1. Das Lead-User-Konzept. 2. Transfer des ökonomischen Konzepts auf die Verwaltung

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1 Das Lead-User-Konzept in der Kommunalverwaltung Eine Potentialanalyse 1. Das Lead-User-Konzept 2. Transfer des ökonomischen Konzepts auf die Verwaltung 3. Die Potentiale des Lead-User-Konzepts in der Kommunalverwaltung 3.1 Voraussetzungen innerhalb der Kommunalverwaltung 3.2 Die Umsetzung 3.3 Bürgerbeteiligung 3.4 Open Data, Open Government 3.5 Mitglieder des Stadt- und Gemeinderates als Lead User in dreifacher Funktion 4. Fazit 1 Quellenverzeichnis 1. Das Lead-User-Konzept Nutzer von Produkten und Dienstleistungen, die für sich besondere Vorteile aus der Nutzung erwarten, sind in steigendem Maße fähig, die Erstellung dieser Produkte und Dienstleistungen in eigener Initiative zu forcieren. Diese Nutzer- und Kundengruppen haben ein erhöhtes Interesse, innovative Produkte und Dienstleistungen für sich selbst voranzutreiben, weil sie direkt davon profitieren. 1 Insofern können hochmotivierte, in den Erstellungsprozess involvierte Kundengruppen entscheidende Bedeutung für die Entwicklung und den Erfolg eines Produktes oder einer Dienstleistung haben. Das Lead-User-Konzept ist eine Methode mit starker Kundenorientierung zur Entwicklung neuer Produkte und deren Markteinführung, bei der auf die Erfahrung und das Expertenwissen bestimmter Kunden oder Kundengruppen aufgebaut wird mit dem Ziel, dass Neuerungen tatsächlich den Bedürfnissen der Kunden entsprechen und eine hohe Kundenzufriedenheit sowie dauerhafte Kundenbeziehungen erreicht werden können. 1 Vgl. Eric von Hippel: Democratizing Innovation (2009), S. 1-3.

2 2. Transfer des ökonomischen Konzepts auf die Verwaltung Die Kundenorientierung im Sinne einer Metapher gilt als strategisches Ziel des New Public Management. 2 Die Verwaltung kann man definieren als Dienstleister" 3 bzw. Dienstleistungsunternehmen mit wirkungsorientierter Gemeinwohlorientierung 4. Ein Produkt eines Leistungszentrums ist jene Leistungseinheit, die das Leistungszentrum in abgeschlossener Form verlässt. 5 Das Lead-User-Konzept basiert wie ein Marktforschungsinstrument auf Kooperationen mit besonderen zukünftigen Nutzern, die auch als Pionierkunden 6 bezeichnet werden können. Die Verwaltung als Anbieter von Dienstleistungen gegenüber dem Bürger/Kunden kann für eine bedarfsgerechte Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen 7 die Potentiale solcher innovativer Kunden heranziehen. 8 2 Der demokratische Staat mit seiner Ausrichtung am Gemeinwohl bietet, gerade im Bereich der bürgernahen Kommunalverwaltung, über mandatierte und amtierende Repräsentanten sowie über engagierte Bürger als Experten vor Ort vielfältige Möglichkeiten, diese Kundengruppen aus Sicht der Verwaltung (Dienstleistungsunternehmen) als Lead User zu betrachten. 3. Die Potentiale des Lead-User-Konzepts in der Kommunalverwaltung In der Publikation Democratizing Innovation bleibt von Hippel im Bereich der Wirtschaft. 9 2 Vgl. Schedler, Kuno/Proeller, Isabella: New Public Management (2011), S. 71 ff.; zur Kunden- und Qualitätsorientierung in der Verwaltung siehe auch ebd., S. 135 ff. 3 Ebd., S Ebd., S Ebd., S. 151, Hervorhebung im Original; zur Diskussion um die Produktdefinition in der Verwaltung vgl. auch ebd., S Vgl. Nagel (1993), S. 1 f. Das Buch wurde als ein Beispiel für die Weiterentwicklung des Lead- User-Konzepts herangezogen, wobei das ursprüngliche Konzept in einen größeren theoretischen Zusammenhang gestellt und (in diesem Fall) auf die Untersuchung der Produktion elektronischer Leiterplatten bezogen wird. Auch die Anwendung auf die öffentliche Verwaltung kann nur in analoger Form erfolgen. 7 Ebd., S. 2, Hervorhebung im Original. 8 Beispiel für eine Anwendung im Verkehrsbereich: Schmidle, Michael: Innovative Ideen und Lead- User-Ansatz. Eine Analyse am Beispiel des Rhein-Main-Verkehrsverbundes (2009). 9 Auch wenn er argumentiert, Innovation by users appears to increase social welfare (E.v. Hippel: Democratizing Innovation, a.a.o., S. 2) und policy making should support user innovation (ebd., S. 12), so bleibt die Verantwortung der Politik bei der Gewährleistung von user innovation ; sein Konzept findet keine Anwendung im Politik- oder Verwaltungsbereich (vgl. ebd., S. 107 ff.)

3 Gerade die Demokratisierung von Innovation beinhaltet eine Mitwirkung, Mitbestimmung der Bürgerinnen und Bürger über ihre eigenen Angelegenheiten, direkt oder über Repräsentanten, internetgestützt, so dass Innovationen bzw. die Beteiligung daran im demokratischen Sinne einer breiten Masse zugänglich sind. Bei der Demokratisierung von Regierungs- und Verwaltungsverfahren ( Open Government ) wird der Staat als lernendes Sozialsystem 10 verstanden. Verwaltung und Politik gehen in einen Lernprozess mit Bürgern, Wirtschaft und Interessenvertretungen, um deren Wissen für die Steuerung und Fortentwicklung des Gemeinwesens nutzbar zu machen bzw. das verteilte Wissen der Gesellschaft über IT-gestützte Partizipationskampagnen in das Wissen des Staates zu überführen Voraussetzungen innerhalb der Kommunalverwaltung Außer einer grundsätzlichen Öffnung der Kommunalverwaltung auf allen Ebenen gegenüber der Nutzbarmachung des Lead-User-Konzepts sollten folgende Voraussetzungen erfüllt sein: 3 a) eine Implementierung des Lead-User-Konzepts auf kommunalpolitischem Weg durch den Stadt- oder Gemeinderat als feste Aufgabe der Verwaltung b) eine Einbindung des Lead-User-Konzepts in die Verwaltungsorganisation, z.b. als Stabsstelle für Verwaltungsmodernisierung, beim Bürgerservice oder als Innovationsmanagement c) eine entsprechende Eignung und Qualifikation des mit der Anwendung des Konzepts befassten Verwaltungspersonals d) eine an Sachkriterien ausgerichtete Identifikation der Lead User der Kommune e) eine offene und transparente Kommunikationspolitik auf der Basis von Gegenseitigkeit zwischen Verwaltung, Lead Usern, Bürgern und Politik f) eine Zieldefinition für die Anwendung des Lead-User-Konzepts, z.b. Ideengenerierung, Trendanalyse, Bedarfsermittlung g) eine Strategie zur Umsetzung des Lead-User-Konzepts Darüberhinaus sollte eine für alle Beteiligten transparente Nutzenanalyse, z.b. im Hinblick auf Wettbewerbsvorteile gegenüber anderen Kommunen, und eine langfristige Evaluation und damit Erfolgskontrolle der Anwendung des Lead-User-Konzepts erfolgen. 10 Herzberg, Johann: Staatsmodernisierung durch Open Innovation. Problemlage, Theoriebildung, Handlungsempfehlungen (2012), S Herzberg, Johann: Open Government: Wie man die Zivilgesellschaft stärkt (2012), S. 13.

4 3.2 Die Umsetzung Für eine erste Umsetzung des Lead-User-Konzepts erscheint ein Pilotprojekt oder ein Projektmanagement sinnvoll, wobei besondere Aufmerksamkeit der Bildung des Teams von an Innovationen und Bürgernähe interessierten Verwaltungsmitarbeitern sowie der Zielsetzung, Vorbereitung, Organisation und Durchführung des Lead-User-Projekts gewidmet werden könnte. 12 Um den Nutzen des Projekts transparent zu machen, sollte eine Auswertung erfolgen, in der der zunächst zusätzliche Aufwand an Personal, Zeit und Kosten in Relation zum langfristigen Wissenserwerb zur Steigerung des Gemeinwohls gestellt wird. Bei der Integration von externem Bürger- und Experten- Lead-User -Wissen muss die Handlungs- und Funktionsfähigkeit der Kommune gewährleistet bleiben. 3.3 Bürgerbeteiligung Um die Intelligenz der Demokratie für Open-Innovation-Prozesse nutzbar zu machen, 13 kommen entsprechend der Idee der Lead User eine Reihe von Anwendungsmöglichkeiten des Lead-User-Konzepts in Betracht. 4 a) Lead User ist die/der interessierte Bürger/in X : Ausschreibung von Innovationswettbewerben, Kreativitätsworkshops (z.b. bei großen Infrastruktur-Projekten); hierzu gehören auch Votierungsverfahren wie Bürgerhaushalt oder Planungsalternativen bei Infrastruktur- Maßnahmen b) Lead User ist die/der Bürger/in als Experte vor Ort für die X-Straße oder das Y-Viertel: repräsentative Befragungen, Planungszelle, Bürgerplanung, Zukunftskonferenzen, Zukunftswerkstatt, Worldcafé c) Lead User sind die Beteiligten bei angeleiteten Verfahren: advocacyplanning d) Lead User sind die Teilnehmer bei institutionalisierter Beteiligung: Runde Tische, Stadtteilkonferenzen e) Lead User sind die Repräsentanten, z.b. Vorstandsmitglieder bei Bürgervereinen und Bürgerinitiativen oder Leitungen von Schulen und sozialen Einrichtungen f) Lead User sind die Investoren bei Bauvorhaben; diese dürfen aber nicht ohne Berücksichtigung der künftigen tatsächlichen Nutzer agieren. 12 Vgl. zur Umsetzung die Checkliste in: Wagner, Philipp/Piller, Frank: Mit der Lead-User-Methode zum Innovationserfolg, S Vgl. in diesem Zusammenhang die Beispiele bei Herzberg, Johann: Staatsmodernisierung durch Open Innovation, a.a.o., S. 73 ff.: Kommunales Anliegen-Management, Beteiligungsund Bürgerhaushalte, Dynamische Stimmendelegation mit der Software Liquid Feedback.

5 Bei Volksentscheiden könnten die Initiatoren als Lead User definiert werden. 3.4 Open Data, Open Government Als Dialogprozess mit Lead Usern zur Kreation neuer Produkte oder Produktformen sind Open-Data-Prozesse für mehr Transparenz zur Verkleinerung des Daten-Privilegs der Verwaltung vielseitig einsetzbar. Über erweiterte Akteneinsicht und die Freigabe von Daten zur Wirtschaftsförderung hinaus können innovative Nutzer des Internet als Lead User definiert werden, z.b. im städtischen Intranet, in von Bürgern initiierten Online-Communities (als Online-Bürgerinitiative ), Chats und Facebook-Gruppen. Neue Formen elektronischer Bürgerbeteiligung und ITgestützte Abstimmungsverfahren ermöglichen durch Beteiligung Vieler mehr Demokratie, eine höhere Transparenz und eine breitere Akzeptanz des Abstimmungsergebnisses. 3.5 Mitglieder des Stadt- und Gemeinderates als Lead User in dreifacher Funktion 5 Erstens sind Ratsmitglieder Bürger und können in dieser Eigenschaft als Lead User fungieren. Zweitens sind Ratsmitglieder Repräsentanten in besonderer Position und damit hervorgehobene Lead User, weil sie zur Ausübung ihres Mandats privilegierten Zugriff auf Akten, Daten, Informationen usw. der Verwaltung haben. Eine systematische Einbindung der Repräsentanten, auch der Vorstände von Bürgervereinen und örtlichen Leitungen von Institutionen, in Innovationen und in Lead-User-Prozesse kann deren lokale Vernetzung mit der Basis zur Wissensgewinnung nutzbar machen. Drittens sind Ratsmitglieder aufgrund ihrer Funktion als Mandatsträger für die Implementierung des Lead-User-Konzepts verantwortlich, d.h. für die Schaffung der Voraussetzungen in der Verwaltung, für die Umsetzung und für die Realisierung. 4. Fazit Das Lead-User-Konzept stellt eine Herausforderung in der Kommunalverwaltung dar, wobei den Ratsmitgliedern für die Implementierung eine Schlüsselposition zukommt. Der Part der Verwaltung besteht in erster Linie in der Einrichtung einer prozess- und kundenorientierten Organisation, in der Bereitstellung qualifizierter Mitarbeiter und in der Gewährleistung von Kommunikation und Informationsfluss sowie einer Qualitätssicherung.

6 Quellenverzeichnis Herzberg, Johann: Staatsmodernisierung durch Open Innovation: Problemlage, Theoriebildung, Handlungsempfehlungen. TICC Schriftenreihe Band 4, Friedrichshafen Band_4-V2.pdf (Zugriff: ) Herzberg, Johann: Open Government: Wie man die Zivilgesellschaft stärkt, in: zu/daily, , S. 13 (Zugriff: ) Hippel, Eric von: The Sources of Innovation (1988) web.mit.edu/evhippel/www/books.htm (Zugriff: ) Hippel, Eric von: Democratizing Innovation (2005) web.mit.edu/evhippel/www/democ1.htm (Zugriff: ) 6 Nagel, Rolf: Lead User Innovationen Entwicklungskooperationen am Beispiel elektronischer Leiterplatten, Inauguraldissertation, DUV Wiesbaden 1993 Pötz, Marion; Steger, Christoph; Meyer, Isabelle; Schrampf, Jürgen: Theorien und Grundlagen zur Lead User Methode, Wien 2005 Reichwald, R./Piller, F.: Interaktive Wertschöpfung, Open Innovation, Individualisierung und neue Formen der Arbeitsteilung, Gabler, Wiesbaden 2009 Schedler, Kuno/Proeller, Isabella: New Public Management UTB, Bern/Stuttgart/Wien, 5. Aufl Schmidle, Michael: Innovative Ideen und Lead User Ansatz. Eine Analyse am Beispiel des Rhein-Main-Verkehrsverbundes, Masterarbeit, Rhein-Main-Verkehrsverbund/dp/ #reader_ (Zugriff: ) Wagner, Philipp; Piller, Frank: Mit der Lead-User-Methode zum Innovaionserfolg. Ein Leitfaden zur praktischen Umsetzung clicresearch.org/wp-content/uploads/2011/11/20_de_ lead_user_handbuch.pdf (Zugriff: )

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