Verdammtes Misstrauen

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1 D A T E N S C H U T Z Verdammtes Misstrauen Versteckte Kameras wie bei Lidl sind in der deutschen Wirtschaft keine Seltenheit. In vielen Unternehmen bespitzeln und überwachen die Chefs ihre Mitarbeiter VON Wolfganng Uchatius 10. April :00 Uhr Früh am Morgen schließt sie das Geschäft auf, von innen sperrt sie gleich wieder zu. Soll ja niemand merken, dass sie im Laden ist. Sie hat eine Flasche Wasser dabei, belegte Brote, einen Plastikeimer. Sie klemmt sich in aller Stille in die schmale Lücke zwischen Wand und Regal. Von hier aus kann sie sehen, wie die Verkäuferinnen hereinkommen, wie sie die Kasse öffnen, die ersten Kunden bedienen. Sie hört, wie sie sich unterhalten, von ihren Kindern erzählen, auf den Chef schimpfen. Den ganzen Tag sitzt sie hinter dem Regal und beobachtet. Sie isst ihre Brote, trinkt ihr Wasser, verkneift sich jedes Husten, jedes Niesen und geht nicht auf die Toilette. Dafür hat sie ja den Eimer. Nach Ladenschluss, wenn niemand mehr da ist, der sie bemerken könnte, steht sie mit schmerzenden Gliedern auf und fährt nach Hause. Sie weiß jetzt, ob die Verkäuferinnen in dieser Filiale ihre Arbeit ordentlich erledigen oder nicht. Und sie wird ihrem Chef berichten. Es ist noch nicht lange her, da gehörte diese Art der Mitarbeiterkontrolle zu den wichtigsten Aufgaben von Tanja Reiser*. In einer hessischen Großstadt arbeitete sie als Bezirksleiterin bei der Drogeriekette Schlecker; sie war verantwortlich für knapp dreißig Filialen. Mitte zwanzig war sie damals, sie fuhr einen Dienstwagen und hatte die Aussicht, zur Verkaufsleiterin aufzusteigen. Dann wäre sie für mehrere Hundert Filialen zuständig gewesen und hätte weit über Euro im Monat verdient. Aber nach zwei Jahren hatte sie genug davon, sich hinter Regale zu setzen, genug vom Bespitzeln der Kollegen. Tanja Reiser ließ sich zur Filialleiterin zurückstufen, sie trat in die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di ein, ließ sich bei Schlecker zur Betriebsrätin wählen. Seitdem ist wieder sie es, die heimlich kontrolliert wird.»das ist mir lieber«, sagt sie. Als Tanja Reiser erlebte, wie sich in den vergangenen zwei Wochen halb Deutschland über die versteckten Kameras beim Lebensmittel-Discounter Lidl empörte, war sie überrascht.»die dauernde Bespitzelung ist doch ganz normal.«normal? Wie viel Überwachung ist üblich in deutschen Unternehmen? Sind versteckte Kameras und betriebseigene Spitzel nur seltene Beispiele einer diktatorischen Unternehmenskultur, in der eine firmeneigene Stasi die Mitarbeiter dazu bringen soll, sich mehr anzustrengen? Oder haben Discounter wie Lidl und Schlecker im Gegensatz zu vielen anderen Firmen lediglich das Pech, dass ihre Geheimagenten nicht länger geheim sind? War das Land vielleicht gar nicht wegen der einzelnen Fälle in Aufregung, sondern weil eine Urangst vieler Arbeitnehmer bestätigt wurde? Weil die Fälle 1

2 Lidl und Schlecker nur wie besonders deutliche Belege eines Vertrauensverlustes wirken, den viele seit Langem an ihren Arbeitsplätzen spüren? Kurz: Wie viel Misstrauen herrscht in deutschen Unternehmen? Wie viele Vorgesetzte spionieren heimlich ihren Mitarbeitern hinterher? Heimliche Überwachung ist in deutschen Betrieben nicht erlaubt Keine, wäre die Antwort, wenn sich alle Unternehmen an das geltende Recht hielten. Dann gäbe es zwar trotzdem Kameras und Kaufhausdetektive, aber keine Bespitzelung der Mitarbeiter. Und das ist durchaus bemerkenswert. Denn anders als etwa in Großbritannien oder den Vereinigten Staaten müssen die Beschäftigten in Deutschland prinzipiell informiert werden, wenn es ihr Vorgesetzter bei der Überwachung nicht auf verdächtige Kunden abgesehen haben sollte, sondern auf sie selbst, die Kollegen. Heimliche Überwachung ist in deutschen Betrieben nicht erlaubt das ist, kurz gefasst, die Rechtslage. Doch da sich längst nicht alle Unternehmen in Deutschland an die Rechtslage halten, liegen blaue Mappen in drei hohen Stapeln auf Torsten Bebensees Schreibtisch.»Blau bedeutet bei mir Arbeitsrecht«, sagt Bebensee. Und Arbeitsrecht bedeutet meist: Ein Chef will einen Mitarbeiter loswerden, der wehrt sich und geht zum Anwalt, zum Beispiel zu Bebensee. Dessen Schreibtisch steht in einem Büro in einer der teuersten Straßen Hamburgs, aber er sieht aus, als sei er von Ikea. Unlackierte Fichte statt glänzendem Mahagoni. Anders als die meisten Anwälte für Arbeitsrecht vertritt Bebensee ausschließlich Arbeitnehmer. Er sagt, er wolle, dass die Leute ihm ohne Scheu gegenübertreten. Er ist erst Anfang dreißig, hat schnell studiert und sich früh auf Arbeitsrecht spezialisiert. Er hat fast jeden Tag mit Leuten zu tun, die irgendwann ein Kuvert öffneten und darin lag ihre Kündigung. Begründung: Die Verkäuferin habe an der Kasse eine Packung Zigaretten falsch verbucht. Oder: Der Sachbearbeiter habe das Internet zu privaten Zwecken genutzt. Oder: Der Lagerarbeiter habe einen Firmenkugelschreiber mitgenommen. Sie alle haben also irgendeinen Fehler gemacht. Und meistens fragen sie sich dann: Woher weiß mein Chef davon? Er weiß es, weil eben doch irgendwo eine winzige Kamera versteckt ist. In einem der Rauchmelder an der Decke vielleicht. Oder in der Topfpflanze auf der Fensterbank. Oder aber der freundliche Kunde neulich war gar kein Kunde, sondern ein bezahlter Testkäufer. In mindestens jedem dritten seiner Fälle, sagt Bebensee, wurde die Kündigung aufgrund verdeckter, also in der Regel unerlaubter Überwachung ausgesprochen. Das heißt, die Kündigung ist unzulässig, vor Gericht hätte sie keinen Bestand. Doch so weit kommt es meistens gar nicht. Unternehmen und Angestellter einigen sich schon vorher. Der Chef zahlt eine Abfindung, und der Mitarbeiter geht freiwillig, denn das Vertrauensverhältnis ist ohnehin zerstört. So hat der Arbeitgeber sein Ziel erreicht, und niemand fragt noch, wer 2

3 den entscheidenden Hinweis lieferte, ob ein Detektiv, eine Kamera oder sogar die eigenen Kollegen. So wie bei Joachim Gärtner*. Bis heute sagt Gärtner, er habe nichts geahnt an jenem Montagmorgen. Er war Berliner Niederlassungsleiter eines Papiergroßhändlers, der Geschäftsführer hatte ihn zum Jahresgespräch eingeladen, also setzte sich Gärtner um sieben Uhr früh ins Auto und machte sich auf den Weg in die Zentrale im Rheinland. Wie immer fuhr er schnell, optimistisch geradezu, sein Dienstwagen war ein starker, schwarzer Audi, in Blech gepresstes Prestige. In den Tagen zuvor hatte Gärtner zu Hause die Zukunft geplant: Kundenanalysen, Geschäftsideen, Einsparpotenziale.»Ich habe dann das Auto auf dem Parkplatz abgestellt und bin durch die Glastür rein«, erinnert sich Gärtner, der damals nicht bewusst wahrnahm, dass ihn niemand grüßte. Der Geschäftsführer fragte:»wie war die Fahrt? Wollen Sie einen Kaffee?«Sie gingen ins Büro. Nach kurzem Geplänkel, erinnert sich Gärtner, blätterte sein Chef in einem Stapel Papier und nuschelte etwas von»datenfernwartung«und»privater Nutzung«. Gärtner sah kopierte Faxe und s mit seinem Namen. Dann schob der Chef die fristlose Kündigung über den Tisch im Briefkopf wie Hohn der Firmenslogan»First Class Paper«. Gärtner war zu verwirrt, um zu verstehen, was vor sich ging. Auf der Kündigung las er immer wieder den letzten Satz:»Wir fordern Sie hiermit auf, alle im Besitz befindlichen Firmenunterlagen sowie den Tresorschlüssel und die Autoschlüssel an den Unterzeichner auszuhändigen.«eine Stunde später stand er mit nichts als einer Plastiktüte auf einem Bahnhof in der westdeutschen Provinz. Gegen Mitternacht war er wieder in Berlin. Ohne Arbeit, ohne Wagen, ohne Würde. Das Einsparpotenzial war offenbar er selbst gewesen. Was genau geschehen ist, begreift Gärtner erst später: Die Firma hatte seine Mitarbeiter in Berlin angewiesen, möglichst viele Faxe und s, die Gärtner erhielt oder schrieb, heimlich zu kopieren und in die Zentrale zu schicken. So wurde er über Monate von den eigenen Kollegen bespitzelt. Begründet wurde die Kündigung dann mit ein paar privaten Faxen, die Gärtner erhalten hatte, und mit ein paar privaten s, die er geschrieben hatte. Nach Ansicht des Berliner Rechtsanwalts Ulf Weigelt, der Gärtner vor Gericht vertritt, ist das ein typischer Fall. Wer einem einzelnen Arbeitnehmer kündigen will, sucht nach Fehlern. Manchmal gibt es einen vagen Verdacht auf Untreue, manchmal ein generelles Misstrauen gegenüber allen Angestellten. Nicht selten geht es nur darum, Personalkosten zu senken so schnell und wirkungsvoll, wie es mit betriebsbedingten Kündigungen nicht möglich wäre, zumal bei langjährigen Mitarbeitern.»Und welcher Mitarbeiter ist schon 3

4 fehlerfrei?«, sagt Weigelt. Irgendeinen Verstoß finde fast jeder Arbeitgeber bei fast jedem seiner Angestellten. So kommt es, dass nach Einschätzung vieler Arbeitsrechtsexperten in deutschen Unternehmen jenseits von Lidl und Schlecker seit Jahren Tausende Kleinkriege toben, geführt mit Faxprotokollen, Tankquittungen, Parkscheinen oder Daten aus heimlich ausgewerteten Fahrtenschreibern. Dass dabei oft Kollegen helfen, dokumentiert eine Entsolidarisierung unter den Arbeitnehmern in Zeiten unsicherer Arbeitsplätze. Da wurden bei G4S, einem der größten deutschen Sicherheitsunternehmen, Auszubildende angewiesen, die eigenen Führungskräfte rund um die Uhr zu beschatten, weil die Geschäftsleitung den Verdacht hatte, diese hätten Informationen an die Konkurrenz weitergegeben. Da ließ eine Tochterfirma des Hamburger Hafen-Konzerns HHLA einen altgedienten Mitarbeiter überwachen, der wegen eines gebrochenen Arms krankgeschrieben war. Privatdetektive fotografierten den Familienvater im heimischen Garten und wogen die im Supermarkt gekauften Flaschen nach, um belastendes Material zu finden. Am Ende musste sich die HHLA-Führung entschuldigen. Da bekam ein Berliner Richter ein Disziplinarverfahren, weil er zweimal vom Gericht aus zu Hause anrief, um mitzuteilen, dass es wegen der vielen Arbeit später werde für diese Telefonate aber nicht den privaten Einwählcode eingab. Kontrollieren, inspizieren, spionieren nach Ansicht des Hamburger Karriereberaters Martin Wehrle steigt der Aufwand, den sich deutsche Unternehmen beim Überprüfen von Spesenabrechnungen oder Arbeitszeiten leisten, von Jahr zu Jahr. Wehrle spricht täglich mit Filialleitern, EDV-Experten, kleinen Angestellten. Zu ihm kommen die Kontrollierten wie die Kontrolleure, Karriere machen wollen ja alle. Und alle erzählen sie aus ihrem Arbeitsleben. Immer öfter gehe es dabei um Verdächtigungen, immer seltener um moralische Bedenken. In den deutschen Betrieben, sagt Wehrle, herrsche heute eine»kultur des Misstrauens«. Wo Stammkräfte durch Aushilfen ersetzt werden, schwindet Vertrauen Vermutlich kann niemand mehr sagen, wodurch sie entstand. Liegt es daran, dass nach Schätzung des EHI Retail Instituts, einer von den deutschen Handelsunternehmen getragenen Forschungseinrichtung, ein Viertel der Ladendiebstähle vom Verkaufspersonal begangen wird? Oder daran, dass der Arbeitsausfall durch privates Internetsurfen nach Ermittlung allein die Berliner Behörden alljährlich 50 Millionen Euro kostet? Möglich. Vielleicht hat das Misstrauen aber auch damit zu tun, dass die deutschen Unternehmen in den vergangenen Jahren im großen Stil langjährige, gut bezahlte Stammkräfte durch billige Leiharbeiter und Minijobber ersetzt haben, die alle paar Monate wechseln, wie Rainer Niermeyer, Geschäftsführer der Managementberatung 4

5 Kienbaum, vermutet. Vertrauen entsteht eben auch durch Vertrautheit. Und womöglich entsteht Misstrauen auch dann, wenn sich die Arbeitswelt wandelt, viele Arbeitgeber das aber nicht begreifen wollen,»weil sie zwar viel von Zahlen verstehen, aber nichts von Mitarbeiterführung«, wie es der Unternehmensberater und Buchautor Reinhard Sprenger ausdrückt. Früher, im Zeitalter der Akkordarbeit, war diese Zahlenorientierung berechtigt. Dass der Chef am Schichtende die Zahl der montierten Schreibmaschinen kontrollierte, leuchtete jedem Fließbandarbeiter ein. Heute aber habe Arbeit viel mit Beratung und Kommunikation zu tun, sagt Gerold Frick, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Personalführung. Da lässt sich am Feierabend schwer eine Stückzahl notieren. Schon das Wort Feierabend passt nicht mehr in eine Welt, in der mancher Arbeitgeber die dauernde Onlinepräsenz seiner Angestellten verlangt und diese ihre Taschencomputer bei sich tragen. Eine Welt, in der diese Angestellten mitunter nachts dienstliche s nach Amerika schreiben, aber der Chef es ungern sieht, wenn sie mittags aus dem Büro eine private Mail an Freunde in Deutschland schicken. Was immer das Vertrauen bröckeln ließ, Tatsache ist, dass nach einer Untersuchung des Gallup-Instituts für Unternehmensberatung nur noch zwölf Prozent der Beschäftigten in Deutschland irgendeine Form von emotionaler Bindung zu ihrem Arbeitsplatz verspüren. Anders gesagt: Den Mitarbeitern liegt nichts mehr an ihren Chefs. Und wenn den Chefs auch nichts mehr an ihren Mitarbeitern liegt, gibt es für die Bespitzelung nur noch eine Grenze: das technisch Machbare. Diese Grenze aber verschiebt sich von Jahr zu Jahr weiter. Einen, der dafür sorgt, kann man in Saarbrücken besuchen. Er heißt Carsten Rau und hat vor sieben Jahren die Firma Protectcom gegründet; heute ist sie Marktführer in Deutschland. Protectcom verkauft Überwachungssoftware im Internet. Ein paar Mausklicks, ein paar persönliche Angaben, eine Zahlung per Kreditkarte, und schon läuft etwa das Programm SpectorSoft auf dem firmeneigenen Netzwerk. Der Umsatz mit Spionagesoftware steigt jährlich zweistellig SpectorSoft funktioniert wie eine versteckte Kamera, nur dass diese Kamera keine Supermarktverkäuferinnen fotografiert, sondern den Arbeitstag eines Angestellten am Computer dokumentiert zum Beispiel s, Internetseiten, Word-Dokumente, eben alles, was auf dem Bildschirm eines normalen Büroarbeiters so auftauchen mag. Jeder Tastendruck wird gespeichert. Der Mitarbeiter bekommt davon nichts mit, sein Chef aber kann es sich anschauen. Live. Oder zeitversetzt, wie er mag. Er kann auch bestimmte Schlüsselwörter eingeben, das macht die Sache effizienter. Er muss dann keine s lesen, bei denen es tatsächlich um Arbeit geht. Sondern nur die, in denen zum Beispiel sein Name oder»der Alte«vorkommt. So ist er immer informiert, was die Kollegen wirklich von ihm halten. Offenbar interessiert das ziemlich viele Chefs in Deutschland. Rund Mal hat Carsten Rau seine Software in Deutschland schon verkauft. Seine ersten Kunden waren 5

6 besorgte Privatleute, aufgeregte Mütter, die wissen wollten, was sich ihre pubertierenden Söhne im Internet anschauten, eifersüchtige Ehemänner, die ihre Frauen verdächtigten, s an ihre Liebhaber zu schreiben. Heute aber seien 90 Prozent der Käufer Unternehmen, sagt Rau. Kleinbetriebe und Mittelständler genauso wie Konzerne. Eigentlich müssten sie alle ihre Mitarbeiter darüber informieren, wenn sie deren Computer überwachen. Darauf weist Rau potenzielle Kunden auf seiner Internetseite ausdrücklich hin. Doch halten die sich auch daran? Kaum. Sagt jedenfalls Mathias Roth. Er ist Geschäftsführer eines anderen Software- Unternehmens, iopus in Walldorf bei Heidelberg. Iopus hat bis vor ein paar Jahren ebenfalls Überwachungsprogramme angeboten. Ein lukratives Geschäft sei das gewesen, sagt Roth. Als er jedoch in den Gesprächen mit Kunden merkte, dass die meisten Unternehmen nicht daran dachten, ihre Mitarbeiter über die Überwachung zu informieren, hat er den Vertrieb gestoppt.»das war mir einfach zu unseriös.«ob es denn noch eine andere Firma gebe, die solche Programme vertreibe? Er wisse nur noch von einer, sagt Roth: Protectcom in Saarbrücken. Deren Chef Carsten Rau sagt:»wir verzeichnen jedes Jahr zweistelliges Umsatzwachstum.«Es gibt noch andere Profiteure des Misstrauens. Manche sind weniger technisiert als Protectcom, aber kaum weniger erfolgreich. Detektive zum Beispiel. Deren Kundschaft besteht zum Großteil aus Unternehmen. Verrat von Betriebsgeheimnissen, Unterschlagung, Lohnfortzahlungsbetrug, sprich Krankfeiern für all diese Verdächtigungen sollen Detektive die Beweise suchen. Und oft genug auch für Dinge, die den Chef nichts angehen.»hier kommt es jeden Tag zwei bis drei Mal vor, dass Firmenchefs den Privatwagen von Mitarbeitern heimlich mit einem GPS-Peilsender versehen wollen, um herauszufinden, wo der Kollege hinfährt«, sagt Marcus Lentz, Chef der Detektei gleichen Namens in Hanau bei Frankfurt. Einmal sollte Lentz abends einen Prokuristen observieren, um festzustellen, ob der seine Freizeit im Rotlichtviertel verbringe.»der Kunde sagte, für ihn sei der Mann in diesem Fall untragbar.«lentz lehnte ab. Er vermutet, dass ein Konkurrent den Job machte. Zu den Angeboten mancher Detekteien gehört auch die Überprüfung von Lebensläufen. Gibt es die Firma aus den Bewerbungsunterlagen wirklich? Arbeitet dort tatsächlich der Abteilungsleiter, der das Zeugnis unterschrieben hat? Antworten auf solche Fragen finden viele Personalchefs inzwischen allerdings ganz allein. Im Internet. Ökonomen konnten in Tests beweisen: Misstrauen zahlt sich nicht aus Manche jungen Leute, die sich in Assessment-Centern als Teil der Elite von morgen präsentieren, kompromittieren sich selbst durch naive Onlinetagebücher oder Partyfotos vom letzten Trinkgelage, die sie einst ins Netz gestellt haben. Andere werden Opfer kindischer Lästereien oder gezielter Rufmordkampagnen. Auf Internetseiten wie StudiVZ, facebook und myspace werden soziale Netze transparent, mit allen Verfehlungen und 6

7 Jugendsünden und bleiben es über Jahre, denn das Internet vergisst langsam. Nach einer Umfrage des Bundesverbandes Deutscher Unternehmensberater prüft heute jeder dritte Personalchef seine Bewerber mit Suchmaschinen wie Google, bevor er sie zum Bewerbungsgespräch einlädt. Manch Jungerwachsener zahlt deshalb Geld an Spezialfirmen, die durch neue, seriösere Einträge die Internetbiografien ihrer Kunden aufwerten. Angesichts alldessen könnte man glatt vergessen, dass es da womöglich etwas gibt, das sich mehr rentiert als alle Überwachungsprogramme, Detekteien und Lebenslauffrisierer zusammen: Vertrauen. So berichten Armin Falk und Michael Kosfeld, zwei Professoren für Wirtschaftswissenschaften, in der American Economic Review über ihre Erkenntnisse in Sachen»Ökonomie des menschlichen Verhaltens«, eine junge Sparte ihrer Disziplin, in der derzeit viel geforscht wird immer mit ähnlichem Ergebnis: Misstrauen zahlt sich nicht aus. Falk und Kosfeld beispielsweise luden 150 Studenten der Universität Zürich zu einem Experiment, in dem typischer Arbeitsalltag simuliert wurde. Die eine Hälfte der Studenten nahm die Rolle von Mitarbeitern ein, die andere jene der Chefs. Jeder»Vorgesetzte«sollte seinem»mitarbeiter«nun ein Mindestmaß an Leistung diktieren. Oder still darauf vertrauen, dass sich der»mitarbeiter«auch ohne strikte Vorgaben oder gar Überwachung engagierte. Den Lohn, den Falk und Kosfeld tatsächlich zahlten, konnten auch jene kassieren, die jegliche Leistung verweigerten. Wie viel Arbeitseinsatz würden die»mitarbeiter«zeigen? Entspräche der Mensch dem Bild der Kontrolleure, so gäbe der»angestellte«seinem»chef«stets nur das geforderte Minimum an Arbeitseinsatz. Oder falls ihm nichts vorgeschrieben wurde noch weniger. Die Studenten verhielten sich jedoch völlig anders. Alle zeigten mehr Einsatz, als sie mussten. Und die Motivation jener»mitarbeiter«, denen keine Leistungsvorgaben gemacht wurden, war nochmals um ein Drittel größer. * Name geändert Autoren: Karin Ceballos-Betancur, Christian Denso, Kolja Rudzio, Henning Sussebach, Wolfgang Uchatius, Stefan Willeke COPYRIGHT: DIE ZEIT, Nr. 16 ADRESSE: 7

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