O-Ton Video: Dann möchte ich mal sagen, viel Spaß und bis zum nächsten Mal!

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1 1 Leonardo - Wissenschaft und mehr Sendedatum: 18. Juni 2015 Klassenzimmer 2.0? Tablets im Schulunterricht von Johannes Döbbelt O-Ton Lehrerin: Dann starten wir jetzt, bitte holt mal alle euer ipad raus. Mathe-Unterricht in der 7. Klasse des Montessori-Gymnasiums in Köln. Ihr könnt das E-Book schon mal auf Seite 13 aufschlagen, bitte. In wenigen Sekunden schalten die Schüler ihre ipads ein, öffnen das digitale Schulbuch und wischen sich auf dem Display zur richtigen Seite. O-Ton Schüler: Also wir sollen jetzt die absoluten und relativen Häufigkeiten in einer Tabelle in einem Buch auf dem ipad, das digital ist, eintragen. Und da muss man auch etwas ausrechnen und deswegen hat man hier direkt einen kleinen Taschenrechner, ja. Eine Taschenrechner-App, versteht sich. Zur Vorbereitung auf die Aufgabe gucken sich die Schüler aber erst mal ein Lernvideo an, das in ihrem E-Book eingebunden ist. Jeder schaut für sich, mit Kopfhörern im Ohr. O-Ton Video: Wenn über Prozent geredet wird, kannst du das eigentlich eins zu eins ersetzen durch Hundertstel.

2 2 Das Video erklärt die einzelnen Rechenschritte in der Prozentrechnung. Manche Schüler machen sich Screenshots von Stellen, die sie sich merken wollen. O-Ton Video: Dann möchte ich mal sagen, viel Spaß und bis zum nächsten Mal! Seit Anfang des Schuljahres ist die 7c eine von zwei Tablet-Klassen am Kölner Montessori-Gymnasium. Das heißt: Alle Schüler haben ihr eigenes ipad, das sie in fast allen Fächern einsetzen. Fürs Rechnen mit speziellen Mathematik-Apps, fürs Vokabeln-Lernen in Englisch oder für das Erstellen von aufwändigen Präsentationen in Erdkunde. Fertige Aufgaben speichern die Schüler in einem Online-Speicher, einer Cloud, wo der Lehrer oder die Lehrerin die Ergebnisse direkt abrufen und kontrollieren kann. O-Ton Schüler 1: Ich finde an den ipads auch gut, dass man jetzt für Projekte oder so einfach im Internet schnell recherchieren kann und nicht jetzt immer mit der ganzen Klasse in den Computerraum muss. O-Ton Schüler 2: Am Anfang der Stunde ist es immer so: Ja, hoffentlich machen wir jetzt was mit dem ipad, dann hör ich vielleicht mal mehr zu. Aber, wenn wir dann nichts mit dem ipad machen, hör ich dann eher doch nicht so viel zu. O-Ton Schüler 3: Ich finde vor allem gut, dass man sehr effektiv Vokabeln lernen kann und damit macht es auch viel mehr Spaß, mit dieser App, als einfach in sein Buch zu gucken und sich selbst abzufragen. Sara Kascherus kann das bestätigen. Sie ist die Mathelehrerin der beiden Tablet- Klassen und hat das ipad-projekt von Beginn an betreut.

3 3 Wir haben in der Reihe Geometrie zum Beispiel so kleine Lernvideos zum Thema Dreiecke zeichnen gemacht und gerade diese kreative Ader wird bei den Schülern gut geweckt und die sind da total motiviert dran, einen schönen Film zu erstellen, sind gleichzeitig aber auch motiviert, das noch mal zu verbessern. Bei einzelnen, klar, merkt man auch schon mal: Ich schreibe jetzt auch mal lieber ins Heft. Aber flächendeckend würde ich schon sagen, dass die Motivation deutlich gestiegen ist. Auch die ersten wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema deuten in diese Richtung. Bildungsforscher an den Universitäten Köln und Mainz haben mehrere Schulen bei der Einführung der Tablets und später im Unterricht begleitet. Der Befund: Die Schüler sind motivierter, verfolgen den Unterricht aufmerksamer und finden ihn meist abwechslungsreicher als ohne Tablet. Die neuen Geräte ermöglichen demnach auch besonders schülerzentrierten und individuellen Unterricht: Gerade mit den unterschiedlichen Lern-Apps können die Schüler sehr eigenständig arbeiten, in ihrem eigenen Tempo. Wenn sie etwas nicht verstehen, können sie innerhalb der App oder im Internet weiter recherchieren oder sich Lernvideos auch mehrmals anschauen. Aber führen Tablets auch zu besseren Leistungen in der Schule? Dazu, dass Schüler tatsächlich mehr lernen? Stefan Aufenanger, Professor für Erziehungswissenschaften und Medienpädagogik an der Uni Mainz, hat den Tablet-Unterricht etlicher Schulen wissenschaftlich begleitet und untersucht. Aber auch er kann diese Frage noch nicht eindeutig beantworten. Wir wissen aber durch Studien, die auch international durchgeführt worden sind, dass zum Beispiel schwache, lernschwache Schüler und Schülerinnen durch die digitalen Medien angeregt werden können, etwas besser zu verstehen, indem sie visualisiert etwas bekommen, dass sie selbstständig arbeiten können, dass sie etwas wiederholen können, was sie nicht verstanden haben. Es gibt aber auch sehr viele Studien, die zeigen keine Effekte. Ich denke, das wäre auch eine falsche Erwartung, die man da hätte: Man gibt digitale Medien oder Tablets in den Unterricht hinein und auf einmal haben alle Schüler und Schülerinnen bessere Noten.

4 4 Tablets ersetzen eben keine gute Unterrichtsplanung. Am Montessori-Gymnasium in Köln scheint die Arbeit mit den ipads mittlerweile gut zu laufen. Aber gerade zu Beginn des Projektes vor zwei Jahren gab es auch Probleme. Schulleiter Herbert Kalter, selbst Informatiklehrer und Tablet-Befürworter, erinnert sich an den Start der ersten Tablet-Klasse an seiner Schule. Das war eine muntere Klasse, sag ich mal, landläufig eine schwierige Klasse, mit hohen pubertären Schwingungen. Und da sind so fünf Jungs drin, die wirklich für jede Lehrkraft eine Herausforderung darstellen. Und das hat sich mit dem ipad natürlich noch mal richtig verstärkt. Das war uns vorher nicht klar. Hätte man im Vorhinein die Regeln da schon gewusst und einzementiert, wär s sicherlich handhabbarer geworden. Am Montessori-Gymnasium gibt es u.a. die Regel, dass die Schüler ihr Tablet in der Schule nur im Unterricht benutzen dürfen nicht in der Pause. Außerdem dürfen sie nur dann per WLAN ins Internet, wenn der Lehrer es erlaubt. Wer seine ipad-hülle schnell zuklappt oder die aktuelle Displayanzeige mit einer Wischbewegung hastig schließt, macht sich verdächtig und muss sich schon mal gefallen lassen, dass die Lehrerin im Internetbrowser überprüft, auf welchen Seiten man gerade noch unterwegs war. O-Ton Schülerin: Manchmal gerät man natürlich in Versuchung, das auch negativ zu nutzen, aber das hat sich seit Anfang des Schuljahres schon sehr verbessert. Manche gehen da im Unterricht dran und öffnen das aber jetzt hat sich das schon stark verbessert, also weil das ist ja jetzt normal und macht das kaum jemand mehr, weil man kann s ja auch zu Hause machen. Insgesamt hält sich die Ablenkung durch Tablets und ständig verfügbares Internet tatsächlich in Grenzen, zeigen die Studien aus Köln und Mainz. Bildungsforscher Stefan Aufenanger:

5 5 Das haben die Schülerinnen und Schüler auch selbst gesagt, dass dieser Effekt der Ablenkung nach vier bis sechs Wochen vorbei ist. Wenn ein guter Lehrer dann einen guten Unterricht macht, der die Schüler und Schülerinnen fordert, der sagt: Jetzt machen wir Gruppenarbeit und ihr müsst zum Beispiel hier im Chemieunterricht ein Experiment mal dokumentieren, indem ihr es auf Video aufnehmt und einen Bericht drüber schreibt und anschließend als Gruppe präsentiert, dann haben die gar keine Zeit das zu machen. Größere Probleme treten eher dann auf, wenn sich Schulen nicht ausreichend vorbereiten, bevor sie die Tablets einführen. Zum einen muss die Technik funktionieren, speziell das WLAN oft eine Herausforderung, wenn der kabellose Internetempfang durch die meist dicken Schulwänden hindurch bis in den entferntesten Klassenraum reichen soll. Und vor allem die Lehrer müssen natürlich gut vorbereitet werden. Am Kölner Montessori-Gymnasium konnte jeder Lehrer, der später per Tablet unterrichten wollte, im Vorfeld ausführliche Fortbildungen machen zum Beispiel zur Frage, wie man Tablets aus didaktischer Sicht richtig einsetzt. Vorbereitungen, die nicht immer so ausführlich stattfinden, sagt Stefan Aufenanger. Was mir in Deutschland immer wieder auffällt ist: Man gibt den Schulen Tablets oder schafft Tablets an, meistens 30, Klassensatz, und man geht sofort in den Unterricht hinein. Man gibt den Lehrern das vielleicht mal übers Wochenende mit und sagt: Bereite dich darauf vor. Internationale Erfahrungen zeigen, dass das überhaupt nicht ausreicht: Ich habe Schulen in den USA besucht, in denen die Lehrerinnen und Lehrer ein Jahr lang Zeit hatten, sich mit den digitalen Geräten, dort waren es Notebooks und auch Tablets, vorzubereiten, das Gerät kennenzulernen, die Technik kennen zu lernen, aber auch zu wissen, wie kann ich welche Medien, welche Anwendung in meinem Fach sinnvoll einsetzen. Die Untersuchungen der Mainzer Bildungsforscher zeigen: Wenn Lehrer für den Tablet-Einsatz kaum vorbereitet sind, bewerten die Schüler den Unterricht auch schlechter. Für die Tablet-Klasse am Montessori-Gymnasium gibt es eher andere, im wahrsten Wortsinn schwerwiegende Ärgernisse. Denn der Schulranzen ist trotz

6 6 Tablet kaum leichter geworden. O-Ton Schüler: Ich finde, es könnten die Hersteller von den Büchern noch mehr Bücher fürs ipad entwickeln. Die 7. Klasse hat bislang nur zwei digitale Bücher von Schulbuchverlagen, die 8. Klasse immerhin vier auf ihren Tablets. Das digitale Angebot der Verlage ist derzeit ziemlich begrenzt was auch an den zum Teil komplizierten Zulassungsverfahren für Schulbücher in den verschiedenen Bundesländern liegt. Mathelehrerin Sara Kascherus hat deshalb zusammen mit Kollegen von anderen Schulen und der Uni Köln eigene, multimediale E-Books fürs ipad entwickelt. Unter den Schulen tauschen wir uns da aus, dass wir die benutzen können, wo wir die haben, weil das den Kindern auch noch mehr Spaß macht als die digitalen Schulbücher, weil da einfach interaktive Übungen drin sind, wo die sich selber korrigieren können, wo mal ein Film drin ist, das ist halt viel abwechslungsreicher als eigentlich nur PDF-Dokumente, die dann als Schulbücher gelten. Der Tablet-Einsatz ist aber auch am Kölner Gymnasium nicht unumstritten. Viele Lehrer machen mit und nutzen auch Leihgeräte, die sich alle Klassen für eine oder mehrere Stunden ausleihen können. Andere sind dagegen und beteiligen sich nicht oder haben nach ersten Erfahrungen das Tablet wieder aus dem Unterricht verbannt, erzählt Schulleiter Herbert Kalter. Ich habe Kolleginnen, gerade in unserem Geschichtsprojekt, wo das Buch ersetzt werden sollte, die dann irgendwann das Projekt abgebrochen haben, weil sie mit den pubertären Schwingungen auch am Ende der Klasse 6 nicht mehr zurechtgekommen sind. Dann haben wir gesagt, dann lieber das Buch und wir können konzentriert arbeiten.

7 7 O-Ton Lehrerin: Wer diese interaktiven Übungen schon gemacht hat, beschäftigt sich danach bitte mit denen, die im Heft zu lösen sind, also Seite 18. Hefte, gedruckte Schulbücher und die Tafel kommen aber auch in der Tablet-Klasse noch häufiger zum Einsatz als man vielleicht denken könnte. Ein Tafelbild handschriftlich ins Heft zu übertragen bringt vermutlich mehr, als es einfach nur abzufotografieren. Bei Mathelehrerin Sara Kascherus gibt es auch mal ganz analoge Stunden, so wie früher, ohne Tablet. Gerade die Handschrift war mir persönlich auch noch wichtig, dass die das lernen und nicht verlernen vor allen Dingen und ich find s auch wichtig, dass noch verschiedene Medien zum Einsatz kommen, manche arbeiten vielleicht auch gar nicht mehr so gerne damit, oder, dass eine Abwechslung da drin ist, find ich schon ganz wichtig.

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