Demokratisierung und innergesellschaftlicher Frieden. Eine diskursanalytische Untersuchung des bolivianischen Transformationsprozesses

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1 Demokratisierung und innergesellschaftlicher Frieden Eine diskursanalytische Untersuchung des bolivianischen Transformationsprozesses Kathrin Lorenz November 2005

2 Relevanz: Demokratisierung als Friedensstrategie Theorem vom Demokratischen Frieden Weitgehend friedliche Überwindung der kommunistischen Regime Alle Friedensabkommen nach 1989 sehen Demokratisierungsmaßnahmen vor Entwicklungspolitische Praxis Politische Relevanz: Rechtfertigung (militärischer) Interventionen

3 Demokratisierung und innergesellschaftlicher Frieden: Puzzles «transitorische» Gewalt in den Übergängen von Demokratie zu Autokratie («democratic civil peace») Ausbildung demokratischer Grauzonen/ defekter Demokratien, ergebnisoffene Transformationen Legitimierung von demokratischen Defekten: anerkannter Rekurs auf Volkssouveränität und deren gleichzeitiges Unterlaufen durch Machtquellen eigenen Rechts Konflikt und Gewalt in «alten» Demokratien (Sri Lanka, Kolumbien)

4 Puzzles Sind die Länder des Südens «demokratiefähig»? Ist das westliche Demokratie-Modell übertragbar? Ist innergesellschaftlicher Frieden an das westliche Demokratiemodell gebunden? Ist die deliberative Konfliktlösungsform bzw. sind die demokratischen Verfahren gewaltfreier Konfliktregelung nach westlich-abendländischem Verständnis umweglos mit Frieden zu assoziieren?

5 Annahmen und Erkenntnisinteresse Innergesellschaftlicher Frieden (Gewaltfreiheit im Konfliktaustrag, gesellschaftliches Potential zur Konflikttransformation) ist möglich, auch im Kontext politischer Transformation und defekter Demokratien Wenn Demokratisierungsprozesse auf einem Kontinuum «zwischen Demokratie und Diktatur» verharren bzw. nach Auflösung der binären Logik von Demokratie und Autokratie ergebnis-offen verlaufen, dann müssen die Möglichkeitsbedingungen für die Friedensfähigkeit in der Prozess-Dynamik von Demokratisierungen gesucht werden

6 Annahmen und Erkenntnisinteresse Erkenntnisinteresse: Optionen für innergesellschaftliche Friedensfähigkeit im Kontext von Demokratisierungsprozessen

7 Forschungsstand: Transformationsforschung Schwierigkeiten bei der Operationalisierung des Demokratiebegriffs, auch hinsichtlich der Beschäftigung mit Defekten Demokratien Akteurs-, struktur- und systemorientierte Ansätze mit Fokus auf (nicht-politischen) input-faktoren Transformation und Gewalt: Gewalt als Phänomen des abgelösten Regimes (Vergangenheitsbewältigung etc.) Kriminelle Gewalt und Rechtsstaatlichkeit Gewaltbedrohung durch Rückfall in Autokratie Gewaltrisiko in Übergangsgesellschaften Einzelfallanalysen zu politischer Gewalt

8 Forschungsstand: Friedensforschung Quantitative Konfliktursachenforschung «Frieden als Prozess» (Senghaas): Operationalisierung von Frieden und Gewalt Frieden und politische Herrschaftssysteme (Demokratie): Demokratie als Friedensursache (in Nachbürgerkriegssituationen) Demokratischer Frieden Democratic Civil Peace (HSFK und PRIO, Oslo)

9 Zwischenfazit zur Friedens- und Transformationsforschung Empirisch-deskriptiv Defizitäre forschungsstrategische Integration Anscheinend wenig forschungsstrategische Auseinandersetzung mit der eingeschränkten Erklärungskraft der Vielzahl unabhängiger Variablen in «konventionellen» Ansätze Sozialkonstruktivistische Ansätze in der Friedensforschung den den IB-Theorien

10 Methodologischer Perspektivenwechsel: Diskursanalyse Wirklichkeit und Wahrheit werden in Diskursen konstruiert. Die Macht von Diskursen ist durch ihre Fähigkeit bestimmt, Realität zu definieren und damit zu verändern und zu gestalten. Weder gesellschaftliche Strukturen noch Interessen einzelner Akteure sin a priori gegeben, sondern diskursiv artikuliert. Politische Probleme werden diskursiv produziert, somit dienen Diskurse der Legitimierung bestimmter Policies, die auf diskursiv produzierte politische Probleme reagieren

11 Was können Diskursanalysen leisten? Politikverläufe können als Interpretationskämpfe um Deutungsmacht rekonstruiert werden (dynamische Perspektive) Interpretativ-verstehend Prozess-Analyse: Untersuchung der Entstehung, Verbreitung, Institutionalisierung und den historischen Wandel mehr oder weniger kollektiv geteilter Deutungen für politische Ereignis- und Handlungszusammenhänge Beziehungsanalyse: Rekonstruktion von Diskursallianzen und Koalitionen Machtanalyse: Untersuchung der Machteffekte und verschiebungen in und durch Diskurse: die unauflösliche Einheit von Macht und Diskursen wird in Regeln verortet, die darüber entscheiden, wer legitimerweise an welchem Ort und zu welcher Zeit über bestimmte Gegenstände des Diskurses sprechen kann

12 Zentrale Fragestellung Optionen für Friedensfähigkeit in Demokratisierungsprozessen -> Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Demokratie- / Demokratisierungsdiskurs und der Friedensfähigkeit (Gewaltfreiheit, Konflikttransformation) einer Gesellschaft?

13 Fallbeispiel Bolivien: Zusammenhang von Demokratiediskurs und Friedensfähigkeit im Verlauf der politischen Transformation Demokratisierungsprozess lässt sich in drei Phasen unterteilen : Marktwirtschaftlich-orientierte Demokratisierungsreformen : «Enter participation» : Offene Krise und Gewalt

14 Erklärungsansätze für Bolivien Transformations- und Lateinamerikaforschung: - Probleme mit der Erklärung der vermeintlichen Reformerfolge vor Hinsichtlich der demokratischen Defekte liegt der Fokus auf input- Faktoren, die sich mit sozio-technokratischen Ansätzen lösen lassen (institution-building) und auf nicht-politische Faktoren (ökonomische Probleme) - Strukturelle Faktoren (ethinische und soziostrukturelle Faktoren) werden statisch und als unabhängige Variablen behandelt - Kaum Bezug zur Konfliktdynamik und Gewalt, die Frage nach innergesellschaftlichem Frieden spielt nur selten eine Rolle, Gewalt wird nur beschreiben und bestenfalls als Indikator für den «Grauzonen-Status» gewertet - Rolle ethnischer Konflikte, Interkulturalität, Aufschwung indigener Bewegungen Friedensforschung: unzureichende Präventionsorientierung

15 Forschungsleitende Schlüsselthemen Problemkonstituierung zur Definition und Priorisierung der Demokratisierungs- reformen und policies (was soll Demokratisierung leisten?) Grenzziehungen zwischen «gut» und «böse» und Konstruktion von in- und outgroups und Legitimierung für (politisches) Handeln (wer ist Demokrat und wer nicht? Wann ist Gewalt legitim?) Umgang mit und Konstitution von Konfliktlinien (ist der Demokratisierungsprozess «konfliktblind»?)

16 Methodische Herausforderungem Keine festgelegte Anleitung zur Rekonstruktion und Interpretation der Diskurse Sozialwissenschaftliche Diskursanalyse und Beispiele aus der Policy-Forschung in Anlehnung an Foucault (Ermittlung von Machtpotentialen von Diskursen)

17 Methodische Herausforderungem Verknüpfung der Analyse der diskursiven Produktion der Realität und derjenigen der Praktiken und Strukturen ohne in interpretative Beliebigkeit zu verfallen Rekonstruierendes vs. hypothesenprüfendes Verfahren Gegenstände werden erst im Diskurs produziert: wie kann man also vor der Diskursanalyse wissen, welche Untersuchungsgegenstände im Mittelpunkt der Rekonstruktion und Interpretation stehen sollen?

18 Methodik und Vorgehensweise Datenauswahl: Printmedien, politische Reden, Textbeiträge in indigenen Sprachen, Identifizierung von Diskursmomenten innerhalb der drei Phasen, in denen sich der Demokratie- / Demokratisierungsdiskurs verdichtet hat Rekonstruktion (Grounded Theory): Codierung des Textmaterials anhand einer Problemstruktur und Identifizierung diskursiver Strategien (black boxing, Absorption von Gegendiskursen, Konstitution von Dichotomien, etc) Interpretation: im Hinblick auf die Machteffekte, d.h. kollektive Reichweite von Diskursen, Diskurskoalitionen, Hegemonialdiskurse und Verschiebungen Synopsis: Zusammenfassung der Deutungsmuster /- verschiebungen und deren Institutionalisierung im Hinblick auf die Friedensfähigkeit der Gesellschaft anhand von Auswertungsfragen (Problemkonstituierung, Legitimitationen, Machteffekte, Konfliktlinien, siehe oben)

19 Ergebnisse und forschungsstrategischer Ertrag Lässt sich am Beispiel Bolivien ein Zusammenhang zwischen Demokratie-/Demokratisierungsdiskurs und der innergesellschaftlichen Friedensfähigkeit nachweisen? Rückschlüsse hinsichtlich des Erkenntnisinteresses nach den Möglichkeitsbedingungen für die Friedensfähigkeit im Rahmen politischer Transformationsprozesse Forschungsstrategischer Ertrag: Erweitung der Anwendungsbereiche diskursanalytischer Arbeiten und Integration von Fragestellungen der Friedens- und Transformationsforschung Politischer Ertrag: wie sollten Demokratisierungsprozesse im Kontext innergesellschaftlicher Konfliktträchtigkeit gefördert werden?

20 «Recent developments (in democratization studies ) present us with more questions than answers, more deviant cases than core ones, more complications and qualifications than confirmations, more independent variables than causal regularities» (Whitehead 2004)

21 Vorläufige Problemstruktur 1. Vermittelte Zieldimension von Demokratie/ Demokratisierung 2. Problemkonstituierung: worauf soll Demokratisierung konkret reagieren und mit welchen Reformprojekten und Policies? 3. Eigen- und Fremdzuschreiben: wer sind die Demokraten? Wer behindert die demokratische Entwicklung? 4. Legitimierung von politischem Handeln: was ist «erlaubt», um Demokratisierung durchzusetzen? 5. Konfliktbezug: Welchen sozialen Konflikte werden beeinflussen die gesellschaftliche Entwicklung? Wer sind die Konfliktakteure?

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