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2 1900 zählte die Schweiz 1,6 Millionen Erwerbstätige, davon arbeiteten 0,7 Millionen in der Industrie und im Gewerbe über 40 Prozent der Beschäftigten betrug die Zahl der Erwerbstätigen dann insgesamt bereits 2,8 Millionen, davon weit über 40 Prozent in Industrie und Gewerbe. War bis dahin die Industrie der Hauptsektor, wurden nun die Dienstleistungen immer wichtiger. Immer mehr Menschen arbeiteten hinter Verkaufstheken und an Schreibtischen, am Telefon und später auch am Computer. Oder sie sorgten sich in der Freizeit- und Tourismusbranche um das Wohl der Kundinnen und Gäste. Sie bereiteten Informationen auf und stellten sie einer Gesellschaft zur Verfügung, in der Ausbildung und Wissen immer wichtiger wurden. Es brauchte auch immer mehr Personal, um die Pflege und

3 das gesundheitliche Wohl der Menschen zu garantieren. Das Wachstum der Beschäftigung nach 1960 von 2,8 auf 4,5 Millionen im Jahr 2009 basierte ausschliesslich auf den Dienstleistungsbranchen. Zunehmend konnte die Nachfrage nach bezahlter Arbeitskraft nicht mehr mit Schweizer Männern gedeckt werden. Jetzt wurden Ausländer und vor allem auch Frauen rekrutiert. Der Anteil der Frauen an der Beschäftigung stieg von 33 (1960) auf 46 Prozent (2009). Die Verlagerung der Beschäftigung in den Dienstleistungsbereich war Teil eines tief greifenden Prozesses. Die Tertiarisierung, wie diese Entwicklung auch genannt wird, vollzog sich in allen westlichen Industriestaaten. Sie prägte die Wahrnehmung von Politikern und Entscheidungsträgern in der Wirtschaft.

4 Nicht mehr Handwerk, sondern Wissen und Information wurden als die Grundlagen der Wertschöpfung betrachtet. 1 In Grossbritannien zum Beispiel waren Prozent der Beschäftigten in der Industrie und dem verarbeitenden Gewerbe tätig waren es noch 14 Prozent! 2 Diese De- Industrialisierung war in Deutschland und der Schweiz zwar weniger umfassend. Immerhin sank die Industriebeschäftigung aber auch in diesen beiden Ländern bis 2009 auf 23 Prozent. In der Schweiz gingen in der Krise der 1990er-Jahre in Bau und Industrie fast Arbeitsplätze verloren. Das prägte das Bewusstsein. Volkswirtschaftlicher Erfolg schien so umso mehr vom Dienstleistungssektor abzuhängen: von den Banken und Versicherungen. Manche Zeitanalytiker

5 schossen aber über das Ziel hinaus und erklärten die Industrie in der Schweiz zum Auslaufmodell. Das ist»grosser Quatsch«, sagte der verstorbene Swatch-Gründer Nicolas Hayek in einem Interview mit der Gewerkschaftszeitung work.»seit vier Jahrzehnten behaupten Banker und Betriebswirtschaftler, die Zeit der Handarbeit sei vorbei. Ohne Produktion sind wir vielleicht noch immer reich, für eine gewisse Zeit, aber wir sind dann ein abhängiges Land ohne eigene Kultur. Unsere grösste Stärke ist doch, dass wir Hand und Kopf zusammenarbeiten lassen.«3 Die Schweiz ist zweifellos eine Dienstleistungsgesellschaft geworden, aber eine industrialisierte Dienstleistungsgesellschaft. Darauf weist auch der grosse Theoretiker der Dienstleistungsgesellscha f t, Manuel

6 Castells, hin. Struktur und Dynamik der industriellen Tätigkeit spielten für die Gesundheit einer Dienstleistungswirtschaft eine wesentliche Rolle, schreibt er. Viele Dienstleistungen seien von ihrer Verknüpfung mit der Industrie abhängig. Manche würden auch direkt für Industrieunternehmen erbracht. Die industrielle Aktivität (nicht die Beschäftigung!) sei insofern weiterhin für die Produktivität und die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft von entscheidender Bedeutung. 4 Auch der Aussenhandel, so der Schweizer Historiker Hans-Jörg Gilomen, ist zu einem grösseren Teil Export und Import von Waren und industriellen Gütern. 5 Dennoch: Immer mehr Menschen arbeiten in Dienstleistungsbranchen waren es in der Schweiz 73,4 Prozent aller Beschäftigten. Sie verrichten Hand- und

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