Handeln, d.h. verkaufen oder kaufen können an

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1 Werner Schmid Aufgaben und Funktionsweise von Warenterminbörsen für Agrargüter am Beispiel der Teil 4: Die Beteiligten im Handel Börse, Broker, Clearingbank und Handelsteilnehmer Die Börse ist lediglich die Handelsplattform, sie schließt selbst keine Geschäfte ab. Sie bietet somit Anbietern und Nachfragern einen Platz, an welchem sie nach vorgegebenen Regeln Geschäfte mit bestimmten Produkten machen können. Dafür verlangt sie Gebühren, aus denen sie sich zum Teil finanziert. Börsen stehen unter staatlicher Kontrolle. Bisher erschienen: Teil 1: Landinfo 1/2013 Teil 2: Landinfo 2/2013 Teil 3: Landinfo 4/2013 Abbildung 1 Links zum Thema Warenterminbörse Interessante LINKS zum Thema Warenterminbörsen Warenterminbörsen (Auswahl) (Paris) EUREX (Frankfurt) CME-Group (mit ) ICE-Group (mit WCE) Handeln, d.h. verkaufen oder kaufen können an der Warenterminbörse nur zugelassene Händler (Broker). Für die Zulassung und die Möglichkeit, an der Börse zu handeln, bezahlen diese ebenfalls Gebühren an die Börse. Wer als Handelsteilnehmer an der Börse aktiv werden will, muss sich eines zugelassen Brokers bedienen. Für den Agrarbereich gibt es dafür eine knappe Hand voll Brokerbüros in Deutschland (links in Abb.1). Man kann sich natürlich auch einer Handelssoftware bedienen und hat den Eindruck, direkt an der Börse zu handeln. Tatsächlich steht aber hinter der Software z.b. eine Bank, welche das Programm zur Verfügung stellt und im Hintergrund als Broker für den Anwender der Software tätig ist. https://globalderivatives.nyx.com/en/commodities/nyse-liffe/contract-list https://www.theice.com Brokerbüros (Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, ohne Gewähr) H. Jürgen Kiefer GmbH Kaack -Terminhandel GmbH VR Agrarberatung DE VRIES & WESTERMANN B.V. Allgemeine Informationen (Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, ohne Gewähr) boerse.de Finanzportal GmbH boerse.de Finanzportal GmbH Der Börsenbauer Futures.Quote.com Für die administrative Abwicklung der Kontrakte und vor allem die tägliche Gewinn- und Verlustberechnung, die entweder zu einer Abbuchung oder einer Einzahlung auf das jeweilige Börsenkonto führt, ist die Clearingbank zuständig. Für ihre Dienstleistung erhebt sie Gebühren. Sie haftet auch für den Fall, dass ein Marktteilnehmer aufgrund von Zahlungsunfähigkeit ausfällt. Ihre Haftungsrisiken begrenzt sie, indem für jeden gehandelten Kontrakt bei Geschäftsbeginn von jedem Handelsteilnehmer eine Sicherheitsleistung, der so genannte Ersteinschuss ( Initial Margin ) einbehalten wird. Dieser Ersteinschuss wird bis zum späteren Glattstellen des Kontrakts auf einem separaten Sperrkonto geführt. Er wird nach Glattstellung dem Marktteilnehmer wieder auf sein Handelskonto gut geschrieben. Die Höhe des Ersteinschusses wird von der Börse festgelegt und ggf. alle paar Wochen angepasst. Er bewegt sich bei Agrargütern im Bereich von 5-10 % des Warenwerts, ganz in Abhängigkeit der Volatilität, also den Preisschwankungen im Markt. Mit dem Verfahren der täglichen Gewinn- und Verlustberechnung (variation margin) auf der Abrechnungsbasis des Settlement-Kurses und einer damit verbundenen täglichen Gutschrift bzw. Lastschrift auf den Handelskonten sämtlicher Handelsteilnehmer stellt die Clearingbank jeden Tag sicher, dass die Beteiligten auch in der Lage sind, ggf. ihren Verpflichtungen nachzukommen, sollten die Kurse die falsche Richtung nehmen. Zudem besteht durch diese Verfahren für jeden Handelsteilnehmer zu jedem Zeitpunkt die Möglichkeit, einen Kontrakt problemlos glatt zu stellen. Für den Handelsteilnehmer mit dem Ziel der Absicherung, den so genannten Hedger, sei es der 30 Landinfo

2 Landwirt oder der Müller, kann es eigentlich egal sein, in welche Richtung sich die Kurse bewegen. Er hat den Preis abgesichert und am Ende des Geschäfts diesen auch ungefähr in der Tasche. Er kann an der Börse durch Kopplung der beiden Geschäfte Verkauf bzw. Kauf der echten Ware und Absicherungsgeschäft an der Warenterminbörse, wie oben dargestellt, eigentlich weder Gewinn noch Verlust machen, wenn er auf eine saubere parallele Abwicklung beider Geschäfte achtet (siehe Teil 3). Der Absicherer muss mit Blick auf das Handelskonto lediglich darauf achten, dass, sollten die Kurse für ihn in die falsche Richtung laufen, er dieses nicht ins Minus fallen lässt. Dies gewährleistet man am besten dadurch, dass man der Clearingbank eine Abbuchungsermächtigung auf das Betriebskonto gibt und darauf ist besonderes Augenmerk zu legen vor dem Absichern an der Warenterminbörse dieses Geschäft mit seiner Hausbank bespricht. Grundsätzlich sollte ein Vertragsabschluss mit guten Preisen auch den Zielen der Hausbank entgegenkommen. Deshalb ist in Absprache mit der Hausbank dafür Sorge zu tragen, dass die Clearingbank unabhängig von der Liquidität des betrieblichen Kontos bei der Hausbank jederzeit für einen so genannten margin-call Geld vom Betriebskonto per Lastschrift einziehen kann. Würde die Hausbank die Abbuchung verhindern, wird die Clearing-Bank, in der Vermutung, dass der Handelspartner nicht mehr liquide ist, unweigerlich die Zwangsglattstellung der Kontrakte durchführen. Für den Kunden hätte dies zu Folge, dass er seine Absicherung verliert, sämtliche Verluste wären von ihm zusätzlich zu tragen. Die Clearingbank würde anschließend ihre Verluste aus dem Ersteinschuss decken. Lediglich ein eventuell verbleibender Restbetrag würde dem Handelsteilnehmer erstattet. Sehr ähnlich stellt sich die Situation für die zweite, meist größte Gruppe an Handelsteilnehmern, die Spekulanten dar. Auch sie müssen beim Handel an der Warenterminbörse den Ersteinschuss bringen, auch ihre Kontrakte werden börsentäglich mittels Settlement-Kurs verrechnet mit der Konsequenz, dass bei Kursverläufen zugunsten des Spekulanten eine Gutschrift auf dem Handelskonto erfolgt, im umgekehrten Fall das Konto belastet wird. Der wesentliche Unterschied des Spekulanten zum Hedger ist, dass er weder Ware besitzt noch besitzen will, und damit keine Absicherung betreibt, sondern lediglich von für ihn günstigen Kursveränderungen profitieren will. Ob diese Veränderungen dann eintreten, ist reine Spekulation. Spekulanten verfolgen dabei eine Vielzahl von Strategien, beziehen in ihre Entscheidungen nicht nur fundamentale Daten (Anbaustatistiken, Ernteschätzungen, Wetterprognosen, etc.) ein, sondern arbeiten ggf. auch mit Instrumenten der Chartanalyse. Sie engagieren sich oftmals nur sehr kurzfristig im Markt, häufig nur über einen Tag (daytrader), indem sie am Vormittag Positionen eröffnen und während des Tages, zumindest aber vor Handelsschluss, wieder schließen. Auch die typischen Gewinnmitnahmen, von denen an Freitagen oftmals die Rede ist, sind ein Phänomen des Verhaltens von Spekulanten. Neben Hedger (klassische Absicherer) und Spekulanten gibt es noch einige Sonderformen von Handelsteilnehmern wie Arbitrageure und Spread-Trader. Arbitrage bezeichnet das Ausnutzen von Preisunterschieden für gleiche Waren auf verschiedenen Märkten. Im Grunde sorgt der Arbitragehandel dafür, dass der Weizenpreis an allen Märkten der Welt währungsbereinigt synchron läuft. Die Spread-Trader konzentrieren sich dagegen auf den Preisunterschied von Futures, die in verschiedenen Monaten fällig werden, aber auch auf Preisunterschiede in verwandten Märkten (z.b. Mais und Weizen). Die Rolle der Spekulanten Keine funktionierende Börse ohne Spekulanten. Wenn Weizen mit hohem Kurs notiert, also teuer ist, gibt es in der Regel viele Landwirte, die Verkaufsbereitschaft zeigen. Das Kaufinteresse der Verarbeiter wird sich aber, in der Hoffnung auf günstigere Preise, auf das Notwendigste beschränken. Gleiches gilt in der umgekehrten Situation mit anderen Vorzeichen. Hier kommen die Spekulanten ins Spiel, die Weizen auch in solchen Situationen noch kaufen, in der Meinung, dass dieser knapp ist und morgen, in einigen Tagen oder Wochen noch viel teurer sein wird. Nur so bleibt der Kontrakt liquide, werden ausreichend Umsätze gemacht, die ein Einpendeln des Preises ermöglichen. Werden die Kurse bei Agrargütern von Spekulanten gemacht? Festgestellt werden kann: Folgt man der Meinung, dass globales Wirtschaften und globaler Güteraustausch den Weg der Zukunft darstellen, so sind Warenterminbörsen unverzichtbar. Allein die weltweite Preistransparenz, gleichartig für alle Absicherer müssen darauf achten, dass sie bei sinkenden Kursen nicht ins Minus fallen. Damit die Clearingbank rechtzeitig reagieren kann, muss die Hausbank unbedingt informiert werden. Spekulanten handeln häufig gegen den allgemeinen Trend und halten so die Kontrakte liquide. Landinfo

3 Abbildung 2 Entwicklung von Weizenkurs, Open Interest und Volume im Juli und August 2010 an der und der Weizen-Kurs Marktteilnehmer, ob Exporteur, Großhändler oder Landwirt, mit Unterstützung der heutigen Kommunikationstechniken sogar bei der Arbeit auf dem Feld, wirkt sich dahingehend aus, dass Preise sich entlang fundamentaler Daten einpendeln können. Damit dies so funktionieren kann, sind aber im Agrarbereich weltweit agierende, neutrale Institutionen vonnöten, die ein ehrliches und möglichst zuverlässiges Bild der Marktgegebenheiten sowohl im Angebotsbereich (Anbaufläche, Ertragsprognosen und Bestandsschätzungen) als auch im Nachfragebereich (Nahrungs-, Futter-, Energiekonsum) abgeben können und frei veröffentlichen. Marktakteure, Hedger wie Spekulanten, können die Impulse fundamentaler Daten im Agrarbereich, die sich von Tag zu Tag ändern können, nicht nachhaltig negieren, ohne Gefahr Open Interest Ende März Ende April Ende Mai Ende Juni Ende Juli Ende August Ende September Ende Oktober Volume Juli August Sept. (Weizen, DEZ10) Settlementkurs (US-Cent / bushel) 524,25 148,50 (Mahlweizen; NOV10) Settlementkurs ( / Tonne) 693,75 195,25 723,50 207,75 709,75 204,25 755,50 209,00 815,25 223,50 755,25 209,50 743,25 213,25 685,75 227, zu laufen, möglicherweise beim Platzen einer Blase erhebliche Verluste hinnehmen zu müssen. Und die Blase platzt spätestens, wenn die nächste Ernte eingefahren wird. Wichtigste Aufgabe der Warenterminbörsen neben der Markttransparenz ist, wie zu Beginn des Artikels beschrieben, ihre Funktion, als Marktpartner dann bereitzustehen, wenn der physische Markt keinen Handelspartner bietet. Ein klassisches Beispiel dazu war am 05. August 2010 zu beobachten. Wladimir Putin verkündete den Exportstopp für russischen Weizen als Reaktion auf die Missernte, ausgelöst durch die verheerenden Brände in der gesamten Schwarzmeerregion, insbesondere in Russland. Damit brachen dem Weltgetreidehandel nach Expertenschätzungen ohne Vorwarnung zum Teil bereits getätigte Einkäufe am Schwarzen Meer von Mio. t weg. Das sind rund 10 % des üblichen jährlichen Welthandelsvolumens für Weizen. Die Händler hatten mit einem Schlag ein massives Problem mit offenen Positionen, denn sie hatten die am Schwarzmeer über Vorkontrakte eingekaufte Ware auch bereits in großen Teilen verkauft. Zudem war klar, dass die noch im 1. Halbjahr vorherrschende Erwartung, die Schwarzmeeranrainer hätten ein Exportpotential von rund 36 Mio. t Weizen, sich nicht erfüllen würde. Es wurde noch mit max Mio. t gerechnet. Die Schwierigkeit in dieser Situation war, dass Ware in diesem Umfang am physischen Markt nicht kurzfristig zu bekommen war, zumal es zusätzlich die europäische Ernte verregnete und Überschwemmungen in Kanada sowie schlechte Ernteprognosen für die USA das Problem verschärften. Und die Verkäufer wussten auch, dass Ware knapp werden wird. Als praktisch einzige Alternative bot sich an, die fehlende Ware auf Termin an den Warenterminbörsen der Welt zu kaufen. Dass dies auch so geschehen ist, zeigen die Daten in Übersicht 2. Anfang Juli 2010 schätzten die Analysten die Lage am Weltgetreidemarkt noch gänzlich anders ein. Sie gingen von einer weltweit guten Ernte aus, die Weizenpreise sowohl in Paris (148,50 /t) als auch in Chicago (524,25 Cent/bushel) lagen auf einem verhältnismäßig niedrigen Niveau. Im Laufe des Juli, spätestens aber mit der neuen Getreideschätzung des USDA (amerikanisches Agrarministerium) in der 2. Juliwoche wurde langsam klar, dass die Schwarzmeerstaaten ein massives Trockenheits-Problem haben und dass deren Ernte bei weitem nicht so gut ausfallen würde, wie bislang angenommen. In weiser Voraussicht deckten sich 32 Landinfo

4 viele Getreideexporteure und Müller mit Getreide ein, indem sie auch auf Termin an den Börsen kauften. Das Open Interest in Chicago legte gegenüber dem Vormonat im Juli um rund Kontrakte zu. Das heißt es wurden für rund 7 Mio. t Weizen zusätzliche Kontrakte geschlossen. Damit waren alleine in Chicago Ende Juli rund 70 Mio. t Weizen unter Vertrag. Ähnlich deutlich war der Zuwachs in Paris. Laut Statistik wurden gegenüber dem Vormonat Juni im Juli 2011 zusätzliche Kontrakte mit einem Volumen von 4 Mio. t Weizen gehandelt. Da sich an den Märkten nicht nur Hedger, sondern auch Spekulanten bewegten, lag die Zahl der gehandelten Kontrakte (Volume) um ein Vielfaches über dem bloßen Zuwachs des Kontraktbestands (Open Interest). Im Juli wurden in Chicago knapp 2,4 Mio. Vertragsbewegungen (Volume) gezählt, davon waren Mio. Neuverträge und 1,175 Mio. Glattstellungen, so dass zu Monatsende das Plus von zusätzlichen Kontrakten zu verzeichnen war. Ähnlich an der. Hier wurden im Juli rund Bewegungen gezählt, davon Neuverträge und Glattstellungen, denn insgesamt konnte im Juli ein Bestandszuwachs von Verträgen auf knapp verzeichnet werden. Ähnliche Vorgänge waren auch in den Folgemonaten zu beobachten. Besonders hektische Verhältnisse herrschten an den Börsen im August, insbesondere am 05. August 2010, als Russland den Exportstopp bekanntgab. An diesem Tag wurden allein in Paris über Weizenkontrakte gehandelt, an einem durchschnittlichen Handelstag sind dies dort für Weizen zwischen bis In Summe, betrachtet man die Preisverläufe im dritten Quartal 2010, hat der Welthandel die massive Angebotsverknappung, ausgelöst durch die Zerstörung großer Teile der Ernte in den Schwarzmeerländern, noch ganz gut bewältigt. Zwar lagen die Preise Ende August deutlich über dem Niveau von Anfang Juli, aber die Preisspitze am 5. August konnte vor allem auch durch intensive Nutzung der Absicherungsmechanismen der Warenterminbörsen wieder eingefangen werden. Eine zentrale Rolle in diesem Fall im positiven Sinne nahmen dabei die Spekulanten ein, denn deren Engagement verhinderte dass die Preise ins Unendliche schossen. Trotz steigender Preise waren die Spekulanten noch bereit, Kaufkontrakte am Terminmarkt zu handeln, in der Hoffnung auf bald wieder fallende Kurse, um so Spekulationsgewinne realisieren zu können. Da Spekulanten oft mehrmals täglich in einen Markt gehen und auch wieder heraus handeln, kommen hohe Volume-Zahlen zustande. Ohne das Engagement der Spekulanten am Terminmarkt wäre es den Welt-Getreidehändlern sicherlich schwergefallen, ihre am 5. August 2010 offen gestellten Positionen zu decken. Denn Erzeuger waren verständlicherweise in diesen Wochen und Monaten nur sehr spärlich bereit zum Verkauf, in der Erwartung oder zumindest Hoffnung auf noch höhere Preise. Allerdings und das lässt sich anhand mehrerer Beispiele ebenfalls sehr gut nachvollziehen, gab es in den vergangenen Jahren durchaus auch Situationen, in denen Einflüsse des Kapitalmarkts zu deutlichen Ausschlägen im Bereich der Terminkontrakt-Kurse geführt haben. So brachen z.b. ausgelöst durch die Kapitalmarktkrise im März 2008 weltweit die Weizenkurse ein. An der war ein Sturz von knapp 220,- auf 180,- /t zu verzeichnen. Spekulative Anleger litten, bedingt durch die hohen Verluste an den Kapitalund Immobilienmärkten, unter erdrückender Liquiditätsknappheit. Aus diesem Grund wurde auch das im Agrarbereich gebundene Kapital flüssig gemacht, mit der Auswirkung, dass die Kurse einbrachen. Allerdings erholten sich die Agrarkurse innerhalb weniger Wochen wieder. Letztlich brach der Weizenkurs in diesem Jahr aber dann bis zur Ernte doch noch auf ein Niveau zwischen 120 bis 140 /t ein. Dieses aber nicht als Folge der Kapitalmarktkrise, sondern schlicht wegen der Superernte 2008, mit welcher es gelang, die knapp gefüllten Getreidelager wieder prall zu füllen. Ein ähnlicher Effekt konnte im März 2011 beobachtet werden. In den Tagen und Wochen nach dem verheerenden Unglück in Fukushima entzogen Anleger den Märkten Kapital. Innerhalb weniger Wochen war dieser Effekt an den Agrarmärkten jedoch wieder verflogen. Im Gegensatz zu 2008 befanden sich 2011 die Preise in Richtung Ernte nicht im Freien Fall, da die weltweite Versorgungsprognose nur ein knapp ausgeglichenes Ergebnis zeigt. Praktisch im gesamten 2. Halbjahr 2011 pendelte Weizen in einem Korridor zwischen 170 bis 190 /t. Betrachtet man die Agrarmärkte, so lässt sich feststellen, dass die grundlegenden Preisverläufe stark von den fundamentalen Daten geprägt werden. Hohe Ernten bzw. die Vorschätzung hoher Ernten führen tendenziell zu fallenden oder niedrigen Preisen. Umgekehrt wirkt eine (prognostizierte) Angebotsknappheit bei einem zunehmenden Bedarf und dadurch weiter steigender Nachfrage für Nahrung, Futter und Energie zwangsläufig zu tendenziell steigenden Preisen. Einflüsse des Kapital- Situationen auf dem Kapitalmarkt können zu deutlichen Ausschlägen bei den Terminkontrakt- Kursen führen. Grundlegende Preisverläufe werden stark von den fundamentalen Daten geprägt. Landinfo

5 Warenterminbörsen dienen der Wirtschaft als Absicherungsinstrument gegen unkalkulierbare Risiken und bringen Markt- und Preistransparenz für Erzeuger und Abnehmer. Werner Schmid LEL Schwäbisch Gmünd Tel / marktes oder der Spekulanten als Akteure aus diesem Bereich sind sicherlich gegeben. Sie können, nicht zuletzt weil auch fundamentale Daten aufgrund der Vorschätzung einen gewissen spekulativen Charakter innehaben, sicherlich den Markt in die eine oder andere Richtung kurzzeitig überzeichnen. Denn niemand weiß im Voraus, wie die Ernte im nächsten Jahr tatsächlich ausfällt, selbst dann nicht, wenn die Aussaatflächen bekannt sind. Letztlich sind die Agrarmärkte dadurch geprägt, dass die Karten quasi von Tag zu Tag neu gemischt werden und die Wahrheit zum Ende der Kontraktlaufzeit, spätestens zur nächsten Ernte auf den Tisch kommt. Wer zu teuer eingekauft hat, muss am Ende den Verlust tragen. Wobei immer bedacht werden muss: Der Absicherer macht mit einem Absicherungsgeschäft an der Warenterminbörse weder Verlust noch Gewinn. Beim Spekulanten stellt sich dies völlig anders dar. Zusammenfassung Die Warenterminbörsen, auch bei Agrargütern, nehmen zwei wesentliche Funktionen in Rahmen des globalen Wirtschaftens wahr. Zum einen dienen sie der Wirtschaft als Absicherungsinstrument gegen unkalkulierbare Risiken, zum anderen bringen sie eine nicht zu unterschätzende Marktund Preistransparenz in den Markt. Durch die Möglichkeit der Entkoppelung des Preisfindungszeitpunkts für eine Ware von den jeweils vorherrschenden aktuellen Gegebenheiten des realen Marktes (aktuelles Überangebot, aktuelle Knappheit) wirken Warenterminbörsen dämpfend auf Preisschwankungen. Damit Warenterminmärkte gut funktionieren, ist es notwendig, dass die gehandelten Futures liquide sind. Denn nur liquide Kontrakte bieten relative Sicherheit gegen Preismanipulationen und den Akteuren die Möglichkeit, jederzeit zu eröffnen und zu schließen. Um Liquidität zu schaffen, sind Spekulanten unverzichtbar. Denn welcher Müller kauft schon Weizen für das nächste Jahr, wenn dieser sehr teuer ist? Oder welcher Landwirt verkauft Weizen, wenn dieser praktisch nichts einbringt? Spekulanten nehmen- zwar aus einer völlig anderen Motivationslage heraus - diese Gegenpositionen ein, weil Sie sich dadurch einen Gewinn erhoffen. Agrarmärkte, und damit auch die Vorgänge an den Terminbörsen für Agrarprodukte, unterscheiden sich von anderen Rohstoffen dadurch, dass sich die fundamentalen Daten laufend relativ unvorhersehbar verändern können. Hinzu kommt, dass es bei pflanzlichen Produkten zumindest jedes Jahr, meist sogar jedes halbe Jahr (Ernten auf der Nord- bzw. Südhalbkugel) eine neue Ernte gibt. Denn in Zeiten hoher Preise werden kleinere oder ertragsschwache Flächen auch bestellt, während diese bei schlechten Erlösaussichten aus der Produktion genommen werden. Bei tierischen Produkten folgen die Produktionszyklen anderen Gesetzmäßigkeiten und sind zumeist länger. Die Kurse für Agrarfutures orientieren sich sehr stark an den fundamentalen Daten im Markt. Da man aber auf zukünftige Termine handelt, haben die verfügbaren fundamentalen Daten (Vorschätzungen) selbst auch einen spekulativen Charakter. Witterungseinflüsse stellen dabei den größten Unsicherheitsfaktor dar. Um aber völlig unkontrollierbaren Spekulationen, d.h. maßlosen Über- oder Untertreibungen im Markt, entgegenwirken zu können, sind zuverlässige, transparente und hochaktuelle weltweite Marktinformationen zu Angebots- und Nachfrageentwicklungen erforderlich. Liegen solide Statistiken und Schätzungen vor, gibt es nahezu nur noch das Wetterrisiko, das zum Spekulieren oder zum Absichern Anlass gibt. Vor dem Hintergrund der Forderung nach stärkeren Regulierungen an den Kapitalmärkten, auch an den Warenterminbörsen für Agrarprodukte, sollte man sich auch immer deren Nutzen vor Augen führen. Eine abschließende Bewertung zu diesem aktuell sehr kontrovers diskutierten Thema soll und kann hier nicht abgegeben werden. Sollte man aber zum Schluss kommen, dass die Vorteile von Warenterminbörsen im Agrarbereich die Risiken überwiegen, müssen Regulierungen vermieden werden, welche die Funktion dieser Institutionen beeinträchtigen oder gar schädigen. Insofern muss die Diskussion um beschränkte Zulassung von Spekulanten, seien es auch nur die Positionslimits, mit Bedacht geführt werden. Maßnahmen zur Verbesserung der Transparenz des Handelsgeschehens, wie es die CFTC-Reports (Commitments of Traders Report) in den USA bieten, wären sicherlich auch an europäischen Terminmärkten wünschenswert. Teilweise werden solche Reports von der NYSE Euronext für einige Produkte bereits auf freiwilliger Basis auf den Internetseiten der Börse veröffentlicht. Auch eine Einführung von Limits für maximale tägliche Preisschwankungen, um überhitzte Reaktionen der Märkte abzufedern, wäre zu begrüßen. 34 Landinfo

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