Emotionsmanagement in der Essstörungstherapie

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1 Emotionsmanagement in der Essstörungstherapie Dipl.-Psych. Jörg von Komorowski 25. April 2015

2 Zusammenhänge zwischen der Therapie der Anorexia nervosa, Bulimia nervosa oder Binge Eating und Emotionen Durch die Gewichtszunahme sowie durch den Verzicht auf Heißhungeranfälle und gewichtsregulierende Maßnahmen (Erbrechen, fasten, exzessiver Sport, Laxantien) werden Angst und Schamgefühle induziert Gewichtsphobie Angst vor dem Verlust eines sekundären Krankheitsgewinns Schamgefühle wegen körperlicher Erscheinung nehmen Patienten Emotionen intensiver wahr sind die Patienten durch die Lösung der kognitiven Einengung auf Essen, Figur und Gewicht weniger abgelenkt von emotionsauslösenden Themen treten komorbide Störungen stärker zutage (z.b. PTSD, Depression, Borderline-Störung)

3 Elemente des Emotionsmanagements in der Essstörungstherapie Emotionen besser verstehen Grundsätzliches zur Natur der Emotionen Emotionen lesen lernen Eine akzeptierende Einstellung gegenüber Emotionen bekommen Emotionen akzeptieren Validierung Einen hilfreichen Umgang mit Emotionen erlernen Unterschied: Beschreiben und bewerten Entgegengesetztes Handeln Die Anfälligkeit für belastende Emotionen reduzieren Eine Emotion durch eine andere ersetzen

4 Emotionen besser verstehen Grundsätzliches zur Natur der Emotionen Es gibt immer einen Grund für das Auftreten einer Emotion Es ist möglich, dass wir den Grund für die erlebte Emotion nicht erkennen Es kann weder falsch noch richtig sein eine Emotion zu erleben

5 Emotionen besser verstehen Emotionen lesen lernen Basisemotionen kennen Emotionen beschreiben Primäre und sekundäre Emotionen unterscheiden lernen

6 Emotionen besser verstehen Basisemotionen Angst Ärger Traurigkeit Freude Scham Ekel (Schuldgefühl)

7 Emotionen besser verstehen Emotionen beschreiben In welcher Situationen habe ich das Gefühl erlebt? Woran erkenne ich das Gefühl? (emotionale Reaktion) Wie erlebe ich das Gefühl körperlich? Welche Gedanken gehen mir durch den Kopf? welchen Verhaltensimpuls spüre ich dann? Was möchte ich dann am liebsten aus dem Gefühl heraus tun? (Verhaltens- bzw. Handlungsimpuls) Welches Bedürfnis signalisiert mir das Gefühl? Wofür ist dieses Gefühl gut? Welche Funktion hat es?

8 Emotionen besser verstehen Emotionen beschreiben: Beispiel Angst Situation: Aufruf zum Boarding am Terminal Körperlich: Schwitzen, Herzrasen, zittern, Gedanklich: Der Flieger wird abstürzen. Der Pilot ist bestimmt angetrunken. Ich könnte es noch rechtzeitig schaffen, wenn ich jetzt den nächsten Zug nehme. Verhaltensimpuls: weglaufen, vermeiden, kontrollieren Bedürfnis: Sicherheit Funktion: Schutz, mobilisiert mich zum Weglaufen, signalisiert mir Gefahren

9 Emotionen besser verstehen Emotion Handlungsimpuls Bedürfnis Angst fliehen, vermeiden, kontrollieren Sicherheit Ärger schimpfen, schreien, angreifen, abwerten Gerechtigkeit, Respekt, Beachtung meiner Grenzen, Macht, Autonomie, Ressourcen sichern Traurigkeit Schmerz akzeptieren, Trost suchen, Rückzug, Trauerrituale Trost, Erleichterung, Schonung, Zuwendung Freude Soziale Kontakte suchen, aktiv werden Freude aufrechterhalten, Kontakte aufrechterhalten Scham Blick senken, Blickkontakt vermeiden, aus der Situation rausgehen, schambesetztes Thema vermeiden, nicht ansprechen, Verhalten erklären, Ausreden suchen Ekel Ausspucken, reinigen, Berührung vermeiden Reinlichkeit Anerkennung, Zugehörigkeit, ernst genommen werden Schuldgefühl Wiedergutmachung, sich entschuldigen, Schuld annehmen, Reue zeigen, Verantwortung übernehmen; versichern, dass es nicht nochmal passiert Vergebung, Versöhnung 2015 Schön Klinik Seite 9

10 Emotionen besser verstehen Primäre und sekundäre Emotionen Sekundäre Emotionen werden durch eine primäre Emotion ausgelöst Meist verhindern sekundäre Emotionen die Wahrnehmung bzw. das Lesen der primären Emotion Dadurch wird keine adaptive Strategie im Umgang mit der primären Emotion angewendet

11 Eine akzeptierende Einstellung gegenüber Emotionen bekommen Akzeptanz Erster Schritt beim Problemlösen Veränderung ist möglich Das ist jetzt so! Radikale Akzeptanz Veränderung ist nicht möglich Adaptive Emotion ist Traurigkeit

12 Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden. Reinhold Niebuhr (amerikanischer Theologe, Philosoph und Politikwissenschaftler, )

13 Eine akzeptierende Einstellung gegenüber Emotionen bekommen Validierung Validierung vermittelt Patienten eindeutig und explizit, dass ihr Verhalten, ihre Gedanken und ihre Emotionen sinnvoll und im aktuellen Kontext verstehbar sind Validierung bedeutet nicht, dass die Therapeutin das Verhalten der Patientin gut heißt Validierung bedeutet nicht, dass die Patientin sich gut fühlen soll Validierung ist eine Akzeptanzstrategie vor und während der Problemlösung Kettenanalysen sind eine sinnvolle Methode zur validierenden Beleuchtung kritischer Verhaltensweisen

14 Einen hilfreichen Umgang mit Emotionen erlernen Beschreiben Nicht-bewertende Begriffe Es werden mehr Wörter als beim Bewerten benötigt Hohe interpersonelle Übereinstimmung Beschreiben schafft Distanz Bewerten Subjektiv, hohe interpersonelle Varianz Es werden wenige, oft nur einzelne Begriffe verwendet Kontinuum von Idealisierung bis Verachtung Verstärkt Emotionen 2015 Schön Klinik Seite 14

15 Einen hilfreichen Umgang mit Emotionen erlernen Entgegengesetztes Handeln Eine Entscheidung treffen Habe ich Kontrolle über das Gefühl? -> nein, dann zunächst Kontrolle gewinnen Bewerte ich mein Gefühl als hilfreich in dieser Situation? -> nein, dann nicht (nur) aus dem Gefühl heraus handeln

16 Einen hilfreichen Umgang mit Emotionen erlernen Die Anfälligkeit für belastende Emotionen verringern Regelmäßiges und ausgewogenes Essen Regelmäßiger und ausreichender Schlaf Regelmäßige und ausreichende Bewegung Pflege sozialer Kontakte, soziale Fertigkeiten anwenden Hobbies suchen und pflegen Dinge tun, die mir schwer fallen Vermeidung vermeiden Abstinenz von Drogen Alkohol in Maßen Realistische Ziele verfolgen u.v.m Schön Klinik Seite 16

17 Einen hilfreichen Umgang mit Emotionen erlernen Eine Emotion durch eine andere ersetzen Emotionen kommen und gehen Keine Emotion überdauert Wir haben immer nur eine Emotion in einem Augenblick, niemals zwei oder mehr Emotionen zu einem Zeitpunkt gleichzeitig Viele Menschen erleben einen raschen Wechsel von Emotionen Der Wechsel ist durch die Auslöser von Emotionen bedingt Menschen mit hoher emotionaler Reagibilität sind affektiv leicht auslenkbar 2015 Schön Klinik Seite 17

18 Einen hilfreichen Umgang mit Emotionen erlernen Eine Emotion durch eine andere ersetzen Es gibt eine Zeit zum traurig sein, eine Zeit zum Lachen, eine Zeit, sich zu ärgern, eine Zeit, sich zu schämen, eine Zeit, sich zu freuen und wieder eine Zeit zum traurig sein, Schön Klinik Seite 18

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