status des Einzelnen verbessert, die Nutzung von Markenprodukten oder der Kauf eines Handys bei unangemessenem Gebrauch zur Verschuldung führen können, das Jobben nur bedingt zur Bezahlung der auftretenden Kosten beiträgt, die Kinder und Jugendlichen über eine hohe Kaufkraft verfügen, an der dieses Wirtschaftssystem ein großes Interesse hat. 8

9 KAPITEL 3 ZIELGRUPPEN Die Unterrichtsmaterialien sind geeignet für Lernende a) an Haupt- und Realschulen sowie Gesamtschulen (Sekundarstufe I), b) an der Oberstufe der Gymnasien (Sekundarstufe II), c) an beruflichen Schulen, d) in der Erwachsenenbildung und bei Fortbildungseinrichtungen. Lehrende a) Lehrer/innen und Dozent/innen an den aufgeführten Schulen und Weiterbildungseinrichtungen, b) Mitarbeiter an Evangelischen Akademien. Je nach vorhandener Unterrichtszeit und je nach den unterschiedlichen Vorgaben in den einzelnen Lehrplänen können auch einzelne Bausteine der Lehrerinformation behandelt werden. 9

10 KAPITEL 4 ARBEIT VON KINDERN UND JUGENDLICHEN Welche rechtlichen Rahmenbedingungen bestimmen die Arbeit von Kindern und Jugendlichen? Im Unterschied zu früher arbeiten Kinder heute nicht mehr, um ihren Lebensunterhalt selbst zu tragen, sondern um ihre eigenen Konsumbedürfnisse zu finanzieren. Kinderarbeit ist in Deutschland grundsätzlich verboten, womit regelmäßige, auf Gelderwerb gerichtete Tätigkeiten gemeint sind. Generell akzeptiert ist die so genannte Taschengeldarbeit, sofern gewisse Vorschriften beachtet werden. Nach dem Jugendarbeitsschutzgesetz (JArbSchG) vom 12. April 1976 dürfen Kinder über 13 Jahre und vollzeitschulpflichtige Jugendliche leichter und geeigneter Arbeit nachgehen, sofern diese keine negativen Auswirkungen auf ihre Gesundheit oder Schulbildung hat. M1 5 Verbot der Beschäftigung von Kindern Die Beschäftigung ist leicht, wenn sie auf Grund ihrer Beschaffenheit und der besonderen Bedingungen, unter denen sie ausgeführt wird, 1. die Sicherheit, Gesundheit und Entwicklung der Kinder, 2. ihren Schulbesuch ( ) und 3. ihre Fähigkeit, dem Unterricht mit Nutzen zu folgen, nicht nachteilig beeinflusst. Die Kinder dürfen nicht mehr als zwei Stunden täglich, in landwirtschaftlichen Familienbetrieben nicht mehr als drei Stunden täglich, nicht zwischen 18 und 8 Uhr, nicht vor dem Schulunterricht und nicht während des Schulunterrichts beschäftigt werden. JArbSchG in der Fassung vom 27. Dezember 2003 Die Arbeit darf also nicht vor 8.00 Uhr und nicht nach Uhr geleistet werden und täglich zwei Stunden nicht überschreiten. In der Regel dürfen Jugendliche nicht an Samstagen oder Sonntagen und nicht vor oder während des Schulunterrichts arbeiten. Ausnahmeregelungen wie beispielsweise in der Ferienzeit existieren (bis höchstens vier Wochen im Jahr und acht Stunden pro Tag). Konkretisiert wurden die zulässigen Beschäftigungen schließlich mit der Kinderarbeitsschutzverordnung (KindArbSchV) vom 23. Juni In ihr wurde festgelegt, welchen bezahlten Tätigkeiten Kinder überhaupt nachgehen dürfen. 10

11 M2 2 Zulässige Beschäftigungen (1) Kinder über 13 Jahre und vollzeitschulpflichtige Jugendliche dürfen nur beschäftigt werden 1. mit dem Austragen von Zeitungen, Zeitschriften, Anzeigenblättern und Werbeprospekten, 2. in privaten und landwirtschaftlichen Haushalten mit a. Tätigkeiten in Haushalt und Garten, b. Botengängen, c. der Betreuung von Kindern und anderen zum Haushalt gehörenden Personen, d. Nachhilfeunterricht, e. der Betreuung von Haustieren, f. Einkaufstätigkeiten mit Ausnahme des Einkaufs von alkoholischen Getränken und Tabakwaren, 3. in ladwirtschaftlichen Betrieben mit Tätigkeiten bei der Feldbestellung, a. der Ernte und b. der Selbstvermarktung landwirtschaftlicher Erzeugnisse, c. der Versorgung von Tieren, 4. mit Handreichungen beim Sport, 5. mit Tätigkeiten bei nichtgewerblichen Aktionen und Veranstaltungen der Kirchen, Religionsgemeinschaften, Verbände, Vereine und Parteien, wenn die Beschäftigung nach 5 Abs. 3 des Jugendarbeitsschutzgesetzes leicht und für sie geeignet ist. Arbeitsaufgaben zu M1 und M2: 1. Bitte stellen Sie eine Übersicht zusammenstellen, aus der hervorgeht, welchen leichten und geeigneten Tätigkeiten Kinder und Jugendliche nachgehen können! Welchen Tätigkeiten gehen Ihre Freundinnen und Freunde sowie Mitschülerinnen und Mitschüler nach? 2. Wie werden im Jugendarbeitsschutzgesetz Kinder und Jugendliche definiert? 3. Was bedeuten die Begriffe Nachtruhe ( 14), Samstagsruhe ( 16) und Sonntagsruhe ( 17) im Jugendarbeitsschutzgesetz? 4. Fassen Sie die wichtigsten Inhalte der Kinderarbeitsschutzverordnung zusammen! 11

12 In welchen Bereichen arbeiten Kinder und Jugendliche? Arbeit von Kindern und Jugendlichen ist ein alltägliches Phänomen in unserer Wohlstandsgesellschaft. Die Motive, warum Kinder und Jugendliche arbeiten, sind genauso vielfältig wie ihre Arbeitsbereiche: Einerseits dient das Jobben dazu, das Taschengeld aufzubessern, zum anderen wird Geld gespart, um sich größere Investitionen frühzeitig erfüllen zu können. Dazu zählen bei Jugendlichen unter anderem das Sparen für den Führerschein oder der Kauf eines Mopeds, Motorrollers oder Autos. Bei Jungen steht der Kauf eines Computers oder eines teuren Computerspiels im Vordergrund, Mädchen bevorzugen den Klamottenkauf. Drittens tragen die Verdienste der Kinder indirekt dazu, die Haushaltskasse von teils teuren Wünschen zu entlasten. Die Massenhaftigkeit des Phänomens der Kinderarbeit findet in der wissenschaftlichen Forschung nicht ihre Entsprechung. Weder die großen Jugendstudien des Jugendwerks der Deutschen Shell noch die Untersuchungen zum Freizeitverhalten von Jugendlichen würdigen die Arbeit von Kindern und Jugendlichen als Untersuchungsgegenstand. Der 11. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung behandelt die Kinderarbeit auf einer halben Seite unter der Überschrift Kinder und Jugendliche als Käufer und Konsumenten. ( ) Der gegenwärtige Stand des Wissens beruht neben Berichten über Einzelfälle ( ) auf den Untersuchungen, die im Auftrag der Regierungen in einigen Bundesländern Ende der achtziger und in den neunziger Jahren durchgeführt wurden (Wienold 2002, S. 112). Die Aufgaben, die Jugendliche annehmen dürfen, reichen vom Austragen von Prospekten und Zeitungen über Arbeiten in privaten Haushalten (Botengänge, Tätigkeiten in Haushalt und Garten, Babysitten, Nachhilfe, Betreuung von Haustieren oder Einkaufstätigkeiten), in landwirtschaftlichen Betrieben (Erntehelfer, Versorgung von Tieren, Selbstvermarktung von landwirtschaftlichen Erzeugnissen) bis hin zu Handreichungen im Sport (Balljunge etc.). Zusammenfassend lässt sich grob folgendes Tätigkeitsraster herausarbeiten: Ein Drittel der arbeitenden Kinder und Jugendlichen betreuen Babys oder arbeiten in Haus und Garten. Ein weiteres Drittel verdienen ihr Geld durch Verteilen von Zeitungen, Prospekten und Gemeindeblättern. Hilfs- und Aushilfstätigkeiten in Supermärkten (wie Regale einräumen, Inventurarbeiten durchführen) werden von knapp 15 Prozent der arbeitenden Kinder und Jugendlichen ausgeübt. 12

13 Ca. 10 Prozent arbeiten in Gaststätten, Büros oder auf dem Bau. Im Allgemeinen handelt es sich um Ferienjobs, der Anteil der illegalen Kinderarbeit ist in diesem Bereich am höchsten. Weitere 10 Prozent der Kinder und Jugendlichen führen Tätigkeiten wie Reinigungsarbeiten, Arbeiten an der Tankstelle, Pflegearbeiten, Auslieferung von Produkten aus. In der Landwirtschaft sind etwa 5 Prozent tätig. Die Handreichungen im Sport spielen nur eine untergeordnete Rolle. Eine Tendenz zum geschlechtsspezifischen Arbeitsmarkt ist erkennbar: Mädchen arbeiten häufiger als Babysitterinnen, in Gaststätten, im Büro, in Arzt- oder Tierarztpraxen, Reiterhöfen oder geben Nachhilfeunterricht, die Jungen dagegen sind hauptsächlich als Zeitungsausträger oder in der Landwirtschaft tätig, arbeiten in Supermärkten oder an Tankstellen. Mädchen verdienen im Durchschnitt weniger als Jungen. Darüber hinaus gibt es regionale Unterschiede, d.h. in Großstädten ist der Verdienst höher als in ländlichen Regionen. Die Jobs der Kinder und Jugendlichen können auf wenige Stunden oder Tage im Jahr beschränkt sein, kann als Ferienarbeit begrenzten auf einige Wochen oder auch regelmäßig ausgeübt werden. Fast drei Viertel der Jugendlichen, die jobben, üben ihren Nebenjob regelmäßig aus. Bei gut der Hälfte von ihnen begrenzt sich die wöchentliche Arbeitszeit auf maximal fünf Stunden. Mit zunehmendem Alter der Jugendlichen steigt die wöchentliche Stundenzahl, die sie für das Jobben aufbringen. Wie viel Geld bekommen die Kinder und Jugendlichen für ihre Arbeit? Der Arbeitsmarkt von Kindern und Jugendlichen ist in weiten Teilen informell organisiert. Er ist für die Arbeitswilligen wenig transparent. Mit dem Arbeitsangebot werden überwiegend Nischen abgedeckt. Die Vermittlungen bestimmter Tätigkeiten erfolgen in erster Linie durch Freunde und Bekannte, gefolgt von Eltern und Verwandten. Über die Höhe der Verdienste gibt es nur wenige Informationen. Im Durchschnitt erhalten die Kinder und Jugendlichen zwischen 4,00 und 6,50 pro Stunde. Mehr als die Hälfte der Jugendlichen verfügt über monatliche Jobeinnahmen von bis zu 200. Der geschätzte Jahresverdienst liegt bei rund 900 bis

14 M3 Die Problematik aller Versuche, Kinderarbeit zu regulieren und zu kontrollieren, liegt in ihrer weitgehenden Unsichtbarkeit. Sie ist, einmal abgesehen von Tätigkeiten wie dem Austragen von Zeitungen oder dem Job auf der Baustelle, häufig im Alltag den Augen der Öffentlichkeit entzogen und findet z.b. im Hinterzimmer einer Apotheke, im Lager eines Supermarktes oder im Privathaushalt statt. ( ) Es ist jedoch nicht nur die geringe Sichtbarkeit der Kinderarbeit, sondern auch ihre scheinbare Unerheblichkeit und Unscheinbarkeit in den Augen von Erwachsenen, die eine angemessene Wahrnehmung blockiert. Erst die Summe aller Tätigkeiten von Kindern und Jugendlichen schlägt gesellschaftlich zu Buche. Wienold 2002, S. 110 Vergleicht man die Höhe des monatlichen Taschengeldes mit den Konsumwünschen und dem durchschnittlich hochgerechneten Jahresverdienst der arbeitenden Kinder, so fällt auf, dass das Taschengeld allein kaum ausreichen dürfte, die z.t. relativ teuren Konsumwünsche der Kinder zu befriedigen. Die Höhe des jährlichen Taschengeldes erreicht bei denen, die arbeiten, im Durchschnitt nur etwa ein Drittel des Jahresverdienstes. Hier zeigt sich der Stellenwert, den die Arbeit für die Jugendlichen im Rahmen der Finanzierung ihrer Konsumwünsche hat. Die Ausgaben, die erforderlich sind, um in bestimmten Bereichen mit von der Partie sein zu können (teure Kleidung, Skateboards, Mountainbikes, Elektronik etc.), übersteigen bei weitem die Größenordnung auch eines hohen Taschengeldes. Für viele Jugendliche bleibt hier nur die Alternative, selbst Geld zu verdienen oder Verzicht zu leisten. Hessisches Ministerium für Frauen, Arbeit und Sozialordnung 1994, S. 35f. Arbeitsaufgaben zu M3: 1. Wie lässt sich die Arbeit von Kindern und Jugendlichen beurteilen? 2. Warum müssen Kinder und Jugendliche arbeiten? 3. Wie ist das Verhältnis zwischen Taschengeld und dem Verdienst durch das Jobben? 4. Was verdienen Ihre Freundinnen und Freunde sowie Mitschülerinnen und Mitschüler mit ihren Jobs? Wie viel Taschengeld erhalten sie von ihren Eltern? 14

15 Wie viel Geld erhalten die Kinder und Jugendlichen von ihren Eltern? In einer Jugendstudie, die vom Mannheimer Institut für praxisorientierte Jugendforschung (ipos) im Auftrag des Bundesverbandes Deutscher Banken (2003) durchgeführt wurde, gaben 85 Prozent der Jugendlichen im Alter von 14 bis 24 Jahren an, regelmäßig Taschengeld zu erhalten. In einer von Eurocard/Mastercard (2002) in Auftrag gegebenen Studie gaben ebenfalls 84 Prozent der deutschen Jugendlichen (im Alter von 10 bis 17 Jahren) an, von ihren Eltern regelmäßig Taschengeld zu bekommen. Die monatliche Höhe des Taschengeldes lag bei 21. Nach der Kids Verbraucher Analyse (2003) stand den Jugendlichen 2003 monatlich ein Geldbetrag von 73 zur Verfügung, der sich aus Taschengeld, Zuwendungen von Großeltern, Geld zu Weihnachten und zum Geburtstag und Jobben zusammensetzt. Abb. 1: Monatlich verfügbares Geldeinkommen von Kindern und Jugendlichen 2003 (Quelle: Kids Verbraucher Analyse 2003) 15

16 Je nach dem Alter der Kinder und Jugendlichen wird das verfügbare Einkommen immer höher: Die 6- bis 9 Jährigen hatten rund 12, die 10- bis 12 Jährigen circa 20 und die 13- bis 15 Jährigen um die 40 verfügbares Einkommen. Den größten Einkommenssprung gab es bei den 16- bis 19jährigen Jugendlichen, dessen hohes verfügbares Einkommen sich sicherlich dadurch erklären lässt, dass sie einer Gelegenheitsarbeit nachgingen und sich dadurch selbst den einen oder anderen Euro hinzu verdienten. Außerdem dürfte bei dieser Altersgruppe möglicherweise auch das Auszubildendengehalt eine Rolle spielen standen den Kindern und Jugendlichen im Alter von 6 bis 19 Jahren in Deutschland etwa zur Verfügung, bei 11,28 Mio. Kindern und Jugendlichen dieses Alters ergibt sich eine Kaufkraft von 20,4 Mrd., die natürlich für die Hersteller von Konsumgütern von Interesse ist. Innerhalb von zwei Jahren hat sich die finanzielle Situation der Kinder und Jugendlichen um ein Viertel erhöht: Verfügten sie 2001 noch über eine Kaufkraft von 16,44 Mrd., so lag sie 2003 bei 20,43 Mrd.. Abb. 2: Durchschnittliches Ausgabevolumen von Kindern und Jugendlichen 2003 (Quelle: Kids Verbraucher Analyse 2003) 16

17 Zu ähnlich lautenden Ergebnissen kommt eine Studie des Münchner Instituts für Jugendforschung (IJF), einer Tochter der Unternehmensberatung Roland Berger. Nach deren Ergebnissen beliefen sich die Einnahmen der 13- bis 20-Jährigen in Deutschland im Jahre 2004 auf 21,1 Mrd.. Jeder Jugendliche hatte durchschnittlich rund zur freien Verfügung. Zwei Drittel aller Jugendlichen sparen, das Guthaben beträgt im Durchschnitt pro Person knapp Bei den 6- bis 13jährigen Mädchen stehen als Sparziele ganz oben: Handy, Outfit, Spielwaren und Ausgaben für Urlaub. Bei den Jungen gleichen Alters kommen neben dem Handy vor allen Dingen Computerspiele sowie Computer und Zubehör hinzu. Für was geben die Kinder und Jugendlichen ihr Geld aus? Das Taschengeld wird in erster Linie für Süßigkeiten sowie Zeitschriften und Zeitungen ausgegeben. Diese Ausgabenstruktur gilt sowohl für Jungen und Mädchen im Alter von sechs bis neunzehn Jahren. Allerdings gibt es gewisse Ausgabenverschiebungen, je nach dem Alter der Kinder und Jugendlichen: Werden die Kinder älter geben sie mehr Geld für CDs, Kinobesuche, Handy und Computer-/Videospiele aus. Bei den Mädchen im Alter von 13 bis 19 Jahren kommen als weitere Position die Ausgaben für Kosmetika sowie Bekleidung und Schuhe hinzu. Für den Kauf von Bekleidung und Schuhe wird neben dem Führerschein von den Mädchen auch am meisten gespart. 17

18 Abb. 3: Verwendung des Taschengeldes von Jungen im Alter von 6 bis 19 Jahren (Quelle: Kids Verbraucher Analyse 2003) 18

19 Abb. 4: Verwendung des Taschengeldes von Mädchen im Alter von 6 bis 19 Jahren (Quelle: Kids Verbraucher Analyse 2003) 19

20 KAPITEL 5 VERSCHULDUNG UND ARMUT VON KINDERN UND JUGENDLICHEN Was bedeutet Verschuldung und Überschuldung? Verschuldung bedeutet die Tatsache, dass ein Haushalt eine Zahlungsverpflichtung eingegangen ist, die sich in vielerlei Formen darstellen kann: Nutzung einer Kreditkarte, Geldaufnahme in einer Pfandleihe oder einem Leihhaus, Überziehungsdarlehen oder Dispositionskredit bei einer Bank oder einer Sparkasse, Kauf auf Raten bei einem Kauf- oder Versandhaus, Anschaffungsdarlehen, persönlicher Kleinkredit oder Kleinkredit bei einem Kreditvermittler, Anschaffungsdarlehen, persönlicher Kleinkredit oder Kleinkredit bei einer Bank oder Sparkasse, Anschaffungsdarlehen, persönlicher Kleinkredit oder Kleinkredit, bei dem der Arbeitgeber direkt vom Gehaltskonto die Ratern abbucht und überweist, Mietkauf, Leasing, Kredit mit fester Laufzeit bei einer Bank oder Sparkasse, der in gleich bleibenden Raten zurückgezahlt werden muss. Kann der Haushalt seinen vielfältigen finanziellen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen, spricht man in der Literatur von einer Überschuldung. Wer ist in Deutschland überschuldet? Nach Schätzungen von Korczak (2004, S. 46) waren 2002 in Deutschland 3,13 Mio. Haushalte überschuldet. In Westdeutschland lag die Zahl der überschuldeten Haushalte bei 2,19 Mio. (7,2 Prozent der Haushalte) und in Ostdeutschland bei (11,3 Prozent der Haushalte). Das Sozialprofil relativ überschuldeter Haushalte sieht nach dem Schulden-Kompass 2004 der SCHUFA Holding (2004, S. 144f.) wie folgt aus: Die überwiegende Mehrheit überschuldeter Haushalte bilden Ein-Personen-Haushalte, Familien mit Kindern und allein Erziehende. Das Hauptrisiko der Überschuldung betrifft Personen, die sich entweder in ihrer beruflichen oder familiären Planung befinden. Arbeitslosigkeit und Sozialhilfebezug erhöht das Überschuldungsrisiko um ein Vielfaches. 20

21 M4 Definitionen von Überschuldung Überschuldung bezeichnet eine Situation, in der der Haushalt angesichts seiner Einkommensverhältnisse nicht mehr in der Lage ist, die Ausgaben für den Lebensunterhalt und sonstige Zahlungsverpflichtungen zu erfüllen. Koch/Reis 1987, S. 1 Überschuldung ist die Nichterfüllung von Zahlungsverpflichtungen, die zu einer ökonomischen und psychosozialen Destabilisierung von Schuldnern führt. Überschuldung bedeutet daher nicht allein, dass nach Abzug der fixen Lebenshaltungskosten der verbleibende Rest des monatlichen Einkommens für zu zahlende Raten nicht mehr ausreicht, sondern birgt massive soziale und psychische Konsequenzen in sich. Korczak/Pfefferkorn 1992, S. XXI Überschuldung ist Ausdruck wirtschaftlicher Armut und psycho-sozialer Notlage. Überschuldete Haushalte können mit ihrem Laufenden Einkommen (nach Auflösung ihrer Reserven) den Zahlungsverpflichtungen nicht mehr vollständig nachkommen, selbst wenn sie ihre Lebenshaltung einschränken. Sie sind wirtschaftlich und sozial destabilisiert, auch in dem Sinne, dass sie sich wirtschaftlich einschränken müssen und eigene Kontrolle (Verbrauchersouveränität) über ihr wirtschaftliches Handeln einbüßen. Arbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung der Verbände (2001), S. 68 Subjektive Überschuldung ist dann gegeben, wenn sich eine Person psychisch und finanziell überfordert fühlt, Schulden zurückzuzahlen. Relative Überschuldung ist dann gegeben, wenn trotz Reduzierung des Lebensstils der Einkommensrest nach Abzug der Lebenshaltungskosten (Miete, Energie, Versicherung, Grundnahrungsmittel, ÖPNV, Telefon, Kleidung etc.) nicht zur fristgerechten Schuldentilgung ausreicht. Absolute Überschuldung (Insolvenz) liegt vor, wenn das Einkommen und Vermögen des Schuldners die bestehenden Verbindlichkeiten nicht mehr decken. Korczak 2003, S. 26 Arbeitsaufgaben zu M4: 1. Worin zeigen sich die Unterschiede zwischen den einzelnen Definitionen! 2. Welche Beziehung gibt es zwischen Überschuldung und Armut von privaten Haushalten? 3. Wie ist die Differenzierung in relative, absolute und subjektive Überschuldung zu bewerten? 21

22 Die Verschuldung und auch die Überschuldung der privaten Haushalte so zumindest das Ergebnis vieler Untersuchungen haben in Deutschland in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Doch interessanterweise ist Überschuldung in erster Linie eine Erscheinung des mittleren Lebensalters, in der die weitere Lebensplanung stattfindet. Die Ursachen für den Anstieg der überschuldeten Haushalte sind vielschichtiger Natur: Erstens wirkt sich die nach wie vor hohe Massenerwerbslosigkeit und hier die Langzeitarbeitslosigkeit negativ aus, die sich ihrerseits nachteilig auf die finanzielle Situation der Haushalte auswirkt. Zusätzlich können die steigenden Scheidungszahlen und die damit verbundenen wirtschaftliche Probleme für die allein Erziehenden zu Überschuldung und Armut führen. Als weiteres Motiv nennt Korczak (2004, 46f.) die schlechte finanzielle Allgemeinbildung und die damit einhergehende geringe Resistenz gegenüber Konsumangeboten, die die eigene finanzielle Situation bei weitem überfordern. Wie hoch sind die Schulden von Kindern und Jugendlichen? Doch für Korczak (2001, S. 133) ist dies kein Indiz dafür, dass Jugendliche weniger Probleme mit Schulden haben als Erwachsene. Eine Schuldnerkarriere ist vielmehr bereits im Jugendalter angelegt. Nach den Ergebnissen des Instituts für Jugendforschung (2003) haben 6 Prozent der 13- bis 17-Jährigen Schulden in Höhe von ca Bereits 13 Prozent der 18- bis 20jährigen und 16 Prozent der 21- bis 24jährigen sind in überdurchschnittlicher Höhe von bzw verschuldet. Diese Schulden summieren sich zu einem Schuldenberg von 1,9 Mrd., den die Kinder und Jugendlichen mittlerweile aufgehäuft haben. Ein Drittel dieser Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben Schulden bei einem Kreditinstitut. Kredite werden überwiegend für den Kauf eines Pkws, Mofas oder Motorrollers aufgenommen. Daneben spielt aber auch das Handy als Schuldenfalle eine Rolle. Doch in der Öffentlichkeit wird es stark überbewertet. Als bedenklich erweist sich aber die Praxis der Mobilfunkunternehmen, Jugendliche mit zweijährigen Verträgen an sich zu binden. Werden dann zwei oder drei Monatsrechnungen nicht beglichen, erfolgt die fristlose Kündigung und eine Schadenersatzforderung für die Restlaufzeit. Je nach der Restlaufzeit können hier schnell einige hundert Euro Schadenersatz zusammen kommen. Zusätzlich werden die Jugendlichen bei der SCHUFA gemeldet, was die Gewährung von späteren Krediten oder andere Finanzgeschäfte erschwert. Kinder und Jugendliche bis zur Volljährigkeit tauchen als Schuldner allerdings in der Statistik von Banken, Inkasso-Instituten und Schuldnerberatungsstellen nur bedingt auf, weil die Eltern die Schulden ihrer Kinder bei Großeltern, Freunden und Bekannten häufig übernehmen und damit abwenden. 22

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