Eine App auf Rezept. Erstmals übernimmt eine Krankenkasse die Kosten für eine digitale Behandlung: Eine Software soll Kindern helfen, besser zu sehen.

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1 so. DIGITAL Erstmals übernimmt eine Krankenkasse die Kosten für eine digitale Behandlung: Eine Software soll Kindern helfen, besser zu sehen. VON MARKUS WERNING

2 v V v v v v v Helen-Sofie hat ein starkes und ein schwaches Auge. Augenärztin Stefanie Schmickler hat ihr deshalb eine ungewöhnliche Therapie verschrieben: Das Mädchen soll jeden Tag am Computer spielen und mindestens 30 Minuten lang Ballons zerschießen, Autos ausweichen oder mit einer Katze Punkte aufsammeln. Es ist eine neue Behandlungsmethode für Kinder mit Amblyopie und die erste digitale Therapie, die von einer Krankenkasse bezahlt wird. Amblyopie ist eine Sehschwäche. Drei bis fünf Prozent der Bevölkerung leiden darunter, schätzt die Weltgesundheitsorganisation. In Deutschland sind jedes Jahr Tausende Kinder betroffen. Ihr Gehirn kann nicht gut erkennen, was ihr linkes oder rechtes Auge anschaut. Die Ursachen dafür sind unterschiedlich. Das Kind schielt vielleicht oder eines der beiden Augen hat nicht gelernt, scharf zu sehen. Deshalb unterdrückt das Gehirn das Bild des schwächeren Auges. Spielen statt Schielen Für die Behandlung einer Amblyopie greifen Augenärzte zu einem Pflaster. Das stärkere Auge wird damit zugeklebt, meistens mehrere Stunden täglich, dadurch wird das schwächere KLASSISCHE BEHANDLUNG Helen-Sofie muss jeden Tag ihr stärkeres Auge (rechts) mit einem Pflaster abkleben, damit das schwächere mehr gefordert wird. Da diese Therapie allein aber nicht hilft, hat die Augenärztin ihr eine neue Behandlung verschrieben: eine Online-Sehschule.

3 v v V v v v v Auge gefordert. Das ist für die Mädchen und Jungen allerdings unangenehm, allein schon, weil sie erst einmal weniger sehen. Die Zeit des Abklebens ist für sie auch extrem langweilig, sagt Schmickler. Viele Kinder tragen das Pflaster deshalb nicht so oft oder nicht so lang, wie sie es sollten. Die Behandlung erreicht dann aber nicht die gewünschte Wirkung. Forscher haben sich deswegen überlegt, wie sie die Kinder dazu bringen, das Pflaster zu tragen, und wie das schwache Auge währenddessen stimuliert werden kann. Die Wissenschaftler der Technischen Universität Dresden haben dafür Wellenmuster in verschiedene Computerprogramme eingebaut. Spielen statt Schielen nennen sie ihren Ansatz. Während die Patienten im Vordergrund Tiere oder Luftballons sehen, schauen sie gleichzeitig auf ein bewegtes Streifenmuster im Hintergrund. Dadurch werde die Netzhaut und die Sehbahn der Kinder angeregt, erklärt Schmickler. Ich würde das Pflaster auch nicht gerne tragen Die Medizinerin aus Ahaus in Nordrhein-Westfalen hat die Therapie schon einigen jungen Patienten verschrieben. Es sind Kinder, denen das Abkleben allein nicht geholfen habe, sagt sie. SPIELE ALS ERGÄNZUNG Seit einigen Wochen muss Helen-Sofie jeden Tag mindestens eine halbe Stunde am Computer spielen, während ihr rechtes Auge abgeklebt ist. Durch die Übungen auf dem Bildschirm wird ihr linkes Auge stimuliert. Die Sehleistung hat sich dadurch schon leicht verbessert.

4 v v v V v v v Aber nachdem ihre Patienten zusätzlich mit der Online-Sehschule begonnen hätten, sei das schwache Auge besser geworden. Bei einem Kind ist die Sehleistung zum Beispiel von 25 auf 40 Prozent gestiegen. Über Helen-Sofie darf Schmickler wegen ihrer ärztlichen Schweigepflicht nicht sprechen. Die Behandlung hat vor gut zwei Monaten angefangen. sonntag interview Das Mädchen soll seit etwa zwei Jahren das rechte Auge regelmäßig abkleben. Lange Zeit mit mäßigem Erfolg. Ich würde das Pflaster auch nicht gerne tragen, sagt Susanne Ohm, ihre Mutter. Man ist dadurch sehr eingeschränkt. Aber seitdem Helen-Sofie am Computer spielen soll, während sie das Pflaster trägt, behalte sie es jeden Tag mindestens drei Stunden lang auf und mache auch ihre Hausaufgaben damit. Sie hat schon vergessen, es wieder abzunehmen. Bei einer ersten Untersuchung nach zwei Behandlungswochen sei eine leichte Tendenz nach oben gemessen worden, berichtet die Mutter. Zweiter Anlauf für die neue Therapie Für die insgesamt dreimonatige Therapie haben die Ohms einen Code bekommen, mit dem sie sich auf der Internetseite des Unternehmens Caterna anmelden. Die Firma ist eine Ausgrün-... mit Dr. med. Stefanie Schmickler Augenärztin und Geschäftsführerin des Augen-Zentrum-Nordwest in Ahaus»Die Kinder sind begeistert Worin liegt der Vorteil einer Behandlung per App? Die Kinder empfinden die Zeit des Abklebens als Belohnung. Sie sind geradezu begeistert, weil sie auf einmal am Computer spielen dürfen und es ihnen nicht nur von den Ärzten, sondern auch von den Eltern verordnet wird. Gleichzeitig wird die Netzhaut BITTE SCROLLEN

5 v v v v V v v dung der TU Dresden und hat schon vor Jahren versucht, die Online-Sehschule direkt zu vermarkten. Das scheiterte. Aber im vergangenen April nahm die Barmer GEK die Therapie in ihren Leistungskatalog auf. Seitdem müssen deren Mitglieder zumindest die Behandlung nicht mehr selbst bezahlen. Software und Nachuntersuchungen kosten sonst 600 bis 700 Euro. Die Barmer bewirbt die Behandlung als App auf Rezept, obwohl es sich nicht um ein Programm für das Tablet oder das Smartphone handelt. Falsch ist es trotzdem nicht. Die Spiele sind Teil einer Web-Anwendung, also einer Online-Applikation oder kurz: App. Für die Therapie sind deshalb ein Computer und ein Internetanschluss erforderlich. Dann können die Kinder die Seh-Übungen überall machen, also auch in der Arztpraxis, in der Regel aber daheim. Empfohlen wird ein mindestens 19 Zoll großer Bildschirm. Bisher eine freiwillige Leistung Wie oft die Therapie schon verschrieben worden ist, teilte die Barmer GEK nicht mit. Die Zusammenarbeit mit dem Anbieter sei gerade erst gestartet, die Nachfrage könne deshalb noch nicht beziffert werden, erklärt ein Sprecher. Wir registrieren VISUELLER REIZ FÜR DAS GEHIRN Im Hintergrund der Spiele bewegt sich ein Streifenmuster über den Bildschirm. Dadurch werden die Hirnregionen der Kinder stimuliert, erklären die Wissenschaftler der TU Dresden. Seit April übernimmt die Barmer GEK für ihre Mitglieder die Kosten der Therapie.

6 v v v v v V v aber ein großes Interesse über unsere Hotlines. Ob auch andere Kassen darüber nachdenken, die Behandlungskosten für die Online-Sehschule zu übernehmen, konnte der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) nicht beantworten. Schmickler empfiehlt Eltern von Kindern mit einer Amblyopie, bei der eigenen Kasse nachzufragen. Sonst handelt es sich um eine sogenannte Individuelle Gesundheitsleistung (IGeL). Sie ist freiwillig und muss selbst bezahlt werden. Vielleicht ändert sich das in einigen Jahren. Viele Firmen entwickeln Gesundheitsanwendungen. Schätzungen zufolge stehen Tausende Apps in den Online Shops von Apple, Google und Windows. Darunter sind Entwöhnungsprogramme für Raucher und Blutdruckmesser. Bisher werden sie aber nicht als medizinische Hilfsmittel eingestuft. Abkleben als Belohnung Es gebe noch keine ausreichenden Studien, die valide Aussagen über den Nutzen der Applikationen zulassen würden, sagt eine GKV-Sprecherin. Überlegungen, solche Apps in den Regelleistungskatalog der GKV aufzunehmen, gibt es daher unseres Wissens nach nicht. Die Wirkung der Online-Sehschule BUNTE SPIELESAMMLUNG Zur Online-Sehschule gehören neun altersgerechte Spiele, wie der Anbieter erklärt. Die Anwendungen richten sich an Kinder zwischen vier und zwölf Jahren. Darunter sind Spiele, die ähnlich funktionieren wie Tetris oder Pacman.

7 v v v v v v V wird von den Universitäten Dresden und Essen in einer klinischen Studie überprüft, erklärt der Sprecher der Barmer GEK. In mehreren Untersuchungen sei aber schon ein positiver Effekt durch die webbasierte Therapie nachgewiesen worden. Weitere Apps auf Rezept plant die Kasse indes nicht. Uns sind keine anderen internetbasierten Behandlungsformen, die eine bestehende Standardtherapie sinnvoll ergänzen, bekannt. Schmickler ist zuversichtlich. Zwar müsse man erst noch abwarten, wie sich die Sehleistung der Patienten weiter entwickeln werde, sagt die Augenärztin aus dem Münsterland. Auch werde kein Kind nach der dreimonatigen Therapie schon auf das Pflaster verzichten können. In jungen Jahren bestehe die Gefahr, dass ein Mensch wieder Sehkraft verliere, erklärt die Medizinerin. Wir setzen die Behandlung deshalb immer mit einer Erhaltungsdosis fort. Aber seitdem die Mädchen und Jungen aus medizinischen Gründen am Computer spielen dürfen, akzeptierten sie das Pflaster und damit auch die Therapie, sagt Schmickler. Die Kinder empfinden die Zeit des Abklebens als Belohnung. Und das ist keine schlechte Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung. N EINFACHE KONTROLLE Der Augenarzt kann über die Internetseite Daten darüber abrufen, wie lange ein Kind die Übungen jeden Tag gemacht hat und ob überhaupt. Der Mediziner kann die Behandlung deshalb besser überprüfen.

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