Computer in der Jugendliteratur

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1 Computer in der Jugendliteratur Computer und Literatur für viele, die im pädagogischen Bereich arbeiten, scheint das ein Widerspruch zu sein, eine bipolare Ausrichtung, bei der immer mehr Kinder und Jugendliche, insbesondere Jungen, zur Computerseite neigen. Oft wurde untersucht und fast ebenso oft bestätigt: Wer viele Ballerspiele wie z.b. Counter Strike spielt, steigert seine individuelle Gewaltbereitschaft. Die Computerspielsucht wächst, Nothilfen für Computersüchtige werden eingerichtet. Auf der anderen Seite: Wo schreibe ich diesen Artikel? Natürlich auf dem Computer. Wo landen alle Rezensionen? Natürlich im Internet. Wo findet man Verlagsangaben, Hinweise, Recherchematerial ohne Ende? Ebenda. Wo tauscht man sich mit Gleichgesinnten aus? Undenkbar, eine Welt ohne Computer. Computer sind inzwischen allgegenwärtig. Und das auch in der Jugendliteratur. Zunehmend werden Kinder- und Jugendromane verlegt, die das Thema Computer, Computerspiel, selbst Computerzubehör thematisieren. Und das oft mit sehr viel Spannung, eventuell als Lesemotivation gerade auch für Jungen zu verstehen. Wir haben zehn empfehlenswerte Bücher zu diesem Thema zusammengestellt: Die Grenzen zwischen TV und Computer verwischen, das öffnet manipulativen Eingriffen Tür und Tor. Andreas Schlüter, Reality Game Ein Computerkrimi aus der Level 4-Serie DTV 2007, Taschenbuch, 232 Seiten, 7,50 ISBN Jahre Thema sind die Macht der Medien und die Geilheit der Zuschauer, bei Sensationen unmittelbar dabei zu sein. Die Show-Helden werden immer jünger, sie sind verloren schon in dem Augenblick, in dem sie sie sich dem Moloch der Show freiwillig ausliefern in der Hoffnung, das große Geld oder auch nur den großen Ruhm zu ernten. Nur in Märchen wie diesem haben sie die Chance, dem Übel heil zu entrinnen.

2 Seite 2 von 12 Ein anderer Aspekt ist der des technischen Fortschritts: Die von Schlüter beschriebene Erfindung ist wahrlich Grauen erregend, weil sie, weit über Orwell hinaus gehend, Manipulationen der Menschen im übelsten Maße ermöglicht. Darauf muss man erst einmal kommen. Aber wenn das möglich wäre, wäre auch ein Missbrauch, wie ihn Schlüter hier nur quasi skizziert, geradezu programmiert - McMurphy lässt grüßen. Und alleine dieses Gedankenspiel ist die Lektüre wert. Dass Schlüter lebendige Menschen beschreiben, ebensolche Dialoge schreiben kann - auch wenn er einen nervigen Maulhelden dabei hat - dürfte schon bekannt sein. Gefahren bietet das Internet, wenn man sich ihm zu sehr überlässt. Helen Vreeswijk, Chatroom-Falle Aus dem Niederländischen von Eva Schweikart Loewe, Bindlach 2009 Taschenbuch, 303 Seiten, 12,90 ISBN , Ab 14 Jahre Von der Jugendjury nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis Aus zwei Teilen besteht dieser Krimi, dem man sein Genre erst in der zweiten Hälfte anmerkt. Erst einmal geht es um zwei 15-Jährige, die anfangs aus Langeweile chatten, dann auf für sie immer interessantere Chatpartner treffen. Prompt gerät die Forschere von beiden an die unangenehmsten Typen, ihr Interesse schwankt aber stets unentschieden zwischen Faszination (natürlich wird sie angehimmelt, je mehr sie sich vor ihrer Kamera auszieht) und Ekel (wenn die anderen sich produzieren). Als ihr dann das Model-Angebot gemacht wird, zieht sie ihre Freundin vollends mit in das Geschehen hinein. Sie sind an zwei fast perfekte Produzenten von Kinderpornos geraten, die sie, als sie nach erst harmlosen Fotosessions immer mehr zur Sache kommen, unter Drogen setzen, bis sie abkippen. Ausgesetzt werden sie von Passanten gefunden, die Polizei ermittelt kompetent und die Täter werden gefasst. Übrig bleiben aber zwei Opfer.

3 Seite 3 von 12 Die Szenen werden sehr genau beschrieben, es gibt nur wenige Leerstellen, die dem Leser wohl zu gönnen wären, nur die wirklich harte Szene, die schließlich auch zum Bruch der Freundschaft zwischen den beiden Mädchen führt, bleibt vage - die durch die zuvor geschilderte Handlung angekurbelte Fantasie des Lesers kann aber mühelos ergänzen, was die Autorin nicht mehr verbalisiert. Die Autorin bietet viele Möglichkeiten an, wo die Handlung ein gutes Ende hätte nehmen können - die Mädchen suchen das Gespräch, finden aber keinen Ansprechpartner: Die Eltern haben keine Zeit oder sind zu sehr mit sich selber beschäftigt - die Klassenkameraden beharken sich in Balz- & Konkurrenzritualen - die Lehrer sind keine Gesprächspartner - Freunde haben sie nicht oder sie können die ehrlichen Angebote, die sie auch über das Internet bekommen, nicht von den Schein- & Sexangeboten unterscheiden. Sie haben auch keine Kriterien, wonach sie entscheiden könnten. In der Auseinandersetzung mit dieser Lektüre bietet es sich geradezu an zu sagen: So weit mache ich mit, aber dann ist Schluss mit lustig. Jeder Jugendliche muss seine eigenen Grenzen für sich festlegen, immer aber sollte er sich darüber austauschen, mit wem auch immer. Und der naheliegende Fehlschluss, sich 100%ig auf die eine Freundin (oder Freund) zu verlassen, muss auch auf den Prüfstand. Man kann sich nicht öffnen, nur weil der Freund oder die Freundin das auch tut, sondern der eigene Entschluss ist wichtig. Unserer Jugend des beginnenden 21. Jahrhunderts empfehle ich dieses Buch dringend. Eine Kombination der Begriffe Spielsucht und Science Fiction Christian Waluszek, All Games Thienemann, Stuttgart 2010 Hardcover, 467 Seiten, 18,00 ISBN Ab 14 Jahre Adrian ist ein absoluter Spieler, er bewegt sich eigentlich nur noch in seiner Spielwelt, die Realität dient der, bei Drogen würde man es so sagen, Beschaffungskriminalität. Er beweist sich immer perfekter als Hacker, der seine Spuren so verwischt, dass ihn keiner entdecken kann. Das wiederum registriert sehr wohl der alles beherrschende Spielekonzern Allgames, der zuvor

4 Seite 4 von 12 einkalkulierte, dass ein besessener Spieler sich heillos beim Konzern verschulden wird. Deswegen wird ihm ein sagenhaftes Angebot gemacht. Bei den Experimenten verbrennt er sich in einem Unfall das Augenlicht, der Konzern setzt ihm aber einen Computer ein, mit dem er wieder sehen kann - und mehr als das: Er kann alles speichern, was er sieht, auch das, auf was er gar nicht geachtet hat. Er kann einfach die Bilder wieder aus seinem einoperierten Minicomputer abfordern und genauer betrachten, als er es vorher tat. Und er kann Daten ansehen und für immer speichern - ein perfektes, nie irrendes Gedächtnis hat er. Der diabolische ihn betreuende Arzt allerdings weiß, dass ein Mensch fehlbar bleibt, wenn er sich von Gefühlen und Erinnerungen leiten lässt. Also löscht er das Gedächtnis - nur die notwendigen Daten bleiben verfügbar. Lediglich Adrians überragende Intelligenz lässt ihn diesen teuflischen Kreislauf durchbrechen. Erst nach mehreren Ansätzen erkennt er das eigentliche Problem und kann sich dagegen wehren. Ähnlich wie in AVATAR ist das Grunddenkmodell das der Vernetzung von Gehirn und Computer. Waluszeks Spezialisten haben ein Computersystem entwickelt, das sich selbst optimiert, immer wieder neu erfindet und den notwendigen Chip bei immer größerer Leistung schneller und kleiner werden lässt. Diese Eigenschaft wird dann mit dem Gehirn gekoppelt und erfährt dort eine weitere Optimierung. Dennoch liegt hier genau die Schwäche des Systems, weil die Gedächtnisleistung des Gehirns sich so zwar ergänzen, nicht aber auslöschen lässt. Gespenstisch erscheint uns heute eine derartige Optimierung eines Gehirns, denn welcher junge Mensch würde sich dem Experiment verweigern, wenn er weiß, dass er alle Daten, alles, was man für Examen und Beruf braucht, einfach nicht mehr vergessen könnte? In der Zukunft beherrschen Computer nicht nur den Alltag, sondern die Grenzen zwischen menschlichem und technischem Handeln und Entscheiden verschwimmen. Aldous Huxley und George Orwell haben sich kaum vorstellen können, wie weit das in unserer Zukunft noch gehen kann.

5 Seite 5 von 12 Malcolm Rose, Serienmord Aus dem Englischen von Sabine Bhose Rowohlt, Reinbek 2009 Taschenbuch, 221 Seiten; 8,95 ISBN Ab 14 Jahre 1. Der Krimi Anfangs erscheint alles rätselhaft, so nach und nach schälen sich dann Zusammenhänge heraus. Erst die Intuition des genialen Ermittlers Luke Harding führt zum Ziel. Er fügt gegen die einfache Logik Dinge zusammen, die erst gemeinsam zur Lösung führen können. Am Schluss kommt eine drohende Katastrophe dazu, und ein Wettlauf mit dem Tod wird atemlos beschrieben. 2. Der Science Fiction Roman In nicht genannter Zukunft sucht die Gesellschaft nach Huxleyschem Vorbild Partner für jeden aus, eine andere Paarungswahl ist unvorstellbar. Einen 16-Jährigen wie Luke Harding muss das wurmen, wenn er schon eine ganz andere Wahl getroffen hat. Luke ist selbstständiger Ermittler von Mordfällen; junge Menschen beherrschen das Leben, die Alten sind kaum sichtbar. Mit 5 Jahren werden die Kinder in der Erziehungsanstalt abgeliefert und die Eltern sehen ihre Kinder nie wieder, für diese ist die Verbindung ebenso gekappt. Sie wachsen unter Ihresgleichen auf, bekommen früh verantwortungsvolle Positionen. Luke zur Seite steht dabei ein Roboter, der ständig um ihn herum fliegt, alles kommentiert und untersucht, ob dies oder jenes mit den Gesetzen vereinbar ist. Dieser ständige Begleiter kann alles: Er untersucht Spuren, gleicht Daten ab, analysiert Stoffe und Fakten, hält die Verbindung zur vorgesetzten Behörde, bremst bei Verstößen gegen das Gesetz, kann schweißen und leuchten, schreiben, reden und denken - nur Humor hat er nicht, ebensowenig wie Gefühle, was den Autor urkomische Situationen heraufbeschwören lässt. Ein etwas magerer Krimi erfährt durch die völlig nebenbei erzählte Science-Fiction- Story eine erhebliche Spannungssteigerung. Mit wahrlich britischem Understatement wird hier eine Gesellschaft beschrieben, wie sie sich radikaler von unserer nicht unterscheiden könnte und dennoch: sie erscheint gar nicht abwegig. Beschreibt Huxley noch den Horror der staatlichen Erziehung, ist sie hier völlig selbstverständlich und unproblematisch. Dies vor allem, weil sie unglaublich flexibel und pragmatisch ist: Am Rande der Stadt leben Straßenkinder, ohne jede Kontrolle,

6 Seite 6 von 12 sie vegetieren außerhalb jeder Ordnung. Als Luke aber einen Freund beauftragt, diese Kinder vor der Katastrophe zu retten, wird dem ohne Kommentar zugebilligt, sich offiziell um sie kümmern zu können. Es gibt keine Moral mehr. Die Autoritäten, die darüber entscheiden, bleiben eine anonyme Instanz. Ein interessantes Gedankenspiel, verknüpft mit einem für Jugendliche gut geeigneten Kriminalfall. Computer-Spielewelt und Borderliner Martina Wildner, Grenzland Illustriert von der Autorin ISBN Fischer Schatzinsel, Frankfurt 2009 Ganzleinen im Schuber mit Lesebändchen, 319 Seiten; 19,95 Ab 12 Jahre Agnes ist ein nüchternes Mädchen. Dennoch gerät sie mit ihren 14 Jahren in ein Spiel, das tödlich enden kann: Sie schlitzt sich die Arme auf und träumt sich in eine Spielwelt, den Computer-Spielen vergleichbar, in der sie erfolgreich ein Level nach dem anderen erreicht. Dass das höchste Level der Tod ist, bekommt sie fast zu spät mit, kann aber sich und ihre abgedriftete Freundin gerade noch retten. GRENZLAND ist das Land der Borderliner. Für den Leser ist die Lektüre vergleichbar mit dem Trip, dem sich die Mädchen ausliefern. Agnes, aus deren Perspektive die Autorin auktorial erzählt, durchschaut zunehmend die Zusammenhänge, weiß, dass sie sich durch ihre Armschlitzereien mehr schadet, als dass sie irgendetwas erreichen könnte - und tut es dennoch. Immer wieder findet sie vor sich selbst eine Ausrede, nicht jetzt, sondern erst danach aufzuhören - und der Leser folgt ihr gebannt. Agnes erkennt, dass der Großteil ihrer Traumelemente aus dem Alltagsleben stammt, was ihrer Faszination aber keinen Abbruch tut. Dabei ist ihr Alltag spannend genug: Vater und Mutter stehen voll im Leben, engagieren sich beruflich und für die Kinder, die kleinere Schwester ist wach und ehrgeizig, lebendig und für die größere manchmal nervig, sie versteht Agnes aber besser, als der anfangs klar ist. Die Dritte, fast noch Baby, ist sowohl Mittelpunkt des Genervtsein als auch der Familienauseinandersetzungen; das Aupairmädchen muss sich erst einmal bei den Mädchen als Mensch bemerkbar machen, so sehr haben die

7 Seite 7 von 12 sie auf die Personalrolle reduziert, die es einfach nicht bereit ist zu erfüllen. Dazu kommen Freunde und vor allem Matti, der von Agnes angehimmelt wird, dann aber eine totale Bauchlandung macht, als er Agnes auf ihre Rolle als leicht zu Erobernde reduzieren will. Agnes kann in jeder Situation noch klar denken, selbst wenn sie es eigentlich nicht wahr haben will. Daneben gibt es noch eine metaphysische Ebene, in der die realen Personen außerhalb der Spielebene aufeinander stoßen - nicht nur im Traum, sondern wirklich. Wie das funktionieren soll, bleibt die Autorin schuldig zu erklären: Es ist eben so. Die vier Hauptpersonen kennen sich alle aus der Schule, treten in der Traumwelt gegen oder miteinander auf, jede mit Borderliner-Verletzungen der eigenen Art, und katapultieren sich mit den Verletzungen jeweils wieder in die Spielwelt. Darüber können sie sich in der realen Welt auch wieder auseinandersetzen, was sie zwar nur zögerlich tun, bald aber bemerken, dass sie nur so entkommen können. Und die Rettung der beiden Mädchen geschieht auf dieser Grenzland-Ebene, in der die Spielwelten zusammen kommen und sie landen endgültig in der Realität. Jeder Jugendliche weiß, dass die virtuelle Welt nicht real ist; ihr Reiz besteht aber darin, dass man sich vollkommen in diese Scheinwelt mit ihren eigenen Gesetzen hineinbegeben kann und - theoretisch wenigstens beliebig oft eintaucht, wenn man Lust hat dazu. Dass dieser Sprung Suchtcharakter entwickeln kann, ist ebenso Allgemeingut. Hier wird aber die Grenze noch unklarer, nur durch masochistische Verletzungen können die Jugendlichen sich in die Traumwelt begeben, je heftiger der Schnitt/die Verbrennung etc., desto intensiver ist das Erleben der Spielewelt. Die Autorin vermag es, der Lektüre den gleichen Sogcharakter zu vermitteln, wie es die Spiele für den Süchtigen tun. Dadurch bekommt auch der Leser, der fern von derlei Gefahren steht, durchaus mit, wie es einem Junkie dieser Art gehen mag. Gefährdete sehen das wohl ebenso und die Chance, sich davon zu lösen, gerade weil die Agnes es eigentlich nicht schafft: Nur der gute Vorsatz bewirkt nichts. Dazu bedarf es noch anderer Kräfte.

8 Seite 8 von 12 Mobbing im Internet Susanne Clay, CyberMob. Mobbing im Internet Arena Taschenbuch, Würzburg Seiten, 6,95 ISBN Ab 12 Jahre Sehr klug beginnt die Autorin mit einem Nebenschauplatz: dem Streit um die Auswahl des Theaterstücks: WestSideStory Die Schüler greifen alles an, die 50er-Jahre-Szene, die Gattung Musical, die Musik, die Romeo-&-Julia-Dramatik. Und dann beginnt der eine mit der Musik, die andere mit den Kostümen, die dritte mit dem Tanzen, kurz, alle befreunden sich mit der Auswahl, finden ihre Rollen und steigen zunehmend begeistert ein. Carmen, die Ich-Erzählerin, ist 16 und eine begnadete Hundehalterin. Sie geht klug mit dem Hund um, liebt ihn, kennt die intellektuellen und emotionalen Grenzen und Fähigkeiten ihres Hundes genau - schon alleine die Rolle des Schäferhundmischlings Mikko wäre ein Grund, dieses Buch Jugendlichen zu empfehlen. Dann platzt die Bombe in Form einer infamen . Gerade hat sich Carmen in ihrer Rolle als Anita der Gruppe vorgestellt und ist auf ungehemmte Begeisterung gestoßen, da greift sie dieser Rocky genau dort an, wo sie sofort verletzt wird. Und sie reagiert viel zu heftig darauf. Zunehmend zieht Carmen sich in sich selbst zurück. Nur ihr logischerweise recht einseitiges Gespräch mit dem Hund bleibt ihr, bis der alte, sehr alte Nachbar kommt und von sich erzählt: Wie er vor langer, langer Zeit seinen besten Freund verleugnet und beleidigt hat und bis heute darunter leidet. Carmen erkennt, dass sie aktiv werden muss. Sie erzählt es einem Freund, gemeinsam gehen sie zur Polizei und die reagiert behutsam und gut beratend, so dass Carmen keine Anzeige erstatten muss, der Täter sich selbst offenbart und das Leben weiter geht. Die Verletzung aber hat ihre Narben hinterlassen. Die meisten Mobbing- und Stalker-Täter im Internet können sich gar nicht vorstellen, was sie bei ihrem Opfer an Reaktionen erzeugen. Doch selbst wenn sie es realisieren, können sie eventuell nicht aufhören oder sich gar outen. So machen sie weiter und sich selber glauben, dass sie gesiegt haben. Die Opfer müssen weiter leiden. Nur die Öffnung nach außen ermöglicht das Ende eines solchen Mobbings. Kaum einer schafft das ohne äußere Hilfe und ein sehr gutes Beispiel dafür liefert diese Erzählung von Susanne Clay.

9 Seite 9 von 12 Happy slapping Laura Ruby, Good Girls Aus dem amerikanischen Englisch von Christine Gallus Boje, Köln 2010 Hardcover, 284 Seiten, 14,95 ISBN Ab 16 Jahren Audrey ist eine der drei besten Schülerinnen der High School. Sie ist verliebt in Luke und auf einer Party passiert s. Leider macht irgendwer davon ein Foto, das per Handy in Nullkommanichts jeder in der Schule erhält. Und die Eltern. Und die Schulleitung. Und die Lehrer. Ein ganzes Jahr trägt sie an dieser Last, erst beim Abschlussball offenbart sich der Fotograf. Nie hätte sie das vermutet - aber auch keinem anderen hätte sie verzeihen können. Die Ich-Erzählerin entdeckt sich selbst und ihre Gefühle, mit denen der anderen hat sie noch ihre altersgemäßen Schwierigkeiten. Anfangs drei, später sind es fünf Freundinnen, die sich gegenseitig ärgern, sich amüsieren und sich aufklären, berichten und Abenteuer aushecken. Mit Audrey gemeinsam müssen sie feststellen, dass ein Foto, das heutzutage schnell herumgereicht ist, die ganze Welt auf den Kopf stellen kann. Aber Audrey ist fast 17, sehr selbstbewusst und kritisch; sie geht mit der Veröffentlichung des Fotos so souverän um, wie es nur irgendmöglich ist, und hat bald wieder das Image der Top- Schülerin. Nur mit ihrem Vater ist das anders. Der ist völlig konsterniert, dass a. seine Tochter nicht mehr das kleine Mädchen ist und b. sie sich durch die Unbedachtheit ihre ganze Zukunft verbauen könnte. Das renkt sich letztlich ein, aber erst spät muss Audrey erkennen, dass das Foto gemacht und verbreitet wurde, weil sie - wie alle ihre Freundinnen - pubertär quatschend über andere hergezogen ist, Vorurteile weitertratschte und den Ruf anderer zu ruinieren half. Der Rachefeldzug war dann sehr schmerzlich für sie - gleichzeitig muss sie erkennen, dass ein Mädchen mit einem solch untadeligem Ruf (und konsequentem Verhalten hernach) kaum so in den Schmutz gezogen werden kann wie ein Mädchen, das mit ungleich schlechteren Startbedingungen in den Verruf geriet.

10 Seite 10 von 12 Die grenzenlose Öffnung des Internets birgt völlig neue Chancen aber auch Gefahren. Caroline B. Cooney, Code Orange Aus dem amerikanischen Englisch von Michael Kohlhammer Kosmos, Stuttgart 2009 Taschenbuch, 220 Seiten, 12,95 ISBN Ab 14 Jahre Mitty Blake ist alles andere als ein ehrgeiziger Schüler. Ausgerechnet er muss ein Referat über Pocken schreiben und dafür Bücher lesen! Erst spät fällt ihm auf, dass er in einem alten Buch auf echten Pockenschorf aus dem Jahre 1902 gestoßen war. Dass der ihn vielleicht nicht mehr infizieren könnte, fällt ihm nicht ein, wohl aber auf, dass er nach und nach alle anfangs unscheinbaren Symptome einer Erkrankung zeigt. Er veröffentlicht seinen Fund im Internet und bekommt postwendend, nein, man muss hier ja sagen, nach wenigen Clicks, Antworten von Leuten, die ihm immer dubioser vorkommen. Bis hier erzählt die Autorin auktorial eng am Helden entlang, so dass man amüsiert seinen coolen Gedankengängen folgt - und springt jetzt an einen anderen Schauplatz: Mitty ist spurlos verschwunden und das FBI taucht in der Schule auf, um ihn zu suchen. Wie das? Das FBI wurde von Mittys Internetfrage informiert und alarmiert. Aber nicht nur der Geheimdienst, sondern auch dubiose Ausländer - bis zum Schluss bleibt unklar, welcher Art -, die Mitty entführen und seine Pockenpusteln abernten wollen, um mindestens New York damit zu erpressen, warum auch immer. Neben einer spannenden Krimihandlung und einer amüsanten Schulgeschichte um eine Gruppe von sich absolut cool gebenden Schülern (die aber keinerlei Kontakte zu ehrgeizigen, fleißigen und schönen Schülerinnen scheuen) birgt diese Entführungsgeschichte einen nachdenkenswerten Teil: Es gibt zwar keine Pocken mehr - aber was wäre, wenn sie doch noch irgendwie wieder aufträten? Noch werden Erreger der einzigen völlig ausgerotteten Krankheit in Hochsicherheitslaboren gehütet. Aber was geschehen kann, wird auch eines Tages geschehen. Und dann? Dieses Problem lässt sich mühelos auf andere Bereiche übertragen und bietet endlose Diskussionsvorlagen für jeden Bereich.

11 Seite 11 von 12 Mobbing per Internet, Slapping-Videos: beklemmend Christian Linker, Blitzlichtgewitter DTV, München 2008 Taschenbuch, 224 Seiten, 7,95 ISBN Ab 14 Jahre Frust, weil Becca mit ihm Schluss gemacht hat, ein paar Bier zu viel und die einmalige Gelegenheit, sich zu rächen: Fabian schnappt sich sein Handy und macht von Becca fiese Fotos, die am nächsten Tag für alle im Internet zu sehen sind. Mit dramatischen Folgen: An der Schule Handyverbot für alle, Becca verschwindet, und gegen Fabian ermittelt das LKA. Der Vorwurf: die Fotos von Becca und ein widerwärtiges Happy Slapping Video, das ihm irgendwer anhängen will Ein toller Roman von Christian Linker, dessen Jugendbücher in den letzten Jahren mit schöner Regelmäßigkeit auf renommierten Empfehlungs- und Preislisten gelandet sind (Die ZEIT, Luchs-Jury, Hans-Jörg-Martin-Krimipreis). Dieser Jugendkrimi ist von höchster Aktualität und behandelt die Allmacht von Handys, von schamlosem Missbrauch des Internets und von Lust an Kontrolle und Gewalt über andere Jugendliche mit Hilfe dieser Medien. Die Erwachsenen stehen dem hilflos gegenüber, Eltern und Schule gleichermaßen. Das Mitleid von Fabians Mutter scheint streckenweise aus feministischer Sicht mehr Becca zu gelten, die nackt mit dem Wort "Schlampe" im Internet zu sehen ist, als ihrem Sohn. Konsequenz von Seiten der Erwachsenen erfolgt nur auf strafrechtlicher Ebene. Die Schüler gehen auf ein Gymnasium, dessen Schulleitung das Handyverbot, das es zunächst ausspricht, auf Druck der Schüler zurücknimmt. Schüler mit Migrationshintergrund kommen nicht vor. Die Sprache des 15-jährigen Ich-Erzählers ist zeitgemäß und echt, unter dieser Prämisse sind auch derbere Ausdrücke zu sehen und zu akzeptieren. Das Erzähltempo ist rasant, der Spannungsbogen stringent. Der Leser tappt bis zu dem sehr dramatischen Ende im Dunkeln, wer dahinter steckt, dass Fabian auch die Schuld an den Happy Slapping Video gegeben wird: Warum macht jemand, der weiß, wie weh es tut, gequält zu werden, genau das bei anderen? Für 8., 9. oder 10. Klassen ein sehr geeigneter Lesestoff, der bestimmt zu fruchtbaren, interessanten Diskussionen anregt.

12 Seite 12 von 12 Was, wenn Computerspiel und Realität nicht mehr zu trennen sind? Ursula Poznanski, Erebos. Thriller Loewe, Bindlach 2010 Gebundene Ausgabe, 485 Seiten, 14,90 ISBN Ab 12 Jahre Das geheime Computerspiel Erebos wird an Nicks Schule weitergereicht. Niemand darf darüber sprechen. Als Nick es bekommt, ist er zunächst misstrauisch und dann begeistert. Besessen versucht er, ein Level nach dem nächsten zu erklimmen. Dazu muss er seltsame Aufgaben im wahren Leben lösen. Bis er eines Tages den Auftrag erhält, einen Lehrer zu töten In diesem Jugendroman, zwischen Fantasy und Realität angesiedelt, entwirft die österreichische Autorin Ursula Poznanski ein beklemmendes Szenario: Was, wenn jemand Jugendliche durch ein Computerspiel so manipuliert, dass sie ihm auch im wirklichen Leben gehorchen? Ist das für den Leser nachvollziehbar? Ist es technisch möglich, dass ein Spiel sich so in das persönliche Leben der Spielenden einklinkt, dass geheimste Details herausgefunden werden? Und diese dann für sich nutzt? Im Zeitalter des gläsernen Computermenschen scheint das alles andere als abwegig. Sprachlich ist der Roman zweigeteilt. Nicks reale Welt ist die des Imperfekts: Spielsucht, wachsende Angst vor Erebos, Entsetzen über den schweren Unfall eines Freundes und schließlich der Schlag gegen Erebos werden in diesem Tempus ausgedrückt. Für die Welt des Computerspiels, dem Spiel World of Warcraft nachempfunden, hat die Autorin das Präsens gewählt. In beiden Tempi herrscht die auktoriale Erzählhaltung. Am Ende einiger Kapitel wechselt der Roman plötzlich in die Ich-Person. Zunächst bleibt unklar, wer hier spricht, aber zunehmend wird deutlicher: Der allmächtige Erebos kommt selbst zu Wort. Erebos, in der griechischen Mythologie Gott und Personifikation der Finsternis, ist nur einer von verschiedenen Hinweisen auf die griechische Mythologie, die Nick (und der Leser) entdecken. Von Laokoon und Troja ist die Rede, von Hades und anderen. Das hat mir ebenso gefallen wie die originelle Idee der Autorin, die lokale Auslegung des Computerspiels an die U-Bahnstationen von London, wo der Roman spielt, anzulehnen. Cassen Jan Harms, Tania Krätschmar, AJuM Berlin für

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