Hier haben selbst erfolgreiche Unternehmer Nachholbedarf

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1 e r turn Magazin für Sanierungsmanagement Artikel-Nr.: ISSN: Schwerpunktthema Ertragskiller Einkauf Hier haben selbst erfolgreiche Unternehmer Nachholbedarf 20 Jeder Euro ein Gewinn Im Einkauf liegt die Macht. Kein Beruf hat sich so stark gewandelt, wie der des Einkäufers oder neudeutsch Purchasing-Managers. AKTUELLES GROSSER SERVICETEIL HINTERGRÜNDE & WISSEN MENSCH & UNTERNEHMEN SPORT TRIFFT WIRTSCHAFT REPORTAGEN 22 Einkaufsberater mit Erfolg Interview mit Gerd Kerkhoff: er konzentriert sich darauf, für seine Kunden national und international Ertragspotenziale im Einkauf zu heben.

2 CHANCEN IN DER KRISE NUTZEN PlanCapital gestaltet Finanzierungslösungen für Unternehmen in existentiellen Krisensituationen. Finanzielle Freiräume eröffnen Handlungsoptionen für notwendige leistungs- und finanzwirtschaftliche Restrukturierung. Schlüssel hierzu ist die Generierung von zusätzlichen Finanzierungsmöglichkeiten. PlanCapital bietet situationsspezifische Lösungskonzepte: von Kapitalbeschaffung bis zur aktiven Nutzung der Insolvenz in Eigenverwaltung als Sanierungsinstrument. Ob Liquiditätskrise oder (Plan)Insolvenz PlanCapital kreiert Rekapitalisierungsprozesse. 2 PlanCapital GmbH Maria-Theresia-Straße München EIN UNTERNEHMEN DER PERSPEKTIV GRUPPE

3 EDITORIAL Wir Einkaufsweltmeister... Nun steht sie wieder vor der Tür, plötzlich und unerwartet, die Weihnacht oder das, was von ihr übrig geblieben ist,... und na ja, wie in jedem Jahr entdecken wir, dass Einkaufen manchmal kompliziert ist, wer bekommt was, von wem, wofür und wie viel!? Vielleicht ist es auch die Erfahrung des Einkaufens als alltägliche Verrichtung, die den Einkauf auch in vielen Unternehmen zu einem Milliardengrab hat werden lassen, wie Gerd Kerkhoff (S. 22) es in einem provokanten Buch zu Papier gebracht hat. Obwohl nach einer alten Kaufmannsweisheit der Gewinn im Einkauf liegt und dieser Einfluss auf alle wesentlichen Positionen der Gewinn- und Verlustrechnung hat, dient der Einkauf vielen Unternehmen immer noch nur als Handlanger von Produktion und Technik und wird nebenbei erledigt. Vielleicht ist die Entwicklung aber auch beeinflusst von den alltäglichen Dingen im privaten Umfeld, die gelungenen Schnäppchen, geschickt gewonnene Versteigerungen im Internet Drei, zwei, eins, meins! und überhaupt: Wir sind ja auch nicht blöd, wie es uns die Werbung immer wieder bestätigt. Dass die eindimensionale Fokussierung des Einkaufs auf den Faktor Kosten schon lange zu kurz gedacht ist, ist bei den meisten Unternehmen noch nicht angekommen. Zentral geworden sind inzwischen, nicht nur zur Sicherstellung der Versorgung, die Faktoren Zeit und Qualität, vielfach auch die Nachhaltigkeit und die Produktionsbedingungen des eingekauften Gutes, sagt Michael Hermanns (S. 26). Die Globalisierung hat dem Einkauf eine Hebelfunktion im Rahmen der Wertschöpfungskette zugewiesen und die Unmittelbarkeit der Wirkung eines optimierten Einkaufs auf das Betriebsergebnis drückt diese signifikant aus. Jeder Euro der im Einkauf gespart werden kann, beeinflusst unmittelbar das Ergebnis und dies in einem Maße, das nur durch enorme Umsatzsteigerungen ausgeglichen werden könnte. Gerade im Rahmen einer nachhaltigen Restrukturierung und Sanierung kann das gezielte Erkennen von Optimierungspotenzialen im Beschaffungssegment sowie deren Ausschöpfung durch die Umsetzung entsprechender Maßnahmen einen bedeutenden Beitrag für deren Erfolg leisten und das nicht nur zur Weihnachtszeit. Wir wünschen Ihnen von Herzen ein friedvolles Weihnachtsfest, danken für die vielen Anregungen und positiven Rückmeldung zu return und freuen uns gemeinsam mit Ihnen auf ein hoffentlich gesundes und erfolgreiches Neues Jahr. Ihr Hans Haarmeyer Lesen Sie jetzt alle Ausgaben der return komfortabel online als epaper: 3

4 INHALT Inhalt return 04/14 Aktuelles 6 Meldungen 48 Sanierungs-Monitor Aktuell erfolgreiche Sanierungslösungen Hintergründe & Wissen 14 Insolvenzrecht für Greenhorns Thema: Insolvenzanfechtung 54 Fragezeichen! Thema: Welche Sicherheit bietet Sicherheit? 64 Sanierungs-ABC Thema: Eigenkapitalstärkung in der Liquiditätskrise 56 Gehaltsabrechnung des Monats Jahressonderzahlung und andere Zuschläge 59 Statistik des Monats Unterschiedliche regionale Schwerpunkte bei Eigenverwaltungsverfahren Schwerpunkt 18 Warum ist der Einkauf ein Ertragskiller? 20 Jeder Euro ein Gewinn Im Einkauf liegt die Macht 22 Viel zu viele glauben, alles richtig zu machen Ein Interview mit Gerd Kerkhoff. Mit rund 150 Consultants in acht Ländern konzentriert er sich darauf, für seine Kunden Ertragspotenziale im Einkauf zu heben 26 Sanierungsmaßnahmen im Einkauf Der Einkaufsbereich stellt insbesondere aufgrund seines großen Hebels eine wichtige Rolle im Rahmen von Unternehmensrestrukturierungen bzw. -sanierungen dar 32 Ein Unternehmen in der Krise rüstet auf Der Einkauf wird ein zentraler Bereich der Sanierung und erreicht Einsparungen in Höhe von 4 Millionen Euro 34 Der Einkauf goes Denglisch Diese Vokabeln sollte jeder Einkäufer problemlos managen können Schwerpunkt Ertragskiller Einkauf Hier haben selbst erfolgreiche Unternehmer Nachholbedarf ab 18 4

5 INHALT 36 Interview mit Hermann Oberhofer Mensch & Unternehmen 8 Frei zum Abschuss Enercon baut Windräder, mit denen sich sauberer Strom erzeugen lässt. Doch die Vorzeigefirma aus Ostfriesland kann auch anders: Sie bekämpft ihre Betriebsräte 40 Reportage Wise Wine 16 ESUG weder Palliativmedizin noch Wettkampf- Eisstockschießen ESUG-Kauf! 36 Ruhestand und die Welt steht nicht still Interview mit Hermann Oberhofer, ehemaliger IG Metall-Vorstand und ehrenamtlicher BAG-Richter 40 Wise Wine Familientradierte Produktion von Qualitätswein unter der Leitung der Brüder Langguth der eine Jurist, der andere Kaufmann 50 Den Eisberg umschiffen Effektive Lösungen durch mediatives Konfliktmanagement 61 Was wurde aus...? PARAT jetzt läuft es wieder rund 62 Der brand eins Blick in die Bilanz DFL Deutsche Fußball Liga GmbH Blog 13 Ralf-Dieter Brunowsky Umstrukturierung und Nachhaltigkeit Kolumne 49 ArbeitsRecht-Eck² Der Raum ist gekrümmt und die Zeit dehnbar 50 Service 66 Rechtsprechung Thema: Anfechtung von Ratenzahlungsvereinbarungen 68 Fachpresse 70 Veranstaltungen 71 Tipps & Tricks 74 return Outside return bis Z 3 Editorial Wissen Den Eisberg umschiffen 72 Leserservice und Vorschau return kaufen, abonnieren, online lesen 73 Impressum und Autorenverzeichnis 5

6 AKTUELLES Meldungen Bayer Leverkusen muss rund 15,9 Millionen Euro an TelDaFax zahlen In drei Entscheidungen vom hat das Landgericht Köln über die Zahlungspflicht des Fußballvereins Bayer04 Leverkusen entschieden (LG Köln, Urt. v O 140/13, 141/13, 142/13). Der Fußball-Bundesligist muss dem Insolvenzverwalter des Billigstromanbieters TelDaFax rund 15,9 Millionen Euro Spon- sorengelder zurückzah- len, die er in dem Zeit- raum von 2009 bis 2011 trotz Kenntnis der Zahlungsun- fähigkeit und dem Gläubigerbenachteiligungvorsatz vom Stromanbieter entgegen genommen hatte. Die Erstattungspflicht beruht auf der sogenannten insolvenzrechtlichen Vorsatzanfechtung ( 143, 133 Abs. 1 InsO), die die gleichmäßige Gläubigerbefriedigung sicherstellen soll (siehe insoweit auch unsere Greenhorn -Reihe in diesem Heft). Die Entscheidungen sind nicht rechtskräftig (Stand: Redaktionsschluss ). Quelle: Traumschiff MS Deutschland ist noch nicht gesunken Die aufgrund des Insolvenzeröffnungsantrags vom zunächst angeordnete vorläufige Eigenverwaltung wurde vom Amtsgericht Eutin zugunsten der Bestellung eines vorläufigen Insolvenzverwalters am auf Antrag des Geschäftsführers Wolfram Günther beendet. Zum vorläufigen Insolvenzverwalter wurde Rechtsanwalt Reinhold Schmid-Sperber vom Kieler Standort der Hamburger Anwaltskanzlei Reimer Rechtsanwälte bestellt. Dieser gibt sich zuversichtlich: Aufgrund des vorläufigen Insolvenzverfahrens können wir jetzt mit voller Kraft an der Sanierung arbeiten. Erste Verhandlungen mit Investoren stimmen mich optimistisch. Anstehende Reisen würden bis auf Weiteres wie geplant durchgeführt. Darüber hinaus werde die Fortführung des Geschäfts angestrebt. Quelle: SchuldnerAtlas 2014 Die Überschuldung von Verbrauchern in Deutschland ist zum Stichtag wieder gestiegen. Im Vergleich zum Vorjahr sind weitere Personen von Überschuldung betroffen (plus 1,4 Prozent). Insgesamt leben in Deutschland 6,7 Millionen Bürger über 18 Jahre, die überschuldet sind und nachhaltige Zahlungsstörungen aufweisen. Die Schuldnerquote hat von 9,8 auf 9,9 Prozent zugelegt. Die Fälle mit hoher Überschuldungsintensität haben für einen Zugang von Fällen (plus 2,8 Prozent) insgesamt gesorgt. Die geringere Überschuldungsintensität hat um Fälle abgenommen. In 14 Bundesländern haben die Überschuldungsfälle zugelegt nur in zwei Bundesländer blieb die Zahl der überschuldeten Verbraucher konstant. Lediglich vier Bundesländer bleiben unter dem gesamtdeutschen Durchschnitt von 9,9 Prozent. Die eingetrübten Konjunkturerwartungen seit Beginn des Herbstes werden Auswirkungen auf die Überschuldungssituation haben, wenn der Arbeitsmarkt schwächeln sollte. Zusammen mit der rückläufigen Sparneigung könnte zunehmende Arbeitslosigkeit ein Treiber für weiter steigende Überschuldung sein. Quelle: 6

7 AKTUELLES PLUTA Insolvenzkrimi ausgezeichnet von unabhängiger Fachjury aus Kommunikationsexperten Die PLUTA Rechtsanwalts GmbH hat für ihren Insolvenzkrimi den Special Econ Award in der Kategorie Film und Video gewonnen. Geschäftsführer Michael Pluta und Projektleiterin Isabel Pluta-Gropper nahmen den Preis auf der Preisverleihung in Berlin entgegen. Mit den Auszeichnungen prämiert der Econ-Verlag in Zusammenarbeit mit dem Handelsblatt herausragende Leistungen der Unternehmenskommunikation. Der Insolvenzkrimi Insolvenz was nun: beantwortet viele Fragen des komplexen Themas mit einfachen Antworten. Der 17-minütige Informationsfilm in Krimiform überzeugte auch die unabhängige Jury aus Kommunikationsexperten. Die Begründung der Fachjury: Die PLUTA Rechtsanwalts GmbH hat aus einer originellen Idee Foto: Thomas Rosenthal für Econ Awards einen spannenden Film gemacht, der vor allem für Laien das Thema Insolvenz verständlich erklärt. Womit muss das Unternehmen rechnen? In welche Fallen dürfen wir nicht tappen? Was erwartet mich als Arbeitnehmer? Jedes Detail wurde bedacht. Professionell in Szene gesetzt, gelingt ein genauer Blick hinter die Kulissen, der so durchaus seinen Einsatz als Lehrfilm verdient. Mehr als Online-Nutzer haben den Film bereits gesehen. In Lehranstalten und Universitäten kommt der Insolvenzkrimi bereits zum Einsatz. Weitere Preisträger in der Kategorie Film und Video sind die Kassenärztliche Bundesvereinigung sowie der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken. Der Vorstandsvorsitzende der Daimler AG, Dr. Dieter Zetsche, wurde von der Jury als Persönlichkeit des Jahres 2014 ausgezeichnet. Den Film Insolvenz was nun: ist unter folgendem Link abrufbar: https://www.pluta.net/plutatv/home.html Mittelstand zeigt keine Krisensymptome, Bauboom ebbt ab Nach einer Analyse des Verbands der Vereine Creditreform e.v. über die Wirtschaftslage und Finanzierung im Mittelstand sorgt die stabile Binnenkonjunktur in Deutschland sorgt weiter für die gute Stimmungslage. Die Auftragslage im Mittelstand ist derzeit gut, auch wenn mit 31,9 Prozent etwas weniger Befragte als vor einem Jahr (34,7 Prozent) von gestiegenen Auftragseingängen berichteten. Dabei ist der Rückgang auf das Baugewerbe zurückzuführen, wo deutlich weniger neue Aufträge hereinkamen. Die weitere Auftragsentwicklung beurteilen die mittelständischen Unternehmen optimistisch. Vor allem im Handel und im Verarbeitenden Gewerbe gab es viele positive Äußerungen. Der Beschäftigungsaufbau im Mittelstand hat sich fortgesetzt. 28,7 Prozent der befragten Unternehmen gaben an, mehr Mitarbeiter zu beschäftigen als im Frühjahr. In knapp jedem zehnten Unternehmen (9,2 Prozent) gab es Stellenstreichungen. Die Ertragslage wird von den befragten Unternehmen indes etwas schlechter beurteilt als vor einem Jahr. Betroffen hiervon ist vor allem das Baugewerbe, wo vor Jahresfrist noch 37,0 Prozent der Unternehmen Ertragsverbesserungen meldeten, es diesmal aber nur 23,1 Prozent sind. Gleichwohl sind die Ertragsaussichten des Mittelstandes insgesamt zuversichtlich. Knapp ein Viertel der Befragten (23,1 Prozent) erwartet eine Verbesserung der Ertragslage (Vorjahr: 20,0 Prozent). Quelle: Maschmeyers Fahrradunfall Ende September 2014 hat die Mifa Mitteldeutsche Fahrradwerke AG, an der Carsten Maschmeyer seit circa drei Jahren mit 20 Prozent (bzw. ca. 8 Millionen Euro) beteiligt ist, Insolvenz angemeldet. Der seinerzeitige Alleinvorstand, Peter Wicht, war bereits im April 2014 zurückgetreten. Gegen ihn wird wegen mehrerer Strafanzeigen ermittelt, in denen es um Fragen der Bilanzerstellung, der Bewertung des Betriebsvermögens und der Buchführung geht. Für das Unternehmen kam es noch schlimmer: Aktuell stehen sich der Sanierungsberater und der vorläufige Insolvenzverwalter, Rechtsan- walt Luca Flöther, auf der einen und der Aufsichtsrat sowie Maschmeyer auf der anderen Seite konträr gegenüber. Während Flöther wohl mit Investoren in Verhandlung steht, wirft Maschmeyers Umfeld ihm vor, dass die Vergütungsordnung für Insolvenzverwalter im Einzelfall einen höheren Anreiz für eine Zerschlagung als für eine Sanierung böten. Hierin steckt, zu Ende gedacht, der Vorwurf, dass der Insolvenzverwalter aus privatem Gewinnstreben den Gläubigerausschuss bewogen habe, die Geschäftsleitung zu entmachten. Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Ausgabe vom

8 MENSCH & UNTERNEHMEN Frei zum Abschuss Enercon ist der Vorzeigebetrieb der deutschen Energiewende. Arbeitnehmer haben jetzt gegen den Willen der Firmenspitze ihre Vertreter gewählt. Dafür müssen die Betriebsräte büßen: Sie werden schikaniert, versetzt und gekündigt. Text: Kristina Läsker Quelle: Frei zum Abschuss von Kristina Läsker, Süddeutsche Zeitung vom

9 MENSCH & UNTERNEHMEN Enercon baut Windräder, mit denen sich sauberer Strom erzeugen lässt. Doch die Vorzeigefirma aus Ostfriesland kann auch anders: Sie bekämpft ihre Betriebsräte. Aurich/Magdeburg Die Flecken werden Andreas Hoge noch lange an das Böse erinnern, das er so gerne vergessen würde. Auf den Armen, den Beinen und dem Bauch des 37-jährigen Mannes leuchten überall rote Punkte. Das sind Brandmale. Hier haben sich die Funken eines Schneidbrenners eingebrannt, und was viel schlimmer ist: Die Funken haben sich gleichsam auch in seine Seele gefressen. So sehr, dass Hoge nur noch weg wollte von diesem Arbeitgeber. Zum Schluss war es reine Schikane, sagt er, und der Satz kommt ihm kaum über die Lippen. Als würde jedes Wort wieder Wunden aufreißen. Knapp fünf Jahre hat Hoge, der ganz anders heißt, für die Enercon-Gruppe gearbeitet. Vor Kurzem hat er hingeschmissen. Dabei hatte es so gut ausgesehen: Enercon aus Aurich ist der größte deutsche Hersteller von Windanlagen und das Aushängeschild der Energiewende. Ein Weltkonzern, der Maschinen für sauberen Strom produziert, Tausende Jobs schafft und Gegenden aus der Hoffnungslosigkeit holt. Doch Hoge, der ein Bär von einem Mann ist und zwei kleine Kinder hat, musste die andere Seite von Enercon aushalten. Und die ist weder schwach noch sauber. Hoge erzählt von einem Konzern, der seine Betriebsräte frisst. Von einem System, das Gewerkschaften draußen hält, Mitarbeiter schlecht behandelt und mundtot macht. Enercon widerspricht jedem dieser Vorwürfe vehement, doch Hoge ist kein Einzelfall. Auch Nils-Holger Böttger hat Unfassbares erlebt. Man will ihn hinauswerfen, doch er weigert sich zu gehen. Der 35-Jährige arbeitet auch für Enercon, in Magdeburg. Was die Männer eint: Beide haben es gewagt, einen Betriebsrat mitzugründen, und sie haben sich wählen lassen. Beide haben dafür bezahlt. Doch während Hoge entmutigt aufgegeben hat, will Böttger weiterkämpfen. Ich lasse mich nicht zum Opfer machen, sagt er. Das Unternehmen ist absolut gewerkschaftsfeindlich. Der Ort, an dem der Widerstand von Andreas Hoge gebrochen wurde, sieht idyllisch aus. Kühe grasen neben einer Werkshalle, daneben dreht sich eine Windmühle. Hier im Gewerbegebiet von Georgsheil, einem Dorf im Dreieck zwischen Aurich, Emden und Norden, steht das Gusszentrum Ostfriesland. Hinter Maschendrahtzaun produziert die Enercon-Tochter Teile für Windmühlen wie Rotornaben und Achszapfen. Es ist ein Betrieb, auf den Enercon-Gründer Aloys Wobben sehr stolz ist. Als er eröffnet wird, führt Wobben persönlich Christian Wulff durch die Hallen und preist dem damaligen Ministerpräsidenten aus Hannover die Innovationen an. Es soll einer der wenigen Auftritte des Windpioniers bleiben. Der 62-Jährige zeigt sich kaum, vor zwei Jahren hat er sich zurückgezogen. Sein Betrieb aus Aurich aber beherrscht die Hälfte des Weltmarktes für Windanlagen. Der Ingenieur hat Maßstäbe gesetzt: Enercon baut moderne Windmühlen, betreibt Windparks, beschäftigt mehr als Menschen und sorgt dafür, dass man bei Aurich nicht mehr nur an Ostfriesenwitze denkt. Im Gusszentrum Ostfriesland ist Andreas Hoge im Jahr 2010 ein Mann der ersten Stunde. Eigentlich ist der Mann mit dem Ohrring Fischwirt, doch er wollte nicht mehr tagelang auf die raue See hinaus. Ich wollte abends zur Familie. Hoge kriegt eine Schulung und kommt in den Schmelzbetrieb. Es wird mit flüssigem Eisen hantiert, das ist heiß und gefährlich. Gearbeitet wird rund um die Uhr. Ein harter Job, selbst für Kerle wie Hoge. Das habe trotzdem Spaß gemacht, sagt er. Aber der Ton der Chefs sei respektlos gewesen, und die Arbeitstage elend lang. Ich musste oft mehr als zehn Stunden am Stück arbeiten. Im April beginnt Hoge sich gegen diese Kultur zu wehren. Mitarbeiter der IG Metall stehen vor dem Werk und werben für die Gründung eines Betriebsrates. Seit Jahren will die Gewerkschaft mit Enercon ins Gespräch kommen. Doch Top-Leute wie Geschäftsführer Hans-Dieter Kettwig weigern sich und das ärgert die IG Metall. Das Unternehmen hat Pionierarbeit geleistet bei erneuerbaren Energien und gleichzeitig besteht erheblicher sozialer Nachholbedarf, sagt Sören Niemann-Findeisen, der bei der Gewerkschaft als Experte für Windenergie arbeitet. Das Unternehmen ist absolut gewerkschaftsfeindlich. Im Büro der IG Metall in einem grauen Hochhaus in Magdeburg stehen rote Tassen mit Gewerkschaftslogo zwischen Topfpflanzen herum. Hier passiert, was Inhaber Wobben so gerne verhindern will: Mitarbeiter seiner Firma trinken starken Filterkaffee mit Kondensmilch und bitten die Gewerkschaft um Hilfe. Hier haben schon Dutzende gesessen. Sie erzählen Geschichten, die denen von Hoge und Böttger ähneln. Und die IG Metall hört zu und hilft, denn sie will Enercon zur mitbestimmten Zone machen. Dazu hat die Gewerkschaft viel Geld in die Hand genommen. Seit Sommer 2013 engagiert sich eine größere Gruppe von Aktivisten bei Enercon-Firmen in Magdeburg und in Ostfriesland. Eines erschwert das Vorhaben gewaltig. Enercon ist nicht ein Konzern: Es ist ein undurchsichtiges Geflecht aus mehr als hundert Firmen überall sind eigene Betriebsräte zu gründen. Und die Eigentümer der deutschen Werke und Service- Betriebe sind Holdingfirmen in den Niederlanden, das erschwert die Bildung von Konzernbetriebsräten. Bloß ein Rest der Betriebe gehört einer Stiftung aus Aurich, die Wobben 2012 bei seinem Rückzug gegründet hat. Hinter dem Firmendickicht vermuten Mitarbeiter, wenn sie im Büro in Magdeburg sitzen oder sich in Aurich im Geheimen mit der Gewerkschaft treffen, sogar ein System. Als gehöre das Aufspalten von Firmen zur Kultur und als sei es eine Vorgabe: Betriebe, die stark wachsen, würden geteilt, sa- 9

10 MENSCH & UNTERNEHMEN gen sie. Das geschehe meist, wenn eine Firma mehr als 200 Angestellte habe. Mitarbeiter argwöhnen, das solle die Mitbestimmung einschränken. Der Grund: Betriebsräte dürfen erst bei mehr als 200 Beschäftigten freigestellt werden. Andreas Hoge weiß nicht, dass seine Gießerei irgendwem im Ausland gehört, doch er findet Betriebsräte gut. Als die IG Metall ihn anwirbt, ist er dankbar. Nicht nur in Ostfriesland steht die Gewerkschaft vor dem Tor, in Sachsen- Anhalt schwärmt sie ebenfalls aus. So kommt Nils-Holger Böttger mit ihr in Kontakt. Böttger ist ein durchtrainierter Mann mit blondem Vollbart, er ist seit 2009 als Service- Monteur bei der Wea Service Ost GmbH angestellt. Das Angebot bei der Enercon-Tochter in Magdeburg ist für ihn ein Glücksfall. In Sachsen-Anhalt ist seit der Wende ein Großteil der Industrie-Arbeitsplätze verschwunden, gute Jobs sind rar. Böttger liebt seine Stelle zumindest am Anfang. Im Bereich der erneuerbaren Energien zu arbeiten, war toll. In Zweierteams fahren sie hinaus in die Windparks. Böttger kontrolliert die elektrischen Bauteile und repariert sie bei Bedarf. Häufig muss er eine Mühle von innen hochklettern. Er ist Triathlet, für ihn ist das ein gutes Training, viele Anlagen sind bis zu 140 Meter hoch: Sein Rekord liegt bei sieben Minuten, darauf ist er stolz. Das ist nicht alles: Die Mühlen werden zu jeder Jahreszeit gewartet. Auch im Winter, wenn die Parks voller Schnee sind und den Männern oben in der Gondel vor Kälte fast die Spucke einfriert. Böttger also ist ein ziemlich zäher Bursche. So zäh, dass ihn der eigene Laden wohl unterschätzt hat. Was Böttger auffällt: Der Anteil von Leiharbeit ist extrem hoch, konzernweit liegt er zwischen 20 und 30 Prozent. Bei der Wea Service Ost arbeiten bis Jahresmitte gut 370 Menschen, bis vor Kurzem seien es 80 Zeitarbeiter gewesen, schätzt der Elektroniker. Dauerhaft. Nicht nur als Übergang. Viele Kollegen hätten sich von Vertrag zu Vertrag gehangelt, ohne dass sie je eingestellt worden wären, sagt er. Prekäre Arbeit als Dauerzustand? Das ist eines der Ärgernisse, warum Böttger der IG Metall seine Telefonnummer gibt. Die Gewerkschaft braucht Freiwillige, um einen Fuß in den Betrieb zu bekommen. Doch keiner aus Böttgers Gruppe traut sich. Groß ist die Furcht vor Repressalien. Böttger springt ein: Ich konnte das nicht akzeptieren, wir sind doch erwachsene Männer. Doch die Kollegen ahnen wohl, was ihnen blühen könnte. Bei Enercon reagieren sie scharf: Als die IG Metall vor dem Gusszentrum Ostfriesland steht, versammelt der Betriebsleiter im Werk die Belegschaft und ruft sie zur Ordnung. Kameras hätten aufgezeichnet, wer vor dem Tor mit der IG Metall gesprochen habe, erzählen Mitarbeiter. Andreas Hoge wird zum Schichtleiter zitiert: Wenn du dich für eine Wahl aufstellen lässt, wird es dir nicht gut ergehen diese Worte hat er bis heute nicht vergessen. Der Ton wird rauer. Die Leitung habe durchsickern lassen, dass sie nach Betriebsratswahlen das Weihnachts- und Urlaubsgeld streichen werde, berichtet Hoge. Vielen Kollegen erschreckt das. Ihn auch. Die wollten einfach nicht, dass das Fußvolk mitreden darf. Im Juli lässt sich Hoge trotzdem in den Betriebsrat wählen. Auch Nils-Holger Böttger in Magdeburg erlebt Druck. Durch zwei Instanzen muss die IG Metall vor Gericht erstreiten, dass ihre Sekretäre das Betriebsgelände betreten dürfen. Die Gewerkschafter wollen bei der Vorbereitung der Wahl helfen. Als das Logo der IG Metall auf einem Wahlplakat auftaucht, habe Enercon per Anwalt mitgeteilt, das sei illegale Werbung und Unterlassung gefordert, erzählt Böttger. Doch auch er lässt sich nicht abschrecken: Ende November 2013 wird er zum Chef des Betriebsrats gewählt und freigestellt. Enercon schaltet die Anwaltskanzlei Hogan Lovells aus Hamburg ein. Hilfe von außen zu holen, liege im Trend, sagt der Autor Elmar Wigand. Es gebe in Deutschland immer mehr Kanzleien, die auf Union Busting spezialisiert seien. Gemeint ist das systematische Bekämpfen von Betriebsräten und Gewerkschaften. Hogan Lovells wirbt ganz unverblümt dafür: 2012 hat ein Anwalt der Kanzlei bei einer Tagung einen Vortrag gehalten: Kündigung der Unkündbaren: So trennen Sie sich von Betriebsräten hieß es damals. In der Juristenszene gibt es für solche Kollegen sogar einen Namen: Sie heißen Betriebsratsfresser. Wie sich das anfühlt gefressen zu werden, muss Andreas Hoge erleben. Nach der Wahl wird er überraschend versetzt. Das sei mehreren passiert, die auf der Liste 1 stünden, sagt er. Das ist die Wahlliste, die von der IG Metall unterstützt worden ist. Das ist so, als steht man auf einer Abschussliste. Er darf jetzt nicht mehr am Ofen arbeiten, er muss draußen vor der Halle überflüssige Ausschussbauteile mit dem Schneidbrenner zerkleinern. Ein öder Hilfsarbeiter-Job. Ich war ganz allein, sagt er. Die Schutzkleidung reicht nicht aus, Hoge zieht sich Brandflecken zu. Auch finanziell ist er schlechter gestellt: Er habe keine Nachtschichten mehr machen dürfen, deshalb fehlten ihm Zulagen. Schikanen in Magdeburg und Ostfriesland, Versetzung ohne Begründung, Drohung mit Weihnachtsgeld-Entzug? Betriebe zergliedern, um Mitbestimmung zu verhindern? Wer Enercon diese Vorwürfe vorhält, erhält eine schriftliche Antwort. Sämtliche Vorgänge stimmten nicht und seien von der Geschäftsführung vor Ort jeweils nicht nachzuvollziehen, schreibt der Sprecher. Es werde vielmehr ein Zerrbild entworfen. Die Firmenkultur sei von einem offenen Dialog mit Mitarbeitern geprägt. Diese würden selbst entscheiden, ob und in welcher Form sie Betriebsräte wollten. Und Hoges Brandflecken durch den Schneidbrenner? Das Gusszentrum Ostfriesland halte geltende Arbeitsschutzbestimmungen ein, teilt der Sprecher mit. 10

11 MENSCH & UNTERNEHMEN Nils-Holger Böttger ist Triathlet. Er klettert im Windrad 140 Meter schon mal in sieben Minuten hoch. Ein zäher Bursche auch als Betriebsrat. Bei Nils-Holger Böttger klingt das anders, besonders, wenn er von den Vorgängen ab Mai erzählt. Damals informiert ihn ein Kollege ein Leiharbeiter darüber, dass er an einem Samstag an einer Schulung teilnehmen soll. Und dass weder Teilnahme noch Anfahrt bezahlt werden. Böttger schaltet sich ein, so eine Schulung sei schließlich Arbeitszeit. Er schreibt eine an die Geschäftsführer und ruft den Chef der Leiharbeitsfirma an. Die meisten Leiharbeiter sind zwischen sechs und acht Jahren in der Firma und ich bin als Betriebsrat für sie zuständig, sagt er. Der Konzern profitiert von der Ökostromförderung und zahlt unter Tarif. Es sind unbequeme Sätze, sie kommen schlecht an. Denn Enercon beschäftigt nicht nur viele Leiharbeiter. Bis heute ist der Konzern in keinem Arbeitgeberverband und er sträubt sich gegen Tarifverträge. Die Bezahlung erfolgt unter Tarifniveau, sagt IG-Metall-Mann Niemann-Findeisen. Hoge und Böttger bestätigen das. Sie verdienten weit weniger, als es bei Rivalen wie Siemens oder Vestas üblich sei. Dabei wird Enercon staatlich unterstützt: Der Konzern profitiert von der Ökostromförderung, die jeder Verbraucher per Gesetz über seine Stromrechnung mitträgt. Böttger jedenfalls wird schriftlich ermahnt. Doch er will sich die Kritik nicht verbieten lassen. Um das Ganze öffentlich zu machen, schildert er es in Form eines satirischen Märchens und schickt eine an alle Kollegen. Drei Wochen später erhält er eine fristlose Kündigung. Enercon sagt, Böttger habe seine Kompetenzen massiv überschritten. Wegen seines Verhaltens habe die Leiharbeitsfirma die Zusammenarbeit beendet und der Wea Service Ost sei ein nicht unerheblicher wirtschaftlicher Schaden entstanden. Böttger hält das für einen Vorwand: Er vermutet, dass auch seine Firma bald aufgegliedert wird, und die Leiharbeiter dann gekündigt werden. Er wehrt sich und legt gegen die Kündigung Rechtsmittel ein. Ein erster Gütetermin vor dem Arbeitsgericht in Magdeburg scheitert Mitte September. Bis der Richter final entscheiden wird, können noch Monate vergehen. Tag für Tag geht Böttger weiter zur Arbeit, getragen von einer Welle aus Empathie. Bundesweit werden Unterschriften für ihn gesammelt. Gut Menschen haben ein Solidaritätsschreiben gezeichnet, darunter Politiker wie der Grüne Volker Beck und Sahra Wagenknecht von den Linken. Von so viel Mitgefühl kann der Arbeiter Andreas Hoge nur träumen. Mehrere Wochen lang hat er draußen allein mit dem Schneidbrenner hantiert, bekam Magenschmerzen und Angst. Dann hat er die Isolation nicht mehr ausgehalten und aufgegeben. Jetzt hat er eine Abfindung auf dem Konto, aber keinen Job mehr. Geblieben ist nur die Scham gegenüber Kollegen. Und das Gefühl, versagt zu haben. Irgendwann habe ich einfach den Mut verloren. ~ 11

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13 BLOG Umstrukturierung und Nachhaltigkeit Text: Ralf-Dieter Brunowsky Von Joseph A. Schumpeter stammt der Satz: Unternehmer haften mit ihrem Einkommen an den Entwicklungswerten der Zukunft. Wohlgemerkt, Unternehmer, nicht Manager. Denn bei Managern ist es wie mit den Beamten: Sie haften eigentlich nie für gravierende Fehler, solange sie sich nicht strafbar gemacht haben. Darum soll es hier aber auch nicht gehen. Nein, es geht um die echten Unternehmer. Schumpeter vertrat die Theorie der schöpferischen Zerstörung : Entweder stößt man klassische Produkte und Branchen vom Sockel und ersetzt sie oder man wird selbst Opfer dieser schöpferischen Zerstörung. Was macht den zentralen Unterschied zwischen den Erfolgsmodellen und den Sanierungsfällen aus? Jeden Tag können wir nachlesen, wie komplex die Herausforderungen für das Management größerer Unternehmen sind, wenn es darum geht, zukünftige Entwicklungen richtig einzuschätzen. Milliardeninvestitionen können sich als Milliardengrab herausstellen, wenn Kosten aus dem Ruder laufen oder die Nachfrage falsch eingeschätzt wurde. Ist die Entscheidung von BMW richtig, Milliarden in Elektroautos zu investieren? Ist das Geschäftsmodell von Uber dem klassischen Taxi überlegen? Wird es selbstfahrende Autos geben? Wird sich die Google-Brille durchsetzen oder der Computer als Armband? Kann der Aufbau eines großen Onlinekaufhauses wie Zalando gelingen? Das sind Fragen, die wir jeden Tag in der Wirtschaftspresse nachlesen können. Die sich täglich revolutionierende neue digitale Welt bietet ganz besonders viele Gelegenheiten, die Zukunft falsch einzuschätzen, wobei sich besonders die Banken in den letzten Jahren nicht mit Ruhm bekleckert haben. Von Bill Gates stammt der Satz: Banking werden wir immer brauchen, Banken aber nicht. Jeder weiß, dass Banken heute keine Filialen mehr brauchen. Trotzdem tun sich alle Banken schwer, Filialen zu schließen und sich digital vollkommen neu auszurichten, beispielsweise bei Zahlungsvorgängen, wie sie heutzutage Paypal anbietet. Funktionierendes Online-Banking reicht dafür nicht. Zahlen mit dem Smartphone, Apps rund ums Girokonto, Überweisen per Facebook, das sind die digitalen Fragestellungen. Bei Schumpeters Entwicklungswerten der Zukunft geht es letztlich um Nachhaltigkeit pur: Sie machen den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg. Nachhaltige Unternehmensführung nimmt gesellschaftliche (und nicht nur ökologische) Tendenzen an und berücksichtigt veränderte Verhaltensnormen als permanente Infragestellung der gesetzten Ziele und operativen Maßnahmen. Umstrukturierungen finden rechtzeitig statt, bevor es zu Sanierungsmaßnahmen kommen muss. Wer die Veränderungen vorausgesehen hat, die vor 30 Jahren noch kein Mensch für möglich hielt, konnte wie Apple, Google und Facebook Milliardengeschäfte entwickeln. Jeder ist heute im Internet und fast jeder besitzt inzwischen ein vielseitiges Smartphone. Der Online-Einkauf wird zur Selbstverständlichkeit und bedroht Einzelhändler, die dem nichts entgegensetzen. Die Carsharing-Welle erfasst schon 1 Million regelmäßige Nutzer, im Lebensmittelhandel wächst der Anteil von Bioprodukten überproportional. Wenn Unternehmen die Phantasie, der Mut oder auch schlicht die Kompetenz fehlt, sich rechtzeitig radikal neu auszurichten, ist der Sanierungsfall programmiert. Handelsunternehmen wie die Douglas-Parfümerien haben rechtzeitig den Online-Verkauf integriert, andere wie Schlecker haben den Online-Anschluss verloren. Die einen wachsen, die anderen werden insolvent. ~ 13

14 HINTERGRÜNDE & WISSEN Sonderrecht im Insolvenzfall Thema: Insolvenzanfechtung Insolvenzrecht gehört mit zu dem kompliziertesten Gebieten des deutschen Wirtschaftsrechts es ist aber zugleich auch eine der wichtigsten Normierungen, denn es bestimmt, bis zu welchem Zeitpunkt ein Unternehmen am Wettbewerb teilnehmen darf. In dieser Greenhorn-Reihe soll informatives Hintergrundwissen vermittelt werden, aber auch praktische Tipps zur Umsetzung und zum Umgang damit in der Praxis sind Gegenstand dieser Rubrik. 14

15 HINTERGRÜNDE & WISSEN Was ist das? Wozu braucht man das? Wo steht das? Wem nutz das? Was kostet das? Wie vermeidet man das? Das Insolvenzanfechtungsrecht ist ein Sonderrecht im Insolvenzfall. Es versetzt den Insolvenzverwalter nach der Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in die Lage, wirksame Rechtshandlungen aus der Vergangenheit bis zu zehn Jahre zurück nachträglich wirkungslos zu machen. Folge einer wirksamen Anfechtung ist die Verpflichtung des Empfängers, das, was er einmal erlangt an, an die Insolvenzmasse zurück zu erstatten. Zweck der insolvenzrechtlichen Anfechtung ist es, sachlich ungerechtfertigte Vermögensverschiebungen in der Krise eines Unternehmens rückgängig zu machen und damit das Vermögen wieder herzustellen, das den Gläubigern bei einer rechtzeitigen Antragstellung zur Verfügung gestanden hätte. Die insolvenzrechtliche Anfechtung ist folglich Mittel zur Massemehrung sowie Gegenmittel für Massearmut und die Verschleppung von Insolvenzen. Hierin liegt auch die rechts- und ordnungspolitische Bedeutung einer konsequenten Umsetzung des Anfechtungsrechts. Es dient dem Erhalt der Haftungsmasse für alle Gläubiger und wirkt gegen die Befriedigung einzelner Gläubiger. Die Berechtigung zur Ausübung des Anfechtungsrechts folgt für den Insolvenzverwalter aus den Regelungen der 129 ff. InsO. Der Anspruch auf Rückgewähr entsteht nach ständiger Rechtsprechung unmittelbar mit der Insolvenzeröffnung aufgrund eines gesetzlichen, auf Rückgewähr gerichteten Schuldverhältnisses und wird damit zugleich fällig. Durchgesetzt wird der Anspruch, sofern nicht eine freiwillige Rückzahlung erfolgt, im Weg einer Anfechtungsklage. Trotz Eintritts der Zahlungsunfähigkeit durchschnittlich mehr als zehn Monate vor der Einleitung eines Insolvenzverfahrens wirtschaften Schuldner solange weiter, bis auch die letzten finanziellen Reserven erschöpft sind und das Eigenkapital nahezu vollständig verbraucht ist. Gläubiger, die Druck machen können, werden während dieser Zeit noch erstrangig bedient, die anderen nach Möglichkeit überhaupt nicht mehr. Diese Ungleichmäßigkeit der Befriedigung soll mit den Mitteln des Anfechtungsrechts beseitigt werden. Von der Haftungsmasse des Schuldners sollen alle Gläubiger möglichst gleichermaßen profitieren. Dem Gläubiger wird die innerhalb einer Krise durch Befriedigung oder Sicherung seiner Forderung erlangte bessere Position durch die Anfechtung genommen. Für den zur Rückgewähr verpflichteten Begünstigten ist die Anfechtung mit einer Pflicht zur Verzinsung nach den Grundsätzen einer ungerechtfertigten Bereicherung vom Tage des Empfangs der Leistung an, also in Höhe von fünf Prozent über dem Basiszins, verbunden. Die niedrigen Quoten in Insolvenzverfahren sind nicht Ergebnis des Insolvenzrechts, sondern eines flächendeckenden Verstoßes gegen die gesetzlich normierten Insolvenzantragspflichten. Das Anfechtungsrecht soll Gläubiger dazu bewegen, finanzschwache Schuldner frühzeitig durch einen Insolvenzantrag aus dem Markt zu nehmen, statt sie zum eigenen Vorteil und zum Schaden anderer darin noch zu halten. Kann also ein Schuldner dauerhaft nicht mehr zahlen, erwartet das Gesetz konsequentes Handeln auch der Gläubiger bis hin zur Insolvenzantragstellung. Der Gläubiger, der sich nach Eintritt der Insolvenzreife nicht der Ordnungsfunktion des Insolvenzrecht entsprechend dafür entscheidet, einen solchen Antrag zu stellen, und sich stattdessen bevorzugt aus dem noch vorhandenen Restvermögen befriedigt, läuft Gefahr, sich der späteren Anfechtung auszusetzen. 15

16 MENSCH & UNTERNEHMEN ESUG weder Palliativmedizin noch Wettkampf- Eisstockschießen ESUG-Kauf! Text: Sylvia Wipperfürth Konkurrenz oder Kooperation? Die Sanierung des Unternehmens als gemeinsames, allseitiges Ziel im Blick? So ist es gedacht und auch vielfach erfolgreich erprobt und praktiziert. Nicht immer jedoch sind Sanierungsbemühungen am Ende von Erfolg gekrönt jedenfalls dann nicht, wenn nicht die Sanierung als Synonym für den Erfolg verstanden wird, sondern Eigeninteressen vorherrschen. Ist ein Unternehmen krank, ist ESUG eine empfehlenswerte Medizin. Wie jedes Arzneimittel hat auch ESUG Risiken und Nebenwirkungen, insbesondere bei Fehlindikation oder Missbrauch. Will man diese vermeiden, sollten Unternehmer und Gläubiger genau dieses Gefahrenpotenzial kennen und fragen Sie in diesem Fall bitte nicht Ihren Arzt oder Apotheker! Beim Eisstockschießen versuchen zwei Mannschaften die Stöcke möglichst nahe an die Daube zu schießen. Es betreten die Bühne: Mannschaft S das Team der Sanierungsberater und Mannschaft I der Insolvenzverwalter. Die Daube das zu sanierende Unternehmen mit dem Topf an Restliquidität liegt auf dem Mittelkreuz. Ziel ist es, einen Stock der eigenen Mannschaft näher zur Daube als der Gegner zu bringen. Gewertet werden nur Stöcke, die sich innerhalb des Zielfelds befinden. Gegnerische Stöcke, die sich in besserer Lage befinden, dürfen aus dem Feld geschossen werden. Lasset die Spiele beginnen... Wer macht das Rennen? Wendet man ESUG gemäß der Indikation an, steht der Sieger im Vorfeld fest: Das sanierte, gesundete Unternehmen, welches nach Durchlaufen des Sanierungsprozesses das Potenzial hat, die Gläubiger bestmöglich zu befriedigen. Warum, so fragt man sich, wird dann noch im volksportlichen Sinne ein Wettkampf eröffnet? Ein Wettkampf zweier Mannschaften, die in inadäquatem Konkurrenzgebaren um die Nähe zur Daube kämpfen, statt so eigentlich intendiert interdisziplinär und in angemessener Dosis ESUG kooperativ anzuwenden? Ein Wettkampf ist überhaupt nicht erforderlich. Arbeiten Profis ihrer Zunft (Sanierungsberater und Insolvenzverwalter) auf dieses eigentliche Ziel, die Sanierung und bestmögliche Gläubigerbefriedigung, hin, ist jeglicher konkurrenzbehafteter Volkssportgedanke überflüssig! Es gibt keine Spiele zu eröffnen! Aus welchem Grund also beobachtet die Praxis dieses Konkurrenzgebaren? Klimawandel! Die Insolvenzverfahrenszahlen sind rückläufig. Die Winter werden wärmer also wird die knappe Gelegenheit genutzt, um ein bisschen Volkssport zu betreiben. Es geht nicht darum, eine ESUG-Wohngemeinschaft zwischen Sanierungsberater und Insolvenzverwalter zu gründen und mit einem Löffel die Suppe zu schlürfen. Jeder kann und soll in seiner Wohnung bleiben. Kontraproduktiv indes ist es, wenn der eine versucht, dem anderen die Suppe zu versalzen! Hinter den Kulissen Andererseits birgt auch eine exzessive Kooperation Risiken. Hinter den Kulissen wird erkannt: Lauten die eigentlichen Ziele nicht Sanierung und Gläubigerbefriedigung, folgt der Volkssport der Stallorder. Sportlicher Wettkampf ist dann im Sinne des Sports, wenn Fair Play und regelkonformes Verhalten von den Akteuren beachten werden. Unsauber wird s, wenn Foulspiel, Doping oder unlautere Absprachen an der Tagesordnung sind. Dem Erfolgreichen in einer von gegenseitigem Respekt getragenen Konkurrenz gebührt stets aufrichtige Anerkennung. Anerkennung ist für Könner, nicht für Blender, die mittels unredlicher Stallorder den Pokal in Empfang nehmen. 16

17 MENSCH & UNTERNEHMEN Eisstockschießen ESUG und Stallorder? 56 InsO ist die Möglichkeit für Mannschaft S, eine Stallorder im Eisstockschießen ESUG auszusprechen. Warum soll man vermeintliche Konkurrenten bekämpfen und aus dem Nahbereich der Daube wegstoßen? Das geht viiiieel geschmeidiger: Man nimmt sie einfach in den eigenen Stall mit herein. Dies hat zwei Vorteile: Einerseits kann nach außen vertreten werden, dass man frei jeglicher überzogener Konkurrenz ist man kooperiert. So ist es in einem lauteren Nebeneinander schließlich gewünscht und zielführend. Andererseits kann man eine Stallorder aussprechen, verbunden mit der Einladung an Mannschaft I, an der anschließenden Siegesfeier teilzuhaben. Eine Hürde gilt es hierbei zu nehmen: Mannschaft I muss, so will es das Gesetz, unabhängig sein. Gewollt und für gut befunden! Die erforderliche Unabhängigkeit wird aber nicht schon dadurch ausgeschlossen, dass Mannschaft I von Mannschaft S oder einem Gläubiger vorgeschlagen worden ist. Auch so steht es im Gesetz geschrieben. Angewandt: Mannschaft S wählt mit dem inoffiziellen, selbstbezogenen Ziel des eigenen Turniersiegs zunächst die eigene Aufstellung, indem einige ausgewählte Gläubiger benannt werden. Ebenfalls wird Mannschaft I nominiert und inoffiziell in den eigenen Stall aufgenommen; offiziell ist Mannschaft I unabhängig. In der Teambesprechung erhalten die Gläubiger als Anerkennung für das Mitwirken die Zusage, dass nach Eintritt der Wettkampfreife noch erhaltene Zahlungen nicht angefochten werden. Vor dem Wettkampfrichter (Gericht) wird angetreten, mit dem Ziel, das Unternehmen durch einen Insolvenzplan, den Mannschaft I ausarbeiten soll, zu sanieren. Man zieht demnach die Meldung zum Wettkampf zurück. Stattdessen verschreibt man sich offiziell dem erstrebenswerten Ziel: Sanierung und bestmögliche Gläubigerbefriedigung. Es ist also Eisstockschießen ohne Wettkampfcharakter: Mannschaft S und Mannschaft I versuchen, die Daube zu erreichen, ohne sich dabei gegenseitig aus dem Weg zu kicken! Vermeintlich verstanden! Jedoch: Mannschaft I ist eigentlich Marathonläufer (ein guter und gelisteter Abwicklungsverwalter), hat jedoch keine Erfahrung im Eisstockschießen (Sanierung unter Insolvenzplan). Das weiß auch der Wettkampfrichter (Insolvenzgericht)! Die Wahl zwischen Skylla und Charybdis Lässt der Wettkampfrichter wider besseren Wissens Mannschaft I trotz fehlender Eignung zum Stockschießen zu, ist eines gewiss: Sanierung ausgeschlossen, da ein Marathonläufer auf der Eisfläche gnadenlos ausrutschen wird! Schließt der Wettkampfrichter was zulässig ist mit der Begründung offenkundige Ungeeignetheit im Einzelfall Mannschaft I vom Wettkampf aus, muss er Mannschaft I 2 nachnominieren. Denn ohne eine Mannschaft I gibt s gar kein Eisstockschießen. Von Mannschaft I 2 weiß er, dass sie das Eisstockschießen beherrscht (ein in Sanierung erfahrener Verwalter). Beim anschließenden Eisstockschießen würde Mannschaft S jedoch, da der eigene Turniersieg ja immer noch das nicht kommunizierte aber dennoch selbst gesteckte Ziel ist, versuchen, Mannschaft I 2 mit allen Mitteln auszubooten. Ergebnis: Ein kooperatives Miteinander findet nicht statt, mit der Folge des Scheiterns der Sanierung! Die Sanierung scheitert also in jedem Fall stets zu Lasten des Unternehmens und stets zu Lasten der Gläubigergesamtheit! Der Turniersieger steht ebenfalls fest! Auch geht es nicht darum, eine ESUG-Wohngemeinschaft zwischen Sanierungsberater und Insolvenzverwalter zu gründen, die für sich die eigene WG- Suppe kocht und alle anderen verhungern lässt! Fazit: Es geht um s Unternehmen und zwar NUR um das zu sanierende! Ärzte haben den Eid des Hippokrates geschworen. Eine Mehrzahl handelt danach, macht als Profi einen guten Job und hat exklusiv das Ziel der Gesundung des Patienten im Blick. Dass sie damit Ihr Honorar verdienen sollen, ist gewünscht, gegönnt und steht außer Frage. Es gibt aber und auch dies ist kein Geheimnis solche Ärzte, die IGeL-Leistungen nicht immer im ausschließlichen Interesse der Gesundung Ihres Patienten verkaufen! Im Sanierungsprozess ist dies ähnlich gelagert, daher kann der Appell nur lauten: ESUG bedeutet Sanierung des Unternehmens und bestmögliche Gläubigerbefriedigung. Die Rechte der Beteiligten sind durch die Vorschlagsmöglichkeiten zur Person des Insolvenzverwalters gestärkt. Im Sanierungsprozess bedarf es ebenfalls einer guten Beratung, die im Vorfeld die Weichenstellung für eine Erfolg versprechende Sanierung vornimmt. Für Unternehmen und Gläubiger gilt: Achten Sie darauf, dass nicht jeder gute Verkäufer auch ein guter Arzt sein muss! Manchmal ist auch und gerade im akuten Fall das Einholen einer Zweitmeinung existenziell für Unternehmen und Gläubiger. Immer ist auch der gesunde Menschenverstand einzuschalten, um das, was der Verkäufer anpreist, auf Substanz hin zu prüfen. Wird ärztlicher Beistand durch einen im Selbstinteresse IGeL-Leistungen verkaufenden Sanierungsberater und/oder einen ebensolchen Insolvenzverwalter gewählt, ist der Weg zur unternehmens- und gläubigernachteiligen Zerschlagung nur eine lebensverlängernde Palliativmedizin mit Placebo-Effekt, an dessen Ende einer den Stecker zieht: Die Insolvenzrichter. Dies ist nicht vorsätzlich, sondern alternativlos, wenn zuvor eigenmotivierte Konkurrenzeskalationen stattgefunden haben oder parasitäre Symbiosenetze bereits gesponnen wurden. Wenn den Beteiligten dann erst ein Licht aufgeht, sind alle Lampen bereits aus! ~ 17

18 Schwerpunkt Ertragskiller Einkauf Hier haben selbst erfolgreiche Unternehmer Nachholbedarf Viel mehr als schlichte Schnäppchen-Jagd Wer beim Einkaufen ein paar Euro spart, freut sich über diesen gelungen Coup. Grund zur Freude gibt es jedoch meist nur, wenn private Dinge eingekauft wurden. Gilt es, den Bedarf für ein Unternehmen zu beschaffen, reicht es nicht aus, nur mal eben einen Artikel zum Vorzugspreis zu erwerben. Hier müssen die Firmenchefs eine detaillierte Strategie entwickeln und verfolgen. So können sie wertvolle Ertragspotenziale heben und die Weichen auf Wachstum stellen. Die Zahl der möglichen Mittel und Wege, um beim Einkauf für Unternehmen zu den Gewinnern zu gehören, ist riesig. 18

19 SCHWERPUNKT Was ist Einkauf? Ein professioneller Einkauf, hilft kleinen, mittelständischen und großen Unternehmen wertvolle Erträge zu heben. Viele Firmenchefs wissen jedoch nicht, welche Schätze sich in ihren Unternehmen befinden. Lieferanten knallhart in den Schwitzkasten zu nehmen und gnadenlose Preisdrückerei zu betreiben, funktioniert nur kurzfristig. Die Zauberformel heißt Beschaffungsoptimierung. So lässt sich der Ertrag unmittelbar und nachhaltig verbessern. Viel zu oft noch werden Marketing- und Vertriebsbudgets erhöht, anstatt sich im Einkauf interessante Finanzquellen zu erschließen. Was leistet Einkauf? Der Einkauf hat sich längst als Ertragsmotor in nahezu allen Unternehmenssituationen entwickelt. Die Erfolge der Beschaffungsoptimierung bei Restrukturierung und Sanierung oder Steigerung des Firmenwerts sind nur zwei Beispiele für viele weitere Einsatzgebiete des effizienten Einkaufs. Strategische Beschaffung ist deshalb keine Aufgabe für Laien. Geschultes Personal, das sich nicht von den Taktiken professioneller Verkäufer überrumpeln lässt, wird gebraucht. Derzeit haben die Mitarbeiter des Einkaufs in den meisten Betrieben jedoch noch längst nicht die notwendige Qualifikation, um als Einkäufer gute Ergebnisse zu erreichen und die notwendigen Erträge zu heben. Wer braucht einen Einkauf? Jedes Unternehmen sollte einen Bereich Einkauf installieren, wenn es ihn nicht schon hat. Das gilt für kleine, mittelgroße und große Betriebe gleichermaßen. Es reicht aber nicht allein, ein Ressort Einkauf aufzubauen. Die Mitarbeiter der Abteilung müssen einen hohen Stellenwert und gewisse Entscheidungsfreiheit genießen. Jeder Mitarbeiter sollte die Einkaufsabteilung als Sparringspartner nutzen. Denn nur so kann es gelingen, die besten Ertragspotenziale bestmöglich zu nutzen. Und die sind häufig überraschend hoch. In vielen Fällen erreichen sie zehn Prozent und mehr. Wer auf eine kompetente Einkaufsabteilung verzichtet, verbrennt in der Regel viel Geld. Was macht ein Einkauf? Ursprünglich fokussierte sich der Einkauf auf die operativen Tätigkeiten, um einen Betrieb mit Gütern und Dienstleistungen zu versorgen, die er nicht selber herstellt. Diese Aufgaben erweitern sich mehr und mehr. Denn die zunehmende Bedeutung der Unternehmensfunktion Einkauf führt dazu, dass der Bereich immer öfter auch strategische Arbeiten übernimmt. Dieses Mehr an neuen Aufgaben beginnt sich im bislang nicht gerade positiven Image der Verkäufer widerzuspiegeln. Das ist genau der richtige Weg, im Einkauf alte Strukturen aufzubrechen und in einem motivierten Team modernes Beschaffungsmanagement zu betreiben. 19

20 SCHWERPUNKT Jeder Euro ein Gewinn Im Einkauf liegt die Macht Text: Redaktion return Früher war alles viel besser als der Einkäufer noch Beschaffer hieß und ganz im Zeichen der Versorgungswirtschaft stand. Preisverhandlungen mit Lieferanten waren mehr die Ausnahme als die Regel und ein Einmischen in die Produktion, um preiswertere Materialien zu nutzen, hätte zur sofortigen Entlassung geführt. Kein Beruf hat sich so stark gewandelt, wie der des Einkäufers oder neudeutsch Purchasing-Managers. Er arbeitet als Rechenkünstler, Betriebswirt, Controller, Produktentwickler, Produktioner, Hellseher und manchmal als Heilsbringer in Krisenzeiten: Der Einkauf steht heute ganz im Zentrum, wenn es um die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens geht, oder wie es Berater nicht müde werden, zu postulieren: Im Einkauf liegt die Macht. Der Handlungsspielraum des Einkäufers ist dagegen klein. Nicht erst seit José Ignacio López, ehemaliger Chefeinkäufer bei Volkswagen, gilt das Anziehen der Preisschraube als effektivstes Sparmittel und damit zur Kernkompetenz des Einkaufs. Weitere Aktivitäten sind kaum möglich. Vielleicht auch nicht nötig, denn die Rechnung ist relativ einfach: Jeder eingesparte Euro ist gleich ein Euro Gewinn. Dafür müssen andere Abteilungen viel arbeiten. Zum Beispiel im Maschinenbau, in dem rund die Hälfte des Umsatzes für neues Material eingesetzt wird: Kann der Einkäufer die Beschaffungskosten nur um zwei Prozent senken, müsste der Vertrieb den Maschinenverkauf um fantastische 25 Prozent in die Höhe treiben, um die gleiche Ergebniswirkung zu erzielen. Kostensenkungsprogramme haben Konjunktur Diese Hebelwirkung reizt. Laut einer aktuellen Konjunkturumfrage der Chemieverbände arbeiten derzeit acht von zehn Unternehmen verstärkt an Kostensenkungsprogrammen. BASF hat mit Next eine Milliarde Euro und BMW mit Number One gar sechs Milliarden Euro bis 2012 eingespart. Der Erfolg liegt dabei in den kleinteiligen Maßnahmen. Vorreiter bei der Maßnahmenentwicklung ist der Einkauf, der bei der Jagd nach dem eingesparten Euro nicht davor zurückschreckt, ganze Produktfunktionen in Frage zu stellen. So errechnete der Opel-Einkauf, dass ein Reserverad lediglich eine Laufleistung von 500 Kilometer Entfernung benötigt. Viel weiter müsste es bis zu nächsten Autowerkstatt nicht sein. Die bisherigen Noträder waren aber auf das Zehnfache ausgelegt. Also wurden die Dimensionen verkleinert und kräftig gespart. Preistreiberei kann teuer enden Dass es bei Produkten aber nicht immer auf den Anschaffungspreis ankommt, sondern vielmehr auf die Kosten im gesamten Lebenszyklus, hat sich bei Einkäufern längst rum gesprochen. Dennoch legt die Preistreiberei massiv zu und das kann für Unternehmen ziemlich teuer werden. Wenn der Druck auf Zulieferer und Entwickler wächst, werden größere Qualitätsrisiken eingegangen. Die Welle an Rückrufaktionen, die auf die Autofahrer in diesem Jahr herüber schwappte, macht es deutlich. Laut Berechnungen des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach beordern die Hersteller in diesem Jahr wahrscheinlich 25 Millionen Fahrzeuge wegen Mängel zurück in die Werkstätten. Defekte Zündschlösser, nicht auslösende Airbags oder brüchige Treibstoffleitungen zwangen rund 20 Millionen Autos der Opel-Mutter GM zu einem Zwischenstopp in die Garage. Toyota schrieb zehn Millionen Fahrzeughalter wegen rutschender Fußmatten und klemmender Gaspedale an. Ein weiteres Dilemma ist, dass die Zulieferer aus Kostengründen die gleichen Bauteile an viele Wettbewerber liefern oder die Hersteller die Teile in mehreren Fahrzeuggenerationen einbauen. Das verstärkt den Effekt. So mussten wegen fehlerhafter Airbags des japanischen Zulieferers Takata Autos der unterschiedlichen Marken von Toyota über Honda und Nissan bis Mazda der Werkstatt einen ungewollten Besuch abstatten. Partnerschaft wenn der Partner schafft? Inzwischen sind die meisten Zulieferer aber kostenmäßig ausgequetscht wie eine Zitrone. Die Lopez-Strategie geht nicht mehr auf und es bleibt in der Lieferantenbeziehung nur noch eine Richtung. Der Zulieferer wird zum Partner bei der Produktentwicklung. Er soll sein Know-how und seine Erfahrungen zum Nutzen des Kundenproduktes einbringen. Beim Automobilzulieferer Dräxlmaier saßen deshalb Teams aus Kaufleuten und Entwicklern zusammen an einem Tisch, um den neuen BMW i3 abzuspecken. Die 20

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