DEM RUFMORD AUF DER SPUR Text: Irmela Schwab, Miami Fotos: Alison Yin

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1 SEITE 1 Verleumdung,Verfälschung, virtueller Mord Michael Fertik, der Gründer und CEO von Reputation.com kennt sich damit aus. Mit seiner preisgekrönten Technologie kämpft der Harvard-Jurist und Erfinder des digitalen Reputationsmanagements für ein makelloses Image seiner Kunden im Internet nur wenige Meilen von Datensammlern wie Facebook und Google entfernt. DEM RUFMORD AUF DER SPUR Text: Irmela Schwab, Miami Fotos: Alison Yin

2 DEM RUFMORD AU DER SPUR SEITE 2 * In der Lagerhalle im kalifornischen Redwood City herrscht Startup-Atmosphäre. Junge Leute sitzen hinter ihren Computern, einige lümmeln in Sitzsäcken, andere liegen auf Sofas. Fahnen aus aller Herren Länder hängen an der Wand. Eine Firma, kunterbunt, wie sie fürs Silicon Valley typisch ist. Doch während sich die Großen, wie Facebook und Google, dem Datensammeln verschrieben haben, kämpft man hier dagegen an. Die Waffe dafür heißt: Reputation Defender. Das Logo zeigt einen muskelbepackten Mann, der eine Flagge hochhält, die Initialen RD flattern fröhlich darauf. Doch wenn die Mitarbeiter die Flagge für den Kampf hissen, geht es so gut wie nie lustig zu. Da gab es ein Mädchen namens Nikki Catsouras, das tödlich verunglückte: Die Bilder ihres Leichnams wurden von Netzwerk zu Netzwerk geschickt und waren daher nur schwer zu löschen. Dann war da ein Mann aus Washington D.C., der sich von seiner Freundin getrennt hat, die daraufhin Bilder von ihm in diversen sexuellen Stellungen ins Web stellte. Sein Gesicht, seine Genitalien alles war darauf zu erkennen. Wenn Michael Fertik solche Geschichten erzählt, bekommt sein lächelndes Gesicht plötzlich einen bekümmerten Ausdruck. Die Schicksale, die er managt, gehen ihm nahe. Vor fünf Jahren hat er die Software Reputation Defender entwickelt und Reputation.com gegründet. Mit seiner Technologie ist Fertik rasch zum Pionier und Marktführer eines neuen Geschäftszweigs aufgestiegen. Das World Economic Forum hat Reputation.com zum Technology Pioneer 2011 ernannt. Ein Ritterschlag, für den 32-jährigen Firmengründer, dessen Geschäftsidee mittlerweile weltweit kopiert wird. Reputation.com hilft Geschäftsleuten, Bürgern, Studenten, ja sogar Kindern dabei, einen guten virtuellen Eindruck zu machen. Das funktioniert weitgehend automatisiert: Mit einem Suchroboter wird das Internet nach Einträgen zur Person durchforstet. Auf Wunsch werden dann über die Software Reputation Defender negative Suchergebnisse gelöscht und, wenn das nicht vollständig möglich ist, über positive Inhalte in den Hintergrund gedrängt. Das Schlimmste ist, sagt der Image-Experte, wenn jemand Feinde hat. Im Web tummeln sich offenbar viele davon. Wo jeder Zweifelhaftes und Böses über einen schreiben kann, ist der persönliche Ruf höchst fragil. Missbrauch von Daten und Ehrenmorde sind alltäglich, im Internet geht man nicht gerade zimperlich miteinander um. Selbst Freunde können schaden: Etwa, wenn sie die neuesten Alkohol- und Feierfotos ins Netz stellen: Sicher, das ist lustig gemeint. Das Internet ist voll mit bösen Überraschungen Bei der Suche nach dem Lebenspartner oder nach einem neuen Job können einem solche Bilder allerdings zum Verhängnis werden. Es soll sogar Versicherungen geben, die anhand solcher Materialien Rückschlüsse auf die Lebenserwartungen ihrer Versicherten ziehen. In der Mathematik sagt man, dass zwei Punkte eine Linie ergeben. Im Internet zeichnen 100 Punkte oder Klicks ein ganzes Leben nach. Daten sind das neue Öl, der Rohstoff, nach dem alle suchen, erklärte Fertik jüngst in einem Interview. Dass jeder User mit seinen Klicks eine Spur hinterlässt, ist den wenigsten bewusst. Targeting-Spezialisten können über Cookies das Verhalten der Menschen beobachten, ohne selbst gesehen zu werden. Fertik und sein Team installieren eine Opt-out- Funktion, um die lästigen Verfolger abzuschütteln. Kuschelatmosphäre: Wer nicht gerade gegen Rufmord im Internet kämpft, lümmelt auf Sitzsäcken und Sofas herum

3 DEM RUFMORD AU DER SPUR SEITE 3 Das Reich von Michael Fertik (Pappbecher), CEO und Gründer von Reputation.com: Rund 140 Mitarbeiter arbeiten für Kunden aus über hundert Ländern weltweit

4 DEM RUFMORD AU DER SPUR SEITE 4 Zirkusreif: Informatiker und Mathematiker dürfen bei Reputation.com auch mal Spaß haben Der firmeneigene Imagefilm Invasion of the Data Snatchers veranschaulicht den Datenklau mit einer schwarzen, langen Hand, die mit spitzen Fingern persönliche Besitztümer aus den Häusern der Menschen stiehlt und damit gleichzeitig lauernde Gefahren aufzeigt und Ängste schürt. So ähnlich wie Versicherungsunternehmen das tun. Die Business-Idee, Menschen vor Datendieben zu schützen und daraus Profit zu ziehen, hatte der Absolvent der Harvard Law School beim morgendlichen Dauerlauf durch einen Park in Louisville, Kentucky. Was wäre, wenn man gegen den Datenklau im Netz vorgehen könnte? Wie könnte man die persönlichen Daten der Menschen im Netz aktiv kontrollieren? Danach habe ich mit Freunden und Geschäftsleuten die Idee weitergesponnen und nach Investoren gesucht, erzählt Fertik. Die hat er gefunden: Bessemer Venture Partners, Maples Investments, Jafco Ventures und Kleiner Perkins Caufield & Byers sind als Business Angels mit an Bord. Nicht alle Services kosten etwas: Privatpersonen und Unternehmen können das Internet gratis nach persönlichen Daten durchforsten und sich regelmäßig via darüber informieren lassen. Für Facebook-User wurde die kostenlose Applikation uprotect.it entwickelt: Damit können Nachrichten, Status Updates und Bilder im sozialen Netzwerk für Dritte verschlüsselt werden. Für individuelle Dienstleistungen liegen die Kosten zwischen zehn Dollar und Dollar, für besondere Herausforderungen. Manche Rufschänder tun alles dafür, anonym zu bleiben. Dann müssen wir sehr hart arbeiten, um ihre Einträge unsichtbar zu machen. Der Bedarf ist da, wie sich herausstellte: Bereits 2007 wuchs der Unternehmens-Umsatz um 2500 Prozent, und die erste Million Dollar lag auf Fertiks Konto. So was weckt Begehrlichkeiten, 80 Prozent der Copycats kämen aus Deutschland. In der Stimme des Erfinders schwingt tiefe Verachtung mit.vielleicht, weil Nachmachen in den USA verpönt ist.vielleicht auch, weil es so gar nichts mit der Offenheit zu tun hat, die Fertik als Unternehmensphilosophie ausgegeben hat. In den USA ist man die Nummer eins, wenn man etwas erfindet und erfolgreich damit ist, erklärt Fertik. Nummer zwei, wenn man etwas erfindet und damit scheitert. Und Nummer drei, wenn man etwas Erfolgreiches kopiert. Doch abkupfern könne man ohnehin nur sein Business-Modell. Nicht die Technologie. Die haben Mathematiker und Informatiker ausgetüftelt, die machen das Gros der rund 140 Mitarbeiter in Festanstellung aus. Fertik steht an seinem Arbeitsplatz in der Mitte der Halle. Er mag es nicht abgeschirmt in einem Büro zu sitzen, wie es Geschäftsführer üblicherweise tun. Immer wieder blickt er auf, bewegt sich auf einzelne Mitarbeiter zu, spricht mit ihnen. Ich will, dass alle jederzeit über alles reden dürfen, erklärt er. Jeder kann seine Meinung kundtun, niemand soll sich mit einem Thema abgrenzen oder Tabus aufstellen. Michael Fertik will Transparenz und lebt sie selbst. Ich habe für jeden und alles ein offenes Ohr. Heute ist Mittwoch, der Tag der Meetings. Der CEO ist ausnahmsweise ein wenig früher in die ehemalige Lagerhalle gekommen als sonst. Das Produkt-Team erwartet ihn schon im Konferenzraum. Wenn er in Redwood City ist, laufen seine Tage ziemlich gleichförmig ab: Gegen vier Uhr morgens steht er auf, schaltet den Computer an, liest und beantwortet s. Dann rollt er eine kleine Matte aus und macht Yogaübungen. Erst am fortgeschrittenen Vormittag, zwischen zehn und elf, schwingt er sich aufs Rad und fährt die paar Blocks von seinem Haus ins Büro. So lebt er etwa die Hälfte des Jahres. Die andere verbringt er auf Reisen, halb innerhalb, halb außerhalb der USA. Eben ist er von einer Europa-Reise zurückgekehrt. Die Expansion seines Geschäfts steht auf der Agenda: Neben Berlin will er weitere

5 DEM RUFMORD AU DER SPUR SEITE 5 Der Firmengründer liebt Transparenz. Alle sollen über alles reden am besten mit Michael Fertik selbst

6 DEM RUFMORD AU DER SPUR SEITE 6 Saubermann: Fertiks preisgekrönte Software Reputation Defender verschafft Kunden eine weiße Weste Büros eröffnen. Gerne trifft er sich auch mit der Presse, die Marktführerschaft will schließlich kommuniziert und die Reputation gesichert sein. * INFO Reputation.com INFO Michael Fertik Der 32-Jährige Internet-Unternehmer Michael Fertik hat sich auf die Bereiche Technologie und Recht spezialisiert hat er Reputation.com gegründet: Einzelpersonen und Unternehmen können über seine dafür entwickelte Technologie ihren Ruf im Internet sowie ihre Privatsphäre gestalten und schützen. Als CEO von Reputation.com ist er ebenfalls im Aufsichtsrat der Non- Profit-Gesellschaft für Internetsicherheit ikeepsafe, die ihr Augenmerk auf Sicherheit von Jugendlichen im Netz richtet. Der Unternehmer gilt als Pionier im Bereich Online Reputation Management (ORM) und als Experte in Sachen Datenschutz im Internet. Dieses Fachwissen gibt er in Vorträgen an Unternehmer, Studenten, Lehrer und Eltern weiter. Fertik ist Absolvent der Harvard Law School, spricht mehrere Sprachen. Er segelt gerne, liest und joggt. Das Unternehmen Reputation.com mit Sitz in Redwood City, Kalifornien, ermöglicht Individuen und Unternehmen ihren Ruf und ihre Privatsphäre im Internet zu schützen. Das heißt: Negative Informationen können getilgt oder durch positive verdrängt werden. Das Unternehmen verspricht Protektion vor Aggressoren, die Personen mit Falschinformationen Schaden zufügen, ebenso wie vor Targeting-Maßnahmen, die das Surfverhalten einzelner aufzeichnen und an Werbungtreibende weiterverkaufen. Die Kunden kommen mittlerweile aus mehr als hundert Ländern weltweit. Neben den USA und Deutschland zählen Großbritannien, Kanada und Brasilien zu den wichtigsten Märkten für das Unternehmen.

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