Visualisierung zur Unterstützung der Suche in komplexen Datenbeständen

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1 Visualisierung zur Unterstützung der Suche in komplexen Datenbeständen P. Elzer, U. Krohn Institut für Prozeß- und Produktionsleittechnik (IPP) der TU Clausthal Zusammenfassung Im folgenden wird eine Methode zur Aufbereitung und Visualisierung von Informationskollektionen vorgestellt, mit der die semantischen Beziehungen zwischen Anfragen und Dokumenten auf leicht erfaßbare Weise dargestellt werden können. Sie geht von der Beobachtung aus, daß explorative Suche in Informationskollektionen der Arbeitsweise von Wissenschaftlern und Technikern besonders entspricht und daß aktive Navigation im virtuellen Informationsraum eine sehr wirksame Suchtechnik zur Unterstützung dieses Vorgehens ist. Für die Visualisierung wurden räumliche Informationsdarstellungen benutzt, da sie es den Menschen ermöglichen, ihre angeborenen Wahrnehmungsfähigkeiten vorteilhaft einzusetzen. Erste Beobachtungen zeigen, daß die entwickelte Technik die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen kann. Abstract The paper presents a method for preparation and visualization of information collections, by which the semantic relationships between queries and documents can be demonstrated in an easily comprehensible manner. The method is based on the observation that exploratory search in information collections is a particularly appropriate method of work for scientists and engineers and that active navigation in a virtual information space is a very effective means to support it. For the visualization 3D methods for information representation have been used, because they allow humans to utilize their natural cognitive skills with advantage. First observations show that the developed technique is capable of fulfilling the abovementioned expectations. 1 Vorgeschichte Im Verlauf von Untersuchungen von Verfahren zur Wiederverwendung von Softwareentwürfen [Bol et al. 90, Elz 91, Kro et al. 92] stellte sich heraus, daß dabei oft die Bedeutung des Prozesses der Suche nach solchen Entwürfen und insbesondere nach Lösungsansätzen für noch nicht klar formulierbare Probleme unterschätzt wurde. Das führte dazu, daß er auch methodisch und technisch nicht hinreichend unterstützt wurde. Anschließende Überlegungen führten zu der Einsicht, daß der Prozeß des Suchens nach Softwareentwürfen als eine Spezialform der Suche nach Information bei der Lösung technischer und wissenschaftlicher Probleme im allgemeinen behandelt werden kann.

2 Visualisierung zur Unterstützung der Suche in komplexen Datenbeständen Im Rahmen eines Industrieprojektes wurde daraufhin eine große Zahl "marktüblicher" Dokumentenverwaltungssysteme auf ihre Eignung für die Unterstützung dieses Suchprozesses untersucht. Entgegen den Erwartungen bestätigte das Ergebnis aber den genannten negativen Eindruck. Dies galt vor allem für "konventionelle", also nicht hypertextorientierte Werkzeuge. Sie wurden als "in der Handhabung zu starr" beurteilt und von Softwareentwicklern abgelehnt. Doch auch "Hypertextsysteme", in die die Verfasser ursprünglich große Erwartungen gesetzt hatten, zeigten bei der Benutzung Probleme. Zum einen trat das bekannte Phänomen des "getting lost in hyperspace" auf, zum anderen erwies sich der Arbeitsaufwand zur Erstellung einer der Komplexität der Problemstellung angemessenen Anzahl von "Hyperlinks" als so hoch, daß der industrielle Anwender einen praktischen Einsatz zunächst nicht in Betracht ziehen wollte. Es wurde also versucht, ein Verfahren zu finden, das es einerseits erlaubte, die bei der Lösung technisch-wissenschaftlicher Probleme üblicherweise notwendigen Suchvorgänge durchzuführen, deren Ziel zunächst nur unscharf formuliert werden kann. Auf der anderen Seite sollte sein Einsatz nicht den hohen Aufwand erfordern, den Aufbau und Pflege von Hypertextsystemen für sich ständig ändernde Informationskollektionen in komplexen Anwendungsgebieten mit sich bringen. Dazu boten sich zwei Ansatzpunkte: erstens die bekannte Tatsache, daß durch geeignete grafische Darstellungen, insbesondere solche in dreidimensionaler Form, auch komplexe Sachverhalte leichter (oder überhaupt erst) verständlich gemacht werden können, zweitens das Konzept des "Informationsraums", das ebenfalls für die Suche in umfangreichen technisch/wissenschaftlichen Datenbeständen entwickelt worden war [Kup et al. 91a, Kup et al. 91b]. Auf dieser Basis wurde im Rahmen einer Dissertation [Kro 96a] ein Verfahren für die Aufbereitung und Visualisierung von Informationskollektionen entwickelt, das es den Nutzern gestattet, schnell qualitativ zu erkennen, wie gut die auf Grund ihrer Anfrage gefundene Information ihrem Informationsbedürfnis entspricht. Die Aufbereitung beruht auf dem Konzept eines gewichteten Informationsraums. Dabei werden sowohl Dokumenten als auch Termen relevanzabhängige Massen und Gewichte zugeordnet, wodurch eine relevanzabhängige Informationsreduktion ermöglicht wird. Abhängig vom Ergebnis kann ein Benutzer seine Anfrage in grafischer Form interaktiv modifizieren und so schnell und sicher die relevanten Dokumente identifizieren. 2 Aufgabenstellung 2.1 Allgemeines Wissenschaftler und Ingenieure müssen oft nach Informationen suchen, um ein vorliegendes Problem zu lösen. Sie können dabei aber in den seltensten Fällen vorher genau angeben, welche Information sie benötigen [Bel et al. 82]. Ihr Informationsbedürfnis wird deswegen oft als "unscharf" bezeichnet. Nach Meadow [Mea 92] ist es jedoch vor allem ausschlaggebend für den Erfolg eines Suchprozesses, daß "... der Nutzer sein Informationsbedürfnis selbst versteht und erkennen kann, was dieses Informationsbedürfnis befriedigt". Fig. 1 illustriert diesen allgemeinen Suchvorgang.

3 Elzer, Krohn Problemsituation Wissenschaftlich -technische Information Suchprozeß Informationsbedürfnis Unbefriedigender Wissensstand Fig. 1: Grundelemente der Informationssuche Traditionelle Retrieval-Systeme arbeiten fast ausschließlich nach dem "Matching Paradigma" [Bat 86]. Ein "Matching-Prozeß" bestimmt, welche Informationen den Anforderungen der Anfrage entsprechen und stellt sie dem Nutzer zur Verfügung. Meist arbeitet er auch noch "indirekt": Dokumente werden durch Indizes oder andere Beschreibungsformen dargestellt und das Informationsbedürfnis durch die Anfrage. Die Anfrage und die Repräsentationen der Dokumente werden dann verglichen, woraus sich das Suchergebnis ergibt. Das beste Suchergebnis ist dasjenige Dokument, dessen Repräsentation der Anfrage am ähnlichsten ist. Fig. 2 illustriert dieses Modell. Ergebnis Suchprozeß Problemsituation Dokumente Repräsen -tation Matching Anfrage Informationsbedürfnis Unbefriedigender Wissensstand Fig. 2: Informationssuche nach dem "Matching-Prinzip" (nach [Bat 86]). Nutzer, die eine noch unscharfe Vorstellung von der benötigten Information haben, haben aber Probleme mit diesem Prinzip. Da sie z.b. oft nicht einmal genau wissen, nach welchen Stichworten sie suchen, müssen sie ein "exploratives" Verhalten bei der Informationssuche anwenden. Bates [Bat 86] charakterisiert dieses folgendermaßen: "In the exploration paradigm it is the process that counts. Nothing is the one right answer - the perfect match. The value is in the process; information is accrued as the exploration dialog proceeds. The searcher obtains information at many points in the dialog. The information need may be modified during search as well, as the searcher develops a different view of the problem. Thus, the information deemed acceptable to meet the information need may also shift. In contrast, in the matching paradigm there is one point where the final retrieved set is identified. Everything done up to that point is merely preparatory. The searcher s changing information need is not noted by the paradigm." Das heißt, daß sich das Informationsbedürfnis erst im Laufe des Suchvorgangs klärt und entwickelt. Fig. 3 illustriert diesen Vorgang.

4 Visualisierung zur Unterstützung der Suche in komplexen Datenbeständen Suchprozeß Problemsituation Dokumente Repräsen -tation Exploration Informationsbedürfnis Sich ändernder Wissensstand Fig.3: Explorative Suche Damit erklärt sich die Unzufriedenheit von Softwareentwicklern, Ingenieuren und Wissenschaftlern mit herkömmlichen Informationsverwaltungssystemen. Diese erfordern zu ihrer Benutzung Wissen, das sich erst während des Suchvorgangs entwickelt. Außerdem bieten sie nur eine sehr eingeschränkte Sicht auf die jeweilige Informationskollektion: Sie zeigen meist weder, wie die Dokumente zueinander in Beziehung stehen, noch wie sich jedes einzelne in die Struktur der Informationskollektion einordnet. Die Nutzer haben somit keine Kenntnis von der Struktur der Informationskollektion. Bei der Formulierung von Anfragen können sie nur auf solche Informationen zurückgreifen, die sie aus den noch unbefriedigenden Ergebnissen vorangegangener Suchanfragen ableiten konnten. Es ist deshalb notwendig, Hilfsmittel zur Verfügung zu stellen, die den Nutzer dabei unterstützen, während der explorativen Suche eine Vorstellung von der Struktur des vorliegenden Informationskollektivs zu entwickeln, d.h. darin "navigieren" zu können [Kup et al. 91b, New 92]. Navigierendes Retrieval unterstützt die explorative Vorgehensweise von Wissenschaftlern und Ingenieuren noch weiter. 2.2 Anforderungen an die Visualisierung Aus den obigen Überlegungen wurden eine Reihe von Kriterien abgeleitet, die die zu entwickelnde Visualisierung erfüllen sollte, um navigierendes Retrieval möglichst gut zu unterstützen [Kro 96b]. Dazu kamen solche, die aus den Grundsätzen der "ecological optics" von Gibson [Gib 86] abgeleitet wurden. Sie basieren auf der Beobachtung, daß Menschen sich in räumlichen Strukturen besser zurechtfinden und Zusammenhänge schneller erkennen, wenn die Darstellungsweise Strukturen und Texturen verwendet, die der üblichen (natürlichen) Umgebung der Menschen nachempfunden sind. Einige dieser Kriterien sind: Der virtuelle Navigationsraum soll nicht nur Dokumente, sondern auch Terme und die Beziehungen zwischen Termen und Dokumenten darstellen. Ähnlichkeit im semantischen Raum soll räumlicher Nähe im euklidischen Raum entsprechen. Die Darstellung soll Perspektive nutzen, um Dokumente und Terme darzustellen; insbesondere sollen Objekte, die für den Benutzer relevanter sind als andere, in den Vordergrund rücken. Der Benutzer soll durch Markieren für ihn interessanter Bereiche durch den virtuellen Raum navigieren können. Die Darstellung soll visuelle Hilfen für die Navigation durch den virtuellen Informations-

5 Elzer, Krohn raum geben. Der Benutzer soll schnell Detailinformation, wie z.b. Titel oder Stichwortlisten, über interessierende Dokumente einholen können. 3 Lösungsansatz 3.1 Der Informationsraum Der für den Aufbau des Informationsraums gewählte Ansatz beruht auf dem Vektorraummodell [Sal 89]. Die Informationskollektion wird als Vektorraum aufgefaßt, dessen Dimension gleich der Anzahl der verschiedenen Terme ist, die benötigt werden, um die Dokumente in der Informationskollektion darzustellen. Dokumente werden durch multidimensionale Gewichtsvektoren in diesem Raum dargestellt. Dieses Modell unterstützt natürlich auch das "Matching-Paradigma", liefert im vorgestellten Ansatz aber die Basisstruktur für die interaktive Navigation, die die explorative Suche ermöglicht. Ein Vorteil dieser Technik ist es auch, daß sie "Relevanz-Feedback" erlaubt. 3.2 Navigation im Informationsraum Menschen können sich üblicherweise hochdimensionale Räume nicht vorstellen und deshalb auch nicht darin navigieren. Deshalb war es nötig, eine Technik zu finden, die es gestattet, einen auf einem zweidimensionalen Bildschirm darstellbaren dreidimensionalen Unterraum eines hochdimensionalen Informationsraumes zu erzeugen, in dem dennoch die wesentliche assoziative Struktur zwischen Termen und Dokumenten erhalten bleibt. Die angewandten Verfahren wurden an anderer Stelle [Kro 96a, Kro 96b] schon im Detail beschrieben und sollen deshalb hier nur kurz skizziert werden. Der Ansatz verwendet eine Technik der multivariaten Analyse, das "Biplot"-Verfahren [Gab 81], um graphische Unterräume zu erhalten, die die wesentlichen assoziativen Strukturen zwischen Termen und Dokumenten in einem hochdimensionalen Vektorraum darstellen. Die "Biplot"-Technik bildet Dokumente und Terme aus dem Informationsraum in diese Unterräume ab, wobei die assoziative Struktur zwischen Termen und Dokumenten erhalten bleibt. Dieses Verfahren erzeugt eine "doppelte" grafische Darstellung einer Dokument-Term-Matrix, d.h., sowohl Dokumente als auch Terme sind in einer gemeinsamen Darstellung enthalten. Dies erlaubt eine schnelle visuelle Einschätzung ihrer Beziehungen zueinander. So ist z.b. sehr leicht zu sehen, welche Dokumente oder Terme mit anderen Dokumenten oder Termen in Zusammenhang stehen (die entsprechenden Vektoren zeigen in die gleiche Richtung), welche Gewichte gleich Null sind (rechter Winkel zwischen Dokument- und Termvektoren), welche Gewichte hoch sind (kleine Winkel), etc.. Streng genommen ist aber ein (zweidimensional dargestellter) dreidimensionaler Biplot einer (Dokument-Term)-Matrix nur möglich, wenn deren Rang gleich 3 (oder weniger) ist. Es mußten also Verfahren gefunden werden, die es ermöglichen, Matrizen vom Rang größer als

6 Visualisierung zur Unterstützung der Suche in komplexen Datenbeständen 3 durch solche vom Rang 3 zu approximieren. Die dazu notwendigen tiefergehenden Überlegungen sind ebenfalls in [Kro 96a] und [Kro 96b] dargestellt. In [Kro 96a] wurde weiterhin dargelegt, daß die Reduktion eines hochdimensionalen Raumes auf die für die Darstellung notwendigen drei Dimensionen keinen intolerablen Informationsverlust mit sich bringt. Dies war wichtig, um Visualisierungsformen anwenden zu können, die das räumliche Vorstellungsvermögen des Menschen nutzen. Die "Orientierung" dieses so erzeugten dreidimensionalen Unterraums gegenüber dem ursprünglichen hochdimensionalen Informationsraum darf aber nicht willkürlich gewählt werden. Die Dokumenten- und Termvektoren müssen vielmehr so auf den Unterraum projiziert werden, daß ihre Projektionen eine möglichst gute Annäherung an ihre wahre Lage im hochdimensionalen Raum darstellen. Dies wurde durch die Einführung eines "relevanzorientierten Orientierungssystems" erreicht, das als derjenige Unterraum niedriger Dimension betrachtet werden kann, der am besten die hochdimensionalen Dokumentvektoren eines gewichteten Informationsraums enthält. Letzterer kommt dadurch zustande, daß den Termvektoren "Gewichte" und den Dokumentvektoren "Massen" - je nach ihrer Bedeutung für die Anfrage - zugeordnet werden. Aus den so gewichteten "Abständen" der Dokumentpunkte zum Unterraum wird mit Hilfe der Methode der "Summe der gewichteten kleinsten Quadrate" seine Lage ermittelt. Aus dem Dargelegten ist auch ersichtlich, daß bei der Realisierung dieser verschiedenen Transformationen sehr darauf geachtet werden mußte, numerische Verfahren zu verwenden, die die erforderlichen Rechenzeiten in solchen Grenzen halten, daß ein interaktiver Einsatz des Verfahrens möglich ist. Auch hierzu finden sich weitere Überlegungen in [Kro 96a] und [Kro 96b]. 4 Das Prototypsystem "Vineta" 4.1 Aufbau Die erwähnten Verfahren und die entwickelten Visualisierungsmethoden wurden am IPP (zunächst in nicht interaktiver Form) in einem Demonstrationssystem - "Vineta" - implementiert [Kro 95a, Kro 95b, Kro 96a, Kro 96b]. Fig.4 gibt einen Überblick über dessen Aufbau. Die einzelnen Komponenten wurden weitestgehend unter Verwendung verfügbarer Softwarepakete entwickelt. So beruht z.b. die Informationsraumkomponente auf dem "Smart"- System [Sal 71], das Orientierungssystem wurde mit Hilfe des kommerziellen Statistikpaketes "SAS" realisiert und für die Visualisierung wurde das ebenfalls kommerziell verfügbare Paket "AVS" eingesetzt.

7 Elzer, Krohn Ausgewählte Terme Vineta Aufbau des Informatio Informationsraums n Collection Informationskollektion Aufbau des Orientierungssystems Visualisierung Galaxie / Landschaft Dokument Term Matrix Ähnlichkeit von Dokumenten abstraktes Orientierungssystem 4.2 Visualisierung Fig. 4: Systemarchitektur von "Vineta" Entsprechend 2.2 nutzt Vineta bei der Visualisierung vor allem die naturbedingte menschliche Fähigkeit zur Wahrnehmung räumlicher Zusammenhänge. Räumliche Nähe wird verwendet, um semantische Ähnlichkeiten darzustellen. Die relativen räumlichen Positionen der Dokumente im virtuellen Informationsraum repräsentieren die semantischen Beziehungen zwischen den Dokumenten. Ähnliche Dokumente werden räumlich nahe zueinander, unähnliche Dokumente räumlich entfernt voneinander angeordnet. Um die Brauchbarkeit und Akzeptanz verschiedener Darstellungsformen besser testen zu können, wurden zwei Modelle realisiert: Die "Galaxie" (Fig.6 und 7) und die "Landschaft" (Fig. 5). Fig. 5: Die "Landschaft" in "Vineta"

8 Visualisierung zur Unterstützung der Suche in komplexen Datenbeständen Das Modell der "Galaxie" wurde zuerst realisiert, da es den Vorstellungen technisch-naturwissenschaftlich orientierter Menschen von einem "Raum" am nächsten kam. Das Modell der (dreidimensional dargestellten) "Landschaft" stellt dagegen eine noch konsequentere Anwendung der von Gibson [Gib 86] formulierten Prinzipien der "ökologischen Optik" dar. Insbesondere wird dabei die Navigation der Benutzer im Informationsraum durch Texturierung des dargestellten Raumes erleichtert. Beide Darstellungsformen gehen insofern über andere Visualisierungsverfahren (z.b. InfoCrystal [Spo 93]), aber auch über andere Anwendungen von Prinzipien der "ökologischen Optik" (z. B. [Cha 95]) hinaus, als sie die Visualisierung nicht auf zwei Dimensionen reduzieren. Außerdem zeigen sie nicht nur die Beziehungen zwischen Dokumenten, sondern auch zwischen Termen sowie zwischen Termen und Dokumenten. Schließlich bieten sie visuelle Hilfsmittel zur Unterstützung der Tiefenwahrnehmung sowie dynamische Ikonen (eigtl. "Glyphen") für die Dokumente, die die Gewichte von Indextermen anzeigen. 4.3 Ablauf einer interaktiven Anfrage Am Beispiel der "Galaxie" soll nun der Ablauf einer interaktiven Abfrage erläutert werden. Angenommen, ein Benutzer suche Informationen zur Funktionsweise von Hypertext-Systemen in der HCI-Bibliografie [Per 93], die über Artikel umfaßt. Nach Eingabe des Stichworts hypertext zeigt das Vineta-System einen ersten Überblick über den Informationsraum (Fig. 6).

9 Elzer, Krohn Fig. 6: Beginn einer interaktiven Abfrage im "Galaxiemodell" Darin werden sowohl die Dokumente als auch weitere Stichworte dargestellt, die mit hypertext in Zusammenhang stehen. Die Kugeln stellen Dokumente dar, deren Relevanz durch ihre Farbe symbolisiert wird. Weitere Stichworte erscheinen als Pfeile. Diejenigen, die dem Betrachter als die nächsten erscheinen, besitzen den höchsten Unterscheidungswert [Sal 89] für die angezeigten Dokumente. Um noch mehr Stichworte zu sehen, kann sich der Benutzer mit Hilfe einer Zoom-Funktion weiter in den dargestellten Informationsraum hineinbegeben. Fig. 7: Darstellung des Zwischenstandes eines Suchvorganges Mit Hilfe der Maus kann die Anfrage jetzt verfeinert werden. Im dargestellten Beispiel sei der Benutzer an browsing und link interessiert. Anklicken dieser Stichworte bewirkt, daß sich die Darstellung des Raumes dynamisch verändert. Die zugehörigen Pfeile rücken in den Vordergrund und scheinen jetzt deutlich einen Raum aufzuspannen. Auch die Beziehung zwischen den Dokumenten und den Stichworten wird deutlicher. Die Länge der aus den zugehörigen Kugeln herausragenden Markierungen zeigt den Grad an, zu dem das Stichwort den Inhalt des Dokuments beschreibt, dessen Pfeil in die gleiche Richtung zeigt wie die Markierung. Dokumente, die alle drei angewählten Stichworte enthalten, rücken weiter in den Vordergrund - auf den Benutzer zu. Weitere Stichworte werden sichtbar, wie z.b.

10 Visualisierung zur Unterstützung der Suche in komplexen Datenbeständen search, orientation, navigation, document, book, network, etc. Navigation und Network erwecken jetzt das weitere Interesse des Benutzers und er klickt die zugehörigen Pfeile an. Die Darstellung wandelt sich wieder und zeigt jetzt die für die so interaktiv entstandene Abfrage relevanten Dokumente gut unterscheidbar im Raum verteilt (Fig. 7). Außerdem erlauben ihre Farbe und die simulierte räumliche Entfernung es dem Betrachter schnell abzuschätzen, welche Dokumente besonders interessant für sein gegenwärtiges Informationsbedürfnis sein könnten. Er kann jetzt beginnen, eine Feinauswahl zu treffen, beispielsweise, indem er sich durch Anklicken der jeweiligen Kugeln den Titel der betreffenden Dokumente anzeigen läßt. 5 Bewertung Das Vineta-System diente sowohl als Versuchsträger für die Erprobung des vorgestellten Ansatzes zur Aufbereitung von Informationskollektionen als auch als Basis für informelle Akzeptanztests für verschiedene Visualisierungsformen. Diese wurden in der Form von Interviews mit Mitarbeitern des IPP durchgeführt. Dabei ergab sich, daß das Verfahren insgesamt außerordentlich positiv aufgenommen wurde. Etwas überraschend war dagegen die Herausbildung sehr starker subjektiver Meinungen in Bezug auf die unterschiedliche "Verstehbarkeit" der beiden beschriebenen Visualisierungsformen. Es scheint, als ob hier "Mentale Modelle" von Informationskollektionen ins Spiel kommen, die durch den jeweiligen fachlichen Hintergrund der einzelnen Personen geprägt sind. Weitere systematische experimentelle Untersuchungen erscheinen deshalb angebracht und sind geplant. Die Versuche haben weiterhin ergeben, daß mit den heute üblichen Workstations bei der Suche auch in Dokumentenbasen realistisch großen Umfangs (wie etwa der HCI-Bibliografie) akzeptable Reaktionszeiten erzielt werden können. Damit würden vor allem die bei der explorativen Suche wichtigen Denkvorgänge des Benutzers nicht unangemessen lang aufgehalten und damit gestört. Eine endgültige Bewertung des Zeitverhaltens bei der Nutzung der interaktiven Navigationsmöglichkeiten war aber aus realisierungstechnischen Gründen noch nicht möglich. Jedoch ist schon absehbar, daß (im Gegensatz zu Hypertext- oder Hypermedia-Techniken) der (Engineering-) Aufwand für den Aufbau der Dokumentenbasis in erträglichen Grenzen bleibt, da es ausreicht, bekannte Verfahren zur automatischen Indexierung von Dokumenten zu verwenden. Eine weitergehende Aufbereitung der Dokumentenbasis, die anwendungsbezogenes Vorwissen erfordern würde, ist nicht nötig. Wie wichtig die dritte Dimension bei der Darstellung komplexer Sachverhalte ist, zeigte sich bei einer weiteren Anwendung der Gibson schen Prinzipien auf die Visualisierung großer Datenmengen bei der Überwachung technischer Prozesse [Beu 97]. Diese wurde aufgrund der damit in der vorgestellten Arbeit gemachten guten Erfahrungen unternommen. Im Rahmen dieser Anwendung wurden systematische Benutzerexperimente durchgeführt. Ein wesentliches Ergebnis war, daß der Prozentsatz von Fehleinschätzungen eines gegebenen Sachverhaltes gegenüber zweidimensionalen Darstellungen signifikant gesenkt werden konnte.

11 Elzer, Krohn 6 Literatur [Bat 86] Bates, M.J. (1986): An exploratory paradigm for online information retrieval. Intelligent Information Systems for the Information Society; Proceedings of the 6th International Research Forum in Information Science. Elsevier/ North Holland [Bel 82] Belkin, N.J., Oddy, R.N et al. (1982): ASK for information retrieval; Part 1&2. Journal of Documentation, Band 38 (2/3): 16-71/ [Beu 97] Beuthel, C. (1997): Dreidimensionale Prozeßvisualisierung zur Führung technischer Anlagen am Beispiel eines Kohlekraftwerks. Clausthal-Zellerfeld, TU Clausthal, Fakultät für Bergbau, Hüttenwesen und Maschinenwesen, Dissertation [Bol 90] Boldyreff, C.,Elzer, P.,Hall, P.,Kaaber, U., J.Keilmann,Witt, J. (1990): PRACTITIONER: Pragmatic Support for the Reuse of Concepts in Existing Software; in: Proceedings of Software Engineering 1990, Brighton, UK, Cambridge University Press [Cha 95] Chalmers, M. (1995): Design perspectives in visualizing complex Information. FADIVA-Workshop. Hrsg. H.-D. Boecker und M. Hemmje. GMD [Elz 91] Elzer, P. (1991): Reuse, a Problem of 'Understanding' Designs; Tagungsband des "First International Workshop on Software Reusability", Memo Nr.57 des Lehrstuhls Software Technologie, FB Informatik, Universität Dortmund, Juli 1991, [Gab 81] Gabriel, K.R., Tsianco, M.C. et al. (1981): BGRAPH: a program for biplot multivariate graphics. Computer Science and Statistics: Proceedings of the 13th Symposium on the Interface Ed. W.F. Eddy. Springer Verlag. 344 [Gib 86] Gibson, J.J. (1986): The ecological approach to visual perception. Lawrence Erlbaum [Kro 92] Krohn, U. and Boldyreff, C. (1992): The Practitioner Reuse Support System (PRESS): A Consideration from the Standpoint of Tool Interconnection. Fourth IFAC/IFIP Workshop on Experience with the Management of Software Projects, Schloß Seggau, Austria [Kro 95a] Krohn, U. (1995). Vineta: Visualizing Navigational Information Retrieval. FADIVA 2: Second International Workshop on Foundations of Advanced 3D Information Visualization, pages University of Glasgow. [Kro 95b] Krohn, U. (1995). Visualization of Navigational Retrieval in Virtual Information Spaces. CIKM 95; Workshop on New Paradigms in Information Visualisation and Manipulation. Baltimore, Maryland. [Kro 96a] Krohn, U. (1996): Visualization for Retrieval of Scientific and Technical Information; Dissertation Techn. Univ. Clausthal, 1996, Clausthal-Zellerfeld: Papierflieger, ISBN [Kro 96b] Krohn, U. (1996): Vineta: Navigation through virtual information spaces. AVI: Advanced Visual Interfaces Ed. T. Cartarci. Gubbio, Italy, ACM. in Press

12 Visualisierung zur Unterstützung der Suche in komplexen Datenbeständen [Kup 91a] Kupka, I. und Fiege, G. (1991): Konzepte für Recherchen in Werkstoff-Informationssystemen. Institut für Informatik der TU Clausthal [Kup 91b] Kupka, I. und Fiege, G. (1991): Navigational retrieval for ceramics material information. Swiss Materials, 2nd European Seminar on Data Systems in Materials Technology. Interlaken, 5-9 [Mea 92] Meadow, C.T. (1992): Text information retrieval systems. Academic Press [New 92] Newby, G.B. (1992): An investigation of the role of navigation for information retrieval. Proceedings of the American Society for Information Science (ASIS) 55th Annual Meeting. Ed. D.Shaw [Per 93] Perlman, G. (1993): The HCI bibliography project. SIGIR Forum 27(3): [Sal 71] Salton, G., Ed. (1971): The SMART retrieval system - Experiments in automatic document processing. Englewood Cliffs, Prentice-Hall [Sal 89] Salton, G. (1989): Automatic Text Processing. Addison Wesley [Spo 93] Spoerri, A. (1993): InfoCrystal: a visual tool for information retrieval and management, Conf. Proc. Information & Knowledge Management `93

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