EINBLICK Preisexplosion wegen Nahrungsmittelspekulation

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1 01/2013 EINBLICK Preisexplosion wegen Nahrungsmittelspekulation

2 Inhaltsverzeichnis Einführung Mit Essen spielt man nicht 4 Akteure und Mechanismen Spekulation eine Frage des Masses 7 Das Nahrungsmittelpoker destabilisiert die Realwirtschaft Auswirkungen im Weltsüden Wenn Essen unbezahlbar wird Situation in der Schweiz Schweizer Banken spekulieren mit 3,6 Milliarden Franken auf Agrarrohstoffe 23 Forderungen und Lösungsansätze «Gegen die Nahrungsmittelspekulation zu kämpfen ist wichtig.» Regulierungen sind erwünscht ein Umdenken ist nötig Das Thema ist lanciert auch in der Schweiz 31 Alternativen zum globalen Nahrungsmittelcasino Impressum Herausgeberinnen: Brot für alle / Fastenopfer, September 2013 Redaktion: Pascale Schnyder AutorInnen: Yvan Maillard Ardenti, Pascale Schnyder Korrektorat: Sylvia Garatti Gestaltung: Spinas Civil Voices, Zürich Bilder: ACT Alliance, Fastenopfer, Shutterstock, 123RF, istockphoto Druck: Cavelti AG, Druck und Media, Gossau Auflage: deutsch / französisch Preis: 5 CHF 2

3 Edito «Mit Essen spielt man nicht» lernen wir schon als Kinder. Ein Grundsatz, der für die Finanzbranche scheinbar nicht (mehr) gilt: Seit einigen Jahren haben Banken, Pensionskassen und Versicherungen das Nahrungsmittelgeschäft für sich entdeckt. Sie wetten mit Milliardenbeträgen auf die zukünftigen Preisentwicklungen von Mais, Weizen, Reis und anderen Grundnahrungsmitteln, ohne ein effektives Interesse an den Gütern zu haben. Dass sie damit enorme Preisschwankungen auf den Realmärkten provoziert, hat die Finanzbranche lange Zeit abgestritten. In jüngster Zeit häufen sich jedoch von Seiten der Wissenschaft und der Politik die Belege, dass die seit 2003 massiv zugenommenen Nahrungsmittelspekulationen einen erheblichen Einfluss darauf haben, zu welchen Preisen Grundnahrungsmittel schlussendlich auf dem Weltmarkt gehandelt werden. In Ländern des Südens wendet ein Haushalt zwischen 50 und 90 Prozent seines Einkommens für Nahrungsmittel auf. Verdreifachen sich die Lebensmittelpreise von einem Tag auf den anderen, wird die Situation für Familien in Asien, Lateinamerika und Afrika lebensbedrohlich. Kein Wunder, haben die Preisanstiege von 2007/2008 sowie 2010/2011 in zahlreichen Ländern des Südens zu Hungeraufständen geführt. Und bis heute sind die erhöhten Nahrungsmittelpreise dafür verantwortlich, dass Millionen von Menschen schmerzhafte Abstriche bei Gesundheit und Bildung machen müssen und ihre Armut so für weitere Generationen zementiert wird. Aus christlicher Sicht haben Geld und Wirtschaft im Dienst des Lebens zu stehen. Das Recht auf Nahrung und ein Leben in Würde stehen vor Gewinnmaximierung und Profit. Tatsächlich haben jedoch auch heute noch mehr als 900 Millionen Menschen keinen Zugang zu Nahrung. Gleichzeitig lässt die nationale und internationale Gesetzeslage Wirtschaftsaktivitäten zu, welche die Ernährungssicherheit und damit das Überleben von Menschen im Süden gefährden. «Unser täglich Brot gib uns heute» diese zentrale Bitte des Vaterunser ist gleichzeitig eine Aufforderung, dass wir uns gegen den Hunger engagieren und dafür, dass das Recht auf Nahrung für alle Menschen Wirklichkeit wird. Dazu gehört auch, dass die Spekulation mit Nahrungsmitteln in ihrer heutigen, exzessiven und unkontrollierten Form gestoppt wird. Denn Nahrung ist unsere Lebensgrundlage und kein Wetteinsatz. Susann Schüepp Miges Baumann Leiterin Entwicklungspolitik und Grundlagen Fastenopfer Leiter Entwicklungspolitik Brot für alle 3

4 Einführung Mit Essen spielt man nicht Gewaltige Preisanstiege bei Grundnahrungs mitteln haben in den Jahren 2007/2008 und 2010/2011 Millionen von Menschen im Süden in den Hunger getrieben und weltweit Hungerrevolten ausgelöst. Dabei häufen sich die Belege, dass die Finanzbranche mit ihrer Spekulation auf Agrarrohstoffe eine erhebliche Mitschuld an den Preisschwankungen trägt. Schweizer Banken sind mit rund 3,6 Milliarden Schweizer Franken am Wettgeschäft beteiligt kam es in 37 Ländern Asiens, Lateinamerikas und Afrikas zu Hunger-Aufständen. Der Grund: Ein massiver Anstieg der Nahrungsmittelpreise an den Rohstoffbörsen liess die Lebensmittelkosten in vielen Ländern explodieren. In Bangladesh, wo viele ArbeiterInnen nur 25 Dollar pro Monat verdienen, hatte sich der Preis für Reis binnen Jahresfrist verdoppelt. In Kambodscha, wo das tägliche Durchschnittseinkommen 50 Cent betrug, stieg der Preis für ein Kilo Reis auf einen US-Dollar an. Und in der Elfenbeinküste waren die Lebensmittelpreise generell um 30 bis 60 Prozent angestiegen. 90 Prozent des Einkommens für Essen Was war geschehen? Im Zuge der Finanzkrise von 2007 und 2008 waren die Preise für Agrarrohstoffe auf den globalen Märkten förmlich explodiert. Die Preisspitzen für 4

5 Mais, Reis, Weizen und Öl hatten massgeblich dazu beigetragen, die Zahl der Hungernden in den Entwicklungsländern von 850 Millionen auf über eine Milliarde ansteigen zu lassen. Nach einem starken Preisverfall Ende 2008 schnellten die Preise Anfang 2010 erneut hoch. Dadurch wurden laut der Weltbank 44 Millionen Menschen zusätzlich in die Armut getrieben. Innerhalb nur eines Jahres stiegen alleine die Getreidepreise laut der Uno-Welternährungsorganisation (FAO) um 70 Prozent an. Heute sind die Preise von Reis, Mais und Weizen durchschnittlich zweieinhalb Mal höher als noch vor zehn Jahren. In Ländern des Südens wendet ein Haushalt zwischen 50 und 90 Prozent seines Einkommens für Nahrungsmittel auf (in Ländern des Nordens beträgt der Anteil lediglich 10 bis 20 Prozent). Der Anstieg von Lebensmittelpreisen wird damit zur absoluten Existenzfrage. Gerade für Kleinkinder hat Unter- oder Mangelernährung ein Leben lang Folgen: Selbst wenn der Mangel nur eine kurze Zeit dauert, führen Folgeschäden lebenslänglich zu gravierenden Beeinträchtigungen (vgl. S. 18). «Diese verhängnisvolle Entwicklung schafft ein giftiges Gemisch aus menschlichem Leid und sozialer Aufruhr.» Robert Zoellick, Präsident der Weltbank von Zu viel Geld auf den Agrarmärkten Seit 2008 wird in Politik und Wirtschaft eine intensive Debatte über die Gründe für die Preisschwankungen geführt. Dabei argumentieren insbesondere die VertreterInnen der Finanzbranche, dass alle Schwankungen über Fundamentaldaten erklärbar sind. Dazu gehören etwa das Bevölkerungswachstum, die Erhöhung des Erdölpreises, die Bewegungen des Dollarkurses, die Veränderungen der klimatischen Verhältnisse und die Zunahme von Agrotreibstoffen. Entwicklung der Nahrungsmittelpreise Quelle: FAO Food Price Index 5

6 Auf der anderen Seite häufen sich die wissenschaftlichen Untersuchungen, die belegen, dass die Spekulation den Anstieg und die Volatilität der Rohstoffpreise massgeblich mitbeeinflusst hat (vgl. S. 15). Als Folge der geplatzten Internetblase und der Finanzkrise hat die Finanzbranche Zuflucht im Warentermingeschäft mit Agrarrohstoffen gesucht. Nebst den physischen KäuferInnen und VerkäuferInnen drängten somit immer mehr Akteure auf den Agrarmarkt, die versuchten, mittels Wetten auf künftige Preisschwankungen Profit zu erzielen und damit ihre Renditen zu sichern (vgl. S. 7-9). Die so genannte Finanzialisierung der Rohstoffmärkte hat diese aus dem Gleichgewicht gebracht. Schweiz ist auch involviert Auch die Schweizer Banken sind mit rund 3,6 Milliarden Schweizer Franken am Wettgeschäft mit Agrarrohstoffen beteiligt, wie Recherchen von Brot für alle, Fastenopfer und Alliance Sud aufzeigen (vgl. S ). Allen voran die Credit Suisse mit einem Investitionsvolumen von 2,4 Milliarden Franken. Die Konsequenzen dieser Situation sind gut ersichtlich und die Folgen spürbar: Sobald die Preise steigen, leiden zusätzliche Millionen von Menschen an Hunger. Menschen waschen sich in den Strassen von Kalkutta, Indien: Für Arme in Städten sind Preisanstiege bei Lebensmitteln besonders dramatisch. 6

7 Akteure und Mechanismen Spekulation eine Frage des Masses Beim Handel mit Agrarrohstoffen spielten SpekulantInnen an den Terminbörsen lange Zeit die Rolle des Zwischenhandels und ermöglichten damit, dass der Handel flüssig blieb. Im Zuge der Finanzmarktliberalisierung verlor die Spekulation jedoch jeglichen Bezug zum realen Warenaustausch und wurde damit zur Gefahr. Beim Handel mit Rohstoffen wie Weizen, Reis und Mais war Spekulation seit jeher ein fester Bestandteil. Sie bot den Bauern und Bäuerinnen beim Absatz ihrer Produkte eine gewisse Sicherheit über die Preisentwicklung. Sie konnten ihre Waren an den Warenterminbörsen im Voraus über standardisierte Kontrakte mit im vornherein vereinbarten Preisen, Mengen und Lieferdaten (so genannte Futures) verkaufen (vgl. Beispiel S ). Die AbnehmerInnen ihrerseits kauften die Waren am Terminmarkt zu dem Zeitpunkt, zu dem sie sie brauchten. Die SpekulantInnen spielten bei dem Geschäft die Rolle des Zwischenhandels, indem sie für die Transaktionen stets eine Gegenpartei boten. Risiko und Gewinn der Preisschwankungen wurden damit auf einen Dritten übergewälzt, der bereit war, sie zu tragen. Eine gewisse Dosis an Speku- 7

8 Die führenden Warenterminbörsen Intercontinental Exchange ICE New York Winnipeg London London Metal Exchange London Dalian Commodity Exchange Dalian Shanghai Futures Exchange Shanghai NYSE-Euronext London Paris (Matif) CME Group Chicago (CBOT, CME) New York (Nymex) Multi Commodity Exchange of India Mumbai Quelle: Foodwatch (2011): Die Hungermacher CME-Group: Führende Warenterminbörse weltweit, insbesondere für Soja und Getreide Intercontinental Exchange ICE: Wichtigste Börse für Öl-Futures und Soft Commodities wie Kakao, Kaffee und Baumwolle London Metall Exchange: Führender Platz für den Handel mit Nichteisenmetallen NYSE-Euronext: Im Jahr 2007 durch die Fusion der europäischen Mehrländerbörse Euronext mit der New York Stock Exchange entstanden. Matif in Paris ist die wichtigste Getreidebörse Europas. Shanghai Futures Exchange: 1998 gegründete Warenterminbörse für verschiedene Rohstoffe Dalian Commodity Exchange: Chinesische Warenterminbörse, die auf den Futures-Handel mit Landwirtschaftsprodukte und Erdöl spezialisiert ist. Multi Commodity Exchange: Indische Warenterminbörse für Eisen- und Nichteisenmetalle, Energie sowie verschiedene Landwirtschaftsprodukte (Kardamon, Kartoffeln, Palmöl etc.). lation ist in diesem Fall also sinnvoll. Sie trägt dazu bei, dass genügend Geld zur Verfügung steht, um die Handelstransaktionen zwischen Kaufenden und Verkaufenden von Termingeschäften zu erleichtern. Tatsächlich wissen die Bäuerinnen und Bauern so bevor sie gesät haben, welche Getreidemengen sie zu welchem Preis verkaufen können. Die Planung des Anbaus wird damit erleichtert. Gleichzeitig können die KäuferInnen, zum Beispiel Mühlebetreiber und Brothersteller, ihre Produktion besser planen und kalkulieren, da sowohl die Mengen als auch die Preise von Anfang an festgelegt sind (vgl. Beispiel S ). Am Anfang war die Regulierung 1848 wurde die Terminbörse von Chicago (Chicago Board of Trade) gegründet und mit ihr die grösste Börse für Termingeschäfte in ihrer modernen Form. Nach dem Ersten Weltkrieg und der Weltwirtschaftskrise nahm der internationale Handel mit Nahrungsmitteln ab. Die Märkte wurden weitgehend reglementiert, insbesondere in den USA, wo 1936 das Rohstoffbörsengesetz (CEA 8

9 Commodity and Exchange Act) in Kraft trat. Es verpflichtete die Investoren dazu, die Gesamtheit der Derivate (vgl. S. 11) auf organisierten Märkten zu handeln, um so die Tendenz zu übertriebenen Spekulationen einzuschränken. In den USA betrug der Anteil der SpekulantInnen lange Zeit weniger als 20 Prozent, womit dieser mehr oder weniger funktionierte. Dabei gab es für die Finanzakteure wie Banken, Pensionskassen und Versicherungen klare Begrenzungen für die Anzahl von Termingeschäften pro Akteur (so genannte Positionslimits). Neue Spielregeln auf dem Finanzmarkt In den 1990er Jahren änderten sich jedoch die Spielregeln: Auf Druck der Banken wurden die Finanzmärkte zunehmend liberalisiert und die Positionslimits für SpekulantInnen aufgeweicht. Ausserdem wurde den Banken erlaubt, den Handel an der Börse zu umgehen und direkt an KundInnen zu verkaufen (Over The Counter, OTC). Diese direkten Transaktionen zwischen Kaufenden und Verkaufenden sind kaum reglementiert und bieten daher Hand für hochspekulative Geschäfte. Parallel dazu erleichterten neue IT-Entwicklungen den Hochfrequenzhandel, der dank automatisierten Börsentransaktionen darauf abzielt, von kleinsten Schwankungen der Rohstoffkurse zu profitieren (vgl. S. 14). Mit dem Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2007 kam es schliesslich zu einer regelrechten Flucht in Rohstoffe: Insbesondere die grossen Indexfonds und die aggressiven Hedge-Fonds strömten mit ihrem Kapital auf den Terminmarkt. Mit der Finanzialisierung des Rohstoffmarktes wurden die FinanzspekulantInnen zur dominierenden Händlergruppe auf diesem Markt. Beim Chicagoer Weizenfuture sank der Anteil physischer Absicherer ( Hedger ) von 88 Prozent im Jahr 1996 auf 35 Prozent im Jahr Das Verhältnis von US-Weizenfutures zur physischen US-Weizenproduktion stieg dagegen vom 11-fachen im Jahr 2002 auf das 73-fache im Jahr Die Agrarrohstoffe wurden so vom Nutzwert zur Geldanlage. Sie waren nicht mehr abhängig von den Bedürfnissen der Menschen, sondern von der Logik des Finanzmarktes. 1 Weed (2012): Was hat Weizen mit Spekulation zu tun? 9

10 So funktioniert der Futures-Handel Ein Bauer will sich für den Zeitpunkt seines Ernteverkaufs einen gewissen Verkaufspreis sichern. Als Produzent riskiert er, dass der Kurs von der Aussaat im Oktober 2013 bis zum Verkauf im August 2014 sinkt. Aus diesem Grund sichert er sich am Terminmarkt ab. Im Oktober 2013 liegt der Tagespreis einer Tonne Weizen bei 100$/T. Der Bauer schliesst ein sogenanntes Sicherungsgeschäft ab. Er legt einen Verkaufserlös von 110$/T fest, den er zum Verkaufszeitpunkt erreichen will. Nun konsultiert er die Notierung des Weizens auf dem Terminmarkt. Er stellt fest, dass der Preis zum Termin «August 2014» just bei 110$/T liegt. Um von diesem Preis zu profitieren, verkauft er auf diesen Termin hin eine Anzahl Kontrakte, entsprechend der Menge, die er zu ernten glaubt. Szenario 1: Der Weizenpreis sinkt Im August 2014 bricht der Tageskurs für Weizen von 100$/T auf 80$/T ein, während jener der Termingeschäfte von 110$/T auf 80$/T fällt (Zusammenlaufen des Preises zum Termin mit dem Tagespreis bei Ablauf des Geschäfts). Der Landwirt verkauft seine Ernte auf dem Kassamarkt für 80$/T mit einem Verlust von 20$/T im Vergleich zum Tageskurs im Oktober Parallel dazu kauft er für 80$/T auf den Termin «August 2014» die gleiche Anzahl Kontrakte, die er im Oktober 2013 verkauft hatte (man sagt, er «stellt seine Position glatt»). Da er im Oktober ein Termingeschäft zu 110$/T mit Ablauf «August 2014» verkauft hatte, macht er auf dem Terminmarkt einen Gewinn von 30$/T. Er hat also sowohl auf dem Kassamarkt (Tageskurs) als auch auf dem Terminmarkt (Zukunft) Transaktionen durchgeführt und sich so einen Preis von 110$/T ( ) gesichert. Transaktion vom Oktober 2013 Transaktion vom August 2014 Physischer (Kassa-) Markt Er sät Weizen. Tagespreis der Tonne Weizen = 100$ Weizenverkauf zum Tagespreis von 80$/T Terminmarkt Verkauf von Geschäften mit Termin «August 2013» zum Preis bei Ablauf von 110$/T Kauf von Geschäften mit Termin «August 2013» zum Preis von 80$/T Saldo der Transaktionen Verlust von - 20$/T Gewinn von +30$/T 10

11 Szenario 2: Der Weizenpreis steigt Diese Sicherung funktioniert auch im Falle einer Preiserhöhung. Steigt der Preis im August 2014 auf 140$/T, verliert der Landwirt auf dem Terminmarkt 30$/T, weil er die Menge des auf dem Terminmarkt verkauften Weizens teurer zurückkaufen muss. Da er aber 140$/T auf dem Realmarkt erhält, erreicht er dennoch den angestrebten Erlös von 110$/T (140 30). Zwar hätte der Bauer ohne die Transaktion auf dem Terminmarkt ein besseres Ergebnis erzielt, doch im Oktober 2013 zog er einen sicheren Preis von 110$/T einem höheren aber unsicheren Preis vor. Transaktion vom Oktober 2013 Transaktion vom August 2014 Physischer (Kassa-) Markt Er sät Weizen. Tagespreis der Tonne Weizen = 100$ Weizenverkauf, geliefert zum Tagespreis von 140$/T Terminmarkt Verkauf von Geschäften mit Termin «August 2013» zum Preis bei Ablauf von 110$ Kauf von Geschäften mit Termin «August 2013» zum Preis von 140$/T Saldo der Transaktionen Gewinn von + 40$/T Verlust von - 30$/T Glossar Spekulation. Spekulation bezeichnet eine wirtschaftliche Tätigkeit, bei der man von Preisveränderungen eines gehaltenen Guts profitiert, um zu einem späteren Zeitpunkt daraus Gewinn zu erzielen. Derivat. Mit Derivaten werden jegliche Art von Finanztermingeschäften bezeichnet, die an oder ausserhalb der Börse gehandelt werden und die an die Entwicklung eines Basiswerts gebunden oder davon abgeleitet sind (Indices, Aktien, Rohstoffe etc.). Derivate sind reine Finanzinstrumente. Termingeschäft. Ein (Waren)Termingeschäft ist ein Vertrag über die zukünftige Lieferung und Abnahme einer Ware zu einem fest vereinbarten Preis. Man unterscheidet zwei Hauptarten Futures und Optionen. Bei Futures sind die Kaufenden verpflichtet, die jeweilige Ware anzunehmen, bei einer Option haben sie die Wahl. Termingeschäfte werden meist nicht mit einer Warenlieferung beendet, die Differenz wird finanziell ausgeglichen. Indexfonds. Indexfonds sind Investmentfonds, welche die Fondsperformance an einen Index binden. Investmentfonds setzen sich aus verschiedenen Anlagen (Aktien, Obligationen ebenso wie z.b. Rohstoffen) zusammen. Hochfrequenzhandel. Dabei handelt es sich um Finanztransaktionen, die in einer extrem hohen Geschwindigkeit (Millisekunden) durchgeführt werden. Sie werden algorithmisch berechnet und durch Computerprogramme automatisch abgewickelt. Ausserbörslicher Handel (oder Over The Counter / OTC-Handel). Gemeint ist damit der Handel von Finanzprodukten zwischen Marktteilnehmern ausserhalb der eigentlichen Börsen. Diese Geschäfte sind von börseninternen Kontrollen und Regelungen ausgenommen. 11

12 Das Nahrungsmittelpoker destabilisiert die Realwirtschaft Seit 2003 haben Banken, Versicherungen und Pensionskassen Milliardenbeträge von anderen Anlagen auf die Rohstoffmärkte umgeschichtet. Ihre Tätigkeiten haben die realen Nahrungsmittelpreise massgeblich beeinflusst. Vor der Jahrtausendwende wurden die Terminmärkte noch hauptsächlich von ProduzentInnen, HändlerInnen und der verarbeitenden Industrie genutzt, um sich gegen die Risiken der Preisschwankungen bei Agrarprodukten abzusichern (vgl. S. 7-9). Ab 2003 tauchten auf den Rohstoffmärkten neue Akteure auf: Institutionelle InvestorInnen (z.b. Pensionskassen), Banken (via Anlagefonds) und Hedgefonds begannen damit, riesige Geldsummen von anderen Anlagen auf die Terminmärkte für Rohstoffe umzulagern. Gleichzeitig wuchs die Anzahl Termingeschäfte mit Mais von im Jahr 2003 auf 2,5 Millionen im Jahr Die Zunahme an Termingeschäften hat die Preise der Derivate (Futures) automatisch nach oben getrieben. Zusätzlich genährt wurde dieses Phänomen durch das Herdenverhalten der Investoren, die stets wachsende Renditen erwarteten und deshalb die Terminmärkte fluteten. Die Zutaten für das Entstehen einer spekulativen Blase waren so vereint (vgl. Grafik S. 14). Die Preise stiegen weiterhin, ohne jeden Bezug zu den Fundamentaldaten, sondern einfach aufgrund des Erscheinens neuer GrossinvestorInnen. Rohstoffpreise im Schleudersitz Die Preisanstiege der Termingeschäfte (Futures) haben den Tageskurs, auch Kassakurs genannt, direkt beeinflusst. Tatsächlich stützen sich die Kaufenden auf dem Realmarkt für ihre gegenwärtigen Entscheidungen auf die zukünftige Entwicklung der Rohstoffpreise am Terminmarkt. Im Juli 2008 fielen die Preise dann massiv ab. Man kann dieses Phänomen mit der Tatsache erklären, 1 World Development Movement, T. Lines (2010), Speculation in food commodity markets. 12

13 dass die institutionellen Investoren und die Hedgefonds sahen, dass sich die Finanzkrise ausweitete und sie gleichzeitig die Rohstoffinvestitionen als zu riskant einschätzten. Aus diesem Grund wandten sie sich Gütern mit weit geringerem Risiko zu, wie etwa Staatsanleihen. Sie stiessen die Rohstoffe ab und provozierten damit einen Preissturz. Warum Nahrungsmittel? Das grosse Interesse am Termingeschäft entstand insbesondere durch die abnehmende Attraktivität traditioneller Anlagen wie Aktien und Obligationen. Tatsächlich hatten die geplatzte Internetblase im Jahr 2000 und die Immobilienkrise im Jahr 2007 Investitionen in Aktien weniger interessant gemacht. Aufgrund von guten Gewinnaussichten auf längere Sicht wurden die Rohstoffmärkte zu einer guten Alternative führten noch lediglich 3 Prozent der Rohstoff-Termingeschäfte tatsächlich zu einer Warenlieferung. Die verbleibenden 97 Prozent werden durch Spekulantinnen und Spekulanten vor Ablauf wieder verkauft. 2 Die spekulativen Tätigkeiten hatten sich also gänzlich vom realen Warenaustausch losgelöst. Im Jahr 2011 lag die Menge von gehandeltem Weizen an der Börse von Chicago bei etwa 4400 Millionen Tonnen, während die weltweite jährliche Ernte nur 670 Millionen Tonnen betrug. 3 Neue Player auf dem Rohstoffmarkt Massgeblich für das neue Nahrungsmittelpoker sind vor allem zwei «neue» Formen der Spekulation: Die Indexfonds auf Rohstoffe und die Hedgefonds. Erstere entwickelten sich in den letzten Jahren geradezu explosionsartig: Laut Zahlen der Barclays- Bank 4 wuchs ihr Volumen zwischen 2003 und 2012 von 13 auf 419 Milliarden US- Dollar. Indexfonds auf Rohstoffe orientieren sich in der Regel an einem Index, der die Wertentwicklung eines Korbes verschiede- Handel versus Spekulation Oktober 1998 Oktober % 16 % 31 % IndexspekulantInnen Klassischer Handel Klassische SpekulantInnen 41 % 77 % 28 % Michael W. Masters / Adam Knight mit Daten der Commodity Futures Trading Commission 2 und 3 Oxfam (2013), Réforme bancaire: ces banques françaises qui spéculent sur la faim, Seite 8. 4 Barclays Capital, Commodities Research, im Bericht von Solidar Suisse, (2013): Nahrungsmittelspekulation. Wie sich Banken, Pensionskassen und Hedgefonds am Welthunger mitschuldig machen. 13

14 Anlagen in Indexfonds und Rohstoffpreise S&G GSCI spot price commodity index S&P GSCI SP-GSCI DJ-AIG Andere Kapitalanlagen in Rohstoff-Fonds (in Milliarden US-Dollar) $ 300 $ 250 $ 200 $ 150 $ 100 $ Quelle: Jean Kregel (2008): The impact of changing financial flows on trade and production in developing countries. ner Rohstoffe abbildet. Die Versprechen, die von den Fonds gegenüber den AnlegerInnen gemacht werden, führen direkt oder indirekt fast immer zum Kauf von Futures an den Terminbörsen und zwar in der Regel als Wette auf steigende Preise. Um eine gute Diversifizierung des Portfolios zu gewährleisten, empfehlen BankberaterInnen heute ihrer Kundschaft in der Regel, zwischen 10 und 20 Prozent eines Portfolios in alternative Anlagen zu investieren, davon rund 5 Prozent in Rohstoffe. Wenn Aktien den Preis für Mastvieh bestimmen Daneben haben auch die risikofreudigen und aggressiven Hedge-Fonds die Rohstoffmärke als Geschäftsfeld für sich entdeckt. So kaufte ein Hedge-Fonds Mitte 2010 den gesamten Kakaomarkt in London leer und trieb damit die Preise in die Höhe. 5 Andere Hedge-Fonds setzen auf den computerisierten Hochfrequenzhandel, bei dem mit Hilfe von mathematischen Formeln kurze und kürzeste Preistrends ausgenutzt werden, um Profit abzuschöpfen. Zwei Ökonomen der Uno-Konferenz für Handel und Entwicklung UNCTAD ist es gelungen, die wichtige Rolle des Hochfrequenzhandels in der Preisbestimmung von Agrarrohstoffen nachzuweisen. 6 Sie konnten aufzeigen, dass sich die Preisentwicklungen bei Öl, Weizen, Mais, Soja, Zucker und sogar Mastvieh seit dem Herbst 2008 immer wieder während kurzer Zeitspannen von einigen Sekunden gleichlaufend zu den Finanzmärkten verhielten. «Die parallelen Schwankungen bei Rohstoffen und gewissen Börsenindizes können nicht veränderte Fundamentaldaten widerspiegeln. Mir scheint es jedenfalls schwierig, damit zu erklären, weshalb der Preis von Mastvieh synchron zum amerikanischen Aktienmarkt verläuft», erklärt David Bicchetti, Co-Autor der Studie. 5 Weed (2012): Was hat Weizen mit Spekulation zu tun? Seite 8. 6 UNCTAD, D. Bicchetti, N. Maystre (2012): The synchronized and long-lasting structural change on commodity markets: evidence from high frequency data. 14

15 Immer mehr wissenschaftliche Studien belegen: Spekulation beeinflusst die Nahrungsmittelpreise Viele VertreterInnen der Finanzbranche erklären die Preisanstiege bei Rohstoffen hauptsächlich mit der Veränderung so genannter Fundamentaldaten: Sie führen langfristige makroökonomische Faktoren wie Wirtschaftswachstum in den Schwellenländern, demografische Veränderungen, Wirtschaftspolitik oder die starke Zunahme von Agrotreibstoffen (in den USA werden 40 Prozent der Maisernte zu Agrotreibstoffen verarbeitet) ins Feld. Zu den kurzfristigen Faktoren, welche die Nahrungsmittelpreise beeinflussen, zählen sie den Preisanstieg von Rohöl und Dünger sowie klimatische Veränderungen (z.b. Dürren und Überschwemmungen). Noch immer umstritten ist dagegen die Auswirkung der Spekulation auf die Preisentwicklung und die Volatilität der Rohstoffpreise. Und dies, obwohl immer mehr empirische Beweise vorliegen, die den Zusammenhang deutlich aufzeigen: Schon 2006 schätzte die Bank Merill Lynch, dass die Preise durch Spekulation um 50 Prozent in die Höhe getrieben waren klagte Klaus Josef Stutz, Vorstandsmitglied von Europas grösstem Agrarhändler BayWa: «70 Prozent der Preisaufschläge sind den Spekulanten geschuldet.» Auch die Weltbank machte 2010 geltend: «Wir nehmen an, dass Indexfondsaktivität eine Schlüsselrolle bei der Preisspitze von 2008 gespielt hat. Biosprit spielte auch eine gewisse Rolle, aber viel weniger, als ursprünglich gedacht. Wir finden keine Belege, dass die angeblich gestiegene Nachfrage aus Schwellenländern irgendeinen Effekt auf die Weltmarktpreise hatte.» 8 Immer stärker wird auch die Kritik von Seiten der Wissenschaft: Seit 2010 zeigten zahlreiche Ökonomen statistisch auf, dass die Indexfonds den Preisanstieg der Rohstoffe signifikant beeinflusst haben. 9 Für die UNCTAD ist es offensichtlich, dass die Rohstoffmärkte nunmehr zum Finanzmarkt gehören und damit den Gesetzmässigkeiten der Spekulation unterliegen. Kürzlich haben Ökonomen der UNCTAD zusammen mit der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich eine Studie veröffentlicht. 10 Darin konnten sie anhand von mathematischen Modellen aufzeigen, dass nahezu 70 Prozent der Schwankungen bei den Rohstoffkursen nicht auf neue Informationen zurückzuführen waren, welche die Nachfrage oder das Angebot hätten beeinflussen können, sondern vielmehr auf das Herdenverhalten verschiedener Finanzinvestoren auf diesen Märkten. 7 Bloomberg Businessweek, E. Thornton ( ): Inside Wall Street s culture of risk. 8 World Bank, J. Baffes, T. Haniotis (2010): Placing the 2006/2008 Commodity Price Boom into Perspective. 9 UNCTAD, D. Bicchetti, N. Maystre (2012): The synchronized and long-lasting structural change on commodity markets: evidence from high frequency data / Institute for Agriculture and Trade Policy, P. Basu und W. T. Gavin (2011): What Explains the Growth in Commodity Derivatives, Excessive Speculation in Agricultural Commodities / World Bank, J. Baffes, T. Haniotis (2010): Placing the 2006/08 Commodity, Price Boom into Perspective, in: Policy Research Working Paper 5371 / The New England Complex Systems Institute, M. Lagi, Y. Bar-Yam, K. Z. Bertrand und Y. Bar-Yam (2011): The Food Crises: A quantitative model of food prices including speculators and ethanol conversion. 10 V. Filimonova, D. Bicchetti, N. Maystreb, D. Sornettea (2013): Quantification of the High Level of Endogeneity and of Structural Regime Shifts in Commodity Markets. 15

16 Auswirkungen im Weltsüden Wenn Essen unbezahlbar wird Die Preisspitzen bei den Grundnahrungsmitteln haben zu Hungerrevolten in zahlreichen Ländern des Südens geführt. Für viele Menschen, die bereits zuvor bis zu 90 Prozent ihres Einkommens für Nahrung aus geben mussten, wurde der Preisanstieg zur Überlebensfrage. Das Jahr 2008 begann mit einer Welle von Hunger-Aufständen in vielen Teilen der Welt: In Haiti schossen Uno-Blauhelme auf hungrige und wütende Menschenmengen und töteten mindestens fünf Menschen. Die Regierung wurde kurz darauf gestürzt. In Bangladesh, wo viele ArbeiterInnen 25 Dollar monatlich verdienen und sich die Reispreise im vorangegangenen Jahr verdoppelt hatten, fanden grosse Demonstrationen statt. Auch diese wurden von der Polizei mit Gewehrsalven aufgelöst. In Kairo wurden bei Protesten zwei Menschen getötet und Hunderte verhaftet. In der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Phen, wo das tägliche Durchschnittseinkommen 50 Cent beträgt und der Preis für ein Kilo Reis auf einen Dollar angestiegen war, marschierten die Demonstrierenden ins Parlament. Auch in der Elfenbeinküste, wo die Lebensmittelpreise bis zu 60 Prozent gestiegen waren, versammelten sich Tausende vor der Villa des Präsidenten und schrien: «Wir sind hungrig!» und «Das Leben ist zu teuer, ihr tötet uns!» 1 Zu diesem Zeitpunkt stellte die Uno-Welternährungsorganisation FAO fest, dass in 37 Ländern (21 davon in Afrika) eine Lebens- 16

17 Preisentwicklung von Grundnahrungsmitteln und Erdöl Index Mais Weizen Reis Erdöl Quelle: Weltbank mittelkrise ausgebrochen war. Die Nahrungsmittelpreise waren zwischen 2006 und 2008 regelrecht explodiert. Der Preis für Mais, Reis und Weizen hatte sein höchstes Niveau seit 30 Jahren erreicht. Auf Haiti wussten sich Frauen nicht anders zu helfen, als «Fladenbrote» aus Lehm, Salz und etwas Pflanzenfett zu backen, mit denen sie ihre Familien über den Tag zu bringen versuchten. Manche konnten sich aber nicht einmal diese menschenunwürdigen, meist mit Parasiten und Giften verseuchten Fladen leisten, die schwere Mangelerscheinungen und Verdauungsstörungen hervorrufen. Richtige Nahrungsmittel wie Reis, Bohnen und Obst waren für die Leute nach einer mehr als 50-prozentigen Preissteigerung nicht mehr erschwinglich. 2 Ein Einwohner von Bangladesh erklärte damals gegenüber einem Vertreter von Oxfam «Ich habe Angst, auf den Markt zu gehen und nach den einzelnen Preisen für die Lebensmittel zu fragen.» Und auch für die EinwohnerInnen von El Salvador war die Situation schwierig geworden. «Zuvor konnte ich mit 20 US-$ einen grossen Korb mit Esswaren füllen, nun reichen nicht mal mehr 40 US-$ aus. Mein Geld reicht einfach nicht mehr, es ist alles so teuer geworden», sagte eine Frau gegenüber Oxfam. 3 Obwohl die Preise danach wieder sanken, blieb der Rohstoffmarkt deutlich volatiler als zuvor. Im Jahr 2010 stiegen die Preise der Nahrungsmittel erneut um über 30 Prozent an und liessen 44 Millionen Menschen zusätzlich unter die Grenze für extreme Armut fallen. 4 1 Talktogether 25/2008: 2 Herald Bulletin, 25. April, Oxfam Deutschland (2012), Mit Essen spielt man nicht. Seite 11 und 12 4 World Bank: Food Prise Hike Drives 44 Million People into Poverty, Press release

18 Hunger und seine Folgen Während wir im Westen zwischen 10 und 20 Prozent unseres Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben, macht der Kauf von Grundnahrungsmitteln in Ländern des Südens zwischen 50 und 90 Prozent des Haushaltsbudgets aus. 5 Steigen die Nahrungsmittelpreise auch nur leicht an, werden die Folgen sehr schnell zu einer Überlebensfrage: Hungernde Menschen können nicht normal wachsen, lernen und arbeiten. Sie sind anfällig für Infektionskrankheiten und Parasiten. Am schlimmsten trifft Unterernährung Mütter und Kinder während der ersten fünf Lebensjahre: Fast ein Drittel aller Kinder in Entwicklungsländern kommt untergewichtig zur Welt. Über ein Drittel der 7,6 Millionen Kinder unter fünf Jahren, die 2010 weltweit gestorben sind, hätten mit besserer Ernährung gerettet werden können. 6 Grundsätzlich haben Preissteigerungen bei Lebensmitteln zur Folge, dass Menschen auf gesunde und teurere Nahrungsmittel wie Obst und Gemüse verzichten müssen. Familien verschulden sich und verkaufen ihr Hab und Gut, um sich zu ernähren. Ausgaben für Gesundheit und Bildung werden gekürzt. Gerade für die Ärmsten hat sich die Chancenungleichheit damit noch mehr verstärkt: Weil sie die Schulgelder nicht mehr bezahlen können, sind sie gezwungen, die Kinder aus der Schule zu nehmen. Victor Nzuzi, ehemaliger Lehrer und Bauer in der Region Bakango in der Demokratischen Republik Kongo, kennt die Folgen gut. «Bereits ohne Preisanstiege auf Nahrungsmittel hat der grösste Teil der kongolesischen Bevölkerung nur eine Mahlzeit am Tag. Die Kindersterblichkeit ist enorm hoch und mehr als 16 Millionen KongolesInnen leiden an Hunger. Unser Volk ist am Sterben», sagt Victor Nzuzi. «Die Menschen geben einen grossen Teil ihres Geldes für Nahrungsmittel aus wenn die Lebensmittelpreise steigen, wirkt sich das direkt auf andere Lebensbereiche aus. Eines von fünf Kindern beendet das Schuljahr nicht, weil seine Eltern die Schulgebühren nicht mehr bezahlen können», weiss Nzuzi. «Es gibt Kinder, die deswegen drei bis viermal dasselbe Schuljahr beginnen, ohne es je zu beenden.» 7 Stärkung der Kleinbauernfamilien macht unabhängiger Eigentlich könnte man sich vorstellen, dass Victor Nzuzi als Bauer von den gestiegenen Lebensmittelpreisen profitiert. «Nein», sagt er. «Mit den Nahrungsmittelpreisen steigen auch die Preise für Benzin und Transport.» Im Gegenteil, meint er: «Ich kämpfe immer mehr mit ausländischen und steuerbefreiten Konkurrenzprodukten, die die Märkte von Kinshasa überfluten und dazu führen, dass ich meine Produkte nur noch schlecht verkaufen kann.» Die lokale Landwirtschaft wurde von Regierungen und internationalen Organisationen jahrzehntelang vernachlässigt. Und dies, obwohl die Stärkung der Kleinbauernfamilien eine Grundvoraussetzung für eine gesunde Entwicklung eines Landes ist. Und sie ist auch eine wichtige Strategie gegen das zunehmende «Verrücktspielen» der globalen Finanz- und Agrarmärkte. Denn je besser ein Land sich und seine Bewohner- Innen selber versorgen kann, desto weniger anfällig ist es. Ein Beispiel dafür ist Alphonce Azebaze aus Kamerun. Der Agronom arbeitet seit vielen Jahren für CIPCRE, eine Partnerorganisation von Brot für alle in der Stadt Bafoussam im Südwesten Kameruns mit bald Einwohnerinnen und Einwohnern. «Meine Frau, die zwei Kinder und ich, dazu eine Witwe und immer wieder weitere Mitglieder der Familie, leben zu 80 bis 18

19 Eine Frau verkauft Gemüse auf einem Markt in Malawi: Wer sich selber versorgen kann, ist weniger verletzlich gegenüber hohen Nahrungsmittelpreisen. 90 Prozent von den Erträgen unseres Landes». Seinen Lohn nutzt Azebaze, um seine ältere Tochter in eine zweisprachige und damit teurere Schule zu schicken. «Das ist wichtig, denn so erhält sie eine bessere Ausbildung.» CIPCRE-Chauffeur Roger hat über einen Verwandten Land gepachtet, um sich und seine Familie zu ernähren. «Dank Selbstversorgung sind wir unabhängig.» Zudem hält er sich so seinen Wunsch offen, später Bauer zu werden. Dank Fair Trade liegt der Preis für Bananen und ebenso für Ananas, Avocados oder Mangos zwar um die Hälfte und mehr über dem Preis, den die Bauern und Bäuerinnen auf dem lokalen Markt erhalten würden. Dazu wird er erst noch im Voraus ausbezahlt. Die Schere zwischen den steigenden Preisen und einem stagnierenden Einkommen plagen ihn aber trotz Selbstversorgung: «In den letzten Jahren hat sich der Preis von Palmöl auf 800 FCFA (1,70 Franken) vervierfacht, Petrol für die Lampen auf 600 FCFA verdreifacht und Seife kostet heute 350 FCFA statt 150 FCFA.» 5 World Development Movement (2010): The Great Hunger Lottery. 6 Weltagrarbericht: 7 Interview mit Victor Nzuzi vom

20 Ru Island Grönland (Dänemark) Norwegen Schweden Dänemark Kanada Irland Niederlande Polen Deutschland Belgien Luxemburg Frankreich Tschechien Slowakei Liechtenstein Österreich Schweiz Ungarn Slowenien Kroatien Vereinigte Staaten von Amerika Mexiko Guatemala El Salvador Belize Honduras Costa Rica Nicaragua Kuba Jamaika Panama Trinidad und Tobago Venezuela Französisch-Guyana Kolumbien Surinam Ecuador Bahamas Haiti Peru Dominikanische Republik Virgin Islands (GB) Puerto Rico (USA) Guadeloupe (fr.) Martinique (fr.) Es kostet 20 Rappen pro Tag, um ein hungriges Kind zu ernähren und damit sein Leben grundlegend zu verändern. Guyana Brasilien Kap Verde West-Sahara Mauretanien Senegal Gambia Guinea Bissau Guinea Sierra Leone Liberia Portugal Spanien Marokko San Bosnien und Marino Herzegowina Monaco Montenegro e R Andorra Vatikanstadt Elfenbeinküste Gibraltar (UK) Algerien Mali Burkina Faso Ghana Togo Benin Grossbritannien Tunesien Italien Niger Nigeria Äquatorial Guinea Sao Tome und Principe Cabinda (Angola) Malta Albanien Libysche Arabis Dschamahir Kamerun Gabon Tschad Rep. Kongo Demok Rep Ko Angola Grie Zentral Afrik Repub Bolivien Namibia Chile Argentinien Paraguay Uruguay Nahrung ist das grundlegendste menschliche Bedürfnis zum Überleben. Dennoch geht durchschnittlich eine von acht Personen weltweit hungrig zu Bett. Sü Falklandinseln (Malwinen) (UK) Welternährungsprogramm 20

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