System der medizinischen Rehabilitation

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1 System der medizinischen Rehabilitation Dr. Matthias Morfeld Prof. Dr. Dr. Uwe Koch Institut für Medizinische Psychologie UKE, Hamburg Leitsymptomvorlesung Themenblock Operative Medizin

2 Lernziele Vorbereitung auf die Praxiswoche Welche Bedeutung hat Reha für das Gesamtversorgungssystem? Wie gestaltet sich die Verbindung zwischen kurativer Akutversorgung und Rehabilitation? Wie kommt der Patient/Versicherte in die Rehabilitation? In welchem Setting bewegen sie sich - Rehaklinik?

3 Übersicht Begriffsklärung und Historie Formen der Rehabilitation Grundprinzipien der Rehabilitation in Deutschland Abgrenzung zur Kur Zugang und Voraussetzungen Wo wird Rehabilitation wie durchgeführt? Ausblick

4 Rehabilitation Zur Bedeutung des Begriffs lat. rehabilitare Herkunft und Geschichte des Begriffs: re (wieder) + habilitare (fähig machen) wiederbefähigen ursprünglich rechtliche Bedeutung: Wiederherstellung eines früheren Zustandes (soziologisches Lexikon) Duden Fremdwörterbuch: (Wieder- )Eingliederung eines kranken, körperlich oder geistig behinderten Menschen in das berufliche und gesellschaftliche Leben

5 Ausgangssituation der Rehabilitation in Deutschland: Rehabilitation besonders kultiviert und finanziert Gehörlosenpädagogik seit dem 16. Jahrhundert Blindenpädagogik seit dem 18. Jahrhundert Krüppelfürsorge und feste Einrichtungen der Rehabilitation seit dem 19. Jahrhundert Schrittweise Ergänzung des Sozialversicherungssystems um rehabilitative Leistungen im 20. Jahrhundert Reha vor Pflege und Reha vor (Früh-)Rente waren lange ein erfolgreiches Motto

6 Paradigmenwechsel im Krankheitsspektrum Von Infektionskrankheit zu chronischen Krankheiten Chronisch degenerative Erkrankung Rückenschmerzen, psychische Erkrankungen, Neubildung, KHK Gefahr einer dauerhaften Behinderung, Frühinvalidität, dauerhafte Erwerbsunfähigkeit

7 Maßnahmearten der Rehabilitation Leistungsgruppen nach SGB IX (Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen - seit 1. Juli 01 in Kraft) medizinische Rehabilitation berufliche Rehabilitation SGB IX: Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben soziale Rehabilitation SGB IX: Leistungen zur Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft weitere Leistungsgruppe im SGB IX: ergänzende Leistungen

8 Definition von Rehabilitation WHO (1967) Rehabilitation ist die Gesamtheit der Aktivitäten, die nötig sind, um dem Behinderten bestmögliche körperliche, geistige und soziale Bedingungen zu sichern, die es ihm erlauben, mit seinen eigenen Mitteln einen möglichst normalen Platz in der Gesellschaft einzunehmen.

9 Medizinische Rehabilitation Beispiele, Abgrenzung zu Kur Verbesserung der Muskel- und Ausdauerkraft nach einer Gelenk-OP durch Krankengymnastik Nichtraucher-Training und kontrollierte Bewegungstherapie nach Herzinfarkt und Bypass-OP Hirnleistungstraining, Ergotherapie, Sprachtherapie nach einem Schlaganfall Abgrenzung zu Kur (im Alltagssprachgebrauch): Kuren dienen i.d.r. der Gesundheitsvorsorge, die Regeneration der geschwächten Gesundheit steht im Vordergrund [demgegenüber stellt Rehabilitation qualifizierte Medizin und Betreuung dar]

10 Grundsätze der Rehabilitation (nach Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation, 1994) Wiederherstellung körperlicher, psychischer und geistiger Integrität (als Idealziel) Frühzeitiges Erkennen des Rehabilitationsbedarfs Ausrichtung der Leistungen auf den Einzelfall Rechtzeitiger Beginn, Zügigkeit, Kontinuität und Nahtlosigkeit Integration aller im Einzelfall notwendigen Leistungen Ambulant vor stationär Rehabilitation vor Rente Rehabilitation vor Pflege Rehabilitation als Hilfe zur Selbsthilfe

11 Medizinische Rehabilitation Abwendung, Beseitigung, Minderung, Ausgleich und Verhütung von Verschlimmerung von Behinderungen einschließlich chronischer Krankheiten Einschränkungen der Erwerbsfähigkeit und Pflegebedürftigkeit sollen vermieden werden wichtigster Leistungsträger ist hier die Rentenversicherung (dem gesetzlichen Auftrag Rehabilitation hat Vorrang vor Rente verpflichtet) Anschlussrehabilitation nach akuter schwerer Krankheit (z.b. Herzinfarkt, Bandscheiben-OP) sowie allgemeine Heilbehandlungen bei chronischen Krankheiten, die durch Rehabilitation günstig beeinflusst werden können stationär oder ambulant/teilstationär

12 Rehabilitation - moderne Sichtweise - R. nicht nur für Behinderte, sondern auch für chronisch Kranke bzw. von einer Behinderung bzw. Leistungsminderung bedrohte Menschen ganzheitliches Krankheitsverständnis (biopsychosoziale Sichtweise) Prozess, aktives Geschehen Motivation und aktive Teilnahme erforderlich angemessene Berücksichtigung von persönlichen Belangen, berechtigten Wünschen und Bedürfnissen eines/einer R.

13 Rehabilitationsträger SGB IX 6 gesetzliche Rentenversicherung gesetzliche Krankenkassen Bundesanstalt für Arbeit gesetzliche Unfallversicherung Kriegsopferversorgung (Versorgungsämter) öffentliche Jugendhilfe Sozialhilfe (Sozialämter) zusätzlich: Beamtenversorgung, ggf. private Krankenversicherung, Haftpflichtversicherung (eines Unfallverursachers)

14 Träger von Reha-Maßnahmen Träger Rentenversicherung Krankenversicherung Arbeitsförderung Unfallversicherung Kriegsopferversorgung/-fürsorge Sozialhilfe Begleitende Hilfe im Arbeits- u. Sozialleben Anzahl (gerundet) Summe Statistisches Bundesamt 1997

15 Träger der Rehabilitation Verwirklichung des Prozesscharakters aller Maßnahmen ist aufgrund des historisch gewachsenen Systems der sozialen Sicherung in Deutschland schwierig Für Rehabilitation ist nicht ein einheitlicher Träger zuständig Jeder Träger hat neben seinen sonstigen Aufgaben seinen spezifischen Bereich der Rehabilitation Verschiedenen Zuständigkeiten sind für den Laien nur schwer zu durchschauen Warum?

16 Prinzipien der Rehabilitation Prinzip der einheitlichen Risikozuordnung Zuständig ist der Sozialversicherungsträger der auch das Risiko bei Scheitern der Maßnahme trägt Rehabilitationsbedürftigkeit Erwerbsfähigkeit ist aufgrund einer gesundheitlichen Schädigung erheblich gefährdet oder bereits gemindert und medizinische Reha ist die geeignete Bewältigungsstrategie Rehabilitationsfähigkeit Belastbarkeit des Versicherten zur aktiven Teilnahme an einer Heilbehandlung Rehabilitationsprognose

17 Rehabilitationsprognose Gesetzlich gefordert positive Rehabilitationsprognose Rehabilitationserfolg mit den durchzuführenden Maßnahmen möglich Vom Rehabilitanden wird erwartet, das Angebot aktiver und passiver therapeutischer Leistungen in Anspruch zu nehmen. Die Entscheidung über die Form der zu erbringenden Leistung ist abhängig von den zu erwartenden Komplikationen, der Mobilität, der psycho-physischen Belastbarkeit, der Motivation, der Compliance, dem sozialen Umfeld, den beruflichen Perspektiven

18 Antrag auf Rehabilitation Die Rehabilitationsbedürftigkeit und -fähigkeit im Einzelfall muss vom primär behandelnden Arzt festgestellt werden Versicherter stellt Antrag! bei allen Rehabilitationsträgern (Krankenkassen, Rentenversicherungsträger, Arbeitsämter etc.) Prüfung der versicherungsrechtlichen Voraussetzungen die Zuweisungssteuerung wird von den Leistungsträgern derzeit noch in unterschiedlicher Weise vorgenommen.

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