Bereich 2 Praxisleitfaden: Definitionen - was ist echt nachhaltige Beschaffung

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1 Bereich 2 Praxisleitfaden: Definitionen - was ist echt nachhaltige Beschaffung Gliederung Bereich Nachhaltigkeit und Nachhaltige Beschaffung - was ist das? Einleitendes Definition von Nachhaltigkeit Definition von Nachhaltiger Beschaffung Verständnis(spielräume) zu nachhaltiger Beschaffung Ist-Zustand und Potenziale nachhaltiger Beschaffung Einleitendes Definition und Grundlegendes Ist-Zustand kommunaler Ausgaben Potenzial f. nachh. Beschaffung in relev. Posten des komm. Haushaltes Einschätzung: Ist-Zustand für nachh. Beschaffung mit Umweltlabel Einschätzung: Potenzial für nachh. Beschaffung mit Umweltlabel Produktbereiche nachhaltiger Beschaffung und Checkliste Holzprodukte Nachhaltige Beschaffung & regionale Wertschöpfung Einleitendes Regionale Wertschöpfung stärkt Nachhaltigkeit, Klima, Umwelt Regionale Wertschöpfung bringt kommunale Einnahmen Regionale Wertschöpfung sichert hohe Sozialstandards Regionale Wertschöpfung ist ökonomisch sinnvoll Vorteile aus Verbindung nachh. Beschaffung u. region. Wertschöpfung Was sind nachhaltige Produkte? Einleitendes: im umf. Sinne nachh. Produkte beachten 3 Lebensphasen Vorketten & Produktion Nutzungsphase Nachnutzung Verbraucherschutz Umwelt-Zeichen Einleitendes: Umweltzeichen in der nachhaltigen Beschaffung Typen von Umwelt-Zeichen Umweltzeichen: HOLZ VON HIER, Blauer Engel, PEFC, FSC u.a Exkurs zu EPD Exkurs zu Gebäudebewertung 29 Kurzimpressum: HOLZ VON HIER gemeinsam mit Partnern (http://bit.ly/hvh-praxisleitfaden). Dieses Dokument ist Teil einer Info-CD Praxis-Leitfaden klima- und umweltfreundliche nachhaltige Beschaffung mit Holz. Mehr Infos unter Besuchen Sie uns im social web:

2 Beschaffung konsequent nachhaltiger Produkte Kern der Nachhaltigkeitsthematik ist Erhaltung der Lebensgrundlagen aller Menschen. Ressourcen sollen so umsichtig genutzt werden, dass sie auch kommenden Generationen noch zur Verfügung stehen. Dieser Teil des Leitfadens will verdeutlichen, dass bei wirklich nachhaltigen Produkten alle Lebensphasen wichtig sind, also Vorketten, Nutzungsphase und Nachnutzung. Zudem werden Ist-Zustand und Potenziale nachhaltiger kommunaler Beschaffung beschrieben, was nachhaltige Beschaffung mit regionaler Wertschöpfung verbindet und wie Umweltlabel für die nachhaltige Beschaffung genutzt werden können.

3 Nachhaltigkeit und nachhaltige Beschaffung - was ist das? Eine Abgrenzung Nachhaltige Beschaffung, Green Procurement, Nachhaltiges Bauen, Green Building sind weit verbreitete, aber teilweise inflationär gebrauchte Begriffe. Deshalb lohnt ein Blick auf die ursprüngliche Intention und Definition von Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit und nachhaltige Beschaffung: was ist das? Einleitendes Wurzeln in der Deutschen Forstwirtschaft: generationenübergreifendes Denken Die Wurzeln der Nachhaltigkeit liegen in der Forstwirtschaft. Die Nutzung einer Ressource darf nicht deren Reproduktionsfähigkeit übersteigen. Angesichts einer drohenden Rohstoffkrise formulierte von Carlowitz 1713 erstmals, dass immer nur so viel Holz geschlagen werden sollte, wie durch planmäßige Aufforstung, durch Säen und Pflanzen nachwachsen konnte. Zwar stand hier nicht der ökologische Gedanke Pate, sondern eher ein rein wirtschaftlich orientierter (Holz war damals die wichtigste Rohstoffbasis überhaupt), aber eines war schon damals ungewöhnlich und wegweisend: in einer Zeit, in der viele ums Überleben kämpften, drückte sich in dem Konzept von Carlowitz eine generationenübergreifende Sichtweise aus. Hier liegt der Kern der Berücksichtigung der Bedürfnisse auch nachfolgender Generationen, die eine wesentliche Grundbedingung des Nachhaltigkeitskonzeptes darstellt. Nachhaltige Beschaffung: ein europäisches Ziel Wir Europäer verbrauchen heute doppelt so viele Ressourcen, wie uns zur Verfügung stehen. Die Art, wie wir leben, die Produkte, die wir kaufen und konsumieren und die Art, wie wir Bauen, hat essentiellen Einfluss auf den Verbrauch an Ressourcen, auf den Verbrauch an Energie und auf die Belastung der Umwelt durch schädliche Substanzen. Vor diesem Hintergrund ist es ein wichtiges nationales und europäisches Ziel, das Bewusstsein hinsichtlich dieser Zusammenhänge zu schärfen und nachhaltige Konsummuster zu fördern. Ansatzpunkte sind hier vor allem die Kennzeichnung von Produkten und die Förderung der Nachfrage nach umweltfreundlichen Produkten seitens der Verbraucher, aber auch seitens der öffentlichen Hand. Die öffentliche Hand hat über das Instrument nachhaltiger Beschaffung in der EU eine wichtige Funktion für die Erreichung dieser Ziele aufgrund ihres Mengenumsatzes und ihrer Vorbildwirkung. Die öffentliche Hand gilt in der EU als Wachstumstreiber mit Vorbildfunktion für nachhaltiges Handeln. Die öffentliche Beschaffung wird als wirksames Instrument für Umwelt- und Klimaschutz betrachtet. 1 Was ist NB

4 Was ist nachhaltige Beschaffung? Definition Nachhaltigkeit (1) Die ursprüngliche Definition. (2) Das 3-Säulen-Modell. (3) Die Nachhaltigkeitsinflation. (4) Green washing - Nachhaltigkeit. (5) Nachhaltigkeit im Sinne des Leitfadens Definition von Nachhaltigkeit Nachhaltigkeit im Sinne des Leitfadens Der Leitfaden orientiert sich an der eigentlichen ursprünglichen Intention und Definition von Nachhaltigkeit, bei der dem Schutz von Ressourcen und natürlichen Lebensgrundlagen, also implizit dem Klimaschutz, dem Schutz der Biodiversität ein hohes Gewicht beigemessen wurde und dieser sogar als überlebensnotwendig eingestuft wurde, auch für nachfolgende Generationen. Global denken - regional handeln war das Motto UN-Weltkommission WCED 1983 und ist auch das Motto für diesen Leitfaden. (1) Die ursprüngliche Definition UN-Weltkommission WCED: schonender Umgang mit Ressourcen. Im Jahr 1983 gründeten die Vereinten Nationen die WCED (World Commission on Environment and Development). Der Bericht (Brundtland-Bericht) der Kommission von 1987 Unsere gemeinsame Zukunft prägte die internationale Debatte über Entwicklungsund Umweltpolitik maßgeblich sowie den heutigen Begriff der nachhaltigen Entwicklung. Hierbei ging es primär um den schonenden Umgang mit Natur und Ressourcen. Nachhaltigkeit wurde auch im Sinne zukünftiger Generationen verstanden. Es soll darauf geachtet werden, sich so zu verhalten, dass die Bedürfnisse heutiger Generationen befriedigt werden können, ohne die Chancen zukünftiger Generationen zu gefährden. Der zentrale Ansatzpunkt hierfür ist aber der schonende Umgang mit den Ressourcen und mit der Umwelt. Die durch den Brundtlandt-Bericht der Vereinten Nationen geprägte Definition nachhaltiger Entwicklung gilt heute als die meist gebrauchte Definition von Nachhaltigkeit. (2) Das 3-Säulen-Modell Die deutsche Enquetekommission propagierte das heute oft verwendete 3-Säulenmodell der Nachhaltigkeit: Ökologie, Ökonomie, Soziales Der Deutsche Bundestag setzte 1995 die Enquetekommission Schutz des Menschen und der Umwelt ein. Die Kommission definierte für das Leitbild nachhaltiger zukunftsverträglicher Entwicklung drei Dimensionen, für die sie Regeln vorschlug: (1) ökologische, (2) ökonomische und (3) soziale Dimension. Folgende Managementregeln wurden von der Kommission für die ökologische Dimension der Nachhaltigkeit formuliert: (1) Die Nutzung einer Ressource darf auf Dauer nicht größer sein als die Rate ihrer Erneuerung oder die Rate des Ersatzes ihrer Funktionen. (2) Die Freisetzung von Stoffen darf auf Dauer nicht größer sein als die Tragfähigkeit bzw. Aufnahmefähigkeit der Umwelt. (3) Gefahren und unvertretbare Risiken für Menschen und Umwelt sind zu vermeiden. (4) Das Zeitmaß menschlicher Eingriffe in die Umwelt muss in einem ausgewogenem Verhältnis zu der Zeit stehen, welche die Umwelt zur Selbststabilisierung benötigt. (3) Die Nachhaltigkeitsinflation Heute ist Nachhaltigkeit ein immer stärker inflationärer Begriff. Was meinen wir heute, wenn wir von Nachhaltigkeit sprechen? Das ist gar nicht so einfach zu beantworten, denn der Begriff der Nachhaltigkeit wird heute inflationär verwendet, die Definition bzw. Auslegung ist je nach Interessengruppe sehr unterschiedlich. Wenn zwei Interessengruppen heute über Nachhaltigkeit sprechen, kann sehr Unterschiedliches gemeint und die 3-Säulen der Nachhaltigkeit (Ökonomie, Ökologie, Soziales) können sehr unterschiedlich gewichtet sein. Es wurden sogar ernsthafte wissenschaftliche Diskurse dazu geführt, wie weit nachfolgende Generationen definiert sein soll (ein, zwei, drei oder mehr?) oder ob dies weltweit gelten soll und kann. Das entfernt sich sehr weit vom ursprünglichen Sinn der nachhaltigen Entwicklung nach dem Ansatz der UN-Weltkommission. 2 Was ist NB

5 Was ist nachhaltige Beschaffung? (4) Green washing - Nachhaltigkeit Die ökologische Dimension der Nachhaltigkeit verliert systemimmanent an Gewicht, was völlig vernachlässigt, dass sie die eigentlich treibende Kraft der Nachhaltigkeit ist. Oft sind ökologische und soziale Dimension untergewichtet. Vor allem fehlt heute oft das Verständnis dafür, was die Intention der UN-Weltkommission war. Dass es um nichts weniger als die Sicherung der Lebensgrundlagen der jetzigen Menschen und aller nachfolgenden Generationen überall auf der Welt geht und dass dies nur durch den verantwortlichen Umgang mit Ressourcen wie Wasser, Boden, Rohstoffe und durch den Schutz von Klima und Umwelt erreicht werden kann. Auch die soziale und ökonomische Komponente war nicht als gleichgewichteter Selbstzweck gedacht, sondern als im Dienst des Zieles schonender und verantwortlicher Umgang mit den Ressourcen stehend. Heute werden diese beiden Komponenten vielfach aus dem ursprünglichen Zusammenhang gerissen und als eigenständig der ökologischen Dimension gegenüber gestellt. Die ökologische Dimension ist aber auch heute faktisch die Driving Force für die anderen Dimensionen. Rohstoffknappheiten beeinflussen die Wirtschaft maßgeblich und Rohstoffausbeutung schafft soziale Ungerechtigkeiten bis hin zu Flüchtlingsströmen und Umweltkriegen. Durch die Schädigung der Umwelt selbst entstehen soziale und ökonomische Nachteile. Soziale Gerechtigkeit und ökonomische Stabilität sind kein isolierter Selbstzweck, sondern basieren maßgeblich auf umweltschonendem Verhalten. Diese Effekte, die sich an Negativbeispielen zeigen (Umweltflüchtlinge, Nutzungskonkurrenzen um Ressourcen etc.), wurden damals bei der Definition der Nachhaltigkeit schon mit Sorge diskutiert. Diese Bedeutungsverschiebung zulasten der Umwelt in einem verbreiteten Verständnis von Nachhaltigkeit kritisieren inzwischen auch viele Wissenschaftler. Ohne eine intakte Umwelt sei weder Wirtschaft noch soziale Gerechtigkeit möglich und darum sei Nachhaltigkeit vor allem Umweltschutz (z.b. Prof. Huisingh, Universität Tennessee in www. nachhaltigkeit.info). Definition Nachhaltige Beschaffung (1) Nachhaltige Beschaffung im Sinne der EU. (2) Verständnis zu nachhaltiger Beschaffung. (3) Nachhaltige Beschaffung im Sinne des Leitfadens Definition nachhaltige Beschaffung Nachhaltige Beschaffung im Sinne des Leitfadens - konform mit nachhaltiger Beschaffung im Sinne der EU Der vorliegende Leitfaden orientiert sich an der Definition der Europäischen Kommission für nachhaltige Produkte im Geist der Ursprungsdefinition der WCED (Brundtland-Kommission). Der Leitfaden versteht unter nachhaltiger Beschaffung den Einkauf und die Verwendung von Produkten, die die Kritierien von Umweltlabeln erfüllen und damit über die gesetzlichen Vorgaben hinausgehen und über die Label auch eine Überprüfung der bei Ausschreibungen geforderten Umweltkriterien für die Kommune ermöglichen. Holz hat als nachwachsender Rohstoff an sich gegenüber endlichen Rohstoffen Nachhaltigkeitsvorteile. Wie bei anderen Rohstoffen auch, entscheidet aber auch die Art schonenden Umgangs mit den Ressourcen, wie nachhaltig das Holz ist. Dieser Leitfaden will aber auch das Bewusstsein schärfen, dass Nachhaltigkeit von Holzprodukten mehr umfasst als nachhaltige Waldbewirtschaftung und dass die Nachhaltigkeit eines Produktes von weit mehr als nur seinem Verhalten in der Nutzungsphase abhängt. Das Konzept der nachhaltigen öffentlichen Beschaffung ist eine Erweiterung des Konzeptes der grünen bzw. umweltorientierten öffentlichen Beschaffung, welche die Kommission der Europäischen Gemeinschaft wie folgt definiert: 3 Was ist NB

6 Was ist nachhaltige Beschaffung? Definition für Green Procurement der Europäischen Kommission: Umweltorientierte Beschaffung ist ein Prozess, in dessen Rahmen die staatlichen Stellen versuchen, Güter, Dienstleistungen und Arbeitsverträge zu beschaffen, die während ihrer gesamten Lebensdauer geringere Folgen für die Umwelt haben, als vergleichbare Produkte mit der gleichen Hauptfunktion. (Europäische Kommission, 2008a) Verständnis(spielräume) zu nachhaltiger Beschffung Wie schwierig Nachhaltige Beschaffung zu fassen bzw. abzugrenzen ist, zeigt sich nicht nur daran, dass sich hierin selbst wichtige Institutionen in dem Feld wie ICLEI und FNR in Vorgesprächen zu diesem Leitfaden unsicher waren, was genau darunter zu verstehen ist. Auch in Gesprächen mit dem Statistischen Bundesamt blieb unklar, was genau unter Nachhaltige öffentliche Beschaffung fällt, wenn man dies genauer fassen will, z.b. in Statistiken. Im Folgenden soll die Frage anhand einiger Beispiele näher beleuchtet werden. 1. Ist der Kauf neuer Produkte durch eine Kommune bereits Nachhaltige Beschaffung? Ist es z.b. Nachhaltige Beschaffung, wenn eine Kommune ihre 30 Jahre alte Heizung gegen eine neue austauscht (z.b. auch, weil es aktuell dafür KfW-Förderungen gibt) und dabei beim Neukauf dieser Produkte automatisch die aktuellen Gesetzesvorgaben zu Umweltschutz, Verbraucherschutz und Sicherheit usw. einhält? Eine neue Heizung ist sicher bei weitem energiesparender als das Modell von vor 30 Jahren, die Umweltwirkung kann deshalb wegen des geringeren Ölverbrauches hoch sein und auch wirtschaftlich gesehen kann sich das rechnen. Aber ist das bereits nachhaltige Beschaffung? Wenn z.b. diese Heizung dann mit wenig klimafreundlichem Palmöl oder Raps aus USA statt heimischen Raps betrieben wird, ist das dann deshalb nachhaltig, nur weil es kein Erdöl ist? Oder wäre es nicht besser im Sinn nachhaltiger Beschaffung, eine Pelletheizung einzubauen? Und wenn es eine Pelletheizung ist, wäre es noch nachhaltig, z.b. Pellets aus russischen oder kanadischen Primärwäldern zu verfeuern? Der gesunde Menschenverstand würde wohl den Einbau einer Biomasseheizung mit Verwendung von Brennstoffen der möglichst kurzen Wege aus nachhaltiger Waldwirtschaft, in diesem Beispiel als nachhaltigste Form einstufen und hiermit auch im Einklang mit der Definition der EU Kommission stehen. 2. Genügt allein die Betrachtung des Produktverhaltens in der Nutzungsphase - oder spielt das Material für das Produkt und seine Herkunft eine wichtige Rolle? Gemäß der Definition der EU selbst ist die Beachtung der gesamten Lebensdauer wichtig für nachhaltige Beschaffung. Die Praxis beim Einkauf von Produkten berücksichtigt das jedoch kaum. Weiter heißt es:... die Produkte müssen während ihrer gesamten Lebensdauer geringere Folgen für die Umwelt haben, als vergleichbare Produkte mit der gleichen Hauptfunktion. Was heißt das? Beispiel Elektrogeräte. Besonders energiesparende EDV und Elektrogeräte gelten als einer der Hauptbereiche für nachhaltige Beschaffung. Dabei wird jedoch noch kaum darauf geachtet, wie die Umweltwirkung in der Herstellung des Produktes war, wie die Entsorgbarkeit oder besser die modulare Reparaturfähigkeit des Produktes ist, usw. Muss man gleich das ganze Produkt wegwerfen, nur weil ein Modul kaputt ist, ist die Umweltbelastung aufgrund dieser Sollbruchstellen und damit der eigentlichen verkürzten realen Lebensdauer des Produktes oft deutlich höher. Bei jedem Produkt und so auch bei Elektrogeräten, ist zudem immer auch zu beachten, woher das Material stammt und ob es umweltfreundlich gewonnen wurde. Ist z.b. das Coltan, das in DVD Playern, Computern und Handys verwendet wird, recycelt oder stammt es als Blut-Coltan aus dem Kongo. Beispiel Bauprodukt Fenster. Im Sanierungsbau ist eine häufige Maßnahme der Austausch von alten Fenstern gegen neue. Ist es schon nachhaltige Beschaffung, wenn eine Kommune alte Fenster (z.b. Uw-Wert von 3,4) gegen neue Fenster nach dem heutigen Stand der Technik und der Gesetzeslage in Deutschland (Uw-Wert von 1,2) austauscht? Das ist zweifellos eine Energiespar-/ Energieffizienzmaßnahme, aber ist es auch eine Maßnahme der nachhaltigen Beschaffung im Sinne der EU? Beachtet man den gesamten Lebenszyklus, also (1) Vorketten, (2) Nutzungsphase und (3) Nachnutzung, ergeben sich große Unterschiede in der Umweltbelastung z.b. zwischen Fenstern aus 4 Was ist NB

7 Was ist nachhaltige Beschaffung? heimischem Holz der kurzen Wege, aus Merantiholz oder aus PVC (Bruckner & Strohmeier, 2010) bzw. sicher auch zwischen PVC-Fenstern der kurzen Wege oder PVC mit Granulat aus Asien. Der Unterschied der Materialien in der Wirkung auf die Umwelt ergibt sich dabei auch durch die Nachnutzungsmöglichkeiten bzw. die realen heutigen Recyclingraten von Holz im Vergleich zu PVC. Beispiel Dämmung. Ist die Dämmung von Gebäuden nach den gesetzlichen Vorgaben - egal mit was - allein schon nachhaltige Beschaffung? Wenn z.b. eine Kommune Gebäude mit EPS (Styropor) dämmt, anstatt mit nachwachsenden Rohstoffen oder Mineralstoffen, um den gleichen Gebäudebezogenen Dämmwert für die Nutzungsphase zu erreichen, vermindert diese zwar den Energieverbrauch, in der Umweltwirkung und Sicherheit im Brandfall zeigen sich aber enorme Unterschiede (siehe später). Sowohl in der Umweltbilanz der Vorketten als auch bei der Nachnutzung der Produkte und Materialien schneiden NaWaros meist deutlich besser ab (siehe später). 3. Ist nachhaltige Beschaffung neuer Geräte immer sinnvoll? Die Nachhaltigkeit fängt mit der Bedarfsprüfung an. Eine Kommune sollte sich fragen, ob die Beschaffung in einem bestimmten Fall auch sinnvoll ist, bzw. ob ein Produkt auch unbedingt nötig ist. Ein immer öfter zu beobachtendes Beispiel: Kauf und Betrieb von tragbaren Laubgebläsen ist keine nachhaltige Beschaffung, auch wenn diese mit (gelabeltem) Agrarsprit aus Palmöl betrieben werden. Nachhaltiger wäre es, weiter Besen und Schaufel zu benutzen. Die bloße Zunahme von Geräten kann Energiesparmaßnahmen einer Kommune oder Energieeinsparungen durch energieärmere Geräte oder Beleuchtung zunichte machen. Beleuchtung ist derzeit ein als wichtig erachtetes Thema nachhaltiger Beschaffung in Kommunen. Daten aus privaten Haushalten zeigen, dass obwohl das Thema Beleuchtung nur 2% der Energie verbraucht, sich Maßnahmen in Haushalten zum Energie sparen vor allem darauf konzentrieren (Auswertung mit Daten des BMWi, 2009/2010). Durch die gestiegene Ausstattung mit Elektrogeräten hat sich der Stromverbrauch in Haushalten seit 2000 bis heute um 12% erhöht, obwohl die Geräte selbst meist deutlich verbrauchsärmer wurden. Für kommunale Haushalte liegen hier vergleichbare Daten nicht vor, weisen aber wohl ähnliche Trends auf. 4. Nachhaltige Beschaffung ohne nachhaltiges Verhalten nutzt nur bedingt. Dies sollte entsprechend gefördert werden. Auch hier entscheidet das eingesetzte Material mit. Bei der Raumwärme kann viel Energie gespart werden. Der Energieverbrauch bei Raumwärme wird jedoch nicht nur durch eine gute Dämmung sondern auch durch das Nutzerverhalten beeinflusst. Was nutzt ein Passivhausstandard, wenn man dauernd das Fenster aufreißt. Wie nachhaltig sind hoch gedämmte Toilettenfenster, wenn sie auch im Winter bei laufender Heizung offen stehen. Das Nutzerverhalten beim Thema Heizung wird durch eine Wohlfühltemperatur beeinflusst und diese wiederum auch durch die verwendeten Produkte, das verwendete Material. 5. Ist nachhaltige Beschaffung immer nachhaltig, Hauptsache ein Label steht drauf? Von FNR ausgewählte Umwelt-Produktlabel: Holz von Hier, Blauer Engel, PEFC, FSC, Energy Star, Natureplus, Nordic Swan und (EU)-Umweltblume. Dies sind wertende Umweltlabel, sie treffen also eine systemimmanente positive Bewertung von Produkten nach definierten Kriterien. Den Gegensatz dazu bilden Environmental Product Declarations (EPD), die nur eine Produktbeschreibung sind. Eine Bewertung bleibt meist dem Käufer bzw. Nutzer oder der Kommune überlassen, der das natürlich nicht leisten kann. Deshalb sind für Gebäude komplizierte, aufwändige Bewertungssysteme mit diversen Schwerpunkten eingeführt worden (z.b. DGNB, LEED, Green Star, Bream u.a.) Mit dem Zertifikat Holz von Hier kann auch das Holz in Holzgebäuden ausgezeichnet werden. Selbstverständlich kann auch ein Produkt oder Gebäude ohne Umweltlabel nachhaltig sein. Ein Label ist aber eine Entscheidungshilfe und Orientierung und überprüft die Einhaltung bestimmter Kriterien. Einkaufen heißt entscheiden, das bedeutet, dass letztlich die Kommune immer selbst entscheiden muss, ob ein bestimmtes Produkt mit einem bestimmten Label Sinn für sie macht oder nicht. 5 Was ist NB

8 Ist-Stand und Potenziale nachhaltiger Beschaffung Werden die Potenziale nachhaltiger Beschaffung in Kommunen über- oder unterschäzt? Was sind quantitative, was qualitative Potenziale? Welche Potenziale ergeben sich direkt über den eigenen Einkauf und welche indirekt über Verträge, Abkommen und den Einsatz der Kommune bei Pächtern, Investoren, Schulen etc. Dieses Kapitel fasst einige Aspekte zusammen. Nachhaltigkeit in der Beschaffungspraxis Einleitendes Die Belange des Klima- und Umweltschutzes sowie die Einsparung von Ressourcen, Energie und Wasser sind heute mehr als dringlich geworden und liegen längst jenseits dessen, was als nachhaltig bezeichnet werden kann. Deshalb hat umweltfreundliche öffentliche Vergabe wachsende Bedeutung in der EU. Die Europäische Kommission hat ihren Mitgliedstaaten empfohlen, Aktionspläne mit ambitionierten Zielen und Maßnahmen zu erstellen. Nachhaltige Beschaffung hat hier große Bedeutung. Wie groß aber sind die Potenziale und wie sieht die Beschaffungspraxis aus? Die Umsetzungspraxis bleibt, so wird immer wieder postuliert, weit hinter den Möglichkeiten zurück (z.b. Leinemann, 2012; Barth et al., 2005). Bisher konzentriert sich nachhaltige Beschaffung oft auf den Einkauf umweltfreundlichen Druckerpapiers und anderer Verbrauchsmaterialien, EDV und Fahrzeuge (Erfahrungen Holz von Hier, s. auch Barth et al. 2005). Andere Bereiche wie Holz im Außenbereich, Innenausstattungen, Böden, Decken, Möbel usw. sind bisher kaum Thema nachhaltiger Beschaffung. Auch bei Brennstoffen findet die Frage nachhaltiger Beschaffung bisher kaum Beachtung. Ebenso wenig ist der öffentliche Bau mit seinem erheblichen Material- und Kostenumsatz bisher ein Themenfeld nachhaltiger Beschaffung. Gleichzeitig ist aber vielfach unklar, wie groß das Potenzial für nachhaltige Beschaffung denn tatsächlich ist, oder in welchen Bereichen die Potenziale liegen. Nicht alle Ausgaben der öffentlichen Haushalte sind für das Thema Beschaffung relevant. Verlässliche Zahlen und Statistiken hierüber liegen nicht vor, auch wenn es Ansätze gibt (z.b. Barth et al. 2005). Im Folgenden soll daher beleuchtet werden, welche Bereiche der öffentlichen Haushalte überhaupt Ansatzpunkte für nachhaltige Beschaffung bieten, in welchem Umfang bereits nachhaltig beschafft wird sowie wo und welche Potenziale brachliegen. Dabei ist abhängig von den Einflussmöglichkeiten der Kommune, zwischen direkten und indirekten Potentialen zu unterscheiden. 6 Was ist NB

9 Ist-Stand und Potenziale NB Ist-Stand und Potenziale nachhaltiger Beschaffung (1) Grundlegendes. (2) Ist-Stand kommunaler Ausgaben. (3) Potenzial für nachhaltige Beschaffung in relevanten Posten des komm. Haushaltes. (4) Einschätzung: Ist-Stand für nachhaltige Beschaffung - Produkten mit Umweltlabel. (5) Einschätzung: Potenzial für nachhaltige Beschaffung - Produkte mit Umweltlabel. (6) Produktbereiche nachhaltiger Beschaffung. (7) Checkliste Holzprodukte Definition und Grundlegendes (1) Definition direkte und indirekte quantitative Potenziale Für die nachhaltige Beschaffung im Einflussbereich von Kommunen gibt es zwei Arten von quantifizierbaren Potenzialen (1) indirekte und (2) direkte. (A) Indirektes Potenzial. Darunter wird hier das Potenzial verstanden, das Kommunen indirekt auf nachhaltige Beschaffung haben (z.b. über Verpachtungen, Vermietungen oder Informationstransfer). Hierbei können auch andere Aspekte integriert werden, wie regionale Wertschöpfung (vgl. nächstes Kapitel). Indirekte Potenziale liegen in den Bereichen, wo eine Kommune auf Dritte Einfluss nehmen kann (z. B. binden des Pachtsvertrages an nachhaltige Beschaffung), ohne selbst beschaffende Stelle zu sein. Diese lassen sich kaum quantifizieren und werden im Folgenden daher nur kurz skizziert. Sie sollten jedoch auf jeden Fall beachtet und so weit wie möglich von der Kommune genutzt werden. Beispiele sind: Kommunale, öffentliche, gemeinnützige Bauträger und Investoren öffentlicher Art. Private, halbstaatliche Betreiber von Gebäuden oder Einrichtungen, die unter kommunalem Einfluss stehen (z.b. Pächter von Kantinen). Krankenhäuser, Seniorenheime, Einrichtungen die im kommunalen Einfluss stehen, durch Miete, Pacht oder durch sonstige Verträge. Einrichtungen, an denen Kommunen Anteile haben (z.b. Bioenergieanlagen, usw.). (B) Direkte Potenziale ergeben sich aus Potenzialen aufgrund unmittelbarer Beschaffung durch die Kommunen selbst. Auf den folgenden Seiten werden die quantitativen direkten Potenziale abgeleitet. Hierfür wurde eine Auswertung der kommunalen Haushalte in Deutschland anhand der aktuellen Daten des Statistischen Bundesamtes von 2010 durchgeführt. Es wurden intensive Gespräche mit verschiedenen Fachabteilungen zu den übermittelten Daten geführt. Im Folgenden wird zunächst ein allgemeiner Überblick über die generellen Ausgabearten gegeben und anschließend werden die Kostenpositionen selektiert, die in Abstimmung mit dem Statistischen Bundesamt Sektoren für (nachhaltige) Beschaffung darstellen. Weiterhin wurde unter Zugrundelegung bestimmter Annahmen der bisherige Anteil nachhaltiger Beschaffung in dem jeweiligen Bereich abgeschätzt. (2) Qualitative Potenziale Die Abschätzung der direkten quantitativen Potenziale bezieht sich auf Prozentanteile an Beschaffung von Produkten mit Umweltzeichen. Allerdings schöpft selbst der bisherige Einkauf von Produkten mit Umweltlabeln nicht alle vorhandenen Möglichkeiten für eine Verringerung des Umweltfootprint der Kommune aus. Viele Umweltaspekte wurden mit Umweltlabeln bisher noch gar nicht berücksichtigt, wie das Kapitel Nachhaltige Produkte was ist das? zeigen wird. Werden z.b. energiesparende Computer beschafft, so senken sie zwar den Stromverbrauch und die damit verbundene Umweltbelastungen, aber wie der Computer produziert wurde und welche Umweltbelastungen damit verbunden sind, entzieht sich dem Einfluss der Kommune. Oder werden Holzprodukte aus nachweislich zertifizierter Waldwirtschaft beschafft, so können diese wiederum eine sehr schlechte Klimabilanz aufweisen oder aber unter Einsatz von umweltbelastenden Schadstoffen z.b. für die Oberflächenbehandlung verarbeitet worden sein. Auch die Beschaffung von Produkten mit Umweltzeichen ist letztlich oft nur ein Stück weit nachhaltiger als bisher. Das Potential ist bei weitem noch nicht genutzt, es lässt sich aber auch nicht genau beziffern. 7 Was ist NB

10 Ist-Stand und Potenziale NB Ist-Stand kommunaler Ausgaben Die Zusammensetzung der Kostenpositionen der öffentlichen Haushalte ist in Abb. 1 wiedergegeben. Dabei wurde auch die Entwicklung der Kostenfaktoren untersucht. Die Abb. 2 gibt den Trend der vergangenen drei Jahrzehnte wieder. Den mit Abstand größten Einzelposten nimmt der Bereich soziale Sicherung ein. Er liegt aktuell (2010) bei 41% und ist der mit Abstand am schnellsten wachsende Kostenfaktor. Andere Bereiche wie Bau, Wohnungswesen, Verkehr, öffentliche Einrichtungen und anderes stagnierten hingegen. Ausgaben der deutschen Kommunen im Jahr 2010: ,4 Mill. Euro 7% 7% 5% 8% 4% 8% 4% 3% 13% 41% Soziale Sicherung Allgemeine Verwaltung Schulen Öffentliche Einrichtungen, Wirtschaftsförderung Bau- und Wohnungswesen, Verkehr Allgemeine Finanzwirtschaft Öffentliche Sicherheit und Ordnung Wissenschaft, Forschung, Kulturpflege Gesundheit, Sport, Erholung Wirtschaftliche Unternehmen, allgemeines Grund- und Sondervermögen Abb. 1: Ausgaben der deutschen Kommunen im Jahr 2010 mit Daten des Statistisches Bundesamtes, Ausgaben in [Mill. Euro/ Jahr] , , , , , , , ,0, Ausgaben der deutschen Kommunen von 1980 bis ,8 Mill. im Jahr ,3 Mill. im Jahr a) 1991 b) 1992 b) 1993 b) 1995 Allgemeine Verwaltung Öffentliche Sicherheit und Ordnung Schulen Wissenschaft, Forschung, Kulturpflege Soziale Sicherung Gesundheit, Sport, Erholung Bau- und Wohnungswesen, Verkehr Öffentliche Einrichtungen, Wirtschaftsförderung Wirtschaftliche Unternehmen allgemeines Grund- und Sondervermögen Allgemeine Finanzwirtschaft ,2 Mill. im Jahr ,1 Mill. im Jahr 2010 Abb. 2: Ausgaben der deutschen Kommunen von 1980 bis 2010 mit Daten des Statistisches Bundesamtes, Im Themenfeld Soziale Sicherung entfallen 33% der Ausgaben auf Sozialhilfe nach dem BSHG und 37% auf Einrichtungen der Jugendhilfe und Jugendhilfe nach dem KJHG. Also 70% auf Ausgaben, die in kaum einem Zusammenhang mit der Beschaffung von Gütern oder Dienstleistungen stehen. Da dieser Bereich der am schnellsten wachsende ist, sinkt proportional stetig der potenzielle Anteil für nachhaltige Beschaffung an den öffentlichen Ausgaben Potenzial für nachhaltige Beschaffung in relevanten Posten des kommunalen Haushaltes Die Ausgaben der laufenden Rechnung der deutschen Kommunen beliefen sich 2010 auf 154 Mrd. und die Ausgaben der Kapitalrechnung auf 29 Mrd. (s. Tab. 1, Spalte 2). Faktisch steht jedoch nur ein Anteil dieser Posten überhaupt für die nachhaltige Beschaffung oder nachhaltiges Bauen zur Verfügung. So bieten weder Sozialausgaben, Zinszahlungen oder laufende Übertragungen (Ausgaben der laufenden Rechnung), noch Darlehen, Zuschüsse oder Tilgungen (Ausgaben der Kapitalrechnung) Ansatzpunkte für nachhaltige Beschaffung. Im Feld der Laufenden Rechnung bieten nur die laufenden Sachaufwendungen überhaupt Ansatzpunkte für (nachhaltige) Beschaffung mit den Kostenbereichen: (1) Unterhaltungsaufwand, (2) Geräte usw., (3) Bewirtschaftung der Grundstücke und baulichen Anlagen, (4) Geschäftsausgaben und (5) sonstiger laufender Sach- u. Verwaltungsaufwand. Die gesamten Ausgaben in diesen Bereichen summieren sich auf 39 Mrd., was etwa 25% der Ausgaben der laufenden Rechnung entspricht. Bei den Ausgaben der Kapitalrechnung bieten nur die Sachinvestitionen Ansatzpunkte für (nachhaltige) Beschaffung mit den Kostenbereichen: (1) Baumaßnahmen und (2) Erwerb von beweglichen Sachen des Anlagevermögens. Die gesamten Ausgaben in diesen Bereichen summieren sich auf etwa 23 Mio., was ca. 70% der Ausgaben der Kapitalrechnung entspricht. Die summierten Anteile finden sich in Tabelle 1, Spalte 3. Tab. 1: Beschaffungsrelevante Anteile der kommunalen Ausgaben. Auswertung anhand von Daten des Stat. Bundesamtes Ausgaben Kommunen Beispiel 2010 Gesamt Ausgaben in [Mio ] (I) Lauf. Sachaufwand + (II) Lauf. Sachinvestitionen in [Mio ] Ausgaben der laufenden Rechnung Ausgaben der Kapitalrechnung Summe Was ist NB

11 Ist-Stand und Potenziale NB Aber selbst innerhalb dieser relevanten Kostenbereiche sind nicht alle Ausgaben potenzielle Felder für nachhaltige Beschaffung. Auch hierunter fallen viele Personalaufwendungen, Zahlungen und sonstige Kosten, die nicht im Zusammenhang mit dem Kauf von Produkten oder Material stehen. Nur diese stellen aber einen direkten Einflussbereich für nachhaltige Beschaffung dar. Eine differenzierte Aufschlüsselung, wie sich die einzelnen Aufgabenbereiche in der Kostenstruktur zusammensetzen, ist nicht verfügbar. Daher wurde für diesen Anteil ein pauschaler Prozentsatz von 20% angesetzt (s. Tab. 2, Spalte 3). Lediglich für die Bereiche Baumaßnahmen und Erwerb von beweglichen Gütern wurde ein höherer Anteil von 30% bzw. 50% angenommen, da es sich hier mehr um Kauf von Gegenständen und Materialien handelt. Aber selbst bei Baumaßnahmen z.b. stellen die Materialkosten oder Produkte, die ja Kern der nachhaltigen Beschaffung sind, oft den geringeren Anteil dar. Die Ausführung der Leistung selbst ist hinsichtlich nachhaltiger Gestaltung sehr viel schwerer fassbar. Zudem: wie sieht nachhaltige Beschaffung im Bereich Straßenbau aus, der einen großen Ausgabeposten umfasst? Hieraus wird deutlich, dass man nicht die gesamte Summe des jeweiligen Ausgabenbereiches als für nachhaltige Beschaffung bereit stehend ansetzen kann. Hinzu kommt noch, dass es für viele Produkte auf dem Markt derzeit noch kaum Auswahlmöglichkeiten von nachhaltigen Produkten gegenüber herkömmlichen Durchschnittsprodukten gibt. Unter Zugrundelegung der beschriebenen Annahmen und Abschätzungen (vgl. Tab. 2) ergibt sich für die Ausgaben kommunaler Beschaffung unmittelbar für Material und Produkte ein Betrag von ca. 13 Milliarden jährlich. Das sind knapp 8% der jährlichen Ausgaben der deutschen Kommunen. Zusammenfassung Direktes Potenzial Das brachliegende Potenzial für direkte nachhaltige Beschaffung durch den jährlichen Einkauf von Material und Produkten in Kommunen liegt bei ca. 13 Milliarden Euro. Knapp die Hälfte hiervon stellt ein Potenzial für Holzprodukte dar. Tab. 2: Potenzielle Ausgabenfelder und Umfang nachhaltiger Beschaffung in verschiedenen kommunalen Ausgabenbereichen. Auswertung anhand von Daten des Statistischen Bundesamtes, Ausgaben Beispiele 2010 Ausgaben in [Mio. ] Gesch. Anteil NB potenziell (20%) Pot. Ausgaben für NB in [Mio. ] (I) Laufender Sachaufwand (I-1) Unterhaltungsaufwand % (I-2) Geräte usw % 214 (I-3) Bewirtschaft. Grundst./Anlagen % (I-4) Geschäftsausgaben (I-5) Sonst. lauf. Sach/ Verw.-aufwand (II) Sachinvestitionen der Kapitalrechnung (II-1) Baumaßnahmen % % % (II-2) Erwerb v. bewegl. Sachen d. Anlageverm % Hauptbereiche und Beispiel für Produkte in diesem Ausgaben-Feld Unterhaltung der kommunalen Grundstücke und des unbeweglichen Vermögens, von Parkpflege bis Hausmeisterarbeiten. Beisp. für Produkte, die ggf. erneuert werden: Pflanzen, Zäune, Terrassen, Parkbänke usw. Betriebsausgaben jeder Art, Reparaturen, Materialien usw. und Anschaffung von Arbeitsgeräten aller Art, sowie Bürogeräte aller Art. Neben Straßenreinigung, Abwasser, Müllentsorgung, usw., hier als Ausgaben für Produkte: Ausgaben für Glühlampen und Glühstäbe. Bürobedarf, Bücher/Zeitschriften, Post-/Fernmeldegebühren, Dienstreisen, Gutachten usw. Haltung von Fahrzeugen, Reparaturen, KFZ-Steuer, Versicherung usw. Als Produkte hier: z.b. Betriebsstoffe und Schmierstoffe. 6 Bereiche, darunter Hochbau und Tiefbau. (1) Erweiterungs-/Neu-/Um-/Ausbauten, Abbruch-/Aufschließungskosten (2) Hochbaumaßnahmen, Anlagen wie Garagen, Heizanlagen, Alarm-/Schutzeinrichtungen, Entwässerungen, allg. techn. Anlagen. (3) Tiefbaumaßnahmen wie Straßen, Wege, Plätze, Brücken, Wasserbauten, Hafenanlagen, Dämme, Brunnen, Freibäder, Kanäle, Regenrückhaltebecken usw. (4) Sport-, Spiel-, Campingplätze (5) Betriebs- und technische Anlagen wie z.b. Gleise, Rolltreppen, Verkehrssicherungsanlagen, Versorgungsnetzanlagen/- erweiterungen und weitere elektrotechnische Anlagen (6) Zudem Baunebenkosten, Kosten für Architekten, Ingenieurbüros, künstl. Ausgestaltungen, Planung, Entwurf, Bauleitung, Pläne. Geräte, Maschinen, Fahrzeuge, Ausstattung, Ausrüstung, usw. 9 Was ist NB

12 Ist-Stand und Potenziale NB Einschätzung des Ist-Standes für nachhaltige Beschaffung von Produkten mit Umweltlabel Von diesem grundsätzlichen Potenzial für nachhaltige Beschaffung auf kommunaler Ebene ist derzeit wohl nur ein geringer Prozentsatz genutzt. Die (wenigen) existierenden Schätzungen variieren zwischen ca. 5% bis ca. 30% der Kommunen, die Nachhaltigkeitskriterien bei zumindest einem Teil der Vergaben berücksichtigen (VergabeNews 11/2012, S. 128 ff.; Barth et al., 2005). Diese Anteile konzentrieren sich zudem auf ausgewählte Produktgruppen wie Papier, EDV und Fahrzeuge. Umsetzung nachhaltiger Beschaffung ist schwer zu quantifizieren, die einzigen greifbaren Indikatoren hierfür sind Umweltzeichen. Nach einer europaweiten Befragung von Verwaltungen wurde eigenen Aussagen zufolge in Deutschland bei 70% der Behörden der Blaue Engel verwendet (Anwendungsbereich Papierprodukte) und bei 20% das Label Energy Star (Anwendungsbereich Geräte/EDV). Insgesamt wird ein Anteil von 20% als optimistische Gesamtquote für derzeitige Beschaffung von Produkten mit Umweltlabeln zugrunde gelegt. Die Wald-Label FSC und PEFC wurden in dieser Umfrage von den Verwaltungen nicht genannt. Dennoch wird auch hier ein Anteil von ca. 20% abgeschätzt, da diese in diversen Leitlinien bereits angeführt werden. Diesen Anteil muss man nochmals mit einem Faktor versehen, der dem derzeitigen Anteil von Holzprodukten in den jeweiligen Bereichen entspricht, da diese Label nur für Holzprodukte gelten. Mangels vorhandener Statistiken hierzu wird pauschal ein Wert von 15% angesetzt, der in etwa der Holzbauquote in Deutschland entspricht Einschätzung des Potenzials für nachhaltige Beschaffung von Produkten mit Umweltlabel Setzt man die verschiedenen Prozentsätze für Umweltlabel (die sicherlich dennoch sehr optimistisch einzustufen sind) für die jeweiligen Kostengruppen an, so ergibt sich hieraus für die kommunale Beschaffung von Material und Produkten mit Umweltlabeln insgesamt ein Betrag von ca. 3 Milliarden jährlich (s. Tabelle 3). Das sind etwa 1,6% der Tab. 3: Abschätzung des derzeitigen Ist-Standes Nachhaltiger Beschaffung. Auswertung auf der Basis von Daten des Statistischen. Bundesamtes Ausgaben Beispiele 2010 (I) Laufender Sachaufwand (I-1) Unterhaltungsaufwand (I-2) Geräte usw. (I-3) Bewirtschaft. Grundst./Anlagen (I-4) Geschäftsausgaben (I-5) Sonst. lauf. Sach/ Verw.-aufwand (II) Sachinvestitionen der Kapitalrechnung (II-1) Baumaßnahmen Pot. Ausgaben für NB in [Mio. ] Beispiele für mögliche aktuelle NB Holzquote (15% für lauf. Sachaufwand, 30% bzw. 50% bei Sachinvestitionen) Ist-Stand Nachhaltige Beschaffung (mit Umwelt-Labeln) Ist Stand Nachh. Beschaff. Holz (30%) Ist Stand Nachhal. Beschaffung sonst. (5%) Summe Ist Stand Nachhaltige Beschaffung Parkbänke, Terrassenbeläge Komputer, Bildschirme, Elektrogeräte Lampen Bürobedarf Benzin, Schmierstoffe für Fahrzeuge div. Holzbauten, Brücken (II-2) Erwerb v. bewegl. Sachen d. Anlageverm Geräte, Maschinen, Fahrzeuge, Ausstattungs- und Ausrüstungsgegenstände, usw Was ist NB

13 Ist-Stand und Potenziale NB jährlichen Ausgaben der deutschen Kommunen, bzw. etwa 20% des abgeschätzten grundsätzlichen Potenzials für nachhaltige Beschaffung. Das heißt, das noch brachliegende Potenzial für direkte nachhaltige Beschaffung durch den jährlichen Einkauf von Material und Produkten in Kommunen liegt bei etwa 10 Milliarden Euro. Das noch erschließungsfähige Marktpotenzial ist hier für Holzprodukte enorm, da zum einen generell der Anteil von Holzprodukten in der öffentlichen Beschaffung noch sehr niedrig ist und zum anderen auch der Anteil zertifizierter Holzprodukte hieran. Hier ist vor allem der gesamte Bau und Innenausbaubereich zu nennen, aber auch die Verwendung von Holz im Außenbereich. Zusammenfassung Ist-Situation Bisher wird nur ein kleiner Bruchteil der jährlich beschafften Materialien und Produkte nachhaltig (in Form von Umweltlabeln) beschafft, vermutlich ca. 3 Milliarden Produktbereiche nachhaltiger Beschaffung & Checkliste für Holzprodukte Nachhaltige Beschaffung könnte prinzipiell bedeutend mehr Produktbereiche umfassen, als gegenwärtig üblich. Neben fair gehandeltem Kaffee und ökologischen Lebensmitteln für die öffentliche Kantine oder energiesparende Elektrogeräte und Lichtquellen spielen hier vor allem diverse Baustoffe eine wichtige Rolle. In Abb. 5 sind nur einige dieser Produktbereiche genannt. Die Abbildung kennzeichnet auch das Potenzial für Holzprodukte als besonders umweltfreundliche Produkte. Die folgende Checkliste für Holzprodukte dient dazu, an Beispielen aufzuzeigen, wie vielfältig die Nutzungsmöglichkeiten für den Bau- und Werkstoff Holz auch im öffentlichen Bereich sind. Die Liste ist nur ein Ausschnitt aus der Vielfalt der Möglichkeiten und will nur einen ersten Eindruck über die Vielfalt der Produkte, die nachhaltig beschafft werden können geben. Nachhaltige Beschaffung allgemein Textilien & Co Farben, Lacke & Co Lebensmittel Reinigungs- Waschmittel, Seifen & Co Elektro- Geräte, EDV, Computer Heizungen, Sanitär & Co Schmiermittel & Co Lichtquellen Einricht.- gegenstände: z.b. Matratzen Bauten Baustoffe innen Baustoffe außen Brennstoffe Dämmstoffe Möbel Böden Papiere Sonstiges Ressourcen- aus Holz Abb. 5: Produktbereich nachhaltiger Beschaffung. Gelb: Produktbereiche, die aus NaWaRo bzw. Holz beschafft werden könnten. Nachhaltigkeitsaspekte ökologisch, sozial und ökonomisch 11 Was ist NB

14 Potenziale nachhaltiger Beschaffung Checkliste nachhaltige Beschaffung - Einsatzbereich Holzprodukte Holzbaumaterial, -baustoffe Massives Bauholz Schnittholz, Latten u.a. Hobelwaren, Profilbretter, Leisten Massiv-Holz-Mauern Holztrennwände Konstruktionsvollholz, KVH Leimholz Holzwerkstoffplatten Holzbauten Krippen, Kindergärten, Schulen Jugendeinrichtungen,-heime Schülerwohn-, Schullandheime Freizeiteinrichtungen/-heime Seniorenheime, -residenzen Sporthallen, sonstige Sportstätten Einkaufshallen, Mehrzeckhallen Feuerwehrgebäude Büro-, Verwaltungsgebäude Schulungs-, Ausbildungsgebäude Kasernen Krankenhäuser Büchereien Fassaden und Dämmung Holz-, Thermoholzfassaden Holzschindeln Zellulosedämmstoffe. Holzfaserdämmplatten. Kork, Flachs, Hanf, Kokos. Sonderbauten aus Holz Brücken Türme Trimm-Dich-Pfade usw. Pavillons Kirchen Bushäuschen Geräteschuppen Land-/Forstwirtschaftl. Anlagen Kleingebäude für Campingplätze Hütten f. Wanderwege u Erholungsstätten Garagen, Carports. Fenster-Türen-Bauelemente Holzfenster Holz-Alu-Fenster Holz-Außentüren Holzinnentüren Treppen/-geländer/handläufe Balkone Böden-Decken Dielen Parkett Holzfliesen Holzdecken jeder Art Holzwandverkleidungen Möbel und Innenausbauten Büromöbel jeder Art Stühle und Tische für Büros Kindergärten, Schulen, Schulungsgebäude, Theather usw. Werkstatteinrichtungen Repräsentationsräume jeder Art Innenausbauten jeder Art von Kunst in und am Bau Heim. Hölzer in Nassbereichen Holz für Bäder/Badeanstalten Holz für Wellnesseinrichtungen Freizeit-, Spaßeinrichtungen Saunen Sichtschutz Gestaltete Bioenergie Pellets Hackschnitzel Brennholz, Briketts Bürobedarf & Verpackungen Bürobedarf allgein Schreib-/Zeichenbedarf allgemein Packpapier Kartonagen Briefpapier / Briefumschläge Post- und Verteilermappen Hefter und Ordner Heim. Hölzer in Außenbereichen Terrassen Balkonauflagen Lärmschutzwände Kinderspielpätze Parkbänke Pergolen Sichtschutz für Autobahnen Müllbehälter Holz für Parks Zäune 12 Was ist NB

15 Nachhaltige Beschaffung & Regionale Wertschöpfung Globales Denken erfordert regionales Handeln - diese wohl bekannteste Handlungsmaxime des Berichtes der UN-Weltkommission macht deutlich, dass Nachhaltigkeit nur regional umgesetzt werden kann. Nachhaltige Beschaffung und regionale Wertschöpfung sollten wo immer möglich systemisch verbunden sein. Es gibt wohl keinen Entscheider in unseren Regionen, dem regionale Wertschöpfung nicht wichtig wäre. Deshalb ist nachhaltige Beschaffung naheliegend, die Klima- und Umweltschutz sowie Ressourceneffizienz von Anfang an über den gesamten Stoffstrom berücksichtigt. Regionale Wertschöpfung ist Teil nachhaltiger Entwicklung Einleitendes Regionale Wertschöpfung und nachhaltige Beschaffung - passt das zusammen? Eine Recherche im Internet zu Nachhaltiger Beschaffung macht schnell deutlich, dass das von Vielen als wichtiges Thema angesehen wird. Es gibt hunderte von Hinweisen und Studien weltweit dazu. Aber sehen dies Bürgermeister und Entscheider auch so? Ratgeber und Praxisbeispiele konzentrieren sich in der Regel auf die Themenfelder Energiesparen, Schadstofffreiheit, Fairen Handel und bei Holzprodukten auf nachhaltige Waldwirtschaft. Die entsprechenden Produkte sind demzufolge meist umweltfreundliches Druckerpapier, fair gehandelter Kaffee für die Kantine oder Energiesparlampen und emissionsarme Kopiergeräte. Das ist ein sehr kleiner Teil der kommunalen Ausgaben und Studien (Praxisberichte von Kommunen sind noch rar) legen nahe, dass nachhaltige Beschaffung etwas ist, was man macht, wenn man es sich leisten kann, wenn man Zeit dazu hat oder sich ein Umwelt-Image geben will. Man gewinnt den Eindruck, dass kommunale Entscheider bei der Fülle an Aufgaben nachhaltige Beschaffung selten als ureigenes Interesse betrachten. Ganz anders ist dies beim Thema regionale Wertschöpfung. Kommunen können nur dann den regionalen Kindergarten, das regionale Schwimmbad und die regionale Bücherei halten, wenn es regionale Wertschöpfung gibt. An regionaler Wertschöpfung haben zudem auch alle Bürger einer Region Interesse, deren Arbeitsplatz erhalten bleibt. Kann man nachhaltige Beschaffung also mit regionaler Wertschöpfung verbinden? Man kann - und das verbindende Element zwischen nachhaltiger Beschaffung und regionaler Wertschöpfung ist der Klimaschutz. Die Förderung des Klimaschutzes hat für die EU hochrangige Bedeutung. Das drückt sich in diversen Ansätzen im 6. Umweltaktionsprogramm aus. Klimafreundliche kurze Lieferketten im gesamten Stoffstrom der Herstellung von Produkten ist ein wichtiger Aspekt nachhaltiger Beschaffung, stärkt die regionale Wertschöpfung und praktiziert eine Entkopplung des Wirtschaftswachstums vom Verkehrsaufkommen, einem weiteren wichtigen Ziel im 6. Umweltaktionsprogramm der EU. 13 Was ist NB

16 NB & Regionale Wertschöpfung Regionale Wertschöpfung & nachhaltige Beschaffung (1) Regionale Wertschöpfung stärkt Nachhaltigkeit, Klima, Umwelt. (2)... stärkt kommunale Einnahmen. (3)... sichert hohe Sozialstandards. (4)... ist ökonomisch sinnvoll. (5) Vorteile aus der Verbindung nachhaltiger Beschaffung und regionaler Wertschöpfung. Zur Erinnerung (vgl. Bereich 1): Die drittgrößte Ursache für den globalen Klimawandel mit extremen auch wirtschaftlichen Konsequenzen ist der immer mehr globalisierte Warenverkehr. Die Bedeutung regionaler Wertschöpfungsketten für Klima und Umwelt allein für den Bereich der Holzwirtschaft wird aus folgenden Zahlen deutlich. Alleine die quantitativ überflüssigen, weil sich überlappenden, Außenhandelswarenströme Deutschlands an Rundholz, Schnittholz und Holzhalbwaren aus regionaler Produktion und Verwendung zu decken, würde die 10-fache CO 2 -Einsparung des Dächer-Solar- Programms der Bundesregierung bzw. dem Ausbau sämtlicher Kleinwasserkraftreserven in Deutschland erbringen. (eigene Berechnungen). Dieser Aspekt nachhaltiger Entwicklung wird bei allen bisherigen Instrumenten nachhaltiger Beschaffung nicht berücksichtigt. Mit der Ausschreibung der dem Label Holz von Hier zugrunde liegenden Kriterien kann ein öffentlicher Auftraggeber Klima- und Umweltschutzaspekte, regionale Wertschöpfung und Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Verkehrsaufkommen optimal verbinden Regionale Wertschöpfung stärkt Nachhaltigkeit, Klima, Umwelt Deutschland ist ein Dienstleistungsland und hat einen der EU-Spitzenplätze in Branchen wie Kommunikation. Dennoch muss festgehalten werden, dass nur, wer noch selbst produziert, die Verantwortung für Umweltentlastung, Verbraucherschutz und die Gesundheitsbelastung durch Produktion und Produkte auch selbst in der Hand hat. Verlagerung der Produktion heißt Verlust an Kontrolle und Einfluss und resultiert oft in geringeren Umwelt- und Sozialstandards als die in Deutschland und Europa festgelegten. Globale Warenströme unterminieren deutsche und europäische Umweltstandards, denn was nutzt es, wenn man in Deutschland für die Produktion strengste Umweltgesetze und Sozialstandards hat, wenn nicht die Produkte gekauft und beschafft werden, die nach diesen Standards produziert wurden. Beispiel aus dem Holzproduktbereich: Was nutzt es, die strengste Altholzverordnung in Europa zu haben, wonach in deutscher Produktion in Platten aus Umwelt- und Verbraucherschutzgründen kein Altholz eingebracht werden kann, wenn gleichzeitig Importe und Einbau von Billig-Platten mit 100% Altholzanteil dieser Verordnung nicht unterliegen? Der Einfluss auf die Nachhaltigkeit ist hier in die Verantwortung des Kunden gelegt. Dieser kann dem aber nur gerecht werden, wenn er informiert ist. Dies ist wiederum angesichts der Informationsflut nicht einfach. Wenn man sich nicht auf Selbstkontrolle und Selbstaussagen von Betrieben verlassen will, geben hier Umweltlabel eine Orientierung Regionale Wertschöpfung stärkt kommunale Einnahmen Einnahmen der Kommunen sind für den Erfolg und die langfristige Nachhaltigkeit der Infrastruktur und der Erbringung von Dienstleistungen in Kommunen wichtig. Wichtige Zusammenhänge zeigen sich, wenn man die Zusammensetzung der Einnahmen näher betrachtet. Die Einnahmen deutscher Kommunen: ganz vorne dran ist die Gewerbesteuer! Die Gewerbesteuer trägt maßgeblich zur Finanzierung der Gemeinden bei und ist eine ihrer wichtigsten originären Einnahmequellen. Etwa die Hälfte der Steuereinnahmen der Kommunen sind Gewerbesteuereinnahmen (vgl. Abb. 3 und 4). 14 Was ist NB

17 NB & Regionale Wertschöpfung Die Gewerbesteuer ist jedoch sehr konjunkturabhängig, das heißt, wenn es den ansässigen Unternehmen gut geht, geht es auch der Kommune gut. Jede Kommune in Deutschland muss also ein elementares Eigeninteresse daran haben, dass es ihren heimischen Betrieben gut geht. Und natürlich leben Betriebe von Aufträgen. Deutsche Unternehmern müssen mehr leisten im EU-Vergleich, um die Gewerbesteuer erwirtschaften zu können. Gleichzeitig ist die Gewerbesteuer eine Besonderheit, die in den meisten anderen EU-Ländern in vergleichbarer Form nicht anzutreffen ist. Sie ist somit eine Zusatzbelastung des betrieblichen Ertrages und kann sich durchaus negativ auf die Wettbewerbsfähigkeit im internationalen Vergleich auswirken. Deutsche Unternehmen müssen also quasi mehr leisten und erwirtschaften als in anderen Ländern. Wenn sie das nicht schaffen, betrifft dies mittelbar über die Gewerbesteuer auch die Kommunen selbst. Steueraufkommen in deutschen Kommunen nach Sektoren im Jahr % 1% Grundsteuer A+B Gemeinschaftssteuern Gemeinschaftsteuern: Lohn-, Körperschafts-, Kapitalertrags-, Umsatzsteuer 14% 47% Gewerbesteuer Andere Steuern Abb. 3: Aufteilung der Steuereinnahmen, Aktuelle Daten des Statistischen Bundesamtes, Regionale Wertschöpfung sichert hohe Sozialstandards In der Studie Nachhaltige Beschaffung Next Level in Procurement Excellence, haben weltweit etwa 250 Entscheider aus großen Konzernen aus den Bereichen Einkauf, Lieferketten-Management und Logistik an einer Studie des BME teilgenommen. Wirtschaftliches Kalkül war für 83% der Befragten Haupttreiber für nachhaltiges Wirtschaften und 66% gaben an, dass sich Nachhaltigkeit jetzt schon für sie rechnet. Beim Thema Nachhaltigkeit im Einkauf bekennen sich einige Global Player beispielsweise dazu, gegen Korruption, kartellrechtswidrige Absprachen, Kinder- und Zwangsarbeit vorzugehen und streng auf Menschenrechte, Umwelt- und Gesundheitsschutz sowie faire Arbeitsbedingungen zu achten. Dies wird auch deshalb verstärkt umgesetzt um... somit auch die klassischen Zieldimensionen des Einkaufs Preis und Kosten, Zeit und Liefertreue sowie Produktqualität (auch künftig) beeinflussen... zu können (vgl. Studie oben, Schwinteck, 2010). Produkte aus regionaler Wertschöpfung sind deshalb garantiert sozialverträglich, weil sie die in der EU geltenden Sozial-, Gesundheits-, Verbraucherschutzstandards einhalten. In Deutschland gibt es keine Kinder- und Zwangsarbeit und keine Menschenrechtsverletzungen bei der Produktion von Gütern Regionale Wertschöpfung ist ökonomisch sinnvoll Produkte der kurzen Wege in den Stoffkreisläufen sind alles andere als hinterwäldlerisch! Bayern Baden- Württemberg 0, , , , , , , , , , ,0 Steueraufkommen 2010 in [Mill. Euro] Thüringen Schleswig- Holstein Sachsen- Anhalt Sachsen Saarland Rheinland- Pfalz Nordrhein- Westfalen Niedersachsen Mecklenburg- Vorpommern Hessen Brandenburg Grundsteuer A+B Gewerbesteuer Gemeinschaftssteuern Andere Steuern Produkte aus Holz der kurzen Wege im gesamten Stoffstrom gelten manchen immer noch als Nische oder auf dem Markt nicht relevant. Das ist jedoch grundlegend falsch, denn klima- und umweltfreundliche und regional hergestellte Produkte haben ein beträchtliches Käuferpotenzial und decken potenziell einen weiten Bereich des gegenwärtigen Holzmarktes ab (Holz von Hier Info-CD: Trends & Zielgruppen ). In der nachhaltigen Beschaffung spiegelt sich dies jedoch noch zu wenig wider. Abb. 4: I-Net: Statistisches Bundesamt, Was ist NB

18 NB & Regionale Wertschöpfung Regionale Wertschöpfung spart volkswirtschaftliche Kontrollkosten Kommen die Produkte nicht aus unseren Regionen, mit den in Deutschland und Europa lange erkämpften hohen Umwelt- und Sozialstandards, steigt der Kontrollaufwand. Eine zuverlässige Kontrolle bei globalen Warenströmen ist aber, wie sich immer wieder zeigt, oftmals kaum möglich und es kostet, den Staat und damit letztlich den Steuerzahler, die Unternehmen und letztlich den Kunden viel Geld. Allein die Bürokratiekosten (!) für den Außenhandel Deutschlands mit Ländern außerhalb der EU belaufen sich pro Jahr auf etwa 97 Mio. Euro (Stat. Bundesamt, 2012). Regionale Wertschöpfung wirkt sich positiv auf kommunale Finanzen aus. Etwa 41% der kommunalen Ausgaben werden bereits für Soziale Sicherung verwendet. Davon entfallen 33% der Ausgaben auf Sozialhilfe nach dem BSHG und 37% auf Einrichtungen der Jugendhilfe und Jugendhilfe nach dem KJHG (Stat. Bundesamt, 2012). Also 70% auf Hilfen für Menschen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben oder für Jugendliche die keine Zukunftsperspektiven bekommen (z.b. durch einen Ausbildungsplatz). Diejenigen aber, die Arbeits- und Ausbildungsplätze auch vor Ort schaffen, sind heimische Unternehmen. Mehr als 60% dieser Arbeits- und Ausbildungsplätze werden zudem im Mittelstand gestellt (I-Net: Statistisches Bundesamt, 2012). enorme Klima- und Umweltschutzwirkungen. Weit mehr als üblicherweise angenommen. Ein Produktbeispiel: In einem m 3 Lärchenschnittholz ist etwa 1 Tonne CO 2 gebunden. Bei regionaler Prozesskette werden pro m³ fertiges Schnittholz ca. 10 kg CO 2 emittiert. Die Klimabilanz entspricht also weitgehend der Menge an gebundenem CO 2. Stammt das Holz aus sibirischen Primärwäldern, kann leicht >1 Tonne CO 2 durch den nicht nachhaltigen Einschlag, die Freisetzung von CO 2 aus dem Boden und die langen Transporte emittiert werden, die Klimabilanz ist also negativ! Mehr Beispiele unter Arbeits- und Ausbildungsplätze in der Region und Produktion in unseren Regionen Heimische Produkte bedeuten Erhalt von Arbeitsund Ausbildungsplätzen in der eigenen Region. Nur wenn Betriebe rentabel in unseren Regionen produzieren können, können sie auch Arbeitsplätze erhalten. Rentabel produzieren sie dann, wenn ihre Produkte gekauft werden und wenn Kunden, Architekten und auch die öffentliche Hand in ihrer Vorbildfunktion verstärkt auf solche Produkte setzt Vorteile aus der Verbindung nachhaltiger Beschaffung und regionaler Wertschöpfung Deutschland - starke Regionen, starke Betriebe Ausschreibungsgestaltung: Wie unter Einbeziehung von Holz von Hier eine Ausschreibung so gestaltet werden kann, dass in Übereinstimmung mit dem Europarecht Klima- und Umweltschutzaspekte berücksichtigt und gleichzeitig die regionale Wertschöpfung befördert werden, ohne den Wettbewerb auszuschliessen, wird in Bereich 5 dieses Leitfadens behandelt. Ausblendung der Transporte im Stoffstrom schadet nicht nur der Umwelt sondern auch der ökonomischen Entwicklung der Regionen und ländlichen Räume. Umwelt- und Klimaschutz pur Kurze Transporte entlang der gesamten Verarbeitungskette bis zum fertigen Produkt bedeuten 16 Was ist NB

19 NB & Regionale Wertschöpfung Holz von Hier ist ein best Practice Beispiel für das Aktionsfeld Entkopplung des Wirtschaftswachstums vom Verkehrsaufkommen, welches im 6. Umweltaktionsprogramm der Europäischen Union zur Erreichung der Klimaschutzziele festgeschrieben ist. Es ist eine verbreitete Ansicht, dass eine zunehmende Beseitigung von Außenhandelsbarrieren für sämtliche beteiligten Regionen gleichermaßen vorteilhaft sei. In der klassischen Außenhandelstheorie wird auch davon ausgegangen, dass Transportkosten bedeutungslos sind. In der New Economic Geography hingegen beeinflussen Transportkosten wesentlich Handelsbeziehungen und Verteilung wirtschaftlicher Aktivität. Im Standard-Modell der New Economic Geography bewirken sinkende Transportkosten eine stärkere regionale Ungleichverteilung, es bilden sich einige wichtige profitierende Kernpunkte, auf die sich das wirtschaftliche Geschehen zunehmend konzentriert, andere Regionen und Ortschaften veröden in ihrer wirtschaftlichen Aktivität. Das heißt, dass zunehmende Globalisierung der Warenströme auch die wirtschaftliche Entwicklung bestimmter Regionen, vor allem ländlicher Räume behindert. Verbraucherschutz hat auch mit Verbraucherentscheidungen zu tun. Das Treffen bewusster Verbraucherentscheidungen hängt aber weitgehend davon ab, dass Verbraucherinformation verfügbar und transparent ist. Auch hier setzt das Klima- und Umweltlabel Holz von Hier an. Der Herkunftsnaweis HOLZ VON HIER entspricht den Umweltzielen der Europäischen Union. Holz von Hier ist aber mehr als ein Label oder Herkunftsnachweis. Sensibilisierung, Bewusstseinsbildung, Informationstransfer an Verbraucher, Kommunen, Betriebe und Entscheider, sind wichtige Aufgabenbereiche der gemeinnützigen Initiative Holz von Hier. Hinzu kommt, dass Transporte mit geringen Personalkosten, ohne Versicherung oder ungenügende Wartung der Transportmedien, für Importe in die EU, in keinem Fall mit dem deutschen oder europäischen Transportwesen zu vergleichen sind. Die Transportkosten wurden gerade wegen dieser Billigtransporte weltweit immer günstiger. Für die Volkswirtschaft problematisch ist, dass vor allem diese Billigtransporte nicht die Umwelt- und Sozialkosten internalisieren, die sie verursachen, (z. B. Schiffs-Havarien, LKW-Unfälle durch unzureichende Wartungszustände der Fahrzeuge aus Nicht-EU-Ländern usw.). Verbraucherschutz und Gesundheit Verbraucherschutz fängt bei der Auswahl der Rohstoffe für Produkte und der Produktion an sich an und nicht erst bei der Überwachung der fertigen Produkte. Überwachung am Ende der Kette ist immer teurer als eine Beeinflussung der verwendeten Materialien und Produktionsverfahren. 17 Was ist NB

20 Was sind nachhaltige Produkte? Echte nachhaltige Produkte berücksichtigen Klima- und Umweltaspekte der 3 Lebensphasen eines Produktes! Hier sind wichtig: (1) die Vorketten in realen Bilanzraum, (2) die Nutzungsphase und (3) die Nachnutzung. Nur die Nutzungsphase eines Produktes zu betrachten greift heute zu kurz. Denn einerseits werden die Stoffströme in der Produkten von Waren immer länger und internationaler und andererseits wird bereits durch den Einkauf entschieden, ob und wie ein Material oder Produkt hinterher weiter genutzt, recycelt oder zu teils hohen Kosten nur entsorgt werden kann. Das sollte man wesentlich beim Einkauf steuern und nicht erst am Ende der Lebensphase eines Produktes. (1) Klima und Umwelt- Rucksäcke und der Ressourcenverbrauch der Vorketten und Produktion in einem realen Bilanzraum (2) Nutzungsphase: Energie-, Wasser-, Ressourcen-, Umweltverbrauch in der Nutzungsphase (3) Nachnutzung Verwertung oder Entsorgung der Produkte und Materialien (+) Verbraucherschutzaspekte wie Gesundheitsverträglichkeit, Sicherheit (z.b. im Brandfall) Einleitendes: im umfassenden Sinne nachhaltige Produkte beachten die drei Lebensphasen eines Produktes Meist wird bisher unter nachhaltigen bzw. umweltfreundlichen Produkten nur jeweils ein Einzelaspekt verstanden oder nur eine bestimmte Lebensphase. Primär wird nur die Nutzungsphase des Produktes betrachtet. Andere Aspekte, wie Ressourcenschonung von Anfang an, sind hier noch kaum ein Thema. 1. Vorketten: die Klima- und Umweltrucksäcke und der Ressourcenverbrauch der Vorketten, in einem realen Bilanzraum. 2. Nutzungsphase: Energie, Wasser, Ressourcen, Umweltverbrauch der Nutzungsphase. 3. Nachnutzung: Verwertung (Recycling, Reuse) oder Entsorgung. (+) Hinzu kommt noch der Verbraucherschutz. Die drei Lebensphasen eines Produktes Über Klima-, Umweltfreundlichkeit sowie Ressourcenschonung eines Produktes entscheiden drei Lebensphasen: 18 Was ist NB

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