WORKING PAPERS. 07 theories & commitments. Option für die Armen - eine Gebrauchsskizze. Clemens Sedmak

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1 WORKING PAPERS 07 theories & commitments Option für die Armen - eine Gebrauchsskizze Clemens Sedmak University of Salzburg/Austria Poverty Research Group FWF (AUSTRIAN SCIENCE FUND): RESEARCH PROJECT Y 164 Februar 2004

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3 Theories and Commitments is the Series of Working Papers of an interdisciplinary research group Editor: Clemens Sedmak "Theories and Commitments" is the Series of Working Papers of an interdisciplinary research group. We are focussing on a) analyzing the foundations of theories and the construction of theories in the humanities and the social sciences b)exploring the connection between theories and (both epistemic and ethical) commitments c) tackling questions of interdisciplinarity and comparative epistemology These Working Papers are intended to be points of reference for discussion: "Administrative and bureaucratic practice has disseminated the terms working papers' or, notably in American idiom, position papers'. These terms could be useful in defining a certain stage and style of intellectual argument. A 'working' or a 'position' paper puts forward a point of view, an analysis, a proposal, in a form which may be comprehensive and assertive. It seeks to clarify the 'state of the art' at some crucial point of difficulty or at a juncture from which alternative directions can be mapped. But its comprehension and assertiveness are explicitly provisional. They aim at an interim status. They solicit correction, modification, and that collaborative disagreement on which the hopes of rational discourse depend. A 'working paper', a 'position paper', is one which intends to elicit from those to whom it is addressed a deepening rejoinder and continuation" (George Steiner) In this sense, we would be grateful for any comments and feedback. Contact: Prof. Clemens Sedmak Department of Philosophy Franziskanergasse 1, A 5020 Salzburg, Austria/Europe Please visit our homepage: ISSN

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5 Option für die Armen : eine Gebrauchsskizze Clemens Sedmak Vorwort...5 I. Option für die Armen: Skizzen 1. Beobachtungen und Bemerkungen zum Begriff Anfragen an den Begriff einer Option für die Armen Akzente einer Umgangsweise...22 II. Die Frage nach einer Kultur von Menschlichkeit: Stichwörter 4. Die Option auf eine Fragestellung Welche Situationen? Welche Sprache? Welches Verfahren?...44 III. Der Begriff der Menschlichkeit: Koordinaten 8. Welche These? Signaturen des Menschlichen...47 IV. Zur Umsetzung einer Kultur von Menschlichkeit: Andeutungen 10. Welche Kriterien? Welche Fähigkeiten? Eine Bemerkung über Commitments...70

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7 Option für die Armen : eine Gebrauchsskizze Clemens Sedmak Vorwort Der Rahmen der Reihe Theories and Commitments ist die Frage nach dem Zusammenhang von Theorienbildung und Commitments. Besonders Augenmerk wird dabei auf den Begriff einer Option für die Armen gelegt, ein Begriff, der aus der Theologie der 1960er Jahre stammt. Diese Option wurde als commitment in die theologische Theorienbildung hineingetragen. Nun stellt sich im Interesse allgemeiner erkenntnistheoretischer und wissenschaftstheoretischer Überlegungen die Frage, ob eine solche Option redlicherweise vertreten und auch in andere Disziplinen übertragen werden könne. Dieser Frage geht der vorliegende Essay nach. In diesem Working Paper soll also der Begriff einer Option für die Armen untersucht werden; dabei versteht sich dieser Text als Vorstudie zu einer noch zu leistenden ausführlichen Darstellung. Es geht gewissermaßen darum, den Kurs abzustecken, das Untersuchungsterrain zu bestimmen und Wegweiser aufzustellen. Aus diesem Grund spreche ich ohne großen Geltungsanspruch von Skizzen, Stichwörtern, Koordinaten und Andeutungen. Dennoch soll diese Arbeit mehr sein als eine lose Assoziationskette; im Gegenteil : Es geht darum, eine Systematik für den Umgang mit der Frage nach einer Option für die Armen zu entwickeln. Das geschieht durch die Identifikation von relevanten Fragestellungen. Die Kernfrage, in deren Diskussion die Reflexion auf eine Option für die Armen eingebettet wird, ist die Frage nach einer menschlichen Gesellschaft. Eine Theorie einer Kultur von Menschlichkeit kann anhand von Leitfragen entwickelt werden: Welche Fragen sind zu stellen? Welche Situationen sollen berücksichtigt werden? Welche Sprache soll verwendet werden? Welches Verfahren soll zum Erkenntnisziel führen? Welche These wird vertreten? Welche Kriterien und welche Fähigkeiten spielen im Blick auf Menschlichkeit eine entscheidende Rolle? Diese Fragen sind Bausteine auf dem Weg zu einer systematischen Theorie, die noch aussteht. Dieses Working Paper soll nun einmal eine Schneise geschlagen haben, die für die Ausarbeitung einer solchen Theorie nützlich sein kann.

8 6 I. Option für die Armen Hinter dem Begriff einer vorrangigen Option für die Armen verbirgt sich ein Anliegen; das Anliegen nämlich, den schwächsten Mitgliedern der Gesellschaft besondere Aufmerksamkeit entgegenzubringen. Dieses Anliegen ist mit einer Geschichte verbunden, die älter ist als die Geschichte des Begriffs option for the poor. Eine Beschäftigung mit der Frage nach einer Option für die Armen braucht also nicht auf den Begriff fixiert zu sein. Das Anliegen, um das es geht, ist zudem verbunden mit Überlegungen über die Gesellschaft als ganze. Fragen nach Unterprivilegiertheit bzw. Bevorzugung sind nur im Rahmen einer Gesellschaftskonzeption zu führen. Das scheint ein entscheidender Punkt zu sein: Die Rede von einer Option für die Armen, wie sie in den 1960er und 1970er Jahren in der katholischen Theologie und vor allem auch im Rahmen von Theologien der Befreiung entwickelt wurde, darf nicht abgekoppelt werden von einem Blick auf die Gesellschaft als ganze. Ich schlage vor, das Anliegen einer Option für die Armen in den Rahmen einer Rede von menschlicher Gesellschaft und der Menschlichkeit einer Gesellschaft einzubetten. Dies soll skizzenhaft in diesem Working Paper geleistet werden. 1. Beobachtungen und Bemerkungen zum Begriff Ich beginne mit einigen schlaglichtartigen Beobachtungen zum Begriff. Diese haben den Charakter von philosophischen Bemerkungen im Sinne Wittgensteins. Es geht also darum, Warnschilder aufzustellen, Landschaftsskizzen zu erarbeiten, die Grammatik des Begriffs, Regeln und Witz zu rekonstruieren. Auf diese Weise soll Fingerspitzengefühl im Umgang mit einem Begriff eingeübt werden: * Der Begriff einer Option für die Armen hat sich aus der Erfahrung, näherhin aus der Erfahrung in Lateinamerika herausgebildet, die dann den Hintergrund für die Hermeneutik und die Exegese gebildet hat und ist also nicht ein Produkt der Studierstube.1 Mitunter wird vom Schrei der Armen gesprochen, von skandalösen Zuständen, die nach Veränderung rufen. Das ist insofern wichtig, als damit bei der Genesis des Begriffs die Rolle von Betroffenheit und Gefühlen, die subjektive 1 Vgl. C. Boff/J. Pixley, Die Option für die Armen. Düsseldorf 1987.

9 Dimension der persönlichen Involviertheit und die Verwurzelung des Begriffs in der Sphäre des Praktischen ausgedrückt ist. Die Praxis gilt zudem als locus theologicus. Der Rahmen der Befreiungstheologie, in den der Begriff Option für die Armen gewöhnlich verortet wird, wurde in manchen Punkten kritisiert. 2 Diese Kritik ist auch erhellend für ein Verständnis des Begriffs Option für die Armen. 3 * Die Rede von der Option für die Armen ist an der Schnittstelle von Gesellschaftsanalyse und christlichem Commitment anzusiedeln. Die Option für die Armen, als eine prinzipielle Parteilichkeit für die Armen und als Entscheidung zur solidarischen Unterstützung ihrer Befreiung, ist weder rein aus der christlichen Tradition mit ihrer Wertschätzung der Armen gewachsen, noch ist sie ein ins Christentum hineingeschmuggeltes Theoriestück des Marxismus, sondern sie ist das Produkt der Begegnung von (zumindest diesen) beiden und wird genau dann falsch verstanden, wenn sie nur in Beziehung zu einer der sie prägenden Traditionen gesehen wird. 4 * Das Anliegen einer Option für die Armen lässt sich in der jüdisch christlichen Tradition an verschiedenen Stellen verorten Vgl. M. Novak, Will it liberate? New York 1986; J. V. Schall, Liberation Theology in Latin America. San Francisco 1982; Gibellini, The Liberation Theology Debate. Maryknoll 1988; A.F. McGovern, Liberation Theology and Its Critics. Maryknoll Die Punkte scheinen besonders die erkenntnistheoretischen Überlegungen zur Befreiungstheologie zu betreffen. Die Befreiungstheologie, die den ursprünglichen Rahmen für die Rede von einer Option für die Armen abgab, hat auch erkenntnistheoretische und methodologische Aspekte, die für die Argumentierbarkeit einer Option für die Armen von besonderer Bedeutung sind; vgl. P. Phan, Method in Liberation Theologies. Theological Studies 61 (2000) 40 63; P. Kollmann, Theologie als Stütze menschlichen Gedeihens. In: C. Sedmak (Hg.), Was ist gute Theologie? Innsbruck 2003, , hier P. Rottländer, Fundamentaltheologie und Option für die Armen. In: A. Bucher et al. (Hg.), Die vorrangige Option für die Armen der katholischen Kirche in Lateinamerika. Eichstätt 1994, 11 30, hier 14; vgl. J. Scannone, Sozialanalyse und Theologie der Befreiung. Zeitschrift für Missionswissenschaft und Religionswissenschaft 69 (1985) Um drei Beispiele zu nennen: Patristik [siehe C. Sedmak, Sozialtheologie. Frankfurt/ Main 2001, Kap. 7 (hier auch Literaturangaben)]; Mittelalter: Armutsstreit (Literaturhinweise weiter unten); Zweites Vatikanisches Konzil (vgl. E. Klinger, Armut. Eine Herausforderung Gottes. Der Glaube des Konzils und die Befreiung des Menschen. Zürich 1990; M. D. Chenu, Kirche der Armen auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Concilium 13 (1977) ). Armut wird in den 1960er Jahren zu einem Thema der Kirche vgl. P. Gauthier, Les pauvers, Jésus et l eglise. Paris 1964; Y. Congar, Pour une

10 8 * Der Begriff einer Option für die Armen hat eine persönlich individuelle und eine kollektiv strukturelle Komponente. Es ist einerseits eine Option, die Einzelne treffen und andererseits eine Option, die eine strukturelle Ausrichtung hat und einen Einfluss nimmt auf das Selbstverständnis von Gemeinschaften und Institutionen. 6 * Die Option für die Armen ist vom Entstehungszusammenhang her betrachtet untrennbar mit den Begriffen Freiheit und Befreiung verbunden. Gerade jene biblischen Texte, die mit der Befreiung aus Situationen der Unterdrückung, der Ausbeutung und des Unrechts zu tun haben wie etwa das Buch Exodus oder das Buch Amos, spielen in der theologischen Konturierung des Begriffs eine wichtige Role. * Der Begriff einer Option für die Armen wurde verstanden als Parteinahme, als Positionierung, durchaus im Kontext binärer Kodierungen der Gesellschaft ( die Reichen gegen die Armen ). Es kann nicht geleugnet werden, dass die Geschichte des Begriffs Spuren einer polemischen, persuasiven und rhetorischen Verwendung zeigt. Es ist auch nicht zu leugnen, dass der Begriff durch emotive Momente gestützt wurde, durch einen Appell an Gefühle, durch ein Malen mit groben Pinselstrichen und grellen Farben. Der Begriff ist durchaus nicht frei vom Vorwurf einer Kitschmoral, also einer Form der moralphilosophischen Reflexion, die aus Sentimentalität und einem Übermaß an Emotionen Theorienbestandteile gewinnt und Handlungsmotivationen erzeugt. * Die in der Befreiungstheologie geführte Rede von einer Option für die Armen ist auch eine prophetische Rede, d.h. sie ist nicht mit jenen wissenschaftstheoretischen Maßen zu messen, die im europäischen Wissenschaftsdiskurs gerne angewandt werden; wichtig ist wohl auch, dass es sich dabei um eine anlassbezogene, reaktive Rede handelt, die auf Veränderung abzielt. église servante et pauvre. Paris 1963; A. Ancel, L` eglise des pauvres. Informations catholiques nationales 218 (1964) Exemplifiziert am Bild des barmherzigen Samariters: Die Armen zu sehen macht nicht blind für die Strukturen. Es ist nicht damit getan, die Wunden derer zu verbinden, die unter die Räuber gefallen sind. Die Option für die Armen verpflichtet uns, auch die Strukturen der Räuberei aufzudecken und zu verändern, sie wenn möglich zu verhindern (F. Kamphaus, Entwicklungspolitik gegen die Armut. Grundwerte und Politik. In: Ders., Der Preis der Freiheit. Mainz 1987, , hier 160).

11 * Eine Option für die Armen zu treffen zieht Konsequenzen nach sich und hat Implikationen für Verständnis von Geschichte, von Tradition, von Kirche, von Universität, etc. Vom Geltungsanspruch her wirkt eine solche Option in alle Lebensbereiche und hatte im Rahmen der Befreiungstheologie auch Auswirkungen auf Material und Formalobjekt der Theologie. Aufgrund des Engagements, das eine Option für die Armen fordert, kann man dieses Anliegen auch mit einer Theologie der Umkehr verbinden. * Der Begriff Option für die Armen hat mit der Veränderung von Signifikanzen zu tun; mit der Veränderung von Fokus und von Gewichtung, von Prioritäten und Positionierungen. Menschen, die sozial und kulturell, intellektuell und kirchlich insignifikant werden, sollen durch diese Option bedeutungsvoll werden. * Der Begriff einer Option für die Armen ist ein weicher Begriff, der eine Reihe von Auslegungen zulässt und mitunter wie ein Schlagwort verwendet wird, das als Abbreviation für ein nicht näher expliziertes und entsprechend diffuses Programm steht. Hier könnten wir uns fragen, ob dieser Begriff zu weich, zu unpräzise ist und ob sich angemessene Alternativen zu diesem Begriff finden lassen, etwa (um ein Beispiel zu geben) eine Rede von commitment to justice and peace. * Der Begriff einer Option für die Armen ist genetisch zu allererst mit der Erfahrung von materieller Armut verbunden. Pedro Arrupe hat nicht zu unrecht darauf hingewiesen, dass materielle Armut Wesentliches über alle anderen Formen von Armut lehrt und auf unmittelbarste Weise die Wunde der Armut vor Augen führt. 7 Der Kontext der Rede einer Option für die Armen ist um Berücksichtigung der materiellen Dimension menschlicher Existenz bemüht. * Der Begriff einer Option für die Armen ist auf dem Hintergrund einer Vorentscheidung zu verstehen; der Vorentscheidung nämlich, dass Armut Ausdruck einer Unrechtssituation ist. Armut wird als soziales Problem, nicht als selbstverständlicher Bestandteil der Gesellschaft wahrgenommen. Die Identifikation eines Phänomens als eines sozialen Problems setzt Wertungen voraus und schließt Entscheidungen ein Vgl. C. Sedmak, Erkennen und Verstehen. Innsbruck 2003, Schon 1941 haben Richard Fuller und Richard Myers darauf hingewiesen, dass soziale Probleme nicht mit Naturkatastrophen gleichgesetzt werden dürften (vgl. Fuller/Myers, Some Aspects of a Theory of Social Problems. American Sociological Review 6 [1941]

12 10 2. Anfragen an den Begriff einer vorrangigen Option für die Armen Versuchen wir nun, einiges zur Klärung des Begriffs beizutragen. Dies soll in Form von Anfragen an den Begriff geschehen. Ein Blick auf den Begriff einer vorrangigen Option für die Armen wirft vier Aspekte auf, die mit je einer Anfrage verbunden werden können: Eine vorrangige Option für die Armen ist erstens eine präferentielle und nicht eine exklusive Option. 9 Hier kann man sich auch fragen, ob diese Option universalisierbar sein soll, da sie im Modus der Vorrangigkeit steht und keine Ansprüche auf Exklusivität stellt. Sollen wir diese Option so verstehen, dass jeder Mensch wohlberaten ist, diese Option zu ergreifen? 10 Oder gilt das nur für bestimmte Menschen? Ist die Option für die Armen ein Instrument, das in falsche Hände geraten kann, etwa in dem Sinne, in dem wir sagen, dass es nicht vernünftig ist, alle Philosophiepro ; ; Robert Merton hat auf diesen Umstand aufmerksam gemacht, dass die Rede von sozialen Problemen mit Wert und auch Machtfragen zusammenhängt: Social problems have been identified as the substantial, unwanted discrepancies between what is in a society and what a functionally significant collectivity within society seriously (rather than in fantasy) desires to do on it (Merton, Social Problems and Sociological Theory. In: R. Merton et al [ed], Contemporary Social problems. New York 1961, , hier 718). Joseph Gusfield hat auf die Machtfragen aufmerksam gemacht, die im Zusammenhang mit der ownership of social problems entstehen; es ist eine gesamtgesellschaftlich relevante Frage, was als soziales Problem definiert wird (vgl. Gusfield, The Culture of Public Problems. Chicago/London 1981). Gusfield weist auch darauf hin, dass Moralisierung eine wichtige Rolle in der Artikulation von sozialen Probleme spiele; vgl. auch M. Spector/J. Kitsuse, Constructing Social Problems. Berlin/NY Zur Unterscheidung von sozialen Problemen und Umweltkatastrophen möchte ich auf Jon Sobrinos Interpretation der beiden Erdbeben in El Salvador verweisen er hat deutlich gemacht, dass die Auswirkungen der Naturkatastrophe sozial gestaffelt seien und daher als soziales Problem rekonstruiert werden können; daraus ergibt sich zumindest eine Anfrage an die clear cut boundaries dieser Unterscheidung; vgl. J. Sobrino, Terremoto, terrorismo, barbarie y utopía. El Salvador, Nueva York, Afganistán. San Salvador Vgl. das einschlägige Dokument von Puebla 1145, Zu diesem Dokument: J. Scannone, Various Interpretations of the Puebla Document. Lumen Vitae 35 (1980) Mit dieser Frage hängt die auch im Rahmen befreiungstheologischer Gespräche kontrovers diskutierte Frage zusammen, ob die Befreiungstheologie universal gültig sei. Pablo Richard findet deutliche Worte: Liberation theology ist he only possible theology in the Third World and the only possible future for theology (Richard, Liberation theology: a difficult but possible future. In: M.H. Ellis/O. Maduro (eds.), The Future of Liberation Theology. Maryknoll 1989, , hier 509. Dieser Anspruch schließt ein, dass die Option für die Armen gleichsam als regulative Idee für alles Theologisieren fungieren würde.

13 fessoren zur Sozialarbeit zu verdammen und auf Obdachlose loszulassen? Diese Frage läuft auf die Frage hinaus, ob es allgemeine positive Pflichten geben könne. Im Rahmen der life boat ethics wird bekanntlich eine allgemeine positive Pflicht, Millionen von Hungernden zu helfen aufgrund der Nichterfüllbarkeit und der desaströsen Konsequenzen im Falle einer universalen Befolgung abgelehnt. 11 Zudem: Wenn man eine punktuell triviale Verpflichtung extrapoliere, so eine andere Stimme, würde man in die Handlungsfähigkeit schlittern. 12 Nennen wir diese Frage die Universalisierungsfrage. Sie zielt offensichtlich auf Anwendungsbereich und Geltungsanspruch einer Option für die Armen ab. Ein Problem in diesem Zusammenhang ist eigens zu erwähnen: Es scheinen zwei verschiedene Begründungsstrategien zu sein, die verfolgt werden müssen, um (a) für eine Option für die Armen innerhalb einer Gesellschaft/Gemeinschaft zu argumentieren (hier kann man etwa Elemente einer Ethik der Gemeinschaft zur Argumentation heranziehen) bzw. (b) eine Plausibilisierung für eine Option für die Armen über die Grenzen einer Gemeinschaft hinweg zu leisten. 13 Diese Frage, nach welchen Kriterien das Gut der Mitgliedschaft an Nichtmitglieder zu vergeben ist, ist nicht trivial. 14 Wie weit ist eine Option für die Armen zu universalisieren müssen Prioritäten mit Blick auf bestehende Grenzen von Gemeinschaften gesetzt werden? 15 Die Vgl. G.R. Lucas (Hg.), Lifeboat Ethics. New York 1976 (hier vor allem die Aufsätze von Garret Hardin und Joseph Fletcher); vgl. auch G. Hardin, Promethean Ethics. Seattle 1980; ders., Living within limits. New York Vgl. J. Fishkin, The Limits of Obligation. New Haven Dies trifft den Kern der Diskussion um eine Ethik der Entwicklungshilfe ; vgl. T. Kesselring, Ethik der Entwicklungspolitik. München Wolfgang Kersting tritt etwa explizit dafür ein, die Prinzipien der Gleichberechtigung auf die Rechtssphäre zu beschränken und lehnt aus diesem Grund die Idee ab, dass es eine ethische Verpflichtung gegenüber benachteiligten Personengruppen jenseits der eigenen Landesgrenzen gibt (W. Kersting, Philosophische Probleme der internationalen Beziehungen. In: K. Bayertz [Hg.], Politik und Ethik. Stuttgart 1996, ). Thomas Pogge bemüht demgegenüber Rawls Differenzprinzip für den Kontext der Entwicklungszusammenarbeit und Fragen der globalen Gerechtigkeit (Pogge, Rawls and global justice. Canadian Journal of Philosophy 18 [1988] ; ders., World Poverty and Human Rights. Cambridge 2002). 14 Vgl. M. Walzer, Sphären der Gerechtigkeit. Frankfurt/Main 1998, 67ff., 80ff., 93ff. 15 Überlegungen hinsichtlich der Prioritätensetzung der Entwicklungshilfe Überlegungen, die auch für eine Option für die Armen relevant sind stellt Vittorio Hösle an; vgl. V. Hösle, Moral und Politik. München 1997); vgl. Kesselring, Ethik der Entwicklungspolitik,

14 12 Frage der Universalisierung tangiert also nicht nur den Adressatenraum, sondern auch den Geltungsbereich innerhalb einer Gesellschaft und den Geltungsbereich jenseits sozialer/kommunitärer Grenzen. Eine Option für die Armen ist zweitens eine Option, im Sinne einer sowohl freiwilligen als auch nachhaltigen Entscheidung. Eine Option unterscheidet sich von einer punktuellen Entscheidung durch den Bindungscharakter und die eingegangenen Verpflichtungen, die akzeptierten Commitments, also durch die Nachhaltigkeit dieser Positionierung. 16 Im Unterschied zu einer Entscheidung, die an einem bestimmten Punkt getroffen und in vielen Fällen auch eine nur klar abgrenzbare Reichweite hat, ist eine Option für die Armen eine Entscheidung, die permanentes recommitment und damit auch Selbstreflexion notwendig macht, die einen ständigen Stachel im Fleisch 17 bildet, als bleibende Herausforderung; es scheint nicht so zu sein, dass einmal ein Zustand erreicht wäre, wo man berechtigterweise sagen könnte, jetzt ist diese Option realisiert. Dazu kommt, dass eine Option frei von Zwängen sein muss und als Typ einer freiwilligen Entscheidung zu verstehen ist. Es handelt sich um einen freiwilligen Akt, um ein Werk der Übergebühr, um einen supererogatorischen Akt. 18 Dieser Aspekt der Freiwilligkeit scheint nicht unproblematisch. Wird nicht doch ein moralischer Druck ausgeübt, um dieser Option Gewicht und Plausibilität zu verleihen? Erzeugen die Rechtfertigungsbemühungen nicht doch so etwas wie Plausibilitätskompulsion oder Begründungskraft? Weiters: Wie kann man Freiwilligkeit und Beliebigkeit voneinander abgrenzen? Die Option, von der wir reden, ist nicht etwas Beliebi- 16 Eine Option für die Armen bringt Verpflichtungen mit sich vgl. G. Collet, Den Bedürftigsten solidarisch verpflichtet. Implikationen einer authentischen Rede von der Option für die Armen. Jahrbuch für Christliche Sozialwissenschaft 33 (1992) Collet unterscheidet hier (82f.) zwischen einer theologalen (These: Gott selbst hat erwählt), einer analytischen (Option als Resultat einer Analyse der Gesellschaft), einer politischen (Strukturveränderung als Verpflichtung und Ziel) und einer partizipativen Option (Arme sind als Subjekte ernst zu nehmen). 17 Vgl. N. Mette, Vorrangige Option für die Armen eine Herausforderung für Christen und Gemeinden in den Wohlstandsgesellschaften. In: G. Collet, J. Rechsteiner (Hg.), Vergessen heißt Verraten. Erinnerungen an Oscar A. Romero zum 10. Todestag. Wuppertal 1990, Interessant für unseren Zusammenhang ist auch der Beitrag von Peter Rottländer ( Ökonomische Desillusionierung Theologische Entschiedenheit. Eine Momentaufnahme zur Lage der Option für die Armen ) in diesem Band. 18 Zur Struktur supererogatorischer Handlungen vgl. U. Wessels, Die gute Samariterin. Berlin 2002.

15 ges in dem Sinne, daß ein Christ sich diese Option für die Armen zu eigen machen könnte oder auch nicht, genauso wenig wie die Liebe, die wir ausnahmslos jedem Menschen schulden, etwas Beliebiges ist. 19 Die Option für die Armen soll nicht etwas Willkürliches sein, das nicht auch Überzeugungskraft hätte, soll als Option aber eine freiwillige Leistung bleiben. Nennen wir diese Frage die Frage des Spielraums. Wie steht es um die Optionalität der Option für die Armen? Es bedarf eines Spielraums, um eine Option treffen zu können. Wie groß ist dieser Spielraum angesichts der ethischen Plausibilisierungsbemühungen und der theologischen Begründungsanstrengungen? Es scheint in diesem Zusammenhang wichtig zu sein, darauf hinzuweisen, dass Menschen, die von Armut betroffen sind, gerade keinen Spielraum haben. 20 In diesem Sinne ist eine Option Luxus paradoxerweise ein Luxus, der sich als Herausforderung aufgrund von Not, Unrecht und Leidenssituationen stellt. Dies schränkt die mögliche Radikalisierung dieser Option ein und wird im Zusammenhang mit Fragen der Umsetzung dieser Option zu denken geben. Eine Option für die Armen ist drittens eine Option für, eine Entscheidung, die einerseits im Blick auf und zugunsten von und andererseits im Namen von getroffen wird. Hier können wir also einen perspektivischen und einen advokatorischen Aspekt dieser Option unterscheiden. Es ist nicht notwendigerweise der Fall, dass diese Option für die Armen von Nichtarmen getroffen wird, wobei eine reflexive Option (plakativ ausgedrückt: Option der Armen für sich selbst ) eine gewisse Akzentverschiebung mit sich bringt. Die damit zusammenhängende Frage der Perspektive scheint mit dem aus der Armutsforschung bekannten Problem einer Einbeziehung von Betroffenen verwandt zu sein. Die Frage der Perspektive verschärft sich noch, wenn man nach dem Blickwinkel einer Option im Namen von jemandem fragt. Nennen wir dies die Frage der Anwaltschaft. Sie hat viele Aspekte. Können plakativ ausgedrückt Arme im Namen von Armen auftreten? Verändert sich durch ein solches öffentliches Auftreten nicht der Status der Sprecher/innen, gerade wenn man Armut mit Stimmlosigkeit assoziiert? Brauchen Menschen, die von Armut betroffen sind, Anwälte? In aller Deutlichkeit muss gesagt werden, dass man sich die Armen nicht als träge Masse oder auch ho- 19 G. Gutiérrez, Die Armen und die Grundoption. In: I. Ellacuría/J. Sobrino (Hg.), Mysterium Liberationis. Luzern 1995, , hier 298f. 20 Vgl. C. Sedmak, Erzählte Armut. Facing Poverty 2. Salzburg 2003,

16 14 mogene Gruppe vorstellen darf, die darauf wartet, beholfen zu werden. Frederick Cuny hat etwa im Fall von Naturkatastrophen wie Erdbeben, Vulkanausbrüchen, Überschwemmungen darauf hingewiesen, dass das soziale Netz an keinem Punkt total zusammenbricht, dass die Betroffenen nicht hilflos und handlungsunfähig sind, sondern sich selbst organisieren, coping strategies entwickeln und Lebenskunst demonstrieren. 21 Noch einmal: Brauchen die Armen Anwälte? Elmar Klinger versteht die Option für die Armen als Bereitschaft, als Anwalt der Armen und die Stimme des Gemeinwohls aufzutreten. 22 Wollen die Armen Anwälte haben? Damit hängt ein weiterer Aspekt zusammen, die Frage nach dem Mandat: Wer gibt irgendjemandem das Mandat, für die Armen zu sprechen? Wie kann ein solches Mandat legitimiert werden? Ich will in diesem Zusammenhang ein persönliches Erlebnis nicht verschweigen. Auf der Reise zu einer groß aufgezogenen Konferenz über Option für die Armen las ich zufälligerweise einen Artikel über Tierrechte. Welche Rechte sollen wir Tieren einräumen? Wie sollen diese Rechte administriert werden? Mit diesem Eindruck im Hinterkopf nahm ich an dieser Konferenz teil und fühlte mich immer wieder, in der Weise, wie über die Armen gesprochen wurde, denen wir Möglichkeiten schaffen, Zugänge ermöglichen, Ansprüche einräumen müssten, an die Art erinnert, wie durchaus wohlwollend, bemüht und mit ethischer Ernsthaftigkeit über Tierrechte gesprochen wurde. Das ist eine Crux der Anwaltschaft: Entmündigung. Entmündigung durch Expertinnen und Experten 23, Entmün- 21 Vgl. F. Cuny, Disasters and Development. New York Klinger, Armut, Vgl. I. Illich et al., Entmündigung durch Experten. Reinbek 1979; W. Schmidbauer, Die hilflosen Helfer. Reinbek 1977; R. Hitzler et al. (Hg.), Expertenwissen Die institutionalisierte Kompetenz zur Konstruktion der Wirklichkeit. Opladen Warnungen vor Expert/inn/en und deren Ignoranz hat auch Robert Chambers in einem viel beachteten Buch (Rural Development. London 1983, Kap. 2 und 3) formuliert. Einen interessanten Aspekt wirft der Literaturwissenschafter Ulrich Horstmann auf, der in seinem Werk Ausgewiesene Experten. Kunstfeindschaft in der Literaturwissenschaft des 20. Jahrhunderts (Frankfurt/Main 2003) die These vertritt, dass in der Literaturwissenschaft durch hochspezialisierten Sachverstand und akademisches Imponiergehabe der eigentliche Gegenstand der Literaturwissenschaft, nämlich die Literatur, verloren gegangen sei. Ähnliche Anfragen könnte man mit durchaus nicht unähnlichen Argumenten an die Armutsforschung richten zumal man kritisch die Frage stellen muss: Wem nützt die Armutsforschung? Schließlich sei noch an die Frage erinnert, ob denn nicht die Anwälte der Armen das Ihre zur Armut beitragen könnten, etwa in dem Sinne, in dem Expert/inn/en Klient/inn/en erzeugen (vgl. U. Bittner, Ein Klient wird "gemacht.

17 digung durch wohlmeinende Bessergestellte, Entmündigung durch eine moralische Elite. Hier ist auf den Zusammenhang zwischen Armut und Kindhaftigkeit hinzuweisen: Paul Veyne hat etwa in seinem Buch Die römische Gesellschaft 24 nachgewiesen, dass im antiken Rom Sklaven wie Kinder behandelt und betrachtet wurden; es war selbstverständlich, einen Sklaven unbeschadet seines Alters puer zu nennen, ähnlich wie es in den amerikanischen Südstaaten gang und gäbe war, von einem Sklaven als einem boy zu sprechen. Auch in unseren Breiten ist es nicht unüblich, von Menschen, die in Armut leben, so zu sprechen, als wären sie nur vermindert zurechnungsfähig, verantwortungsbewusst und entscheidungskompetent. Über Erhöhungen der Notstandshilfe wird ähnlich diskutiert wie über Erhöhungen des Taschengelds von Kindern. Der Sprachgebrauch lässt tief blicken und ist möglicherweise durch die wahr genommene Einschränkung von Spielräumen und Handlungsmöglichkeiten und damit Selbstbestimmungskompetenzen von Kindern und Armen motiviert. All dies belastet die Frage nach der Anwaltschaft. Eine Option für die Armen ist viertens eine Option für die Armen. Das wirft eine Reihe von Fragen auf: Wer sind sie, die Armen? Sind die Armen eine homogene Gruppe? Kann man von den Armen sprechen, um damit jenen Fehler zu begehen, den man macht, wenn man von Afrika spricht, als ob es sich dabei um einen Vorort Wiens handeln würde? Hier blitzt die Gefahr eines langwierigen, handlungsentlasteten und entscheidungsbefreiten akademischen Diskurses auf, der sich der Frage widmen kann wer sind sie, die Armen? Hier ist armutsforschungserprobten Menschen bewusst, dass der Begriff des Armen den Tod tausender Qualifikationen sterben kann. Ähnlich wie sich durch Reklassifikationen aufgrund von Gesetzesänderungen im Apartheidregime Südafrikas die Rassenzuordnungen änderten (Mitglieder der Kategorie white wurden nach der Gesetzesänderung Mitglieder der Kategorie colored u.ä.) kann die Mitgliedschaft in der Kategorie arm durch neue Armutsgren- 15 In: E. Kardorff/E. Koenen (Hg.), Psyche in schlechter Gesellschaft. München 1981, (relevant für unser Thema auch der Beitrag von S. Wolff, Grenzen der helfenden Beziehung. Zur Entmythologisierung des Helfens. In: Ebd., ). Mit Fragen der Anwaltschaft hängen auch Machtfragen zusammen. Man muss in diesem Zusammenhang auch an die Funktionen von Armut erinnern; vgl. (klassisch) J. Gans, The positive functions of poverty. American Journal of Sociology 78,2 (1973) P. Veyne, Die römische Gesellschaft. München 1995.

18 16 zen, die damit Neuklassifikationen notwendig machen, neu vergeben werden. Diese Frage ist politisch höchst brisant, wenn man an die Sozialgesetzgebung denkt. Nennen wir dies die Frage des Fokus wer ist mit dieser Option für die Armen gemeint? Die Gefahr, dass durch die Rede von den Armen der Eindruck einer homogenen Gruppe entsteht, ist nicht von der Hand zu weisen. Weiters tun sich die Fallen auf, dass die Rede von den Armen vor allem an Einzelpersonen denken lässt, oder umgekehrt vor allem ein Denken in Strukturen nahe legt, das vergisst, dass es sich auch um Schicksale und Geschichten handelt. Dazu kommt die Frage, welchen Status man angenommen, man habe einen klaren Begriff gefunden den Armen zuerkennen wolle. Sollen die Armen, wie es manchmal heißt, Subjekte der Theorienbildung sein? Die Befreiungstheologie spricht mitunter von der Kirche der Armen 25 und davon, dass die Armen uns evangelisieren. Sind diese Erwartungen einlösbar? Wird damit einer bestimmten Form von Sozialromantik das Wort geredet, die die Armen epistemisch und ethisch privilegiert? Unter die Frage des Fokus fällt auch die Frage, wie weit denn eine Option für die Armen sich erstrecke, wenn man das Anliegen in die Sprache von Pflichten übersetzt. Ist allen von Armut betroffenen Menschen besondere Aufmerksamkeit zu schenken oder nur denjenigen, die in absoluter Armut leben? Diese Frage ist bereits verdächtig, scheint sie doch auf beckmesserisches Vorgehen und eine Strategie, die den Begriff einer Option für die Armen, wie schon erwähnt, den Tod tausender Qualifikationen sterben lässt, hinauszulaufen. Hier würden nicht wenige Vertreter/innen der Befreiungstheologie mit Wittgenstein sagen: Denk nicht, sondern schau! 26 Dennoch: Die Frage nach dem Fokus bleibt, wenn man auch daran sieht, dass selbst Anfragen an den Begriff mit den Mitteln des vertretenen Anliegens zurückgewiesen werden könnten. Zu diesen vier Fragen Frage der Universalisierbarkeit, Frage des Spielraums, Frage der Anwaltschaft, Frage des Fokus kommen noch we- 25 Vgl. L. Boff, Aus dem Tal der Tränen ins Gelobte Land. Düsseldorf 1982, 114f. et passim; I. Ellacuría, Die Kirche der Armen, geschichtliches Befreiungssakrament. In: Ellacuría/Sobrino, Mysterium Liberationis, ; G. Gutiérrez, Die historische Macht der Armen. Mainz L. Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen. Oxford 1967, 65.

19 nigstens drei weitere Fragen im Blick auf die Option für die Armen dazu: Erstens die Frage nach der Begründung. Warum eine Option für die Armen? Der Begriff einer Option für die Armen wurde in der Theologie mit theologischen Mitteln begründet, nämlich mit dem Hinweis auf eine von Gott getroffene Option. Gustavo Gutiérrez führt in seinem gewissermaßen kanonischen Artikel über die Option für die Armen im befreiungstheologischen Standardwerk Mysterium Liberationis folgende Begründung an: Das letzte Motiv für das Engagement für die Armen und Unterdrückten liegt nicht in der Gesellschaftsanalyse, auf die wir uns stützen, in menschlichem Mitgefühl oder der unmittelbaren Erfahrung, die wir mit Armut gemacht haben mögen. All dies sind gute Gründe, die sicherlich eine wichtige Rolle bei unserem Engagement spielen, aber insofern wir Christen sind, gründet dies sich wesentlich auf den Gott unseres Glaubens. Es ist eine theozentrische und prophetische Option, die in der Geschenkhaftigkeit der Liebe Gottes wurzelt und von dieser gefordert wird. 27 Dabei bezieht sich Gutiérrez in der weiteren Folge wie auch in seinem Hauptwerk Theologie der Befreiung auf biblische Quellen. Diese Art der Begründung mit Rekurs auf biblische Quellen rechtfertigt die Frage, ob eine Option für die Armen lediglich innerhalb der Parameter der christlichen Theologie begründet werden könne. Kann eine Option für die Armen nur binnentheologisch legitimiert werden? Die Frage nach der Begründung steht vor der Grundentscheidung zwischen einer theologischen Plausibilisierung und einer nichttheologischen Argumentation. Dies ist eine Kernfrage: Ist eine Option für die Armen in einer säkularisierten Welt argumentierbar? Ist es überhaupt erforderlich, dass eine Option für die Armen allgemein begründet werden kann? Dietrich Bonhoeffer hatte seinerzeit das Projekt einer nichtreligiösen Interpretation religiöser Begriffe verfolgt. Dieses Anliegen ist in Bezug auf eine Plausibilisierung einer Option für die Armen noch zu verschärfen: wie kann in einer nichtreligiösen Sprache eine nichtreligiöse Begründung einer Option für die Armen gelingen? Diese Frage ist insofern dringlich, als davon die Möglichkeit abhängt, das Anliegen einer Option für die Armen über einen religiösen Raum hinauszutragen. 28 Würden wir uns Peter Singers einschlä- 27 Gutiérrez, Die Armen und die Grundoption, Jürgen Habermas ist im Rahmen einer säkularen Gesellschaft dezidiert skeptisch, was die Argument ierbarkeit von supererogatorischer Solidarität angeht: Es gibt keine ab- 17

20 18 gige Argumentationen auf dem Hintergrund einer utilitaristischen Position zu eigen machen können? 29 Wäre es möglich, mit Varianten von John Rawls Differenzprinzip zu operieren, demzufolge soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten so zu regeln sind, dass sie den am wenigsten Begünstigten zugute kommen? 30 Zweitens stellt sich als spezielles Problem im Rahmen wissenschaftlicher Arbeit die Frage nach der Redlichkeit einer Option für die Armen im Kontext von Wissenschaft. Kann auch außerhalb der Theologie eine Option für die Armen im Rahmen wissenschaftlicher Theorienbildung verfolgt werden, ohne dass dadurch Ideologien entstehen? 31 Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass die Option für die Armen in die theologische Theorienbildung Eingang findet. Dies für sämtliche theologische Traktate zu leisten, war wohl eines der Hauptanliegen des zitierten Opus Magnum Mysterium Liberationis. 32 Nun stellt sich die Frage, ob auch in anderen Disziplinen eine Option für die Armen umgesetzt werden könne? Eine Option für die Armen im Rahmen wissenschaftlicher Arbeit lässt auf solute Macht auf Erden. Hier, in unseren sublunaren Bereichen, ist denn auch das christliche Liebesgebot oft für fatale Zwecke und falsche Opfer missbraucht worden. Keine irdische Macht darf dem autonomen Willen ein sacrificium für vermeintlich höhere Zwecke auferlegen (J. Habermas, Zeit der Übergänge. Frankfurt/Main 2001, 193). 29 Peter Singer plädiert nachdrücklich für eine Pflicht zur Bekämpfung der absoluten Armut und in diesem Sinne für eine bestimmte Variante einer Option für die Armen ; vgl. P. Singer, Famine, Affluence and Morality. In: Philosophy and Public Affairs 1 (1972) ; vgl. die ähnlich geartete Argumentation in P. Unger, Living High and Letting Die. New York J. Rawls, A Theory of Justice, Boston 1971, 104. Für eine Formulierung dieses Prinzips im Spätwerk siehe J. Rawls, Politischer Liberalismus. Frankfurt/Main 1998, Diese Frage nach Partikularismus und Parteilichkeit stellt sich in wenigstens zweifacher Hinsicht: Wenn man von der Welt der Armen und der Option für sie spricht, wird dann außer dem Partikulären nicht auch eine Parteilichkeit (indem man sich für etwas entscheidet) angenommen? Diese Parteilichkeit würde nicht nur die Universalität der christlichen Liebe, sondern auch der Unparteilichkeit der Vernunft und der Wissenschaft widersprechen (J. Scannone, Die Welt der Armen und die vorrangige Option für die Armen als hermeneutischer Ort für die Theologie. In: A. Bucher et al. (Hg.), Die vorrangige Option für die Armen der katholischen Kirche in Lateinamerika. Eichstätt 1994, , hier 77). Zum Ideologieverdacht vgl. H. Wells, Ideology and Contextuality in Liberation Theology. In: J.G. Antezana (ed.), Liberation Theology and Sociopolitical Transformation. Burnaby/BC 1992, Zur Tragweite der Option für die Armen vgl. etwa P. Rottländer, Option für die Armen. Erneuerung der Weltkirche und Umbruch der Theologie. In: E. Schillebeebeckx (Hg.), Mystik und Politik. FS J.B. Metz. Mainz 1988,

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