C. Naturtourismus und Ökotourismus: Merkmale, Auswirkungen und Systemeigenschaften

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1 C. Naturtourismus und Ökotourismus: Merkmale, Auswirkungen und Systemeigenschaften Im Folgenden wird Ökotourismus bzw. Naturtourismus zunächst als Teil des Systems Tourismus beschrieben, welches sehr wesentlich von der Interaktion zwischen Angebot und Nachfrage determiniert wird. Der Schwerpunkt der Analyse liegt auf der Betrachtung der ökonomischen Aspekte dieses touristischen Teilsystems (Ausgabenstruktur, Umsätze und deren räumliche Verteilung, Einkauf von Vorleistungen, Arbeitsplatzeffekte usw.). Da sich Ökotourismus und Naturtourismus per definitionem erst durch ihre Auswirkungen voneinander unterscheiden, kommt an dieser Stelle in erster Linie der Oberbegriff "Naturtourismus" zur Anwendung. In Bezug auf Angebot und Nachfrage wird von "Ökotourismus" als eigenständiger Tourismusform nur dann gesprochen, wenn dessen Ziele fester Bestandteil eines touristischen Angebotes sind bzw. von den Nachfragern aktiv angestrebt werden. In einem zweiten Schritt werden die in der Literatur beschriebenen Auswirkungen von Natur- bzw. Ökotourismus zusammenfassend dargestellt und analysiert. Auch hier wird sich zeigen, dass Öko- und Naturtourismus nicht immer eindeutig zu trennen sind, denn in der Realität vermischen sich auf verschiedenen Ebenen oft positive und negative Auswirkungen, und es finden sich unterschiedliche Zielerreichungsgrade. Auch ist es nicht immer auf die touristischen Akteure selbst zurückzuführen, ob intendierte positive Effekte eintreten oder nicht. Schließlich wird Ökotourismus als zu steuerndes System analysiert. Dabei werden die im Kap. B gemachten Ausführungen zu den Systemen Naturschutz, Tourismus und Entwicklungszusammenarbeit zusammengeführt und um spezifische Aspekte des Managements von Schutzgebieten und von kommunalen Ökotourismusprojekten ergänzt. Analyseschwerpunkte sind die Ausprägung von Policy-Zyklen sowie die Rolle von Akteuren und deren Interessen im System Ökotourismus. 1. Nachfrage und Angebot - Merkmale und Entwicklungen des Natur- und des Ökotourismus Vorweggeschickt sei, dass Naturtourismus - definiert als "eine Form des Reisens in naturnahe Gebiete, bei dem das Erleben von Natur im Mittelpunkt steht" - von anderen, nicht-naturbezogenen Tourismusformen nicht immer eindeutig abzugrenzen ist (vgl. Kap. A.2). Dies gilt insbesondere für solche touristischen Aktivitäten, bei denen sich verschiedene Motivationen vermischen, und für Reisen, die wiederum aus verschiede

2 Teil C nen Aktivitäten (naturbezogenen und nicht-naturbezogenen) bestehen. Dies bezieht sich nicht nur auf die Angebots-, sondern auch für die Nachfrageseite: Die wenigsten Reisenden können - quasi als festes personenzugehöriges Merkmal - als Natur- oder Ökotouristen bezeichnet werden. Eine solche Zuschreibung kann nur in Bezug auf eine jeweils konkrete Reise oder Aktivität vorgenommen werden. Erschwerend kommt hinzu, dass "Naturtourismus" kein allgemein anerkannter und abgegrenzter Begriff ist und im globalen Tourismusmarkt nur eine relativ untergeordnete Rolle spielt. Daher existieren auch nur wenige quantitative Daten (wie etwa Statistiken) zu Angebot und Nachfrage im Naturtourismus. Dort, wo dies doch der Fall ist, beziehen sie sich entweder auf Teilmärkte (inhaltlich und/oder geografisch), sind also nur ausschnitthaft, oder aber - genau umgekehrt - Bestandteil eines weiter gefassten Marktsegmentes (wie "Spezial-" oder "Abenteuerreisen"), so dass der Natur- oder Ökotourismus-Anteil nicht genau auszumachen ist (vgl. EAGLES/HIGGINS 1998). Die quantitative globale Dimension des Naturtourismus kann daher nur über Schätzungen erfasst werden. Aus diesem Grunde trifft die folgende Analyse der naturtouristischen Nachfrage und Angebote vor allem Aussagen zu deren qualitativen Merkmalen. Dabei ist zu beachten, dass auch hier nur wenige empirisch gesicherte Erkenntnisse vorhanden sind, so dass mit Schätzungen und Typisierungen gearbeitet werden muss. Hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Angebot und Nachfrage ist davon auszugehen, dass es sich im Naturtourismus - im Gegensatz zu Tourismus generell - eher um einen Nachfragemarkt handelt. Das heißt, eine entsprechende Nachfrage, zuerst aus den IL, hat dazu geführt, dass ein naturbezogenes touristisches Angebot in den El geschaffen wurde. Weltweit scheint die Nachfrage das Angebot im Naturtourismus - und vermutlich noch mehr im Ökotourismus - immer noch zu übersteigen (BRANDON 1996, S.4; EPLER WOOD 1997). 1.1 Die Nachfrageseite Untersuchungen oder Einschätzungen der vorhandenen oder potenziellen Nachfrage nach Natur- und Ökotourismus in EL beziehen sich quellgebietsbezogen vor allem auf Nordamerika. Das Marktpotenzial von Europa, aber auch von Japan oder den Schwellenländern ist dagegen weitgehend unbekannt. Vereinzelt existieren Marktstudien in Bezug auf bestimmte Zielgebiete, in denen Naturtourismus eine wichtige Rolle spielt, wie etwa Costa Rica, Belize oder Kenia. Die wenigen vorhandenen Studien konzentrieren sich außerdem auf von Veranstaltern organisierte Pauschalreisen. Das Segment der Individualreisenden ist dagegen bisher vernachlässigt worden (EAGLES/HIGGINS 1998)

3 Merkmale von Öko-/Naturtourismus Quantitative Entwicklungen Aufgrund der o.g. Schwierigkeiten gehen Schätzungen über den Anteil von Naturtourismus am Welttourismus weit auseinander. Eine Zahl, die immer wieder in der Fachliteratur auftaucht, beziffert diesen Anteil auf 7%. 1 Eine andere Berechnung (FILION et al. 1994) kommt auf einen sehr viel höheren Anteil von 40 bis 60%, doch erscheinen die Ergebnisse dieser Studie aufgrund mehrerer methodischer Unstimmigkeiten als weit überhöht. 2 Sie kann bestenfalls dahingehend interpretiert werden, dass es sich hierbei um Touristen handelt, die u.u. einen Besuch in einem Naturgebiet als ein Element von mehreren in eine Reise einbauen. Immerhin wird damit jedoch das außerordentliche Potenzial von Naturtourismus belegt. In Bezug auf die USA als Entsendemarkt für Naturtourismus kursieren ebenfalls sehr weit auseinandergehende Schätzungen. Sie reichen von etwa 1 bis 2,5% der Reiseausgaben von US-Amerikanern 3 bis hin zu 43 Mio. US-Amerikanern (= 37% aller Reisenden), die seit Ende der 80er Jahre eine "Öko-Tour" unternommen haben könnten (Cook et al. 1992, zit. in TES 1998b). Weitgehende Einigkeit besteht dagegen hinsichtlich des Wachstums von Naturtourismus. Fast alle Wissenschaftler und befragten Touristiker gehen von einem weit überdurchschnittlichen Wachstum von jährlich 10 bis 15% (in einzelnen Fällen bis zu 30%) in den 90er Jahren aus. Diese Werte liegen deutlich über den etwa 4%, die im globalen und im US-Tourismus erwartet werden (vgl. u.a. BRANDON 1996, TES 1998b, LINDBERG et al. 1998, WWF 1999). In Bezug auf die Größe der Entsendemärkte für Naturtourismus in den EL vermuten EAGLES/HIGGINS 1998, dass die größte Nachfrage aus Nordamerika, gefolgt von Westeuropa (vor allem Großbritannien, Deutschland) und Australien/Neuseeland, kommt. Bisher noch kleinere, aber wachsende Entsendemärkte sind demnach Japan, Südeuropa und die südostasiatischen Schwellenländer. In Schwellenländern ist auch die Binnennachfrage (einschl. der weiteren Region) nach Naturtourismus teilweise von großer Bedeutung. So sind beispielsweise in Thailand und Indonesien 85 bzw. 90% der Schutzgebietsbesucher Einheimische (LINDBERG et al. 1998). In weniger entwickelten EL, wie etwa in weiten Teilen Afrikas (vgl. STRASDAS/BEHRENS-EGGE 1997), gibt es dagegen Die Angabe basiert auf einer Schätzung durch die WTO im Jahre 1989 (TES 1998b). So wurden vor allem Einzelstudien aus solchen Ländern ausgewertet, in denen Naturgebiete ein wichtiger Teil des touristischen Angebotes sind. Teilweise wurden nur vage Motive oder Absichten erfasst ("Natur genießen"). In Bezug auf Europa wurde der Besuch ländlicher Gebiete mit Naturtourismus gleichgesetzt. die Ende der 80er Jahre ins Ausland reisten (GOLDFARB 1989, zit. in BRANDON 1996)

4 Teil C praktisch keine naturtouristische Binnennachfrage, da eine Mittelschicht fehlt und die Oberschicht oft wenig Interesse am Besuch von Naturgebieten zeigt Qualitative Merkmale und Entwicklungen Während die quantitative Abschätzung der Nachfrage nach Naturtourismus Aufschluss über dessen globales ökonomisches Potenzial gibt, sind die qualitativen Merkmale vor allem für die segmentspezifische Angebotsgestaltung von Interesse. Da Natur-/Ökotouristen aber auch wichtige Akteure im System Ökotourismus sind, sind ihre Motive, Einstellungen und Aktivitäten darüber hinaus von großer Bedeutung für die Frage, inwiefern und mit welchen Steuerungsinstrumenten gewünschte Auswirkungen im Sinne von Ökotourismus erreicht werden können. Hier interessieren solche Eigenschaften wie Naturinteresse, Umweltbewusstsein, sozio-kulturelle Sensibilität, Komfortansprüche, Anpassungsfähigkeit gegenüber lokalen Gegebenheiten, Ausgabeverhalten usw. Natur-/Ökotouristen sind zum einen typische Vertreter der neuen Tendenzen im Tourismus (höhere Qualitätsansprüche, Interesse an besonderen Erlebnissen usw.; vgl. Kap. B.2.1.1) und haben in dieser Hinsicht viel mit anderen EL-Reisenden gemeinsam (vgl. BMZ 1993). Von den "konventionellen" Touristen, die ihren Urlaub in einem Ferienzentrum an der Küste verbringen, oder vom typischen Rucksackreisenden unterscheiden sie sich dennoch durch eine Reihe von Besonderheiten, die im Folgenden aufgezeigt werden. Die Aussagen beziehen sich in erster Linie auf Nordamerikaner. Kulturell bedingte Abweichungen - soweit bekannt - werden im Anschluss diskutiert. Sozio-demografische und -ökonomische Merkmale Praktisch alle Nachfrageuntersuchungen kommen zu dem Schluss, dass Natur-/Ökotouristen überdurchschnittliche Einkommen und ein überdurchschnittliches Bildungsniveau, oft mit akademischen Qualifikationen, aufweisen. Frauen und Männer sind zu etwa gleichen Teilen vertreten, wobei häufig beide berufstätig sind, so dass zusammenreisende Partner über ein doppeltes Einkommen verfügen (u.a. TES 1998b, HONEY 1999). Etwas weniger eindeutig sind die Angaben zur Altersstruktur von Naturtouristen. Es überwiegen mittlere bis ältere Altersgruppen (zwischen 35 und 65 Jahren), die nur selten mit Kindern reisen. Oft handelt es sich um kinderlose Personen oder um Paare, deren Kinder bereits erwachsen sind. Der Anteil älterer Rentner ist dagegen gering. Die Altersstruktur ist wichtig in Bezug auf Komfortansprüche und die Fähigkeit zu körperlich anstrengenden Urlaubsaktivitäten. Auch wenn der typische Naturtourist überdurchschnittlich fit und trainiert ist, ist in Rechnung zu stellen, dass die wichtigste Nachfragegruppe, nämlich die geburtenstarken Nachkriegsjahrgänge (Baby Boomers), zunehmend in die Jahre kommt, bei abnehmender körperlicher Fitness aber weiterhin Interesse an

5 Merkmale von Öko-/Naturtourismus Naturreisen haben wird. Dies ist bei der Angebotsgestaltung zukünftig verstärkt zu berücksichtigen (LINDBERG et al. 1998). Die Ausschließlichkeit, mit der Naturtouristen oft mittleren und älteren Jahrgängen zugerechnet werden, dürfte jedoch eine gewisse Verzerrung darstellen, die darauf zurückzuführen ist, dass viele Marktstudien in diesem Segment nur den Pauschalreisemarkt und nicht die Individualtouristen abdecken. Letztere sind mit hoher Wahrscheinlichkeit deutlich jünger, da sie geringere Komfortansprüche stellen, flexibler sind und weniger Geld für eine Reise ausgeben können. Auch sind Touristen, die Naturgebiete im Rahmen von Projektreisen besuchen, durchschnittlich jünger. Reisemerkmale Im Gegensatz zu den meist stationären "klassischen" Strandaufenthalten überwiegen im Naturtourismus Rundreisen, teilweise durch mehrere Länder. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer liegt bei etwa zwei Wochen. Reisen, die weniger als eine Woche oder mehr als drei Wochen dauern, sind selten. Allerdings ist auch im Naturtourismus ein Trend zu kürzeren Reisen zu beobachten. Die meisten Naturtouristen verfügen bereits über langjährige Reiseerfahrungen, oft auch in "exotischen" Ländern. Dies äußert sich jedoch nicht unbedingt in einer hohen Wiederkehrhäufigkeit in Bezug auf eine bestimmte EL-Destination (außer wenn diese besonders vielfältige Aktivitätsmöglichkeiten anbietet oder in der Nähe von wichtigen Herkunftsländern liegt). Die meisten Naturtouristen neigen dazu, Neues entdecken zu wollen und daher verschiedene Länder zu bereisen. Eine größere Kundenbindung besteht dagegen in Bezug auf bestimmte Reiseveranstalter, d.h. die Art und Qualität der angebotenen Gesamt-Dienstleistung ist in diesen Fällen wichtiger als das Zielgebiet (AGÖT 1995, TES 1998b, EPLER WOOD 1998b, HONEY 1999). Auch wenn der Anteil der Individualreisenden im Naturtourismus in EL oft unterschätzt wird, überwiegen komplett organisierte Pauschalreisen doch bei weitem. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die Reisebedingungen in vielen EL ohnehin schwierig sind. Werden abgelegene, wenig erschlossene Naturgebiete besucht, sind außerdem spezielle Transportmittel, Führer, Proviant, Zelte, Ausrüstung usw. notwendig. Die Inanspruchnahme der Dienste eines Reiseveranstalters stellt vor diesem Hintergrund oft eine erhebliche Erleichterung dar. Dabei werden kleinere Gruppengrößen (max. 15 bis 20 Personen, eher weniger), z.t. sogar individuell zusammengestellte Touren, eindeutig bevorzugt. Mit zunehmender Reiseerfahrung und der touristischen Erschließung vor allem von Schwellenländern ist jedoch eine Zunahme von Teilpauschalreisen zu beobachten. Hierbei werden nur touristische Teilleistungen gebucht: im Quellgebiet typischerweise der Flug; im Zielland organisierte Touren in sonst schwer erreichbare Natur- und andere

6 Teil C Gebiete. Individual- wie auch (Teil-) Pauschalnaturtouristen reisen bevorzugt zu zweit (60%), seltener allein (13%) oder als Familie (15%) (TES 1998b). Die Unterscheidung zwischen Pauschal- und Individualreisenden im Öko-/Naturtourismus ist nicht nur hinsichtlich ihrer Komfortansprüche, Flexibilität und ihres Ausgabeverhaltens, sondern auch für das Marketing einer Destination von Bedeutung. So lassen sich Pauschalreisende am ehesten über spezialisierte Reiseveranstalter als zentrale Multiplikatoren erreichen. Die diffusere Zielgruppe der Individualreisenden muss dagegen über verschiedene Medien angesprochen werden. Eine zentrale Rolle spielen hierbei die einschlägigen Reisebuchverlage und zunehmend das Internet. Dagegen sind Reisebüros als Vermittler im Naturtourismus recht unbedeutend. Aktivitätstypen Natur-/Ökotouristen lassen sich hinsichtlich der von ihnen bevorzugt ausgeübten Aktivitäten in verschiedene Typen differenzieren: Naturbeobachtung: Landschaftsbild, Naturfotografie, Tierbeobachtung, botanische Besonderheiten etc.; Abenteuertourismus: körperlich anstrengende Aktivitäten wie Trekking, Bergsteigen, Wildnis-Expeditionen, Mountainbiking, Kanufahren, Rafting, Tauchen usw.; kultureller/anthropologischer Naturtourismus: Interesse an naturnah lebenden, vor allem indigenen Kulturen sowie an traditionellen und/oder nachhaltigen Naturnutzungsformen (z.b. Medizinalpflanzen); auch in Verbindung mit historischen/archäologischen Stätten; konsumptiver Naturtourismus: Freizeit-Jagd und Angeln; Wissenschafts-/Projekt-/Ausbildungstourismus: Forschungsvorhaben, Ausbildungskurse, Projekte in Naturgebieten (professionell, als Hobby oder aus idealistischen Gründen betrieben), z.b. in den Bereichen Biologie, Ökologie, nachhaltige Nutzung von Naturressourcen, Umweltsanierung, EZ, Archäologie, Paläontologie. (AGÖT 1995, S.46). Es liegen keine Erkenntnisse darüber vor, wie hoch das jeweilige Marktpotenzial dieser Teilsegmente von Naturtourismus ist. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die beiden erstgenannten Typen am meisten verbreitet sind, wobei die Möglichkeit, Tiere in einer naturnahen Umgebung beobachten zu können, eines der wichtigsten Motive von Naturtouristen darstellt (TES 1998b)

7 Merkmale von Öko-/Naturtourismus Naturinteresse und Umweltbewusstsein Den meisten Naturtouristen ist gemeinsam, dass sie möglichst unberührte oder unberührt wirkende Natur erleben möchten (EAGLES 1995, TES 1998b). Dies bezieht sich zum einen auf den Zustand der besuchten Naturgebiete, zum anderen auf den Grad der Ausstattung mit touristischer Infrastruktur und die gleichzeitige Anwesenheit anderer Touristen im selben Gebiet. Zu stark dominierende Infrastruktur und sehr hohe Besucherzahlen (crowding) werden tendenziell als negativ wahrgenommen. Gesucht werden möglichst exklusive Naturerlebnisse und häufig auch ein Wissenszuwachs über Natur (Lernorientierung). Um dies zu vermitteln, sind qualitativ hochwertige Programme notwendig. Diese Tendenzen sind jedoch unterschiedlich ausgeprägt. Folgende Nachfragesegmente lassen sich unterscheiden: spezialisiertes Naturinteresse: Hierzu zählen vor allem (Hobby-) Wissenschaftler, Freizeit-Jäger und -Angler sowie teilweise Natursportler. Eine besonders wichtige Nachfragegruppe sind Hobby-Ornithologen oder bird watchers (CEBALLOS- LASCURAIN 1998). Bei ihnen tritt ein ganz bestimmter Aspekt von Natur in den Vordergrund, an dessen Qualität entsprechend hohe Anforderungen gestellt werden, während andere Merkmale (wie Landschaftsbild, ökologische Vielfalt) eines Naturgebietes relativ unbedeutend sein können (Natur als Kulisse; siehe unten). engagiertes Naturinteresse: Hier ist das Erleben und Kennenlernen von Natur ganzheitlicher orientiert. Es besteht großes Interesse an ökologischen Zusammenhängen und indigenen Kulturen, und der Anspruch, intakte Natur ohne zu viele andere Touristen erleben zu wollen, ist besonders hoch. Vertreter dieser Gruppe sind oft Mitglieder von Natur- und Umweltschutzorganisationen oder zumindest überdurchschnittlich an Naturschutz, nachhaltiger Nutzung usw. interessiert. Besonders in Nordamerika bieten Umweltschutzorganisationen und Privatveranstalter entsprechende Reisen in EL mit qualitativ hochwertigen Programmen an. allgemeines Naturinteresse: Hierbei handelt es sich um eine abgeschwächte Variante des vorhergehenden Typus. Der Schwerpunkt des Interesses liegt eher auf der unmittelbaren Beobachtung interessanter Tiere und Naturphänomene, weniger auf ökologischen Zusammenhängen oder Problemen des Naturschutzes. Das Interesse ist oft mehr genuss- als lernorientiert, obwohl auch für letzteres eine überdurchschnittliche Ansprechbarkeit besteht. Unberührtheit von Natur wird ebenfalls als positiv angesehen, kann aber im Zweifesfall aufgrund geringeren Hintergrundwissens nicht immer eindeutig beurteilt werden. Dieses Nachfragesegment stellt das Gros der Naturtouristen

8 Teil C beiläufiges Naturinteresse: Natur hat hier eher die Funktion einer schönen Kulisse. 4 Interesse besteht vor allem an besonders spektakulären Tierarten oder anderen Naturphänomenen, kaum an abstrakten ökologischen Zusammenhängen. Ansprechbarkeit für ökologische und naturschützerische Fragen ist zwar vorhanden, aber am ehesten in Form von "leicht verdaulicher" Unterhaltung (edutainment). Intaktheit von Ökosystemen ist demgegenüber zweitrangig und auch die Empfindlichkeit gegenüber crowding und touristischer Erschließung ist geringer. Die konkreten Interessen dieser und der vorherigen Gruppe sind stark medienabhängig. So ist beispielsweise das derzeitige touristische Interesse am tropischen Regenwald mit dessen Rolle in der Umweltdebatte und häufiger Präsenz in den Medien gekoppelt. Oft wird Naturtourismus mit anderen Urlaubsinhalten (wie Strandaufenthalte) kombiniert, und Besuche in Naturgebieten sind eher kurz. Fast alle Einschätzungen des Naturreisemarktes gehen davon aus, dass diese Segmente - oft im Rahmen einer Diversifizierung konventioneller touristischer Angebote - am stärksten zum derzeitigen Wachstum der Nachfrage nach Naturtourismus beitragen. (AGÖT 1995). Im Zusammenhang mit Naturinteresse wird in der Literatur häufig auch ein überdurchschnittliches Umweltbewusstsein als Push-Faktor für die Zunahme naturbezogener Reisen genannt (EAGLES/HIGGINS 1998). Auch wenn hierüber keine systematischen Untersuchungen vorliegen, ist davon auszugehen, dass dieser Zusammenhang bei den engagierten und teilweise auch den spezialisierten Naturtouristen am stärksten ausgeprägt ist. Diese Nachfrager können daher am ehesten als Ökotouristen bezeichnet werden, da sie gegenüber den Zielen des Ökotourismus besonders aufgeschlossen sind. Dagegen ist bei den beiden anderen Gruppen vergleichsweise mit einer Abnahme des Umweltbewusstseins zu rechnen. Insbesondere bei oberflächlichem Naturinteresse dürfte auch das Umweltbewusstsein bestenfalls durchschnittlich ausgeprägt sein. Dies bedeutet jedoch nicht unbedingt, dass diese Art der Nachfrage den Zielen des Ökotourismus prinzipiell entgegensteht (siehe Kap. D.2.2.2). Die Steuerungsinstrumente müssen aber entsprechend angepasst werden; insbesondere sind Informationen über umwelt- und sozialverträgliches Verhalten sowohl vor als auch während der Reise notwendig. Reisestile und Anpassungsfähigkeit 4 Dies gilt teilweise auch für spezialisierte Naturtouristen (siehe oben), die sich in erster Linie auf ihre jeweilige Aktivität (wie Jagen, Rafting usw.) konzentrieren und sich kaum für andere Naturaspekte interessieren

9 Merkmale von Öko-/Naturtourismus Der Reisestil von Naturtouristen - verstanden als die Komfortansprüche, die an Unterkunft, Verpflegung, Transportmittel gestellt werden, und die Bereitschaft, sich auf möglicherweise ungewohnte lokale Bedingungen einzustellen - ist von zentraler Bedeutung für die Gestaltung des abgeleiteten Angebotes. Der Wunsch nach dem Erleben unberührter Natur geht nicht unbedingt mit der Akzeptanz spartanischer Rahmenbedingungen einher, auch wenn letzteres bei Naturtouristen ausgeprägter ist als bei "konventionellen" Touristen. Folgende Typen von Touristen lassen sich voneinander abgrenzen: der Rucksack-Naturtourist: geringe Komfortansprüche und hohe Anpassungsfähigkeit; einfache Unterkünfte, öffentliche Verkehrsmittel und lokale Besonderheiten (z.b. Speisen) machen sogar den besonderen Reiz einer Reise aus; z.t. geringere räumliche Flexibilität aufgrund fehlender eigener Fahrzeuge; bevorzugt selbst organisierte Rundreisen oder Projekt-/Ausbildungsaufenthalte; geringe Reiseausgaben; der flexible Naturtourist: mittlere, je nach Situation z.t. wechselnde Komfortansprüche (Mittelklasse-Hotels in Städten stehen neben einfachen Unterkünften in Naturgebieten; Mietwagen und Inlandsflüge neben öffentlichen Verkehrsmitteln), aber noch relativ hohe Anpassungsfähigkeit; bevorzugt selbst organisierte Rundreisen oder (Teil-) Pauschalreisen; mittelhohe Reiseausgaben; der Komfort-Naturtourist: hohe bis sehr hohe Komfortansprüche (Luxus-Lodges, internationale Küche, exzellenter Service, Flugzeug als Hauptverkehrsmittel bei Rundreisen), Anpassungsfähigkeit und geringere Komfortansprüche höchstens punktuell (Tagesausflüge); Pauschalreisen in Kleingruppen oder individuell arrangierte Touren; hohe bis sehr hohe Reiseausgaben; der Ferienzentren-Tourist: hohe Komfortansprüche und geringe Anpassungsfähigkeit; bevorzugt stationäre Aufenthalte an der Küste in gewohnter Umgebung; gelegentlich Tagesausflüge oder kurze Rundreisen in gut erschlossene Naturgebiete, meist als Teil eines Pauschal-Arrangements; mittelhohe bis hohe Reiseausgaben. Dieser Typus ist im Naturtourismus derzeit noch wenig verbreitet, doch gibt es Bestrebungen, hier stärker entsprechende Angebote zu entwickeln, z.b. in Form von "Öko-Resorts", die alle Annehmlichkeiten eines Ferienzentrums bieten (z.b. auch für Kinder), aber in naturnaher Umgebung und mit naturspezifischen Programmen (EPLER WOOD 1997). (AGÖT 1995, S.73; basierend auf Ziffer 1989). Reisestil und Anpassungsfähigkeit von Naturtouristen sind von entscheidender Bedeutung dafür, ob Angebote von kleineren oder mittleren lokalen Unternehmen, lokale Unterkünfte, Produkte und Dienstleistungen angenommen werden oder nicht. Diese Bereitschaft nimmt bei den genannten Typen von oben nach unten ab. Dies bedeutet

10 Teil C aber wiederum nicht automatisch, dass mit den beiden letztgenannten Nachfragegruppen keine lokalen Einkommenseffekte geschaffen werden können. Hier ist vielmehr die Frage nach adäquaten lokalen Beteiligungsmöglichkeiten differenziert zu stellen. Zur Frage der Sozialverträglichkeit von Naturtourismus können anhand der Reisestile keine pauschalen Aussagen getroffen werden. Generell wird davon ausgegangen, dass Naturtouristen nicht nur über ein überdurchschnittliches Umweltbewusstsein, sondern auch über eine erhöhte soziale Sensibilität bei gleichzeitigem Interesse am Kennenlernen "fremder" Kulturen verfügen. Wie sich dies in der Praxis auswirkt, ist bisher allerdings nicht systematisch untersucht worden. Differenzierung nach Herkunftsländern Wie eingangs erwähnt, beziehen sich die Aussagen zur Nachfrage nach Natur-/Ökotourismus in erster Linie auf die nordamerikanischen Quellgebiete. Inwieweit sich die Nachfrage aus verschiedenen europäischen Ländern davon unterscheidet, ist nicht bekannt. Einschätzungen von Reiseveranstaltern in der Mongolei zufolge sind die Unterschiede jedoch gering (STRASDAS/STEINHAUER-BURKART 1997). Eine andere Untersuchung weist darauf hin, dass niederländische Touristen dem Konzept des Ökotourismus zwar prinzipiell positiv, gleichzeitig aber sehr viel kritischer als US- Amerikaner gegenüberstehen, da sie etwa den Energieverbrauch bei Flugreisen für nicht kompatibel mit dem Anspruch der Umweltverträglichkeit halten und schneller einen Missbrauch des Begriffes befürchten (DRENT 1995). Dies dürfte in ähnlicher Weise auch für Deutschland und andere europäische Länder gelten (BLANGY 1995), sich aber in beiden Fällen wohl auf das Segment der engagierten Naturtouristen beschränken. Deutliche Unterschiede ergeben sich jedoch zu den Nachfragern aus Japan, Ost- und Südostasien. STRASDAS/STEINHAUER-BURKART (1997) und LINDBERG et al. (1998) weisen darauf hin, dass asiatische Naturtouristen zu höheren Komfortansprüchen in gewohnter Umgebung, oft gepaart mit zusätzlichen Angeboten, wie etwa Golfplätzen, neigen. Intakte Ökosysteme oder unberührte Natur im "westlichen" Sinne sind weit weniger wichtig, so dass auch anthropogene Einflüsse und hohe Besucherzahlen nicht als Störung wahrgenommen werden. Im Vordergrund steht der ästhetische Genuss von Natur und ein starkes Interesse an "aufbereiteten" Naturerfahrungen (Museen, Führungen). Besucht werden oft nur die Hauptattraktionen eines Landes; ein Interesse an der Erkundung abseits gelegener Gebiete ist deutlich weniger ausgeprägt; die durchschnittliche Aufenthaltsdauer recht kurz. Asiatische Naturtouristen entsprechen damit weitgehend dem "westlichen" Typus des Ferienzentren-Touristen mit einem beiläufigen bis allgemeinen Naturinteresse

11 Merkmale von Öko-/Naturtourismus Der naturbezogene Binnentourismus in anderen EL beschränkt sich oft auf Besuche von Schutzgebieten in der Nähe von Ballungsgebieten, die den Charakter von Ausflügen "ins Grüne" haben, bei denen Naturerleben nur eine untergeordnete Rolle spielt. Umweltbewusstsein und die Bereitschaft Schutzbestimmungen zu befolgen sind nicht selten sehr gering ausgeprägt (AGÖT 1995, LINDBERG et al. 1998). Stärkeres Naturinteresse im Urlaub ist oft nur bei den in diesen Ländern lebenden, aus den IL stammenden Ausländern zu beobachten (STRASDAS/BEHRENS-EGGE 1997). Die genannten Typisierungen von Natur-/Ökotouristen sind schematisch, die Übergänge fließend. Je nach Zielland können sich besondere Typen herauskristallisieren, bei denen unterschiedliche Kombinationen von Aktivitätstypus, Naturinteresse und Reisestil zu finden sind. Solche zielgebietsspezifischen Touristentypen wurden beispielsweise für die Elfenbeinküste (GUSTEDT/STRASDAS 1996) und die Mongolei (STRASDAS/ STEINHAUER-BURKART 1997) identifiziert und finden sich auch bei den Fallbeispielen (u.a. Kap. D.1.2.2). 1.2 Die Angebotseite Die grundlegende Struktur des touristischen Angebotes wurde in Kap. B analysiert. An dieser Stelle geht es darum, die spezifischen Merkmale des ursprünglichen und abgeleiteten Angebotes sowie der Anbieter im Bereich Natur-/Ökotourismus aufzuzeigen Ursprüngliches und abgeleitetes Angebot Im Naturtourismus sind die natürlichen Attraktionen eines Zielgebietes im Zentrum des touristischen Interesses. Da von der Nachfrage meist möglichst intakte Natur erwartet wird, sind Schutzgebiete von besonderer Bedeutung. Umgekehrt werden Schutzgebiete u.a. gerade aus diesem Grunde ausgewiesen (AGÖT 1995). Welche Landschaftstypen für Naturtourismus in Frage kommen, hängt in erster Linie mit den gewünschten Aktivitäten zusammen. So sind tropische Regenwälder besonders interessant für klassischen Naturtourismus mit Schwerpunkt auf botanischen und ökologischen Themen. Offenere, wildreiche Steppengebiete eignen sich eher für Tierbeobachtungen. Gebirge sind wegen ihres Landschaftsbildes und ihres Potenzials für Natursportarten herausragend. Schließlich spielen auch naturnahe Gewässer und Meeresküsten auf Grund ihrer besonderen Ökosysteme (z.b. Korallenriffe) und der Möglichkeit zu baden eine wichtige Rolle für Naturtourismus (ebd., S.46). Kriterien zur Bewertung der touristischen Attraktivität von Naturgebieten sind in Tab. 9 aufgelistet. Neben dem ursprünglichen Angebot sind aber auch das abgeleitete Angebot und die allgemeinen Rahmenbedingungen eines EL entscheidende Faktoren für die Entwicklung von Natur-/Ökotourismus in einem bestimmten Zielgebiet. Die Kette der notwendigen

12 Teil C touristischen Dienstleistungen von der ersten Reiseinformation über die Anreise, den Aufenthalt und Transport im Zielgebiet bis hin zur Reisenachbereitung (siehe Tab. 5) sind im Naturtourismus prinzipiell die gleichen wie bei jeder anderen Fernreise. Aufgrund der spezifischen Ansprüche, die an Naturreisen in abgelegene Gebiete gestellt werden, kommt jedoch folgenden Elementen des abgeleiteten Angebotes besondere Bedeutung zu: Reiseinformation: Naturreisen erfordern eine intensivere Vorbereitung mit dem Zielgebiet, allein schon wegen der möglicherweise erhöhten Ansprüche, die an körperliche Fitness, medizinische Vorsorge, angemessene Bekleidung, Ausrüstung usw. gestellt werden. Auch für die Umwelt- und Sozialverträglichkeit von Ökotourismus ist es notwendig, Reisende frühzeitig über Verhaltensregeln zu informieren. Je nach Intensität des Naturinteresses haben Naturtouristen bereits von sich aus ein überdurchschnittliches Interesse, sich ausgiebig zu informieren und auf die Reise vorzubereiten. Reiseorganisation: Die hohen Qualitätsansprüche von Naturtouristen, die Vielfalt der während einer Reise zu kombinierenden Leistungen, die logistischen Schwierigkeiten, in weniger erschlossene Zielgebiete zu gelangen, und die damit verbundenen Sicherheitsrisiken führen meist dazu, dass die Dienste von Reiseveranstaltern (sowohl in den Ziel- als auch in den Quellgebieten) in Anspruch genommen werden. Von diesen werden entsprechend ein besonderes Organisationstalent, gute Ortskenntnisse und spezielles Know-how erwartet. Programmgestaltung: Im Gegensatz zu den meist hotelzentrierten Strandurlauben steht beim Natur-Ökotourismus das Naturerleben im Mittelpunkt des touristischen Interesses. Anstelle von materieller Infrastruktur kommt dadurch qualitativ hochwertigen Programmen eine besondere Bedeutung zu. Je nach Aktivitätstyp und Art des Naturinteresses müssen Reiseleiter oder Führer in der Lage sein, Informationen kompetent und ansprechend zu vermitteln, interessante Routen und Orte auszuwählen usw. Dazu sind u.a. gute Kenntnisse in der/den Sprache(n) der wichtigsten Nachfragegruppen notwendig, die über das übliche Hotel- und Gastronomie-Vokabular hinausgehen. Unterkunft: Das Spektrum typischer naturtouristischer Unterkünfte reicht von Luxus-Lodges über einfache Gästehütten bis hin zu primitiven Zeltplätzen in Naturgebieten. Bei den Unterkünften steht im Vergleich zu konventionellen Hotels die Schaffung eines besonderen naturbezogenen Ambientes (natürliche Materialien, landschaftsangepasste Architektur, Ausblicke etc.) im Vordergrund. Weniger wichtig sind demgegenüber hohe Komfortstandards (wie etwa Klimaanlagen, die in höherwertigen Hotels in tropischen Ländern sonst eine Selbstverständlichkeit sind), ohne dabei jedoch auf Bequemlichkeit, Sauberkeit usw. zu verzichten. Luxus wird in Form

13 Merkmale von Öko-/Naturtourismus von exklusiver Lage, angenehmem Ambiente und exzellentem Service geboten. Um die naturnahe Atmosphäre nicht zu stören, sind Lodges eher klein. Eine Untersuchung kam auf eine durchschnittliche Bettenkapazität von 24 (RUSSELL et al. 1995)

14 Teil C Tabelle 9: Kriterien zur Bewertung der touristischen Attraktivität von Naturgebieten Ursprüngliches natürliches Angebot natürliche Attraktionen Großartigkeit/Vielfalt der Landschaft (Gebirge, Gewässer)* hohe Biodiversität* Vorkommen von Großtierarten* Vorkommen anderer interessanter Tierarten (v.a. Avifauna) leichte Beobachtbarkeit von Wildtieren* interessante Vegetationsformationen (z.b. tropischer Regenwald) Einzigartigkeit von Arten (Endemismus) oder Landschaftselementen "Unberührtheit" der Ökosysteme Möglichkeiten zu schwimmen (Strand, See, Wasserfall) natürliche Sportmöglichkeiten (Rafting, Tauchen, Klettern) paläontologische Stätten Klima angenehme Temperaturen, geringe Luftfeuchtigkeit Vorhandensein einer regenarmen Zeit!! Zusätzliche Kriterien Erreichbarkeit Nähe zu einem internationalen Flughafen oder Tourismuszentrum Dauer und Bequemlichkeit der Anreise (Flugpiste, Straßenzustand) stehen im Verhältnis zur Attraktivität!! Attraktionen im Umfeld Vorhandensein von anderen Attraktionen im Zielland (Rundreisemöglichkeit)!! Vorhandensein von ergänzenden Attraktionen auf dem Anreiseweg oder in der Umgebung kulturelle Attraktionen archäologische Stätten indigene Kulturen Unterkunft und Verpflegung Vorhandensein oder machbare Einrichtung angenehmer, hygienisch akzeptabler Unterkünfte!! Angebot schmackhafter, hygienisch einwandfreier Speisen!! grundlegende Rahmenbedingungen persönliche Sicherheit der Touristen (Schutz vor Kriminalität)!! Vorhandensein medizinischer Grundversorgung * besonders wichtiges Kriterium!! Mindestkriterium Quelle: STECK et al. 1998, leicht modifiziert

15 Merkmale von Öko-/Naturtourismus Beim touristischen Angebot ist deutlicher als bei der Nachfrage eine Unterscheidung zwischen Öko- und Naturtourismus möglich. Die Information der Kunden, die Reiseorganisation (einschl. Transport) und Programmgestaltung, Bau und Betrieb von Unterkünften sowie die Verpflegung der Touristen können von den Anbietern von vornherein an den Zielen des Ökotourismus (Umwelt- und Sozialverträglichkeit, Nutzung lokaler Ressourcen, Einstellung lokaler Arbeitskräfte) ausgerichtet werden. Hierzu sind vielerorts bereits Kriterien entwickelt worden, am umfassendsten durch die Ecotourism Society (TES 1993: "Ecotourism Guidelines for Nature Tour Operators"; TES 1995: "Ecolodge Guidelines and Standards"). Eine Reihe von Reiseveranstaltern und Lodge- Betreibern haben ebenfalls selbstverpflichtende Kriterienkataloge aufgestellt und teilweise umgesetzt (siehe unten). Bisher ist es jedoch noch nicht gelungen, ein allseits akzeptiertes Gütesiegel für Ökotourismus zu etablieren. Neben der Qualität des ursprünglichen und des abgeleiteten Angebotes sind die allgemeinen Rahmenbedingungen eines Landes eine wichtige Voraussetzung dafür, ob sich dort Natur-/Ökotourismus entwickeln kann oder nicht. Darunter sind bestimmte Grundvoraussetzungen (wie das Vorhandensein von Verkehrsinfrastruktur, politische Stabilität), wirtschaftliche Rahmenbedingungen (u.a. Förderung von touristischer Privatinitiative) und rechtliche/politische Rahmenbedingungen zu verstehen, die Nachhaltigkeit im Sinne des Ökotourismus unterstützen (vgl. STECK et al. 1998, S.20f.). Vor diesem Hintergrund haben sich folgende EL bzw. Regionen als wichtige Zielgebiete von Naturtourismus etabliert (siehe Karte 2): Mittelamerika (vor allem Costa Rica, Belize), die Andenländer und das Amazonas-Becken (vor allem Brasilien, Ecuador, Peru), Ost- und Südafrika (vor allem Südafrikanische Republik, Kenia, Tansania, Simbabwe, Namibia), Südostasien (vor allem Malaysia, Thailand, Indonesien), die Himalaya-Länder (vor allem Nepal), Länder und Inselgruppen mit Korallenriffen in der Karibik, am Roten Meer, im Indischen Ozean und im Süd-Pazifik. (AGÖT 1995). Bisher deutlich unterentwickelt ist das naturtouristische Potenzial von Zentralafrika, aber auch von einigen Ländern in Lateinamerika (z.b. Honduras, Guyana), in Südostasien (Vietnam, Burma) und im Süd-Pazifik (z.b. Papua-Neuguinea). Diese Länder stellen Zentren globaler Biodiversität dar, konnten aber aufgrund ungünstiger Rahmenbedingungen bisher kaum Tourismus entwickeln (BFN 1997)

16 Teil C Karte 2: Wichtige Zielgebiete des Naturtourismus (nur EL) Quelle: Eigener Entwurf

17 Merkmale von Öko-/Naturtourismus Touristische Anbieter Tragende Anbieter naturtouristischer Leistungen sind Reiseveranstalter in den Quellgebieten (Outgoing) und in den EL (Incoming-Agenturen oder Inbound Operators) sowie die Betreiber von Lodges und Gästehütten. Fast alle Anbieter in diesen Bereichen sind aus der Privatwirtschaft. Ehemals staatliche Organisationen (wie etwa lange Zeit in Tansania) sind mittlerweile weitgehend privatisiert (HONEY 1999). Vereinzelt werden in Schutzgebieten einfache Unterkünfte oder naturkundliche Führungen von der Schutzgebietsverwaltung angeboten. Zunehmend besteht aber auch hier die Tendenz, diese Dienstleistungen privaten Konzessionären zu überlassen. Dafür treten vermehrt gemeinnützige Organisationen aus dem Naturschutzbereich als Veranstalter auf. In ausgesprochenen Ökotourismusprojekten finden sich häufig kooperative Betreiberformen oder Joint Ventures, bei denen sich privatwirtschaftliche mit (meist lokalen) kollektiven Interessen verbinden. Im Naturtourismus herrschen kleinere bis mittelgroße, spezialisierte Nischenanbieter vor, oft mit einer überdurchschnittlich hohen Aufgeschlossenheit für die Ziele des Ökotourismus. Für die großen internationalen Tourismuskonzerne ist Naturtourismus bisher nur am Rande interessant, da ihre Angebots- und Vertriebsstrukturen darauf ausgelegt sind, große Massen von Urlaubern zu bewegen. Dennoch sind die Spezialanbieter nicht unabhängig von der globalen Tourismuswirtschaft. Sie müssen beispielsweise dieselben Fluggesellschaften (die oft eng mit den Tourismuskonzernen liiert sind) und dieselbe touristische Basisstruktur in den Zielländern benutzen. Dennoch sind die Nischenanbieter die zentralen Akteure im System Natur-/Ökotourismus Anbieter in den Entsendeländern Systematische Untersuchungen existieren nur teilweise und beziehen sich wiederum fast ausschließlich auf den nordamerikanischen Markt (EAGLES/HIGGINS 1998). Spezialisierte Naturreiseveranstalter: In den USA operieren knapp 100 Reiseveranstalter, die ausschließlich oder überwiegend Naturreisen in EL anbieten, davon der weit überwiegende Teil nach Lateinamerika und in die Karibik. Der Vergleich mit der Gesamtzahl von über Veranstaltern USA-weit macht deutlich, dass es sich hierbei um ein kleines Marktsegment handelt. Die Gesamtkundenzahl der Naturreiseveranstalter liegt bei etwa pro Jahr. Durchschnittlich hat ein Unternehmen jährlich Kunden. Diese Zahl verdeckt allerdings die Tatsache, dass es auch im Naturreisemarkt gewisse Konzentrationstendenzen gibt, denn 40% des Marktes werden von nur fünf Firmen abgedeckt, von denen die größte auf etwa Reiseteilnehmer pro Jahr kommt (EAGLES/HIGGINS 1998). Während die größeren Veranstalter in der Regel Reisen weltweit anbieten, spezialisieren sich die kleineren auf bestimmte Länder oder

18 Teil C Zielregionen, nicht selten auf der Grundlage persönlicher Beziehungen zu diesen Ländern (z.b. von früheren Arbeitsaufenthalten). Abenteuer- und Studienreiseveranstalter: In Deutschland und in einigen anderen europäischen Ländern (mit Ausnahme Großbritanniens; BLANGY 1995) gibt es vergleichsweise wenige auf Naturreisen spezialisierte Veranstalter. Häufig findet sich eine Kombination von mehr kulturell orientierten Studienreisen mit Naturangeboten. Spezialisierungen gibt es vor allem bei Abenteuerreisen (Trekking, Bergsteigen, Expeditionen) sowie punktuell bei Projektreisen, die allerdings wiederum stärker kulturell ausgerichtet sind. Dieser heterogene, mit dem Sammelbegriff "Studienreisen" bezeichnete Markt umfasste in Deutschland in der Saison 1996/97 ca Kunden, wovon fast ein Drittel auf den Marktführer "Studiosus Reisen" entfiel. Abgesehen von einigen mittelgroßen Anbietern (mit etwa Reiseteilnehmern pro Jahr) wird auch dieses Segment von kleinen bis sehr kleinen Unternehmen mit verschwindend geringen Marktanteilen geprägt. Aber selbst "Studiosus Reisen" deckt nur knapp 0,5% des gesamten Veranstaltermarktes (in Bezug auf Teilnehmerzahlen) ab, dafür jedoch knapp 1,5% bezogen auf den Umsatz (G+J 1998 b+c). Die kleineren Anbieter in Deutschland haben sich zu zwei Verbänden zusammengeschlossen, dem "Arbeitskreis Trekking- und Expeditionstourismus" (ATE) und dem "Forum anders reisen". Während ATE am ehesten dem Naturtourismus im weitesten Sinne zuzuordnen ist und auch überwiegend Reisen in EL anbietet, ist das Forum eher ein Sammelsurium von Klein- und Kleinstveranstaltern, die in verschiedenen Segmenten tätig sind (meist mit Europa als Zielgebiet) und die Nachhaltigkeit (im weiteren Sinne) ihrer Angebote anstreben. Touristikkonzerne: Es ist unbekannt, in welchem Umfang die großen Tourismusunternehmen im Naturtourismus engagiert sind. In jedem Fall tun sie dies höchstens als Zusatzangebot zu konventionellen Strandurlauben oder Kreuzfahrten mit einem Spezialkatalog oder aber in Form von Tochterunternehmen. Die Teilnehmerzahlen sind unbedeutend im Vergleich zu der Menge von Kunden, die sonst von diesen Konzernen betreut werden. 5 Dennoch ist nicht auszuschließen, dass die Großunternehmen zukünftig stärker auf die wachsende Nachfrage von Touristen mit beiläufigem Naturinteresse reagieren werden. Die zunehmende Austauschbarkeit konventioneller Tourismusprodukte führt zu Überlegungen, diese durch Natur- und andere Angebote zu 5 So hatte Studienreiseveranstalter Dr. Tigges, ein Tochterunternehmen der Touristik Union International (TUI) 1996/97 ca Reiseteilnehmer, während die TUI selbst im selben Zeitraum knapp 22 Mio. Kunden hatte (G+J 1998 b+c)

19 Merkmale von Öko-/Naturtourismus ergänzen und dadurch u.u. besser am Markt zu positionieren. Ein mögliches Betätigungsfeld großer Tourismusunternehmen könnte auch die Entwicklung von Ferienzentren mit einem gemischten Angebot aus naturbezogenen und konventionellen Aktivitäten sein. Gemeinnützige Organisationen: 17% des nordamerikanischen Naturreisemarktes werden bereits von gemeinnützigen Organisationen, wie Naturschutzverbänden, Museen und Zoos, abgedeckt. Über die Hälfte dieser Reisen führen in EL, bevorzugt nach Lateinamerika (EAGLES/HIGGINS 1998). Naturschutzorganisationen wie The Nature Conservancy und WWF/USA unterhalten eigene kleine Reiseabteilungen, die für ihre Mitglieder und Förderer spezielle Angebote arrangieren, oft in Kooperation mit dem Privatsektor. Im Rahmen einer Rundreise werden dabei i.a. Naturschutzprojekte besucht, die mit Mitteln dieser Organisationen gefördet werden. So können sich die Mitglieder vor Ort davon überzeugen, wofür ihre Beiträge verwendet werden. Enge Verbindungen zwischen dem Naturschutz zuhause und in EL ergeben sich oft dadurch, dass nordamerikanische Zugvögel in Mittel- und Südamerika überwintern, ihr Schutz also auch dort ansetzen muss. In Deutschland sind solche Mitgliederreisen weit weniger verbreitet. Zwar bieten etwa auch der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) und der Naturschutzbund (NaBu) entsprechende Reisen an, doch sind diese weniger "institutionalisiert" und beschränken sich weitgehend auf Europa. Dies hängt zum einen damit zusammen, dass deutsche Naturschutzorganisationen selten global ausgerichtet sind; zum anderen herrscht das Argument vor, Ferntourismus sei umweltschädlich und deshalb mit den Zielsetzungen der Organisationen nicht vereinbar. Dies hält viele Mitglieder jedoch keineswegs davon ab, Fernreisen zu unternehmen; nur werden diese dann privat organisiert. Untersuchungen ergaben, dass die Reiseintensität gerade bei den umweltbewussten Gruppen besonders hoch ist (KREILKAMP 1998). Die Frage, welche Naturreise-Anbieter am ehesten Ökotourismus praktizieren oder zumindest in diese Richtung ansprechbar sind, muss von Fall zu Fall beantwortet werden. Viele Beobachter sind aber der Meinung, dass kleinere und spezialisiertere Unternehmen hier tendenziell engagierter sind als größere (u.a. HONEY 1999). 6 Dies dürfte zum einen darauf zurückzuführen sein, dass Kleinunternehmen häufig aus persönlichen 6 So verweist HONEY auf die häufige missbräuchliche Verwendung des Begriffs "ecotourism" in der internationalen Tourismuswirtschaft und deren Praxis, sich gegenseitig Auszeichnungen für umweltschonende Kleinigkeiten oder naturbezogene Zusatzangebote zu verleihen, ohne nicht-nachhaltige Praktiken anderer Geschäftsbereiche in Frage zu stellen

20 Teil C oder sogar idealistischen Motiven gegründet werden. Zwar sind auch sie darauf angewiesen, Gewinne zu erwirtschaften - und deshalb oft gezwungen Kompromisse einzugehen -, doch steht der Wunsch, eine maximale Rendite des eingesetzten Kapitals zu erzielen, oft nicht so sehr im Vordergrund wie bei anonymen Konzernen. Spezialisierte Naturreiseveranstalter sprechen darüber hinaus auch einen Kundenkreis an, der überdurchschnittlich umweltbewusst und kulturell sensibel ist. Dies gilt natürlich um so mehr für gemeinnützige Anbieter, die Ökotourismus explizit als Instrument zur Unterstützung des Naturschutzes und der lokalen Bevölkerung einsetzen. Bei den genannten deutschen Veranstalterverbänden handelt es sich zum einen um Zweckbündnisse, die das Ziel verfolgen, die eigenen Interessen gegenüber der Konkurrenz der "Großen" zu wahren und sich durch gemeinsame Aktivitäten (gemeinsame PR, Produktentwicklung, Erfahrungsaustausch etc.) besser am Markt zu positionieren. Zum anderen geht es ihnen - im Rahmen ihrer Geschäftsinteressen - aber auch um die Nachhaltigkeit ihrer touristischen Aktivitäten. Im Vordergrund steht dabei das Ziel der Umwelt- und Sozialverträglichkeit. Die Einbeziehung der lokalen Bevölkerung und die Finanzierung von Naturschutz als Bestandteil der operativen Praxis wird i.a. weniger konsequent verfolgt. Punktuell werden in viel besuchten Zielgebieten kleine soziale oder Umweltprojekte unterstützt, doch hat dies eher den Charakter einer freiwilligen Spende und ist nicht mit der eigentlichen Geschäftstätigkeit verbunden (AGÖT 1995) Anbieter in den Zielländern Auch hierzu liegen nur punktuelle, auf einzelne Länder bezogene Untersuchungen vor (EAGLES/HIGGINS 1998). Global gültige Aussagen können nur mit einer gewissen Vorsicht getroffen und müssen je nach Zielgebiet differenziert werden. Incoming-Agenturen: Diese stellen zusammen mit den Outgoing-Agenturen der Quellgebiete die entscheidende Schaltstelle zwischen Angebot und Nachfrage im Naturtourismus dar. Während die Outgoing-Agenturen die Reiserouten zusammenstellen und das fertige Produkt vermarkten, sind die Incoming-Agenturen für die konkrete Organisation und Durchführung der Reise (vom Flughafentransfer bis hin zum Anheuern lokaler Führer) im Zielland verantwortlich. Welche Gebiete konkret besucht werden, wird dabei auch stark vom Inbound Operator aufgrund dessen Ortskenntnisse und Beziehungen beeinflusst. Zwischen in- und ausländischem Veranstalter ist eine enge Zusammenarbeit notwendig. Veranstalter aus den IL arbeiten daher i.d.r. mit einem festen Partner vor Ort zusammen. Incoming-Agenturen sind meist in den Hauptstädten oder anderen Zentren der Zielgebiete ansässig. Hier existieren sehr vielfältige Besitzstrukturen, die für die Interessenlage dieser Akteure im Naturtourismus von Bedeutung sind. Teilweise handelt es sich um Zweigstellen oder Franchises transnationaler Tourismusunter

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