Freiberufliche ambulante Musiktherapie

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1 Freiberufliche ambulante Musiktherapie Rechtsgrundlagen & Berufspraxis Diplomarbeit Zur Erlangung des Akademischen Grades eines Diplom-Musiktherapeuten (FH) An der Fachhochschule Heidelberg Fachbereich Musiktherapie Vorgelegt von: Betreuer: Christoph Wagner Prof. Dr. Hans Volker Bolay Bearbeitungszeitraum: 7. Januar bis 7. Mai 2003

2 VORWORT EINLEITUNG Begriffsdefinitionen Freiberuflich Selbständig Ambulant Musiktherapie Zusammenfassung Methodik Zweck und Fragestellungen Vorgehensweise Kurze Quellenübersicht...7 Die vorhandenen Forschungsdaten...7 Gesprächspartner...8 Literatur...8 Internet...9 Einschränkungen...9 Organisatorisches GESETZLICHE GRUNDLAGEN: RECHTLICHE VORAUSSETZUNGEN FÜR DIE INTEGRATION EINES MT IN DIE SOZIALE VERSORGUNG Berufsrecht der Musiktherapie Die berufsrechtliche Integration des Teilnahme an der Krankenbehandlung als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut Die Zulassung zur Krankenbehandlung nach dem Heilpraktikergesetz Zusammenfassung Der MT und das Sozialleistungsrecht SOZIALGESETZBUCH Die Organisation der Krankenversicherung...25 Leistungsberechtigung als Kinder- und Jugendlichen-psychotherapeut...27 Leistungsberechtigung als Heilpraktiker Wiedereingliederungshilfe im Rahmen von Sozial- und Jugendhilfe...30 Grundlagen der Sozialhilfe...30 Inhalt und Ziel der Eingliederungshilfe...32 Betroffener Personenkreis...32 Versorgungsstruktur und Integration der Musiktherapie...33 Ein Ausblick zur Wiedereingliederungshilfe Seltenere individuelle Sonderfälle Zusammenfassung BERUFSPRAXIS FÜR KJPT Einbindung in das Versorgungssystem Finanzierungsmöglichkeiten Integration in die Primärversorgung Vorgaben zur therapeutischen Tätigkeit Der Therapiebegriff Aus den Richtlinien für Psychotherapie Anwendungsbereiche für KJPT Qualitätssicherung...49

3 4. FORSCHUNGSERGEBNISSE ZU AMBULANTER MT Altersverteilung...53 Geschlechtsverteilung Kinder und Jugendliche...54 Geschlechtsverteilung Erwachsene...55 Diagnosenverteilung Erwachsene...55 Diagnosenverteilung Kinder und Jugendliche...56 Dauer...58 Fachgebiete BERUFSPRAXIS FÜR MT Eingrenzung durch Setting und Indikation Indikation des ambulanten Settings Setting Kontraindikationen für ambulante Musiktherapie Indikationen für ambulante Musiktherapie Die therapeutische Praxis Standards?! Basisdokumentation und Qualitätssicherung Das Erkennen von Krankheiten Heilen in der eigenen Praxis...74 Notfälle...75 Therapiemanuale des DZM...77 Bisherige Erkenntnisse aus der Literatur...78 Tätigkeitsfelder jenseits der Krankenbehandlung...81 Dienstleistung im ambulanten Setting Unternehmerische Berufspraxis Existenzgründung Standortfragen zur Niederlassung Finanzen...89 Krankenkassen...90 Sozialamt und Jugendamt...93 Privatpatienten...94 Finanzierungssituation nach NAMT...96 Fördergelder Öffentlichkeitsarbeit...98 Werbung Ergebnisse zur Klientenakquisition Integration in das regionale therapeutische Netzwerk DISKUSSION & FAZIT KJPT versus HP bei ambulanter Musiktherapie Die Qualität und die Integration in das Versorgungssystem Zur Gestalt ambulanter MT Schlussgedanken ABBILDUNGSVERZEICHNIS LITERATURVERZEICHNIS SELBSTÄNDIGKEITSERKLÄRUNG

4 VORWORT Der eigene Therapieraum! Trommeln, ein Klavier, Vibraphon... schön hell und natürlich reichlich Pflanzen, ein weicher Teppich... Duftlämpchen, Kerzen..., draussen das Praxisschild... Moment mal! Was steht da eigentlich drauf? Vielleicht so? Telefon NAME Diplommusiktherapeut (HP) Kassenübernahme im Einzelfall möglich Sprechzeiten Heilpraktiker? Was ist mit den Krankenkassen? Wo könnte man erfahren, was hier draufstehen muss und warum? Allermindestens 78 Musiktherapeuten waren bisher gezwungen, eine Lösung für dieses Problem zu finden. In der Adressenliste der Deutschen Gesellschaft für Musiktherapie für ambulante Musiktherapie in Therapieeinrichtungen Klinik und freier Praxis (Stand ) finden sich insgesamt 267 Einträge. Bei 78 Adressen steht der Vermerk freie Praxis. Weiterhin arbeiten Musiktherapeuten Prof. Bolay (1999) zufolge nach dem amerikanischen Jobphänomen, d.h. sie sind auf Teilzeit- oder Honorarbasis in mehreren Einrichtungen angestellt oder machen eigenständige Angebote. Wieviele Musiktherapeuten tatsächlich zu welchem Anteil in Eigenregie arbeiten ist derzeit noch nicht bekannt. Angesichts dieser Zahlen der DGMT kann man aber nicht von einzelnen Exoten sprechen, die den Schutzraum der klinischen Arbeit verlassen. 1

5 Zurück zur Frage, wo denn eine Antwort für den Aufschrieb des Praxisschildes zu bekommen ist. In der Regel werden diese und ähnliche Fragen im Rahmen eines informativen Gespräches mit einem Kollegen oder dem Beauftragten der DGMT oder des BVM geklärt. Wenn der Leser spezifisches, gedrucktes oder im Internet abrufbares Informationsmaterial zu freiberuflicher ambulanter Musiktherapie finden konnte, das einem Musiktherapeuten beim Aufbau eines solchen Angebotes helfen könnte, gratuliert der Autor. Genau hier entstand die Idee, einmal selbst zu versuchen, anhand der vorhandenen Literatur, Daten und Gesprächsinformationen ein Bild von Musiktherapie in der eigenen Praxis zu generieren, das auf dem bisherigen Wissensstand fußt. Gleichzeitig soll den Möglichkeiten und Grenzen der freien beruflichen Entfaltung kritisch auf dem Zahn gefühlt werden. Besonderes Interesse galt dabei der Frage, welche Gestalt Musiktherapie unter dem Einfluss der Witterungsbedingungen des freien Marktes annimmt. 2

6 EINLEITUNG 1. EINLEITUNG Mit freiberuflicher ambulanter Musiktherapie wird zurecht die Arbeit in eigener Praxis assoziiert. Was heisst es aber genau, wenn ein MT sagt, er arbeite freiberuflich ambulant? 1.1 Begriffsdefinitionen Freiberuflich 1 Die freien Berufe haben im Allgemeinen auf der Grundlage besonderer beruflicher Qualifikation oder schöpferischer Begabung die persönliche, eigenverantwortliche und fachlich unabhängige Erbringung von Dienstleistungen höherer Art im Interesse der Auftraggeber und der Allgemeinheit zum Inhalt ( 1 Abs. 2 Partnerschaftsgesellschaftsgesetz). Eine Definition, wie sie für Musiktherapeuten nicht besser sein könnte! Wichtig sind die eigenverantwortliche Tätigkeit aufgrund eigener Fachkenntnisse und die berufstypischen Leistungen, die in ausreichendem Umfang selbst erbracht werden (Verband der freien Berufe, 4/2000). Dies ist aber keine harte gesetzliche Definition. Sie dient lediglich der soziologischen Eingrenzung eines Tätigkeitsbereichs und als Entscheidungshilfe in Einzelfällen (BverfG , 364). Unter diese Definition fallen alle heilkundlichen Berufe, wie z.b. Ärzte, Apotheker, Krankengymnasten, Physiotherapeuten, Heilpraktiker, Krankenpfleger, Hebammen und Ergotherapeuten. (Bundesanstalt für Arbeit, Informationen zur Existenzgründung, 2. Ausgabe 1999). Die Definition des freien Berufes entstand im Steuerrecht. Nach 18 Abs. 1 des Einkommensteuergesetzes werden freiberuflich Tätige von gewerblich Tätigen nach obiger Definition abgegrenzt. 1 ) Verband der freiberuflich Tätigen 3

7 EINLEITUNG Selbständig 2 oder nicht? Diese Frage beschäftigt die Sozialversicherung. Ein MT könnte als freier Mitarbeiter ausschließlich Klienten einer einzigen Einrichtung behandeln. Dann wäre der Tatbestand der Scheinselbständigkeit gegeben, bei dem der Arbeitgeber sich um seine Beteiligung an der Sozialversicherung drücken will. Zusätzliche Entscheidungskriterien sind, dass die Tätigkeit in eigenen Geschäftsräumen praktiziert wird, fachliche und zeitliche Entscheidungsfreiheit besteht und dass die angebotenen Dienstleistungen konkret formuliert werden. Pauschale Aussagen dazu, wie viele verschiedene Arbeitgeber man haben sollte, oder zu welchen Anteilen man bei diesen Dienstleistungen erbringt, sind nicht möglich und müssen aufgrund der beruflichen Vielfalt im Einzelfall getroffen werden. (Verband der freien Berufe 4/2000) Ambulant Dienstleistungen im Gesundheitssystem werden je nach Beschaffenheit und Umfang in unterschiedlicher Form erbracht. Je nach den erforderlichen Leistungen, kann ambulant, teilstationär oder stationär behandelt werden. Leitgedanke in der Krankenversorgung ist die Selbstbestimmung und Teilhabe des Menschen am Leben in der Gemeinschaft ( 1 SGB IX). Wenn möglich, soll die stationäre Aufnahme vermieden werden. Darum wird die ambulante Versorgung v.a. im medizinischen Bereich auch als Primärversorgung bezeichnet. Die Entscheidung, welcher Behandlungsrahmen zu wählen ist, kann gerade bei psychischen Erkrankungen nur im jeweils individuellen Einzelfall getroffen werden und ist vom Mitspracherecht des Patienten bzw. der Verantwortlichen abhängig. 2 4

8 EINLEITUNG Musiktherapie (1) ist eine praxisorientierte Wissenschaftsdisziplin. (2) Ihre Konzeption ist dem Wesen nach als psychotherapeutisch zu charakterisieren. (3) Sie gehört in den Bereich des Gesundheits- und Sozialwesens und hat dort eine integrative Funktion. Das Erscheinungsbild ist Indikationsabhängig (4) Musik ist nonverbales Artikulations- und Kommunikationsmedium des subjektiven Erlebens. (5) Musik dient der Entwicklung von Wahrnehmungs-, Erlebnis-, Symbolisierungs-, und Beziehungsfähigkeit. Sie hat sowohl diagnostische als auch therapeutische Funktion. (6) Die musiktherapeutische Methodik folgt verschiedenen Theoriebildungen und Handlungskonzepten geeigneter Psychotherapieverfahren. (7) Eingesetzt wird die Musiktherapie im klinischen-, rehabilitativen-, und präventiven Bereich. (8) Musiktherapeutische Diagnostik (Verbindung musikalischer Phänomene zu somatischen, psychischen und sozialen Vorgängen) ist Vorraussetzung für die Anwendung von Musiktherapie. Aus ihr werden Indikationsstellung und Zielformulierung abgeleitet. (9) Zur wissenschaftlichen Forschung und zur Therapieevaluation werden spezifische Dokumentationsverfahren verwendet. (10) Die Ausbildung eines Musiktherapeuten umfasst Selbsterfahrung, Theorie und Methodik musiktherapeutischer Konzepte, Musikpraxis und supervidierte Praktika. Das ist eine komprimierte Version der Kasseler Thesen zur Musiktherapie (Stand 8/2000). Diese bundesweite Selbstdefinition der Berufsgruppe gibt Zeugnis über den Entwicklungsstand des 30 Jahre jungen Therapieverfahrens. Die Kasseler Thesen zur Musiktherapie stellen derzeit den größtmöglichen gemeinsamen Nenner von Musiktherapie dar. Sie haben bislang lediglich Empfehlungscharakter. D.h. musiktherapeutische Tätigkeit, der gegenläufige Annahmen zugrunde liegen, haben genau dieselbe Daseinsberechtigung. 5

9 EINLEITUNG Zusammenfassung Die fehlende verbindliche Definition von Musiktherapie erzeugt natürlich Schwierigkeiten bei der Abgrenzung des Tätigkeitsfeldes, die Teil der Ergebnisschilderung sein werden. Der Autor will sich, soweit möglich auf die Kasseler Thesen beziehen, bzw. abweichende Definitionen kenntlich machen. Die Definition von freiberuflicher Tätigkeit impliziert die Möglichkeit, für eine oder mehrere Einrichtungen auf Honorarbasis zu arbeiten, solange die Selbstständigkeit gewahrt bleibt. Diese Möglichkeit wird nach Kenntnisstand des Autors auch von freiberuflich ambulanten MT genutzt. Im Ergebnisteil wird jedoch die ambulante Arbeit in der eigenen Praxis im Vordergrund stehen. 1.2 Methodik Zweck und Fragestellungen In dieser Arbeit soll eine erste Übersicht über die Tätigkeitsfelder eines freiberuflichen ambulanten MT erstellt werden, die eine Orientierung für den Aufbau einer individuellen Arbeitsstelle geben kann. Es wird versucht, ein möglichst vollständiges Bild von freiberuflicher ambulanter Musiktherapie zu erstellen. Wie sieht Musiktherapie ausserhalb einer schützenden Einrichtung aus? Folgende allgemeine Fragen sind die Hauptmotivation für diese Arbeit: Wie steht das Verfahren Musiktherapie da, wenn man es von aussen, aus Sicht des Versorgungssystems, der Gesetze, des Marktes sieht? Wie und wo integriert sich Musiktherapie in diese Strukturen und welche Folgen hat das für die Gestalt von Musiktherapie? Mit welcher Berechtigung geht ein MT überhaupt seiner Tätigkeit nach und durch welche Gesetze oder Strukturen wird diese begrenzt? Wie sieht freiberufliche ambulante Musiktherapie konkret aus und was muss bei der Berufspraxis beachtet werden? 6

10 EINLEITUNG Vorgehensweise Aus vorhandenen Forschungsergebnissen, bereits vorhandener Literatur, Internetrecherchen zu aktuellen Themen, Informativen Gesprächen mit sachverständigen Musiktherapeuten und Behörden soll ein möglichst objektives Bild gewoben werden. Soweit möglich, sollen allgemein anerkannte Fakten einzelnen Falldarstellungen und Empfehlungen vorgezogen werden. Im ersten Teil der Ergebnisdarstellung wird mittels der Gesetzeslage ein objektiver Rahmen für freiberufliches musiktherapeutisches Wirken aufgespannt. Welche Kontur die Musiktherapie in diesem Rahmen annehmen kann, wird im zweiten Teil, der Berufspraxis, behandelt. Das Bild von freiberuflicher Musiktherapie setzt sich aus Forschungsergebnissen und Einzelerfahrungen zusammen Kurze Quellenübersicht Die vorhandenen Forschungsdaten (1) Erster Bericht zur Berufsfeldanalyse ambulanter Musiktherapie (NAMT 1999) Ausgewertete Therapien: n= 259 (Wormit 2000) (2) Zweiter Bericht zur Berufsfeldanalyse ambulanter Musiktherapie (NAMT 2000) Ausgewertete Therapien: n = 473 (Wormit 2001) (3) Feldstudie zur Wirkung ambulanter Musiktherapie (WAM 2001) Ausgewertete Therapien: n = 96 (Wormit 2002) Abbildung 1: Die Daten des DZM In (1) und (2) erhebt das DZM in Zusammenarbeit mit dem Netzwerk freiberuflich ambulanter Musiktherapeuten der DGMT jährlich Daten zu Behandlung, Klientel, Finanzierung etc. für eine Längsschnittstudie. 7

11 EINLEITUNG In (3) führte das DZM ein Projekt zur Implementierung von Qualitätssicherungsmaßnahmen in 11 musiktherapeutischen Praxen durch. Gesprächspartner Prof. Volker Bolay betreute diese Arbeit und stand bei zahlreichen Detailfragen Rede und Antwort. Der Musiktherapeut Stefan Flach, der auch zum Verwaltungsbeamten bei einem Sozialversicherungsträger qualifiziert ist, half dem Autor, sich einen Überblick über das Sozialleistungsrecht zu verschaffen. Christoph Becker (BVM) und Heino Pleß-Adamczyk (DGMT) berieten v.a. bei berufspraktischen und -rechtlichen Fragen und gaben Aufschluss über die Unterstützung der Berufsverbände für die freiberuflich Tätigen. Der Autor führte weiterhin einzelne Gespräche mit MT im Feld. Literatur Die spezifische Literatur zur Berufspraxis freiberuflich ambulanter Musiktherapeuten setzt sich zum grössten Teil zusammen aus: Musiktherapeutische Umschau Bd. 23/2002 (Themenheft ambulante Musiktherapie) Musiktherapeutische Umschau Bd. 24/2003 (Themenheft ambulante Musiktherapie) Ivan Kaufmann (1986). A resource manual on private practice in music therapy. Cheryl Beggs (1988). Music therapy management and practice. Die beiden Bücher aus Amerika vermitteln eine andere Perspektive auf das Thema, deren Gehalt in der Übersetzung oftmals verloren gehen würde. Deshalb werden im zweiten Teil der Arbeit Zitate in englischer Sprache auftauchen. 8

12 EINLEITUNG Internet Im Internet werden v.a. Informationen zur aktuellen berufs- und gesundheitspolitischen Entwicklung gesucht. Auf die interessantesten Links wird in den Fußnoten verwiesen. Einschränkungen Aus den unterschiedlichen Ausbildungsmöglichkeiten wird die Perspektive des Grundständigen Studienganges gewählt. Nur durch diese Beschränkung kann eine Stringenz in der Darstellung der Rechtssituation gewährleistet werden. Bei der therapeutischen Praxis kann und soll in dieser Arbeit nur auf die notwendigen bzw. förderlichen Bedingungen für ambulantes musiktherapeutisches Arbeiten eingegangen werden. Ein möglichst umfassender Eindruck vom Arbeitsfeld eines ambulanten Musiktherapeuten ist das Ziel. Methodische Detailfragen sind zweitrangig. Der Autor beschäftigt sich zwangsläufig mit dem Gesundheitsversorgungssystem, das ebenso wie die aufgeführten Gesetze einem steten Wandel unterliegt. Die Angaben können im Extremfall schon bei Abgabe der Arbeit nicht mehr aktuell sein. Wenn direkte Auswirkungen für die Musiktherapie bestehen, wird auf die entsprechenden zukünftigen Entwicklungen eingegangen, sofern diese bekannt sind. Die konkreten Regelungen sind vergänglich. Wichtiger ist es, einen Eindruck von den agierenden Parteien oder Institutionen und den Spielregeln zu haben. Organisatorisches Fußnoten kennzeichnen vom Autor zu empfehlende Internet-Verweise zum jeweiligen Thema. Bei speziellen Fragen kann das Abbildungsverzeichnis hilfreich sein. Der Lesbarkeit wegen wird, solange keine andere Formulierung angebracht ist, die männliche Anredeform verwendet. Die Person des Musiktherapeuten wird im Singular, wie im Plural mit MT abgekürzt. Das Verfahren Musiktherapie wird stets ausgeschrieben. 9

13 EINLEITUNG Weitere wichtige Abkürzungen: - Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut KJPT - Psychotherapeut PT - Psychotherapeutengesetz PTHG - Sozialgesetzbuch SGB - Heilpraktikergesetz HPG - Kassenärztliche Vereinigung KV 10

14 GESETZLICHE GRUNDLAGEN 2. GESETZLICHE GRUNDLAGEN: RECHTLICHE VORAUSSETZUNGEN FÜR DIE INTEGRATION EINES MT IN DIE SOZIALE VERSORGUNG Wenn ein MT in einer stationären Einrichtung angestellt ist, arbeitet er unter der Verantwortung eines Arztes und hat einen Arbeitsvertrag, in dem er einem vergleichbaren Therapieverfahren zugeordnet ist. Wie sieht das nun aus, wenn derselbe MT auf die Idee kommt nebenher Klienten in seiner Wohnung zu behandeln? Manchmal bietet sich doch die Fortsetzung der Behandlung nach einem stationären Aufenthalt geradezu an. Die Integration der Musiktherapie im klinischen Kontext, meist in Form eines adiuvanten Verfahrens, ist mittlerweile weitgehend geregelt. Doch wo steht ein frei praktizierender Musiktherapeut im Feld der Gesundheitsberufe? Wichtiger noch: Wie sieht die juristische Basis seiner Tätigkeit aus? Diese Fragen sind gerade bei älteren Musiktherapiestudenten häufig Gesprächsthema. Es werden meist Vermutungen, Spekulationen und unverbindliche Informationen aus dritter Hand ausgetauscht. Hier Klarheit zu schaffen war die Hauptmotivation zum Verfassen dieses Abschnitts. Wer im ambulanten Bereich arbeiten will, sollte Grundzüge und Funktionsweise der deutschen Sozialpolitik verstanden haben und über die relevanten politischen Instanzen Bescheid wissen. Nur so kann man sich durch überlegten Gebrauch seiner Rechte und durch adäquate Kommunikation mit den richtigen Instanzen in das bestehende System integrieren. Wer seine Ausgangsposition im Sozialleistungsrecht kennt, kann Verstrickungen bei Verhandlungen vermeiden und die Möglichkeiten seines Berufes optimal ausnutzen. Hier kann lediglich die rechtliche Ist Situation beschrieben werden. Die Entwicklungen bzw. Entwicklungstendenzen, die direkte Auswirkungen auf freiberufliche ambulante MT haben, werden, sofern bekannt, angedeutet. 11

15 GESETZLICHE GRUNDLAGEN Natürlich könnte man gegen die Beschäftigung mit Rechtsaspekten einwenden, dass sich ambulante Musiktherapie sowieso zu einem großen Teil über Privatpatienten finanziert, für die je nach Art der Tätigkeit die im folgenden angeführten Rechtsaspekte meist nicht von belang sind. Dementsprechend aber auf eine Auseinandersetzung mit den juristischen Integrationsmöglichkeiten eines MT in das deutsche Gesundheitssystem zu verzichten, würde dem jungen Verfahren Musiktherapie wenig helfen. Die berufsrechtliche Diskussion soll in diesem Abschnitt zugunsten einer möglichst klaren Schilderung des momentanen Rechtsstandes vermieden werden. Hier geht es um die Darstellung des theoretisch Machbaren, auch vor dem Hintergrund des stellenweise skizzierten historischen Kontext. Was auf dieser Grundlage in der Praxis tatsächlich passiert, wird im zweiten Teil ausgeführt. 2.1 Berufsrecht der Musiktherapie Bevor die Integration in das Versorgungssystems erläutert wird, muss die berufspolitische Ausgangsbasis eines Musiktherapeuten umrissen werden. Diskutiert wird diese Basis seit einigen Jahren in den Berufsverbänden der Musiktherapeuten. Die Formulierung der Kasseler Thesen zur Definition von Musiktherapie ist hierzu ein grundsätzliches Ergebnis. Es sollen konkrete Definitionen und Richtlinien erarbeitet werden, die die Grundlage für ein Berufsgesetz und die dafür notwendige bundeseinheitliche Berufausbildung bilden können. Die Arbeit sieht sich aber wegen der Heterogenität der Berufslandschaft einigen Konflikten ausgesetzt, so dass in nächster Zukunft noch kein verbindliches Datum für eine juristisch verbindliche Regelung des Heilverfahrens Musiktherapie auf Landes- oder gar Bundesebene genannt werden kann (Gespräch mit Christoph Becker, BVM, ). Die Musiktherapeuten sind also gerade dabei den ersten Schritt hin zu einem internen Standesrecht und einer allgemeinverbindlichen Selbstdefinition zu machen, die eine klare Eingrenzung von musiktherapeutischer Tätigkeit ermöglicht. Darauf aufbauend kann per Gesetz festgelegt werden, wer zur 12

16 GESETZLICHE GRUNDLAGEN Führung der Berufsbezeichnung berechtigt ist und wer nicht. Das Tätigkeitsfeld Musiktherapie könnte geschützt werden, wenn es nicht so viele unterschiedliche Meinungen und Ausbildungen gäbe. Neben den Kasseler Aktivitäten gibt es offensichtlich auch Bestrebungen im Rahmen der Europapolitik (Schönhals-Schlaudt 2001) und in der Zusammenarbeit mit anderen Kreativtherapien. Soviel zum Stand der Gesamtheit der Musiktherapielandschaft. Berufsverbände und Ausbildungsstätten leisten außerdem noch eigenständig erfolgreiche Vorstöße zur Förderung der Anerkennung von Musiktherapie. Der Berufsverband BVM erarbeitet Kriterien für Lehrmusiktherapien, Mindeststandards für Ausbildungen und hat klare Aufnahmekriterien herausgegeben (Sieg 2002). Auch die DGMT hat einen Berufs- und Ethik-Kodex Musiktherapie herausgegeben. Unter 3 desselben ist zu lesen: Die DGMT trägt Sorge dafür, dass ihre Mitglieder die Berufsbezeichnung Musiktherapeut/ Musiktherapeutin nicht missbräuchlich verwenden. Die DGMT strebt an, die Berufsbezeichnung Musiktherapeut/Musiktherapeutin gesetzlich regeln zu lassen (transparent-print 2/2002, S. 18f). Die beiden großen Berufsverbände BVM und DGMT scheinen ferner in zunehmend offener Atmosphäre konstruktiv zusammenzuarbeiten (Schmidt, transparent-online 1/2003). Es gibt also vielfältige Bestrebungen, den Begriff Musiktherapie und die damit verbundene Tätigkeit rechtlich zu schützen, indem zunächst Identität und Definition eines MT erarbeitet werden. Die bisherigen normgebenden und qualitätssichernden Aktivitäten von Berufsverbänden und Forschungseinrichtungen sind ein wichtiger Schritt zur Anerkennung im Vorfeld einer berufspolitischen Regelung. Im Umfeld der Ausbildungsstätten mussten auch schon Regelungen gefunden werden. Ein Diplommusiktherapeut der Fachhochschule Heidelberg ist im Land Baden-Württemberg einem Sozialpädagogen gleichgestellt, weil kein eigenes Berufsrecht existiert (Schreiben des Sozialministeriums Baden- 13

17 GESETZLICHE GRUNDLAGEN Württemberg vom an Herrn Bolay). Damit wird v.a. die Frage der Besoldung eines Diplommusiktherapeuten nach BAT eingegrenzt. Auch durch die Verleihung eines staatlich anerkannten Fachhochschul-Diploms wird eine tarifrechtliche Einordnung der Tätigkeit vorgenommen. Ein MT sollte mindestens nach BAT IV vergütet werden (Kapteina 1993). Zu guter Letzt konnte am die Zulassung zur Approbationsausbildung zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, und damit die rechtliche Integration eines Diplom-MT in das Psychotherapeutengesetz, erreicht werden (Musiktherapeutische Umschau, Notizen, Bd. 21/2000, S. 289). Mit dem Psychotherapeutengesetz gelang es den Psychologen nach ca. zwanzigjähriger Auseinandersetzung, die dem aktuellen berufspolitischen Weg der Musiktherapie ähnelt (Metzger 2000), neben den Ärzten eine befriedigende rechtliche Eingliederung in die Hierarchie der Heilberufe zu realisieren (Köthke 1999). An den Beispielen der Berufsverbände bzw. der Fachhochschule Heidelberg lässt sich die Politik der kleinen Schritte zum Berufsrecht erkennen. Gerade weil es noch keine einheitliche Regelung gibt, gilt es über die jeweils erreichten kleinen Sonderlösungen informiert zu sein, die hoffentlich zu einer befriedigenden Integration der Gesamtheit der fundiert ausgebildeten MT in das Gesundheitssystem führen wird. Ob das allerdings im Rahmen eines eigenständigen Musiktherapeutengesetzes im Stil des Psychotherapeutengesetzes der Fall sein wird, ist politisch wenig wahrscheinlich (Flach 1997). Schon alleine wegen der politisch irrelevanten Größe der Berufsgruppe (Metzger 2000). Leider wird der Raum in dem er praktizieren darf oder kann durch die berufsrechtliche Etablierung anderer Gruppen immer kleiner. Mit der Festlegung der vier psychotherapeutischen Richtlinienverfahren im Psychotherapeutengesetz wurde das Heilmittel Musiktherapie in die zweite Reihe bei der psychotherapeutischen Krankenversorgung verdrängt (Holzhauser 2000). In den Kasseler Thesen wird Musiktherapie als Psycho-therapieverfahren charakterisiert. Diesem Verständnis zufolge besteht auch die Möglichkeit, Musiktherapie in den Kanon der psychotherapeutischen Richtlinienverfahren aufzunehmen. Dies kann mit der Vorlage eines Wirksamkeitsbeleges in Form 14

18 GESETZLICHE GRUNDLAGEN von einer bestimmten Anzahl wissenschaftlicher Studien, die klar bestimmten Forschungsstandards genügen müssen, erreicht werden. Fazit: Ein MT der freiberuflich arbeiten will kann sich zunächst größtmöglicher Freiheit bezüglich Form und Inhalt seiner Tätigkeit erfreuen, weil ihm höchstens der Ausschluss aus einem der Berufsverbände droht, wenn er den bisher aufgestellten sehr weit gefassten Richtlinien zuwiderhandelt. Auf der anderen Seite kann er sich nicht auf einen umfangreichen berufsrechtlichen Schutz verlassen, der eine klare Integration seiner Tätigkeit in das anvisierte Berufsfeld gewährleisten würde, sondern kann lediglich auf einzelne Regelungen, die Institutionen oder Kollegen bisher erreichten verweisen. Es gibt für das Verfahren, welches der MT studiert hat außer den sehr allgemein gehaltenen Kasseler Thesen und dem Ethik-Kodex der Kasseler Konferenz noch keinen einheitlichen, schriftlich fixierten Konsens. Was wiederum zu mehr Freiheit führt, als dem freiberuflichen MT vielleicht lieb sein mag. Andererseits ist der MT nicht, wie beispielsweise ein Ergotherapeut, an die Heilmittelrichtlinien für die berufsrechtlich geregelten adiuvanten Verfahren gebunden. Dies ist die berufsrechtliche Startposition eines MT, der mit seinem Diplom (FH) in der Hand auf das Gesundheitssystem zumarschiert. 2.2 Die berufsrechtliche Integration des freiberuflich tätigen MT in die soziale Versorgung...in bestehendes Sozialrecht kann vermieden werden. Ein MT kann jegliche Tätigkeit, oder besser jedes Gewerbe, das nicht unter die Definition von Heilkunde nach dem Heilpraktikergesetz (s.u.) fällt, selbständig und weitestgehend im privaten Dienstleistungssektor ausüben. Hinter den Begriffen, Consulting, Beratungstätigkeit, Kreativitätstraining, Konfliktmanagement, Begleitung des Lebenskonzeptes usw. verbirgt sich eine Fülle von Arbeitmöglichkeiten. Der MT sollte sich lediglich versichern, dass ihm nur 15

19 GESETZLICHE GRUNDLAGEN gesunde Kunden gegenübersitzen, und das Wort Therapie vermeiden (Gespräch mit Herrn Bolay am ). Bei dieser Tätigkeit kann der MT gemäß der Freiheit der Berufsausübung nach Art. 12 GG tun und lassen was er will. Er geht hier einem Gewerbe im Dienstleistungssektor nach. Will der MT aber eigenständig kranke Menschen zum Zweck der Heilung behandeln muss er sich mit den vorhandenen Regelungen des Gesundheitssystems auseinandersetzen. Weil er kein eigenes Berufsrecht mitbringt muss er nach einer passenden Lizenz zum Heilen Ausschau halten. Der Bund besitzt nach Artikel 74 Nr. 19 GG die Regelungskompetenz für die Zulassung von Heilberufen. Welche Regelungen gibt es nun und wie sieht die Integration der Musiktherapie derzeit aus? Wie allgemein bekannt erbringt der MT eine heilkundliche Leistung in stationärer Versorgung unter ärztlicher Verantwortung. Ebenso kann ein MT als Mitarbeiter in einer psychotherapeutischen oder medizinischen Praxis unter der Verantwortung eines approbierten Psychotherapeuten oder Arztes kranke Menschen ambulant behandeln. Freiberufliche Tätigkeit gemäß obiger Definition schließt die Arbeit unter einem vorgesetzten Arzt oder Psychotherapeuten jedoch aus. In 15 SGB V Abs. 1 wird zwischen ärztlicher Behandlung und ärztlichlicherseits angeordneten Hilfsmitteln unterschieden: 1. Ärztliche oder zahnärztliche Behandlung wird von Ärzten oder Zahnärzten erbracht. 2. Sind Hilfeleistungen anderer Personen erforderlich, dürfen sie nur erbracht werden, wenn sie vom Arzt (Zahnarzt) angeordnet und von ihm verantwortet werden ( 15 SGB V Abs. 1). An diesem sogenannten Arztvorbehalt wird die Vorrangstellung des Arztes im Gesundheitswesen deutlich. Gleichzeitig sind in diesem Paragraphen die beiden hierarchisch abgestuften Möglichkeiten selbständig einen Heilberuf im Gesundheitssystem auszuüben enthalten. Heilkunde innerhalb der 16

20 GESETZLICHE GRUNDLAGEN gesetzlichen Krankenversicherung kann entweder als approbierter Arzt oder als an die Weisung eines Arztes gebundener Heilmittelerbringer ausgeübt werden Teilnahme an der Krankenbehandlung als Kinderund Jugendlichenpsychotherapeut 3 Durch eine Zusatzausbildung kann sich ein Diplom-MT Eintritt in die berufsrechtliche Regelung für psychologische Psychotherapie verschaffen. Er kann die Approbation erlangen, was der Bestallung als (Fach)arzt nach 1 HPG gleichkommt. Damit ist das Problem des Arztvorbehaltes auf denkbar beste Weise gelöst. Nach 5 PsychTHG Abs. 2 Nr. 2b berechtigt die im Inland an einer staatlichen oder staatlich anerkannten Hochschule bestandene Abschlussprüfung in den Studiengängen Pädagogik oder Sozialpädagogik zur Ausbildung zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Auf dieser Grundlage ist einem Heidelberger MT der Zugang zur Approbationsausbildung ermöglicht. Nach erfolgreichem Abschluss der Zusatzausbildung mit bestandener staatlicher Prüfung hat er die Approbation als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut. Der MT ist nun in das klar geregelte Berufsgesetz der Psychotherapeuten eingegliedert und hat seine Tätigkeit an erster Stelle als Psychotherapie zu bezeichnen. Die Ausbildung muss gemäß 92 Abs. 6a SGB V in einem von den Bundesausschüssen der Ärzte und Krankenkassen bestimmten Richtlinienverfahren erfolgen. Dies sind: psychoanalytisch begründete Verfahren tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie Verhaltenstherapie Gesprächspsychotherapie 3 Deutscher Psychotherapeutenverband Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie 17

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