Chefetage Führung will gelernt sein. Nachtarbeit Die Gesundheit leidet. Antoinette Hunziker-Ebneter Über die Finanzbranche.

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1 Heft 8 Das Magazin für Bildung und Beruf Chefetage Führung will gelernt sein Nachtarbeit Die Gesundheit leidet Antoinette Hunziker-Ebneter Über die Finanzbranche Special: Weiterbildung und Karriere

2 Kennen Sie Ihren nächsten Karriereschritt? meine Bildungsberatung Aktuelle Infoabende Personal + Sozialversicherung Mittwoch, 28. August 2013 Management + Führung Montag, 2. September 2013 Rechnungswesen/Treuhand/Finanzdienstleistung Donnerstag, 12. September 2013 Kaufmännische Basis (Handelsdiplom edupool.ch, Informatik, Sprachen) Montag, 23. September 2013 Alle Infoabende beginnen jeweils um Uhr und fi nden am Escher-Wyss-Platz in der KV-Aula statt.

3 Editorial Inhalt Wenn ich an mein erstes Schulhaus zurückdenke, kommen mir Herr und Frau Müller in den Sinn. Sie waren Abwarte in unserem Schulhaus und haben diese Rolle laut, eher unfreundlich und in meiner Erinnerung angsteinflössend ausgefüllt. Kein Schüler nahm den Weg zur Abwartswohnung gerne unter die Füsse, wenn etwas passiert war wir losten jeweils aus, wer gehen musste. Das Bild hat sich massiv geändert. Wenn ich an meine letzte Ausbildung denke, habe ich den Hausdienst ganz anders erlebt. Unterstützend, kundenorientiert und freundlich. Immer bereit, die Studierenden und Dozenten in ihrer Arbeit zu unterstützen. Vor 10 Jahren wurde der Sihlhof unser Schulhaus in Zürich eröffnet. Er besticht durch seine zeitgemässe Architektur, seine Ausstrahlung und insbesondere auch durch seine Lage. Für unsere Schulen, die HWZ und das SIB, ein entscheidender Vorteil. Wer Zeit investiert in eine Aus- oder eine Weiterbildung, legt selbstverständlich Wert auf die Inhalte, gute und motivierende Dozentinnen und Dozenten sowie einen spannenden Austausch mit den Mitstudierenden. Als Pünktchen auf dem i ermöglichen die perfekt gepflegte und unterstützende Infrastruktur sowie ein gutes Verpflegungsangebot ein Studium, welches den Studierenden in bester Erinnerung bleibt. Aus Anlass des Jubiläums porträtieren wir Joy Harahap, einen unserer Mitarbeitenden im Hausdienst Sihlhof. Lesen Sie das Porträt über ihn auf Seite Büro International Kiew, Ukraine 6 Arbeitsweg 7 Leserbriefe, KV in den Medien 8 Kurz Umsteigen/Coop-GAV/Salärempfehlungen für Lernende 9 Kolumne Von Daniel Jositsch Rund um die Uhr Licht- und Schattenseiten der Nachtarbeit 12 Monatsinterview mit Finanzexpertin Antoinette Hunziker-Ebneter Dossier Führung Blick in die Praxis 19 Interview mit Psychologe Urs Jörg 22 Digitale Lernmedien 24 Sprachenratgeber 26 Bündig Interne Kommunikation/Sprachreisen/Sans-Papiers 27 Kolumne Von Franziska Hügli 28 Laufbahn Joy Harahap vom Hausdienst des Sihlhofs in Zürich 32 Ratgeber Büroalltag/Jugend/Bildung 35 Publireportage Schulen und Weiterbildungsinstitutionen stellen sich vor 56 KV-Aktuell/Sektionen Veranstaltungen und Informationen/Personen im KV 61 Rätsel Reka-Checks zu gewinnen 62 Cartoon Von Ruedi Widmer Peter Kyburz CEO KV-Schweiz-Gruppe Titelbild und Dossier: Elena Monti fotografierte im und um den Basler Messeturm.

4 Publireportage Ein starkes Angebot Der KV Schweiz und die KPT haben einen Kollektivvertrag abgeschlossen. Das heisst für Sie: Sie erhalten Prämienrabatte von über 25 % auf Zusatzversicherungen. Und Ihre gesamte Familie profitiert mit. Spitalkosten und mehr Die Spitalkostenversicherung ist eine sinnvolle Ergänzung zur Grundversicherung, die sehr viel mehr deckt als nur die Kosten des Spitalaufenthalts. Sie erhalten unter anderem Beiträge im ambulanten Bereich für Bade- und Erholungskuren sowie für eine Haushalthilfe, die Sie nach einem ambulanten Eingriff oder einem Spitalaufenthalt unterstützt. Sind Sie halbprivat oder privat versichert, profitieren Sie von der freien Arztwahl und mehr Komfort im Spital sowie von höheren Beiträgen im ambulanten Bereich. Dieses Plus ist ein Muss Mit der Krankenpflege-Plus- oder der Krankenpflege-Comfort-Versicherung leisten Sie sich ein grosses Plus zum kleinen Preis. Sie erhalten zum Beispiel einen Beitrag für die Brille oder die Kontaktlinsen, die gynäkologische Vorsorgeuntersuchung sowie Transportund Rettungskosten. Beide Versicherungen umfassen zudem eine Reise- und Ferienversicherung. Online-Versicherung mit persönlicher Beratung Versicherungsdeckung oder Adresse ändern, Police oder Abrechnungen einsehen, Fragen an die persönliche Kundenberaterin stellen all das und noch viel mehr können Sie bei der KPT jederzeit über die Online-Plattform KPTnet erledigen. Damit sparen Sie Zeit. Und Sie sparen Geld, denn Sie profitieren von bis zu 11,7 % Rabatt auf den Zusatzversicherungen. Internet-Rechtsschutz: mehr Leistungen Online-Versicherte der KPT profitieren vom kostenlosen Internet- Rechtsschutz, den die KPT per 1. Oktober 2013 noch weiter ausbaut. Der Internet-Rechtsschutz umfasst insbesondere einen Vertrags-Rechtsschutz, der rechtliche Unterstützung und Schadenersatz vorsieht, wenn ein gekauftes Produkt nicht geliefert wird. Abgedeckt sind zudem Rechtsstreitigkeiten und Schäden aus Phishing, Hacking, Cyber-Mobbing sowie Drohung, Nötigung und Erpressung im Internet. Profitieren Sie vom Kollektivrabatt der KPT Als Mitglied von KV Schweiz erhalten Sie bei der Krankenkasse KPT Zusatzversicherungen zu besonders attraktiven Preisen. Insgesamt winken Ihnen mehr als 25 % Rabatt. Lassen Sie sich persönlich und unverbindlich beraten: Telefon oder berechnen Sie schnell und einfach Ihre Online-Kollektivprämie: KPT-Überschussfonds wird weitergeführt Im Juni dieses Jahres konnte die KPT ihren Spitalkostenversicherten rund 21 Millionen Franken aus dem Überschussfonds auszahlen. Das System hat sich bewährt, weshalb die KPT den Fonds weiterführt und im Frühling 2014 Überschüsse aus dem Jahr 2013 ausschütten wird.

5 Büro international 5 Kiew, Ukraine Zhenja Stasiuk arbeitet als Beraterin bei Study.ua. Die agentur vermittelt Studienplätze, Sprachreisen und au-pair-aufenthalte im ausland. Interview und Fotos André Eichhofer Hatten Sie als Kind einen Traumberuf? Ich wollte Astronomin oder Archäologin werden, weil ich als Kind davon träumte, etwas Neues zu entdecken. Welche Berufe übten Ihre Eltern aus? Mein Vater war Drechsler, meine Mutter arbeitete in der Kreditabteilung einer Bank. Beide sind jetzt Rentner, aber manchmal steht mein Vater noch an der Werkbank. Was arbeiten Sie? Ich bin in einer Agentur tätig, die Studienplätze und Sprachkurse im Ausland vermittelt. Ich telefoniere viel mit Universitäten, schreibe s, kümmere mich um Visa und überlege, wie man die Abläufe beschleunigen kann. Welche Ausbildung haben Sie gemacht? Ich habe zuerst Finanzwirtschaft in Kiew studiert. Während des Studiums habe ich zwei Jahre lang bei einer Bank gearbeitet. Danach habe ich noch einmal Englisch und Philologie studiert. Welche Dienstleistung bietet Ihre Firma? Study.ua vermittelt Studienplätze, Sprachkurse und Au-pair-Aufenthalte für ukrainische Studierende im Ausland. Wir vermitteln Plätze in Kanada, den USA, der EU, der Schweiz und China. Wie lange brauchen Sie von Ihrem Wohn- zu Ihrem Arbeitsort? Ich brauche 40 Minuten. 15 Minuten fahre ich mit der U-Bahn, den Rest gehe ich zu Fuss. Welche Qualitäten sind in Ihrem Beruf gefragt? Da ich mit dem Ausland kommuniziere, muss ich natürlich Englisch sprechen. Zu meinem Job gehört es, freundlich zu sein, Verständnis für die Klienten aufzubringen sowie Konflikte vermeiden und lösen zu können. Was schätzen Sie an Ihrem Beruf? Dass ich mit Menschen zusammenarbeite und Dienstreisen machen kann. Dieses Jahr war ich zum Beispiel auf einer Bildungsmesse in Berlin. Ich lerne jeden Tag etwas Neues. Woran stören Sie sich? Manchmal gibt es Probleme mit der Bürokratie, etwa wenn eine Botschaft für einen Kunden kein Visum ausstellen will. An einigen Tagen kann es viel Stress geben. Wie sind Sie auf Ihre Stelle aufmerksam geworden? Ich habe in Deutschland als Au-Pair- Mädchen gearbeitet, den Platz hatte Study.ua vermittelt. Ende des Jahres rief ich dort an und die Managerin fragte mich, ob ich in der Agentur anfangen will. Wie viele Stunden pro Woche arbeiten Sie? 50 Stunden: Montag bis Freitag von 10 bis 19 Uhr, am Samstag von 10 bis 15 Uhr. Wie oft machen Sie Ferien? Ich habe vier Wochen Urlaub im Jahr und kann diesen einteilen wie ich will. Wie viel verdienen Sie pro Jahr? Ich verdiene rund 5700 Franken plus etwa 237 Franken Prämie. Können Sie Geld auf die Seite legen? Zum Glück kann ich ein paar Tausend Griwna sparen, weil ich noch bei meinen Eltern lebe. Sind Sie gegen Krankheit versichert? Ja, meine Firma bezahlt die Krankenversicherung für mich. Haben Sie eine Altersvorsorge? Ich zahle ein Prozent meines Einkommens in die staatliche Rentenkasse. Eine private Altersvorsorge habe ich nicht. Würden Sie gerne mehr verdienen? Ja, denn das Leben in Kiew ist teuer. Besonders, wenn man eine Familie gründen will. Steckbrief Person name Zhenja Stasiuk alter 26 Zivilstand ledig Wohnform lebt mit ihren Eltern und ihrer Schwester in einer 4-Zimmerwohnung Wohnort Kiew Steckbrief Ukraine Kiew mit rund 2,8 Millionen Einwohnern liegt am Fluss Dnjepr und ist die Hauptstadt der Ukraine einwohner etwa 44 Millionen arbeitslosenquote 8,2% (offiziell); die tatsächliche Arbeitslosenquote dürfte geringer sein, da viele Ukrainer selbstständig sind oder als Kleinunternehmer arbeiten Durchschnittseinkommen rund 4480 Franken im Jahr Gewerkschaftlicher organisationsgrad rund 32% Wichtigste exportartikel Eisen und Stahl, Nahrungsmittel, chemische Produkte, Maschinen

6 6 ARBEITSWEG Claudio Del Principe wohnt in Binningen und arbeitet als PR-Verantwortlicher bei der Tritec AG in Allschwil. Fotos: Miriam Künzli/Ex-Press Der Autor des Blogs Anonyme Köche bereitet sein Mittagessen zu... verlässt mit dem Tintenfisch in der Tasche sein Haus... schiebt sein Velo aus der Ausfahrt... nascht unterwegs einige wildwachsende Beeren... überquert an der Ortsgrenze zu Allschwil eine Hauptstrasse... und schliesst sein Velo auf dem Firmengelände der Tritec AG ab.

7 Buchtipp Praktischer Begleiter KV In DEn MEDIEn 7 Klein im Format und umfangreich im Inhalt: So lautet das Motto einer neuen Broschürenreihe, die vom KV Zürich herausgegeben wird. Im ersten Pocket Guide dreht sich alles um das Thema «Social Media». Die Broschüre zeigt die Entwicklung der sozialen Medien auf, stellt die wichtigsten sozialen Netzwerke vor und gibt Hinweise über den Einsatz von Social Media im beruflichen Umfeld. Weitere Themen sind die Online-Reputation und wie man diese aufbauen und ändern kann. Ausserdem geht es um die Frage nach der Privatsphäre im Internet. Wie bewahrt man sich davor, einen unüberlegten Kommentar zu schreiben, der möglicherweise verheerende Konsequenzen für das Berufsleben haben könnte? Thematisiert werden auch Gefahren und Tücken von Social Media im Zusammenhang mit der jewei- LESERBRIEFE context Ratgeber Jugend Sicher ist ein Budget wichtig und ein geschicktes Verwalten der Finanzen nötig, speziell als Kaufmann. Doch lässt sich die Höhe der Abgabe sicher unter Einbezug ganz anderer Faktoren diskutieren. Zum Beispiel: Mithilfe im Haushalt, Putzen, Waschen, Einkaufen. Anders gesagt, Hotel Mama kostet auch. Und wie wäre es, regelmässig einen Abend mit den Eltern zu verbringen? Eugen Staerkle, Forch ligen Lebenssituation. Die Broschüre wird mit einem Glossar ergänzt. Als praktischer Alltagsbegleiter für das Berufs- und Privatleben erscheint der Pocket Guide in Zukunft regelmässig zu weiteren aktuellen Themen. pd Social Media: Wissenswertes und Tipps für Business und Privatleben. Für KVZ-Mitglieder kosten- los, für Nichtmitglieder CHF 10., Bezug: Context freut sich über Ihren Leserbrief! Bitte mit Vor-/Nachnamen sowie Wohnort an: oder an KV Schweiz, Context, Postfach, 8027 Zürich Lohnsenkungen für ältere Angestellte stossen auf wenig Gegenliebe. [ ] «Wir müssen den Mehrwert von älteren Angestellten betonen, nicht ihre Löhne kürzen», sagt Daniel Jositsch, SP-Nationalrat und Zentralpräsident der Berufsorganisation KV Schweiz. Ein Arbeitgeber stelle Leute ein, die mit ihren Qualifikationen überzeugten, nicht mit ihren tiefen Lohnforderungen Gestern wurden die angehenden Kaufleute der Wirtschaftsschule KV Winterthur verabschiedet. [ ] Auch Gastreferent Daniel Jositsch, Präsident von KV Schweiz, erntete gleich zu Beginn seiner Grussbotschaft Applaus. Er selber habe sich bei solchen Reden immer fürchterlich gelangweilt, bekannte er. «Damit Sie Ihr Diplom in würdevollem Rahmen entgegennehmen können, braucht es aber jemand, der ein paar Worte an Sie richtet.» So werde er sich denn Mühe geben. Um erfolgreich zu sein, brauche es drei Eigenschaften. Erstens Ausdauer und Fleiss. [ ] Zweitens müsse man auch Misserfolge einstecken können. Drittens brauche jeder, der im Beruf Erfolg haben will, ein Netzwerk. Gerade der KV Schweiz könne ein solches zur Verfügung stellen WEBRATInG Fällt es Ihnen leicht, Entscheidungen zu treffen? Ja: 41 % Nein: 20 % Teilweise: 39 % Jetzt abstimmen: Was halten Sie von der Führungskultur in Ihrem Betrieb? > Sie ist vorbildlich. > Sie ist durchschnittlich. > Sie ist unbefriedigend. Coop verlängert den Gesamtarbeitsvertrag (GAV) um vier Jahre, wie der Grossverteiler bekannt gab. Coop und ihre Sozialpartner KV Schweiz, Syna, OCST, Unia und VdAC hätten sich auf die Verlängerung des aktuellen GAV geeinigt, der Ende Jahr auslaufe, hiess es weiter. Damit sei Coop die einzige Detailhändlerin der Schweiz, die den GAV mit fünf Sozialpartnern im Konsens ausgehandelt habe und gleiche Mindestlöhne in allen Landesteilen gewähre

8 8 Kurz Das Neue wagen Die Publikation «Aussteigen Umsteigen» porträtiert Menschen, die sich beruflich umorientierten, und zeigt auf, worauf es bei einer Veränderung ankommt. Von Rolf Murbach Viele Leute steigen im Alter zwischen 45 und 55 um. Auf einmal stimmt es nicht mehr. Man fühlt sich unwohl am Arbeitsplatz, ärgert sich, hinterfragt vieles und möchte, wenn es ganz schlecht läuft, alles hinschmeissen. Oder es hat sich über längere Zeit eine latente Unzufriedenheit angestaut. Aber man hat dieses Gefühl verdrängt oder ihm wenig Bedeutung beigemessen. Aber nun wird klar: Es muss sich etwas ändern. Es kann auch sein, dass man im Job lange Zeit zufrieden war, es vielleicht immer noch ist, aber doch denkt: Ich will etwas ganz anderes machen. Einfach das Leben umkrempeln, etwas wagen, nochmals von vorne beginnen. Das kann mit dreissig oder vierzig sein; häufig stellt sich der Wunsch zwischen 45 und 55 ein: im letzten Drittel des Berufslebens einen radikalen Schnitt vornehmen, einen Traum verwirklichen, das tun, was man sich schon lange gewünscht hat. Nicht immer ist das möglich, denn Pflichten und Sachzwänge erschweren Veränderungen. Und doch ist es in vielen Fällen möglich, wie die neue Publikation von Mathias Morgenthaler und Marco Zaugg zeigt. Eigener Tee- und Gewürzladen «Aussteigen Umsteigen. Wege zwischen Job und Berufung» heisst das Buch. Darin werden in Interviews Menschen vorgestellt, die sich beruflich verändert haben, die auch im fortgeschrittenen Alter etwas Neues angepackt haben. Ein langjähriger Bank-Filialleiter kündigt seinen gut bezahlten Job und eröffnet einen Tee- und Gewürzladen. Eine alleinerziehende Kellnerin und Putzfrau wird zur gefragten Immobilienmaklerin. Ein Lehrer zieht los, um die Welt zu entdecken und leitet schliesslich Expeditionen in die Südsee. Das Buch will wie die beiden Autoren ausführen dazu beitragen, dass mehr Menschen ihre eigene Geschichte schreiben, statt die Ziele anderer zu erfüllen. Warum bleiben Aus- und Umstiege die Ausnahme? Was lässt uns aufbrechen? Was hält uns zurück? Und wovon hängt es ab, ob eine Veränderung gelingt? Neben den vielen Interviews, die vielfältigste Veränderungsgeschichten porträtieren, geht die Publikation diesen Fragen nach. Orientierung Das Buch ist weder Karriereratgeber noch Selbstverwirklichungspublikation. Es richtet sich an Menschen, die sich beruflich verändern wollen oder müssen und auf diesem Weg Orientierung, Inspiration und Unterstützung gebrauchen können unabhängig davon, ob jemand die Stelle verloren hat, eine Erkrankung zur Neuorientierung zwingt, oder man sich zunehmend schwertut im gewohnten Umfeld zu funktionieren. Teil 1 des Buches, der eine Einführung ins Thema vermittelt und Orientierung verschafft, beruht auf den Erfahrungen, die Coach und Prozessbegleiter Marco Zaugg in den letzten zehn Jahren in seiner Praxis gesammelt hat. Er zeigt auf, was uns bei Veränderungen bremst und welche Ressourcen uns voranbringen. Teil 2 steht im Zeichen der Inspiration. Der Journalist Mathias Morgenthaler hat in den letzten 15 Jahren Hunderte von Gesprächen zu Berufs- und Laufbahnthemen geführt. In diesem Buch sind 45 davon versammelt. Teil 3 schliesslich widmet sich der Umsetzung. Wo anfangen, wenn das Ziel oder der Weg im Nebel liegen? Man findet dort Fragen, Aufgaben und Empfehlungen, die einen darin unterstützen, die nächsten Schritte einer Veränderung in Angriff zu nehmen. Diesen Teil kann man durcharbeiten. Die Publikation regt dazu an, die eigene berufliche Situation zu überdenken. Die Geschichten von Menschen, die das Neue wagten, sind spannend zu lesen, und sie bringen einen auf andere Ideen. Eine lohnende Lektüre. Mathias Morgenthaler, Marco Zaugg: Aussteigen Umsteigen. Wege zwischen Job und Berufung. Zytglogge Verlag, CHF 37.90

9 Gesamtarbeitsvertrag Mit Coop erfolgreich verhandelt Der KV Schweiz freut sich über den erfolgreichen Abschluss der Verhandlungen zur Verlängerung des Gesamtarbeitsvertrages mit Coop. Ab 1. Januar 2014 profitieren die Mitarbeitenden von Coop von Verbesserungen im Gesamtarbeitsvertrag (GAV). In konstruktiven Verhandlungen hat sich der KV Schweiz zusammen mit den anderen Sozialpartnern Syna/OCST, Unia und VdAC für verbesserte Anstellungsbedingungen bei Coop eingesetzt. Die erreichten Neuerungen zum heutigen GAV betreffen zu einem grossen Teil Themen, für die sich der KV Schweiz besonders engagiert: Neu erhalten Mitarbeiterinnen bereits ab dem vierten statt erst ab dem sechsten Dienstjahr 16 Wochen Mutterschaftsentschädigung. Im gleichen Zug konnte der KV Schweiz die Forderung nach zwei Wochen unbezahltem Vater- Salärempfehlungen Den Lernenden mehr Lohn geben Der KV Schweiz empfiehlt, die Saläre von Lernenden in den Bereichen KV und Detailhandel sowie von Praktikantinnen und Praktikanten im nächsten Jahr zu erhöhen. Bis zu 50 Franken mehr pro Monat sollen Lernende 2014 erhalten. Dies schlägt der KV Schweiz in seinen neusten Lohnempfehlungen vor. Er orientiert sich dabei am Lohnindex des Bundesamtes für Statistik: Dieser ist seit der letzten Erhöhung im Jahr 2009 um 3.3 Punkte gestiegen. Die Saläre der Lernenden und Praktikantinnen und Praktikanten werden auf diese Weise an die realen Gegebenheiten angepasst. In einigen Unternehmen ist das bereits geschehen. Nun ist es an der Zeit, dass alle Lernenden und Praktikantinnen und Praktikanten von einer Erhöhung profitieren. Gleiche Ansätze Eine angehende Kauffrau im ersten Lehrjahr sollte ab nächstem Jahr ein Minimum von 770 Franken erhalten anstatt 750 Franken wie bisher. Ein künftiger Kaufmann im zweiten Lehrjahr müsste schaftsurlaub und unbezahltem Urlaub bei längerem Pflegebedarf von Angehörigen durchsetzen. Für die Coop-Angestellten bedeuten diese Neuerungen eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Der neue GAV, der bis Ende 2017 gültig sein wird, sieht im Weiteren einen verstärkten Kündigungsschutz für Mitarbeitende vor, die sich in einer Angestelltenorganisation oder Gewerkschaft engagieren. Angestellte werden zudem bei Neuorientierungen im Zuge eines Sozialplans optimal begleitet und Härtefälle können finanziell entlastet werden. Die ganz grossen Verbesserungen sind ausgeblieben, dennoch bewertet der KV Schweiz das Resultat als positiv. Ausstehend ist nach wie vor die Überprüfung der Lohngleichheit von Frau und Mann. Hier fordert der KV Schweiz von Coop, das Thema zügig anzugehen. ajm 980 anstelle von 950 Franken und einer im dritten Lehrjahr 1480 statt 1450 Franken bekommen. Dieselben höheren Ansätze gelten auch für Detailhandelsfachleute und Büroassistentinnen sowie Detailhandelsassistenten. Personen, die ein Kurzpraktikum während der Handels(mittel)schulzeit machen, oder die nach Abschluss dieser Schule respektive des Gymnasiums als Praktikantinnen oder Praktikanten arbeiten, sollten ebenfalls zwischen 20 und 50 Franken mehr Lohn bekommen. Die empfohlenen Saläre variieren hier zwischen 770 und 1850 Franken. Bei der Zweitlehre, die nach einer abgeschlossenen Grundbildung in einem anderen Berufsfeld gemacht wird, orientieren sich die Ansätze an jenen der zweijährigen Zusatzlehre. Im Bereich KV sollen sie im ersten Lehrjahr neu 1480 Franken und im zweiten Lehrjahr 1850 Franken betragen. ajm Die Salärempfehlungen finden Sie auf: der Lehre KOLumnE Wenn es hart auf hart geht Von Daniel Jositsch Es passiert mir nicht oft, dass mir Kindergartenkollegen ein Mail schreiben. So geschehen in den letzten Sommerferien. Ein alter Kindheitsfreund meldete sich bei mir, weil ihm die Stelle bei einer Bank gekündigt worden war. Ich traf mich mit ihm und er schilderte mir seine Situation: 48 Jahre alt, KV-Lehre, seit damals keine Weiterbildung, verheiratet, zwei Kinder im schulpflichtigen Alter. Was er braucht, ist erstens konkrete juristische Unterstützung bei der Beendigung des Arbeits verhältnisses. Zweitens muss er Unter stützung haben bei der Planung seiner weiteren beruflichen Laufbahn. Und drittens braucht er persönliche Unterstützung. Letztere konnte ich ihm geben. Für die ersten beiden Punkte braucht es die Spezialistinnen und Spezialisten, die beim KV tätig sind, sei es im Rechtsdienst, sei es bei der Laufbahnberatung. Meine nächste Frage war also: «Bist Du KV-Mitglied?» Der Jugendfreund verneinte und schob die Begründung gleich nach: Er habe das KV gemacht und danach hätte er eigentlich nie ein Problem gehabt. Nur jetzt sei es eben so, dass, wenn es hart auf hart gehe, brauche man Unterstützung. Er ist mittlerweile KV-Mitglied geworden. Es wäre aber sicher besser gewesen, er hätte diesen Entschluss schon früher gefällt. Man kauft den Rettungsring ja auch nicht erst dann, wenn das Schiff untergeht. Ausserdem hätte er dann schon frühzeitig von den verschiedenen Möglichkeiten des KV profitieren können, zum Beispiel von einer angemessenen Weiterbildung. Daniel Jositsch ist Nationalrat und Präsident des KV Schweiz. 9

10 10 Nachtarbeit Die Licht- und Schattenseiten der Nachtarbeit Die Gesundheit und das Sozialleben leiden, wenn Menschen nachts arbeiten. Trotzdem steigt die Zahl der Arbeitnehmenden, die Nachtschichten schieben. Von Stefan Boss In Tankstellenshops wird bereits jetzt rund um die Uhr gearbeitet. Manche Arbeitnehmende haben Mühe damit, anderen sagt dies zu. Der BP Shop an der A2 in Pratteln Süd ist rund um die Uhr geöffnet. Abends kurz vor zehn Uhr hat sich vor der Kasse eine Schlange gebildet. Die Leute kaufen Zigaretten, Teigwaren oder bezahlen fürs Tanken. Der Verkäufer, nennen wir ihn Rico, um die 25 Jahre alt, kommt kaum zum Verschnaufen. «Gegenüber Medien dürfen wir nichts sagen», erklärt er, als gerade kein Kunde vor der Kasse steht. Rico arbeitet regelmässig auch nach Mitternacht im Shop. «Das ist für mich kein Problem, wie auch für meine Kollegen nicht», lässt er sich noch entlocken. Am 22. September stimmen Schweizerinnen und Schweizer über eine Liberalisierung der Öffnungszeiten solcher Tankstellenshops wie in Pratteln ab. Denn Shop-Artikel, die nicht für den unmittelbaren Verzehr bestimmt sind wie Tiefkühlpizze und Teigwaren, müssen zwischen 1 und 5 Uhr abgedeckt werden. Rund um die Uhr verkaufen dürfen die Shops hingegen Kaffee und Sandwiches. Laut der Abstimmungsvorlage soll nun das ganze Sortiment 24 Stunden erhältlich sein (siehe Box). Nach einem Jahr ist Schluss Szenenwechsel: Wir stehen an einem hohen Pult im Büro von Georg Bauer. Er leitet die Abteilung Gesundheitsforschung und betriebliches Gesundheitsmanagement am Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Zürich. Der Gesundheitsforscher hält viele Besprechungen stehend ab. Dass Rico vom Tankstellenshop keine Probleme hat mit der Nachtarbeit, sei nicht unbedingt ein Zufall, sagt Bauer. «Diejenigen, die sich entscheiden, Nachtarbeit zu leisten, fühlen sich oft besonders gesund. Es handelt sich aber um eine selektive Auswahl», sagt Bauer. Wer hingegen mit der Nachtarbeit aufhöre, habe oft gesundheitliche Beschwerden. Laut der kürzlich erschienen Broschüre «Schichtarbeit: Infos und Tipps» des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) verlassen 20 Prozent der Personen die Schichtarbeit im ersten Jahr. Als Schichtarbeit werden dabei alle abweichenden Arbeitszeiten zwischen 8 und 18 Uhr betrachtet, als Nachtarbeit gilt nur die Zeit zwischen 23 und 6 Uhr. Wer in der Nacht arbeitet, erhält zusätzlich zu allfälligen finanziellen Zuschlägen eine Zeitgutschrift von 10 Prozent. Dies ist gesetzlich vorgeschrieben. Mit Kindern schwierig Froh, dass sie nicht mehr in der Nacht arbeiten muss, ist die Pflegefachfrau Corinne Indermühle. Die 41-Jährige hat jahrelang im Dreischichtbetrieb im Inselspital Bern Patienten umsorgt. «Nach der Ausbildung habe ich es anfänglich ganz gut vertragen, auch nachts zu arbeiten, und ich war froh um den finanziellen Zuschlag von fünf Franken auf den Stundenlohn», sagt sie. Mit der Zeit bekam sie aber Probleme: Verdauungsbeschwerden, Ner-

11 vosität und Angespanntheit. Auch das Schlafen nach der Nachtschicht wurde schwieriger, vor allem, als ab 2001 ihre drei Kinder zur Welt kamen. «Ich habe manchmal auswärts geschlafen, um Ruhe zu finden, das kann aber auf Dauer keine Lösung sein.» Vor zwei Jahren kündigte sie schliesslich den Job, nun arbeitet sie bei der Spitex. Das soziale Leben neben dem Job war zwar eingeschränkt, aber immerhin ein Hobby ausüben konnte sie: An einem Wunschtag pro Woche durfte man im Inselspital frei machen. Es gab auch Kolleginnen, die sehr gerne Nachtschicht gearbeitet haben, betont Indermühle: Eine Bauernfrau, die auch im Inselspital arbeitete, sagte ihr, sie hätte sonst keinem Erwerb nachgehen können. «Wie sie ihr Leben auf dem Bauernhof organisiert, ist mir aber rätselhaft.» Innere Uhr ist auf Tag eingestellt Verdauungsbeschwerden, Schlafstörungen, Nervosität: das sind typische Probleme von Leuten, die nachts arbeiten, wie Georg Bauer vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin erläutert. Die innere Uhr gibt uns vor, am Tag wach zu sein und in der Nacht zu schlafen, und gewisse Körperfunktionen sind eng an diese Uhr gekoppelt. So ist das Gehirn nachts weniger leistungsfähig, und die Körpertemperatur erreicht ihr Minimum zwischen 3 und 6 Uhr. Nachtarbeit führt zu einer Unterbrechung des natürlichen Rhythmus. Bei regelmässiger Nachtarbeit besteht auch ein erhöhtes Risiko für Herz-/Kreislaufprobleme, und es gibt laut Seco-Broschüre Hinweise auf mehr Krebserkrankungen. Die Zahl der Personen, die Nachtarbeit leisten, ist in den letzten Jahren markant gestiegen. Neu hinzugekommen sind auch Angestellte aus dem VolKSABSTIMMUNg Das eidgenössische Parlament möchte Tankstellenshops an Autobahnen und Hauptverkehrsachsen erlauben, das ganze Sortiment rund um die Uhr anzubieten. Dagegen hat die Sonntagsallianz, bestehend aus Gewerkschaften, Kirchen und linken Parteien das Referendum ergriffen, deshalb kommt es am 22. September zur Volksabstimmung. Die Sonntagsallianz befürchtet einen Dammbruch für weitere Liberalisierungsschritte. Tatsächlich gibt es immer wieder Vorstösse in diese Richtung. Die Dienstleistungssektor, wie zum Beispiel aus Logistik, Transport und Verkauf und sogar aus der Finanzbranche. Familie muss mitmachen Seit über 30 Jahren Schichtarbeit leistet Buschauffeur Thomas Kestenholz. Er liebt es, in der Nacht zu fahren: Es herrscht weniger Hektik auf der Strasse. Mit dem Schlafen hat Kestenholz kaum Probleme. «Zum Arbeiten ist der Schichtbetrieb toll, für die Familie und das Sozialleben dagegen schwierig», bringt es der Chauffeur der Basler Verkehrsbetriebe auf den Punkt. Rund um die Uhr ist der 54-Jährige zwar nicht im Einsatz, am Wochenende arbeitet er aber schon mal bis kurz vor 3 Uhr, und die Frühschicht beginnt ab 4.30 Uhr. «Eine Mitgliedschaft in einem Club kann man neben der Arbeit glatt vergessen», sagt Kestenholz. Zwar gibt es eigene Vereine für Tram- und Buschauffeure in Basel, und die Mitglieder treffen sich auch mal durch die Woche für einen Ausflug. In den letzten Jahren gingen aber immer weniger Leute an solche Anlässe. «Des- Grünliberalen etwa möchten die Öffnungszeiten für alle kleineren Läden generell freigeben. In den Kantonen Luzern und Basel-Stadt hat die Bevölkerung im Laufe dieses Jahres Vorlagen für längere Ladenöffnungszeiten bachab geschickt. Von der eidgenössischen Abstimmung ist nur eine kleine Minderheit der Tankstellenshops betroffen. Insgesamt gibt es zurzeit in der Schweiz rund 1350 solcher Shops, rund um die Uhr geöffnet haben nur 24. Bei einem Ja zur Liberalisierung könnten ein paar dazukommen. halb ist es umso wichtiger, dass die Familie mitmacht», sagt der Vater zweier Töchter. Nachdem er drei Tage nacheinander Abendschicht hatte, meinte seine Tochter vor ein paar Jahren zu ihm, sie habe ihn schon lange nicht mehr gesehen. Inzwischen sind die Töchter erwachsen, und die Ehefrau ist die unregelmässigen Arbeitszeiten ihres Mannes gewöhnt. Junge Chauffeure hingegen klagen manchmal, sagt Kestenholz. «Wenn sie eine Frau kennenlernen und ihr erklären müssen, dass sie am Samstagabend arbeiten, gibt es lange Gesichter.» Die Auswirkungen der Nachtarbeit auf das Sozialleben sind laut Gesundheitsforscher Georg Bauer mindestens so gross wie diejenigen auf das körperliche Wohlbefinden. «Der Mensch ist nun mal ein soziales Wesen», hält er fest. Ein gutes soziales Netzwerk sei zentral, um gesund zu bleiben. Stefan Boss ist freier Journalist in Basel. 11 Individuell und effizient Sprachen lernen in Zürich alle Sprachen und international anerkannten Sprachdiplome Unterricht an der Hull s School oder am Arbeitsplatz massgeschneiderte Firmenkurse (z. B. IT, Legal, Human Resources, Banking & Finance) Seehofstrasse 3, CH Zürich, Telefon ,

12 12 Monatsinterview «Nicht nur Geld, auch Gedanken bewegen die Welt» Finanzbranche Banken und Vermögensverwalter werden gewisse Geschäftspraktiken radikal ändern müssen, ist Antoinette Hunziker-Ebneter überzeugt. Eine Perspektive sieht sie in nachhaltigen Vermögensanlagen. Interview Therese Jäggi / Foto Sabine Rock Context: In welcher Verfassung ist der Schweizer Finanzplatz? Antoinette Hunziker-Ebneter: Der Schweizer Finanzplatz befindet sich in einem starken Wandel. Er hat verursacht durch Ereignisse wie das UBS-Debakel oder die Auflösung der Bank Wegelin innerhalb kurzer Zeit einen grossen Imageschaden erlitten. Die Banken und Vermögensverwalter werden gezwungen sein, ihre Geschäfte und Machenschaften der letzten Jahrzehnte zu überdenken und gewisse Geschäftspraktiken radikal zu ändern. Wo besteht Handlungsbedarf? Die Frage nach mehr Transparenz ist zentral geworden. Es muss daran gearbeitet werden, die Rechtsunsicherheiten im Geschäft mit ausländischen Kunden zu minimieren, so ist beispielsweise der automatische Informationsaustausch im Steuerbereich zu begrüssen, vorausgesetzt, dass der Schutz der Privatsphäre der Bürger und Kunden gewährleistet ist. Erst dann kann der Schweizer Finanzplatz seine Stärken wieder voll ausspielen. Welches sind nach wie vor die Stärken? Die Stärke des Schweizer Frankens und seine uneingeschränkte Konvertibilität, tiefe Zinsen, hohe Sparquote der pri-

13 Antoinette Hunziker-Ebneter (52) ist CEO und Gründungspartnerin von Forma Futura Invest AG, einer Vermögensverwaltungsfirma mit Fokus auf Anlagen, die finanziell solid sind und eine nachhaltige Lebensqualität fördern. Sie verfügt über 25 Jahre Erfahrung in der Finanzbranche. Bis 2005 war sie bei der Bank Bär Leiterin der Handelsabteilung und Mitglied der Konzernleitung. Davor war sie Chefin der Schweizer Börse. Sie studierte an der Universität St. Gallen Betriebswirtschaft. 13 vaten Haushalte, hohes Bildungsniveau, Attraktivität für hochqualifizierte Arbeitnehmende. Ausserdem wirken sich politische Stabilität, Rechtssicherheit sowie die Verlässlichkeit der staatlichen Organe positiv auf den Finanzplatz aus haben der Bund und die Nationalbank die UBS gerettet. Kürzlich wurde bekannt, dass sich die Hilfsaktion in ein Geschäft verwandelt hat. Ist das überraschend? Die Hilfsaktion war mit grossen Risiken für die Steuerzahler verbunden. Man kann sie vergleichen mit einer Wette, dass sich die Lage auf den Märkten über die Jahre wieder stabilisieren wird, denn wissen konnte es niemand. Zum Glück ist es gut herausgekommen. Ich halte es aber grundsätzlich für falsch, wenn andere als die Grossbanken selber für ihre unternehmerischen Risiken aufkommen müssen. Sind die Voraussetzungen erfüllt, dass sich ein Fall UBS nicht mehr wiederholt? Nein, das denke ich nicht. Die «toobig-to-fail»-problematik ist nicht wirklich gelöst, und die Wahrscheinlichkeit, dass eine Grossbank Bankrott gehen könnte, ist zwar gesunken, aber nicht ausgeschlossen. Als Konsequenz aus der Finanzkrise hat man zwar Anstrengungen in Richtung mehr Regulierung unternommen. Die Reformen, die in Basel III verabschiedet wurden, haben das Regelwerk um einiges komplexer und umfangreicher gemacht. Es umfasst jetzt mehr als 970 Seiten. Eine derart komplexe Grundlage, welche aber kaum umgesetzt werden kann, ist sicher nicht besser als einige effektive Regeln, die alle verstehen. Welche zum Beispiel? Eine einfache Regel wäre die Einführung des Trennbankensystems, also eine Trennung in Investmentbank und Geschäftsbank. Die Investmentbanken müssten sich dann am Kapitalmarkt refinanzieren und würden einen viel höhe- ren Zinssatz als heute bezahlen, weil sie bankintern quersubventioniert werden. Und die Kunden anderseits müssten nicht befürchten, dass ihre Ersparnisse durch die Geschäftspraktiken des Investmentbankings in Mitleidenschaft geraten könnten. Hat sich seit 2008 etwas in der Mentalität verändert? Das Bewusstsein, dass das Handeln von systemrelevanten Banken einen enormen Effekt nicht nur auf die Finanzwirtschaft, sondern auf die Weltwirtschaft haben können, ist bei vielen Menschen grösser geworden. Die negativen Auswirkungen der Handlungen gewisser Banken wie beispielsweise das Eingehen zu grosser Risiken müssen von der ganzen Gesellschaft getragen werden, während die Gewinne nur unter wenigen aufgeteilt werden. Dies entspricht weder einer demokratischen Haltung, noch der üblichen finanztheoretischen Sicht, dass Risiko und Rendite miteinander einhergehen sollten. Im Juni wurde die Lex USA vom Parlament abgelehnt. Was halten Sie von diesem Entscheid? Grundsätzlich finde ich es richtig, dass jede Bank ihre Probleme selber lösen muss. Es wäre jedoch vorteilhaft, wenn hierzu ein klarer gesetzlicher Rahmen gegeben würde. Das Nein des Parlaments führt dazu, dass sich an den geltenden Datenschutzbestimmungen in der Schweiz nichts ändert. Der Entscheid könnte den Schweizer Finanzplatz in eine weitere Phase der Unsicherheit führen und die Vereinigten Staaten dazu veranlassen, neue Aktionen gegen Schweizer Banken einzuleiten. «Ich halte es für falsch, wenn andere als die Grossbanken für ihr unternehmerisches Risiko aufkommen müssen.» Momentan sind einzelne Banken daran, Daten an die USA auszuliefern. Welche Szenarien sind denkbar? Im Fall von Datenlieferungen der einzelnen Banken ohne eine neue Gesetzesgrundlage könnte es zu Klagen von Kunden kommen. Die Banken könnten allerdings in einer existenzbedrohenden Lage Notwehr geltend machen und die Strafen und Sanktionen würden vermutlich eher moderat ausfallen. Trotzdem sind Einzellösungen, welche sehr heterogen ausgestaltet werden können, nicht zu befürworten. Welche Rolle haben dabei die Regierungen? Die Anstrengungen sollten koordiniert und von den Staaten und Regierungen geführt und abgesegnet werden. Diese übergeordnete Lösung würde sich langfristig positiv auf die Stabilität und Rechtssicherheit auswirken. Das schweizerische Bankgeheimnis ist gegenüber ausländischen Steuerbehörden weitgehend wirkungslos geworden. Was bedeutet das für die Arbeitsplätze in den Banken? Es wird bei den Banken in nächster Zeit zum Abbau weiterer Arbeitsplätze kommen. Die Zeiten der grossen Renditen und exorbitanten Boni im Bankgewerbe sind vorbei. Leider zieht man es in den Banken oft vor, Arbeitsplätze abzubauen statt Boni zu streichen. Trifft das hauptsächlich für die Grossbanken zu? Tendenziell ja, aber das Bonisystem ist in dieser Branche weit verbreitet. Die Führungsleute in den Banken sollten lernen, sich mit weniger zufrieden zu geben. Und sie sollten bescheidener auftreten,

14 14 Monatsinterview wie das in anderen Branchen auch der Fall ist. Werden in Ihrer Firma keine Boni bezahlt? Nein, wir bezahlen marktgerechte Löhne, aber keine Boni. Ich konnte früher mitverfolgen, wie Bonussysteme das Verhalten von Mitarbeitenden verändert hat. Die Leute begannen den Kunden Produkte zu empfehlen und zu verkaufen, bei denen für sie, also die Mitarbeitenden, finanziell am meisten herausschaute. Und das geht auch heute so weiter. Ein Kunde hat mir kürzlich erzählt, er sei von seinem Anlageberater gebeten worden, das Bargeld von seinem Konto abzuziehen, weil sonst der Anteil der strukturierten Produkte in seinem Portfolio zu gering sei, denn davon hänge sein Bonus ab. So etwas will ich in unserer Firma nicht, und deshalb gibt es keine Boni. Wirkt sich das bei der Suche nach neuen Mitarbeitenden aus? Man findet immer gute Leute, die auch bereit sind, weniger zu verdienen, wenn sie dadurch mehr Sinn in der Arbeit sehen und nicht jeden Tag Angst um ihren Arbeitsplatz haben müssen. Was halten Sie von der 1:12-Initiative? Nach all den Vorfällen mit den exorbitanten Entlöhnungen verstehe ich das Anliegen der Initianten. Trotzdem bin ich dagegen, weil mit der 1:12-Initiative genau den Arbeitnehmenden geschadet wird, denen die Initiative zugutekommen sollte. Schlecht bezahlte Arbeiten würden vermehrt ins Ausland ausgelagert oder ganz abgeschafft. Auch sonst kann die Bestimmung sollte die Initiative denn angenommen werden leicht umgangen werden. In welchen Geschäftsbereichen sozusagen als Kompensation für das schwindende Bankgeheimnis-Geschäft könnten die Banken inskünftig zulegen? Der Schweizer Finanzplatz lebt nicht allein vom Bankgeheimnis, das war auch in der Vergangenheit nie der Fall. Bezüglich Diskretion, Vertrauenswürdigkeit, Kundenorientierung und Schutz der Privatsphäre werden Schweizer Banken weiterhin weltweit führend sein. Aus diesen Eigenschaften lassen sich auch neue Geschäftsbereiche solide aufbauen, beispielsweise nachhaltige Anlagen. Kunden sind zufriedener, wenn sie ihr Geld in Unternehmen investieren können, die etwas Vernünftiges bieten. Dienstleistungen von Banken könnten vermehrt in diese Richtung gehen. Was es nicht mehr braucht, ist das grosse Casino-Trading. Sie haben während über zwanzig Jahren in der Finanzwelt Karriere gemacht gründeten Sie Ihre eigene Firma. Was war dafür ausschlaggebend? Kurz vor meinem 45. Geburtstag habe ich mich entschieden, beruflich und privat meine Werte noch viel konsequenter umzusetzen. Mir ist es ein Anliegen, zeigen zu können, dass man auch in der Finanzwirtschaft verantwortungsbewusst und sinnvoll Geld anlegen und damit einen Beitrag zu einer nachhaltigen Lebensqualität leisten und ausserdem den Wert seiner Anlage erhalten kann. Ihre Firma Forma Futura richtet sich an Anleger, die ihr Vermögen nach persönlichen Wertvorstellungen anlegen möchten. Was sind das beispielsweise für Wertvorstellungen? Respekt vor Mensch und Umwelt, Transparenz und Verantwortung. Wir investieren nur in Aktien und Obligationen von Unternehmen, die finanziell solide bwd Weiterbildung Bern heute für morgen! Die Dienstleistungen der bwd Weiterbildung umfassen das Ausbildungsmanagement von branchenspezifi schen Aus- und Weiterbildungsangeboten bis hin zur Prüfungsdurchführung, die betriebsindividuelle Schulungen für Mitarbeitende und Kaderangehörige sowie die Führung von Geschäfts- und Fachstellen für Berufsverbände und Bildungspartner. Folgende attraktive Weiterbildungsangebote sowie Prüfungen für Mitarbeitende oder Kaderangehörige werden angeboten: Gemeinde- und Verwaltungspersonal - Fachausweislehrgang Gemeindefachfrau/-mann - Führungsausbildung für Gemeindekader, Teil Diplomlehrgang - Diplomlehrgang Bauverwalter/-in - Diplomlehrgang Gemeindeschreiber/-in - Zertifi katslehrgang Verwaltungsrecht in der Praxis - Lehrgang für Gemeindepolitiker/-innen - Lehrgang Sachbearbeiter/in Baubewilligungsverfahren - Fachspezifi sche Seminare und Tageskurse Notariats- und Advokaturangestellte sowie Wiedereinsteiger/-innen - Einführungslehrgang in die Notariatsbranche - Lehrgang Fachausweis für Notariatsangestellte - Fachkurs für Anwaltssekretariatsangestellte - Lehrgang «Kauffrau heute» Fit für den Neustart Berufsbildner und Bildnerinnen - Ausbildungskurs für Berufsbildner/-innen Zivilstandswesen - Zertifi katsausbildung für Zivilstandsangestellte - Eidg. Berufsprüfung Zivilstandsbeamtin FA/Zivilstandsbeamter FA Rund zweihundert Dozentinnen und Dozenten unterrichten nach neusten didaktischen Erkenntnissen. Sind Sie an einer anerkannten Weiterbildung interessiert? Details und Information fi nden Sie unter oder kontaktieren Sie uns per bwd Papiermühlestrasse Bern Tel

15 sind und mit ihren Produkten und Dienstleistungen zu einer nachhaltigen Lebensqualität beitragen. Die Kunden möchten mit ihren Anlagen einen positiven Beitrag leisten. Was wissen Sie über die Unternehmen, in die Ihre Kunden investieren? Wir stehen mit diesen in einem ständigen Dialog. Wir stellen ihnen Fragen, per Mail, per Telefon oder besuchen sie. Wir informieren uns aber auch anhand von anderen Quellen. Je länger wir mit den Firmen in Kontakt stehen, desto mehr entsteht eine verbindliche Beziehung und desto verlässlicher sind die Informationen. Wonach fragen Sie? Wir fragen nach den Zielen, das ist sehr aufschlussreich. Und wir versuchen herauszufinden, ob in dem Unternehmen auch umgesetzt wird, was versprochen wird. Wir analysieren ihre Geschäftsstrategie auf Nachhaltigkeit. Ein Autohersteller beispielsweise achtet darauf, dass 95% des Materials recycelbar ist. Solche Dinge interessieren uns. Oder welchen Innovationsgrad Produkte und Dienstleistungen der jeweiligen Unternehmen haben, und ob dadurch die Lebensqualität von Menschen in benachteiligten Gebieten gesteigert werden. Sind Sie oft auf der Suche nach neuen Firmen? Ja, immer. Denn einige fallen auch wieder weg, zum Beispiel wegen eines Strategiewechsels. Die Kunst besteht darin, herauszufinden, welche Unternehmen eine wirklich nachhaltige Geschäftsidee verfolgen, und welche nur so tun als ob, weil es gerade im Trend ist. Ist es denn wirklich im Trend? Sicher ist, der Markt für nachhaltige Anlagen in der Schweiz wächst stetig, wobei die Definition von nachhaltigen Anlagen sehr weit gefasst wird. Seit 2005 beträgt die durchschnittliche Wachstumsrate pro Jahr 25 Prozent. Ein zunehmendes Interesse stellen wir seit sieben Jahren auch in unserer Firma fest. Gibt es in Ihrem Unternehmen einen Konsens bezüglich Wertvorstellungen? Wir haben unsere Werte gemeinsam erarbeitet. Diese sind Respekt, Transparenz, Mut, Verantwortung und nachhaltige Lebensqualität. Wir haben auch miteinander besprochen, wie wir diese Werte in der Arbeit für unsere Kundinnen und Kunden umsetzen sowie im Umgang mit unseren Partnern und Lieferanten und in der täglichen Arbeit miteinander. Bringen nachhaltige Vermögensanlagen weniger Gewinn? Es gibt genügend Studien, die aufzeigen, dass nachhaltige Anlagen mittelfristig und risikoadjustiert gleich gut rentieren wie konventionelle Anlagen. Auch unsere Erfahrung zeigt dies, vergleichen wir doch die mit nachhaltigen Anlagen erwirtschaftete Rendite jedes Portfolios mit einem konventionellen Benchmark. Der beste Beweis dafür ist wohl, dass nun auch Hedgefonds in nachhaltige Firmen investieren wollen. Hingegen wir als Firma verdienen weniger. Warum? Wir arbeiten nur mit Aktien und Obligationen. Mit Hedgefonds oder strukturierten Produkten könnte man wesentlich grössere Margen erzielen. Ausserdem geben wir die Retrozessionen immer an die Kunden weiter. Dann betreiben wir einigen Aufwand, um die Firmen zu analysieren. Geld bewegt die Welt, heisst es. Wie lange noch? Oder: Könnte es auch etwas anderes sein? Geld wird die Welt noch lange bewegen, auf alle Fälle so lange, wie wir Menschen dem Wert des Geldes eine derart grosse Bedeutung beimessen. Jedoch nicht nur Geld, sondern auch Gedanken bewegen die Welt. Und hier beginnt die Verantwortung von uns allen, auch von Menschen mit weniger Geld. Wir alle sind Konsumentinnen und Konsumenten, die einkaufen, und Bürgerinnen und Bürger, die abstimmen gehen können. Therese Jäggi ist Context-Redaktorin. Sabine Rock ist freie Fotografin in Zürich. 15 YOUR IT HEART BEAT «Mit unserem Aus- und Weiterbildungsangebot setzen wir neue Massstäbe. Dafür müssen wir aber auch an unsere Technik, an unsere Infrastruktur und an unsere Partnerunternehmen allerhöchste Ansprüche stellen. Bei isource können wir sicher sein, dass sich unsere IT-Infrastruktur in Übereinstimmung mit unserem Unternehmen weiterentwickelt.» Beat Mühlemann Direktor SAWI Schweiz OUTSOURCING SERVICES CONSULTING ENGINEERING IT SERVICE CENTER Zahlreiche Kunden aus den unterschiedlichsten Branchen verlassen sich täglich auf die langjährige Erfahrung und die ausgewiesenen Spezialisten von isource.

16 16 Dossier Weiterbildung und Karriere Ein schwieriger Job Über Führung gibt es viele Theorien. In der Praxis sind sie oft wenig hilfreich. Wie Führungskräfte ihre Arbeit erleben und was Mitarbeitende über Vorgesetzte denken. Text Rolf Murbach / Bild Elena Monti Führungskräfte umgibt eine Aura. Man bewundert sie und ist ein wenig stolz, wenn man CEOs zu seinen Bekannten zählt. Verbringt man gemeinsam einen Abend, hat man gleichsam Anteil an ihrem Erfolg. Was er alles erreicht hat, wie leistungsfähig er ist, wie souverän er Mitarbeitende führt und wie umgänglich er sich gibt. Auch im Sport hat er einiges vorzuweisen: Marathon, Viertausender, Biken. Meist sind es Männer, ein paar wenige Frauen gibt es auch. Andererseits stehen Führungskräfte in der Kritik. Sie fällen umstrittene Entscheide, es fehlt ihnen das Einfühlungsvermögen, sie handeln chaotisch, entwerfen und verwerfen Strategien in schneller Abfolge und entlassen Mitarbeitende. Was sie tun, scheint nicht recht. Es gibt immer Menschen, die sie kritisieren. Damit müssen Führungskräfte leben. Führungskräfte sind oft einsam. Auch wenn sie noch so zugänglich sind. Was Mitarbeitende wirklich stört, vernehmen Vorgesetzte nicht. Denn die Mitarbeitenden wollen ihre Stelle nicht verlieren. Also schweigen sie, nehmen im schlimmsten Fall die innere Kündigung vor und machen gute Miene zum bösen Spiel. Die Führungskräfte sagen: «Manchmal braucht es harte Entscheide.» Change Management Schliesslich sind Führungskräfte Veränderer. In Weiterbildungsseminaren lernen sie das Change Management. Sie denken strategisch und motivieren Menschen. Dazu müssen sie sozialkompetent sein. Überhaupt sind die Anforderungen an Führungskräfte und der Druck, dem sie ausgesetzt sind, enorm.

17 17 Der Aufstieg in die Chefetage ist nicht immer so leicht.

18 18 Dossier Weiterbildung und Karriere Denn der Konkurrenzkampf in der Arbeitswelt wird immer härter. Das gilt besonders für das oberste Kader, aber auch die mittlere und untere Führungsstufe ist dem rauen Wind der Arbeitswelt ausgesetzt. Dabei kann die Work-Life-Balance aus dem Lot geraten. Für viele Führungskräfte gibt es neben der Arbeit kein Leben mehr. Sie verausgaben und beuten sich aus oft mit fatalen Konsequenzen. Geld und Status haben plötzlich keine Bedeutung mehr. Eine grosse Leere tritt ein, es fehlt der Sinn. Wenn ich an meine Vorgesetzten denke, denen ich in all den Jahren begegnet bin, dann überzeugten mich diejenigen am meisten, die nicht übermässig auf Anerkennung angewiesen waren. Bei denen Inhalte und nicht Macht im Zentrum standen. Und die standfest waren, nicht lavierten, weil einmal dies und dann das opportun für das eigene Fortkommen war. Einer faszinierte, weil er ein Schlitzohr und charmant war. Eine andere gefiel, weil sie eine schillernde Persönlichkeit abgab. Einer überzeugte mich fachlich nicht. Eine letzte sagte etwas und handelte dann gegenteilig. Mit der Zeit merkte ich: Auch Führungskräfte bangen um ihren Job. Ihr Tun ist auf Machterhalt ausgerichtet. Das ist menschlich. Auffallend ist, wie wenig sozialkompetent Vorgesetzte bisweilen handeln. Dies der Eindruck nach Gesprächen mit Mitarbeitenden verschiedener Firmen über ihre Vorgesetzten. Einer «Viele nehmen ihre Mitarbeitenden zu wenig als Menschen wahr.» erzählt die folgende Episode: «Ich fragte meine Vorgesetzte, die ich beim Eingang des Betriebes traf, ob sie im Laufe des Tages Zeit für ein fünfminütiges Gespräch habe. Ich müsse ihr etwas Wichtiges mitteilen und möchte, dass sie es als Erste im Haus erfahre. Sie verneinte, dies sei leider nicht möglich, aber ich könne mit ihr, wenn ich möchte, mit dem Lift hochfahren und ihr in dieser Zeit das Wichtige mitteilen. Also betrat ich mit ihr zusammen den Aufzug, wir fuhren hoch, und ich sagte, dass ich kündigen werde, weil ich eine neue Stelle habe.» Natürlich hört man auch Lob, Geschichten, in denen sich Vorgesetzte für Mitarbeitende eingesetzt haben, weitsichtig handelten und mit einer klaren Linie führten Erzählungen über tolle Teams mit überzeugender Chefin. Strategien und Prozesse Sandra S.* arbeitet seit 35 Jahren im selben Betrieb in verschiedenen Funktionen als Direktionsassistentin und Sachbearbeiterin. Begonnen hat sie ihre berufliche Laufbahn vor 40 Jahren auf einer Bank. In dieser Zeit hat sie erlebt, wie sich Führungsstil und Chefs verändert haben. Zu Beginn ihrer Laufbahn war das hierarchische Gefälle in den Unternehmen gross. Auf der Weiter auf S. 20 Oben angekommen, kann es manchmal einsam sein.

19 «Darüber reden, wie Arbeit gelingen kann» Die Fähigkeit, auf die einzelnen Mitarbeitenden einzugehen, ist ein Schlüsselfaktor für erfolgreiche Führung, sagt Urs Jörg. Von Therese Jäggi 19 Gibt es Eigenschaften, die als Voraussetzung für eine Führungsaufgabe besonders günstig sind? Es gibt bestimmte Eigenschaften, die hilfreich sind. Dazu gehören Offenheit, emotionale Stabilität, Durchsetzungsvermögen, Empathie und ein gewisser Ehrgeiz. Das gilt es relativ zu betrachten. Welche Eigenschaften zentral sind, hängt auch vom jeweiligen Umfeld ab. Was es auf jeden Fall braucht, ist der Wille, eine Führungsfunktion zu übernehmen. Gibt es auch Leute, die völlig ungeeignet für eine Führungsaufgabe sind? So absolut kann man das nicht sagen. Aufgrund bestimmter Voraussetzungen, welche die meisten Menschen mitbringen, ist gute Führungsarbeit bis zu einem gewissen Grad lernbar. Inwiefern hat sich der vorwiegend praktizierte Führungsstil in den letzten Jahren verändert? In modernen Organisationen wird Führung als Teil eines komplexen Systems gesehen. Das Bewusstsein ist da, dass man es mit Individuen und somit auch mit unterschiedlichen Wertvorstellungen, Motiven, Stärken und Schwächen zu tun hat. Die Fähigkeit wie auch die Bereitschaft, auf den einzelnen Menschen einzugehen, ist sicher ein Schlüsselfaktor für erfolgreiche Führung. Es gab Zeiten, wo man in den Unternehmen genauso führte wie im Militär, also nach dem Prinzip Befehl und Gehorsam. Spielt die militärische Laufbahn für die berufliche Karriere überhaupt noch eine Rolle? Es gibt noch Unternehmen, wo man Wert darauf legt, doch mehrheitlich ist die militärische Laufbahn bei der Rekrutierung von Führungspersonen kein entscheidendes Kriterium mehr. Welches sind Aspekte einer vorbildlichen Führungskultur? Wenn die an die Mitarbeitenden gerichteten Erwartungen auch vorgelebt werden. Und wenn umgekehrt die Rahmenbedingungen geschaffen werden, dass die Mitarbeitenden ihre Ziele erreichen können. Den Mitarbeitenden gewisse Freiräume zuzugestehen und ihnen zu vertrauen, erachte ich ebenfalls als Teil einer guten Führungskultur. Und ebenso, wenn es erlaubt ist, auch mal einen Fehler zu machen und man das nicht als Anlass nimmt für Schuldzuweisung, sondern als Lernmöglichkeit. Welchen Stellenwert hat die Vermittlung von Sozialkompetenzen in den Managerausbildungen? Da gibt es riesige Unterschiede. Es gibt Managerausbildungen, in denen ein eher mechanistisches Weltbild vermittelt wird. Wir am IAP sind überzeugt, dass Sozialkompetenzen ein zentrales Element für den Führungserfolg sind. Inwiefern kann man Sozialkompetenzen lernen? Man kann sie weiterentwickeln. Die Grundlagen haben wir ja bereits in frühen Jahren erworben. Lernen kann man, Sozialkompetenzen in verschiedenen Kontexten und Situationen anzuwenden. Manche Menschen verfügen durchaus über Sozialkompetenzen, aber sie entfalten diese eher im privaten Umfeld und weniger in der Rolle als Vorgesetzte. Dies, weil sie irrtümlicherweise glauben, dass es dort nur noch um die Sache gehe, also um Zahlen, Ziele und dergleichen. Sind heutige Chefs jünger als die Generation vor ihnen? Tendenziell trifft dies wohl zu. Die Erwartungen an Führungskräfte sind hoch, und in manchen Unternehmen ist man anscheinend der Auffassung, dass jüngere Leute diese beispielsweise Fremdsprachen, spezifische Fach- oder IT- Kenntnisse besser erfüllen können. Anderseits hängt das Alter der Vorgesetzten auch von der Fluktuation ab. In Unternehmen mit geringer Fluktuationsrate sind es eher ältere Führungskräfte, die jüngere Mitarbeitende führen. In Unternehmen hingegen, die stark wachsen oder eine hohe Fluktuation haben, werden tendenziell jüngere Führungskräfte eingestellt. Gibt es eine ideale Anzahl von direkt unterstellten Mitarbeitenden? Man geht davon aus, dass dies etwa acht bis zehn Personen sind. Ein solches Team lässt sich noch gut direkt führen. Als Dozent haben Sie Einblick in Fragestellungen aus der Praxis. Was führt häufig zu Spannungen? Unstimmigkeiten entstehen häufig durch Widersprüchlichkeiten, unklare Ziele und Rahmenbedingungen. Wenn beispielsweise verlangt wird, dass ein Mitarbeiter mehr Zeit in die Kundenberatung investiert und dies innerhalb der vorgegebenen Arbeitszeit gar nicht zu leisten ist. Ein Konfliktfeld sind auch die immer schneller aufeinander folgenden Umstrukturierungen, vor allem dann, wenn sie für die Mitarbeitenden nicht nachvollziehbar sind. Oft haben Umstrukturierungen auch mit Chefwechseln zu tun. Ich halte es für problematisch, wenn die neue Führungsperson einer Organisation ihren Stempel aufdrücken will, bevor sie sich eingehend damit befasst hat. Und ein weiterer Punkt: Heutige Mitarbeitende sind verglichen mit früheren Generationen anspruchsvoller. Sie haben sowohl an ihre Arbeit wie auch an ihre Organisation bestimmte Erwartungen. Das kann auch zu Spannungen führen. Darüber wird oft gar nicht geredet. Über was genau soll geredet werden? Über die Wünsche und Erwartungen an die Zusammenarbeit. Wo stimmen sie überein? Was ist verhandelbar? Was nicht? Häufig geht man einfach davon aus, dass man sich einig ist. Aber das ist nicht selbstverständlich. Man soll miteinander darüber reden, wie Arbeit und gute Leistung gelingen kann. Urs Jörg, Psychologe MSc, ist Dozent und Berater am IAP Institut für Angewandte Psychologie sowie Studienleiter des MAS Leadership und Management.

20 20 Dossier Weiterbildung und Karriere WEITERBILDUNGEN Berufsbegleitende Weiterbildungen in Führung bieten zahlreiche Fachhochschulen, höhere Fachschulen sowie Weiterbildungsabteilungen von Kaufmännischen Schulen. > Executive MBA General Management. 3 Semester. Beginn jeweils im Oktober. HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich: > MAS Quality Leadership. 2 Jahre. Beginn individuell planbar. HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich: > CAS Management & Leadership. 11 Tage. HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich: > Seminar Führungstechnik und -instrumente. 2 Tage. 28./25.9. SIB Schweizerisches Institut für Betriebsökonomie: > Seminar «Coaching für Führungskräfte». 2 Tage. 28./25.9. SIB Schweizerisches Institut für Betriebsökonomie: > Weiterbildung als «Führungsfachfrau/-fachmann KFS». 3 Semester. An diversen Weiterbildungsabteilungen von Kaufmännischen Schulen Grossbank musste sie ihren Chef mit «Herr Doktor» ansprechen, sie versorgte ihn mit Kaffee, war die dienende Sekretärin, wie das damals gang und gäbe war. An ihrer neuen Stelle in einem Dienstleistungsbetrieb hat sie viele Vorgesetzte erlebt, die kamen und gingen. Ihre Bilanz fällt ernüchternd aus. «Die meisten hatten wenig Profil, einige waren übermässig narzisstisch und nahmen ihre Mitarbeitenden zu wenig als Menschen wahr.» Zudem beobachtete Sandra S., dass sich die Weiterbildungen der Führungskräfte oftmals negativ auf den Arbeitsalltag auswirkten. «Je mehr Seminare sie besuchten, desto abgehobener erlebte ich sie. Strategien und Veränderungsprozesse wurden immer wichtiger, die eigentliche Arbeit blieb auf der Strecke. Es wurde viel Leerlauf produziert.» Seit kurzem hat Sandra S. eine Vorgesetzte, die deutlich jünger ist als sie. Die 33-jährige Abteilungsleiterin könnte ihre Tochter sein. «Mit dem Altersunterschied habe ich kein Problem. Sie ist überzeugend, und ich habe einen guten Draht zu ihr.» Der junge Hoteldirektor Immer mehr Vorgesetzte sind relativ jung. Die Betriebe versprechen sich damit Innovation, frischen Wind, Kreativität. Sehr jung für seine Funktion ist der 29-jährige Bardhyl Coli. Seit gut einem Jahr ist er Direktor des Luxushauses Waldhotel in Davos. «Ich hatte schon als Kind den Traum, Hoteldirektor zu werden.» Für den rührigen Kadermann ist es wichtig, etwas zu gestalten, unbeirrt ein Ziel zu verfolgen. Und es brauche eine Vision, sagt er. «Wir setzen hier auf den Charme eines Boutique-Hotels, pflegen einen sehr persönlichen Service und wollen unsere Kunden verblüffen.» Auf seine Visitenkarte liess Coli nicht Direktor, sondern Gastgeber drucken. Die Verblüffung der Kunden gelingt offenbar und zeigt sich auch im Erfolg. Im Ranking der 100 freundlichsten Schweizer Hotels hat es das «Waldhotel» in seiner Kategorie auf den 9. Rang geschafft. Bardhyl Coli ist ehrgeizig, leistungsbereit und hat sein berufliches Ziel konsequent und mit Leidenschaft verfolgt. Natürlich gehörte auch ein Quäntchen Glück zum Erfolg. Er konnte den Besitzer des Hotels am Waldrand von sich und seiner Vision überzeugen. Coli begann seine Karriere im Jahre 2000 mit einer Lehre zum Servicefachangestellten. Drei Jahre übte er diesen Beruf aus und liess sich nebenbei zum Sommelier ausbilden. Da- Das Laufbahnbuch Laufbahngestaltung, Stellensuche, be-werbung «Das Laufbahnbuch» ist eine schier unerschöpf iche Quelle zu Fragen rund um Laufbahngestaltung, Stellensuche und be Werbung. Der vollständig überarbeitete Ratgeber betont die kreativ eigenständige und initiative Rolle der be Werbenden. Das Buch greift als Nachschlagewerk wichtige Fragen zur Selbstrefexion, praktische Tipps zum strategischen Vorgehen und aktuelle be Werbungs Muster auf. Die Website zum Ratgeber: Online bestellen im Medienshop: CHF 28.

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