Psychosen, Schizophrenie

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1 Ein Engagement der betapharm Psychosen, Schizophrenie & Soziales Anja Greiner Adam_fotolia.com

2 Michael Ewers Liebe Leserin, lieber Leser, betapharm setzt sich seit Jahren aktiv für eine verbesserte Versorgungsqualität im Gesundheitswesen und Hilfen für Angehörige ein. Aus diesem Engagement hat sich betacare das Wissenssystem für Krankheit & Soziales entwickelt, welches Antworten auf alle sozialen Fragen rund um eine Krankheit bietet. Der vorliegende Ratgeber Psychosen, Schizophrenie & Soziales informiert zu sozialrechtlich relevanten Themen wie Krankengeld, Erwerbsminderungsrente und Sozialhilfe sowie zu kritischen rechtlichen Fragen im Zusammenhang mit schweren psychischen Erkrankungen. Darüber hinaus behandelt er alltägliche Themen wie Arbeiten oder Wohnen, die für Psychiatrie-Erfahrene immer auch eine therapeutische Dimension haben können. Mit herzlichen Grüßen, Michael Ewers Geschäftsführer betapharm & beta Institut Alle Bausteine des betacare-wissenssystems mit seinen vielfältigen Inhalten finden Sie unter Mehr über das soziale Engagement und die Produkte der betapharm Arzneimittel GmbH finden Sie unter

3 Inhaltsverzeichnis Vorbemerkung 2 Erkrankung 5 Formen psychotischer Störungen 6 Auftreten und Verlauf 6 Ursachen 7 Symptome 8 Behandlung 11 Stationäre und teilstationäre Behandlung _ 12 Medikamentöse Behandlung 14 Psychotherapie 15 Soziotherapie 17 Psychoedukation 19 Ergotherapie 21 Psychoseseminare 22 Soteria 23 Gerontopsychiatrische Einrichtungen 24 Sozialpsychiatrischer Dienst 25 Arbeit 27 Stufenweise Wiedereingliederung 29 Nachteilsausgleiche bei Schwerbehinderung 31 Zweiter Arbeitsmarkt und Integrationsprojekte 31 Tages- und Werkstätten für behinderte Menschen 34 Berufsfindung und Arbeitserprobung 35 Arbeitstherapie und Belastungserprobung _ 36 Finanzielle Leistungen bei Arbeitsunfähigkeit und Arbeitslosigkeit 37 Arbeitsunfähigkeit 38 Entgeltfortzahlung 39 Krankengeld 39 Arbeitslosengeld 42 Arbeitslosengeld bei Arbeitsunfähigkeit 42 Grundsicherung für Arbeitssuchende (Hartz IV) 43 Arbeitslosengeld II und Sozialgeld 47 Sozialhilfe 49 Einsatz von Einkommen und Vermögen 51 Hilfe zum Lebensunterhalt 54 Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung 55 Rehabilitation 57 Bereiche der Rehabilitation 58 Zuständigkeit 59 Stationäre medizinische Rehabilitation 60 Berufliche Rehhabilitation/ Teilhabe am Arbeitsleben 63 Rehabilitation psychisch kranker Menschen _ 66 Übergangsgeld 67 Krankenversicherung 69 Krankenversicherungsschutz 70 Säumige Beitragszahler 71 Zuzahlungen 72 Zuzahlungsbefreiung 74 Schwerbehinderung 77 Grad der Behinderung 78 Schwerbehindertenausweis 81 Merkzeichen 82 Erwerbsminderungsrente 83 Pflege 87 Pflegebedürftigkeit 88 Leistungen der Pflegekassen 89 Pflegegeld 90 Psychiatrische Krankenpflege 91 Familie und Angehörige 95 Umgang miteinander 96 Angehörige von Psychose-Patienten 99 Selbstschutzmaßnahmen für Betroffene 101 Wohnen 103 Betreute Wohnformen 104 Wohnen in der Familie 107 Wohngeld 107 Autofahren und Führerschein 109 Führerschein und schwere Krankheit 110 Zweifel an der Fahrtauglichkeit 111 Autofahren bei Psychosen 111 Rechtliche Aspekte der Betreuung 113 Vorsorge 114 Betreuung 115 Freiheitsentziehende Maßnahmen 118 Krisenpass 120 Adressen 121 Buchtipps 123 Impressum 125 1

4 Vorbemerkung Psychotische Störungen (Psychosen) sind zum Teil schwer exakt zu diagnostizieren. Verkomplizierend kommt hinzu, dass in den letzten Jahren sich die Haltung gegenüber dem Patienten und die Arbeit mit dem Patienten wandelten, neue Behandlungsansätze hinzugekommen sind, verschiedene Lehrmeinungen und Terminologien miteinander konkurrieren und ähnliche Symptome bei den verschiedensten Störungen auftreten. Dieser Ratgeber gibt aus medizinisch-therapeutischer Sicht nur einen kurzen Überblick im Kern informiert er wie alle betacare-ratgeber zu sozialrechtlichen und psychosozialen Themen. Dies soll jedoch nicht heißen, dass die Autoren dem sozialtherapeu tischen Ansatz den Vorzug geben. Die Gewichtung medikamen töser, psychologischer und sozialer Therapieelemente liegt in der Entscheidungshoheit von Arzt und Patient. Sozialrecht und Psychosen Betroffene, Angehörige und Therapeuten sollten sich bewusst machen, dass im Sozialrecht Formalitäten wie Anträge und Fristen schwerwiegende Auswirkungen auf mögliche (finanzielle) Leistungen und den Versicherungsschutz haben können. Nur sehr selten wird es gelingen, bei Behörden und Versicherungen eine abgelaufene Frist mit dem Hinweis auf eine Akut phase verlängern zu können. Eine besondere Wachsamkeit ist hier beim Auslaufen des Krankengelds und der damit verbundenen Gefahr des Verlusts des Krankenversicherungsschutzes (siehe S. 70) erforderlich. Das Sozialrecht ist schon für einen gesunden Menschen nicht leicht verständlich. Patienten mit einer verrückten Sicht auf die Welt brauchen hier umso mehr Hilfe, wenn möglich in Form von Hilfe zur Selbsthilfe. In Akutphasen müssen aber auch wachsame Betreuer und Angehörige entsprechende Briefe und Fristen ernst nehmen und sofort darauf reagieren. 2

5 Menschen müssen im Unterschied zu anderen Lebewesen um ihr Selbstverständnis ringen. Es gehört zu unseren Möglich keiten, an uns zu zweifeln, andere(s) zu bezweifeln und dabei auch zu verzweifeln, über uns hinaus zu denken und uns dabei zu verlieren. Psychosen ein zutiefst menschliches Phänomen Wer lange Zeit verzweifelt ist, ohne Halt und Trost zu finden, wer seine Gefühle nicht mehr mitteilen kann und sie nicht mehr aushält, kann depressiv werden, wer die Flucht nach vorne ergreift, auch manisch. Wer sich selbst verliert, verliert auch seine Begrenzung und Abgrenzung zu anderen. Entsprechend verändert sich die Art, Dinge und Personen um sich herum wahrzunehmen. Die Gedanken werden sprunghaft, probierend und weniger folgerichtig. Dauert dieser Zustand an, sprechen wir von Psychosen. Wer psychotisch wird, ist also kein Wesen vom anderen Stern, reagiert nicht menschen-untypisch, sondern zutiefst menschlich. Eine Psychose ist eine tiefe existenzielle Krise, eine meist alle Lebensbereiche umfassende Verunsicherung. Subjektiv ist nichts mehr, wie es war, auch wenn aus der Sicht von anderen gar nicht viel passiert ist. Vorrangig können Stimmung, Lebensgefühl und Lebensenergie wesentlich verändert sein, dann spricht die Psychiatrie von affektiver Psychose. Oder es können vorrangig Wahrnehmung, Denken und Sprache be troffen sein, das nennen Psychiater schizophrene/kognitive Psychose. Letztlich hängen Wahrnehmung und Stimmung (in beiden Richtungen) zusammen. Und jede Psychose ist anders, so wie jeder Traum anders ist, weil jeder Mensch anders ist. Prof. Dr. Thomas Bock Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf Zitat aus: Es ist normal, verschieden zu sein! (Blaue Broschüre). Verständnis und Behandlung von Psychosen erstellt im Dialog von Psychose-Erfahrenen, Angehörigen und Therapeuten/Wissenschaftlern in der AG der Psychoseseminare (Hrsg.) Download der gesamten Broschüre unter > Download > Mediathek > Druck 3

6 drubig.photo_fotolia.com 4

7 Erkrankung 5

8 Formen psychiotischer Störungen Bei den psychotischen Störungen (= Psychosen) werden folgende Formen unterschieden: Organische Psychosen Es gibt eine organische Ursache, z. B. Demenz, Hirnverletzungen. Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis Sehr unterschiedliche Erscheinungsbilder mit einem Schwerpunkt auf kognitiven Störungen bei Wahrnehmung und Denken. Affektive Psychosen Veränderungen der Realitätsverarbeitung im Zusammenhang mit eher affektiven Störungen von Stimmung und Antrieb in Richtung einer Depression oder Manie oder in beide Richtungen (= bipolare Störung). Schizoaffektive Psychosen Wechsel von Symptomen einer Schizophrenie, einer Depression und/oder einer Manie. Auftreten und Verlauf Bei Psychosen handelt es sich oft um vorübergehende Phasen, die einmal oder mehrmals im Leben der Betroffenen auf treten können meist im Zusammenhang mit Lebenskrisen. Psychotische Störungen sind relativ häufig; es wird davon ausgegangen, dass ca. 2 % der Bevölkerung im Lauf des Lebens eine Psychose entwickeln, 1 % im Sinne von schizophrenen Psychosen, 1 % im Zusammenhang mit Depression und Manie. Der Verlauf psychotischer Störungen ist sehr unterschiedlich und hängt neben der diagnostizierten Störungsform auch vom Betroffenen und von den therapeutischen Maßnahmen ab. 6

9 Psychosen verlaufen in Phasen. In der akuten Phase sind die Symptome sehr ausgeprägt, die Patienten werden dann möglichst dicht, häufig stationär betreut. In der sich daran anschließenden Stabilisierungsphase brauchen viele Patienten Ruhe und Zeit zur Erholung. In der dritten, der Remissionsphase, gehen die Symptome stark zurück oder verschwinden ganz. Ein Teil der Betroffenen durchlebt nur eine einmalige Akutphase. Manche müssen in Lebenskrisen mit erneuten Phasen rechnen. Bei anderen kann es zu bleibenden Beeinträchtigungen kommen. Sie müssen lernen damit umzugehen, können mit entsprechenden Hilfen aber ein eigenständiges und zufriedenstellendes Leben führen. In vielen Fällen entwickelt sich eine Psychose chronisch und verläuft in Schüben. Die Betroffenen können den Umgang mit den zeitweisen Störungen aber lernen. Ursachen Mit Ausnahme der organischen Psychosen sind die Ursachen weitgehend unbekannt. Vermutet werden zum einen Störungen des Hirnstoffwechsels, zum anderen anlagebedingte Faktoren im Zusammenhang mit äußeren psychischen Belastungen. Das derzeit aktuelle Vulnerabilitäts-Stress-Modell besagt, dass bestimmte Belastungssituationen wie etwa Auszug aus dem Elternhaus, Eheschließung, Tod eines Angehörigen, Drogen - kon sum etc. im Zusammenhang mit einer angeborenen Vulnerabilität (Anfälligkeit) eine psychotische Störung auslösen könnten. Das heißt, dass einer Psychose genetisch-biologische und psycho soziale Ursachen zugrunde liegen könnten. Bei extremer Reizüberflutung oder extremem Reizentzug kann jeder Mensch gezwungen sein, aus der Realität auszusteigen. Das unterstreicht die anthropologische Sicht, dass die Möglichkeit, psychotisch zu werden, zum Wesen des Menschen gehört (siehe S. 3). 7

10 Symptome Nachfolgend eine Schilderung von Symptomen einer psychotischen Störung am Beispiel der Schizophrenie. Die Schilderung erfolgt in der Absicht, ein minimales Verständnis für das Erleben der Patienten zu erreichen. Patienten können versuchen, vertrauten Menschen das zu schildern, was sie in einer akuten Psychose erlebt haben. Angehörige, Betreuer und Thera peuten können versuchen, für diese Erlebnisse ein Verständnis zu entwickeln. Sie sollten jedoch immer beachten, dass der Mensch nie nur aus psychotischen Symptomen besteht. Dies kann gegenseitiges Verständnis fördern und Konflikte und gegenseitige Verletzungen reduzieren. Plussymptomatik In einer schizophrenen Akutphase erscheint Außenstehenden die gesamte Persönlichkeit des Betroffenen auf verschiedene Art fremdgesteuert. Charakteristisch sind Wahn, Halluzinationen, Ich-Störungen und formale Denkstörungen. Diese Störungen werden als Plussymptomatik bezeichnet. Wahn Eine nicht korrigierbare, falsche Beurteilung der Realität. Am häufigsten leiden die Patienten unter Verfolgungsund Beziehungsideen. Sie beziehen das Verhalten anderer Men schen wahnhaft auf sich selbst. Ein Wahn kann sich sowohl mit als auch ohne äußere Wahrnehmungen entwickeln. Halluzinationen Empfunden wird eine Sinneswahrnehmung, der kein realer Sinnesreiz zugrunde liegt. Diese Täuschung kann alle Sinnesorgane betreffen, wobei es am häufigsten zu akustischen Halluzinationen kommt. Der Patient hört Stimmen, die ihm Befehle erteilen oder sich über ihn unterhalten. Ich-Störungen Die Grenze zwischen der eigenen Person und der Umwelt wird als durchlässig empfunden. Körper, Gedanken oder/und Gefühle werden als fremd erlebt. Auch kann es zu einem Gefühl der Beeinflussung oder Eingebung bzw. auch dem Entzug der Gedanken kommen. Der Patient lebt zugleich in einer wirklichen und einer wahnhaften Welt. Formale Denkstörungen Darunter fallen Verzerrungen des herkömmlichen Denkablaufs, Zerfahrenheit mit sprunghaften und unlogischen Gedankengängen oder Abbruch eines Gedankengangs ohne erkenn- 8

11 baren Grund. Der Patient verschmilzt verwandte Wörter oder erfindet neue Wörter. Zu den sogenannten Minussymptomen zählen sozialer Rückzug, emotionale Verarmung oder Verflachung, Antriebsunlust, Willensschwäche, mangelnde Körperpflege und psychomotorische Verlangsamung. Minussymptomatik Manche Patienten berichten von einer Überempfindlichkeit gegenüber Licht oder Farben, Geräuschen, Gerüchen oder Geschmacksempfindungen. Auch das Zeitempfinden kann gestört sein. Die Intelligenz dagegen ist nie beeinträchtigt. 9

12 nikesidoroff_fotolia.com 10

13 Behandlung Bei der Therapie von Psychosen wird ein mehrdimensionaler An satz verfolgt, bestehend aus medikamentösen, psycho therapeutischen und sozialtherapeutischen Maßnahmen. 11

14 In der Akutphase erfolgt in der Regel eine stationäre Behandlung. In den darauf folgenden Phasen reicht meist eine ambulante Be treuung aus. Ein alternativer, ganzheitlicher Behandlungsansatz ist das Soteria-Konzept. Stationäre und teilstationäre Behandlung Im Krisenfall erfolgt die Behandlung von Patienten mit Psy cho sen häufig in psychiatrischen Kliniken bzw. psychia trischen Abteilungen von Kliniken. Eine stationäre Behandlung hat immer das Ziel, die aktuelle Krise zu bewältigen und die Betroffenen so zu stabilisieren, dass sie mit der angemessenen therapeutischen Unterstützung ihr Leben möglichst selbstständig gestalten können. Allerdings haben sehr viele Menschen große Vorbehalte gegen die Psychiatrie, Anstalten und Behandlung auf Station. Doch die Erkenntnisse für die Arbeit mit psychotisch erkrankten Menschen haben sich in den letzten Jahren stark erweitert und vor allem in den Kliniken zu großen Veränderungen geführt. Viele Betroffene haben mittlerweile erlebt, dass sie in ihrer schwierigsten Zeit, als sie in die Klinik eingewiesen wurden, dort erstmals auf Menschen trafen, die ihnen zuhörten, Zeit hatten, sehr erfahren waren und so zusammen mit dem Patienten ein Behandlungskonzept entwickelten, das auch über die Entlassung hinaus Halt und Hilfe gab. Wenn möglich und nötig, werden Angehörige mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung von den Therapeuten der Klinik mit eingebunden. Je nach Situation kann der Aufenthalt in der Klinik unterschiedlich lang sein, meist bewegt sich die Aufenthaltszeit zwischen zwei und sechs Wochen. Die Entlassung muss sorgfältig geplant werden, denn mit der Klinik verlassen die Betroffenen auch einen Schutzraum und müssen stabil genug sein, die Belastungen des Alltags wieder auszuhalten. Viele Kliniken gestalten den Übergang deshalb fließend, z. B. durch Besuche oder Übernachtungen zu Hause. Zum Teil bleibt auch nach der Entlassung eine mehr oder weniger feste Bindung zur Klinik oder zu einem einzelnen Therapeuten, zu dem der Betroffene ein besonderes Vertrauensverhältnis aufgebaut hat. Diese Bindung reicht von regelmäßigen Therapieterminen in der Institutsambulanz bis hin zur Notfallnummer für Krisenzeiten. 12

15 Die Krankenhausbehandlung beinhaltet alle Leistungen, die für den Patienten nach Art und Schwere seiner Erkrankung not wendig und im Rahmen des Versorgungsauftrags des Krankenhauses möglich sind. Dazu zählt neben der ärztlichen Behandlung auch die Krankenpflege sowie die Versorgung mit Arznei- und Ver band mitteln, Heilmitteln und Hilfsmitteln. Die Kosten des Krankenhausaufenthaltes trägt die Krankenkasse oder der Sozialhilfeträger. Krankenhausbehandlung Patienten ab Vollendung des 18. Lebensjahres müssen für die vollstationäre Krankenhausbehandlung eine Zuzahlung von 10, e pro Tag leisten. Diese Zuzahlung ist auf 28 Tage pro Kalenderjahr begrenzt. Der Aufnahme- und der Entlassungstag zählen jeweils als ganzer Tag. Wird ein Elternteil stationär untergebracht, kann eine Haushaltshilfe beantragt werden. Eine Haushaltshilfe ist eine fremde oder verwandte Person, die die tägliche Arbeit im Haus halt erledigt. Sie übernimmt alle notwendigen Arbeiten, z. B. Ein kauf, Kochen, Waschen oder Kinderbetreuung. Wichtigste Voraussetzungen für die Antragstellung sind: Keine andere Person im Haushalt kann die Arbeiten übernehmen und es ist ein Kind unter 12 Jahren zu versorgen. Träger der Leistung kann die Krankenkasse, die Unfallversicherung oder die Rentenversicherung sein, selten auch die Sozialhilfe. Die Haushaltshilfe ist in jedem Fall vorher zu beantragen. In der Regel ist an eine psychiatrische Klinik eine Institutsambu lanz angebunden, in der psychiatrische Patienten ambulant be han delt werden. Meist arbeiten dort verschiedene Berufsgruppen zusammen. Institutsambulanzen Die Übergänge in der Institutsambulanz sind fließend: sowohl zum ambulanten Bereich (z. B. Betreuung in einer Arztpraxis) als auch zum stationären Bereich (Wiederaufnahme in die Klinik). Zum Teil sind Institutsambulanzen auch in integrierte Ver - sor gungsmodelle eingebunden, das heißt, dass die ambulante und stationäre Versorgung aus einer Hand organisiert wird. Tageskliniken gibt es unabhängig von psychiatrischen Kliniken oder dort angebunden. Sie nehmen Patienten in der Regel nur an Werktagen und tagsüber auf und bieten dort bei Bedarf dasselbe Leistungsspektrum wie die Klinik. Tageskliniken 13

16 Medikamentöse Behandlung Medikamente sind meist wirksam in Bezug auf Positiv symp tome wie Halluzinationen, Wahnideen, Ich- und Denkstö rungen. Sie können der psychosetypischen Reizüberflutung entgegenwirken und so der Entwicklung von Symptomen vorbeugen sowie Symptome abschwächen oder unterdrücken. Eingesetzt werden meist sogenannte Neuroleptika. Über die medikamentöse Behandlung sollten Arzt und Patient gemeinsam entscheiden. Eine vertrauensvolle Arzt-Patienten- Beziehung ist eine wichtige Basis für diese Entscheidung und den weiteren Behandlungsverlauf. Zentrale Probleme bei dieser Ent schei dung sind die unterschiedlichen Wirkungs- und Nebenwirkungsprofile der Medikamente sowie die Dosierung, d. h. die Entscheidung darüber, wie viel Schutz bzw. Abschirmung nötig ist und wie viele Erlebnisse auch anders zu verarbeiten sind. Manchmal sind mehrere zeitintensive Anläufe notwendig, bis das individuell passende Medikament gefunden wird. Auch über das Ende der Medikation sollten Arzt und Patient sich abstimmen. Zuzahlung Mitglieder der gesetzlichen Krankenversicherung, die das 18. Lebensjahr vollendet haben, müssen für viele Medikamente Zuzahlungen in Höhe von 10 % des Abgabepreises bezahlen, mindestens 5, e und höchstens 10, e umgangssprachlich oft als Rezeptgebühr bezeichnet. Zuzahlungsbefreiung ist möglich, Details siehe S. 74. Zuzahlungsfreie Medikamente Manche Arzneimittelwirkstoffe können von der Zuzahlung befreit sein. Auf den Internetseiten der GKV (Die gesetzlichen Kranken kassen), steht eine Übersicht über diese Wirkstoffe, ebenso eine Liste der Arzneimittel, die tatsächlich zuzahlungsbefreit sind: > Krankenversicherung > Arzneimittel. Darüber hinaus können Medikamente eines Arzneimittel - her stellers, mit dem die Krankenkasse einen Rabattvertrag geschlossen hat, ganz oder zur Hälfte zuzahlungsfrei sein. 14

17 Psychotherapie Die Psychotherapie orientiert sich an der jeweiligen Erkran kungsphase sowie den individuellen Möglichkeiten des Patien ten und seiner Lebenssituation. Die therapeutische Beziehung kann helfen, sich zu spiegeln, zu spüren und zu vergewissern. Langfristig kann sie helfen, psychotische Symptome zu entschlüsseln und damit zusammenhängende Konflikte zu entschärfen. Der Patient muss zu Beginn der Psychotherapie einen gewissen Realitätsbezug aufweisen. Bei psychischen Störungen mit Krankheitswert übernimmt die Krankenkasse die Kosten bestimmter psychotherapeutischer Behandlungen (im Sinne einer Krankenbehandlung. Derzeit von den Kassen anerkannt sind psychoanalytisch begründete Verfahren und Verhaltenstherapie. Für andere Therapien übernehmen die Kassen die Kosten nur im Einzelfall und auf Antrag. Kosten Bei der Behandlung von Patienten mit einer Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis wird häufig die kognitive Verhal tenstherapie eingesetzt. In der Therapie wird zunächst gemeinsam mit dem Patienten ein Verständnis seiner Probleme erarbeitet und er wird über die Störungen und Behandlungsmöglichkeiten informiert. So sollen Ängste und Unsicherheiten abgebaut werden. Dann wird der Patient befähigt, Frühwarnsymptome zu erkennen und Strategien zu entwickeln, wie er darauf reagieren kann, um einen Rückfall zu vermeiden oder zumindest abzu mildern. Weitere wichtige Themen der Therapie sind die Akzeptanz fortbestehender Symptome und der Medikamenteneinnahme, die Ent wicklung und Stärkung vorhandener Fähigkeiten sowie die Förde rung der Lebensqualität. Kognitive Verhaltenstherapie Für eine Psychotherapie ist keine Überweisung durch einen Arzt erforderlich. Der gewählte Psychotherapeut muss allerdings eine Kassenzulassung haben, damit die Krankenkasse die Kosten übernimmt. Therapeuten können entweder Psychologen ( psychologischer Psychotherapeut ) oder Mediziner ( ärztlicher Psychotherapeut ) sein. Für Patienten mit Psychosen ist es nicht einfach, den richtigen Therapeuten zu finden. Häufig kommen auch noch lange Wartezeiten bis zum Therapiebeginn dazu. Betroffene sollten auf jeden Fall darauf achten und danach fragen, ob der Therapeut Erfahrung mit Psychosen hat. Therapeutenwahl 15

18 Praxistipps! Die folgenden Tipps helfen bei der Therapeutensuche. Vermittlungsstellen für psychotherapeutische Behandlungen Die meisten Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) auf Länderebene bieten Vermittlungsstellen für psychotherapeutische Behandlungen. Unter > Die KBV > Mitglieder > Adressliste stehen die Internetadressen der KVen. Einige KVen haben eine sogenannte Koordinationsstelle Psychotherapie eingerichtet. Dort werden Patienten über unterschiedliche Therapiemöglichkeiten und -formen informiert. Unter > Service > Arztsuche können regional Ärzte aller Fachrichtungen recherchiert werden, auch Psychotherapeuten. Der Suchservice der Bundespsychotherapeutenkammer steht unter > Psychotherapeutensuche Falls ein Patient nachweisen kann, dass erst nach mehrmonatiger Wartezeit ein Therapieplatz in der Region frei wird, kann die Krankenkasse auf Antrag auch die Therapie bei einem Psychotherapeuten mit Berufszulassung, jedoch ohne Kassen zulassung genehmigen. Daher sollte eine Liste der vergeblichen Suche mit Namen der Psychotherapeuten, Anrufdatum und Wartezeit angefertigt und bei der Krankenkasse vorgelegt werden. Diese prüft jedoch selbst nach, ob tatsächlich kein Platz bei Therapeuten, mit denen Verträge bestehen, zu bekommen ist. Erst wenn die Genehmigung der Krankenkasse vorliegt, kann die Therapie dort begonnen werden. Institutsambulanzen können und sollen bei der Suche nach Psychotherapeuten helfen, die Zeit bis zur Therapie überbrücken und bestimmte psychotherapeutische Leistungen integriert in einem Gesamtkonzept selbst erbringen. Das gilt insbesondere für Krisengespräche, Gruppentherapien und familientherapeutische Gespräche. 16 Probesitzungen Der Patient kann bis zu 5 Probestunden (bei einer analytischen Psychotherapie bis zu 8) bei einem Therapeuten machen, bis er entscheidet, ob er dort die Therapie durchführen will. Nach diesen probatorischen Sitzungen, auf jeden Fall bevor die eigent liche Therapie beginnt, muss ein Arzt, z. B. Hausarzt oder Neuro loge, aufgesucht werden, der abklärt, ob eine körperliche Erkrankung vorliegt, die zusätzlich medizinisch behandelt werden muss. Dieser Arztbesuch ist jedoch nur nötig, wenn es sich bei dem behandelnden Therapeuten um einen psychologischen Psychotherapeuten handelt. Bei einem ärztlichen

19 Psychothera peuten erübrigt sich dieser Arztbesuch. Der Patient muss bei seiner Krankenkasse einen Antrag auf Feststellung der Leistungspflicht für Psychotherapie stellen. Zu diesem Antrag teilt der behandelnde Psychotherapeut der Krankenkasse die Diagnose mit, begründet die Indikation und beschreibt Art und Dauer der Therapie. Antragsverfahren Nach Klärung der Diagnose und Indikationsstellung werden vor Beginn der Behandlung der Behandlungsumfang und die -frequenz festgelegt. Die Dauer einer Psychotherapie ist abhängig von der Art der Behandlung und beträgt z. B. bei einer Ver hal tenstherapie 45, in besonderen Fällen bis zu 60 Stunden. Dauer Die Probesitzungen zählen nicht zur Therapiedauer. Eine Sitzung dauert mindestens 50 Minuten. Eine Überschreitung ist dann zu lässig, wenn mit der Beendigung der Therapie das Behandlungsziel nicht erreicht werden kann, aber bei Fort führung der Therapie begründete Aussicht darauf besteht. Soziotherapie Soziotherapeutische Maßnahmen beziehen sich auf das soziale Umfeld des Betroffenen und zielen darauf ab, vorhandene soziale Fähigkeiten des Betroffenen zu fördern und die Ver stärkung sozialer Probleme zu verhindern. Soziotherapie unterstützt vorrangig Patienten, die krankheitsbedingt in den Bereichen Wohnen, Arbeit, Bestreitung des Lebensunterhalts, Freizeitgestaltung und soziale Beziehungen beeinträchtigt sind. Der Betroffene soll gefördert werden, sein Leben wieder aktiv zu gestalten. Menschen mit Psychosen sind oft nicht in der Lage, Leistungen, die ihnen zustehen, in Anspruch zu nehmen. Basis für eine Soziotherapie ist, dass der Patient die Therapieziele erreichen kann, er über die hierzu notwendige Belastbarkeit, Motivierbarkeit und Kommunikationsfähigkeit verfügt und in der Lage ist, einfache 17

20 Ziele Absprachen einzuhalten. Ziel der Soziotherapie ist der Abbau psychosozialer Defizite, damit Patienten selbstständig und eigenverantwortlich medizinische Leistungen in Anspruch nehmen können, z. B.: Koordinierung der Leistungen, d. h. Organisation der notwendigen medizinischen Maßnahmen, z. B. deren zeitliche Planung therapiegerechte Eigen-Einnahme von Medikamenten Motivation zur Verwendung medizinischer Leistungen Einsicht in die Notwendigkeit medizinischer Leistungen Bereitschaft zur Inanspruchnahme medizinischer Leistungen Leistungsinhalt Folgende Leistungen sind innerhalb der Soziotherapie in jedem Fall zu erbringen: Erstellung eines Betreuungsplans Arbeit im sozialen Umfeld Soziotherapeutische Dokumentation, d. h. der Soziotherapeut beschreibt die durchgeführten Maßnahmen (Art und Umfang), den Behandlungsverlauf und die bereits erreichten und noch verbleibenden Therapieziele. Therapeutensuche Erbringen können diese Leistungen nur Diplom-Sozialarbeiter, Diplom-Sozialpädagogen und Fachkrankenschwestern für Psychiatrie mit Berufserfahrung, die bei der Krankenkasse als Sozio therapeuten zugelassen sind und mit dieser einen Vertrag haben. Die Krankenkassen vermitteln Adressen der zugelassenen Sozio therapeuten. Da die Soziotherapie noch eine recht junge Leistung ist, gibt es jedoch nicht überall entsprechende Angebote. Ähn liche Leistungen bieten aber mancherorts auch die Sozialpsychiatrischen Dienste und diese wiederum kennen häufig die regionalen Soziotherapie-Angebote. Dauer Eine Soziotherapie dauert 120 Stunden innerhalb von 3 Jahren je Krankheitsfall. Krankheitsfall ist das Krankheitsgeschehen, das eine einheitliche medizinische Ursache hat, z. B. eine Psychose, die immer wieder zu Hilfebedürftigkeit führt. 18 Verordnung Versicherte müssen eine Zuzahlung von 10 % der kalender - täg lichen Kosten der Soziotherapie leisten, jedoch mindestens 5, e, maximal 10, e pro Tag. Zuzahlungsbefreiung ist möglich, Details siehe S. 74.

21 Verordnen dürfen Soziotherapie in der Regel nur Nervenärzte und Psychiater, die von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) eine Befugnis zur Verordnung von Soziotherapie haben. Adressen von entsprechenden Ärzten erhält man bei der KV. Die Verordnung von Soziotherapie muss von der Krankenkasse genehmigt werden. Hierzu muss ein soziotherapeutischer Betreuungsplan vorgelegt werden. Verordnung In Einzelfällen können auch andere Ärzte, z. B. der Hausarzt, bis zu 3 Probestunden verordnen. Ziel ist hierbei die Überweisung zu einem Nervenarzt oder Psychiater mit der entsprechenden Befugnis zur Verordnung der Soziotherapie. Bei Verordnung und Antragstellung sind auch die Soziotherapeuten selbst behilflich. Wer hilft weiter? Soziotherapeuten sind nicht einfach zu finden, helfen können Krankenkasse, Nervenärzte, Psychiater oder die Sozialpsychiatrischen Dienste. Psychoedukation Bei der Psychoedukation handelt es sich um eine Schulung von Patienten mit Psychosen und in getrennten Gruppen ihren Angehörigen. Eingesetzt wird Psychoedukation vor allem bei Störungen aus dem schizophrenen Formenkreis. Die Teilnehmer werden über die Erkrankung und die notwendigen Behandlungsmaßnahmen informiert und tauschen Erfahrungen vor dem Hintergrund wissenschaftlicher Forschung aus. Dies soll die Krankheitsbewältigung fördern und zur Therapietreue bei tragen, denn ein Patient, der versteht, warum er z. B. bestimmte Medikamente benötigt, wird sie eher einnehmen als ein Patient, der von der Notwendigkeit nicht überzeugt ist. Die Psychoedukation soll Betroffene und Angehörige für Symptome sensibilisieren, die auf eine herannahende Akutphase hindeuten. 19

22 Neben Information und Austausch ist die sogenannte emotionale Entlastung ein wichtiger Aspekt, d. h., dass Betroffene und Angehörige von dem gefühlsmäßigen Druck entlastet werden, der oft mit der Erkrankung oder der Erkenntnis der Erkrankung einhergeht. Formen und Anbieter Psychoedukation erfolgt in der Regel in Gruppen, kann aber auch im Einzelgespräch zwischen Therapeut und Patient bzw. Therapeut und Angehörigen stattfinden. Für Akutpatienten mit psychotischen Symptomen oder starken Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen ist eine Psychoedukation nicht geeignet. Betroffene sollten nur in ausreichend stabilisiertem Zustand an einer Gruppe teilnehmen, denn das Risiko einer Psycho edukation ist, dass die Information über die Erkrankung und ihre möglichen Folgen und Symptome Betroffene stark belastet. Vorteil der Gruppe ist der gegenseitige Austausch unter den Betroffenen. So kann der Patient von Erfahrungen anderer Patienten lernen, daraus für sich Strategien für den Umgang mit der Krankheit entwickeln, Anzeichen drohender Rückfälle erkennen und lernen, entsprechende Gegenmaßnahmen einzuleiten. Psychoedukation wird zum Teil bereits während eines stationären Aufenthalts in einer Klinik angeboten. Gruppenleiter sind meist Ärzte, Psychologen, Diplom-Pädagogen oder geschultes pflegerisches Personal. Psychoedukative Gruppen treffen sich ein bis zwei Mal wöchentlich. Die vermittelten Inhalte folgen einem festen Curriculum, so dass die Gruppen in der Regel fest sind, d. h.: Im Lauf einer Schulung kommen keine neuen Mitglieder hinzu. Die Schulungen sind je nach Konzept unterschiedlich lang. Sie können von ca. 8 gemeinsamen Sitzungen bis hin zu langfristigen Edukationen mit bis zu 2 Jahren andauern. 20 Kostenübernahme Erfolgt die Edukation in der Klinik, wird sie für Patienten im Rahmen der stationären oder tagesklinischen Behandlung abgerechnet. Erfolgt sie im ambulanten Bereich von Institutsambulanzen, entstehen dem Patienten ebenfalls keine Kosten, er benötigt in der Regel aber eine Überweisung seines Arztes. Kliniken bieten Psychoedukation teilweise auch für Angehörige an, häufig auch kostenfrei. Psychoedukation im Rahmen einer Psychotherapie wird als Teil

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